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Dienstag, 30. November 2021

Zuhause

Reizwörter: Hut, Schachtel, magisch, ehrfürchtig, knarzen

Bitte lest auch bei Lore und Regina!


Schwerfällig nahm Emma jede einzelne Stufe der schmalen Stiege, die hinauf auf den Dachboden führte. Dorthin wollte sie.

Als sie die letzte Stufe erreicht hatte, blieb sie stehen und holte tief Luft. Das Atmen fiel ihr in letzter Zeit zunehmend schwerer. Dennoch war es ihr größter Wunsch, noch einmal zum Dachboden hinauf zu gehen.

Vorsichtig, ja fast schon ehrfürchtig, öffnete sie die alte Holztür. Das Gefühl, das Emma dabei überkam, konnte sie weder beschreiben, noch konnte sie es sich erklären. Es war irgendwie seltsam, ja fast schon befremdlich.

‚Eigentlich dürfte ich gar nicht hier sein’, dachte sie. Ihre Tochter Karin hatte es ihr strengstens untersagt, weil sie die Treppe als zu gefährlich ansah. Dennoch hatte sich Emma darüber hinweg gesetzt. Sie wollte – sie musste – noch einmal hierher. Was sie antrieb? Sie wusste es selbst nicht so genau.

Emma betätigte den schwarzen Drehschalter und eine an einem Dachbalken befestigte Lampe beleuchtete den Raum mit fahlem Licht.

Auf einem ausrangierten Kleiderständer hing eine abgewetzte braune Lederjacke. Sie hatte einmal ihrem Mann gehört. Emma konnte und wollte sich nicht von ihr trennen, war es doch das liebste Kleidungsstück, das ihr Mann jemals besessen hatte.

Oben auf einem alten Schrank lag noch immer der dazu passende Hut. Prompt sah sie vor ihrem inneren Auge ihren Mann, der diese Sachen trug. „Ach Friedrich“, seufzte sie, während sie mit einer Hand über einen Ärmel der Jacke strich.

Als sie behutsam die Tür des alten Schrankes öffnete, gab diese ein knarzendes Geräusch von sich. Im Schrank selbst befand sich noch altes Leinen, das sie von ihrer Mutter geschenkt bekommen hatte und das inzwischen schon vergilbt war.

Im linken Teil des Schrankes standen Kartons, in denen Emma ihre Weihnachtsdekoration aufbewahrte. Karin hatte Emmas Haus in der letzten Woche adventlich geschmückt, weshalb einige Kartons leer waren. Doch ein Karton war noch voll mit roten und silbernen Kugeln und mit Lametta.

Sie nahm es an sich und roch daran, so als könne sie über den Geruch vergangene Zeiten wahrnehmen. Als sie die kleine Schachtel mit den roten Kugeln öffnete, war ihr, als begännen die Kugeln zu flüstern: „Weißt du noch, Emma, wie es war, früher, als die Kinder noch klein waren und du mit so viel Liebe den Weihnachtsbaum geschmückt hast?“

Natürlich konnte sie sich erinnern. Wie könnte sie jemals diese Tage vergessen; trug sie doch all die heimeligen Stunden tief in ihrem Herzen. Für immer hatte sie sie dort verwahrt.

In der Ecke, dort wo der alte Schaukelstuhl stand, tanzte der Staub im Schein des Lichtes der antiquarischen Lampe. Emma holte ein Taschentuch aus ihrer Jackentasche und strich damit über den Sitz des Schaukelstuhles, bevor sie sich darauf setzte.

Ausgiebig sah sie sich um. Noch immer wusste sie nicht, was es war, dass sie wie magisch hierher gezogen hatte.

Emma atmete tief durch. Sie wusste, sie hatte eine Entscheidung zu treffen. Vielleicht war das ja auch der Grund, weshalb sie noch einmal hierher wollte: um Abschied zu nehmen.

Wenn sie ehrlich war, wusste sie, dass ihre Tochter recht hatte, wenn sie sagte, dass es nicht gut wäre, wenn Emma noch länger alleine im Haus bliebe. Es stimmte insofern, als es ihr immer schwerer fiel, ihren Alltag alleine zu meistern. Bald wäre sie nicht mehr in der Lage, sich etwas zum Essen zu kochen. Das spürte sie. Ihre Kräfte ließen mehr und mehr nach. Und dann war da ja auch noch das Alleinsein, das oftmals schwer erträglich war.

„Was meinst du, Friedrich“, sprach sie laut in den Raum hinein, „ob ich in ein Altenheim umziehen soll?“

Allein bei der Frage zog sich ihr Magen schon zusammen. Ja, sie wäre dort wieder unter Menschen und mit ganz viel Glück fände sie vielleicht nette Gesprächspartner. Aber was, wenn nicht? Was, wenn sie alleine im Zimmer hocken würde - in einem fremden Zimmer unter fremden Menschen? Dieser Gedanke war schier unerträglich für sie. Aber welche Alternative gab es für sie?

Emma schloss ihre Augen und träumte sich in vergangene Zeiten zurück.

Jetzt, in der Adventszeit, erinnerte sie sich an die roten Wangen ihrer Kinder, wenn sie in der Küche halfen und gemeinsam Spritzgebäck machten. Das war das liebste Gebäck von ihnen allen und Emma musste immer eine große Dose davon verstecken, damit zum Weihnachtsfest überhaupt noch welche übrig blieben.

Es war ihr in dem Augenblick, als läge ihr der Duft von Bratäpfeln, der das ganze Haus erfüllte, in der Nase.

Ja, sie waren wirklich eine glückliche Familie. Nicht reich, aber glücklich.

Nachdem ihre Kinder das Haus verlassen hatten, war es stiller geworden. Doch damals hatte es ja immer noch Friedrich, ihren Mann, gegeben. Aber jetzt war er nicht mehr da und sie wünschte sich tief in ihrem Herzen, bald wieder bei ihm zu sein.

Ohne es zu bemerken, schlief Emma ein.

Einige Zeit später betrat ihre Tochter das Haus. Sie rief nach ihrer Mutter und machte sich große Sorgen, als sie sie nirgendwo entdecken konnte. Irgendwann betrat auch sie die Stiege und ging mit klopfendem Herzen hinauf zum Dachboden. Ihre Mutter, sie würde doch nicht alleine dort hinauf gestiegen sein?

Als sie die Tür öffnete, bemerkte Karin sofort das Licht im Raum und danach sah sie ihre Mutter. Schlafend saß sie in dem alten Schaukelstuhl. Von diesem Bild ging ein so großer Frieden aus, dass Karin lächeln musste und jegliche Sorge und auch jeglicher Unmut gegen ihre Mutter verflogen waren.

Auf Zehenspitzen ging sie zu dem Schaukelstuhl und berührte achtsam den Arm ihrer Mutter.

„Mama“, flüsterte sie, „wach auf, du bist eingeschlafen.“

Erst als sie keine Antwort bekam, bemerkte sie das fahle Gesicht ihrer Mutter, auf dem ein ganz besonderes Lächeln lag. Als ihr bewusst wurde, was geschehen war, liefen Tränen über Karins Wangen. – Ihre Mutter. Sie war in aller Stille nach Hause gegangen.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021




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Sonntag, 22. Dezember 2019

Engelflügel


Bonita, die Mäuse-Mama, fegte ein paar Krümel zusammen, die sich unter dem kleinen Tisch auf dem Boden befanden.
Opa Maus saß in seinem Schaukelstuhl und beobachtete seine drei Enkel, die auf den Namen Lumpi, Flip und Albina hörten.
Lumpi und Flip spielten mit Murmeln, während Albina etwas aufgeregt von einem Beinchen aufs andere sprang.
„Albina“, sprach Opa sie an, „du machst mich ganz verrückt mit deiner Zappelei. Setz dich und nimm ein Buch in die Hand.“
„Kann nicht, Opa, bin einfach zu aufgeregt!“
„Und weshalb bist du aufgeregt?“
„Na, weil bald Weihnachten ist und weil die Kinder gleich kommen und für das Krippenspiel üben.“
„Auch das noch!“, murrte Opa. „In jedem Jahr das gleiche Spiel. Und immer dieser Krach hier im Haus. Es sind ja nicht nur die lärmenden Kinder. Zu Weihnachten strömen ja auch all die erwachsenen Menschen in Scharen hier in mein Zuhause! Und dann das ständige Gebimmel!“
„Dann hättest du dir ein anderes Zuhause suchen müssen“, warf Bonita ein, „und nicht in einer Kirche Unterschlupf suchen dürfen.“
„Du weißt genau, weshalb wir hier sind!“, sagte Opa etwas schärfer, als er es wollte.
„Weshalb denn?“, hakte Albina nach.
„Na, weil die Menschen im Herbst einen großen Erntekranz in die Kirche tragen. Da fallen so viele Körner heraus, dass wir für den ganzen Winter ausgesorgt haben. Das weißt du doch. Und deshalb sind wir hier!“
„Ach so“, erwiderte die Kleine enttäuscht, „und ich dachte, wegen Weihnachten.“
„Du magst das Fest, nicht wahr, meine Kind?“, fragte Bonita warmherzig.
„Ich liiieebe Weihnachten“, rief die Kleine und tanzte dabei durch den Raum. „Schon dieses Wort! Wie es klingt! Einfach zauberhaft!“
„Und dann sind da ja noch all die anderen schönen Wörter, nicht wahr: Weihnachtslieder, Weihnachtsbaum, Weihnachtsplätzchen,  …“
„… und die Weihnachtsgeschichte“, fiel Albina ihrer Mutter ins Wort. „Das ist das schönste am ganzen Fest.“
„Warum wird eigentlich Weihnachten gefeiert?“, fragte Flip plötzlich dazwischen.
„Na, wegen der Geschenke und weil Winter ist“, meinte Lumpi.
„So ein Quatsch!“, sagte Albina scharf. „Habt ihr denn im letzten Jahr kein bisschen aufgepasst? Weihnachten hat einen Anfang und einen völlig anderen Grund.“
Sie wusste noch aus dem vergangenen Jahr, dass die Weihnachtsgeschichte in einem Stall spielt und dass ein Zimmermann namens Josef und seine schwangere Frau namens Maria damit zu tun haben. Sie wusste auch, dass sie aus Nazareth kamen und auf dem Weg nach Bethlehem waren. Wenn sie sich recht erinnerte, hatte es damit zu tun, dass ein Kaiser eine Volkszählung angeordnet hatte. Der Name fiel ihr aber nicht mehr ein, weshalb sie ihren Opa fragte: „Opa, weißt du noch, wie der Kaiser hieß, der die Volkszählung angeordnet hat?“
„Ne, das weiß ich nicht. Franz vielleicht oder Wilhelm?“
„Opa!“, rief Mama scharf. „Erzähl dem Kind keinen Blödsinn. Augustus hieß der Kaiser und nicht Franz oder Wilhelm.“
„Ja, mei!“
„Und warum blieben sie nicht, wo sie waren, wenn die Frau schwanger war?“, wollte Flip nun wissen.
„Weil jeder dafür in seinen Geburtsort gehen musste, um sich dort registrieren zu lassen“, erklärte Mama. „Und weil so viele Menschen unterwegs waren, gab es keine Bleibe mehr für Josef und Maria. Fast wäre das Jesuskind unter freiem Himmel geboren worden. Aber Gott sei Dank stellte ein Mann den beiden seinen Stall zum Übernachten zur Verfügung.“
„Genau!“, rief Albina und flitzte zurück zur Ritze im Fußboden hoch oben auf der Empore. Von dort aus hatte sie einen wunderbaren Blick in den Altarraum der kleinen Kirche hinein, wo die ersten Kinder eintrudelten, um für das Krippenspiel zu üben.
Bald hörte sie, wie die Kinder das Lied ‚Vom Himmel hoch, da komm ich her’ einübten. – Ja und dann kam der Moment, auf den Albina besonders wartete. Der Auftritt des Engels stand bevor.
Ein kleines Mädchen mit einem weißen Gewand und Flügeln aus Federn stand dort und sah wirklich aus wie ein goldiger kleiner Engel mit ihren blonden Haaren und den roten Pausbäckchen.
Würdevoll sprach sie ihren Text. Albina war ganz gerührt. Ach, wie schön wäre es, einmal im Leben diese Rolle spielen zu dürfen. Wie gerne würde sie mit dem kleinen Mädchen tauschen. Es musste eine Ehre sein, diese Worte sprechen zu dürfen.
Heiligabend.
Selbst Opa Maus war heute nicht brummig, obwohl schon ziemlich viel los war in seinem Zuhause. Aber die Vorfreude der Kinder schlug auch auf ihn über.
Nach dem Gottesdienst wurde es sehr still in der Kirche. Mama zündete die kleinen Kerzen auf dem Weihnachtsbaum an und die Mäusefamilie stimmte Albinas Lieblingslied an. „Stille Nacht, heilige Nacht …“ sangen sie voller Inbrust mit ihren feinen Stimmchen.
Und dann kam der Moment, auf den alle warteten. Es war Zeit für die Bescherung. Flip und Lumpi bekamen neue Spielzeugautos und Opa eine neue Pfeife. Nur Albina hielt noch kein Geschenk in Händen, weshalb sie erwartungsvoll in die Augen ihrer Mutter sah.
Die leuchteten, als Mama ihr ein Päckchen übergab. „Für dich“, sagte sie. „Ich habe es nur für dich gemacht!“
Albina löste die Schleife und öffnete das verheißungsvolle Päckchen. Ihre Augen wurden groß und größer.
„Nach den Proben hab ich all die Engel-Federchen eingesammelt, die der Engel verloren hatte“, erzählte Mama, „und hab daraus für dich neue Flügelchen gebastelt. Jetzt darfst du auch ein Engel sein!“
Albina strahlte über das ganze Gesicht, als sie die Flügelchen anzog. Dann stellte sie sich auf einen Stuhl und sprach mit bebender Stimme: 
Bildergebnis für federn bilder kostenlos"„Fürchtet euch nicht! Denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;  denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HERR, in der Stadt Davids.  Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“


© Martina Pfannenschmidt, 2019


Ich
wünsche dir
einen gemütlichen 4. Advent,
ein lichtvolles Weihnachtsfest,
sage Danke für deinen Besuch auf meinem Blog
und freue mich auf ein ‚Wiedersehen‘ im neuen Jahr!
Komm
gut
hinein
ins
Jahr

2020!


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Sonntag, 15. Dezember 2019

Schlafmütze und Rasselbande

Auch bei Lore und Regina gibt es Geschichten mit den folgenden
Reizwörtern: Engelhaar, Stern, glitzern, jubeln, glücklich

Mama Maus standen die Haare zu Berge. Ihre vier Buben waren heute wirklich außer Rand und Band. Na, nicht alle. Schlafmütze wurde seinem Namen wieder einmal gerecht. Er lag schlafend und zusammen gerollt in der Sofaecke, was bei dem Radau, der um ihn herum herrschte, an ein Wunder grenzte.
Flummi, Pupsi und Fussel rannten hintereinander her, sprangen übereinander und … fast hätten sie die wertvolle Lampe, die ein Erbstück von Oma Friedegunde war, umgeschmissen.
„So, jetzt ist aber Schluss!“, rief Mama Maus energisch.
Sogar Schlafmütze öffnete seine Augen. Hatte hier jemand etwas gesagt?
„Kommt mal her, ihr Rasselbande. Ihr seid ja nicht zu bändigen. Was haltet ihr davon, wenn wir uns an den Tisch setzen, die leckeren Körnerkekse essen und ich uns einen Kakao mache?“
Die Mäusekinder riefen alle durcheinander, gingen dann aber doch sehr geordnet auf ihre Plätze am Esstisch.
„Schlafmütze, mach mal ein bisschen schneller“, rief Flummi.
Fussel lachte: „Du schläfst ja sogar im Gehen!“
„Ärgert euren Bruder nicht, nur weil er anders ist, als ihr“, ermahnte Mama ihre Kinder.
Dann stellte sie fünf Becher Kakao auf den Tisch, holte die Körnerkekse aus dem Schrank und nahm Streichhölzer aus der Schublade.
Mit einer Engelsgeduld entzündete sie drei Kerzen.
„Heute ist schon der dritte Advent“, freute sich Pupsi. „Jetzt dauert es gar nicht mehr lange, dann ist Heiligabend.“
„Es sind noch genau neun Tage“, rechnete Mama Maus ihren Kindern vor. „Das ist wirklich nicht mehr so lange. Habt ihr denn schon Eure Wunschzettel für das Christkind geschrieben?“
„Schon lange!“, riefen sie. „Wir müssen sie nur noch auf die Fensterbank legen.“
„Dann solltet ihr das heute Abend machen, damit das Christkind noch genug Zeit hat, euch die Wünsche zu erfüllen. Aber ihr wisst ja, dass nicht immer alle Wünsche erfüllt werden können.“
Die Jungs nickten. Leider hatten auch sie schon diese Erfahrung gemacht.
Als sie deshalb ein wenig traurig schauten, begann Mama Maus, ihren Buben eine Geschichte zu erzählen:
„Es war einmal ein kleiner Junge. Ein Menschenkind. Man hatte ihm den Namen Sebastian gegeben.“
„Das ist ein schöner Name, der gefällt mir“, ließ Flummi wissen.
„Dieser Junge wohnte bei seiner Großmutter in einem kleinen Häuschen am Waldrand.“
„Wo waren denn seine Eltern?“, fiel Fussel Mama ins Wort.
„Seine Eltern lebten nicht mehr. Sie waren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Sebastian konnte sich an sie und diesen Unfall gar nicht mehr erinnern, weil er noch sehr klein gewesen war, als es passierte. Er war der einzige der kleinen Familie, der überlebt hatte. Doch bei dem Unfall war sein linkes Bein so schwer verletzt worden, dass es ihn oft schmerzte und er auch gezwungen war, zu humpeln.“
„Oh, das tut mir leid“, warf Pupsi ein.
„Der Junge war inzwischen zehn Jahre alt und er hätte gern mit seinen Mitschülern Fußball gespielt, doch das war ihm einfach nicht möglich.“
„Dann war er ganz bestimmt traurig“, meinte Schlafmütze.
„Ganz sicher machte ihn das traurig“, mutmaßte Mama. „Und was denkt ihr, was sich dieser Junge in jedem Jahr zum Weihnachtsfest wünschte? Was stand wohl aus seinem Wunschzettel?“
Die Jungs sahen sich gegenseitig an. Fussel vermutete, dass sich der Junge einen Fußball wünschte. Flummi zeigte ihm einen Vogel: „Du spinnst doch. Der konnte doch gar nicht Fußball spielen. Hat Mama doch gerade gesagt.“
„Stimmt!“
„Ist doch ganz klar“, wusste Pupsi, der Kleinste, „er wünschte sich, gesund zu werden.“
„Genau so war es. Auch in diesem Jahr schrieb Sebastian auf den Weihnachtswunschzettel: Ich wäre gern wie die anderen Jungs und möchte Fußball spielen können.“
„Das ist wirklich traurig“, meinte Schlafmütze ein weiteres Mal mitfühlend.
„Weshalb?“, wollte Mama wissen.
„Na, weil das Christkind ihm diesen Wunsch sicher nicht erfüllen kann.“
„Doch, das Christkind kann so was!“, war Pupsi sicher.
„Passt nur gut auf“, sagte Mama mit erhobener Stimme, „wie die Geschichte weiter geht. – Am 24. Dezember, also Heiligabend, öffnete Sebastian die Tür zum Wohnzimmer. Vor ihm stand ein Weihnachtsbaum, der noch viel schöner glitzerte, als im Jahr zuvor. Seine Oma hatte ihn mit viel Lametta, roten Äpfeln, Strohsternen und Engelhaar geschmückt. Ein großer silberner Stern steckte oben auf der Spitze des Baumes.
‚Geh nur näher heran’, munterte sie den Jungen auf, ‚und schau, was dir das Christkind gebracht hat.’
Unter dem Baum lagen ein Pulli, den seine Oma gestrickt hatte, ein Schlafanzug, ein Buch und auch ein Spiel.
Der Junge bedankte sich höflich bei seiner Oma, doch sein Herz war schwer, weil sein größter Wunsch wieder nicht erfüllt worden war.
Natürlich ahnte seine Oma das, doch sie wusste nicht, wie sie, - Mama räusperte sich -, wie das Christkind ihm diesen Wunsch jemals erfüllen sollte.“
„Der Schluss der Geschichte gefällt mir nicht“, sagte Schlafmütze und maulte. „Mir auch nicht!“, riefen die anderen. „Das ist eine doofe Geschichte.“
„Ist sie denn schon zu Ende?“, fragte Mama und sah spitzbübisch in acht freudig leuchtende Augen.
„Ist sie noch nicht zu Ende?“
„Nein, sie ist noch nicht zu Ende. Ihr wisst doch, alles wird immer gut werden und so endet auch diese Geschichte gut. Hört nur zu.
Die beiden verbrachten ein harmonisches Weihnachtsfest, hörten Weihnachtslieder, spielten mit dem neuen Spiel und fuhren zu Verwandten, wo es noch weitere Geschenke für Sebastian gab.
Doch die ganz große Überraschung kam für den Jungen ein paar Tage nach dem Fest. Ein anderer Junge, der genau in seinem Alter war, zog unerwartet ins Nachbarhaus ein und dieser Junge litt unter einer Krankheit, die man Asthma nennt. Er bekam also schlecht Luft. Deshalb konnte er weder schnell laufen, noch Fußball spielen.“
„Und der wurde sein bester Freund. Ist es so?“, rief Schlafmütze dazwischen und jubelte vor Freude, als Mama nickte.
„Genau so verhielt es sich. Das Christkind hatte ihm seinen Wunsch zwar nicht in der Form erfüllt, wie Sebastian es sich vielleicht erhofft hatte, doch es hatte dafür gesorgt, dass aus einem traurigen kleinen Jungen ein glücklicher wurde.“
„Das war doch eine schöne Geschichte“, meinte Schlafmütze und gähnte. Inzwischen waren auch seine drei quirligen Brüder müde geworden und als die vier später schlafend in ihren Betten lagen, schlich Mama nach draußen. Nur um zu schauen, ob das Christkind die Wunschzettel auch gefunden hatte.

© Martina Pfannenschmidt, 2019





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Dienstag, 10. Dezember 2019

Ein ganz besonderes Geschenk



Als Katrin das Haus betrat wurde sie von einem verführerischen Duft empfangen, so dass sie schnellen Schrittes Richtung Küche lief.
Oma stand mit geröteten Wangen vor dem heißen Backofen und entnahm ihm ein Blech wohlriechender Kekse.
„Hmmmm, wie das duftet!“, schwärmte Katrin und fügte eine Frage an: „Gibt es bei dir zufällig einen leckeren Tee für die Lieblingsenkelin und vielleicht noch ein paar dieser wunderbaren Kekse dazu?“
„Du bist und bleibst ein Schelm“, antwortete Oma und freute sich, dass ihre Enkelin ein paar Minuten ihrer wertvollen Zeit mit ihr verbringen wollte. „Natürlich gibt es einen Tee bei mir und die Kekse dort hinten sind schon abgekühlt, wenn du sie probieren …“
Zu spät. Die ersten Kekse waren längst in Katrins Magen verschwunden. „Die sind echt lecker“, nuschelte sie mit vollem Mund.
Oma schüttelte nur den Kopf. Ihre Katrin. Groß war sie geworden, ein echter Teenager, doch manchmal war sie noch ihre Kleine. So wie in diesem Augenblick.
Bald darauf saßen die beiden bei einer Tasse Tee am Küchentisch und Katrin erkundigte sich, ob Oma die Kekse zum Verschenken gebacken hatte.
„Gewiss! Im Sommer hab ich schon Marmelade gekocht und einen Likör angesetzt, den ich verschenke und für ganz besonders liebe Menschen habe ich noch … oh, jetzt hätte ich mich fast verplappert.“
Katrin wusste dennoch, was Oma fast herausgerutscht wäre. Da sie gewiss zu Omas Lieblingsmenschen gehörte, würde sie bestimmt auch wieder ein Paar Socken ergattern. Die bunt Geringelten mochte sie am liebsten. Aber das wusste Oma natürlich.
„Ach Omi, du hast bald alle Geschenke beisammen und ich noch nicht einmal eine Idee; dabei steht schon bald der 3. Advent vor der Tür. Mir fehlen einfach die Ideen für kreative Geschenke. Eigentlich weiß ich überhaupt nicht, was ich schenken soll und so viel Geld hab ich ja auch nicht.“
„Ach Katrin, als ob es auf den Preis ankäme. Du weißt doch, das Geschenke, die von Herzen kommen, einen viel größeren Wert haben, als die, die ohne Liebe ausgesucht und verschenkt werden.“
„Ja, das ist mir schon klar. Aber mir fehlen einfach die Ideen“, wiederholte sie sich.
„Dann würde ich folgendes vorschlagen. Du sagst, wen du beschenken möchtest und wir überlegen uns gemeinsam etwas für diese Person.“
„Na, da wäre als Erstes meine Freundin Jessi. Was könnte ich der schenken?“
Oma überlegte, bevor sie fragte: „Gibt es etwas, was du an Jessi ganz besonders toll findest? Was macht sie als Person aus? Was schätzt du ganz besonders an ihr? Was bewunderst du an ihr? Wofür bist du ihr dankbar?“
„Dazu müsste ich mir Gedanken machen“, erwiderte Katrin. „Aber ich verstehe nicht, was das mit einem Geschenk zu tun haben soll.“
„Ich erinnere mich, dass ich es irgendwo als Geschenkidee gelesen habe, dass man einem Menschen, der einem wichtig ist, ein Wertschätzungskärtchen schreiben könnte. Du könntest dafür eine Karte besonders hübsch gestalten und in die Mitte schreibst du alles, was du an deiner Freundin ganz besonders magst. All das, wofür du dankbar bist und was sie so besonders macht.“
„Das ist mega, Omi. Das wird Jessi ein Lächeln ins Gesicht zaubern.“
„Das denke ich auch. So, nun weiter. Wer soll noch ein Geschenk bekommen?“
„Mama auf jeden Fall!“
„Mama mag doch diesen neuen Stil. Wie heißt er noch?“
„Vintage, Omi!“
„Ja, genau. Geh doch am Samstag auf den Flohmarkt, kauf dort etwas Originelles und dann mach dich selbst ans Werk und hübsch es auf. Vielleicht eine alte Lampe oder Vase. Da wirst du bestimmt etwas Schönes finden und dann lässt du deiner Kreativität freien Lauf.“
„Okay! Und was soll ich Papa schenken?“
„Du machst doch ständig mit deinem Smartphone Fotos. Schenk ihm doch einfach eine Collage deiner schönsten Bilder. Darüber würde er sich bestimmt freuen.“
„Du hast echt gute Ideen. Toll. Das mach ich.“
„Und, gibt es noch jemanden, der beschenkt werden soll?“, fragte Oma spitzbübisch.
„Nein, sonst fällt mir niemand ein“, frotzelte Katrin. Aber das war natürlich geflunkert. Oma wollte sie schon auch beschenken. Aber die sagte immer, dass sie alles hat und sich nichts mehr wünscht, als mit ihrer Familie ein harmonisches Weihnachtsfest zu verbringen. Aber irgendetwas, das Oma ein Lächeln ins Gesicht zaubern würde, wäre schon toll.
Ein paar Tage später hatte sich Katrin in ihrem Zimmer eingeschlossen. Die Karte für ihre Freundin war fertig und einfach zauberhaft geworden. Die Collage für Papa auch. Jetzt war sie dabei, eine Vase für Mama zu verzieren und danach würde sie sich an das Geschenk für ihre Oma machen.
Am Heiligen Abend saß die ganze Familie beisammen. Das Essen hatte allen gut geschmeckt und die Geschenke waren so gut wie ausgetauscht und hatten Freude bereitet. Auch Oma war beschenkt worden. Nur das Geschenk von Katrin, das fehlte noch.
„Omi, ich hab für dich auch noch ein Geschenk“, sagte Katrin und übergab ein mit einem roten Schleifenband verziertes und zu einer Rolle aufgedrehtes Blatt Papier.
Oma nahm es an sich, entfernte die Schleife und begann, zu lesen, was Katrin darauf geschrieben hatte. Doch es war kein Lächeln, das sie ihr damit ins Gesicht zauberte. Omas Augen wurden ganz feucht und glänzten noch mehr, als zuvor.
„Danke, liebe Katrin. Eine größere Freude hättest du mir gar nicht machen können.“
„Und“, fragte Mama neugierig, „was hat sich unsere Tochter für dich einfallen lassen?“
„Nun, ich möchte sagen“, antwortete Oma etwas verlegen, „sie hat mir einen Liebesbrief geschrieben.“

© Martina Pfannenschmidt, 2019



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Freitag, 10. November 2017

Lasst uns ein Licht sein

Aufgeregt betrat Annegret das Büro. „Das hättest du hören müssen, wie der Chef mit Angelika Schlitten gefahren ist. Ich konnte zwar nicht herausfinden, worum es ging, aber neulich fehlte doch Geld in der Kaffeekasse, die wird doch nicht …“
Wirsch wurde sie von Mathilde unterbrochen. „Annegret hör auf mit deinen Verurteilungen und Anschuldigungen. Du weißt doch gar nicht, worum es ging, hast du gerade gesagt. Und übrigens fehlte gar kein Geld in der Kaffeekasse. Wie sich inzwischen herausgestellt hat, war es nur ein Irrtum. Also bitte hör auf!“
Annegret reagierte überrascht auf die schroffe Reaktion ihrer Kollegin: „Ist ja schon gut!“, maulte sie und setzte sich an ihren Platz. In Mathilde brodelte es. Immer wieder dasselbe. Ihre Kollegin hörte überall die Glocken läuten, wusste aber selten, wo sie bimmelten. Das konnte man ihr irgendwie nicht austreiben.
Nach Feierabend schlenderte Mathilde durch die Stadt. Nur noch eine gute Woche, dann war Heiligabend. Sie erinnerte sich zurück, wie es in Kindertagen war. Damals konnte man es kaum erwarten, bis es endlich soweit war.
Die Erwartungen an das Fest waren immer sehr groß – auch heute noch. Jeder hatte seine eigenen Vorstellungen davon, wie es abzulaufen hatte. Genau das war das Problem. Selten passten die Wünsche und Vorstellungen der Mitmenschen überein. Schon seit Jahren wünschte sie sich heimlich, ein paar entspannte Tage mit ihrer Freundin zu verbringen. Doch das war ganz ausgeschlossen. Was hätten ihre Eltern dazu gesagt und auch ihre Schwester mit Familie erwartete, dass sie zu Besuch kam. Das machte sie ja auch gerne. Sie freute sich auf die Kinder, doch musste dieser Besuch immer zu Weihnachten stattfinden?
Auch ihre Freundin hatte Familie. Sie putzte, kochte und backte im Vorfeld wie eine Weltmeisterin. Gerade zu Weihnachten musste es das beste und schönste Essen sein. Dafür hatte Mathilde kein Verständnis. Wäre es nicht besser, ein einfaches Gericht zu kochen und stattdessen mehr Zeit zu haben, um mit den Kindern zu spielen? Und was hatte das alles überhaupt mit dem Sinn von Weihnachten zu tun?
Es war sicher ein schöner Brauch, sich an Weihnachten zu beschenken. Gott hatte uns mit seinem Sohn beschenkt, so war es schön, sich gegenseitig mit einem Geschenk daran zu erinnern. Aber mussten es solche Berge an Geschenken sein? Sie hatte alles beisammen, was sie den anderen übergeben wollte. Schon lange im Vorfeld hatte sie überlegt, wie sie jedem eine echte Freude machen könnte. Sie verschenkte gerne etwas ganz Persönliches. Das fand sie besser, als einen Gutschein oder Parfüm zu verschenken.
Ihr Blick fiel auf ein Ehepaar, das mit mehreren Taschen bepackt sein Auto ansteuerte. Mathilde schmunzelte: Wenn der Platz im Kofferraum und auf der Rückbank nicht ausreichte, konnten sie ja noch ein paar Tüten auf dem Dach verstauen. Die Ladung müsste nur gut gesichert sein, damit sie nicht unterwegs verloren ging.
Wahnsinn! Es war einfach ein Wahnsinn, wie viel Geld die Menschen zum Weihnachtsfest und für Geschenke erübrigten. Und manchmal fiel auch ein kleiner Betrag für die Flüchtlinge oder andere wohltätige Aktionen dabei ab. Gerade zum Weihnachtsfest gab es viele Bittbriefe und Wohltätigkeitsveranstaltungen. Sie fragte sich, ob es nicht sinnvoller war, sich vor Ort einzusetzen und den Menschen direkt zu helfen, als an Organisationen zu spenden, von denen man nicht wusste, wie viel von dem Geld wirklich dort ankam, wo es eigentlich gebraucht wurde.
Es war so viel im Argen auf der Welt. Auch 2000 Jahre nach der Geburt von Jesus, dem Sohn Gottes, hatten die Menschen nicht wirklich dazu gelernt. Immer noch gab es Kriege, Menschen schossen auf Menschen. Warum? Hatte er nicht die Liebe gebracht und gepredigt? War es in seinem Sinn, wie wir uns verhielten? Betrachtete man die Welt, sah man überall viel Not und großes Leid. Wir in Europa bilden eine kleine Keimzelle des Friedens. Jeder, der zu uns kam, suchte genau diesen Frieden.
Warum machten uns die Menschen Angst, die im Frieden mit uns zusammen leben wollten? Weil sie eine andere Hautfarbe hatten? Mathilde dachte zurück an ein Spiel aus Kindertagen: ‚Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? – Niemand! – Und wenn er kommt? Dann laufen wir!’
War es diese Angst vor dem ‚schwarzen Mann’ unserer Kindertage, die uns dunkelhäutigen Menschen gegenüber skeptisch sein ließ?
Wenn man in diesen Tagen durch die Stadt ging, war es unübersehbar: Viele Menschen aus anderen Kulturen belebten das Stadtbild. Konnten wir nicht auch von ihnen lernen? Machten sie unser Land nicht bunter? Warum machte uns die Situation so viel Angst? Weil es so viele waren oder weil wir Angst hatten, unseren Wohlstand mit ihnen teilen zu müssen?
Unsere Eltern hatten dieses Land zum Blühen gebracht und jetzt kamen die Fremden um die Ernte einzufahren? Waren das die Gedanken einiger? Gott sei Dank waren sie in der Minderheit, doch genau das waren die Menschen, die ihr persönlich Angst machten. Das waren die, die Hass streuten und vor Gewalt nicht zurück schreckten.
Die Welt war im Umbruch. An allen Ecken und Enden ‚brannte’ es und wir als Deutsche konnten uns da nicht heraus halten. Wir hatten die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, zu teilen und die Menschen willkommen zu heißen und ihnen zu zeigen, was es wirklich bedeutete, im Frieden miteinander zu leben. Wir mussten unser engstirniges Denken ändern. Wir waren Deutsche, ja, aber wir waren auch Europäer und wir mussten lernen, global zu denken. Daran führte kein Weg vorbei. War nicht diese Zeit genau die richtige, zu zeigen, was es bedeutete, ein Christ zu sein? Was es nicht an der Zeit zu zeigen, dass wir Christen Weihnachten nicht nur mit Stress in Verbindung bringen? War es nicht an der Zeit, unser Denken zu ändern und nicht nur etwas zu spenden, um unser Gewissen zu beruhigen, sondern aus tiefstem Herzen und aus Überzeugung zu sagen: Wir haben so viel, davon geben wir euch gerne etwas ab? War es im Sinne der Resonanz nicht so, dass man immer belohnt wurde für gute Taten? Wie würde das aussehen, wenn ein Tages ein ganzes Land für seine guten Taten belohnt würde?
War die jetzige Zeit nicht genau die richtige, das Licht von Bethlehem weiterzureichen und die Welt Stück für Stück ein kleines bisschen heller werden zu lassen? Wäre es nicht schön, wenn dieses Ausbreiten des Lichtes in der Welt von diesem Land ausginge?


© Martina Pfannenschmidt, 2015





Der Weihnachtsengel

Lisa und Fritzi wohnten in einem kleinen Dorf in den Bergen und kannten sich schon, solange sie denken konnten. Lisa war einen Monat älter als Fritzi. Sie besuchten die gleiche Klasse und eine sah man selten ohne die andere. Dicke Freundinnen halt.
Der Schnee knirschte unter ihren Füßen, als sie sich von der Krippenspiel-Probe wieder auf dem Weg nach Hause befanden.
„Der Xaver, der hat heute aber viel gemeckert, findest du nicht auch?“, fragte Lisa.
„Ja schon, aber es dauert ja auch nicht mehr lange bis zur Aufführung und er will halt, dass alles perfekt abläuft“, meinte Fritzi.
In diesem Jahr durfte Lisa den Part der Maria übernehmen und Fritzi war auserkoren, der Engel zu sein.
„Du Lisa“, fragte Fritzi weiter, „denkst du, es gibt wirklich Engel?“
„Na klar, gibt es Engel. Sie werden doch schon in der Bibel erwähnt. Immer wieder wird dort von Engeln erzählt.“
„Aber eigentlich sind das doch nur Geschichten oder meinst du nicht?“
„Was in der Bibel steht sind wahre Begebenheiten und keine Geschichten, die sich ein Mensch einfach nur ausgedacht hat. Oder denkst du, die Sache mit der Geburt von Jesus, die stimmt gar nicht?“
„Klar stimmt die, sonst würden wir ja nicht 2000 Jahre später immer noch davon erzählen und Weihnachten feiern.“
„Na siehst du und wenn die Sache mit Jesus stimmt, dann gibt es auch Engel, denn von beiden berichtet die Bibel.“
„Ich kenne nur niemanden, der schon einmal einen Engel gesehen hätte.“
„Das stimmt. - Einmal habe ich meine Mama gefragt, ob sie glaubt, dass Engel wirklich Flügel haben und damit fliegen können.“
„Und, was hat sie geantwortet?“, fragte Fritzi neugierig.
„Sie meinte, Engel bräuchten keine Flügel. Die Menschen würden sie nur so darstellen, weil sie sich nicht vorstellen könnten, dass es Engeln möglich ist, ohne Flügel zu uns auf die Erde zu kommen.“
„Das kann ich mir auch nicht vorstellen. Ohne Flügel kann doch niemand fliegen.“
„Engel schon, glaube ich“, meinte Lisa.
„Weißt du, ich würde gerne einmal einen echten Engel sehen.“
„Oh ja, ich auch!“
Die zwei kamen bei Lisa zuhause an.
„Kommst du noch kurz mit hinein?“, fragte sie.
Fritzi sah auf die Uhr.
„Ja, für eine halbe Stunde bleibe ich noch, aber dann muss ich nach Hause, sonst gibt’s wieder Ärger.“
Die beiden betraten das Haus. Es roch verführerisch gut.
„Kommt näher“, rief Lisas Mutter. „Ich habe Bratäpfel gemacht.“
Eine kurze Zeit später saßen sie zu dritt am Tisch und ließen sich die Äpfel schmecken.
„Ach“, meinte Lisas Mama, „jetzt hab ich ganz vergessen, die Kerzen am Adventskranz anzuzünden. Dann wird es doch noch gemütlicher.“
Schnell griff sie zu den Streichhölzern und zündete zwei Kerzen an.
„Wisst ihr eigentlich“, fragte sie dann die beiden Mädchen, „wer sich das mit dem Adventskranz hat einfallen lassen?“
„Nein“, meinte Fritzi. Auch Lisa schüttelte den Kopf.
„Na, dann werde ich euch davon erzählen. Den Brauch, in der Adventszeit einen Kranz aufzustellen, den gibt es noch gar nicht sooo lange. Die Idee kam einem Pfarrer, der ein Waisenhaus leitete. Was ein Waisenhaus ist, dass wisst ihr doch?“, fragte Mama.
„Ja“, sagte Fritzi, „dort leben Kinder, die kein Zuhause mehr haben, weil die Eltern gestorben sind - oder so.“
„Ganz genau, Fritzi. Und genau wie noch heute, warteten auch damals die Kinder ungeduldig auf das Weihnachtsfest. Und weil sich kleine Kinder nicht vorstellen können, wie lange es noch dauert, bis der Heilige Abend endlich da ist, ließ sich der Pfarrer die Sache mit dem Adventskranz einfallen. Er nahm ein altes Kutsch-Rad und stellte 24 kleine rote und außerdem noch 4 dicke weiße Kerzen darauf. Dieser Kerzenkranz wurde im Waisenhaus aufgehängt und jeden Abend durfte ein anderes Kind eine Kerze entzünden. Am Heiligabend brannten sie dann alle.“
„Aber wir haben heute nur noch 4 dicke Kerzen auf dem Adventskranz“, meinte Lisa.
„Ja, wisst ihr, dieser erste Adventskranz war viel zu groß, um ihn in einem Wohnzimmer aufzustellen und deshalb hat man ihn verkleinert. Und weil auf so einem kleinen Kranz nicht ganz so viele Kerzen Platz haben, beließ man es bei den vier dicken Kerzen für die 4 Adventssonntage.“
„Wisst ihr denn überhaupt, was das Wort ‚Advent’ bedeutet?“, fragte Lisas Mutter weiter.
Beide Kinder schüttelten den Kopf.
„Das Wort ‚Advent’ kommt aus der lateinischen Sprache und heißt übersetzt ‚Ankunft’. Aber auf wessen Ankunft wir warten, das wisst ihr?“
„Ja klar“, sagten beide, „auf die Ankunft Jesu.“
Dann läutete das Telefon. Fritzis Mutti rief an. Fritzi hatte ganz die Zeit vergessen. Sie wurde schon zu Hause erwartet.
„Deine Mutter wartet sozusagen auf deine Ankunft“, lachte Lisas Mutter. „Aber ich habe ihr schon gesagt, dass es meine Schuld ist, dass du dich verspätest und sie deshalb nicht mit dir schimpfen soll.“
„Na dann bis morgen“, sagte Fritzi und huschte schnell aus dem Haus.
Endlich war es so weit. Der Heiligabend war da. Im Haus herrschte eine große Betriebsamkeit. Alles wollte noch hergerichtet sein. Lisa half ihrem Vater, den Baum zu schmücken und Lisas Mutter bereitete das Essen für den Heiligabend vor.
Lisa war mächtig aufgeregt. Das lag auch an ihrer Rolle als Maria. Hoffentlich klappte es heute besser, als bei der Generalprobe.
„Wird schon werden“, meinte Lisas Mama.
Die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt. Der Weihnachtsbaum strahlte in seiner ganzen Pracht und selbst die kleinsten Kinder wohnten dem Geschehen andächtig bei.
Fritzi war ein wunderschöner Engel mit ihrem langen blonden Haar und dem goldenen Heiligenschein. Auf dem Rücken trug sie zwei Flügel aus Pappe, die mit weißen Federn beklebt und an ihrem weißen Gewand befestigt waren. Fritzi sprach mit ihrer piepsigen Stimme so ehrfurchtsvoll, wie es ihr eben möglich war: „Fürchtet euch nicht! Denn siehe, ich verkündige euch große Freude! - Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“
Geschafft – fehlerfrei! Auch die anderen Kinder machten ihre Sache hervorragend und alle erhielten einen tosenden Applaus.
Nachdem die ganze Gemeinde voller Inbrunst ‚O du fröhliche’ gesungen hatte, zog es die Kinder nach Hause. Endlich Bescherung! So lange mussten sie darauf warten.
Die Eltern von Lisa und Fritzi blieben jedoch noch eine Weile in der Kirche, um dort die aufgebaute alte Krippe zu betrachten.
Lisa und Fritzi warteten ungeduldig an der Kirchentür, als Lisa plötzlich flüsterte: „Schau, Fritzi. Was ist das denn dort für ein helles Licht?“
Wie gebannt starrten beide dort hin.
„Du, Lisa, ich glaub, das ist ein …“
„Fritzi, denkst du das gleiche wie ich?“
„Du, ich glaub, das ist ein Engel!“, flüsterte Fritzi.
Dann sprach der Engel zu den Kindern.
„Ich habe mir euer Krippenspiel angesehen und werde im Himmel davon berichten, wie beeindruckend ihr die Geburt des Herrn dargestellt habt. Dann wird dort große Freude herrschen.“
Als die Eltern aus der Kirche kamen, war der Engel bereits fort.
„Ihr schaut ja so erschrocken, wie damals die Hirten auf dem Feld, als ihnen der Engel erschienen ist“, meinte Lisas Mama scherzhaft.
„Genau“, flüsterte Fritzi, doch Lisa knuffte sie in die Seite.
Dann gingen sie gemeinsam nach Hause. Die beiden Freundinnen nahmen sich bei der Hand und folgten ihren Eltern schweigend. 
Dieses Ereignis am Heiligabend behielten beide für immer und ewig in ihrem Herzen.

© Martina Pfannenschmidt, 2014




Adventszeit

Als Finn das Wohnzimmer betrat, stand Mama auf einem Stuhl.
„Mama, was machst du da?“, fragte er.    
„Ich versuche, eine Schraube in die Decke zu bekommen“, antwortete Mama, „denn ich möchte den Adventskranz in diesem Jahr aufhängen. Das sieht besonders festlich aus.“
„Ist jetzt schon Advent?“, fragte Finn aufgeregt.
„Morgen ist der 1. Advent. Dann zünden wir die 1. Kerze an.“
„Bekomme ich dann auch einen Adventskalender, Mama?“
„Wir können ihn zwar schon aufhängen, aber öffnen darfst du ihn noch nicht.“
„Warum nicht? – Das ist gemein.“
„Nein, Finn, das ist nicht gemein. Pass auf, ich erkläre es dir. So ein Adventskalender hat 24 kleine Türchen. Am 1. Dezember beginnen wir damit, täglich eines zu öffnen. In diesem Jahr fängt die Adventszeit aber schon im November an. Und deshalb musst du noch 3 x schlafen, bis du das erste Türchen öffnen darfst.“
„War das auch schon so, als du noch ein Kind warst?“, wollte Finn wissen.
„Ja, leider war das auch damals schon so und ich war genau so traurig darüber, wie du jetzt.“
„Hattest du auch Ritterfiguren in deinem Kalender?“
„Nein, Finn. Das gab es noch nicht. Als ich Kind war, da war hinter jeder Tür ein kleines Stückchen Schokolade und ein hübsches Bild. Aber das kennst du ja, diese Kalender gibt es ja heute noch.“
Es klingelte an der Haustür und Finn rannte sogleich los.
„Es ist Opa“, rief er. Dann öffnete er ihm die Tür.
„Hallo Opa, hattest du auch einen Adventskalender, als du noch klein warst“, fragte Finn sogleich.
„Ja, ich hatte auch einen Adventskalender. Aber darf ich zuerst einmal reinkommen?“, fragte Opa schmunzelt.
Klar durfte er reinkommen.
Dann erzählte Opa von seinem Adventskalender und davon, dass es früher noch keinen gab und die Eltern sich etwas Anderes für die Kinder einfallen ließen.
Die Uroma von Opa backte Plätzchen und nähte 24 davon mit einem Faden an ein Stück Stoff. Der Papa von Opa durfte dann jeden Tag ein Plätzchen essen.
Bei manchen Familien machte man 24 Kreidestriche an die Tür und die Kinder durften jeden Tag einen Strich weg wischen.
„Striche an der Tür“, meinte Finn, „das finde ich doof. Dann hätte ich lieber die Plätzchen genommen. Aber noch besser finde ich die Ritterfiguren.“
„Ich kann dich gut verstehen“, sagte Opa, „doch weißt du, Finn, wir sollten nicht vergessen, weshalb wir Kerzen anzünden und schließlich Weihnachten feiern.“
„Na, wegen der Geschenke“, meinte Finn, „das ist doch ganz klar.“
„Eben nicht, Finn. Es geht nicht darum, dass wir riesig viele Geschenke bekommen und auch nicht darum, täglich Süßigkeiten im Adventskalender zu finden. Eigentlich sollen wir uns in der Adventszeit auf die Geburt von Jesus vorbereiten.“
„Weihnachten ohne Geschenke, das wäre aber ein echt blödes Fest“, meinte Finn.
„Da hast du Recht. Und weil Gott die Menschen mit der Geburt von Jesus beschenkt hat, beschenken wir uns noch heute an diesem Tag.“
„Das ist toll“, sagte Finn.
„Ja“, meinte Opa, „dass es Geschenke gibt, ist toll und dass Jesus geboren wurde, das ist auch toll.“
„Was ist denn eigentlich so besonders an Jesus?“, fragte Finn.
„Das ist gar nicht so einfach zu erklären“, meinte Opa. „Hier auf der Erde gibt es Menschen, die lieb und leider auch Menschen, die böse sind.“
„Ich bin aber nicht böse – oder?“
„Nein, mein Junge, du bist nicht böse.“
„Und Jesus“, fragte Finn weiter, „war Jesus böse?“
„Nein, Jesus war auch nicht böse. Ganz im Gegenteil. Jesus kam auf die Welt, um den Menschen zu zeigen, wie man sich verhalten soll, wenn man lieb sein möchte. Und das ist manchmal gar nicht so einfach.“
„Das stimmt. Wenn der Tim wieder mit mir streitet und ich das gar nicht will, dann ist dass gar nicht so einfach. Dann fängt er nämlich an, mich zu schupsen und wenn ich mich dann nicht wehre, dann sagen die anderen Kinder, ich sei ein Feigling. Ich will aber kein Feigling sein. Aber böse will ich auch nicht sein.“
„Siehst du, genau das meine ich. Es ist gar nicht so einfach, ein lieber Mensch zu sein. Doch wir wollen uns bemühen, nicht wahr, Finn.“
„Ja, Opa! Und zu Weihnachten da möchten wir Geschenke und im Advent einen Adventskalender und Plätzchen und Kerzen. Und auf den Weihnachtsmarkt, da gehen wir auch, oder?“
„Natürlich! Wir machen es uns recht gemütlich in der Adventszeit und zu Weihnachten, aber wir wollen auch an Jesus denken und zu Weihnachten lesen wir die Geschichte von seiner Geburt.“
„Ja, das machen wir, Opa. Und du bringst die Oma mit und dann singen wir Weihnachtslieder. Aber zuerst öffnen wir die Geschenke. Wollen wir es so machen?“
„Genau so machen wir es, Finn.“

© Martina Pfannenschmidt, 2014