Donnerstag, 22. Januar 2026

Die unendliche arktische Nacht

Der Wind heulte eine tiefe, eiskalte Melodie, als die alte Eisbärenmutter Lyra und ihr Sohn Nanuk die endlosen Weiten des Packeises durchquerten.

Die Arktis leuchtete an diesem Abend unter dem fahlen Licht des Mondes wie unzählige wertvolle Diamanten.

Jeder Schritt, den Lyra tat, hinterließ einen tiefen Abdruck. Nanuk, das kleine weiße Fellknäuel, lief hinter ihr und versuchte in die riesigen Stapfen seiner Mutter zu treten, was ihm nur bedingt gelingen wollte. 

„Mama“, begann er, als er wieder an ihrer Seite ging und kurz innehielt, weil eine Schneeflocke direkt auf seiner Nase gelandet war, „wächst die Welt, so wie ich wachse?“

Die Bärin schmunzelte über die Frage ihres Sohnes, hob ihre schwarze Nase in den schneidenden Wind, blickte zum Horizont, wo das tiefe Blau des Himmels mit dem Weiß des Eises verschmolz und erwiderte: „Die Welt wächst nicht, mein Kleiner, aber dein Verständnis von ihr wird es tun. Weißt du, Nanuk, ich sehe die Welt nicht als einen Ort aus Stein und Wasser. Für mich ist sie etwas viel Größeres und sie besteht aus einem endlosen Kreislauf aus Geben und Nehmen. Ich sehe sie nicht starr, sondern als einen atmenden Riesen. Verstehst du? Die Erde ist kein totes Land. Die Erde lebt. Ihr Herz schlägt, wie deins und meins und hier bei uns ist ihre Haut aus Eis.“

Nach diesen Worten führte sie Nanuk zu einer Anhöhe aus aufgetürmtem Eis.

„Schau dort hinunter“, bat sie ihn und deutete mit ihrer Schnauze nach Südosten. „Dort, wo der Horizont manchmal flimmert. Dort leben Lebewesen, die man Menschen nennt.“

„Menschen?“, fragte Nanuk neugierig. „Sind sie wie wir?“

Lyra schüttelte langsam den massigen Kopf. „Nein. Die Menschen sind seltsame Wesen, Nanuk. Sie haben keine Krallen, um sich am Eis festzuhalten, so wie wir, und sie haben auch kein Fell, gegen die Kälte. Deshalb bauen sie sich Häuser aus totem Stein und auch Panzer aus Metall. Ich sehe die Menschen als Wesen, die den Kontakt zur Erde verloren haben, verstehst du? Wir nehmen, um zu Sein, nur das, was wir brauchen; die Menschen hingegen sammeln Dinge, als könnten sie den Hunger der Seele mit Besitz stillen. Sie betrachten das Eis nicht als wertvoll, so wie wir es tun, sondern als ein großes Hindernis, das man schlecht in Besitz nehmen kann. Sie haben vergessen, dass man das Eis nicht besitzen kann – man kann es nur ehren, solange es einen trägt.“

Nanuk kuschelte sich ein wenig an das dichte, warme Flankenfell seiner Mutter. „Haben die Menschen die Welt gemacht?“, wollte er dann noch wissen.

„O nein“, lachte Lyra leise und ein tiefes Brummen war dabei in ihrer Brust zu hören. „Sie denken manchmal, sie wären die Herren der Schöpfung, aber sie sind nur Gäste, die die Hausordnung vergessen haben.“

Lyra blickte hinauf zu den tanzenden Schleiern der Polarlichter, die sich in giftgrün und violett am Firmament zeigten. „Du fragst nach der Schöpfung und wie sie entstanden ist, Nanuk. Das ist nicht so einfach zu beantworten. Für mich gibt es kein Wesen mit Händen, wie sich die Menschen einen Schöpfer manchmal ausmalen, sondern eine Urkraft, an dessen Anfang ein großer Atemzug stand.“

„Dann gibt es gar keinen Schöpfer, Mama?“, bohrte der kleine Bär nach.

Lyra schloss für einen Moment die Augen. „Ich wollte dir nur erklären, dass der Schöpfer nicht wie ein Mensch ist, der auf einer fernen Wolke zu finden ist, sondern ich sehe ihn in jeder Robbe, die durch das Wasser gleitet. Ich sehe ihn aber auch in der unendlichen Geduld, die er uns gegeben hat, um am Atemloch zu warten. Weißt du, Nanuk, für mich endete die Schöpfung nicht vor Urzeiten. Sieh dir nur die Erde an. Für mich ist sie kein vor Urzeiten beendetes Werk, sondern Schöpfung geschieht immer, genau jetzt, wo wir miteinander reden. In diesem Moment, in dem mein Herzschlag gegen deine Seite pocht, geschieht sie. Der Schöpfer ist für mich die Kraft, die unser Leben erhalten will, trotz der Kälte und trotz der Dunkelheit, die um uns herum herrschen.“

Dann legte sie ihre große Tatze behutsam auf Nanuks Kopf. „Weißt du, Nanuk, die Menschen suchen den Schöpfer, den sie auch Gott nennen, in Büchern und Tempeln. Wir Eisbären suchen ihn nicht, weil wir ihn in der Reinheit der Luft und im Untergang der Sonne sehen. Die Welt ist heilig, Nanuk, und wir sind ein Teil davon.“

Lyra witterte die Luft – sie roch nach Salz und Schnee.

„Komm“, sagte sie sanft und stieß ihren Sohn leicht an. „Lass uns weiterziehen, solange die Welt noch atmet, denn unsere Aufgabe ist es nicht, sie zu verstehen, sondern sie mit jedem Atemzug zu ehren.“

Und so zogen sie weiter durch die unendliche arktische Nacht.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreative Linkparty teil! 



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