Als ihr Vater die Haustür öffnete, kam ihnen ein Geruch von Bohnerwachs und getrocknetem Lavendel entgegen. Früher, als Laura noch kleiner war und als ihre Oma noch gelebt hatte, hatte sich dieser Duft wie ‚Zuhause‘ angefühlt. Heute fühlte er sich nach Abschied an.
Laura betrat die Küche und setzte sich schweigend
an den Küchentisch. Wie oft hatte sie hier gemeinsam mit ihrer Oma gesessen und
eine heiße Schokolade getrunken. Wehmut stieg in ihr auf und heiße Tränen, die
sie aber nicht weinen wollte. Deshalb erhob sie sich und ging zu ihren Eltern
ins Wohnzimmer.
Mit leerem Blick beobachtete sie, wie diese mit
einer Klebebandrolle bewaffnet durch das Zimmer navigierten und entschieden:
das bleibt, das spenden und das entsorgen wir.
„Ich geh mal nach oben“, murmelte Laura leise und
erschauderte ein wenig, weil ihre Stimme in dem halb leergeräumten Raum fremd
klang.
Ohne die Antwort ihrer Eltern abzuwarten, stieg
sie die knarrende Holztreppe zum Dachboden hinauf.
Oben angekommen, schluckte sie. So viele
Erinnerungen warteten auch hier auf sie. Das Licht fiel durch das kleine
Gaubenfenster und zeigte den Staub, den sie durch das Öffnen der Tür
aufgewirbelt hatte.
Ihr Blick fiel auf den alten, ausgedienten Sessel
in der Ecke, auf dem noch immer die alten Decken lagen, mit denen sie als
kleines Mädchen eine Höhle gebaut hatte, wenn sie bei ihrer Oma übernachten
durfte.
Laura erinnerte sich an das gedämpfte Lachen
ihrer Großmutter und auch daran, wie sie mit einem Besenstiel gegen die Decke
geklopft hatte, um ihr zu signalisieren: komm herunter, der Kakao ist fertig!
Laura sah sich als kleines Mädchen hier oben –
umringt von all den vielen Erinnerungsstücken, die ihrer Oma gehört
hatten. Sie hatte sich sicher und wohl gefühlt hier oben; wissend, dass ihre
Oma im Wohnzimmer im Sessel saß und strickte, während aus dem Radio
klassische Musik zu hören war.
Laura schritt weiter voran, ging vorbei an einem
Stapel alter Zeitungen und einem ausrangierten Kleiderständer, als ihr Blick an
etwas hängen blieb, das sie hier oben noch nie wahrgenommen hatte. Eine hübsche,
schwarze, geheimnisvoll wirkende Schatulle mit goldenen Ornamenten auf dem
Deckel.
Laura nahm das kostbare Kästchen an sich. Ein
leicht süßlicher Duft nach altem Papier stieg ihr in die Nase, als sie es
behutsam öffnete. In dem Kästchen lag ein Stapel hellblauer Briefe, die mit
einem verblassten roten Samtband zusammengehalten wurden. Die Umschläge waren
vergilbt, die Ränder leicht brüchig, was darauf hindeutete, dass es sich um ziemlich
alte Briefe handeln musste.
Adressiert waren sie an ihre Oma. Sie zögerte
kurz. Durfte sie das? Durfte sie die Briefe lesen? Es war ihr, als würde sie
eine Grenze überschreiten; dennoch siegte die Neugier und die Sehnsucht nach
einer Verbindung zu der Frau, die nun nicht mehr da war.
Mit zitternden Fingern löste sie den Knoten des
Samtbandes und entnahm den obersten Brief. Die Handschrift war schwungvoll, in
blauer Tinte stand dort der Name ihrer Oma. Es war die Schrift ihres Opas, das
erkannte sie sogleich.
„Meine geliebte Elisabeth“, begann der Brief, „heute sitze ich am
Fluss und beobachte, wie das Licht auf dem Wasser tanzt und es erinnert mich an
das Funkeln in deinen Augen, wenn du mich ansiehst. Es ist nun schon drei
Wochen her, dass ich dich zuletzt gesehen habe. Drei lange Wochen, in denen die
Welt für mich ihre Farben verloren zu haben scheint. Aber ich trage noch immer
die Erinnerung an den Duft deines Haares wie einen Schatz bei mir und ich
verspreche dir, sobald ich zurückkehre, werde ich jeden Tag damit verbringen,
dir zu zeigen, dass du mein wertvollster Schatz bist. Weißt du, liebste
Elisabeth, ich brauche keine Reichtümer, solange ich dein Herz an meiner Seite
weiß. Du bist mein Anker, mein Licht und mein Zuhause. In großer Sehnsucht,
dein Johannes.“
Laura hielt kurz den Atem an und es schien, als
würden sich diese Worte für immer in ihr Herz brennen. In der heutigen Welt von
schnellen WhatsApp-Nachrichten, flüchtigen Emojis und unverbindlichen Likes
wirkten diese Zeilen wie aus einer anderen Galaxie. Ihr Großvater hatte diese
Worte nicht einfach gedankenlos getippt – er hatte sie gefühlt und auf
Papier gebracht.
Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrer Brust
aus. Auf diesem staubigen Dachboden, zwischen den Relikten einer vergangenen
Zeit, konnte Laura erahnen, was Liebe zwischen zwei Menschen wirklich
bedeutete. Es war nicht ein lautes Spektakel, sondern eine tiefe,
unerschütterliche Wertschätzung, die man füreinander empfand und die Jahrzehnte
überdauern konnte.
Sanft drückte sie den Brief gegen ihr Herz. Sie
wusste jetzt ganz sicher, dass sie sich niemals mit weniger zufrieden geben
wollte. Sie würde warten – auf jemanden, der die Welt durch ihre Augen sah. Auf
jemanden, der Worte fand, die so tief gingen, dass sie selbst in vergilbten
Briefen nach fünfzig Jahren noch das Licht in ihrem Herzen zum Leuchten brachten.
„Laura? Kommst du? Wir wollen los!“, rief ihre
Mutter in diesem Moment von unten.
Laura entschied, dass dieser Brief überleben
musste. Deshalb steckte sie ihn vorsichtig in ihre Hosentasche, schloss achtsam
die schwarze Schatulle und strich noch einmal ehrfürchtig darüber.
Draußen ging die Sonne langsam unter und tauchte
den Garten in ein goldenes Licht. Auch wenn sie in diesem Moment eine tiefe
Trauer empfand, war diese dennoch gepaart mit der kostbaren Erkenntnis, dass sie
heute und hier einen Kompass für ihr eigenes Herz gefunden hatte.
© Martina Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nicht an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!
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