Dienstag, 20. Januar 2026

Läuseparty und Walrossbart

An einem Dienstagmorgen klingelte jemand an Omas Haustür Sturm.

Draußen vor der Tür standen ihr Enkel Emil mit seinem kleinen Rucksack und ihre Tochter Sibylle. Emil sah erfreut und ihre Tochter sehr gestresst aus.

„Mama, du musst einspringen“, rief sie aufgeregt, „im Kindergarten feiern die Läuse eine Party und ich möchte nicht, das Emil mitfeiert.“

Oma schmunzelte.

„Na dann komm mal rein, kleiner Mann. Wir werden uns schon nicht langweilen, nicht wahr?!“

„Und noch was, Mama, kann Emil vielleicht bei dir übernachten? Wir haben noch so viele Termine heute – und weil er doch schon bei dir ist …“

„Das ist doch überhaupt kein Problem“, fiel Oma ihrer Tochter ins Wort. „Ich freue mich doch über die willkommene Abwechslung.“ Dabei strahlte sie über das ganze Gesicht. „Läuse-Urlaub bei Oma! Das ist doch fabelhaft, nicht wahr?“

„Jaaaaa“, jubelte Emil und schmiss seinen kleinen Rucksack im hohen Bogen auf den Fußboden, gefolgt von seiner Jacke und der Mütze.

„Emil …!“, rief Sibylle ihren Sohn zur Ordnung, doch Oma winkte ab.

„Schon gut, geh du nur. Wir beide kommen schon klar!“

„Tschüss, Emil, bekomme ich noch einen Gute-Nacht-Kuss?“

Bald darauf drückte der kleine Mann seiner Mutter einen dicken Gute-Nacht-Kuss auf die Wange – und war im nächsten Moment in Omas Wohnzimmer verschwunden.

Nachdem die Mutter gegangen war, bauten die beiden zuerst eine riesige Höhle aus Sofakissen und Wolldecken. Emil krabbelte hinein und fragte sehr ernst: „Duhu, Oma, warum hast du eigentlich so viele Falten im Gesicht?“

Oma lachte und klopfte sich auf die Wangen. „Falten? Das sind doch gar keine Falten, mein Schatz. Das ist meine Geheimschrift, musst du wissen! Denn immer, wenn ich mich ganz besonders doll freue, speichert mein Gesicht das und deshalb sind das keine Falten, sondern nur fröhliche Sommersprossen-Straßen in meinem Gesicht.“

„Und warum sind deine Haare weiß?“

„Na, das ist doch ganz klar“, flüsterte Oma geheimnisvoll, „aber das darfst du niemandem verraten. Das kommt durch den vielen Sternenstaub, der jede Nacht in meinen Haaren hängen bleibt.“

„Du erzählst nur Quatsch, Oma, oder?“

„Natürlich erzähle ich nur Quatsch. Weils Spaß macht, oder?“

Emil nickte eifrig.

„Pass auf, Emil, heute Nachmittag hat mich ein alter Schulfreund zu seinem Geburtstag eingeladen und du kommst natürlich mit. Ist klar! Es gibt Torte im Café um die Ecke. Ist das okay für dich?“

Emil war begeistert. Er liebte Torte. Am liebsten aß er Erdbeertorte.

Bevor die beiden am Nachmittag losgingen, kniete Oma sich vor Emil, um den Reißverschluss der Jacke zu schließen und um ihn auf etwas vorzubereiten:

„Emil, pass auf. Kurt ist ein ganz lieber Mann, aber er hat einen... nun ja... sehr speziellen Schnurrbart. Er sieht aus wie ein riesiger Walross-Schnurrbart. Ich erzähle dir das, damit du Kurt nicht anstarrst oder etwas zu dem Bart sagst. Okay?“

Emil nickte feierlich. „Versprochen, Oma.“

Im Café wartete Kurt bereits auf die beiden. Und Emil wusste, was Oma meinte. Kurts Bart war grau und riesengroß. Rechts und links ragten die Barthaare weit über den Mund hinaus und sahen aus wie zwei Stoßzähne aus Fell.

Emil saß kerzengerade und stumm auf seinem Stuhl, so wie er es Oma versprochen hatte. Und versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen.

Doch dann passierte es: Kurt nahm ein riesiges Stück Schwarzwälder Kirschtorte auf seine Gabel und in dem Moment, als die Torte in seinem Mund verschwand, blieb ein riesiger Klecks Schlagsahne mitten in seinem buschigen Bart hängen, der bei jeder Kaubewegung gefährlich zitterte.

Jetzt hielt Emil es nicht mehr aus. Aufgeregt rutschte er auf seinem Stuhl hin und her und dann brach es aus ihm heraus: „Du, Herr Walross-Mann, in deinem Bart klebt Sahne!“

Oma wurde schlagartig so rot wie die Kirschen auf ihrer Torte.

„Emil!“, rief sie entsetzt und hätte sich am liebsten unter dem Tisch verkrochen.

Kurt hielt kurz die Luft an, wischte sich anschließend mit dem Handrücken die Sahne aus dem Bart und brach in ein dröhnendes Lachen aus.

Dann zwinkerte er Emil zu. „Soll ich dir mal verraten, warum ich diesen Bart habe?“

Natürlich wollte Emil das wissen.

„Aber psssst!“, machte Kurt. „Du darfst es nicht verraten. Ich bin nämlich eigentlich ein Geheimagent und komme vom Nordpol.“

Emil riss die Augen auf. „Echt?“

„Ja, echt!“, flüsterte Kurt geheimnisvoll. „Einmal, bei einer Expedition am Nordpol, hat mir ein echtes Walross das Leben gerettet. Zum Dank habe ich ihm versprochen, seinen Bart zu tragen. Verstehst du?“

Emil sah ihn beeindruckt an und Kurt fuhr fort: „Soll ich dir noch etwas verraten? So ein Bart hat ganz viele Vorteile. Manchmal verstecke ich sogar eine Lakritzstange darin, für den kleinen Hunger zwischendurch.“ Dann blinzelte er Emil zu, der schwer beeindruckt war von all dem Gehörten.

Abends machte es sich Emil in Omas Gästebett gemütlich: „Oma, kannst du mir noch eine Walross-Gute-Nacht-Geschichte erzählen?“

Oma setzte sich auf die Bettkante und strich liebevoll über Emils Kopf.

„Okay, ich werde es versuchen. – Also: Es war einmal ein kleines Walross namens Willi. Willi hatte so lange Barthaare, dass er sie sich beim Schwimmen immer zu zwei Zöpfen flechten musste, damit sich die kleinen Fische nicht darin verfingen. Ja und eines Nachts, als er eine Sternschnuppe sah, wünschte er sich, umgehend bei einem kleinen Jungen namens Emil zu sein. …“

Doch da war Emil bereits eingeschlafen.

„Schlaf gut, kleiner Mann“, flüsterte Oma, „und träum schön von Läuse-Partys und Walross-Bärten.“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen