An diesem Abend hing der Mond wie eine große, goldene Laterne am Himmel und tauchte die Wiesen in ein sanftes, schlummerndes Licht, als Frieda, die kleine Feldmaus, ihren Abendspaziergang machte.
Seit ein paar Tagen war sie meistens allein
unterwegs. Ihre beste Freundin, die sonst immer fröhlich an ihrer Seite
trippelte, hatte sich verliebt. Nun verbrachte sie jede freie Minute mit ihrem Freund
und ihre Augen leuchteten dabei heller als die Sterne.
Frieda verstand das gut und gönnte es ihr von
ganzem Herzen. Schließlich wusste sie selbst, wie wunderschön es war, wenn die
Schmetterlinge im Bauch Purzelbäume schlugen. Ein wehmütiges Lächeln stahl sich
auf ihr Gesicht, als ihre Gedanken kurz zu Antoine wanderten. Sie erinnerte
sich gern an den charmanten Akzent der französischen Spitzmaus, in den sie sich
damals Hals über Kopf verliebt hatte. Antoine war zuckersüß gewesen, aber am
Ende hatten sich ihre Wege getrennt, weil sie sich einfach nichts mehr zu sagen
gehabt hatten. Und so schlenderte sie nun allein des Weges.
An einem besonders lauschigen Plätzchen, an dem
das Mondlicht silbern schimmerte, setzte sie sich auf einen kleinen, kühlen
Stein. Sie seufzte leise, schaute vorsichtig nach rechts und links, um zu
schauen, ob sie auch wirklich allein war und blickte dann sehnsüchtig hinauf
zum Mond.
„Hallo, lieber Mond“, flüsterte sie, „du hast von
da oben doch den allerbesten Überblick. Du siehst bestimmt, wie glücklich meine
Freundin ist ... und dass ich ein kleines bisschen einsam bin. Weißt du ... ich
hätte auch so gerne jemanden an meiner Seite. Jemanden, mit dem ich über alles
reden, aber auch mal schweigen kann. Verstehst du? Also, wenn du von da oben
jemanden siehst, der zu mir passt ... könntest du uns dann bitte
zusammenbringen? Das wäre wirklich schön.“
„Das klappt bestimmt!“, zirpte plötzlich eine
muntere Stimme direkt neben ihr. Frieda erschrak so sehr, dass sie kurz
zusammenzuckte. Gerade eben war es doch noch so still gewesen! Doch nun
entpuppte sich der dicke Grashalm neben ihr als ein kleiner Grashüpfer, der sie
mit klugen Augen ansah. „Nur Mut, Frieda“, sprach er ihr aufmunternd zu und
stupste sie sanft an, „wer so nett fragt, wie du, dem wird der Mond ganz gewiss
eine Antwort schicken.“
Gerade als Frieda sich bedanken und aufstehen
wollte, begann der Stein unter ihr ganz sacht zu wackeln. Ein kleines Köpfchen
schob sich langsam hervor und Frieda erkannte, dass sie es sich auf einem
Schneckenhaus gemütlich gemacht hatte.
„Ich wollte nicht lauschen, wirklich nicht“,
murmelte die Schnecke verlegen, „aber ich habe all deine Worte gehört, Frieda.
Und ich möchte dir sagen, dass die Liebe dich genau dann finden wird, wenn du am
wenigsten damit rechnest.“
Der Zuspruch der beiden legte sich wie eine warme
Decke um Friedas Herz, so dass sie sich mit einem wohligen Gefühl im Bauch wieder
auf den Heimweg machte. Doch plötzlich blieb sie abrupt stehen – ein dunkler
Schatten näherte sich von rechts. Er kam so schnell auf sie zu, dass sie nur
noch die Augen zusammenkneifen konnte … und … Wumms!
Beide purzelten durcheinander und landeten unsanft
im tiefen Moos. „Oje, entschuldige bitte!“, rief der Schatten, der sich als ein
Mäuserich mit struppigem Fell entpuppte. Er sah sie aus besorgten Augen an. „Es
tut mir so leid, ich war wohl viel zu schnell unterwegs. Geht es dir gut,
kleine Maus? Weißt du, ich trainiere jeden Abend für das große Wettrennen. Ach,
... ich bin übrigens Fritz.“
Frieda klopfte sich den Staub aus dem Fell und
sah zu Fritz, der gerade versuchte, wieder auf die Pfoten zu kommen, aber dabei
schmerzverzerrt schaute. Sein Knöchel wurde augenblicklich dick.
„Mir fehlt nichts!“, antwortete Frieda und legte mitfühlend
eine Pfote auf seine Schulter. „Aber dein Fuß sieht gar nicht gut aus. Komm,
ich stütze dich. Ich wohne gleich da vorne um die Ecke in einer kleinen Höhle.
Da können wir deinen Knöchel kühlen und du kannst dich ausruhen.“
Und so machten sie sich gemeinsam auf den Weg.
Während Frieda den humpelnden Fritz stützte, bemerkte sie, wie angenehm seine
Nähe für sie war. Seine Stimme klang warm und melodisch und berührte Friedas
Herz zutiefst.
Zuhause angekommen versorgte sie seinen Fuß mit
einem kühlen Umschlag, reichte ihm eine Handvoll Haselnüsse und einen Schluck
frischen Tee. Sie plauderten und lachten, bis Fritz schließlich auf Friedas
kuscheligem Moos-Sofa einschlief.
Frieda war noch viel zu aufgewühlt, um schon zu
schlummern, deshalb schlich sie sich auf leisen Pfoten ans Fenster, schaute
hoch zum Mond und flüsterte: „Also, lieber Mond, dass er direkt in mich hineinläuft,
damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Aber ... danke. Er scheint ein
wahrlich gutes Herz zu haben.“
In den nächsten Tagen pflegte Frieda den
verletzten Fritz mit viel Liebe und Geduld, bis er wieder ganz gesund war.
In diesen Tagen hatten sie längst bemerkt, dass
sie nicht nur die gleichen Träume teilten, sondern dass die Stille zwischen
ihnen genauso kostbar war wie ihre langen Gespräche. Und so war es Fritz völlig
egal, dass er beim Wettrennen nicht mit dabei sein konnte, da er etwas viel
Besseres gefunden hatte.
Und so kam es, dass Frieda nie wieder allein im
Mondschein spazieren gehen musste, denn wann immer die Nacht herein brach huschten
nun zwei Schatten nebeneinanderher und hielten hin und wieder inne, um zum
leuchtenden Mond am Himmel hinaufzuschauen.
© Martina Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!