Der Wind heulte eine tiefe, eiskalte Melodie, als die alte Eisbärenmutter Lyra und ihr Sohn Nanuk die endlosen Weiten des Packeises durchquerten.
Die Arktis leuchtete an diesem Abend unter dem
fahlen Licht des Mondes wie unzählige wertvolle Diamanten.
Jeder Schritt, den Lyra tat, hinterließ einen
tiefen Abdruck. Nanuk, das kleine weiße Fellknäuel, lief hinter ihr und
versuchte in die riesigen Stapfen seiner Mutter zu treten, was ihm nur bedingt
gelingen wollte.
„Mama“, begann er, als er wieder an ihrer Seite
ging und kurz innehielt, weil eine Schneeflocke direkt auf seiner Nase gelandet
war, „wächst die Welt, so wie ich wachse?“
Die Bärin schmunzelte über die Frage ihres
Sohnes, hob ihre schwarze Nase in den schneidenden Wind, blickte zum Horizont,
wo das tiefe Blau des Himmels mit dem Weiß des Eises verschmolz und erwiderte: „Die
Welt wächst nicht, mein Kleiner, aber dein Verständnis von ihr wird es tun. Weißt
du, Nanuk, ich sehe die Welt nicht als einen Ort aus Stein und Wasser. Für mich
ist sie etwas viel Größeres und sie besteht aus einem endlosen Kreislauf aus
Geben und Nehmen. Ich sehe sie nicht starr, sondern als einen atmenden Riesen.
Verstehst du? Die Erde ist kein totes Land. Die Erde lebt. Ihr Herz schlägt,
wie deins und meins und hier bei uns ist ihre Haut aus Eis.“
Nach diesen Worten führte sie Nanuk zu einer
Anhöhe aus aufgetürmtem Eis.
„Schau dort hinunter“, bat sie ihn und deutete
mit ihrer Schnauze nach Südosten. „Dort, wo der Horizont manchmal flimmert.
Dort leben Lebewesen, die man Menschen nennt.“
„Menschen?“, fragte Nanuk neugierig. „Sind sie
wie wir?“
Lyra schüttelte langsam den massigen Kopf. „Nein.
Die Menschen sind seltsame Wesen, Nanuk. Sie haben keine Krallen, um sich am
Eis festzuhalten, so wie wir, und sie haben auch kein Fell, gegen die Kälte.
Deshalb bauen sie sich Häuser aus totem Stein und auch Panzer aus Metall. Ich
sehe die Menschen als Wesen, die den Kontakt zur Erde verloren haben, verstehst
du? Wir nehmen, um zu Sein, nur das, was wir brauchen; die Menschen hingegen
sammeln Dinge, als könnten sie den Hunger der Seele mit Besitz stillen. Sie
betrachten das Eis nicht als wertvoll, so wie wir es tun, sondern als ein großes
Hindernis, das man schlecht in Besitz nehmen kann. Sie haben vergessen, dass
man das Eis nicht besitzen kann – man kann es nur ehren, solange es einen
trägt.“
Nanuk kuschelte sich ein wenig an das dichte,
warme Flankenfell seiner Mutter. „Haben die Menschen die Welt gemacht?“, wollte
er dann noch wissen.
„O nein“, lachte Lyra leise und ein tiefes Brummen
war dabei in ihrer Brust zu hören. „Sie denken manchmal, sie wären die Herren
der Schöpfung, aber sie sind nur Gäste, die die Hausordnung vergessen haben.“
Lyra blickte hinauf zu den tanzenden Schleiern
der Polarlichter, die sich in giftgrün und violett am Firmament zeigten. „Du
fragst nach der Schöpfung und wie sie entstanden ist, Nanuk. Das ist nicht so
einfach zu beantworten. Für mich gibt es kein Wesen mit Händen, wie sich die
Menschen einen Schöpfer manchmal ausmalen, sondern eine Urkraft, an dessen
Anfang ein großer Atemzug stand.“
„Dann gibt es gar keinen Schöpfer, Mama?“, bohrte
der kleine Bär nach.
Lyra schloss für einen Moment die Augen. „Ich wollte
dir nur erklären, dass der Schöpfer nicht wie ein Mensch ist, der auf einer
fernen Wolke zu finden ist, sondern ich sehe ihn in jeder Robbe, die durch das
Wasser gleitet. Ich sehe ihn aber auch in der unendlichen Geduld, die er uns
gegeben hat, um am Atemloch zu warten. Weißt du, Nanuk, für mich endete die
Schöpfung nicht vor Urzeiten. Sieh dir nur die Erde an. Für mich ist sie kein vor
Urzeiten beendetes Werk, sondern Schöpfung geschieht immer, genau jetzt, wo wir
miteinander reden. In diesem Moment, in dem mein Herzschlag gegen deine Seite
pocht, geschieht sie. Der Schöpfer ist für mich die Kraft, die unser Leben erhalten
will, trotz der Kälte und trotz der Dunkelheit, die um uns herum herrschen.“
Dann legte sie ihre große Tatze behutsam auf
Nanuks Kopf. „Weißt du, Nanuk, die Menschen suchen den Schöpfer, den sie auch Gott
nennen, in Büchern und Tempeln. Wir Eisbären suchen ihn nicht, weil wir ihn in
der Reinheit der Luft und im Untergang der Sonne sehen. Die Welt ist heilig,
Nanuk, und wir sind ein Teil davon.“
Lyra witterte die Luft – sie roch nach Salz und
Schnee.
„Komm“, sagte sie sanft und stieß ihren Sohn
leicht an. „Lass uns weiterziehen, solange die Welt noch atmet, denn unsere
Aufgabe ist es nicht, sie zu verstehen, sondern sie mit jedem Atemzug zu
ehren.“
Und so zogen sie weiter durch die unendliche
arktische Nacht.
© Martina Pfannenschmidt, 2026
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen