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Samstag, 16. April 2022

Auf Wanderschaft

Ameise, Ankunft, alt, angeben, angeln - das waren diesmal unsere Vorgaben.

Bei Lore und Regina gibt es natürlich auch wieder eine Geschichte zu lesen.

 

Amelie kramte nach einem Taschentuch, das sie frisch gebügelt aus ihrem Nachtschränkchen angelte. Anschließend packte sie all ihre Habseligkeiten in das Tüchlein, suchte nach einem kleinen Stöckchen, band den Stoff daran, schulterte es, und verließ erhobenen Hauptes den Ameisenhügel.

Amelie war es einfach leid, tagein und tagaus zu schuften. Und wozu das alles? Nicht einmal einen Urlaub hatte man ihr genehmigt. Jetzt reichte es ihr. Sie zog aus. Hinaus in die Welt. Sie wollte unbedingt wissen, wie andere Arten ihr Leben gestalten. Das, was sie als Ameise zu erledigen hatte, schien ihr einfach viel zu anstrengend und sinnlos. Und so nahm sie ihre Beine in die Hand und verschwand, ohne sich zu verabschieden und ohne dass es ein Mitbewohner hätte mitbekommen können. Wie auch: sie waren ja alle viel zu beschäftigt.

Schnellen Fußes und mit einem Liedchen auf den Lippen durchschritt sie den Wald. Irgendwann würde sie bestimmt einem Waldbewohner begegnen, der ein anderes Leben führte, als sie es kannte. Sie war schon sehr gespannt darauf.

Und so dauerte es nicht lange, bis ein schwarzer Käfer ihren Weg kreuzte. Aber was machte er da und weshalb lief er rückwärts?

Amelie beobachtete ihn eine Weile, bevor sie ihn auf sein merkwürdiges Tun ansprach: „Entschuldigung, darf ich dich fragen, was du da machst?“

Der Käfer schreckte zusammen. Er hatte Amelie gar nicht gesehen. Wie auch. Er hatte ja keine Augen auf dem Rücken.

Schnaufend blieb er stehen und lehnte sich an die Kugel, die er mit seinen Hinterbeinen vorangetrieben hatte und die seinen eigenen Körper um ein Vielfaches überragte.

Etwas kurzatmig von der Anstrengung erzählte er ihr bereitwillig, dass seine Frau schwanger sei und er nun dafür sorgen müsse, dass der Nachwuchs nach dem Schlüpfen auch Nahrung fände.

„Und du, was machst du so?“, fragte er anschließend interessiert.

„Ich? Ich bin auf Wanderschaft.“

„Auf Wanderschaft? Hast du keine anderen Aufgaben in deinem Leben?“

„Ich nehme mir eine Auszeit!“, antwortete Amelie selbstbewusst.

„Sag, könntest du mir dann vielleicht helfen? Ich muss diese riesige Kugel einbuddeln. Und mit deiner Hilfe würde alles viel schneller und leichter gehen.“

„Ach nee, lass mal“, entgegnete die Ameise. Schließlich wollte sie nicht mehr arbeiten und das, was der Käfer da vorhatte, hörte sich nach sehr viel Arbeit an.

Etwas knurrig zog der Käfer weiter.

Amelie ließ sich nicht davon beirren. Schließlich hatte sie eine Mission. Sie wollte solange suchen, bis sie jemanden fand, der ein wunderbar leichtes Leben führte. Ein Leben so ganz ohne Arbeit.

Irgendwann wurden ihr die Beine schwer und die Füße schmerzten, weshalb sie sich unter eine alte Buche setzte, um eine Rast zu machen. Amelie kramte etwas Essbares aus ihrem Tuch, verspeiste es hungrig und hielt anschließend ein Nickerchen, das jedoch recht bald und ziemlich abrupt beendet wurde, als man sie verärgert ansprach: „He du, was machst du hier? Kannst du da mal weggehen!“

Amelie schaute etwas betroffen. Vor ihr saß ein verärgertes Eichhörnchen, das grantig fort fuhr: „Du sitzt auf meinem Vorratsschrank! Also verschwinde!“

Vor lauter Schreck sprang die Ameise auf und trat einige Schritte zur Seite. Schon begann das Hörnchen, mit den Vorderpfoten eifrig an der Wurzel der Buche zu scharren. Es dauerte auch gar nicht lange, da kam ein beachtlicher Vorrat an Nüssen und Eicheln zum Vorschein. Hastig bediente sich der Nager und bedeckte den Rest wieder mit der Erde.

Geschickt öffnete er die harte Schale der Nuss und ließ sich das köstliche Innenleben schmecken.

„Bist du immer so gnatzig?“, fragte Amelie ihn.

„Nur wenn ich hungrig bin!“

„Sag“, forschte sie weiter, „hast du eine besondere Aufgabe in deinem Leben?“

Das Hörnchen schaute Amelie verwundert an. Eine besondere Aufgabe?

„Natürlich habe ich eine Aufgabe. Was denkst du, wie diese Nüsse unter die Erde gekommen sind und wer sie gesammelt und dort vergraben hat? Na, was denkst du, wer das war? Ich war das! Wer sonst! Ich muss doch für mein Überleben sorgen! Du etwa nicht?“

Irgendwie fühlte sich Amelie von dem Hörnchen provoziert: „Ich muss nicht wie du alleine für mein Überleben sorgen“, hörte sie sich plötzlich sagen. „Ich lebe in einem großen Staat mit all meinen Freunden und meiner Familie zusammen. Und jeder von uns hat seine Aufgabe. Vom Bauplan, über die Hygiene bis hin zur Kommunikation ist alles ganz wunderbar geregelt.“

„Keine Ahnung, warum du damit jetzt so angeben musst“, entgegnete das Hörnchen. „Wenn alles so ist, wie du sagst, hättest du auch eine wichtige Aufgabe in eurem Staat. Was machst du dann hier so alleine?“

Ohne auf Amelies Antwort darauf zu warten, flitzte das Eichhörnchen am Stamm der Buche hoch und verschwand in dessen Krone auf Nimmerwiedersehen.

Amelie blieb alleine zurück und ein Gefühl stieg in ihr auf, das ihr völlig unbekannt war: Heimweh! Nun war sie kaum einen halben Tag von zuhause entfernt und schon wurde ihr bewusst, dass sie nicht für das Alleinsein gemacht war. Sie fühlte sich von jetzt auf gleich völlig alleine und hilflos. Wo war es hin, das Selbstbewusstsein, das sie bis eben noch ausgezeichnet hatte?

Die Ameise sah sich um, entdeckte ein in der Nähe stehendes Blümchen, lief hin, nahm einen kräftigen Schluck vom süßen Nektar und wusste, was nun zu tun war. Sie musste, nein, sie wollte so schnell es ging wieder zu ihrem Staat zurück.

Ein Igel, der die Unterhaltung der beiden unbeobachtet verfolgt hatte, kroch aus seinem Versteck heraus und fragte, als er Tränen in Amelies Augen schimmern sah: „Soll ich dich wieder nachhause bringen? Wenn du magst, kannst du dich an meinen Stacheln festhalten und ab geht die wilde Fahrt!“

Amelie ließ sich nicht zweimal bitten. Sie wollte so schnell es ging wieder dorthin, wo sie ihren Platz hatte. Und so krabbelte sie vorsichtig zwischen den Stacheln des Igels hindurch auf dessen Rücken und ließ sich nach Hause tragen.

Niemals hätte sie es für möglich gehalten, dass man ihr Verschwinden sehr wohl bemerkt hatte und so hielten alle bei ihrer Ankunft kurz inne, um die Ausreißerin willkommen zu heißen. Bald darauf gingen sie wieder ihrer Arbeit nach. Auch Amelie. Und sie ging ihr leichter von der Hand, als jemals zuvor.

© Martina Pfannenschmidt, 2022



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Sonntag, 30. Januar 2022

Mein Leben! Meine Entscheidungen!

Meine Lieben! Nach einer etwas längeren Pause geht es heute weiter mit unseren Reizwörter-Geschichten. - Ich hoffe sehr, dass ihr gut im Jahr 2022 'gelandet' seid und freue mich, dass ihr da seid! - Und nun wünsche ich euch viel Freude beim Lesen meiner ersten Geschichte dieses Jahres!

Reizwörter: Anruf, Plan, nachdenklich, traurig, glücklich

Natürlich findet ihr auch dieses Mal weitere Geschichten mit diesen Reizwörtern bei Regina und Lore!


Kennt ihr das? Da bekommt ihr einen Anruf von eurer besten Freundin und was passiert? Ihr seid genervt! Ihr seid auf 180, so wie ich jetzt gerade.

Was geschehen ist? Genau das, was in jedem Jahr passiert, wenn die Zweige des Weihnachtsbaumes sich gen Boden neigen und so langsam aber sicher ein trauriges Bild abgeben.

Denn genau zu der Zeit hat meine Freundin alle Jahre wieder einen Plan, weil sie nämlich nachdenklich geworden ist in dieser ach so stillen Zeit und zu der Erkenntnis kam, dass sie zu dick ist und abnehmen muss.

Und nicht nur das. Sie ist auch zu unsportlich! Sie muss unbedingt mehr Sport treiben. - Und dass Sport glücklich macht, hat sie gelesen.

Ja, wenn das so ist, kann es ja losgehen mit dem Sport und dem Abnehmen, nicht wahr!

Ja, könnte es, wenn diesem Wunsch ein echter Entschluss vorausgegangen wäre. Doch genau da liegt der Hase im Pfeffer. Daran hapert es nämlich. Alle Jahre wieder. Und ich weiß jetzt schon, was kommen wird – und zwar noch vor Ostern!

Besagter Hase, nämlich der, der jetzt noch im Pfeffer liegt, der wird mit all den guten Vorsätzen davon hoppeln und das schneller, als meiner Freundin lieb ist.

Und wer darf sich das Gejammer über zu viele Pfunde und Unsportlichkeit spätestens in einem Jahr wieder anhören? Na, wer, was denkt ihr? Genau! Ich! - Und zwar genau sooo lange, bis aus dem Wunsch meiner Freundin, sportlicher zu sein und abzunehmen, ein echter Entschluss geworden ist. Es braucht eine Entscheidung! Es braucht ihre echte Entscheidung!

Und genau die fehlt! Solange es nur ein Wunsch ist, wird sich nichts verändern. Eine Entscheidung muss her! Und die kann sie eigentlich an jedem Tag des gerade begonnenen neuen Jahres treffen. Da muss sie gar nicht warten, bis wir wieder Silvester haben.

Aber irgendwie kommt das nicht bei ihr an, obwohl ich es ihr schon so oft gesagt habe. Ich stoße einfach auf taube Ohren und das lässt mich auf 180 sein und auch zweifeln. - Aber nicht an unserer Freundschaft. Die besteht schon lange und sie hat schon so viele Feuerproben bestanden, da wird auch dieser kleine alljährliche Konflikt nichts dran ändern.

Aber mal im Ernst. Diese Sache mit den Entscheidungen, die ist schon fatal, oder? Weil so eine Entscheidung, die wir einmal aus tiefstem Herzen getroffen haben, die zieht ja Konsequenzen nach sich, die eventuell wieder erneute Entscheidungen mit Konsequenzen nach sich zieht.

Im Fall meiner Freundin wäre die erste notwendige Entscheidung, ihren Hintern vom Sofa hoch zu bekommen und zum Beispiel einmal in der Woche schwimmen zu gehen oder mehrmals in der Woche mit kleinen Spaziergängen zu beginnen. Vielleicht bräuchte es auch die Entscheidung, auf Zucker zu verzichten.

Das würde beim Einkaufen bedeuten, dass sie ganz konsequent die Abteilung ‚Süßigkeiten’ meidet und stattdessen der Abteilung ‚Obst’ den Vorzug gibt.

Und wenn sie eines Tages feststellen sollte: Upps, ich bin rückfällig geworden, bräuchte es den erneuten Entschluss, dass sie dennoch bei der Umstellung bleiben möchte. Vielleicht sogar ihr ganzes Leben lang.

Wenn da nicht die Sache wäre, dass wir so ungern etwas verändern in unserem Leben, oder? Aber wenn wir wirklich eine Veränderung möchten, darf es nicht bei dem Wunsch bleiben. Dann müssen Konsequenzen folgen; echte Entscheidungen müssen her. Im Fall meiner Freundin: sie müsste einen Sport finden, der ihr wirklich Freude macht und sie müsste ihre Ernährung umstellen. Anders wird es nicht gehen.

Es ist ja nicht so, dass sie das nicht weiß. Das ist ihr schon bewusst. Doch was ist es, das sie und irgendwie doch die meisten von uns, daran hindert, Wünsche wirklich umzusetzen?

Ich glaube, ich weiß es. Es wäre doch einfach zu schön, wenn wir Entscheidungen an andere abtreten könnten. Wie wäre es denn, wenn da eine gute Fee um die Ecke käme und erkennen würde, dass unser Leben irgendwie in einer Endlosschleife feststeckt und wir nicht mehr herauskommen.

Wäre das nicht toll, wenn sie käme und sagen würde: „Ich sehe deine Wünsche. Ich sehe auch deine Probleme. Und weißt du was. Du musst nichts, aber auch gar nichts verändern oder dafür tun. Du musst auch keine einzige Entscheidung treffen. Nein! Das mache ICH für dich.

ICH werde dafür sorgen, dass du dich gut fühlst und die Pfunde einfach so von dir abfallen. Du wirst sehen, eines Morgens wirst du wach werden und schweißgebadet in deinem Bett liegen, weil du bereits im Schlaf dein Sportprogramm absolviert haben wirst.

Ja und wenn du deine Bettdecke zur Seite schlägst, werden die ersten Pfunde als Butterpäckchen verpackt neben dir liegen. Wirklich! Ich verspreche es dir! ICH werde mich kümmern und DU kannst einfach so weiter machen wie bisher.“

Und wisst ihr, was noch in jedem Jahr wieder passiert? Sie – also meine Freundin -, triggert mich! Und warum triggert sie mich? Weil ich mich natürlich in ihrem Verhalten wieder finde. Eigentlich ist das der Grund, der mich derart auf die Palme bringt. Ich bin ja keinen deut besser, als sie. Ich müsste mir also eigentlich an die eigene Nase fassen. Meine Freundin hält mir ja nur den Spiegel hin, damit ich erkenne, dass auch ich mit meinem Leben in einer Endlosschleife fest hänge.

Einerseits würden wir doch alle das eine oder andere in unserem Leben gerne verändern, aber andererseits haben wir es uns in unserem Leben gerade so richtig schön gemütlich gemacht. Wir wollen oft gar keine Veränderungen, wenn wir ganz ehrlich zu uns sind. Wir möchten, dass alles so bleibt, wie es ist. Aber das ist eine Illusion. Und das wissen wir. Alle! Es wird definitiv nicht so bleiben, wie es ist. Zu leben, das bedeutet, dass es ständige Veränderungen geben wird. Ja, muss!

Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, die Veränderungen, die ich mir persönlich für mich und mein Leben wünsche, in diesem Jahr kraftvoll umzusetzen. Doch ich weiß, dass ICH der Macher, der Erbauer, der Gestalter, meines Lebens bin. Kein anderer lebt mein Leben und kein anderer wird Entscheidungen für mich treffen. Und ehrlich gesagt möchte ich das auch gar nicht. Schließlich ist es mein Leben und da treffe ich meine Entscheidungen doch lieber selbst!

 

© Martina Pfannenschmidt, 2022

 


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Sonntag, 30. Mai 2021

Eine Wolke, ein Gewitter und die Liebe

Die heutige Geschichte geht mit folgenden Reizwörtern an den Start:

Fingerhut, Libellenflügel, plumpsen, durchnässt, wuschelig           

Übrigens auch bei Regina und Lore! :-)

Nachdem Jana und Ben gemeinsam das Mittagessen eingenommen hatten, ging Jana in den Garten, um sich ein wenig auszuruhen.

Sie zog einen Liegestuhl in die Sonne und ließ sich hinein plumpsen. Sie war wirklich schwerfällig geworden in den letzten Tagen.

Ihr Blick fiel auf das Beet, in dem üppig der Fingerhut in den schönsten Farben blühte.

Oh, eine Libelle. Jana hatte lange keine mehr gesehen. Moment mal, wie war das noch? Können Libellen stechen? Nein, sie glaubte nicht. Das war wohl ein weit verbreiteter Irrglaube.

Sie beobachtete das Tier eine Weile und konnte genau die vielen feinen Äderchen in den Libellenflügeln erkennen und auch, dass das Tier seine vier Flügel unterschiedlich bewegen konnte.

Bsssss - eine dicke Hummel verscheuchte die Libelle und ein Lächeln umspielte Janas Lippen.

Immer wenn sie eine Hummel sah, musste sie unweigerlich an ihre Oma denken, die diese Tiere in ihrer plattdeutschen Sprache liebevoll ‚Plüschmors‘ genannt hatte.

‚Ach Omilein‘, dachte sie, ‚schade, dass du jetzt nicht bei mir bist. Ich hätte dir so viel zu erzählen. - Aber sag, warst du das vielleicht, die von ‚dort oben‘, meinen Weg in dieses verschlafene Nest geführt hat?‘

Janas Gedanken gingen zurück zu der Zeit, als sie noch in einer großen Bank in der großen Stadt gearbeitet hatte. Sie wollte damals über ein verlängertes Wochenende zu ihrem Freund fahren, der einige Hundert Kilometer entfernt wohnte. Doch wie heißt es so schön: erstens kommt es anders, als man zweitens denkt.

Sie war sehr spät vom Büro nach Hause gekommen, hatte schnell noch ein paar Sachen in ihre Reisetasche geworfen und war in ihr kleines Auto gestiegen. Schon die ersten Verkehrsmeldungen hatten vermuten lassen, dass einiges auf der vor ihr liegenden Strecke los sein würde. Aber das stellte sich später als das kleinere Übel heraus.

Viel schlimmer war nämlich ein aufziehendes starkes Gewitter gewesen. Jana hasste Gewitter. ‚Danke Oma!‘, dachte sie in diesem Moment, denn es war klar, von wem sie diese Angst geerbt hatte.

Jana war zwar bewusst gewesen, dass sie in ihrem kleinen Auto sehr sicher war, doch sie war ebenso sicher gewesen, dass sie sich in einem Haus geschützter gefühlt hätte. Deshalb war sie kurzerhand die nächste Abfahrt herunter gefahren und in einem Ort gelandet, von dem sie niemals zuvor gehört hatte.

Sie war auf der Suche nach einem Lokal oder einer Gaststätte durch den Ort gefahren. Ihr Plan war gewesen, dort irgendwo einzukehren, etwas zu essen und das Ende des Gewitters abzuwarten, um danach ihren Weg fortzusetzen. Doch erstens …

Weil sie weder ein Lokal noch eine Kneipe hatte finden können, hatte sie entschieden, an den Straßenrand zu fahren, sich im Auto ganz klein zu machen und abzuwarten, während grelle Blitze am Himmel zuckten und grollende Donner ihr Auto zum Beben brachten.

Sie hörte bei ihrem gedanklichen Rückblick noch heute, wie jemand laut „Wolke, komm zurück“, gerufen hatte. Doch Wolke war nicht zurückgekommen, sondern hatte lautstark bellend an ihrem Auto verharrt.

Es hatte gar nicht lange gedauert, bis ein völlig durchnässter junger Mann neben besagter Wolke und hinter ihrer Autoscheibe aufgetaucht war.

„Entschuldigung“, hatte er, pitschnass wie er war, gesagt, „ich weiß auch nicht, was in meinen Hund gefahren ist. Eigentlich ist er gut erzogen.“

Sie musste erbärmlich ausgesehen haben, hinter ihrem Steuer, da der Mann sich nach ihrem Befinden erkundigt hatte.

Während er pudelnass neben ihr im strömenden Regen gestanden hatte, hatte sie ihm kurz ihre Situation geschildert und eine Minute später in seiner warmen Küche bei einer Tasse Tee gesessen.

Sie war in dieser Nacht nicht mehr zu ihrem Freund gefahren. Sie war überhaupt nicht mehr zu ihrem Freund gefahren, sondern hier geblieben. Bei Ben, ihrer großen Liebe.

Wie sollte sie das nennen? Zufall? Schicksal? Fügung?

Jetzt, wo sie so darüber nachsann, fragte sie sich, ob es einen vorgezeichneten Plan gibt, und ob sich jedes Ereignis im Leben nach diesem Plan richten muss. Doch wer legt ihn fest, ohne dass wir eine Wahl hätten?

Aber so war es ja nicht. Sie hatte ja schon eine Wahl gehabt. Sie hätte ja wählen können, ihre Fahrt auf der Autobahn fortzusetzen oder spätestens nach Ende des Gewitters hätte sie sich auf den Weg machen können. Doch sie hatte anders entschieden. Demnach war doch sie es, die Entscheidungen getroffen hatte. Oder nicht?

Eine wuschelige kleine Wolke kam bellend zu ihr in den Garten gerannt.

Jana hatte sie vom ersten Moment an in ihr Herz geschlossen.

Ja und einen Mann, der seinen Hund ‚Wolke‘ nennt, den konnte man doch auch einfach nur in sein Herz schließen und lieben.

Der Hund nahm kurz Anlauf und landete direkt auf ihren Beinen.

„Du, sei mal ein bisschen vorsichtiger“, mahnte sie den kleinen Vierbeiner, der nicht ganz unschuldig an ihrer heutigen Lebenssituation war.

„Was meinst du, Wolke, ob unser kleines Mädchen, das mich gerade mächtig boxt, mit einem Lebensplan auf die Welt kommt?“

Sie strich beruhigend über ihren Bauch und musste schmunzeln, weil Wolke ihr mit schräg gelegtem Kopf aufmerksam zuhörte.

Noch vier Wochen, dann wären sie zu viert! Ben, sie, der Hund und das Baby. Eine richtige Familie.

„Weißt du“, vertraute sie dem Tier an, „man erzählt sich in manchen Gegenden dieser Welt, dass man von den kleinen Fußsohlen der Babys ihren Lebensplan ablesen kann.“

Wolke gab kurz einen Laut von sich.

„Und, was soll das jetzt heißen? Stimmt oder stimmt nicht? – Egal, ich glaube, wir zwei werden diese philosophische Frage heute nicht mehr klären können. Von daher lass uns noch ein paar Minuten in aller Ruhe hier liegen und uns ausruhen. Es wird noch anstrengend genug werden, wenn die Kleine erst da ist, oder was denkst du?“

„Wuff!“, ließ Wolke vernehmen und legte vorsichtig sein Köpfchen auf Janas Kugelbauch.


© Martina Pfannenschmidt, 2021



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Samstag, 15. August 2020

Die fremde Frau

 

Reizwörter: Baumstumpf, Gartenzaun, erdig, flimmern, eigenartig

Wie immer, so findet ihr zu diesen Wörtern auch diesmal wieder weitere Geschichten bei Regina und Lore!

 

Leise schließe ich die Tür hinter mir, um meine Familie nicht zu wecken. Sie schläft im Urlaub gerne aus, während ich diese stille Zeit früh am Morgen genieße und als sehr wertvoll empfinde.

In der Nacht hat es geregnet, so dass ein erdiger Geruch in der Luft liegt. Ich nehme ein paar tiefe Atemzüge und lasse dabei meinen Blick über das Meer gleiten.

In der noch tief stehenden Sonne flimmert es silbrig und zaubert mir damit ein Lächeln ins Gesicht.

Im nahe gelegenen Fischereihafen wiegen Wellen die buntbemalten Kutter.

Mein Weg führt mich an einem alten Friesenhaus vorbei. Der grün gestrichene Gartenzaun hat schon bessere Zeiten gesehen, doch das tut seinem Charme keinen Abbruch.

Auf einem Baumstumpf dahinter steht ein verwitterter Gartenzwerg, der eine Laterne in seiner Hand hält. Vielleicht soll sie seinem Besitzer die Dunkelheit erhellen.

Nur noch wenige Schritte, dann bin ich direkt am Meer angekommen. Kein Mensch ist hier, nur ein paar Möwen kreisen am Himmel und so kommen und gehen meine Gedanken während meines morgendlichen Spaziergangs, wie die Wellen, die den Strand berühren und sich dann schnell wieder zurückziehen.

In diesem Moment kommt eine Frage in mir hoch, die ich schon seit Kindertagen in mir trage: Warum bin ich eigentlich hier? Gibt es dafür einen Grund? Gibt es eine Aufgabe? MEINE Aufgabe auf diesem Planeten?

Menschliche Aufgaben sind vielfältig, denke ich und sie beginnen wohl für jeden an jedem Morgen mit den alltäglichen Dingen des Lebens, die wir mal mehr, mal weniger gerne erledigen. Aber ist das Abarbeiten irgendwelcher Aufgaben der Grund, weshalb ich hier bin? Und wie wichtig ist mein kleines Leben überhaupt, verglichen mit dem ganzen Universum, dessen Ausmaße ich mir nicht einmal vorstellen kann?

Bin ich, verglichen mit all dem, nicht nur winzig wie ein kleines Staubkorn?

Doch was ist, wenn ich doch nicht bedeutungslos bin? Wenn es einen Grund dafür gibt, dass ich genau jetzt an diesem Ort bin?

„Guten Morgen“, ruft mir unerwartet jemand zu und ich schrecke aus meinen Gedanken hoch.

„Guten Morgen“, erwidere ich verdutzt, während ich eine Hand zum Schutz vor der Sonne über meine Augen lege und eine Frau meines Alters auf mich zukommen sehe. „Ich habe Sie gar nicht kommen hören.“

„Das glaube ich gerne. Sie waren ganz in ihren Gedanken versunken. Außerdem erwartet man zu dieser Zeit ja auch niemanden hier, nicht wahr?“

„Ja, so ist es. Sie haben Recht. Mit dem Einen und mit dem Anderen. Ich wähnte mich wirklich alleine hier und meine Gedanken waren gerade bei meinem Leben und der Frage, weshalb ich eigentlich hier bin. – Also, nicht jetzt hier am Strand, sondern überhaupt, hier auf der Welt. Haben Sie sich das auch schon mal gefragt?“

Ich staune über mich selbst. Weshalb teile ich diese tiefgründige Frage ausgerechnet mit der mir fremden Person?

„Wollen wir uns nicht einen Augenblick setzen?“, fragt sie daraufhin und hockt sich auch schon in den hellen Sand.

Es ist eigenartig, obwohl wir uns gar nicht kennen, scheint eine bemerkenswerte Nähe zwischen uns zu sein. Wortlos setze ich mich neben sie.

„Eine solch philosophische Frage an einem so wundervollen Morgen“, sagt sie lächelnd. „Aber ich kenne das. Es sind genau dieses Alleinsein und diese Stille, die uns zu diesen elementaren Fragen führt, die ich mir ebenso wie Sie schon gestellt habe.“

„Und“, erkundige ich mich erwartungsvoll, „haben Sie für sich eine Antwort darauf gefunden?“

Die Frau schaut auf das Meer hinaus, nimmt anschließend ein wenig von dem weißen Sand in ihre Hand und lässt ihn durch ihre Finger gleiten, während sie mir antwortet: „Ich glaube, ich bin hier, um meinen Mann zu lieben und meine Kinder. Ich glaube, ich bin hier, um ihnen meine Liebe zu geben, für sie da zu sein und ihr Fels in der Brandung zu sein, wenn die Wellen mal wieder hoch schlagen und auch, um während meiner ehrenamtlichen Tätigkeit in einem Hospiz ein wenig Licht in so manche dunkle Stunde meiner Mitmenschen zu bringen.“

Ich schaue die Frau an und sie lächelt zurück. „Das genügt Ihnen nicht, nicht wahr? Sie denken, das kann doch nicht alles sein? Kann man denn da wirklich von einer Aufgabe sprechen?“

Ich fühle mich ertappt und schaue verlegen nach unten.

„Haben Sie schon einmal versucht, ALLES zu lieben? JEDE Situation in Ihrem Leben?“, fragt sie mich und spricht weiter, ohne auf meine Antwort zu warten: „Das ist eine echte Aufgabe, wie ich finde. Es ist gar nicht so einfach, nicht nur die guten Zeiten und glücklichen Momente, zu lieben, sondern sein Licht auch und gerade in dunklen Stunden scheinen zu lassen und zu erkennen, dass auch diese ihren Sinn haben und manche Schätze dahinter verborgen liegen. Diese Schätze zu finden und zu heben, sehe ich als eine meiner Aufgaben, denn das, was der Dunkelheit fehlt, ist doch nur das helle Licht der Liebe. Licht und Liebe in diese Welt zu tragen und sei es auch nur in meine kleine Welt, darin sehe ich meine Aufgabe.“

Wir sitzen eine Weile schweigend nebeneinander und schauen gemeinsam hinaus aufs Meer. Obwohl wir uns fremd sind, hat dieser Moment etwas von Vertrautheit, ja fast schon etwas Magisches.

„Ich glaube“, spricht die Frau wie aus dem Nichts weiter, „es geht nicht darum, eine Spitzenmanagerin zu sein, die viel Geld verdient, aber jeden Abend matt ins Bett fällt. Das mag durchaus ihre Aufgabe sein, aber es ist nicht meine. Das weiß ich ziemlich sicher. Das würde mich einfach nicht glücklich machen und darum geht es doch. Mir reicht es, mein kleines ‚Familienunternehmen‘ zu managen. Das macht mich wirklich rundum glücklich. Diese kleinen Momente zu genießen, wenn mein Kind mich umarmt. Das sind für mich wahre Glücksmomente. Diese vielen kleinen Momente zu sammeln und im Herzen zu bewahren sind für mich wertvoll und man kann sie mit keinem Geld der Welt aufwiegen.

Wissen Sie, ich habe oftmals den Eindruck, dass es in unserer Gesellschaft die Neigung gibt, wertvolle Zeit mit allen möglichen Dingen zu verbringen. In meinen Augen sollte die Zeit, die wir mit den Menschen verbringen, die uns am meisten bedeuten, die Zeit sein, in der wir eben nicht erschöpft und müde sind und kaum noch Energie haben.“

Die Frau, deren Namen ich nicht einmal kenne, springt auf, entledigt sich ihrer Kleidung und läuft ins Meer. Von weitem ruft sie mir noch zu: „Und denken Sie immer daran, was der Grund dafür ist, dass SIE hier sind, das entscheiden SIE selbst und kein anderer!“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2020



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Mittwoch, 15. Januar 2020

Wünsche an das neue Jahr


Reizwörter: Wünsche, Hoffnungsschimmer, mucksmäuschenstill, butterweich, innehalten

Weitere Geschichten mit diesen Reizwörtern lest ihr bei Regina und Lore!


Das neue Jahr war gerade mal ein paar Tage alt, als ich nach einer kurzen Reise zurück kehrte und meiner Oma einen Besuch abstattete.
Ich ging in ihre Küche, da ich sie dort vermutete, doch dort fand ich sie nicht. Auch in ihrem Wohnzimmer war es mucksmäuschenstill. Nichts war von ihr zu sehen oder zu hören, weshalb ich nach ihr rief.
„Hier bin ich“, kam es aus dem Schlafzimmer und schon kam sie mir freudestrahlend entgegen.
Wir nahmen uns in die Arme und wünschten uns gegenseitig ein glückliches neues Jahr.
Während ich bei einer Tasse Tee von meiner Reise erzählte, fiel mein Blick auf ein kleines Buch, das auf Omas altem Sekretär lag. Ich nahm es an mich und schaute interessiert hinein. Es war ihr Telefon- und Adressenverzeichnis. Obwohl es schon ziemlich abgegriffen und in die Jahre gekommen war, ließ sich doch erahnen, wie butterweich der Ledereinband einst gewesen sein musste.
Sogleich fiel mir auf, dass viele Namen und Adressen durchgestrichen waren und ich erkundigte mich, warum das so war.
„So ist das nun mal im Leben“, antwortete Oma mir in ihrer liebevollen Art. „Ich habe mich schon von vielen Menschen verabschieden müssen. Sie sind aber nicht alle verstorben, sondern einige sind verzogen oder es passte einfach nicht mehr.
Wenn man das erkennt, ist es klüger, eine Freundschaft zu beenden. Das wirst du auch noch merken, dass immer wieder neue Menschen in dein Leben treten, die zu dem Zeitpunkt deines Lebens dann besser zu dir passen.“
„Omi“, fragte ich sie nach einer Weile interessiert, „hast du eigentlich besondere Wünsche an das neue Jahr oder hast du dir etwas ganz Bestimmtes vorgenommen?“
Sie erwiderte: „Ach weißt du, ich denke, dazu benötigt man nicht unbedingt den Jahreswechsel, um Rückschau zu halten, Wünsche zu formulieren oder eine Veränderung zu wagen. Das kann man an jedem Tag des Jahres tun. Allerdings gebe ich zu, dass der Übergang von einem alten zu einem neuen Jahr dafür sehr geeignet scheint. Wer möchte schon Altes und Schweres mit hinüber nehmen in das neue Jahr, nicht wahr?“
Ich dachte über ihre Worte nach. Nein, Altes und Schweres möchte wohl niemand mit hinüber nehmen und doch geschieht es allzu oft.
„Im letzten Jahr habe ich doch in einem Unternehmen bei der Inventur geholfen, um mir ein bisschen Geld dazu zu verdienen“, erzählte ich und fuhr fort: „Weißt du, ich hab mir diesmal am Jahresende vorgestellt, dass ich auch so etwas wie eine Inventur meines Lebens mache. Ich hab geschaut, was im vergangenen Jahr gut und was nicht so gut war. Was möchte ich mitnehmen und was loslassen oder verändern.“
„Das hast du sehr klug gemacht! Es kann nicht schaden, einmal innezuhalten und Vergangenes zu betrachten. Was möchtest du weiterhin mitnehmen und bei dir tragen und wovon möchtest du dich verabschieden? Was hält dich bei deinem Vorankommen auf und was fördert es?
Dabei ist es sicher wichtig zu erkennen, dass alle Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen, uns bereichern. Und ich meine wirklich Alle, denn nichts kommt grundlos in unser Leben. Wenn wir schließlich unsere Erkenntnisse aus unseren Erfahrungen gezogen haben, dürfen sie gehen. Wir dürfen sie loslassen.“
Plötzlich musste ich schmunzeln, weil mir durch den Kopf ging, weshalb Oma vorhin aus ihrem Schlafzimmer kam. Sie räumt nämlich immer ihren Kleiderschrank auf und aus, sobald ein neues Jahr da ist. Vielleicht ist das so etwas wie eine Marotte von ihr. Andererseits macht es sehr deutlich, dass wir für Neues zuerst einmal Platz schaffen müssen. Altes raus - Neues rein.
„Omi“, fragte ich, weil es mir gerade in den Sinn kam, „glaubst du, es gibt einen Menschen auf dieser Welt, der rundherum glücklich und zufrieden ist? Immer? Zu jeder Zeit seines Lebens?“
„Vermutlich nicht. Doch ich denke, dass die Kunst darin besteht, wie wir mit unserem sogenannten Schicksal umgehen. Für jeden von uns ist das Leben eine Berg- und Talfahrt. Manchmal sind wir oben, manchmal unten. Nichts währt ewig. Alles ist immer in Bewegung und ändert sich. Und diese Veränderungen können uns zu Boden ziehen oder auch Aufwind geben. Das hängt ganz gewiss maßgeblich von unserem Charakter ab. Und der wird größtenteils durch diese Veränderungen geformt.“
„Du hast recht, im Leben geht es manchmal zu, wie auf einer Achterbahn“, warf ich schmunzelnd ein.
„Das stimmt wohl und dein Vergleich zeigt ja außerdem, dass es nach einer Talfahrt rasch wieder hinauf gehen kann. Und so ist es wohl auch im wahren Leben. Auch die schlechten, schlimmen Zeiten, werden vergehen.“
„Es sei denn“, warf ich ein, „wir halten sie mit unseren Gedanken weiterhin fest.“
„Genauso verhält es sich“, erwiderte Oma und ich sah ihren Augen an, wie stolz sie in diesem Moment auf mich war.
„Man kann das Leben aber ebenso mit einer Fahrt auf einem Fluss vergleichen“, meinte sie. „Es gibt niemals einen Stillstand. Ein Fluss ist immer in Bewegung. Manchmal gibt es unruhige Strecken. Da müssen wir uns in unserem Boot gut festhalten, um nicht herauszufallen oder umzukippen. Doch nach diesen Zeiten wird es auch wieder ruhige Streckenabschnitte geben.“
„Bis die nächste Stromschnelle kommt“, warf ich lachend ein und Oma nickte zustimmend.
Nach einer Weile meinte sie: „Ich habe dir vorhin nur indirekt auf die Frage geantwortet, ob ich Wünsche an das neue Jahr habe. Es war mir bisher vielleicht noch nicht so recht bewusst, doch jetzt kann ich es in Worte fassen. Ich wünsche mir, dass mein Gehör nicht nachlässt. Besonders in Bezug auf die Stimme in mir. Ihr möchte ich meine besondere Aufmerksamkeit schenken. Diese Stimme ist in turbulenten Zeiten wie ein Hoffnungsschimmer für mich, denn sie rät mir: Sei zufrieden mit dem, was du bist, was du tust und was du bereits erreicht hast.“
„Und ich möchte im neuen Jahr wenig zurück schauen“, erwiderte ich Oma daraufhin. „Ganz im Gegenteil. Ich möchte nach vorne schauen und ich möchte lernen, mein Boot sicher zu manövrieren, um den Stromschnellen nach Möglichkeit auszuweichen.“
Oma sah mich liebevoll an und entgegnete: „Wenn dir das gelingt, wirst du ein glückliches Leben führen und du wirst unglaublich stolz auf dich sein.“

© Martina Pfannenschmidt, 2020


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