An einem Dienstagmorgen klingelte jemand an Omas Haustür Sturm.
Draußen vor der Tür standen ihr Enkel Emil mit
seinem kleinen Rucksack und ihre Tochter Sibylle. Emil sah erfreut und ihre
Tochter sehr gestresst aus.
„Mama, du musst einspringen“, rief sie aufgeregt,
„im Kindergarten feiern die Läuse eine Party und ich möchte nicht, das Emil
mitfeiert.“
Oma schmunzelte.
„Na dann komm mal rein, kleiner Mann. Wir werden
uns schon nicht langweilen, nicht wahr?!“
„Und noch was, Mama, kann Emil vielleicht bei dir
übernachten? Wir haben noch so viele Termine heute – und weil er doch schon bei
dir ist …“
„Das ist doch überhaupt kein Problem“, fiel Oma ihrer
Tochter ins Wort. „Ich freue mich doch über die willkommene Abwechslung.“ Dabei
strahlte sie über das ganze Gesicht. „Läuse-Urlaub bei Oma! Das ist doch
fabelhaft, nicht wahr?“
„Jaaaaa“, jubelte Emil und schmiss seinen kleinen
Rucksack im hohen Bogen auf den Fußboden, gefolgt von seiner Jacke und der
Mütze.
„Emil …!“, rief Sibylle ihren Sohn zur Ordnung,
doch Oma winkte ab.
„Schon gut, geh du nur. Wir beide kommen schon
klar!“
„Tschüss, Emil, bekomme ich noch einen
Gute-Nacht-Kuss?“
Bald darauf drückte der kleine Mann seiner Mutter
einen dicken Gute-Nacht-Kuss auf die Wange – und war im nächsten Moment in Omas
Wohnzimmer verschwunden.
Nachdem die Mutter gegangen war, bauten die
beiden zuerst eine riesige Höhle aus Sofakissen und Wolldecken. Emil krabbelte
hinein und fragte sehr ernst: „Duhu, Oma, warum hast du eigentlich so viele
Falten im Gesicht?“
Oma lachte und klopfte sich auf die Wangen. „Falten?
Das sind doch gar keine Falten, mein Schatz. Das ist meine Geheimschrift, musst
du wissen! Denn immer, wenn ich mich ganz besonders doll freue, speichert mein
Gesicht das und deshalb sind das keine Falten, sondern nur fröhliche
Sommersprossen-Straßen in meinem Gesicht.“
„Und warum sind deine Haare weiß?“
„Na, das ist doch ganz klar“, flüsterte Oma
geheimnisvoll, „aber das darfst du niemandem verraten. Das kommt durch den
vielen Sternenstaub, der jede Nacht in meinen Haaren hängen bleibt.“
„Du erzählst nur Quatsch, Oma, oder?“
„Natürlich erzähle ich nur Quatsch. Weils Spaß
macht, oder?“
Emil nickte eifrig.
„Pass auf, Emil, heute Nachmittag hat mich ein
alter Schulfreund zu seinem Geburtstag eingeladen und du kommst natürlich mit. Ist
klar! Es gibt Torte im Café um die Ecke. Ist das okay für dich?“
Emil war begeistert. Er liebte Torte. Am liebsten
aß er Erdbeertorte.
Bevor die beiden am Nachmittag losgingen, kniete
Oma sich vor Emil, um den Reißverschluss der Jacke zu schließen und um ihn auf
etwas vorzubereiten:
„Emil, pass auf. Kurt ist ein ganz lieber Mann,
aber er hat einen... nun ja... sehr speziellen Schnurrbart. Er sieht aus wie
ein riesiger Walross-Schnurrbart. Ich erzähle dir das, damit du Kurt nicht
anstarrst oder etwas zu dem Bart sagst. Okay?“
Emil nickte feierlich. „Versprochen, Oma.“
Im Café wartete Kurt bereits auf die beiden. Und
Emil wusste, was Oma meinte. Kurts Bart war grau und riesengroß. Rechts und
links ragten die Barthaare weit über den Mund hinaus und sahen aus wie zwei Stoßzähne
aus Fell.
Emil saß kerzengerade und stumm auf seinem Stuhl,
so wie er es Oma versprochen hatte. Und versprochen ist versprochen und wird
auch nicht gebrochen.
Doch dann passierte es: Kurt nahm ein riesiges
Stück Schwarzwälder Kirschtorte auf seine Gabel und in dem Moment, als die
Torte in seinem Mund verschwand, blieb ein riesiger Klecks Schlagsahne mitten in
seinem buschigen Bart hängen, der bei jeder Kaubewegung gefährlich zitterte.
Jetzt hielt Emil es nicht mehr aus. Aufgeregt
rutschte er auf seinem Stuhl hin und her und dann brach es aus ihm heraus: „Du,
Herr Walross-Mann, in deinem Bart klebt Sahne!“
Oma wurde schlagartig so rot wie die Kirschen auf
ihrer Torte.
„Emil!“, rief sie entsetzt und hätte sich am
liebsten unter dem Tisch verkrochen.
Kurt hielt kurz die Luft an, wischte sich anschließend
mit dem Handrücken die Sahne aus dem Bart und brach in ein dröhnendes Lachen
aus.
Dann zwinkerte er Emil zu. „Soll ich dir mal
verraten, warum ich diesen Bart habe?“
Natürlich wollte Emil das wissen.
„Aber psssst!“, machte Kurt. „Du darfst es nicht
verraten. Ich bin nämlich eigentlich ein Geheimagent und komme vom Nordpol.“
Emil riss die Augen auf. „Echt?“
„Ja, echt!“, flüsterte Kurt geheimnisvoll.
„Einmal, bei einer Expedition am Nordpol, hat mir ein echtes Walross das Leben
gerettet. Zum Dank habe ich ihm versprochen, seinen Bart zu tragen. Verstehst
du?“
Emil sah ihn beeindruckt an und Kurt fuhr fort: „Soll
ich dir noch etwas verraten? So ein Bart hat ganz viele Vorteile. Manchmal
verstecke ich sogar eine Lakritzstange darin, für den kleinen Hunger
zwischendurch.“ Dann blinzelte er Emil zu, der schwer beeindruckt war von all
dem Gehörten.
Abends machte es sich Emil in Omas Gästebett
gemütlich: „Oma, kannst du mir noch eine Walross-Gute-Nacht-Geschichte
erzählen?“
Oma setzte sich auf die Bettkante und strich
liebevoll über Emils Kopf.
„Okay, ich werde es versuchen. – Also: Es war
einmal ein kleines Walross namens Willi. Willi hatte so lange Barthaare, dass
er sie sich beim Schwimmen immer zu zwei Zöpfen flechten musste, damit sich die
kleinen Fische nicht darin verfingen. Ja und eines Nachts, als er eine
Sternschnuppe sah, wünschte er sich, umgehend bei einem kleinen Jungen namens
Emil zu sein. …“
Doch da war Emil bereits eingeschlafen.
„Schlaf gut, kleiner Mann“, flüsterte Oma, „und
träum schön von Läuse-Partys und Walross-Bärten.“
© Martina Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!
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