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Donnerstag, 27. November 2025

Das Interview

Oma Emma hat es sich an diesem kalten Novembertag in ihrem Lehnstuhl gemütlich gemacht. Vor ihr auf dem Tisch brennt eine Kerze und über allem liegt der Duft frisch gebackener Plätzchen.

Laura, ihre Enkeltochter, sitzt etwas angespannt auf einem Sessel neben ihr.

„Oma, pass auf“, sagt sie, „ich mache jetzt eine Aufnahme von dem, was du auf meine Fragen antwortest. Das heißt, ich mache jetzt ein richtiges Interview mit dir. Ich brauche das für die Schule.“

„Okay“, sagt Oma, „dann schieß mal los.“

„Oma“, beginnt Laura etwas nervös, „erzähl mir bitte von früher. Wie war die Adventszeit für dich, als du noch klein warst?“

Omas Gesicht verklärt sich ein wenig, als sie antwortet: „Weißt du, Laura, die Adventszeit war damals ganz anders als heute. Ich erinnere mich an einen Advent, als draußen der Wind eisig durch die dunklen Straßen pfiff und wir die Fenster verdunkeln mussten, weil Krieg war. Es gab damals kaum Licht, keine bunten Schaufenster und oft auch wenig zu essen.“

„Hattest du manchmal Angst?“, möchte die Enkelin wissen.

„Oh ja, sehr oft sogar“, erwidert Oma ehrlich, „aber weißt du, gerade in dieser Zeit war die Hoffnung besonders wichtig. Wir saßen zusammen und gaben uns gegenseitig Halt. Meine Mutter erzählte uns Geschichten oder wir sangen leise weihnachtliche Lieder. Ich erinnere mich noch, dass mein größter Wunsch damals gar kein Spielzeug war. Mein größter Wunsch war es, dass mein Vater heil und gesund aus dem Krieg heimkommt.“

Laura kann sich in diese Situation gar nicht hineinversetzen. Heute denken die Kinder nur an Geschenke. Deshalb möchte sie wissen, ob Oma damals auch Geschenke bekommen hat.

„Ja, es gab auch Geschenke. Aber nur sehr wenige. Weißt du, Laura, wie ich eben schon sagte, war die Hoffnung in dieser Zeit wichtiger, als irgendwelche Geschenke. Aber ich weiß noch wie heute, dass ich eine große Orange geschenkt bekam. Das war etwas ganz Besonderes für mich. Meine Mutter hatte sie auf dem Schwarzmarkt getauscht, was eigentlich verboten war. Ich habe diese Orange wie einen Schatz gehütet. Diesen Duft, die Farbe und das Gefühl, sie in den Händen zu halten, habe ich mir bis heute bewahrt.“

Laura kann es gar nicht glauben. „Nur eine Orange? War das alles?“, fragt sie ungläubig. „Hast du keine richtigen Geschenke bekommen?“

Emma schmunzelt. Zum einen, weil sie weiß, dass ihre Enkelin ihr damaliges Gefühl nicht nachvollziehen kann, aber auch, weil sie sich an die Geschenke zurückerinnert. „Mein Großvater hat mir damals ein kleines Pferd aus Holz geschnitzt“, erzählt sie. „Es war schlicht und sicherlich in deinen Augen auch nicht schön, aber für mich war es das. Ich habe es geliebt. Und meine Mutter hatte aus Wollresten einen bunten Schal für mich gestrickt. Diese Dinge waren voller Liebe, und sie haben mir gezeigt, dass das Wertvollste nicht gekauft werden kann.“

„Als der Krieg dann vorbei war“, fragt Laura, „was hat sich da verändert? Wie war es dann in der Advents- und Weihnachtszeit?“

Dann wurde alles langsam heller. Es gab wieder mehr zu essen. Mandarinen und Schokolade waren keine Träume mehr. Die Adventszeit wurde bunter, lauter, fröhlicher. Aber weißt du, die Freude über das Zusammensein blieb dennoch das Schönste für mich – bis heute. Und später, als dein Papa geboren wurde und ich selbst Mutter war, wollte ich ihm all das schenken, was ich entbehrt hatte. Wir haben zusammen einen Adventskalender gebastelt, Plätzchen gebacken, das Haus geschmückt und zu Weihnachten als Familie ein festliches Mahl genossen. Jeden Abend habe ich ihm eine Geschichte vorgelesen, und seine Augen haben dabei gestrahlt.“

„Heute gibt es so viele Spielsachen für die Kinder. Wie findest du das?“, will Laura dann noch wissen.

„Weißt du, erwidert Emma daraufhin, „ich freue mich von Herzen darüber, dass es euch heutzutage an nichts fehlt. Aber manchmal frage ich mich, ob wir nicht das Wesentliche aus den Augen verlieren. Früher war die Freude am Beisammensein das Größte. Wir haben gemeinsam gebastelt, gebacken und gesungen. Diese kleinen Rituale – das erste Licht am Adventskranz, das Warten auf das Christkind – das hat uns verbunden. Und das fehlt heute in meinen Augen.“

„Was ist für dich das Wichtigste im Advent, Oma?“

„Das kann ich leicht beantworten. Die Familie und die Zeit, die wir miteinander verbringen ist für mich das Wichtigste im Advent. Aber ebenso stille Momente, Zeit zum Nachdenken und Innehalten. Und wenn ich mich frage, was mich wirklich glücklich macht, ist die Antwort, dass es die Momente sind, in denen wir füreinander da sind, in denen wir einander zuhören, gemeinsam lachen oder auch mal traurig sind. Ich finde, die Adventszeit zeigt uns, was im Leben wirklich zählt.

„Und heute? Wie ist die Adventszeit heute für dich?“

Oma Emma blickt versonnen aus dem Fenster: „Heute sehe ich, wie viel sich verändert hat. Wie wir eben schon sagten, sind die Wünsche der Kinder immer größer geworden, manchmal zu groß. Es gibt so viel Spielzeug, aber oft fehlt die Zeit, gemeinsam zur Ruhe zu kommen. Doch wenn ich mit euch Plätzchen backe oder eine Kerze anzünde, spüre ich, dass das Wesentliche bleibt: die Vorfreude, das Miteinander, die kleinen Momente des Glücks.“

Laura wirkt nachdenklich. „Auch heute gibt es noch Krieg in der Welt“, sagt sie betroffen. „Denkst du manchmal an die Kinder, denen es nicht so gut geht?“

„Oh, ja! Sehr oft sogar. Weißt du, immer wenn ich die Nachrichten sehe, denke ich an die Kinder, die heute noch Angst haben müssen, so wie ich damals. Die sich Frieden wünschen, Geborgenheit, ein warmes Zuhause. Ich glaube, die Sehnsucht nach Frieden ist etwas, das uns alle verbindet – damals wie heute.“

„Eine letzte Frage habe ich noch: Was wünscht du dir für die Zukunft?“

Emma greift nach der Hand ihrer Enkelin, als sie antwortet: „Ich wünsche mir, dass kein Kind den Advent und Weihnachten mit Krieg verbinden muss und dass wir nie vergessen, wie wertvoll Frieden ist. Und dass wir immer wieder innehalten, um zu spüren, was uns wirklich glücklich macht.“

Danke, Oma, für dieses Interview. Ich glaube, ich verstehe jetzt besser, warum der Advent so besonders ist.“

Das freut mich von Herzen - und wenn ich mir etwas wünschen darf, ist es, dass das Licht der Hoffnung immer in deinem Herzen leuchten möge – und in allen Kinderherzen, überall auf der Welt.“

© Martina Pfannenschmidt, 2025


Dienstag, 25. November 2025

Ein Nachmittag im Café

Ihr Lieben, wir kommen vom Ewigkeitssonntag und gehen Richtung Advent. Bereits jetzt brennt in den Häusern und Straßen die erste adventliche Beleuchtung. Es ist, als könnten wir es gar nicht erwarten. - Doch worauf warten wir eigentlich?

Der Frage möchte ich heute nicht nachgehen, sondern stattdessen eine erste adventliche Geschichte einstellen. Es werden in den kommenden Tagen noch weitere folgen UND: ab Samstag wird es eine fortlaufende 'Adventskalendergeschichte' geben. Dann erzähle ich euch von Joschua und seinen Erlebnissen in der Adventszeit. - In all den vergangenen Jahren habe ich das immer geplant, doch es haperte stets an der Umsetzung. Nicht so in diesem Jahr - und darüber freue ich mich riesig.

Vielleicht mache ich euch - meinen Lesern - damit eine vorweihnachtliche Freude. Das wäre wahrlich schön. Und jetzt folgt die Geschichte: Ein Nachmittag im Café. Viel Freude beim Lesen!


Es ist ein grauer Dezembernachmittag. Der Regen prasselt leise gegen die großen Fensterscheiben des kleinen Cafés am Ende der belebten Einkaufsstraße. Drinnen schimmert das Licht von Kerzen und der Duft nach frischem Gebäck mischt sich mit dem Aroma von starkem Kaffee. An einem der Fenster sitzt Elise. Ihren Mantel hat sie sorgfältig über einen Stuhl gelegt und ihre Hände umschließen eine dampfende Tasse Tee. Ihr Blick schweift hinaus zu den Menschen, die hastig durch die Straßen eilen.

Sie sieht, wie Familien schwere Taschen tragen, Kinder an den Händen der Eltern zerren und Paare diskutieren. Die Hektik der Vorweihnachtszeit spiegelt sich in ihren Gesichtern wider. Elise nimmt Eile, Sorge und Gereiztheit wahr.

Früher, denkt sie, lag in der Adventszeit mehr Vorfreude in der Luft und die Straßen waren nicht mit getriebenen Menschen gefüllt. In diesem Moment sieht sie sich als kleines Mädchen an der Hand ihrer Mutter durch die Stadt schlendern. Erste Schneeflocken fielen aus den Wolken und die Lichter in den Fenstern leuchteten bunt. – So wie es auch heute noch ist und dennoch fehlt etwas: das warme Gefühl von damals.

Während Elise auf ihre Freundin Margarete wartet, die sich wie so oft wieder einmal verspätet, schweifen ihre Gedanken weiter. Sie fragt sich, wann der Zauber von Weihnachten, den sie einst so deutlich spürte, verloren ging. War es, als die Geschenke größer und teurer wurden? Oder als die Zeit für gemeinsame Geschichten und Lieder immer knapper wurde?

Elise fühlt eine leise Sehnsucht nach den Weihnachtsfesten ihrer Kindheit, nach dem Duft von Tannenzweigen, dem Geräusch von knisterndem Feuer im Ofen und dem ehrlichen Lachen am festlich gedeckten Tisch.

Die Tür des Cafés öffnet sich, und Margarete betritt den Raum. Als sie ihre Freundin entdeckt, schickt sie ihr ein Lächeln. Nach einer herzlichen Umarmung und ein paar ersten Worten über das Wetter beginnt das Gespräch rasch, sich den tieferen Themen zuzuwenden.

„Weißt du, Margarete,“ sagt Elise nachdenklich, „mir kommt es so vor, als hätte sich Weihnachten verändert. Früher war es das Fest der Nähe und des gemeinsamen Wartens auf das Wunder. Heute scheint es mehr um Materielles zu gehen, um Listen und Erwartungen.“

Margarete nickt und erwidert: „Du hast recht. Früher waren die Geschenke klein, aber die Freude war groß. Es ging nicht darum, was unterm Baum lag, sondern darum, wer drumherum saß.“ Sie seufzt leise. „Manchmal frage ich mich, ob wir den Sinn von Weihnachten auf dem Weg verloren haben.“

Elise blickt auf ihre Hände, als sie ihre Freundin fragt: „Sag mir, was macht Weihnachten für dich aus? Denkst du wirklich, dass der Sinn von Weihnachten verloren gegangen ist?“

Margarete greift nachdenklich nach ihrer Tasse. Ihre Stimme ist ruhig, als sie antwortet: „Vielleicht ist der Sinn von Weihnachten nie wirklich verloren gegangen. Vielleicht hat er sich nur versteckt, zwischen all dem Lärm der Welt. Weihnachten ist für mich nicht das, was ich kaufen oder verschenken kann – es ist das, was ich mit anderen teilen kann: Zeit, Aufmerksamkeit, Hoffnung. Weihnachten ist dort, wo es das stille Versprechen gibt, dass wir füreinander da sein werden, gerade dann, wenn alles um uns herum laut und hektisch ist. Der wahre Sinn liegt in meinen Augen im Miteinander, im Zuhören, im Lachen, das aus tiefstem Herzen kommt.“

Sie hält kurz inne, bevor sie fortfährt: „Solange wir zwei uns diese Momente bewahren können, hier im Café, während draußen die Welt rast, solange lebt Weihnachten in unseren Herzen weiter. Vielleicht ist es heute wichtiger denn je, innezuhalten und das Gute zu sehen, das wir einander geben können.“

Die beiden Freundinnen verbringen noch einen schönen gemeinsamen Nachmittag miteinander. Sie erzählen von den Weihnachtsfesten, als ihre Kinder noch klein waren, von selbst gebackenen Keksen und Liedern, die sie am Weihnachtsbaum gesungen haben. Sie lachen über alte Missgeschicke beim Schmücken des Baumes und werden still bei Erinnerungen an Menschen, die nicht mehr dabei sind. Aber in all diesen Erinnerungen ist Wärme, Nähe und das Gefühl, gemeinsam Teil von etwas Größerem zu sein.

Als sie sich später herzlich voneinander verabschieden, wissen sie, dass für sie der Sinn von Weihnachten nicht verloren ist, solange er in den Begegnungen lebt, die berühren und in den Erinnerungen, die wir in uns tragen.

Das Fest ist dort, wo Menschen einander zuhören, sich ein Lächeln schenken und gemeinsam den Moment teilen – ganz gleich, wie laut die Welt da draußen ist.

© Martina Pfannenschmidt, 2025


Dienstag, 30. November 2021

Zuhause

Reizwörter: Hut, Schachtel, magisch, ehrfürchtig, knarzen

Bitte lest auch bei Lore und Regina!


Schwerfällig nahm Emma jede einzelne Stufe der schmalen Stiege, die hinauf auf den Dachboden führte. Dorthin wollte sie.

Als sie die letzte Stufe erreicht hatte, blieb sie stehen und holte tief Luft. Das Atmen fiel ihr in letzter Zeit zunehmend schwerer. Dennoch war es ihr größter Wunsch, noch einmal zum Dachboden hinauf zu gehen.

Vorsichtig, ja fast schon ehrfürchtig, öffnete sie die alte Holztür. Das Gefühl, das Emma dabei überkam, konnte sie weder beschreiben, noch konnte sie es sich erklären. Es war irgendwie seltsam, ja fast schon befremdlich.

‚Eigentlich dürfte ich gar nicht hier sein’, dachte sie. Ihre Tochter Karin hatte es ihr strengstens untersagt, weil sie die Treppe als zu gefährlich ansah. Dennoch hatte sich Emma darüber hinweg gesetzt. Sie wollte – sie musste – noch einmal hierher. Was sie antrieb? Sie wusste es selbst nicht so genau.

Emma betätigte den schwarzen Drehschalter und eine an einem Dachbalken befestigte Lampe beleuchtete den Raum mit fahlem Licht.

Auf einem ausrangierten Kleiderständer hing eine abgewetzte braune Lederjacke. Sie hatte einmal ihrem Mann gehört. Emma konnte und wollte sich nicht von ihr trennen, war es doch das liebste Kleidungsstück, das ihr Mann jemals besessen hatte.

Oben auf einem alten Schrank lag noch immer der dazu passende Hut. Prompt sah sie vor ihrem inneren Auge ihren Mann, der diese Sachen trug. „Ach Friedrich“, seufzte sie, während sie mit einer Hand über einen Ärmel der Jacke strich.

Als sie behutsam die Tür des alten Schrankes öffnete, gab diese ein knarzendes Geräusch von sich. Im Schrank selbst befand sich noch altes Leinen, das sie von ihrer Mutter geschenkt bekommen hatte und das inzwischen schon vergilbt war.

Im linken Teil des Schrankes standen Kartons, in denen Emma ihre Weihnachtsdekoration aufbewahrte. Karin hatte Emmas Haus in der letzten Woche adventlich geschmückt, weshalb einige Kartons leer waren. Doch ein Karton war noch voll mit roten und silbernen Kugeln und mit Lametta.

Sie nahm es an sich und roch daran, so als könne sie über den Geruch vergangene Zeiten wahrnehmen. Als sie die kleine Schachtel mit den roten Kugeln öffnete, war ihr, als begännen die Kugeln zu flüstern: „Weißt du noch, Emma, wie es war, früher, als die Kinder noch klein waren und du mit so viel Liebe den Weihnachtsbaum geschmückt hast?“

Natürlich konnte sie sich erinnern. Wie könnte sie jemals diese Tage vergessen; trug sie doch all die heimeligen Stunden tief in ihrem Herzen. Für immer hatte sie sie dort verwahrt.

In der Ecke, dort wo der alte Schaukelstuhl stand, tanzte der Staub im Schein des Lichtes der antiquarischen Lampe. Emma holte ein Taschentuch aus ihrer Jackentasche und strich damit über den Sitz des Schaukelstuhles, bevor sie sich darauf setzte.

Ausgiebig sah sie sich um. Noch immer wusste sie nicht, was es war, dass sie wie magisch hierher gezogen hatte.

Emma atmete tief durch. Sie wusste, sie hatte eine Entscheidung zu treffen. Vielleicht war das ja auch der Grund, weshalb sie noch einmal hierher wollte: um Abschied zu nehmen.

Wenn sie ehrlich war, wusste sie, dass ihre Tochter recht hatte, wenn sie sagte, dass es nicht gut wäre, wenn Emma noch länger alleine im Haus bliebe. Es stimmte insofern, als es ihr immer schwerer fiel, ihren Alltag alleine zu meistern. Bald wäre sie nicht mehr in der Lage, sich etwas zum Essen zu kochen. Das spürte sie. Ihre Kräfte ließen mehr und mehr nach. Und dann war da ja auch noch das Alleinsein, das oftmals schwer erträglich war.

„Was meinst du, Friedrich“, sprach sie laut in den Raum hinein, „ob ich in ein Altenheim umziehen soll?“

Allein bei der Frage zog sich ihr Magen schon zusammen. Ja, sie wäre dort wieder unter Menschen und mit ganz viel Glück fände sie vielleicht nette Gesprächspartner. Aber was, wenn nicht? Was, wenn sie alleine im Zimmer hocken würde - in einem fremden Zimmer unter fremden Menschen? Dieser Gedanke war schier unerträglich für sie. Aber welche Alternative gab es für sie?

Emma schloss ihre Augen und träumte sich in vergangene Zeiten zurück.

Jetzt, in der Adventszeit, erinnerte sie sich an die roten Wangen ihrer Kinder, wenn sie in der Küche halfen und gemeinsam Spritzgebäck machten. Das war das liebste Gebäck von ihnen allen und Emma musste immer eine große Dose davon verstecken, damit zum Weihnachtsfest überhaupt noch welche übrig blieben.

Es war ihr in dem Augenblick, als läge ihr der Duft von Bratäpfeln, der das ganze Haus erfüllte, in der Nase.

Ja, sie waren wirklich eine glückliche Familie. Nicht reich, aber glücklich.

Nachdem ihre Kinder das Haus verlassen hatten, war es stiller geworden. Doch damals hatte es ja immer noch Friedrich, ihren Mann, gegeben. Aber jetzt war er nicht mehr da und sie wünschte sich tief in ihrem Herzen, bald wieder bei ihm zu sein.

Ohne es zu bemerken, schlief Emma ein.

Einige Zeit später betrat ihre Tochter das Haus. Sie rief nach ihrer Mutter und machte sich große Sorgen, als sie sie nirgendwo entdecken konnte. Irgendwann betrat auch sie die Stiege und ging mit klopfendem Herzen hinauf zum Dachboden. Ihre Mutter, sie würde doch nicht alleine dort hinauf gestiegen sein?

Als sie die Tür öffnete, bemerkte Karin sofort das Licht im Raum und danach sah sie ihre Mutter. Schlafend saß sie in dem alten Schaukelstuhl. Von diesem Bild ging ein so großer Frieden aus, dass Karin lächeln musste und jegliche Sorge und auch jeglicher Unmut gegen ihre Mutter verflogen waren.

Auf Zehenspitzen ging sie zu dem Schaukelstuhl und berührte achtsam den Arm ihrer Mutter.

„Mama“, flüsterte sie, „wach auf, du bist eingeschlafen.“

Erst als sie keine Antwort bekam, bemerkte sie das fahle Gesicht ihrer Mutter, auf dem ein ganz besonderes Lächeln lag. Als ihr bewusst wurde, was geschehen war, liefen Tränen über Karins Wangen. – Ihre Mutter. Sie war in aller Stille nach Hause gegangen.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021




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Montag, 15. November 2021

Leben wir, um zu sterben?

 Reizwörter: Nebel, Gestalt, grau, gruselig, kichern

Regina setzt dieses Mal leider aus. Aber Lore hat auch eine Geschichte mit diesen Reizwörtern geschrieben!


Eingerollt wie ein Rollmops liege ich in meinem Bett. Da meine beiden Männer sich am Abend zuvor auf den Weg zu einem Vater-Sohn-Wochenende gemacht haben - und sie mir eigentlich jetzt schon fehlen -, möchte ich dennoch diese für mich ungewohnte Situation und auch die Stille im Haus zur eigenen Reflektion nutzen.

Ich drehe mich auf den Rücken, recke und strecke mich und nehme die wenigen hellen Strahlen wahr, die verhalten ins Zimmer fallen.

Langsam setze ich meine Füße auf den Boden, begebe mich zum Fenster und ziehe die Jalousie auf.

Draußen herrscht dichter, undurchdringlicher Nebel. Typisches Novemberwetter! Nicht einmal das Nachbarhaus kann ich erkennen. Unerwartet nehme ich inmitten dieser grauen Nebelsuppe eine dunkel gekleidete Gestalt wahr.

Wie gut, dass ich das Haus jetzt nicht verlassen muss, denke ich und gehe zufrieden mit mir und der Welt ins Bad, um meine Zähne zu putzen. Dabei fällt mein Blick auf unsere Badewanne, die sich hinter mir befindet und die sich vor mir im Spiegel zeigt.

Wie lange schon habe ich kein Wannenbad mehr genommen. Meistens reicht meine Zeit dafür nicht und ich springe schnell unter die Dusche. Aber jetzt, jetzt könnte ich mir die Zeit nehmen und das tue ich auch.

Spontan lasse ich mir ein Bad ein, stelle ein paar Kerzen auf und liege bald darauf im wohlig warmen Wasser.  

Als ich meine Augen schließe, überkommt mich das Gefühl eines Babys im Mutterleib. So muss es sich anfühlen: warm, geborgen, sicher, schwerelos.

Ob es wirklich stimmt, dass wir Menschen vom Affen abstammen, kommt mir in den Sinn. Nee, irgendwie kann ich das nicht glauben … obwohl … wenn ich da so an meinen Mann denke, könnte das durchaus sein. Aber dann könnten wir auch ebenso gut vom Bären abstammen, denke ich und muss ein bisschen kichern.

Doch dann nehmen meine Gedanken unerwartet ganz andere, ernstere Wege und mir kommen Fragen in den Sinn, die mich schon lange begleiten.

Ich denke daran, wie es ist, wenn wir auf diese Welt kommen. Wir können nicht verhindern, dass das Leben seinen Lauf nimmt. Wir müssen oder dürfen ganz viel lernen, schon bevor wir überhaupt eine Schule besuchen. Irgendwann sind wir Teenager, achten auf unser Aussehen, beginnen zu flirten, versuchen unseren Platz in der Gesellschaft zu finden, streben nach Wohlstand und Besitz. Vielleicht bekommen wir eigene Kinder, werden ganz nebenbei alt, bekommen graue Haare, tragen Brille und falsche Zähne und gehen vielleicht irgendwann am Rollator, bevor wir unseren letzten Atemzug tun.

Und das soll alles gewesen sein? Was ist der Sinn dahinter? Und sind wir nun eigentlich nur Körper, der einen Geist besitzt oder sind wir geistige Wesen mit einem Körper? Und was ist eigentlich mit unserer Seele? Bewohnt unsere Seele unseren Körper oder wo befindet sie sich? Also, was sind wir Menschen nun? Vielleicht sind wir ja geistige oder gar göttliche Wesen.

Puh, bei all den Fragen schwirrt mir direkt der Kopf.

Eines steht für mich jedoch fest: von unserer Essenz her sind wir Menschen alle gleich. Und doch unterscheiden wir uns: durch unsere Hautfarbe, unsere Herkunft, unser Gemüt, unser Temperament, unser Bewusstsein.

Und noch etwas steht fest: unser Körper untersteht Veränderungen und eines Tages werden wir ihn ablegen. Da führt kein Weg drum herum und ich finde, dass es gerade der November ist, der uns in jedem Jahr erneut daran erinnert.

Doch was ist der Tod? Beendet er wirklich alles? Gibt es da nichts von mir, das übrig bleibt? Den Gedanken finde ich geradezu gruselig.

Doch wenn es (m)eine Seele wirklich gibt, wird sie doch überleben, oder nicht? Sie ist doch unsterblich, auch – oder gerade - weil sie für unsere Augen unsichtbar ist. Aber wie leben wir ohne Körper weiter? Als rein geistige Wesen? Und was ist überhaupt mit Gott? Gibt es ihn nun oder nicht?

Von meinem Gefühl her muss es da etwas geben. Etwas, was dieses ganze Universum lenkt. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Doch welche Rolle spielt das Göttliche noch im Leben von uns Menschen? Wer verlässt sich noch darauf, dass Gott alles ‚in seinen Händen hält’? Wir Menschen sind doch intelligente Wesen, die keinen Gott (mehr) brauchen. Das war - wenn überhaupt - nur etwas für die Generationen vor uns. Oder nicht? Wir zivilisierten Menschen von heute brauchen doch keinen Gott mehr. Wir sind doch ‚Macher’. Was zu tun ist, machen wir selbst mit all unseren großartigen Errungenschaften.

Ja gut, wenn wir ehrlich sind, müssen wir erkennen, dass wir uns und das Schiff, das sich Erde nennt, in eine Sackgasse manövriert haben. Aber wir schaffen das! Ganz sicher! Wir brauchen keine Hilfe. Schon gar nicht von einem Gott, den es vielleicht gibt – vielleicht aber auch nicht.

Aber wenn es nun doch einen Gott gibt – einen Schöpfer, der das ganze Universum erschaffen hat, würde er zusehen, wie die Menschen – seine Kinder – seine Schöpfung - sein Werk – alles vernichten? Würde er zusehen, wie sich die Menschen mitsamt seiner Schöpfung zugrunde richten?

Was tun liebende Eltern, denke ich? Lassen sie ihre Kinder im Stich, wenn sie dringend benötigt werden? Das glaube ich nicht. Sie würden nicht tatenlos zusehen, wenn sich ihre Nachkommen um die Lebensgrundlage bringen. Sie würden – zunächst liebevoll, später vielleicht nachdrücklicher – eingreifen und ihre Abkömmlinge wieder auf den rechten Weg bringen. Oder ist das jetzt viel zu menschlich gedacht?

Ich glaube, dass ein göttlicher Plan hinter all dem, was ist, steht. Und dieser Plan wird umgesetzt werden, ob uns das nun gefällt oder nicht und wir dürfen und müssen uns entscheiden – heute und jetzt -, ob wir gegen oder mit dem göttlichen Plan gehen und leben wollen.

Unser Leben – es steht niemals still. Und ich frage mich: Leben wir nur, um irgendwann wieder zu sterben, oder leben wir, um zu lieben, zu lernen, unser ganzes Potential auszuleben und diese Schöpfung zu bewahren? Leben wir, um die Liebe Gottes hierher auf die Erde zu bringen oder dafür, dass die Dunkelheit die Oberhand gewinnt?

Vielleicht ist der Sinn unseres Lebens, zu erkennen, was gut ist und was böse, was Licht ist und was Schatten, um letztendlich auch erfassen zu können, wer WIR eigentlich sind. Sind wir nur Körper? Dann würden wir uns kaum von den Tieren unterscheiden. Auch sie haben einen Körper, auch sie bilden Gemeinschaften, erziehen ihre Kinder, können sich untereinander verständigen. Was unterscheidet uns also?

Das wir von Gott einen freien Willen geschenkt bekommen haben und uns entscheiden dürfen, das unterscheidet uns, und das wir Fragen stellen können; Fragen wie diese, die ich mir heute stelle.

© Martina Pfannenschmidt, 2021



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Freitag, 15. Oktober 2021

Warum ist Oma schrumpelig?

 Reizwörter: Feuerwehrauto, Bier, wachsen, schnappen, schrumpelig

 Meine 'Mitschreiberinnen': Lore und Regina

 

Heute bin ich bei Oma und Opa, weil Mama arbeiten muss und der Kindergarten geschlossen ist.

Ich gehe gerne in den Kindergarten, aber bei Oma und Opa ist es auch klasse. Ich mag die beiden. Besonders meinen Opa. Der kann mir nämlich nichts ausschlagen. Sagt Oma immer. Stimmt auch. Weil ich hab mir nämlich von Opas Dackel Purzel den Blick abgeschaut. Und wenn ich Schokolade möchte, setze ich meinen Purzel-Blick auf und frage Opa. Nicht Oma. Weil die kann auch ‚Nein‘ sagen.

„Hast du dem Jungen schon wieder Schokolade gegeben?“, hallt es durch die Küche.

Das verstehe ich nicht, ich hab doch nix verraten. Woher weiß sie, dass ich Schoki hatte?

„Komm mal her mein Junge. Du hast schon wieder einen Schokoladenbart.“

Ah, daher weht der Wind. Keine Ahnung, woher der immer kommt.

„Opa“, frage ich, „gehst du mit mir auf den Spielplatz?“

„Na klar, mein Junge“, antwortet er, „aber lass mich zuerst die Zeitung zu Ende lesen.“

Das ist auch so ein Ding. Opa und seine Zeitung.

„Na gut“, sage ich und spiele noch ein bisschen mit meinem Feuerwehrauto.

Nach einer Weile steht Opa von seinem Stuhl auf.

„So, mein Junge, jetzt können wir los. Wollen wir Oma auch mitnehmen?“

Bevor ich antworten kann, kommt mir Oma zuvor: „Na klar nehmt ihr mich mit. Ihr zwei macht doch sonst nur Blödsinn, nicht?“

Schade, denke ich, denn auf dem Rückweg vom Spielplatz gibt es bestimmt ein Eis. Wir kommen nämlich genau an einer Eisdiele vorbei. Und mit Opa alleine hätte ich vielleicht zwei Kugeln herausschlagen können. So bekomme ich bestimmt nur eine. Aber immerhin.

Purzel muss eine Weile alleine klar kommen und wir drei gehen Richtung Spielplatz.

Wir sind kaum ein paar Schritte gegangen, da bleiben wir schon wieder stehen. Opa hat nämlich seinen Nachbarn getroffen und die beiden sprechen über Fußball. Ich mag auch Fußball spielen, aber da zu stehen und den beiden zuzuhören ist echt langweilig. Deshalb zupfe ich an Opas Jacke, um ihm zu zeigen, dass ich weitergehen möchte. Doch der bleibt einfach stehen und ignoriert mich. Da muss ich schnellstens Stufe Zwei schalten.

„Du Opa“, quatsche ich einfach dazwischen, „warum hat der Mann so einen dicken Bauch? Ist da ein Baby drin?“

Oma lacht laut auf. Aber eigentlich ist ihr die Sache ganz schön peinlich. Das weiß ich genau. Und ich weiß auch, dass in dem Bauch gar kein Baby ist. Da ist höchstens Bier drin. Das hat mir mein Papa nämlich schon erklärt.

Aber egal, der Mann guckt ziemlich verdutzt. Dann lacht er auch. Und Opa? Ja, der drängt plötzlich zum Weitergehen. Na also. Geht doch!

Oma und Opa setzen sich auf eine Bank und ich gehe schaukeln und rutschen und dann spiele ich im Sand. Mit einem Mädchen. Ich spiele zwar lieber mit Jungs, aber Mädchen sind manchmal auch okay. Dieses hier ist ganz okay.

Die Mama von dem Mädchen sitzt auf der Bank neben Oma und Opa und schaut immerzu auf ihr Handy. Die passt gar kein bisschen auf uns auf. Oma schaut immer, was wir gerade machen. Das find ich gut.

In dem Moment sieht das Mädchen zu meiner Oma und fragt ziemlich laut: „Warum ist deine Oma eigentlich so schrumpelig?“

„Kindermund tut Wahrheit kund!“, lacht Opa, als Oma nach Luft schnappt. Doch dann kommt er zu uns und erklärt dem Mädchen, dass Omas Falten zeigen, dass sie schon viele schöne Dinge in ihrem Leben erlebt hat. „Und wenn sie in den Spiegel schaut“, führt er weiter aus, „kann sie sich immer an diese schönen Momente erinnern.“

Das ist ganz schön nett von meinem Opa, finde ich.

Als er wieder zurück geht zur Bank, weiß er noch nicht, dass das Mädchen auch ihn auf dem Kieker hat. Prompt platzt sie nämlich mit der nächsten Frage heraus: „Warum ist dein Opa so dick?“

Ich will gerade darauf antworten, dass es mit dem Bier zu tun hat, das Opa gerne trinkt, da dreht er sich um und kommt zu uns zurück. Natürlich hat er die Frage gehört und ich glaube, Oma ist auch schon ganz gespannt, was Opa daraufhin sagen wird. Sie sieht nämlich ziemlich amüsiert aus.

Opa antwortet mit einer Gegenfrage: „Warst du schon einmal in einem Wald?“

Das Mädchen nickt und Opa sagt: „Dann hast du bestimmt gesehen, dass es im Wald dicke und dünne Bäume gibt, nicht wahr?“

Wieder nickt das Mädchen.

„Siehst du und so ist das auch mit den Menschen. Es gibt dicke Menschen und dünne Menschen und das ist völlig okay so.“

Ich bin stolz auf meinen Opa. Der hat nämlich auf jede Frage eine Antwort.

Aber dann wird es mir zu langweilig. Außerdem bekomme ich Hunger. Auf die Nudeln, die Oma mir versprochen hat, aber ganz besonders auf das Eis.

In dem Moment ruft Oma auch schon, dass wir gehen müssen.

Als wir an der Eisdiele ankommen, fragt Opa: „Möchtest du wieder eine Kugel Erdbeer?“

Ich versuche es erst gar nicht, eine zweite Kugel herauszuschlagen und nicke.

Opa nimmt auch nur eine Kugel. Aber Himbeer. Und Oma nimmt gar kein Eis. „Wegen der Linie“, sagt sie und ich denke, dass ich irgendwann mal fragen muss, welche Linie sie meint. Aber jetzt interessiert mich gerade etwas anderes und ich frage: „Du Opa, warum heißen Erdbeeren eigentlich Erdbeeren?“ Ich bin so gespannt, ob er auch das weiß.

„Na das ist doch ganz einfach“, antwortet er prompt, „weil sie unten auf der Erde wachsen.“

Ich sag ja, mein Opa weiß einfach alles.

Und nun muss ich auch gar nicht mehr fragen, warum Himbeeren Himbeeren heißen, weil das ist ja jetzt klar, schließlich wachsen sie hoch oben – nahe am Himmel.

© Martina Pfannenschmidt, 2021



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Donnerstag, 30. September 2021

Wofür bist du dankbar?

 

Herbstlaub, Tanne, traurig, bunt, schnaufen

Diese Reizwörter findet ihr auch in den Geschichten von Lore und Regina.

Die Arme auf dem Rücken verschränkt schlendert der alte Pastor Huber durch den parkähnlichen Garten des Seniorenheimes. Das Herbstlaub raschelt dabei unter seinen Füßen und vom nahe gelegenen Kindergarten dringt das bunte Treiben der kleinen Knirpse an seine Ohren.

Für einen Moment bleibt er stehen und sein Blick wandert hoch zum Wald, der sich in unmittelbarer Nachbarschaft befindet. Ein alter Lanz-Traktor bahnt sich schnaufend den Weg nach oben.

Die Tannen, die dort stehen, geben ein wahrlich trauriges Bild ab. Trocken und braun sind sie und werden sicher bald gefällt werden müssen, wie so viele andere vom Borkenkäfer befallene Bäume auch.

„Pastor Huber“, ruft Beate, die Pflegedienstleiterin, in diesem Augenblick, „möchten Sie nicht zu uns kommen? Wir basteln gerade eifrig an der Herbstdeko für unser Haus.“

„Doch, doch“, antwortet er und geht gemütlichen Schrittes in die Richtung, aus der er gerufen wurde.

An zwei zusammen geschobenen Tischen des hellen und freundlich eingerichteten Raumes sitzen einige seiner Mitbewohner und basteln eifrig. Die Frauen schneiden Fliegenpilze aus roter und weißer Pappe aus. Andere sind damit beschäftigt, mit ihren von Arthrose gezeichneten Fingern, Kränze aus Blättern zu binden. Und der Älteste in der Runde bastelt aus Tannenzapfen Hirsche.

Pastor Huber schmunzelt bei dem Gedanken, dass es im Kindergarten ein paar Häuser weiter ein ähnliches Bild geben wird. Ganz sicher wird auch dort für das Herbstfest gebastelt.

„Was möchten Sie denn fertigen?“, wird er von Beate gefragt. Der alte Pastor winkt ab. „Das ist gut gemeint. Danke! Aber ich schaue den anderen lieber nur zu. Ich bin nicht so geschickt in solchen Dingen“.

Nach einer Weile fragt er interessiert in die Runde hinein: „Wir feiern ja in einigen Tagen das Erntedankfest und mir kam der Gedanke, dass wir für so vieles dankbar sein können, nicht wahr?“

Allgemeines stummes Nicken.

„Wenn ich darüber nachdenke, wofür ich dankbar bin“, spricht er weiter, „so kommt einiges beisammen. Darf ich vielleicht mal die Frage in die Runde geben, wofür Sie dankbar sind?“

Das eifrige Werkeln wird kurz unterbrochen und die älteren Menschen besinnen sich.

Frau Meier ist die Erste, die antwortet: „Wissen Sie, die meisten von uns haben ja den Krieg mitgemacht. Einige wurden vertrieben. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass meinen Kindern diese Erfahrung erspart blieb.“

„Ich stimme Ihnen zu“, wirft nun der alte Herr Schröder ein, „wir haben sehr oft einen Grund, dankbar zu sein und wenn ich es mir recht überlege, kann ich sagen, dass ich dankbar dafür bin, dass mich mein Beruf erfüllt hat und für das Talent, Mundharmonika spielen zu können.“

Als Nächste spricht die kleine Frau Kluge: „Wenn Sie mich so fragen, Herr Pastor, bin ich dankbar für mein Leben.“

Frau Gruber, die früher als Lehrerin an der hiesigen Grundschule unterrichtete, erzählt davon, dass sie dankbar ist für all die Kinder, deren Lebensweg sie ein Stück mitgehen durfte, aber ganz besonders für ihre beiden eigenen Kinder. Nicht ohne Stolz sagt sie: „Ich bin wirklich dankbar, dass ich dieser Welt zwei wertvolle Menschen schenken durfte.“

Nun ist Frau Mertens an der Reihe. „Wissen Sie“, beginnt sie leise, „wenn ich in den Nachrichten die Bilder sehe von bewaffneten Soldaten, die in den Straßen vor zerstörten Häusern patrouillieren, dann bin ich dankbar, dass ich in einem Land leben darf, in dem ich frei und sicher leben kann.“

Beate, die Pflegedienstleiterin, ist ganz begeistert von all den Antworten der Senioren. „Also ich kann sagen, dass ich dankbar bin, so liebenswerte und gleichzeitig lebenserfahrene Menschen wie sie um mich zu haben“, sagt sich, „ich bin aber auch dankbar für einen freien Nachmittag, an dem ich mit einer Freundin in einem Eiscafé sitzen darf oder für einen gemütlichen Grillabend bei Freunden.“

Nun traut sich auch die ansonsten eher zurückhaltende Frau Kleine zu Wort: „Ich hoffe, es ist nicht vermessen, wenn ich sage, dass ich überhaupt ein dankbarer Mensch bin. Ich bin dankbar für die vielen kleinen alltäglichen Dinge, an denen ich mich erfreuen kann. Und ich bin dankbar, dass ich in meinem Alter noch so rüstig sein darf.“ Nach einer Gedankenpause fügt sie an: „Ich denke, dass dankbare Menschen allgemein zufriedener sind.“

„Wissen Sie was“, spricht Beate bald darauf den Pastor an, „wollen wir am Sonntag nicht eine kleine Dankfeier ausrichten? Wir könnten Danklieder singen und Herr Schröder könnte uns mit seiner Mundharmonika dabei unterstützen. Und vielleicht möchten Sie zum Thema Dankbarkeit eine kleine Ansprache halten. Was meinen Sie dazu?“

Als hätte der alte Pastor nur darauf gewartet, erhebt er sich schwungvoll wie ein junger Bursche von seinem Stuhl und macht sich unvermittelt auf den Weg in sein Zimmer und an die Arbeit.

Nun ist es auch für ihn an der Zeit, sein Talent auszuleben und Vorbereitungen zu treffen.

 

Und - wofür bist DU dankbar?

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021



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Dienstag, 15. Dezember 2020

So soll es sich zugetragen haben

Auch bei Lore und Regina findet ihr Geschichten, in denen die nachfolgenden Reizwörter verarbeitet wurden:

Wald, Schneesturm, erfrieren, glitzern, wunderschön

  

Ein heftiger Schneesturm fegte um die alte Scheune und blies durch so manche Ritze feinen Schnee und klirrende Kälte hinein.

„Wie gut, dass wir unseren eigenen dicken Wollpulli tragen“, scherzte Agatha, das Mutterschaf.

Alice, ihre kleine Tochter, stand dennoch etwas zittrig neben ihr.

„Du musst dich nicht fürchten“, meinte Agatha beruhigend, „der Sturm wird sich bald legen und wir werden ganz gewiss nicht erfrieren müssen.“

Dennoch kuschelte sich Alice noch ein bisschen dichter an ihre Mutter heran.

„Wie wäre es denn“, fragte diese nach einer Weile, „wenn ich dir eine kleine Geschichte erzähle?“

„Das wäre toll“, antwortete Alice begeistert, ließ sich dicht neben ihrer Mutter im Stroh nieder und lauschte gespannt.

„Es war einmal eine ältere, reiche Dame“, begann Agatha, „die in einer schönen kleinen Villa am Stadtrand lebte und auf den Namen Patricia hörte.

Patricia war vor vielen Jahrzehnten in diesem Haus geboren worden, das sie danach zusammen mit ihren Eltern mit Leben gefüllt hatte. Heute bewohnte sie das Haus nur noch alleine und vielfach trugen sie ihre Gedanken zurück in die fröhliche Vergangenheit.

Damals, ja damals, da hatte es neben ihren Eltern noch ihre allerbeste Freundin Heidi gegeben.

Heidi lebte zu der Zeit in einem kleinen Häuschen dicht am Wald und obwohl die Büsche in Patricias Garten inzwischen viel höher gewachsen waren, konnte sie das verwunschene kleine Häuschen noch heute von ihrem Wohnzimmerfenster aus sehen.

Heidi war dort zusammen mit ihrer Mutter in sehr bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen; doch trotz des unterschiedlichen Standes waren die beiden Mädchen allerbeste und unzertrennliche Freundinnen gewesen.

Eines Tages jedoch hatten Patricias Eltern entschieden, ihre Tochter auf ein Internat zu schicken und so verloren sich die beiden Freundinnen aus den Augen.“

„Oh“, sprach Alice dazwischen, „dann waren sie aber bestimmt sehr traurig.“

„Ja, ganz sicher waren sie das und auch an diesem Tag, von dem ich dir erzähle, war Patricia ein bisschen wehmütig zumute, als sie am Fenster stand und hinüber zum alten Haus ihrer Freundin blickte. Der Schnee, der dick auf dem Dach des kleinen Häuschens lag, glitzerte im Sonnenlicht und fein kräuselte sich weißer Rauch aus dem Schornstein, als Patricia sich fragte, wo ihre Freundin aus Kindertagen wohl heute lebte. Vielleicht hatte sie geheiratet und Kinder bekommen. Beides war Patricia verwehrt geblieben, weshalb sie trotz ihres Reichtums oft einsam war.

Die Dunkelheit hielt auch an diesem Tag früh Einzug, weshalb es sich Patricia mit einem guten Buch vor dem Kamin gemütlich machte. Aber irgendwie konnte sie sich einfach nicht auf den Inhalt des Buches konzentrieren. Ihre Gedanken gingen ständig zu dem alten Haus und ihrer früheren Freundin zurück. Eigenartig war das.

Ob Heidi wohl manchmal auch an sie dachte, fragte sie sich.

Am nächsten Morgen klingelte es an der Haustür. Der Postbote brachte ein kleines Päckchen und überreichte ihr ein paar Briefe. Gerade als Patricia die Haustür wieder schließen wollte, kam ihr ein Gedanke, weshalb sie dem Postboten hinterher rief: ‚Entschuldigen Sie bitte, können Sie mir sagen, wer jetzt in dem alten Haus oben am Waldrand wohnt?‘

‚Oh, das tut mir sehr leid‘, antwortete dieser, ‚aber es ist uns strengstens untersagt, derartige Auskünfte zu geben.‘

„Der ist gemein, der Postbote“, fuhr das kleine Schäfchen aufgebracht dazwischen. „Vielleicht wohnt ja die beste Freundin Heidi inzwischen wieder dort. Er soll es ihr doch bitte sagen, Mama, ja?“

Agatha schmunzelte. „So, fuhr sie fort. Du möchtest also, dass Heidi wieder in dem Haus wohnt und die beiden Freundinnen sich nach vielen Jahren wiederfinden?“

„Oh ja, bitte. Das wäre doch wirklich schön!“

„Ja, das wäre wunderschön“, schmunzelte Agatha. „Nun, wir werden sehen, wie es weitergeht.

Der Postbote sah das traurige Gesicht der alten Dame, weshalb er näher an sie heran trat und ihr im Flüsterton zutrug, dass er ihr den Namen der Frau wirklich nicht verraten dürfe, dass er aber glaube, dass sie sehr arm und auch einsam sei. ‚Vor ihrem Haus liegt kaum noch Holz‘, erzählte er außerdem, ‚und wenn es weiterhin so kalt bleibt, könnte der Frau das Brennholz ausgehen und das, wo doch das Weihnachtsfest vor der Tür steht und es schon jetzt mächtig kalt ist. Aber: Pssst! Ich habe nichts gesagt!‘ Dabei legte er einen Zeigefinger vor den Mund.

Patricia bedankte sich für die Auskunft, legte das Päckchen und die Briefe gedankenlos auf die kleine Kommode im Flur ab und begab sich in ihre Küche, um sich einen Tee zuzubereiten. Sie musste nachdenken und das konnte sie am besten bei einer Tasse Tee tun.

Eines wurde ihr dabei schnell klar: Dieser Frau musste geholfen werden, ob es sich nun um ihre alte Freundin Heidi handelte oder um eine andere Person. Deshalb griff sie nach ihrem Telefonbuch, suchte gezielt nach einem Namen und gab dort anschließend eine Bestellung auf.

Der Mann am anderen Ende des Telefons erkundigte sich noch einmal, ob er es wirklich richtig verstanden hatte: Er sollte ein ganzes Fuder Brennholz bei dem alten Haus am Waldrand abladen und die Rechnung sollte er an Patricia richten?

‚Ja‘, antwortete diese kopfschüttelnd, ‚das hab ich Ihnen doch gerade gesagt! Und denken Sie daran: kein Wort zu der Frau, wer Ihnen den Auftrag erteilt hat.‘

Bereits am nächsten Tag wurde das Holz angeliefert. Die alte Frau, die in dem Haus lebte, konnte ihr Glück kaum fassen und sprach von einem Wunder, um das sie täglich gebeten hatte.“

„Dann war es doch nicht Heidi, die dort wieder wohnte?“, erkundigte sich Alice und war sichtlich enttäuscht.

„Nein, leider nicht“, bestätigte Agatha, „aber du weißt doch: wenn wir anderen etwas Gutes tun, so wird auch das Gute zu uns finden, nicht wahr?“

Alice nickte. Von diesem Naturgesetz hatte ihr ihre Mutter schon oft erzählt.

„Pass nur auf“, meinte Mama, „wie die Geschichte endet.

Ein paar Tage später – das Weihnachtsfest rückte immer näher -, entschied Patricia, mit dem Bus in die Stadt zu fahren, um ein paar Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Sie wollte in jedem Fall auch den Briefträger bedenken, ihre Zugehfrau und ein paar liebe Freunde. So kam es, dass ein kleines Geschenk nach dem anderen in ihren Taschen verschwand und sie entschied, sich für die Rückfahrt ein Taxi zu nehmen.

Der junge Taxifahrer war sehr freundlich, nahm Patricia die Tüten ab und hielt ihr die Autotür auf, damit sie bequem einsteigen konnte.

Sie nannte ihre Adresse und das Taxi setzte sich in Bewegung. Der junge Mann sah jedoch auffallend oft in den Spiegel, so dass sich  Patricia regelrecht beobachtet fühlte, was ihr sichtlich unangenehm und auch unheimlich war. Dennoch fragte sie ihn mutig: ‚Weshalb sehen Sie mich so eindringlich an?‘

‚Entschuldigen Sie bitte. Ich weiß, dass ist sehr unhöflich‘, erwiderte der junge Mann wohlerzogen, ‚aber die Adresse, die Sie mir genannt haben, kommt mir aus Erzählungen meiner Großmutter irgendwie bekannt vor. Sie spricht häufig von ihrer besten Freundin, die dort einmal gewohnt haben soll. Sagen Sie, Ihr Vorname ist nicht zufällig Patricia?‘

Wie gut, das sie saß, sonst wäre Patrica gewiss vor lauter Schreck umgefallen …“.

„… und dann haben sich die beiden wieder getroffen und Patricia hat zusammen mit ihrer Freundin Heidi und deren Familie Weihnachten gefeiert. So war es doch, Mama, oder?“, fragte das kleine Schäfchen voller Ungeduld.

„Wenn du möchtest, dass diese Geschichte so endet, meine kleine Alice, dann soll es sich genau so zugetragen haben.“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2020



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