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Donnerstag, 1. Januar 2026

Neuanfang (1.1.2026)

Stille lag über der Stadt, als erste Sonnenstrahlen über den Dächern der Häuser tanzten. Lautlos kringelte sich der Rauch aus den Schornsteinen der umliegenden Häuser. Frost lag in der Luft, als Melanie am Fenster ihrer kleinen Wohnung stand. Sie spürte, wie ihr Herz pochte. Tatam, Tatam. Es war ihr, als würde es den Takt für einen Aufbruch schlagen. Einen Neuanfang, den sie wagen wollte, wagen musste.

Das vergangene Jahr hatte ihr alles abverlangt. Der Verlust ihrer Oma lag wie ein Schatten auf ihrem Gemüt. Schwer wogen die Erinnerungen an gemeinsame Nachmittage, an das wärmende Lächeln und die Geborgenheit, die sie bei ihrer Oma gespürt hatte. Der Moment des Abschieds ging wie ein tiefer Riss durch ihr Herz und auch durch ihr gesamtes Leben. Er war so endgültig. Nicht zu begreifen.

Die Trauer hatte sich schwer und lähmend angefühlt. Es war ihr kaum mehr möglich gewesen, Freude oder Hoffnung zu spüren. Selbst kleine Aufgaben hatten sich zu riesigen scheinbar unüberwindbaren Bergen aufgetürmt. Sie war wie gefangen gewesen in ihrem eigenen Schmerz, wie in einem nicht enden wollenden kalten Winter.

Die Weihnachtstage hatte sie im Kreis ihrer Familie verbracht. Das hatte ihr gut getan. Die Trauer war zwar auch bei den anderen spürbar gewesen, doch sie hatte durchaus wahrgenommen, dass sie sich langsam wieder aufrichteten.

Heute, am ersten Tag des neuen Jahres, spürte Melanie zum ersten Mal wieder so etwas wie Vertrauen in die Zukunft. Die Trauer war immer noch da, doch sie war gewillt, sie anzunehmen und aus ihr neue Kraft zu schöpfen, so wie es sich ihre Oma für sie gewünscht hätte.

Sie vermisste ihr altes, buntes Leben. Die spontanen Treffen mit ihren Freundinnen und die gemeinsamen Filmabende. Diese Erkenntnis war wie ein zarter Funke der Hoffnung und sie wusste, dass nur sie selbst sich von den Fesseln der Vergangenheit und der Trauer lösen konnte und dass sie den Mut für einen Neuanfang finden musste.

Melanie zog sich warm an und trat hinaus in den klaren Januartag. Die Straßen waren leer, als gehörten sie nur ihr allein. Jeder Atemzug fühlte sich rein an und sie hoffe, dass die kalte Winterluft ihre Gedanken und alten Sorgen bereinigen würde, nicht, um etwas zu verdrängen oder zu vergessen, sondern um Platz für neue leichtere Gedanken zu schaffen.

Mit jedem Schritt spürte sie, wie sich ihr Herz ein wenig mehr öffnete und sie entschied, wieder zu malen. Sie wollte bunte Farben auf die Leinwand und in ihr Leben bringen und ihre Gefühle ausdrücken, statt sie zu verstecken.

Der Jahresbeginn! Er sollte für sie mehr sein, als ein Kalenderblatt – er sollte die Brücke zu einem neuen Leben sein.

Am Nachmittag holte Melanie ihre Malutensilien hervor, setzte sich ans Fenster und begann, noch etwas unsicher, den ersten Pinselstrich auf die Leinwand zu setzen, so dass sich diese mehr und mehr mit Farben füllte und sie immer mutiger wurde. 

Gefühle stiegen in ihr auf, die sie das ganze letzte Jahr nicht mehr gespürt hatte. Es war, als würde mit jedem Farbton ihr Innerstes heilen.

Von draußen drang das Lachen von Kindern an ihr Ohr und irgendwo schlug eine Kirchturmuhr – das Leben klang wieder vertraut. Melanie lächelte. Sie wusste, der Weg würde nicht immer leicht sein, aber sie hatte den ersten Schritt gewagt. Der Neuanfang fühlte sich an wie das Versprechen, dass auf jeden frostigen Januar wieder ein Frühling folgte.

Als der Tag dem Abend wich, blickte sie auf ihr erstes Bild des Jahres. Es war nicht perfekt, aber es war echt und es zeigte, wie sie sich fühlte.

Mit Tränen in den Augen – nicht mehr aus Schmerz, sondern aus Zuversicht – hob sie das Glas und flüsterte: „Auf das Leben, auf den Neuanfang, auf mich.“

Der Jahresbeginn war für sie nicht mehr nur ein Datum, sondern der Moment, in dem sie sich selbst wiedergefunden hatte.

(c) Martina Pfannenschmidt



Donnerstag, 25. Dezember 2025

Die Gans Irma flieht vor Weihnachten

An diesem frostigen Dezemberabend funkelten die Sterne besonders hell und etwas Heiliges lag über dem kleinen Dorf. Dennoch watschelte Irma, die weiße Gans, aufgeregt in ihrem Gehege umher, das neben einem kleinen Bauernhof am Rande eines Waldes lag.

Ihre Stimmung war gedrückt. Sie spürte instinktiv die Unruhe der Menschen, die eifrig Vorbereitungen für das bevorstehende Fest trafen. Lichter wurden aufgehängt und Plätzchen wurden gebacken. All das konnte sie von ihrem Platz aus erkennen.

Die Frau des Hauses werkelte eifrig in der Küche und das machte Irma mächtig Angst. Sie wusste, dass es Tradition war, zu Weihnachten eine Gans zu schlachten und sie ahnte, dass sie in diesem Jahr als Braten auf dem Tisch der Menschen enden würde.

Ihr Herz klopfte bei diesem Gedanken wie wild vor Angst. Deshalb fasste sie einen wagemutigen Entschluss.

Als alle im Haus schliefen und der Mond groß und hell am Himmel stand, wackelte sie an einem der Zaunpfähle und bemerkte, dass er nur sehr locker im Boden verankert war. Deshalb schaffte sie es nach kurzer Zeit, sich zu befreien. So schnell sie ihre Füße trugen, watschelte sie im Schein des Mondes Richtung Wald, der bald dunkel und geheimnisvoll vor ihr lag.

Im Wald sah alles so anders aus. Die Bäume ragten wie dunkle Gespenster in den Himmel, und aus dem Dickicht drangen unheimliche Geräusche an ihr Ohr. Hier vernahm sie ein Rascheln, dort ein Knacken und in der Ferne hörte sie den unheimlichen Ruf eines Käuzchens.

Irma fröstelte, vor Angst und auch vor Kälte. Noch nie in ihrem ganzen Leben hatte sie sich so einsam gefühlt, wie in dieser Nacht. Ihr Magen knurrte vor Hunger. Doch am schlimmsten war die Angst vor dem Unbekannten. Ob es doch keine so gute Idee gewesen war, zu fliehen?

Zwischen all den verwachsenen Wurzeln der gespenstischen Bäume stolperte Irma ziellos umher; immer auf der Suche nach einem sicheren Ort. Plötzlich huschte ein Eichhörnchen vorbei und blieb neugierig stehen.

„Warum bist du so spät im Wald unterwegs?“, wollte es wissen. Irma erzählte von ihrer Flucht und ihrer Angst vor Weihnachten. Das Eichhörnchen bot ihr an, in seinem Kobel in der Baumkrone zu schlafen, doch Irma flatterte ratlos mit den Flügeln. Für sie war der Kobel viel zu hoch und auch viel zu winzig.

Und so zog die Gans weiter, bis sie einem Dachs begegnete, der behäbig aus seinem Bau kroch. Auch ihm erzählte sie ihre Geschichte und auch er bot ihr an, bei ihm unter der Erde zu wohnen. Doch nachdem Irma einen Blick in den dunklen Eingang gewagt hatte, gruselte ihr vor der Enge und der Dunkelheit. So bedankte sie sich freundlich bei dem Dachs, lehnte es aber dennoch ab, bei ihm zu wohnen.

Auch ein Reh, das im Mondlicht graste, bot Irma einen Platz im hohen Gras unter den Bäumen an. Doch dort wäre die Gans völlig ungeschützt vor Wind und Wetter und auch ungeschützt vor den Blicken der Menschen. So bedankte sich Irma auch beim Reh und trottete weiter. Noch ein wenig verzweifelter, als zuvor.

Gerade als sie dachte, sie müsse die Nacht allein draußen, schutzlos und frierend verbringen, trat ein roter Fuchs in ihr Blickfeld. Die anderen Tiere des Waldes hatten Irma vor Füchsen gewarnt: „Pass bloß auf“, hatten sie gesagt, „Füchse töten Gänse!“

Deshalb begann sie vor Angst am ganzen Körper zu zittern, als sie ihn sah. Nun würde er ihr Leben beenden! - Doch es sollte anders kommen, als sie dachte, denn in der Weihnachtszeit geschehen Wunder, nicht wahr!

Und so lächelte der Fuchs Irma freundlich und durchaus ehrlich an, als er auf sie zukam. „Hab keine Angst vor mir, liebe Gans“, meinte er friedvoll, „ich bin anders als meine Artgenossen. Ich jage und fresse keine Tiere. Ich bin schon seit langem Vegetarier. Ich esse nur Beeren und Pilze. Deshalb lade ich dich herzlich zu mir ein. Es ist warm und sicher in meinem Bau und du wärst mir ein lieber Weihnachtsgast.“

Irma zögerte ein wenig. Konnte sie dem Fuchs wirklich trauen? Schließlich sagte man ihm eine gewisse Schläue nach. Außerdem hatten das Eichhörnchen, der Dachs und das Reh sie vor ihm gewarnt. Doch der Fuchs sah wirklich ehrlich aus und so entschied sie, einen Blick in seinen Bau zu riskieren. Vorsichtig spähte sie hinein. Es roch angenehm nach Moos und irgendwie verzog sich die Angst aus Irmas Herzen und das Vertrauen ins Leben wuchs.

Zwar klopfte ihr Herz laut bei jedem Schritt, als sie sich tiefer in den Bau hineinwagte, doch das Klopfen des Herzens wich sehr bald dem Gefühl, einen wahrhaft sicheren Platz gefunden zu haben.

Eine Weile später saßen sie gemeinsam am Tisch und speisten den Brei, den der Fuchs aus Pilzen und Beeren gekocht hatte. Derweil erzählte Irma aufgeregt von ihren Erlebnissen. Als sie später in einen unruhigen Schlaf fiel, fühlte sie sich dennoch sicher und glücklich.

Am nächsten Morgen hörten sie draußen die Schritte und die Stimme eines Menschen, der nach Irma rief. Die Gans traute sich kaum, zu atmen, doch sie wusste: Kein Mensch würde sie jemals in einem Fuchsbau suchen.  

Als die Gefahr vorüber war, freuten sich beide auf das bevorstehende Weihnachtsfest, dass sie auf ihre Weise voller Freundschaft, Wärme und ohne Angst feierten.

Die Gans verbrachte all die Wintertage im Bau des Fuchses und sie hatte längst für sich erkannt, dass nicht alles so ist, wie es scheint, und dass auch ein Fuchs ein wahrhaft gutes Herz haben kann.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2025

 

 



Montag, 17. November 2025

Ein unerwarteter Gast

Heute erzähle ich euch eine kleine Geschichte, die sich vor ein paar Tagen ereignete. 

Es ist also eine (fast) 'wahre' Geschichte. 😉


Es ist noch gar nicht so lange her, als ich in unserem Wohnzimmer ein leises Flattern vernahm. Mein Blick ging zum Fenster, von wo ich das Geräusch vernahm. Es stand auf Kipp, damit ein bisschen frische Luft ins Wohnzimmer strömen konnte.

Genau in dem Moment zwängte sich eine kleine Meise geschickt durch die Öffnung. Ich konnte es kaum glauben. Völlig ohne Angst flog sie direkt auf unseren Fernseher. Als ich sie dort sitzen sah, musste ich schon schmunzeln, da es schien, als habe sie ihn als ihren ganz persönlichen Thron im Reich der Menschen erkoren oder wollte sie mit uns gemeinsam einen Film anschauen?

„Na, das sieht aber gemütlich aus hier“, schien sie in Gedanken zu zwitschern. Wer weiß, vielleicht erschien ihr die Welt da draußen an dem Tag auch besonders laut und hektisch und unser Wohnzimmer wirkte ruhig und einladend auf sie. Vielleicht wollte sie auch einfach mal etwas Neues ausprobieren. Ganz nach dem Motto: Mut wird immer belohnt. Oder sie erwartete, leckeres Futter zu finden.

In jedem Fall war ich ehrlich erstaunt, aber auch ein bisschen erfreut über diesen unerwarteten Besuch. Die Meise saß da, blickte mich an und schien sagen zu wollen: „Manchmal muss man einfach einen Schritt ins Unbekannte wagen. Ihr Menschen macht das doch auch!“ Dabei wiegte sie ihr kleines Köpfchen hin und her, so als würde sie mich fragen: „Und, was gibt es Neues in deinem Leben?“

Gerade als ich noch überlegte, wie ich auf die Meise reagieren sollte, kam mein Mann ins Zimmer. Mit einem Lächeln auf den Lippen sagte ich: „Weißt du, dass ich eine Meise habe, war mir schon bekannt! Aber dass sie sich mal so öffentlich zeigt, hätte ich nicht gedacht!“ Er lachte, schüttelte den Kopf und erwiderte: „Das ist wohl der lebende Beweis dafür!“

Lachend blickten wir beide Richtung Fernseher, wo die Meise immer noch thronte. Sie schien sich wohlzufühlen: keine Hektik, keine Katzen, nur zwei Menschen, die freundlich zu sein schienen.



Nach einer Weile wurde sie dann doch ein wenig unruhig, weshalb ich das Fenster weit öffnete. Bevor sie den ‚Rausschmiss‘ annahm, hüpfte sie noch ein bisschen auf dem Fernseher herum. Dann schüttelte sie sich kurz, so dass ein paar kleine Federn durch das Wohnzimmer stieben, und flog zielstrebig aus dem Fenster hinaus in die große weite Welt.

Zurück ließ sie ein Lächeln auf unseren Gesichtern und einen Hauch von Abenteuerlust. Die Meise hatte uns eine Botschaft hinterlassen, ganz ohne Worte: „Seid neugierig, seid mutig, und öffnet euch für das Unbekannte. Man weiß nie, was für wunderbare Begegnungen daraus entstehen können.“

Ich überlege noch, ob ich das Fenster nicht öfter mal weit öffnen sollte - für frische Luft, neue Geschichten und vielleicht den nächsten kleinen, mutigen Besucher.

 


Dienstag, 15. Juni 2021

Gesichtspulli

Das waren unsere Reizwörter: 

Bart, Nasenspitze, vorwitzig, füllig, saugen

Und das sind die Namen meiner 'Mitschreiberinnen': Lore und Regina. 

Bitte lest auch ihre Geschichten. - Wir freuen uns über jeden, der uns besucht!

 

Als ich Omas Küche betrat, saß sie am Küchentisch. Sofort fielen mir ihre strahlenden Augen auf und auch das fröhliche Lächeln, das ihre Lippen umspielte. Was es wohl war, dass Oma so zum Strahlen brachte? Dem wollte ich unbedingt auf die Spur kommen.

Als ich zum Tisch kam, sah ich, dass Oma in einem Fotoalbum blätterte. Puh, die Bilder darin sahen schon ganz schön vergilbt aus und irgendwie roch es auch unangenehm. Alt eben.

„Was sind denn das für Fotos, die du dir da anschaust?“, fragte ich neugierig.

„Ach weißt du, gestern bekam ich von Hanne, meiner besten Freundin, eine Postkarte zugeschickt. Sie macht im Augenblick mit ihrem Mann Urlaub an der Ostsee. Da wurden sofort Erinnerungen in mir wach, denn genau in dem Ort haben dein Opa und ich unseren ersten gemeinsamen Urlaub verbracht. In einem winzigen Zelt.“

„Das war bestimmt kuschelig“, sagte ich und mir schien, als zöge eine leichte Röte über Omas Wangen, als sie entgegnete: „Ja, das war es!“

„Und wer ist dieser dünne Kerl da mit dem Bart?“, erkundigte ich mich.

Oma begann zu lachen. „Der Kerl, dem man das Halleluja durch die Backen blasen konnte, meinst du? Das ist dein Opa!“

„Waaas? Also heute ist er aber um einiges fülliger“, lachte ich. Und das war wirklich noch charmant ausgedrückt. „Ich wusste gar nicht, dass er mal einen Bart getragen hat.“

„Oh, diesen Gesichtspulli, wie ich immer gesagt habe, fand ich wirklich furchtbar. Aber er hatte eine Wette verloren und deshalb durfte er sich ein halbes Jahr lang nicht rasieren. – Ja, und wie das dann aussah, kannst du auf diesem Foto sehen.“

Oma blätterte um und der alte Geruch stieg umso mehr in meine Nase. Aber da musste ich durch. Schließlich war meine Neugierde geweckt.

„Schau nur“, meinte Oma, „da ist mir ein echter Schnappschuss gelungen.“

In der Tat. Auf dem Bild war Opa zu sehen. Das Besondere aber war eine vorwitzige Fliege, die direkt auf Opas Nasenspitze gelandet war.

„Du Oma“, sagte ich beeindruckt, „mit dem Foto hättest du auch einen Fotowettbewerb gewinnen können.“

„Ja, vielleicht. Aber ich hatte ja schon doppelt gewonnen“, erwiderte sie verschmitzt, „zum einen hatte ich mir deinen Opa geangelt und zum anderen meine kleine Fotokamera gewonnen.“

„Wirklich? Erzähl mir davon!“

„In unserem Ort gab es einen Fotoladen. Und dort fand damals eine besondere Aktion statt. Sie verschenkten nämlich eine Kamera an den Besitzer eines 10-DM-Scheines mit einer ganz bestimmten Nummer. Ja und was denkst du, in wessen Geldbörse sich genau dieser 10-DM-Schein befand?“

„Ne, das glaub ich jetzt nicht!“

„Doch, dass sauge ich mir nicht aus den Fingern. Es stimmt wirklich. Ich war wirklich im Besitz dieses 10-DM-Scheines.“

„Dinge gibt’s!“, erwiderte ich.

Wir wandten uns wieder dem Album zu und ich entdeckte auf einem Foto eine junge Frau mit einem ungewöhnlichen Kopfschmuck. „Bist du dass Oma? Aber was bitte trägst du da auf deinem Kopf?“

„Na klar bin ich das und das Ding da auf meinem Kopf ist eine Badekappe. Sie war hellblau mit himmelblauen Kunststoff-Haaren darauf. Das war damals der allerletzte Schrei. Ich war also modisch ganz vorne mit dabei.“

Auf dem nächsten Foto sah Opa ein bisschen bedrückt aus und ich erkundigte mich bei Oma nach dem Grund.

„Oh ja, wir waren beide deprimiert an dem Morgen. Wir hatten am Abend zuvor noch lange draußen unter dem Sternenhimmel gesessen und roten, aber sehr billigen Wein getrunken“, schmunzelte sie, „ja und als wir uns dann zum Schlafen in das Zelt verkrochen, haben wir unseren kleinen Campingtisch und die Klappstühle nicht mehr in den Kofferraum unseres Autos verfrachtet, sondern einfach vor dem Zelt stehen gelassen. Das war keine gute Idee, wie sich am nächsten Tag herausstellte. Man hatte uns nämlich bestohlen. Da die Dinge deinen Urgroßeltern gehörten, war das besonders blöd.“

„Hat man die Diebe gefunden?“

„Nein, und auch den Tisch und die Stühle haben wir trotz langen Suchens auf dem ganzen Campingplatz nicht mehr gefunden.“

So ein Zelturlaub schien mir trotz dieses Vorfalls wirklich erlebenswert, weshalb ich spontan äußerte: „Ich möchte mit meinem Freund auch mal einen Urlaub im Zelt verbringen."

„Das ist schon romantisch. Jedenfalls dann, wenn die Sonne scheint und es trocken bleibt“, meinte Oma, „doch damals gab es in einer Nacht einen furchtbaren Regenschauer. Da ich nie zuvor gezeltet hatte, war ich unbedarft und hab von innen an der Zeltwand mit dem Finger die Regentropfen nachgezeichnet. Dass man das tunlichst unterlassen sollte, hab ich dann gemerkt, denn ab da tropfte der Regen durch die Zeltplane nach innen. Dadurch wurde es dort nicht nur nass, sondern mir war erbärmlich kalt und ich habe mächtig gefroren. Wir sind dann auch recht bald abgereist, da es nicht aufhören wollte zu regnen und sich alle Sachen feucht anfühlten. Ja und das war dann auch unser erster und einziger Campingurlaub …“

„… von dem du damals noch nicht ahntest, dass du eines Tages deiner Enkelin davon erzählen würdest.“

„Das stimmt wohl, meine Große!“, erwiderte sie und strich mir liebevoll über die Haare, so wie sie es immer tat, auch wenn es in Anbetracht meines Alters so langsam aber sicher peinlich wurde. Aber solange es niemand sah …

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021



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Sonntag, 30. Mai 2021

Eine Wolke, ein Gewitter und die Liebe

Die heutige Geschichte geht mit folgenden Reizwörtern an den Start:

Fingerhut, Libellenflügel, plumpsen, durchnässt, wuschelig           

Übrigens auch bei Regina und Lore! :-)

Nachdem Jana und Ben gemeinsam das Mittagessen eingenommen hatten, ging Jana in den Garten, um sich ein wenig auszuruhen.

Sie zog einen Liegestuhl in die Sonne und ließ sich hinein plumpsen. Sie war wirklich schwerfällig geworden in den letzten Tagen.

Ihr Blick fiel auf das Beet, in dem üppig der Fingerhut in den schönsten Farben blühte.

Oh, eine Libelle. Jana hatte lange keine mehr gesehen. Moment mal, wie war das noch? Können Libellen stechen? Nein, sie glaubte nicht. Das war wohl ein weit verbreiteter Irrglaube.

Sie beobachtete das Tier eine Weile und konnte genau die vielen feinen Äderchen in den Libellenflügeln erkennen und auch, dass das Tier seine vier Flügel unterschiedlich bewegen konnte.

Bsssss - eine dicke Hummel verscheuchte die Libelle und ein Lächeln umspielte Janas Lippen.

Immer wenn sie eine Hummel sah, musste sie unweigerlich an ihre Oma denken, die diese Tiere in ihrer plattdeutschen Sprache liebevoll ‚Plüschmors‘ genannt hatte.

‚Ach Omilein‘, dachte sie, ‚schade, dass du jetzt nicht bei mir bist. Ich hätte dir so viel zu erzählen. - Aber sag, warst du das vielleicht, die von ‚dort oben‘, meinen Weg in dieses verschlafene Nest geführt hat?‘

Janas Gedanken gingen zurück zu der Zeit, als sie noch in einer großen Bank in der großen Stadt gearbeitet hatte. Sie wollte damals über ein verlängertes Wochenende zu ihrem Freund fahren, der einige Hundert Kilometer entfernt wohnte. Doch wie heißt es so schön: erstens kommt es anders, als man zweitens denkt.

Sie war sehr spät vom Büro nach Hause gekommen, hatte schnell noch ein paar Sachen in ihre Reisetasche geworfen und war in ihr kleines Auto gestiegen. Schon die ersten Verkehrsmeldungen hatten vermuten lassen, dass einiges auf der vor ihr liegenden Strecke los sein würde. Aber das stellte sich später als das kleinere Übel heraus.

Viel schlimmer war nämlich ein aufziehendes starkes Gewitter gewesen. Jana hasste Gewitter. ‚Danke Oma!‘, dachte sie in diesem Moment, denn es war klar, von wem sie diese Angst geerbt hatte.

Jana war zwar bewusst gewesen, dass sie in ihrem kleinen Auto sehr sicher war, doch sie war ebenso sicher gewesen, dass sie sich in einem Haus geschützter gefühlt hätte. Deshalb war sie kurzerhand die nächste Abfahrt herunter gefahren und in einem Ort gelandet, von dem sie niemals zuvor gehört hatte.

Sie war auf der Suche nach einem Lokal oder einer Gaststätte durch den Ort gefahren. Ihr Plan war gewesen, dort irgendwo einzukehren, etwas zu essen und das Ende des Gewitters abzuwarten, um danach ihren Weg fortzusetzen. Doch erstens …

Weil sie weder ein Lokal noch eine Kneipe hatte finden können, hatte sie entschieden, an den Straßenrand zu fahren, sich im Auto ganz klein zu machen und abzuwarten, während grelle Blitze am Himmel zuckten und grollende Donner ihr Auto zum Beben brachten.

Sie hörte bei ihrem gedanklichen Rückblick noch heute, wie jemand laut „Wolke, komm zurück“, gerufen hatte. Doch Wolke war nicht zurückgekommen, sondern hatte lautstark bellend an ihrem Auto verharrt.

Es hatte gar nicht lange gedauert, bis ein völlig durchnässter junger Mann neben besagter Wolke und hinter ihrer Autoscheibe aufgetaucht war.

„Entschuldigung“, hatte er, pitschnass wie er war, gesagt, „ich weiß auch nicht, was in meinen Hund gefahren ist. Eigentlich ist er gut erzogen.“

Sie musste erbärmlich ausgesehen haben, hinter ihrem Steuer, da der Mann sich nach ihrem Befinden erkundigt hatte.

Während er pudelnass neben ihr im strömenden Regen gestanden hatte, hatte sie ihm kurz ihre Situation geschildert und eine Minute später in seiner warmen Küche bei einer Tasse Tee gesessen.

Sie war in dieser Nacht nicht mehr zu ihrem Freund gefahren. Sie war überhaupt nicht mehr zu ihrem Freund gefahren, sondern hier geblieben. Bei Ben, ihrer großen Liebe.

Wie sollte sie das nennen? Zufall? Schicksal? Fügung?

Jetzt, wo sie so darüber nachsann, fragte sie sich, ob es einen vorgezeichneten Plan gibt, und ob sich jedes Ereignis im Leben nach diesem Plan richten muss. Doch wer legt ihn fest, ohne dass wir eine Wahl hätten?

Aber so war es ja nicht. Sie hatte ja schon eine Wahl gehabt. Sie hätte ja wählen können, ihre Fahrt auf der Autobahn fortzusetzen oder spätestens nach Ende des Gewitters hätte sie sich auf den Weg machen können. Doch sie hatte anders entschieden. Demnach war doch sie es, die Entscheidungen getroffen hatte. Oder nicht?

Eine wuschelige kleine Wolke kam bellend zu ihr in den Garten gerannt.

Jana hatte sie vom ersten Moment an in ihr Herz geschlossen.

Ja und einen Mann, der seinen Hund ‚Wolke‘ nennt, den konnte man doch auch einfach nur in sein Herz schließen und lieben.

Der Hund nahm kurz Anlauf und landete direkt auf ihren Beinen.

„Du, sei mal ein bisschen vorsichtiger“, mahnte sie den kleinen Vierbeiner, der nicht ganz unschuldig an ihrer heutigen Lebenssituation war.

„Was meinst du, Wolke, ob unser kleines Mädchen, das mich gerade mächtig boxt, mit einem Lebensplan auf die Welt kommt?“

Sie strich beruhigend über ihren Bauch und musste schmunzeln, weil Wolke ihr mit schräg gelegtem Kopf aufmerksam zuhörte.

Noch vier Wochen, dann wären sie zu viert! Ben, sie, der Hund und das Baby. Eine richtige Familie.

„Weißt du“, vertraute sie dem Tier an, „man erzählt sich in manchen Gegenden dieser Welt, dass man von den kleinen Fußsohlen der Babys ihren Lebensplan ablesen kann.“

Wolke gab kurz einen Laut von sich.

„Und, was soll das jetzt heißen? Stimmt oder stimmt nicht? – Egal, ich glaube, wir zwei werden diese philosophische Frage heute nicht mehr klären können. Von daher lass uns noch ein paar Minuten in aller Ruhe hier liegen und uns ausruhen. Es wird noch anstrengend genug werden, wenn die Kleine erst da ist, oder was denkst du?“

„Wuff!“, ließ Wolke vernehmen und legte vorsichtig sein Köpfchen auf Janas Kugelbauch.


© Martina Pfannenschmidt, 2021



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Samstag, 15. August 2020

Die fremde Frau

 

Reizwörter: Baumstumpf, Gartenzaun, erdig, flimmern, eigenartig

Wie immer, so findet ihr zu diesen Wörtern auch diesmal wieder weitere Geschichten bei Regina und Lore!

 

Leise schließe ich die Tür hinter mir, um meine Familie nicht zu wecken. Sie schläft im Urlaub gerne aus, während ich diese stille Zeit früh am Morgen genieße und als sehr wertvoll empfinde.

In der Nacht hat es geregnet, so dass ein erdiger Geruch in der Luft liegt. Ich nehme ein paar tiefe Atemzüge und lasse dabei meinen Blick über das Meer gleiten.

In der noch tief stehenden Sonne flimmert es silbrig und zaubert mir damit ein Lächeln ins Gesicht.

Im nahe gelegenen Fischereihafen wiegen Wellen die buntbemalten Kutter.

Mein Weg führt mich an einem alten Friesenhaus vorbei. Der grün gestrichene Gartenzaun hat schon bessere Zeiten gesehen, doch das tut seinem Charme keinen Abbruch.

Auf einem Baumstumpf dahinter steht ein verwitterter Gartenzwerg, der eine Laterne in seiner Hand hält. Vielleicht soll sie seinem Besitzer die Dunkelheit erhellen.

Nur noch wenige Schritte, dann bin ich direkt am Meer angekommen. Kein Mensch ist hier, nur ein paar Möwen kreisen am Himmel und so kommen und gehen meine Gedanken während meines morgendlichen Spaziergangs, wie die Wellen, die den Strand berühren und sich dann schnell wieder zurückziehen.

In diesem Moment kommt eine Frage in mir hoch, die ich schon seit Kindertagen in mir trage: Warum bin ich eigentlich hier? Gibt es dafür einen Grund? Gibt es eine Aufgabe? MEINE Aufgabe auf diesem Planeten?

Menschliche Aufgaben sind vielfältig, denke ich und sie beginnen wohl für jeden an jedem Morgen mit den alltäglichen Dingen des Lebens, die wir mal mehr, mal weniger gerne erledigen. Aber ist das Abarbeiten irgendwelcher Aufgaben der Grund, weshalb ich hier bin? Und wie wichtig ist mein kleines Leben überhaupt, verglichen mit dem ganzen Universum, dessen Ausmaße ich mir nicht einmal vorstellen kann?

Bin ich, verglichen mit all dem, nicht nur winzig wie ein kleines Staubkorn?

Doch was ist, wenn ich doch nicht bedeutungslos bin? Wenn es einen Grund dafür gibt, dass ich genau jetzt an diesem Ort bin?

„Guten Morgen“, ruft mir unerwartet jemand zu und ich schrecke aus meinen Gedanken hoch.

„Guten Morgen“, erwidere ich verdutzt, während ich eine Hand zum Schutz vor der Sonne über meine Augen lege und eine Frau meines Alters auf mich zukommen sehe. „Ich habe Sie gar nicht kommen hören.“

„Das glaube ich gerne. Sie waren ganz in ihren Gedanken versunken. Außerdem erwartet man zu dieser Zeit ja auch niemanden hier, nicht wahr?“

„Ja, so ist es. Sie haben Recht. Mit dem Einen und mit dem Anderen. Ich wähnte mich wirklich alleine hier und meine Gedanken waren gerade bei meinem Leben und der Frage, weshalb ich eigentlich hier bin. – Also, nicht jetzt hier am Strand, sondern überhaupt, hier auf der Welt. Haben Sie sich das auch schon mal gefragt?“

Ich staune über mich selbst. Weshalb teile ich diese tiefgründige Frage ausgerechnet mit der mir fremden Person?

„Wollen wir uns nicht einen Augenblick setzen?“, fragt sie daraufhin und hockt sich auch schon in den hellen Sand.

Es ist eigenartig, obwohl wir uns gar nicht kennen, scheint eine bemerkenswerte Nähe zwischen uns zu sein. Wortlos setze ich mich neben sie.

„Eine solch philosophische Frage an einem so wundervollen Morgen“, sagt sie lächelnd. „Aber ich kenne das. Es sind genau dieses Alleinsein und diese Stille, die uns zu diesen elementaren Fragen führt, die ich mir ebenso wie Sie schon gestellt habe.“

„Und“, erkundige ich mich erwartungsvoll, „haben Sie für sich eine Antwort darauf gefunden?“

Die Frau schaut auf das Meer hinaus, nimmt anschließend ein wenig von dem weißen Sand in ihre Hand und lässt ihn durch ihre Finger gleiten, während sie mir antwortet: „Ich glaube, ich bin hier, um meinen Mann zu lieben und meine Kinder. Ich glaube, ich bin hier, um ihnen meine Liebe zu geben, für sie da zu sein und ihr Fels in der Brandung zu sein, wenn die Wellen mal wieder hoch schlagen und auch, um während meiner ehrenamtlichen Tätigkeit in einem Hospiz ein wenig Licht in so manche dunkle Stunde meiner Mitmenschen zu bringen.“

Ich schaue die Frau an und sie lächelt zurück. „Das genügt Ihnen nicht, nicht wahr? Sie denken, das kann doch nicht alles sein? Kann man denn da wirklich von einer Aufgabe sprechen?“

Ich fühle mich ertappt und schaue verlegen nach unten.

„Haben Sie schon einmal versucht, ALLES zu lieben? JEDE Situation in Ihrem Leben?“, fragt sie mich und spricht weiter, ohne auf meine Antwort zu warten: „Das ist eine echte Aufgabe, wie ich finde. Es ist gar nicht so einfach, nicht nur die guten Zeiten und glücklichen Momente, zu lieben, sondern sein Licht auch und gerade in dunklen Stunden scheinen zu lassen und zu erkennen, dass auch diese ihren Sinn haben und manche Schätze dahinter verborgen liegen. Diese Schätze zu finden und zu heben, sehe ich als eine meiner Aufgaben, denn das, was der Dunkelheit fehlt, ist doch nur das helle Licht der Liebe. Licht und Liebe in diese Welt zu tragen und sei es auch nur in meine kleine Welt, darin sehe ich meine Aufgabe.“

Wir sitzen eine Weile schweigend nebeneinander und schauen gemeinsam hinaus aufs Meer. Obwohl wir uns fremd sind, hat dieser Moment etwas von Vertrautheit, ja fast schon etwas Magisches.

„Ich glaube“, spricht die Frau wie aus dem Nichts weiter, „es geht nicht darum, eine Spitzenmanagerin zu sein, die viel Geld verdient, aber jeden Abend matt ins Bett fällt. Das mag durchaus ihre Aufgabe sein, aber es ist nicht meine. Das weiß ich ziemlich sicher. Das würde mich einfach nicht glücklich machen und darum geht es doch. Mir reicht es, mein kleines ‚Familienunternehmen‘ zu managen. Das macht mich wirklich rundum glücklich. Diese kleinen Momente zu genießen, wenn mein Kind mich umarmt. Das sind für mich wahre Glücksmomente. Diese vielen kleinen Momente zu sammeln und im Herzen zu bewahren sind für mich wertvoll und man kann sie mit keinem Geld der Welt aufwiegen.

Wissen Sie, ich habe oftmals den Eindruck, dass es in unserer Gesellschaft die Neigung gibt, wertvolle Zeit mit allen möglichen Dingen zu verbringen. In meinen Augen sollte die Zeit, die wir mit den Menschen verbringen, die uns am meisten bedeuten, die Zeit sein, in der wir eben nicht erschöpft und müde sind und kaum noch Energie haben.“

Die Frau, deren Namen ich nicht einmal kenne, springt auf, entledigt sich ihrer Kleidung und läuft ins Meer. Von weitem ruft sie mir noch zu: „Und denken Sie immer daran, was der Grund dafür ist, dass SIE hier sind, das entscheiden SIE selbst und kein anderer!“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2020



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Mittwoch, 15. Januar 2020

Wünsche an das neue Jahr


Reizwörter: Wünsche, Hoffnungsschimmer, mucksmäuschenstill, butterweich, innehalten

Weitere Geschichten mit diesen Reizwörtern lest ihr bei Regina und Lore!


Das neue Jahr war gerade mal ein paar Tage alt, als ich nach einer kurzen Reise zurück kehrte und meiner Oma einen Besuch abstattete.
Ich ging in ihre Küche, da ich sie dort vermutete, doch dort fand ich sie nicht. Auch in ihrem Wohnzimmer war es mucksmäuschenstill. Nichts war von ihr zu sehen oder zu hören, weshalb ich nach ihr rief.
„Hier bin ich“, kam es aus dem Schlafzimmer und schon kam sie mir freudestrahlend entgegen.
Wir nahmen uns in die Arme und wünschten uns gegenseitig ein glückliches neues Jahr.
Während ich bei einer Tasse Tee von meiner Reise erzählte, fiel mein Blick auf ein kleines Buch, das auf Omas altem Sekretär lag. Ich nahm es an mich und schaute interessiert hinein. Es war ihr Telefon- und Adressenverzeichnis. Obwohl es schon ziemlich abgegriffen und in die Jahre gekommen war, ließ sich doch erahnen, wie butterweich der Ledereinband einst gewesen sein musste.
Sogleich fiel mir auf, dass viele Namen und Adressen durchgestrichen waren und ich erkundigte mich, warum das so war.
„So ist das nun mal im Leben“, antwortete Oma mir in ihrer liebevollen Art. „Ich habe mich schon von vielen Menschen verabschieden müssen. Sie sind aber nicht alle verstorben, sondern einige sind verzogen oder es passte einfach nicht mehr.
Wenn man das erkennt, ist es klüger, eine Freundschaft zu beenden. Das wirst du auch noch merken, dass immer wieder neue Menschen in dein Leben treten, die zu dem Zeitpunkt deines Lebens dann besser zu dir passen.“
„Omi“, fragte ich sie nach einer Weile interessiert, „hast du eigentlich besondere Wünsche an das neue Jahr oder hast du dir etwas ganz Bestimmtes vorgenommen?“
Sie erwiderte: „Ach weißt du, ich denke, dazu benötigt man nicht unbedingt den Jahreswechsel, um Rückschau zu halten, Wünsche zu formulieren oder eine Veränderung zu wagen. Das kann man an jedem Tag des Jahres tun. Allerdings gebe ich zu, dass der Übergang von einem alten zu einem neuen Jahr dafür sehr geeignet scheint. Wer möchte schon Altes und Schweres mit hinüber nehmen in das neue Jahr, nicht wahr?“
Ich dachte über ihre Worte nach. Nein, Altes und Schweres möchte wohl niemand mit hinüber nehmen und doch geschieht es allzu oft.
„Im letzten Jahr habe ich doch in einem Unternehmen bei der Inventur geholfen, um mir ein bisschen Geld dazu zu verdienen“, erzählte ich und fuhr fort: „Weißt du, ich hab mir diesmal am Jahresende vorgestellt, dass ich auch so etwas wie eine Inventur meines Lebens mache. Ich hab geschaut, was im vergangenen Jahr gut und was nicht so gut war. Was möchte ich mitnehmen und was loslassen oder verändern.“
„Das hast du sehr klug gemacht! Es kann nicht schaden, einmal innezuhalten und Vergangenes zu betrachten. Was möchtest du weiterhin mitnehmen und bei dir tragen und wovon möchtest du dich verabschieden? Was hält dich bei deinem Vorankommen auf und was fördert es?
Dabei ist es sicher wichtig zu erkennen, dass alle Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen, uns bereichern. Und ich meine wirklich Alle, denn nichts kommt grundlos in unser Leben. Wenn wir schließlich unsere Erkenntnisse aus unseren Erfahrungen gezogen haben, dürfen sie gehen. Wir dürfen sie loslassen.“
Plötzlich musste ich schmunzeln, weil mir durch den Kopf ging, weshalb Oma vorhin aus ihrem Schlafzimmer kam. Sie räumt nämlich immer ihren Kleiderschrank auf und aus, sobald ein neues Jahr da ist. Vielleicht ist das so etwas wie eine Marotte von ihr. Andererseits macht es sehr deutlich, dass wir für Neues zuerst einmal Platz schaffen müssen. Altes raus - Neues rein.
„Omi“, fragte ich, weil es mir gerade in den Sinn kam, „glaubst du, es gibt einen Menschen auf dieser Welt, der rundherum glücklich und zufrieden ist? Immer? Zu jeder Zeit seines Lebens?“
„Vermutlich nicht. Doch ich denke, dass die Kunst darin besteht, wie wir mit unserem sogenannten Schicksal umgehen. Für jeden von uns ist das Leben eine Berg- und Talfahrt. Manchmal sind wir oben, manchmal unten. Nichts währt ewig. Alles ist immer in Bewegung und ändert sich. Und diese Veränderungen können uns zu Boden ziehen oder auch Aufwind geben. Das hängt ganz gewiss maßgeblich von unserem Charakter ab. Und der wird größtenteils durch diese Veränderungen geformt.“
„Du hast recht, im Leben geht es manchmal zu, wie auf einer Achterbahn“, warf ich schmunzelnd ein.
„Das stimmt wohl und dein Vergleich zeigt ja außerdem, dass es nach einer Talfahrt rasch wieder hinauf gehen kann. Und so ist es wohl auch im wahren Leben. Auch die schlechten, schlimmen Zeiten, werden vergehen.“
„Es sei denn“, warf ich ein, „wir halten sie mit unseren Gedanken weiterhin fest.“
„Genauso verhält es sich“, erwiderte Oma und ich sah ihren Augen an, wie stolz sie in diesem Moment auf mich war.
„Man kann das Leben aber ebenso mit einer Fahrt auf einem Fluss vergleichen“, meinte sie. „Es gibt niemals einen Stillstand. Ein Fluss ist immer in Bewegung. Manchmal gibt es unruhige Strecken. Da müssen wir uns in unserem Boot gut festhalten, um nicht herauszufallen oder umzukippen. Doch nach diesen Zeiten wird es auch wieder ruhige Streckenabschnitte geben.“
„Bis die nächste Stromschnelle kommt“, warf ich lachend ein und Oma nickte zustimmend.
Nach einer Weile meinte sie: „Ich habe dir vorhin nur indirekt auf die Frage geantwortet, ob ich Wünsche an das neue Jahr habe. Es war mir bisher vielleicht noch nicht so recht bewusst, doch jetzt kann ich es in Worte fassen. Ich wünsche mir, dass mein Gehör nicht nachlässt. Besonders in Bezug auf die Stimme in mir. Ihr möchte ich meine besondere Aufmerksamkeit schenken. Diese Stimme ist in turbulenten Zeiten wie ein Hoffnungsschimmer für mich, denn sie rät mir: Sei zufrieden mit dem, was du bist, was du tust und was du bereits erreicht hast.“
„Und ich möchte im neuen Jahr wenig zurück schauen“, erwiderte ich Oma daraufhin. „Ganz im Gegenteil. Ich möchte nach vorne schauen und ich möchte lernen, mein Boot sicher zu manövrieren, um den Stromschnellen nach Möglichkeit auszuweichen.“
Oma sah mich liebevoll an und entgegnete: „Wenn dir das gelingt, wirst du ein glückliches Leben führen und du wirst unglaublich stolz auf dich sein.“

© Martina Pfannenschmidt, 2020


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Sonntag, 20. Oktober 2019

Raus aus dem Jammertal!


Heute geht die nächste
Reizwörtergeschichte
an den Start.
Das waren diesmal die vorgegebenen Wörter: 

Zitteraal, Klagelied, ungerecht, zufrieden, vergiften

Weitere Geschichten mit diesen Reizwörtern könnt ihr bei
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„Bruno, was ist los mit dir? Du zitterst ja am ganzen Körper. Fürchtest du dich?“
„Nein, mir ist soooo kalt!“
Seine Mutter lachte kurz auf: „Das ist nicht dein Ernst, Bruno? Du bist ein Eisbär. Eisbären frieren nicht.“
„Ich aber, Mama, mir ist wirklich kalt!“
„Na dann komm her, mein kleiner Zitteraal, damit ich dich wärmen kann.“
Das musste sie nicht zweimal sagen. Bruno kuschelte sich dicht an seine Mama und die legte ihre große Pranke beschützend auf seinen kleinen Körper.
Bruno sah gen Himmel und beobachtete dort die Vögel.
„Mama!“
„Ja!“
„Warum können wir nicht fliegen?“
Wieder musste sich Mama Eisbär das Lachen verkneifen.
„Na, weil wir viel zu schwer sind, um fliegen zu können. Denk nur, wie groß unsere Flügel sein müssten, um uns zu tragen.“
Bruno dachte über die Antwort der Mama nach, gab jedoch so schnell nicht auf: „Aber die Menschen können doch auch fliegen und die sind oft ganz schön dick.“
„Aber Bruno, die Menschen können auch nicht fliegen.“
„Doch!“, protestierte er, „Jochen, der Pfleger, hat es erzählt. Er will bald in den Süden fliegen, weil es ihm genau wie mir hier viel zu kalt ist.“
„Ach mein kleiner Bruno, das muss ich dir wohl genauer erklären. Also, pass auf, das ist so ….“.
Während Mama Eisbär von Menschen und Flugzeugen erzählte, schlief ihr Jüngster zufrieden ein.
Die Eisbärenmutter betrachtete ihr schlafendes Kind voller Liebe und fragte sich in diesem Augenblick, ob der Mensch wohl auch in der Lage ist, seine Nachkommen zu lieben.
Schon oft hatte sie Menscheneltern mit ihren Kindern beobachtet. Manche schienen sehr nett zu ihren Nachkommen zu sein, doch viele ließen ein wahres Donnerwetter über ihre Kinder ergehen.
Es stimmt schon, dachte sie, dass man seine Kinder anleiten muss, damit sie ihr Leben verstehen und es meistern. Doch ist das mit Liebe nicht sinnvoller, als durch strafende Worte?
Ihre Gedanken gingen zurück zu ihrer eigenen Kindheit und zu ihrer Mutter, die noch in Freiheit geboren worden war und ihr deshalb davon erzählen konnte.
Obwohl sie das selbst nie kennen lernen durfte, weil sie in diesem Zoo geboren worden war - so wie jetzt ihr kleiner Bruno -, wollte sie ihm doch vom Nordpol erzählen: Von Küsten, Meereseis und von Robben, die dort durch die in Freiheit lebenden Eisbären gejagt werden, damit sie in dieser kargen Region überleben können.
Sie konnte sich die Größe der Fläche, von der ihre Mutter erzählt hatte, gar nicht vorstellen. Ihr Raum war sehr begrenzt. Es war ihr nur möglich, jeweils ein paar Schritte in die eine oder andere Richtung zu gehen.
Da auch die in Freiheit lebenden Bären eher Einzelgänger sind, vermisste sie ihre Artgenossen nur bedingt. Dennoch fühlte sie sich manchmal traurig, weil sie ahnte, dass es da noch viel mehr gab, als diesen Ort, der ihre kleine Welt ausmachte.
Sie bekam zu fressen, musste nicht verhungern, wie vielleicht einige ihrer Artgenossen in der Freiheit. Doch sie wusste nicht, was es bedeutet, zu jagen und auf einer Eisscholle zu liegen und sich die Mittagssonne auf den Pelz scheinen zu lassen.
Aber sie wollte nicht jammern und sie wollte sich auch nicht als Opfer sehen, das ein schweres und ungerechtes Leben führen muss. Das brachte gar nichts, außer noch mehr Traurigkeit.
Ja, die Welt müsste anders sein – besser. Doch sie konnte dafür nicht mehr tun, als ihre eigenen Gedanken unter Kontrolle zu bringen. Sie wusste von ihrer Mutter, dass man ein friedlicheres Leben führt, wenn man aufhört, sich zu beklagen. Die hatte einmal gesagt: „Wer immer nur jammert, vergiftet sich schließlich selbst.“
Und so hatte der Eisbär gelernt, den Blick auf das zu richten, was gut läuft und nicht auf das, was fehlt oder stört.
Durch Jochen, den Pfleger, der sich oft mit seinem Kollegen unterhielt, wusste sie, dass es den Menschen in dieser Beziehung nicht anders ergeht.
„Wer das Jammern aus seinem Leben verbannt, ist zufriedener und glücklicher!“ Das hatte Jochen vor einiger Zeit gesagt.
Die Eisbärenmutter wurde aus ihren Gedanken gerissen, als zwei ältere Damen vor dem Gehege stehen blieben und sie und ihr schlafendes Kind betrachteten.
Es dauerte nicht lange, da kamen sie auf ihre eigenen Kinder zu sprechen und schon bald begann die eine, über ihre Nachkommen zu schimpfen und die andere stimmte in das Klagelied mit ein.
„Interessant“, dachte der Eisbär, „die eine möchte die andere noch übertrumpfen. Dadurch hat sie quasi die volle Aufmerksamkeit der anderen.
Vielleicht ist das etwas, was man sich als Kind von seinen Eltern abschaut. Und ist es nicht so, dass man sich dann der Aufmerksamkeit und des Mitleids der Eltern sicher ist, wenn man ihnen sein Leid klagt?
Vielleicht ist das so eine Art Strategie der Menschen, dachte sie weiter: Wenn sie die Aufmerksamkeit und das Mitleid anderer wollen, beginnen sie zu jammern.
Doch ist es nicht so, dass man so seinen Fokus genau auf das richtet, was man eigentlich nicht haben möchte und dabei all das Gute übersieht? Verharrt man so nicht in einem Zustand, der belastet, schmerzt oder verärgert?“
Die Eisbärenmutter nahm sich vor, es besser zu machen. Sie wollte zufrieden sein mit ihrem Leben. Sie wollte dankbar sein dafür, dass sie Bruno hatte und auch dafür, dass man ihr das Essen quasi auf dem Silberteller servierte. Und sie wollte nicht darüber jammern, dass sie ihr Essen nicht selbst jagen konnte.
Während sie so da lag und über all das nachdachte, begann ihr Magen zu knurren. Bruno, der kleine Eisbär, vernahm das Geräusch und öffnete seine Augen.
„Gut geschlafen, kleiner Bruno?“, fragte Mama Eisbär.
„Ja, gut geschlafen, Mama! Und jetzt hab ich Hunger!“
„Ich auch. Aber komm nur. Zuerst bist du dran.“
Dann säugte sie ihren Kleinen und genoss diesen Glücksmoment ihres zufriedenen Lebens.

© Martina Pfannenschmidt, 2019

Früher nahmen meine Geschichten an Elkes froher und kreativer Linkparty teil. - Und nun hat sie mich wieder dazu eingeladen. Bei Elke und ihrem 'Kleinen Blog' seht ihr, wer sich noch daran beteiligt. KLICK!

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Sonntag, 15. September 2019

Träumerle


Wie bereits angekündigt, 
gibt es heute nach sehr langer Zeit 
wieder eine 
Reizwörtergeschichte 
zu lesen.
Sie entstand aufgrund folgender Wörter:
Paradies – Adlerhorst – Abenteuer – vorwitzig - laufen
Weitere Geschichten mit diesen Wörtern könnt ihr bei
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Langsam wurde es draußen dunkel und es regnete in Strömen.  Scheinwerfer durchdrangen die Dunkelheit und ein Strahl fiel dabei auf Teddy. Er beobachtete, wie ein Autoreifen durch eine große Pfütze fuhr. Bald darauf kam das Fahrzeug auf dem Parkstreifen vor dem Geschäft, in dessen Schaufenster man ihn gesetzt hatte, zum Stehen.
Eine junge Frau sprang leichtfüßig aus dem Auto. In der Hand hielt sie eine große Plastiktüte, die sie sich zum Schutz vor dem Regen über ihren Kopf hielt.
Während Teddy die Szene beobachtete, sah er unwillkürlich die Regentropfen über die Fensterscheibe laufen. Für einen kurzen Moment trafen sich dabei die Blicke der beiden.
Bald darauf erklang die alte Türglocke. Ding-Dong!
Teddy liebte dieses Geräusch. Es war aber auch das Einzige, was er an diesem Ort als schön bezeichnen würde. Sich selbst eingeschlossen.
Vor Wochen, als man ihn hier abgegeben hatte, verband er mit diesem Klang die Hoffnung, dass jemand den Laden betreten möge, um ihn mit zu sich nach Hause zu nehmen. - Ein liebevolles neues Zuhause war sein einziger Wunsch und seine ganze Sehnsucht.  
Selbst der Anblick eines kleinen Jungen, der unter einem viel zu großen Regenschirm und mit bunten Gummistiefeln an den Füßen an der Hand seiner Mutter am Laden vorüber spazierte, konnte ihn nicht aufmuntern. Als der Kleine sich jedoch los riss und seine vorwitzige kleine Nase an der regennassen Fensterscheibe platt drückte, stieg für einen kurzen Augenblick ein Gefühl von Hoffnung in ihm auf. Doch die zerplatzte in dem Moment wie eine Seifenblase, in dem der Junge von seiner Mutter erbarmungslos weiter gezogen wurde.
„Meine Güte, was ist das heute nur für ein Sauwetter da draußen!“, schimpfte die junge Frau beim Betreten des Second-Hand-Ladens.
„Das stimmt wohl“, erwiderte die Besitzerin, „es regnet wirklich schon den ganzen Tag.“
Die junge Frau entnahm ihrer Tüte ein paar Kleidungsstücke.
„Würden Sie die für mich verkaufen?“, fragte sie.
Nachdem die beiden alles Geschäftliche geregelt hatten, verließ sie das Geschäft wieder. Ding-Dong!
Doch dann sah Teddy, dass sie auf den Stufen stoppte, sich zu ihm umdrehte und die Tür erneut öffnete. Ding-Dong!
„Sagen Sie, der Teddy dort in ihrem Schaufenster, was kostet der?“
Teddys Herz machte einen kleinen Hopser! Das war das erste Mal, dass sich jemand danach erkundigte.
„Der?“, und die Stimme der Frau klang abwertend. „Den wollte ich eigentlich gar nicht annehmen, so zerzaust, wie der ausschaut. Aber ich hab halt ein gutes Herz und die ältere Dame, die ihn hier abgegeben hat, kann jeden Cent gut gebrauchen. Also, wenn Ihnen 5 Euro nicht zu viel sind, gehört er Ihnen.“
„Abgemacht! Der Kleine erinnert mich unheimlich an meinen Teddy, den ich als Kind immer bei mir hatte und mit dem ich so manches Abenteuer erlebt habe. Es ist vielleicht verrückt, aber ich nehme ihn mit.“
Während die junge Frau in ihrem Portemonnaie nach einem 5-Euro-Schein kramte, holte die Ladenbesitzerin Teddy aus dem Schaufenster.
Träumte er, oder passierte das gerade wirklich?
Als er bald darauf auf dem Beifahrersitz des alten Pkw saß, wusste er, dass seine Gebete erhört worden waren.
„Anschnallen muss ich dich wohl nicht, oder doch? Nein, ich glaub nicht. – Übrigens: Ich bin Franziska, hab mich dir noch gar nicht vorgestellt. Und du? Wie ist dein Name? Hm, sag, wärst du einverstanden, wenn ich dich Träumerle nenne? So hieß nämlich mein Teddy früher.“
Natürlich war Teddy einverstanden. Sehr sogar! Endlich hatte auch er einen Namen und hieß nicht immer bloß Teddy.
Franziska steuerte den Wagen sicher durch die dunklen Straßen, bis sie das Fahrzeug stoppte.
„So, wir sind angekommen. Hier wohnst du ab heute. Ich bin sehr gespannt, ob es dir in meiner kleinen Wohnung gefällt.“
Franziska setzte Träumerle in eine Ecke ihres Sofas.
„Ich glaub, das ist ein guter Platz für dich!“
Für Träumerle war der Ort der schönste, den es auf der ganzen Welt für ihn geben konnte.  
Als es an der Wohnungstür schellte, sprang Franziska auf: „Das wird Paula sein. Sie wohnt nebenan und ist eine gute Freundin von mir.“
Als Paula das Wohnzimmer betrat, musste Träumerle sich das Lachen verkneifen. Franziskas Freundin hatte ihre Haare so hoch aufgetürmt, dass der Dutt auf ihrem Kopf schwebte, wie ein Adler über seinem Adlerhorst. Träumerle konnte sich das Kichern einfach nicht verkneifen. Aber nur ganz leise, damit es die beiden nicht hören konnten.
Bevor Paula nach dem Teddy greifen konnte, war Franziska zur Stelle: „Halt! Ich muss euch doch erst miteinander bekannt machen. Also das ist Träumerle, mein neuer Mitbewohner. Und das ist Paula, meine Nachbarin.“
Paula tippte sich an die Stirn: „Du hast dir einen Teddy gekauft?“
„Ja, hab ich. Er erinnerte mich an meinen kleinen Bären aus Kindertagen und gleich fühlte ich mich so unbekümmert wie damals und sofort musste ich an meine Familie denken. Weißt du, Oma und Opa waren damals für mich schon ziemlich alt. Aber Oma kochte das beste Essen auf der ganzen Welt und meine Eltern waren mein Fels in der Brandung, wenn ich nach einem jugendlichen Höhenflug mal wieder hart auf dem Boden der Tatsachen landete.“
Unverständnis stand Paula ins Gesicht geschrieben: „Alles okay mit dir?“, fragte sie scheinbar besorgt.
„Ich mach mir halt Gedanken, weißt du. Wir sind doch jetzt in einem Alter, in dem wir unsere eigenen Familien gründen könnten und je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, desto unbegreiflicher wird es für mich, wie selbstverständlich für mich als Kind eine intakte Familie war. Aber heute weiß ich, dass es eben nicht immer so ist.“
„Also irgendwas ist heute mit dir passiert“, meinte Paula. „Du wirst doch nicht krank?“
„Nein, ich fühl mich gut, bin kerngesund. Es liegt eindeutig an Träumerle. Durch ihn wurde mir irgendwie bewusst, dass wir, ob wir es nun wollen oder nicht, das Ergebnis einer ziemlich langen Familiengeschichte sind. Als Kind fand ich es total öde, wenn die Älteren von meinen Vorfahren erzählten, doch inzwischen finde ich es faszinierend, zu erfahren, wie sie ihre Leben mit allen Höhen und Tiefen gemeistert haben.“
Paula stand auf. „Franzi, du brauchst dringend einen Schnaps und dann mach bitte die Glotze an. Ich bin nicht hier, um mit dir über unsere Vorfahren oder über Teddys zu philosophieren, sondern, um mit dir einen Film anzuschauen.“
Paula war wirklich eine gute Freundin, doch mit ernsteren Themen musste man ihr einfach nicht kommen. Deshalb holte Franziska wortlos eine Flasche Wasser, stellte Chips und Salzstangen auf den Tisch und den Fernseher an. Mit einer Hand angelte sie sich Träumerle, setzte ihn auf ihren Schoß und griff mit der anderen in die Schale mit den Chips.
Träumerle kuschelte sich so nah an seinen neuen Herzensmenschen heran, wie es ihm eben möglich war.
Er war angekommen – in seinem kleinen Paradies auf Erden!

© Martina Pfannenschmidt, 2019


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