Es war frisch an diesem Nachmittag im Januar, als Elias seine kleine Hand in die große seines Opas legte und mit ihm einen Spaziergang durch die Felder machte. Die Luft war feucht und kalt und die Natur lag noch im Winterschlaf.
Elias, dessen Wissensdurst so groß war, wie der
Ozean, blieb plötzlich stehen und zeigte auf den Schornstein eines alten
Bauernhauses.
„Duhu, Opa, warum steigt der Rauch aus dem
Schornstein heute nicht nach oben? Guck doch mal, der kommt ja gar nicht hoch
bis zum Himmel.“
Opa blieb lächelnd stehen, rückte seine Mütze
zurecht und meinte. „Das hast du ganz richtig beobachtet, mein Junge. Pass auf,
ich erkläre es dir. Du musst wissen, dass die Natur manchmal einen kleinen
Zaubertrick anwendet. Dann legt sie nämlich eine unsichtbare warme Decke über
uns an den Himmel und dort, wo die Decke liegt, ist es warm. Kannst du das
verstehen?“
Elias nickte heftig. „Na klar, wenn ich mich im
Bett zudecke, dann wird mir auch ganz warm darunter.“
Opa schmunzelte. „Ganz richtig! Und nun stell dir
vor, dass der Rauch nur bis zu dieser Decke kommt. Er schafft es einfach nicht,
sie wegzuschieben. Er kommt nicht gegen diese Decke an und deshalb verteilt er
sich darunter, also direkt über dem Dach sozusagen. Schau, und diesen kleinen
Zaubertrick dürfen wir jetzt gerade beobachten und müssen gar nichts dafür
bezahlen.“
Elias war begeistert und blieb ein paar Schritte
weiter schon wieder staunend stehen, als er einen riesigen Erdhaufen auf der
Wiese sah. „Und warum ist dieser Maulwurfshügel so hoch, Opa?“
„Was meinst du? Vielleicht wollte der Maulwurf
seinen eigenen Aussichtsturm bauen!“
Doch Elias war nicht dumm und knuffte Opa in die
Seite. „Das ist Quatsch, Opa!“
„Na klar ist das Quatsch, es ist nämlich so, dass
der kleine Kerl im Winter besonders viel Arbeit hat. Da es oben frostig ist,
graben sich die Regenwürmer tiefer in die Erde. Der Maulwurf muss also hinter
ihnen her und viel tiefere Gänge graben als im Sommer. Und wohin soll er mit
der ganzen Erde? Die schiebt er einfach mit seinen kräftigen Schaufelpfoten
nach oben. Also kannst du dir eines merken: Je höher der Hügel ist, desto
fleißiger war der kleine Baumeister in der Tiefe.“
Während sie weiterschlurften, sprudelten weitere
Fragen aus Elias heraus:
„Opa, warum glitzern die Gräser heute so schön?“
„Das ist gefrorener Tau, Elias. Die Nacht heute war so kalt, dass die
Wassertropfen vor Schreck zu winzigen Eiskristallen erstarrt sind. Und jetzt
kitzelt die Sonne sie wieder wach und weil sie sich darüber so freuen, glitzern
sie wie kleine Diamanten.“
„Die Bäume haben ja im Winter keine Blätter, nä
Opa?“
„Das ist richtig und das können wir ja auch
sehen“, bestätigte Opa.
„Aber es wäre doch besser, wenn sie welche hätten,
oder? Jetzt müssen sie doch frieren, oder nicht?“
„Nein, sie müssen nicht frieren. Schau, die Bäume machen es ein bisschen so wie
die Bären und halten einen Winterschlaf. Dafür zieht sich das Wasser in ihre
Wurzeln zurück. Würden die Bäume ihre Blätter behalten, würden diese im Winter
durch das Wasser, das sich darin befindet, erfrieren. Jetzt, so ganz ohne
Blätter, schlafen die Bäume tief und fest, bis der Frühling sie wieder weckt.“
„Und im Frühling kommen die Vögel zurück, nä Opa!
Aber woher wissen sie, wann sie zurückfliegen können?“, wollte Elias dann noch
wissen.
„Ich glaub, die haben so etwas wie einen Kompass in ihrem Inneren und sie
spüren eine innere Unruhe, wenn die Tage wieder heller und wärmer werden. Das
Licht sagt ihnen wohl: ‚Jungs, es ist Zeit für die Heimreise!'“
„Und die Mädchen?“, fragte Elias entsetzt.
Opa lachte. „Du hast natürlich recht. Das Licht
sagt: ‚Jungs und Mädels, auf geht’s nach Hause!“
Elias blickte mit großen, bewundernden Augen zu
seinem Opa auf und drückte dessen große, raue Hand ganz fest. „Opa?“, sagte er
leise.
„Ja, mein Junge?“
„Wenn ich groß bin, will ich auch so viel wissen,
wie du!“
Opa drückte ein wenig berührt die kleine Hand
sanft zurück, während die Sonne langsam rot hinter den Hügeln versank. „Ich
weiß das alles nur, weil ich schon ein bisschen länger auf dieser schönen Welt
spazieren gehe als du. Und das Beste daran ist, dass ich es dir alles erzählen
darf, so wie mein Opa es mir erzählt hat.“
Zufrieden und mit einem Kopf voller neuer Wunder
machten sich die beiden auf den Heimweg, wo Oma bereits mit heißem Kakao
wartete.
© Martina Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!
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