Die heutige Geschichte erzählt von Bella, einer Kuh mit braunem Fell, die uns Menschen keinen Kakao beschert, wie manche gerne scherzhaft sagen, sondern, genau wie die schwarz-weiße Rasse auch, Milch gibt. 😉 Habt ihr euch schon mal Gedanken darüber gemacht, ob die Kühe ihre Milch gerne und freiwillig abgeben? Ich kann mir gut vorstellen, dass nicht alle Kühe (und auch Menschen) wie Bella denken, aber vielleicht interessiert es euch, wie ihre Einstellung dazu ist.
Ich wünsche allen Lesern viel Freude mit der kleinen Geschichte!
Bella, eine Kuh mit einem wunderschönen braunen Fell, stand wie an jedem Tag, so auch heute, auf der Weide, genoss die Sonne und ihr Leben. Das grüne, saftige Gras spiegelte sich dabei in ihren Augen. Mit einer fast meditativen Ruhe schwang sie ihren Kopf hin und her, bevor erneut ein rupfendes Geräusch zu vernehmen war.
Besonders gern fraß sie die kleinen, leuchtenden Farbtupfer, die
Butterblumen. Sie liebte ihren würzigen Geschmack und ahnte instinktiv, dass
sie ein besonderes Geheimnis bargen. Wenn die Menschen später aus ihrer Milch
Butter machten, würde diese leuchten wie die Sonne selbst. Es war Bella,
während sie graste, als würde sie das Licht der Wiese für sich und die Menschen
einfangen.
„Isst du wieder die sonnengelben Butterblumen?“, fragte eine helle Stimme.
Bella hielt kurz inne und sah sich um, während ein langes Grasbüschel aus
ihrem Maul hing. Dann nahm sie auf einem alten Pfosten des Weidezauns eine
dicke Hummel wahr, sie behutsam ihre Fühler putzte.
„Ich mag sie besonders gerne“, antwortete Bella mit ihrer sanften,
mahlenden Stimme, „und ich speichere dadurch das Licht der Sonne, damit sich
die Menschen später daran erfreuen können. Denn weißt du: Der Regen lässt das
Gras wachsen, das mich füttert, und ich … nun ja, ich gebe weiter, was ich
kann. Das ist der natürliche Kreislauf der Natur.“
Die Hummel summte kurz. Dann fragte sie nachdenklich. „Was denkst du eigentlich
über die Zweibeiner, Bella, wenn sie mit ihren klappernden Eimern kommen?“
Bella blickte hinüber zum alten Bauernhaus am Ende der Weide. Sie sah den
kleinen Jungen, der dort im Garten spielte. „Was ich denke? Ich denke, die
Menschen empfinden das Glück nicht wie wir Kühe. Für uns liegt es in der Ruhe
und im Wiederkäuen. Die Menschen nehmen sich selten die Zeit, Dinge noch einmal
zu reflektieren. Verstehst du?! Ich sehe sie immerzu rennen, es ist so, als
hätten sie die Zeit verloren.“
„Da hast du wohl recht, aber ich wollte auf etwas anderes hinaus. Hast du
nicht manchmal das Gefühl, dass sie dir deine Milch stehlen?“, bohrte die
Hummel nach.
Bella schloss für einen Moment die Augen. Sie spürte das schwere Euter, das
nach Erleichterung verlangte. „Manche sagen das“, meinte sie dann nachdenklich,
„aber ich fühle es anders. Ich fühle, dass ich hierhergekommen bin, um dem
Ganzen zu dienen. Wenn der Bauer morgens kommt, seine Hände warm sind und er
leise mit mir spricht, dann ist das ein Austausch. Ich gebe ihm die Kraft der
Wiese, und er gibt mir Schutz, einen trockenen Stall im Winter und dieses Stück
Land, auf dem ich die Butterblumen finden darf.“
Bella hielt kurz inne und sah zu, wie eine Wolke langsam am blauen Himmel
vorbeizog.
„Es ist kein Stehlen, wenn man es mit Liebe gibt“, fuhr sie fort. „Ich
glaube, meine Bestimmung auf dieser Erde ist es, eine Brücke zu sein. Eine
Brücke zwischen dem grünen Gras und den Menschen. Wenn sie meine Butter essen
und das Gold der Blumen schmecken, erinnern sie sich vielleicht für einen
kurzen Moment daran, dass auch sie ein Teil dieser wunderbaren Natur sind.“
Die Hummel schüttelte ihre Flügel und erhob sich in die Luft. „Du bist eine
Philosophin, Bella“, summte sie und flog davon.
Bella lächelte und senkte den Kopf. Während die Sonne langsam tiefer sank,
kaute Bella zufrieden weiter, bereit, am nächsten Morgen all die gesammelte
Wärme der Wiese mit den Menschen zu teilen.
© Martina Pfannenschmidt, 2026