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Sonntag, 16. August 2026

Sorgen können schwimmen

Für viele Familien enden in diesen Tagen die ‚schönsten Wochen des Jahres‘. – Andere haben ihren Urlaub noch vor sich, doch eines ist sicher: auch sie kehren irgendwann in ihren ‚normalen Alltag‘ zurück. Und dann stellen wir fest: unsere Sorgen und Probleme, mit denen wir losgefahren sind, konnten wir nicht im Meer oder Pool versenken. Die konnten scheinbar schwimmen und haben sich auf der Rückreise in unseren Koffern versteckt. – Davon handelt die folgende Geschichte. – Viel Freude beim Lesen!


Die Reifen des vollgepackten Kombis waren heiß, als Familie Janssen mit ihrem vollgepackten Kombi auf den Stellplatz vor ihrem Haus rollte. Drei Wochen Toskana lagen hinter ihnen. Drei Wochen voller Sonnenschein, Pinienduft und Unbeschwertheit.

Vater Thomas stellte den Motor ab. Für einen Moment blieb es im Auto ganz still. Niemand bewegte sich, niemand sagte etwas. Es war dieser klassische Moment der Rückkehr, in dem die Leichtigkeit des Urlaubs auf die Realität des Alltags trifft.

„Wir sind da“, sagte Mutter Julia dann leise und drehte sich zu ihren Kindern um, die auf der Rückbank saßen. Der vierzehnjährige Jonas und die elfjährige Marie, blickten stumm aus den Fenstern.

Das Urlaubsgefühl war zwar noch da, genauso wie der feine Sand an den Strandtüchern, die im Kofferraum lagen … und doch hatte sich etwas verändert.

Nun begann das Auspacken, das einem Ritual folgte und sich in jedem Jahr wiederholte. Thomas hievte die schweren Koffer aus dem Kofferraum. Julia begann sofort damit, die ersten Utensilien in die Waschküche zu tragen. Dabei fiel ihr auf, wie viel sie eigentlich völlig umsonst mitgeschleppt hatten.

Da waren die dicken Strickpullover, die Julia vorsichtshalber eingepackt hatte, falls die italienischen Sommernächte kühl werden sollten. Sie waren ungetragen, rochen noch nach dem heimischen Kleiderschrank. Da war das zweite Paar Wanderschuhe von Thomas, das die Ferienwohnung nie verlassen hatte.

Auch die Kriminalromane kehrten ungelesen nach Hause zurück, weil die Abende bei Pasta und Wein viel zu lang und gesellig gewesen waren.

Es war die typische Bilanz eines unbeschwerten Urlaubs: Man packt für alle Eventualitäten alles Mögliche ein und stellt am Ende fest, dass man nur die Hälfte gebraucht hat.

Doch während die ungenutzten Kleidungsstücke und Bücher einfach wieder in die Schränke wanderten, wurde den Vieren bereits beim Betreten des Hauses bewusst, dass sie noch viele andere Dinge im Gepäck hatten. Dinge, die man nicht am Strand vergessen, im Meer versenken und nicht im Ferienhaus liegen lassen konnte.

Thomas setzte sich an den Küchentisch, auf dem ein Stapel Briefe lag – ungeöffnet seit drei Wochen. Er sah das Logo seiner Firma auf einem der Umschläge. Sofort war es wieder da, das flaue Gefühl im Magen. Vor dem Urlaub hatte es Gerüchte über Stellenstreichungen gegeben. Drei Wochen lang hatte er die Angst erfolgreich weggeschoben und das Diensthandy im Safe gelassen. Doch in diesem Moment holte ihn die berufliche Ungewissheit mit voller Wucht wieder ein. Die Sorge um den Arbeitsplatz war nicht in Italien geblieben. Sie hatte mit ihm gemeinsam den ganzen Weg über die Alpen zurückgelegt.

Julia beobachtete ihren Mann und spürte gleichzeitig ihren eigenen unsichtbaren Ballast. Sie strich sich über den Unterbauch. Kurz vor der Abreise hatte sie einen Kontrolltermin beim Arzt gehabt. Ein Routineeingriff stand nach dem Sommer an, nichts Lebensbedrohliches, aber doch eine Operation, die ihr ein mulmiges Gefühl im Magen bescherte.

Im Urlaub, unter der warmen Sonne, hatte sie die körperlichen Beschwerden und die leise Angst vor dem Krankenhausaufenthalt vergessen können. Doch jetzt, wo die Waschmaschine lief und der Alltag zurückgekehrt war, kehrte auch die Anspannung in ihr zurück. Ihre Krankheit, die Sorge um die eigene Gesundheit, war treu mitgereist.

Aus dem ersten Stock hörte man das dumpfe Geräusch von Jonas’ schwerem Rucksack, den er auf den Boden warf. Jonas hatte sich im Urlaub verändert. Er war fröhlich gewesen, hatte mit italienischen Jugendlichen am Strand Volleyball gespielt und gelacht. Doch nun stand das neue Schuljahr vor der Tür. Das Halbjahr davor war eine Katastrophe gewesen – Mobbing durch Mitschüler, schlechte Noten in den Hauptfächern, die Versetzung, die er nur mit Ach und Krach geschafft hatte.

Als Jonas jetzt sein Zimmer betrat und die Schulbücher auf dem Schreibtisch sah, sackten seine Schultern nach unten. Die Unbeschwertheit der Ferienwochen verflog in Sekundenschnelle. Die Versagensangst und der Druck der Schule waren wieder voll da.

Marie kam in die Küche, ein kleines, bemaltes Tongefäß in den Händen – ein Souvenir, das sie auf einem Markt in Italien gekauft hatte. Sie sah ihre Eltern an und spürte sogleich die veränderte Stimmung, die im Raum herrschte.

„Jetzt ist der Urlaub vorbei“, sagte sie leise.

Thomas blickte von dem Briefstapel auf. Er sah seine Frau an, sah Jonas, der langsam die Treppe hinunterkam und schließlich seine Tochter. Er spürte die Lasten, die sie alle mit sich trugen. Aber er spürte noch etwas anderes.

Er stand auf, ging zu Julia und nahm ihre Hand. Dann zog er Jonas und Marie zu sich.

„Der Urlaub ist vorbei, ja“, sagte Thomas und seine Stimme bebte ein wenig. „Aber wisst ihr, was wir auch noch mitgebracht haben? Wir haben drei Wochen lang bewiesen, dass wir zusammen lachen können. Wir haben Kraft getankt und wir haben uns ausgeruht.“

Julia nickte und drückte seine Hand. „Stimmt. Die Probleme, die wir vor drei Wochen hatten, sind heute noch da. Aber sie sind nicht größer geworden. Doch wir sind ein bisschen stärker geworden, um sie anzupacken.“

Sie brachten die Sorgen und Probleme zwar mit zurück in den Alltag, aber auch den Mut und den Zusammenhalt, den sie unter der Sonne der Toskana wiedergefunden hatten. Und das war das wichtigste Gepäckstück von allen.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

Samstag, 15. August 2020

Die fremde Frau

 

Reizwörter: Baumstumpf, Gartenzaun, erdig, flimmern, eigenartig

Wie immer, so findet ihr zu diesen Wörtern auch diesmal wieder weitere Geschichten bei Regina und Lore!

 

Leise schließe ich die Tür hinter mir, um meine Familie nicht zu wecken. Sie schläft im Urlaub gerne aus, während ich diese stille Zeit früh am Morgen genieße und als sehr wertvoll empfinde.

In der Nacht hat es geregnet, so dass ein erdiger Geruch in der Luft liegt. Ich nehme ein paar tiefe Atemzüge und lasse dabei meinen Blick über das Meer gleiten.

In der noch tief stehenden Sonne flimmert es silbrig und zaubert mir damit ein Lächeln ins Gesicht.

Im nahe gelegenen Fischereihafen wiegen Wellen die buntbemalten Kutter.

Mein Weg führt mich an einem alten Friesenhaus vorbei. Der grün gestrichene Gartenzaun hat schon bessere Zeiten gesehen, doch das tut seinem Charme keinen Abbruch.

Auf einem Baumstumpf dahinter steht ein verwitterter Gartenzwerg, der eine Laterne in seiner Hand hält. Vielleicht soll sie seinem Besitzer die Dunkelheit erhellen.

Nur noch wenige Schritte, dann bin ich direkt am Meer angekommen. Kein Mensch ist hier, nur ein paar Möwen kreisen am Himmel und so kommen und gehen meine Gedanken während meines morgendlichen Spaziergangs, wie die Wellen, die den Strand berühren und sich dann schnell wieder zurückziehen.

In diesem Moment kommt eine Frage in mir hoch, die ich schon seit Kindertagen in mir trage: Warum bin ich eigentlich hier? Gibt es dafür einen Grund? Gibt es eine Aufgabe? MEINE Aufgabe auf diesem Planeten?

Menschliche Aufgaben sind vielfältig, denke ich und sie beginnen wohl für jeden an jedem Morgen mit den alltäglichen Dingen des Lebens, die wir mal mehr, mal weniger gerne erledigen. Aber ist das Abarbeiten irgendwelcher Aufgaben der Grund, weshalb ich hier bin? Und wie wichtig ist mein kleines Leben überhaupt, verglichen mit dem ganzen Universum, dessen Ausmaße ich mir nicht einmal vorstellen kann?

Bin ich, verglichen mit all dem, nicht nur winzig wie ein kleines Staubkorn?

Doch was ist, wenn ich doch nicht bedeutungslos bin? Wenn es einen Grund dafür gibt, dass ich genau jetzt an diesem Ort bin?

„Guten Morgen“, ruft mir unerwartet jemand zu und ich schrecke aus meinen Gedanken hoch.

„Guten Morgen“, erwidere ich verdutzt, während ich eine Hand zum Schutz vor der Sonne über meine Augen lege und eine Frau meines Alters auf mich zukommen sehe. „Ich habe Sie gar nicht kommen hören.“

„Das glaube ich gerne. Sie waren ganz in ihren Gedanken versunken. Außerdem erwartet man zu dieser Zeit ja auch niemanden hier, nicht wahr?“

„Ja, so ist es. Sie haben Recht. Mit dem Einen und mit dem Anderen. Ich wähnte mich wirklich alleine hier und meine Gedanken waren gerade bei meinem Leben und der Frage, weshalb ich eigentlich hier bin. – Also, nicht jetzt hier am Strand, sondern überhaupt, hier auf der Welt. Haben Sie sich das auch schon mal gefragt?“

Ich staune über mich selbst. Weshalb teile ich diese tiefgründige Frage ausgerechnet mit der mir fremden Person?

„Wollen wir uns nicht einen Augenblick setzen?“, fragt sie daraufhin und hockt sich auch schon in den hellen Sand.

Es ist eigenartig, obwohl wir uns gar nicht kennen, scheint eine bemerkenswerte Nähe zwischen uns zu sein. Wortlos setze ich mich neben sie.

„Eine solch philosophische Frage an einem so wundervollen Morgen“, sagt sie lächelnd. „Aber ich kenne das. Es sind genau dieses Alleinsein und diese Stille, die uns zu diesen elementaren Fragen führt, die ich mir ebenso wie Sie schon gestellt habe.“

„Und“, erkundige ich mich erwartungsvoll, „haben Sie für sich eine Antwort darauf gefunden?“

Die Frau schaut auf das Meer hinaus, nimmt anschließend ein wenig von dem weißen Sand in ihre Hand und lässt ihn durch ihre Finger gleiten, während sie mir antwortet: „Ich glaube, ich bin hier, um meinen Mann zu lieben und meine Kinder. Ich glaube, ich bin hier, um ihnen meine Liebe zu geben, für sie da zu sein und ihr Fels in der Brandung zu sein, wenn die Wellen mal wieder hoch schlagen und auch, um während meiner ehrenamtlichen Tätigkeit in einem Hospiz ein wenig Licht in so manche dunkle Stunde meiner Mitmenschen zu bringen.“

Ich schaue die Frau an und sie lächelt zurück. „Das genügt Ihnen nicht, nicht wahr? Sie denken, das kann doch nicht alles sein? Kann man denn da wirklich von einer Aufgabe sprechen?“

Ich fühle mich ertappt und schaue verlegen nach unten.

„Haben Sie schon einmal versucht, ALLES zu lieben? JEDE Situation in Ihrem Leben?“, fragt sie mich und spricht weiter, ohne auf meine Antwort zu warten: „Das ist eine echte Aufgabe, wie ich finde. Es ist gar nicht so einfach, nicht nur die guten Zeiten und glücklichen Momente, zu lieben, sondern sein Licht auch und gerade in dunklen Stunden scheinen zu lassen und zu erkennen, dass auch diese ihren Sinn haben und manche Schätze dahinter verborgen liegen. Diese Schätze zu finden und zu heben, sehe ich als eine meiner Aufgaben, denn das, was der Dunkelheit fehlt, ist doch nur das helle Licht der Liebe. Licht und Liebe in diese Welt zu tragen und sei es auch nur in meine kleine Welt, darin sehe ich meine Aufgabe.“

Wir sitzen eine Weile schweigend nebeneinander und schauen gemeinsam hinaus aufs Meer. Obwohl wir uns fremd sind, hat dieser Moment etwas von Vertrautheit, ja fast schon etwas Magisches.

„Ich glaube“, spricht die Frau wie aus dem Nichts weiter, „es geht nicht darum, eine Spitzenmanagerin zu sein, die viel Geld verdient, aber jeden Abend matt ins Bett fällt. Das mag durchaus ihre Aufgabe sein, aber es ist nicht meine. Das weiß ich ziemlich sicher. Das würde mich einfach nicht glücklich machen und darum geht es doch. Mir reicht es, mein kleines ‚Familienunternehmen‘ zu managen. Das macht mich wirklich rundum glücklich. Diese kleinen Momente zu genießen, wenn mein Kind mich umarmt. Das sind für mich wahre Glücksmomente. Diese vielen kleinen Momente zu sammeln und im Herzen zu bewahren sind für mich wertvoll und man kann sie mit keinem Geld der Welt aufwiegen.

Wissen Sie, ich habe oftmals den Eindruck, dass es in unserer Gesellschaft die Neigung gibt, wertvolle Zeit mit allen möglichen Dingen zu verbringen. In meinen Augen sollte die Zeit, die wir mit den Menschen verbringen, die uns am meisten bedeuten, die Zeit sein, in der wir eben nicht erschöpft und müde sind und kaum noch Energie haben.“

Die Frau, deren Namen ich nicht einmal kenne, springt auf, entledigt sich ihrer Kleidung und läuft ins Meer. Von weitem ruft sie mir noch zu: „Und denken Sie immer daran, was der Grund dafür ist, dass SIE hier sind, das entscheiden SIE selbst und kein anderer!“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2020



 Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.

Hier geht es zu Elke und ihrem 'Kleinen Blog'. KLICK!



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Sonntag, 2. Februar 2020

Spiegel des Himmels (Gedicht)


Ich schließe die Augen und höre dein Rauschen,
dein Glucksen und Gurgeln und Möwengeschrei.
So war es schon immer, seit ewigen Zeiten
ist das wohl dein Schicksal und Fügung zugleich.

Erzählst uns Geschichten vom endlosen Werden,
vom Kommen und Gehen, vom Leben und Sein.
Im Spiel der Gezeiten warst lang du schon vor mir
und wirst es bleibend und fortwährend sein.

Die Wolken, die Sonne und nachts Mond und Sterne,
sie spiegeln sich in dir, doch ändern dich nicht.
Denn du bleibst unendlich, geheimnisumwoben,
der Spiegel des Himmels, Beginn allen Seins.

Welch tiefes Geheimnis liegt in dir verborgen?
Welch Schätze des Ewigen hältst du verwahrt?
Ist Tod dort? Ist Leben? Nur Stille und Frieden?
Der Sitz allen Anfangs? Ein heiliger Ort?

Ich kann nur voll Demut auf all das hier schauen,
auf Wellen und Winde, auf Klippen und Strand,
kann ehrfürchtig werden vor all diesem Zauber,
voll Schönheit und doch voller Urgewalt.

© Martina Pfannenschmidt, 2020