Tiere inspirieren mich immer wieder zu Geschichten. Heute begeben wir uns unter die Erde, wo Herr Graufell auf uns wartet. - Ja und in der nächsten Geschichte, das verrate ich heute schon mal, geht es noch einmal um Emil, den Esel, und Müsli, die Maus. Auch in der Geschichte wird ein Maulwurf eine Rolle spielen. - Aber jetzt wünsche ich euch zunächst einmal viel Freude beim Lesen dieser Geschichte! - Schön, dass du da bist!
Tief unter der Erde, wo Dunkelheit herrscht, ist das Zuhause von Herrn Graufell. Der Maulwurf war bei all den kleinen Tieren, die in der Tiefe der Erde wohnten, für seine Liebe zu Berichten aus der örtlichen Zeitung bekannt.
Jeden Morgen,
nachdem ihm die Zeitung zugestellt worden war, griff er zu seiner Brille,
setzte sich in seinen gemütlichen Schaukelstuhl und las mit größter
Begeisterung die neuesten Nachrichten aus dem Tierreich.
Doch an diesem
Morgen war alles anders. Ein kleines Missgeschick in der Nacht hatte seine
Brille in zwei Teile zerbrochen. Aber ohne seine Brille konnte Herr Graufell
kaum etwas erkennen, geschweige denn seine heißgeliebte Zeitung lesen.
Verzweifelt
tastete er nach den Seiten, seufzte tief und wiegte sich traurig im
Schaukelstuhl.
Just, als er
glaubte, dass dieser Tag kein Glückstag für ihn werden könnte, nahm er ein
leises Rascheln am Eingang seines Erdganges wahr. Neugierig lugte er auf und
sah – oder besser: erahnte – eine kleine Maus, die vorsichtig seine Stube
betrat.
„Entschuldigung,
ich glaube, ich habe mich verlaufen“, piepste die Maus und sah sich um. „Mein
Name ist Weißfellchen – und wo bitte bin ich hier gelandet?“
„In meinem
Wohnzimmer!“, antwortete der Maulwurf. „Fühl dich willkommen. Ich bin Herr
Graufell und wie du vielleicht weißt, können Maulwürfe nicht gut sehen, weshalb
ich eigentlich eine Brille trage. Eigentlich! Doch nun ist sie kaputt und ich
kann meine geliebte Zeitung nicht mehr lesen“, fiel er sogleich mit der Tür ins
Haus. „Deshalb geht es mir gerade nicht so gut. Man möchte doch wissen, was in
der Welt geschieht, nicht wahr?“
Weißfellchen
kicherte kurz, hüpfte auf den Tisch, und meinte: „Ach, das ist doch gar kein
Problem! Ich kann schauen wie eine Eule bei Nacht und lesen kann ich auch. Gib
mir deine Zeitung und ich lese dir vor!“
Herr Graufell
strahlte zum ersten Mal an diesem Tag. Gemeinsam breiteten sie die Zeitung auf
dem Tisch aus. Weißfellchen räusperte sich kurz und las würdevoll die erste
Nachricht des Tages: „Wetterbericht: Heute bleibt es mild, weshalb unterirdisch
mit vermehrtem Regenwürmer-Aufkommen zu rechnen ist.“
„Das klingt nach perfektem Wetter für einen Spaziergang durch die
Tunnel“, sagte Herr Graufell schmunzelnd.
„Lokale
Nachrichten: Die Kaninchenfamilie Feldhoppel hat Nachwuchs bekommen. Sechs
kleine Kaninchen hoppeln nun durch die Wiesen.“
Die Maus
kicherte. „Stell dir vor, so viele Kinder! Glaubst du, die Eltern können sich
all die Namen merken?“
„Wahrscheinlich
nennen sie sie einfach Nummer Eins bis Sechs“, witzelte Herr Graufell.
Weißfellchen
las weiter: „Ein Igel wurde heute dabei erwischt, wie er aus Versehen im Kreis
lief. Offensichtlich war sein Kompass defekt.“
Beide
prusteten los vor Lachen. Sie sprachen darüber, wie es wohl wäre, wenn auch
Maulwürfe Kompasse hätten, und philosophierten über die Orientierung im
Dunkeln.
Während die
Maus weiter vorlas, diskutierten die beiden eifrig über das Wetter, das
Kaninchenchaos auf der Wiese und darüber, dass auch Igel mal einen schlechten
Tag haben dürfen.
Herr Graufell
erzählte von seiner Angst, nie wieder selbst lesen zu können, als die Maus
philosophierte: „Weißt du, manchmal sieht man mit dem Herzen besser als mit den
Augen.“
Dann
überlegten beide, wie man die Brille des Maulwurfs reparieren könnte und
bastelten bald darauf eine Notfallbrille aus Draht und einem alten Löffelstiel.
Vorsichtig setzten sie das Glas der alten Brille dort ein. Es hielt. Zumindest
halbwegs. Und Herr Graufell erkannte begeistert, dass er damit zumindest die
großen Überschriften lesen konnte.
Von diesem Tag
an besuchte Weißfellchen den neuen Freund jeden Morgen und las ihm aus der
Zeitung vor. Anschließend diskutierten und lachten sie über die Berichte.
Wer hätte
gedacht, dass aus einem Missgeschick und einer zufälligen Begegnung eine
wunderbare Freundschaft entstehen würde.
Schlecht sehen
zu können, war nur noch halb so schlimm mit einem Freund an seiner Seite, der
einem die Welt vorlas.
© Martina
Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!