Sonntag, 18. Januar 2026

Die geheimnisvolle schwarze Schatulle

Als ihr Vater die Haustür öffnete, kam ihnen ein Geruch von Bohnerwachs und getrocknetem Lavendel entgegen. Früher, als Laura noch kleiner war und als ihre Oma noch gelebt hatte, hatte sich dieser Duft wie ‚Zuhause‘ angefühlt. Heute fühlte er sich nach Abschied an.

Laura betrat die Küche und setzte sich schweigend an den Küchentisch. Wie oft hatte sie hier gemeinsam mit ihrer Oma gesessen und eine heiße Schokolade getrunken. Wehmut stieg in ihr auf und heiße Tränen, die sie aber nicht weinen wollte. Deshalb erhob sie sich und ging zu ihren Eltern ins Wohnzimmer.

Mit leerem Blick beobachtete sie, wie diese mit einer Klebebandrolle bewaffnet durch das Zimmer navigierten und entschieden: das bleibt, das spenden und das entsorgen wir.

„Ich geh mal nach oben“, murmelte Laura leise und erschauderte ein wenig, weil ihre Stimme in dem halb leergeräumten Raum fremd klang.

Ohne die Antwort ihrer Eltern abzuwarten, stieg sie die knarrende Holztreppe zum Dachboden hinauf.

Oben angekommen, schluckte sie. So viele Erinnerungen warteten auch hier auf sie. Das Licht fiel durch das kleine Gaubenfenster und zeigte den Staub, den sie durch das Öffnen der Tür aufgewirbelt hatte.

Ihr Blick fiel auf den alten, ausgedienten Sessel in der Ecke, auf dem noch immer die alten Decken lagen, mit denen sie als kleines Mädchen eine Höhle gebaut hatte, wenn sie bei ihrer Oma übernachten durfte.

Laura erinnerte sich an das gedämpfte Lachen ihrer Großmutter und auch daran, wie sie mit einem Besenstiel gegen die Decke geklopft hatte, um ihr zu signalisieren: komm herunter, der Kakao ist fertig!

Laura sah sich als kleines Mädchen hier oben – umringt von all den vielen Erinnerungsstücken, die ihrer Oma gehört hatten. Sie hatte sich sicher und wohl gefühlt hier oben; wissend, dass ihre Oma im Wohnzimmer im Sessel saß und strickte, während aus dem Radio klassische Musik zu hören war.

Laura schritt weiter voran, ging vorbei an einem Stapel alter Zeitungen und einem ausrangierten Kleiderständer, als ihr Blick an etwas hängen blieb, das sie hier oben noch nie wahrgenommen hatte. Eine hübsche, schwarze, geheimnisvoll wirkende Schatulle mit goldenen Ornamenten auf dem Deckel.

Laura nahm das kostbare Kästchen an sich. Ein leicht süßlicher Duft nach altem Papier stieg ihr in die Nase, als sie es behutsam öffnete. In dem Kästchen lag ein Stapel hellblauer Briefe, die mit einem verblassten roten Samtband zusammengehalten wurden. Die Umschläge waren vergilbt, die Ränder leicht brüchig, was darauf hindeutete, dass es sich um ziemlich alte Briefe handeln musste.

Adressiert waren sie an ihre Oma. Sie zögerte kurz. Durfte sie das? Durfte sie die Briefe lesen? Es war ihr, als würde sie eine Grenze überschreiten; dennoch siegte die Neugier und die Sehnsucht nach einer Verbindung zu der Frau, die nun nicht mehr da war.

Mit zitternden Fingern löste sie den Knoten des Samtbandes und entnahm den obersten Brief. Die Handschrift war schwungvoll, in blauer Tinte stand dort der Name ihrer Oma. Es war die Schrift ihres Opas, das erkannte sie sogleich.

Meine geliebte Elisabeth“, begann der Brief, „heute sitze ich am Fluss und beobachte, wie das Licht auf dem Wasser tanzt und es erinnert mich an das Funkeln in deinen Augen, wenn du mich ansiehst. Es ist nun schon drei Wochen her, dass ich dich zuletzt gesehen habe. Drei lange Wochen, in denen die Welt für mich ihre Farben verloren zu haben scheint. Aber ich trage noch immer die Erinnerung an den Duft deines Haares wie einen Schatz bei mir und ich verspreche dir, sobald ich zurückkehre, werde ich jeden Tag damit verbringen, dir zu zeigen, dass du mein wertvollster Schatz bist. Weißt du, liebste Elisabeth, ich brauche keine Reichtümer, solange ich dein Herz an meiner Seite weiß. Du bist mein Anker, mein Licht und mein Zuhause. In großer Sehnsucht, dein Johannes.“

Laura hielt kurz den Atem an und es schien, als würden sich diese Worte für immer in ihr Herz brennen. In der heutigen Welt von schnellen WhatsApp-Nachrichten, flüchtigen Emojis und unverbindlichen Likes wirkten diese Zeilen wie aus einer anderen Galaxie. Ihr Großvater hatte diese Worte nicht einfach gedankenlos getippt – er hatte sie gefühlt und auf Papier gebracht.

Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus. Auf diesem staubigen Dachboden, zwischen den Relikten einer vergangenen Zeit, konnte Laura erahnen, was Liebe zwischen zwei Menschen wirklich bedeutete. Es war nicht ein lautes Spektakel, sondern eine tiefe, unerschütterliche Wertschätzung, die man füreinander empfand und die Jahrzehnte überdauern konnte.

Sanft drückte sie den Brief gegen ihr Herz. Sie wusste jetzt ganz sicher, dass sie sich niemals mit weniger zufrieden geben wollte. Sie würde warten – auf jemanden, der die Welt durch ihre Augen sah. Auf jemanden, der Worte fand, die so tief gingen, dass sie selbst in vergilbten Briefen nach fünfzig Jahren noch das Licht in ihrem Herzen zum Leuchten brachten.

„Laura? Kommst du? Wir wollen los!“, rief ihre Mutter in diesem Moment von unten.

Laura entschied, dass dieser Brief überleben musste. Deshalb steckte sie ihn vorsichtig in ihre Hosentasche, schloss achtsam die schwarze Schatulle und strich noch einmal ehrfürchtig darüber.

Draußen ging die Sonne langsam unter und tauchte den Garten in ein goldenes Licht. Auch wenn sie in diesem Moment eine tiefe Trauer empfand, war diese dennoch gepaart mit der kostbaren Erkenntnis, dass sie heute und hier einen Kompass für ihr eigenes Herz gefunden hatte.

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nicht an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen