Dienstag, 15. Dezember 2020

So soll es sich zugetragen haben

Auch bei Lore und Regina findet ihr Geschichten, in denen die nachfolgenden Reizwörter verarbeitet wurden:

Wald, Schneesturm, erfrieren, glitzern, wunderschön

  

Ein heftiger Schneesturm fegte um die alte Scheune und blies durch so manche Ritze feinen Schnee und klirrende Kälte hinein.

„Wie gut, dass wir unseren eigenen dicken Wollpulli tragen“, scherzte Agatha, das Mutterschaf.

Alice, ihre kleine Tochter, stand dennoch etwas zittrig neben ihr.

„Du musst dich nicht fürchten“, meinte Agatha beruhigend, „der Sturm wird sich bald legen und wir werden ganz gewiss nicht erfrieren müssen.“

Dennoch kuschelte sich Alice noch ein bisschen dichter an ihre Mutter heran.

„Wie wäre es denn“, fragte diese nach einer Weile, „wenn ich dir eine kleine Geschichte erzähle?“

„Das wäre toll“, antwortete Alice begeistert, ließ sich dicht neben ihrer Mutter im Stroh nieder und lauschte gespannt.

„Es war einmal eine ältere, reiche Dame“, begann Agatha, „die in einer schönen kleinen Villa am Stadtrand lebte und auf den Namen Patricia hörte.

Patricia war vor vielen Jahrzehnten in diesem Haus geboren worden, das sie danach zusammen mit ihren Eltern mit Leben gefüllt hatte. Heute bewohnte sie das Haus nur noch alleine und vielfach trugen sie ihre Gedanken zurück in die fröhliche Vergangenheit.

Damals, ja damals, da hatte es neben ihren Eltern noch ihre allerbeste Freundin Heidi gegeben.

Heidi lebte zu der Zeit in einem kleinen Häuschen dicht am Wald und obwohl die Büsche in Patricias Garten inzwischen viel höher gewachsen waren, konnte sie das verwunschene kleine Häuschen noch heute von ihrem Wohnzimmerfenster aus sehen.

Heidi war dort zusammen mit ihrer Mutter in sehr bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen; doch trotz des unterschiedlichen Standes waren die beiden Mädchen allerbeste und unzertrennliche Freundinnen gewesen.

Eines Tages jedoch hatten Patricias Eltern entschieden, ihre Tochter auf ein Internat zu schicken und so verloren sich die beiden Freundinnen aus den Augen.“

„Oh“, sprach Alice dazwischen, „dann waren sie aber bestimmt sehr traurig.“

„Ja, ganz sicher waren sie das und auch an diesem Tag, von dem ich dir erzähle, war Patricia ein bisschen wehmütig zumute, als sie am Fenster stand und hinüber zum alten Haus ihrer Freundin blickte. Der Schnee, der dick auf dem Dach des kleinen Häuschens lag, glitzerte im Sonnenlicht und fein kräuselte sich weißer Rauch aus dem Schornstein, als Patricia sich fragte, wo ihre Freundin aus Kindertagen wohl heute lebte. Vielleicht hatte sie geheiratet und Kinder bekommen. Beides war Patricia verwehrt geblieben, weshalb sie trotz ihres Reichtums oft einsam war.

Die Dunkelheit hielt auch an diesem Tag früh Einzug, weshalb es sich Patricia mit einem guten Buch vor dem Kamin gemütlich machte. Aber irgendwie konnte sie sich einfach nicht auf den Inhalt des Buches konzentrieren. Ihre Gedanken gingen ständig zu dem alten Haus und ihrer früheren Freundin zurück. Eigenartig war das.

Ob Heidi wohl manchmal auch an sie dachte, fragte sie sich.

Am nächsten Morgen klingelte es an der Haustür. Der Postbote brachte ein kleines Päckchen und überreichte ihr ein paar Briefe. Gerade als Patricia die Haustür wieder schließen wollte, kam ihr ein Gedanke, weshalb sie dem Postboten hinterher rief: ‚Entschuldigen Sie bitte, können Sie mir sagen, wer jetzt in dem alten Haus oben am Waldrand wohnt?‘

‚Oh, das tut mir sehr leid‘, antwortete dieser, ‚aber es ist uns strengstens untersagt, derartige Auskünfte zu geben.‘

„Der ist gemein, der Postbote“, fuhr das kleine Schäfchen aufgebracht dazwischen. „Vielleicht wohnt ja die beste Freundin Heidi inzwischen wieder dort. Er soll es ihr doch bitte sagen, Mama, ja?“

Agatha schmunzelte. „So, fuhr sie fort. Du möchtest also, dass Heidi wieder in dem Haus wohnt und die beiden Freundinnen sich nach vielen Jahren wiederfinden?“

„Oh ja, bitte. Das wäre doch wirklich schön!“

„Ja, das wäre wunderschön“, schmunzelte Agatha. „Nun, wir werden sehen, wie es weitergeht.

Der Postbote sah das traurige Gesicht der alten Dame, weshalb er näher an sie heran trat und ihr im Flüsterton zutrug, dass er ihr den Namen der Frau wirklich nicht verraten dürfe, dass er aber glaube, dass sie sehr arm und auch einsam sei. ‚Vor ihrem Haus liegt kaum noch Holz‘, erzählte er außerdem, ‚und wenn es weiterhin so kalt bleibt, könnte der Frau das Brennholz ausgehen und das, wo doch das Weihnachtsfest vor der Tür steht und es schon jetzt mächtig kalt ist. Aber: Pssst! Ich habe nichts gesagt!‘ Dabei legte er einen Zeigefinger vor den Mund.

Patricia bedankte sich für die Auskunft, legte das Päckchen und die Briefe gedankenlos auf die kleine Kommode im Flur ab und begab sich in ihre Küche, um sich einen Tee zuzubereiten. Sie musste nachdenken und das konnte sie am besten bei einer Tasse Tee tun.

Eines wurde ihr dabei schnell klar: Dieser Frau musste geholfen werden, ob es sich nun um ihre alte Freundin Heidi handelte oder um eine andere Person. Deshalb griff sie nach ihrem Telefonbuch, suchte gezielt nach einem Namen und gab dort anschließend eine Bestellung auf.

Der Mann am anderen Ende des Telefons erkundigte sich noch einmal, ob er es wirklich richtig verstanden hatte: Er sollte ein ganzes Fuder Brennholz bei dem alten Haus am Waldrand abladen und die Rechnung sollte er an Patricia richten?

‚Ja‘, antwortete diese kopfschüttelnd, ‚das hab ich Ihnen doch gerade gesagt! Und denken Sie daran: kein Wort zu der Frau, wer Ihnen den Auftrag erteilt hat.‘

Bereits am nächsten Tag wurde das Holz angeliefert. Die alte Frau, die in dem Haus lebte, konnte ihr Glück kaum fassen und sprach von einem Wunder, um das sie täglich gebeten hatte.“

„Dann war es doch nicht Heidi, die dort wieder wohnte?“, erkundigte sich Alice und war sichtlich enttäuscht.

„Nein, leider nicht“, bestätigte Agatha, „aber du weißt doch: wenn wir anderen etwas Gutes tun, so wird auch das Gute zu uns finden, nicht wahr?“

Alice nickte. Von diesem Naturgesetz hatte ihr ihre Mutter schon oft erzählt.

„Pass nur auf“, meinte Mama, „wie die Geschichte endet.

Ein paar Tage später – das Weihnachtsfest rückte immer näher -, entschied Patricia, mit dem Bus in die Stadt zu fahren, um ein paar Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Sie wollte in jedem Fall auch den Briefträger bedenken, ihre Zugehfrau und ein paar liebe Freunde. So kam es, dass ein kleines Geschenk nach dem anderen in ihren Taschen verschwand und sie entschied, sich für die Rückfahrt ein Taxi zu nehmen.

Der junge Taxifahrer war sehr freundlich, nahm Patricia die Tüten ab und hielt ihr die Autotür auf, damit sie bequem einsteigen konnte.

Sie nannte ihre Adresse und das Taxi setzte sich in Bewegung. Der junge Mann sah jedoch auffallend oft in den Spiegel, so dass sich  Patricia regelrecht beobachtet fühlte, was ihr sichtlich unangenehm und auch unheimlich war. Dennoch fragte sie ihn mutig: ‚Weshalb sehen Sie mich so eindringlich an?‘

‚Entschuldigen Sie bitte. Ich weiß, dass ist sehr unhöflich‘, erwiderte der junge Mann wohlerzogen, ‚aber die Adresse, die Sie mir genannt haben, kommt mir aus Erzählungen meiner Großmutter irgendwie bekannt vor. Sie spricht häufig von ihrer besten Freundin, die dort einmal gewohnt haben soll. Sagen Sie, Ihr Vorname ist nicht zufällig Patricia?‘

Wie gut, das sie saß, sonst wäre Patrica gewiss vor lauter Schreck umgefallen …“.

„… und dann haben sich die beiden wieder getroffen und Patricia hat zusammen mit ihrer Freundin Heidi und deren Familie Weihnachten gefeiert. So war es doch, Mama, oder?“, fragte das kleine Schäfchen voller Ungeduld.

„Wenn du möchtest, dass diese Geschichte so endet, meine kleine Alice, dann soll es sich genau so zugetragen haben.“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2020


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Kommentare:

  1. Liebe Martina,
    was für eine schöne, zu Herzen gehende Weihnachtsgeschichte. Ich habe sie sehr genossen und finde besonders auch den letzten Satz genial, der durch den offenen Schluss Raum für eigene Gedanken lässt! Ganz toll, vielen Dank,
    herzliche Grüße
    Regina

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    1. Genau das wollte ich sagen: Wir schreiben Geschichten und haben die Feder in der Hand. Jede endet so, wie wir es uns wünschen. - Machen wir das mit unserem Leben doch auch 'einfach' so! - Liebe Grüße und Danke für den Kommentar! - Ich glaube, ich war zeitgleich bei dir! - Martina

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  2. Ach ist das schön Martina, hätte ich doch Kinder denen ich die Geschichte vorlesen könnte, aber sie ist ja auch für die grossen Alten,zwinker, und die verstehen den Sinn sehr schnell.
    Dankeschön, ich habe mich gefreut und gern gelesen. Alles liebe für Dich und adventliche Grüsse, Klärchen

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    1. Ich freue mich auch: Darüber, dass du meinen Blog besucht und die Geschichte gelesen hast. Aber noch mehr darüber, dass du sie gerne gelesen hast. Zwinker!
      Hab du auch - trotz aller Unruhe im Außen - eine schöne Adventszeit!

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  3. Was für eine wunderschöne Geschichte, die Lores Herz erfeut, danke, LGLore

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    1. Na, wenn ich DAS geschafft habe, freue mich natürlich sehr!
      Liebe Grüße zurück!
      Martina

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  4. Das hast du wieder mal so herzig geschrieben liebe Martina,danke.Eine friedvolle und kuschelwarme Adventszeit
    wünsch dir Helga

    https://file1.hpage.com/007968/29/bilder/p1190332.jpg

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    1. Dankeschön, liebe Helga, auch für die lieben Wünsche. - Das wir im Herzen friedvoll bleiben und es uns zuhause kuschelwarm machen, das ist wohl nicht nur im Moment das Gebot der Stunde! - Auch dir wünsche ich von Herzen eine zu Herzen gehende Advents- und Weihnachtszeit! LG Martina - Dein Stern zeigt, was es bedeutet, im Licht zu stehen!

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  5. eine Geschichte fürs Herz
    dankeschön
    manchmal denke ich auch an Freundinen von früher zurück und frage mich was aus ihnen geworden ist
    ich wünsche dir noch eine schöne restliche Adventszeit
    Rosi

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    1. Das geht mir ganz genau so. Wenn ich denke, wie eng ich mit manchen von ihnen damals befreundet war - und heute? Es ist nur noch eine Freundin aus Schulzeiten übrig geblieben. Alle anderen habe ich aus den Augen verloren, weil sie weggezogen sind. Und die, die noch da sind, grüßt man von weitem und das war es dann. - Aber: es sind neue Freundschaften entstanden, die ich nicht mehr missen möchte. - So wechseln die Menschen, die mit einem an der Seite gehen, immer wieder. LG und Danke für deinen Besuch und Kommentar! - Nur noch eine Woche, dann ist Heiligabend! (Das hat gerade unsere jüngste Enkeltochter festgestellt. Da war die Freude riesig!) Martina

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  6. Das ist aber eine sehr schöne Reizwortgeschichte. Ich hatte mich vor Jahren mit meiner früheren Schulfreundin verabredet und getroffen. Wir schreiben uns immer zu Weihnachten und zum Geburtstag.
    LG Elke

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    1. So mache ich es mit meiner 'besten' Schulfreundin auch. Das heißt, wir telefonieren dann immer und wir besuchen uns auch mindestens einmal im Jahr. Solche Freundschaften, die über einen so langen Zeitraum Bestand haben, sind wirklich wertvoll. - Ganz lieben Dank für deinen Besuch und den Kommentar. Martina

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  7. Mir geht es auch so, wie dem kleinen Schäfchen ;-), denn auch ich möchte, dass die Beiden sich wiedersehen. Meine langjährige Freundin wohnt leider auch etliche hundert Kilometer von mir entfernt. Beide sind wir umgezogen, zwar in die gleiche Richtung, aber trotzdem trennen uns soooo viele Kilometer. Wir schreiben und telefonieren und freuen uns, wenn Corona überstanden ist, damit wir uns endlich treffen und in den Arm nehmen können.
    LG
    Astrid

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    1. Liebe Astrid, meine Freude ist riesig, dass du bei mir gelesen und einen Kommentar hinterlassen hast. - Hab Dank und ganz liebe Grüße hin zu dir!
      Martina

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