Freitag, 27. Februar 2026

Die große, bunte Welt

In einem Stall, mitten im tiefen Stroh, lag Emil, ein erst wenige Wochen alter Esel. Sanft fiel das Licht durch die Ritzen der Balken und zauberte ein kleines Schattentheater an die Wände.

Für Emil war dieser Stall alles, was er kannte. Der Duft des Strohs, das leise Muhen der Kühe nebenan, das Gackern der Hühner – das alles war ihm bekannt - und seine kleine, heile Welt.

Manchmal drangen Geräusche von draußen an sein Ohr: das Zwitschern der Vögel oder das Rauschen des Windes, doch für Emil war das nicht mehr als ein fernes Gemurmel, während ihn die Mauern des schützenden Stalles umgaben.

Und so war Emil mit sich und der Welt zufrieden. Hier drinnen war es gemütlich und warm. Er bekam jeden Tag sein Futter. Er fühlte sich rundum geborgen. Nur manchmal blickte er neugierig zu den beiden großen Türen, die fest verschlossen waren. Aber für Emil war das Wort ‚Sehnsucht‘ ein Fremdwort. Er kannte es nicht und auch nicht das damit verbundene Gefühl. Und eigentlich hatte er ja auch alles, was er brauchte.

Eines Morgens, als die Sonne ein paar helle Strahlen durch das kleine Fenster schickte, zitterte plötzlich etwas im Stroh neben ihm. Er spitzte die Ohren und schaute erwartungsvoll. In dem Moment huschte etwas Winziges und sehr Flinkes um seine Hufe – es war eine kleine graue Maus!

Emil erschrak ein wenig, doch als die Maus auf einen Strohhalm kletterte und ihn freundlich ansah, beäugte er das fremde Wesen zunächst mit seinen großen, dunklen Augen, doch dann fragte er mutig: „Wer bist du?“

Die Maus zuckte ein wenig mit ihren feinen Schnurrhaaren, bevor sie ihm antwortete: „Ich bin Müsli, die Stallmaus. Ich wohne hier schon viel länger als du und kenne jeden Winkel des Stalls. Aber ich weiß auch ein bisschen von der Welt hinter diesen großen Türen.“ Während sie das sagte, funkelten ihre Augen freundlich – und Emil wurde neugierig.

„Draußen?“, fragte er zaghaft. „Du weißt, was sich hinter den großen Türen verbirgt? Kannst du mir davon erzählen? Ich kenne doch nur den Stall, verstehst du?“

„Ich weiß“, antwortete Müsli mitfühlsam und schaute hinauf zum Licht. „Da draußen ist es auch warm, so wie hier im Stall, aber eben nicht im Winter. Im Winter ist es dort kalt“, erklärte sie dem kleinen Esel. „Aber im Frühling, wenn es draußen warm wird, schmilzt der kalte Schnee, den der Winter gebracht hat. Die Sonne, die du sehen kannst, wenn sie durch das kleine Fenster scheint, die wärmt dann jedes Fell. Es gibt Wiesen da draußen, die sind grün und voller bunter Blumen. Dort wächst der gelbe Löwenzahn, violette Krokusse und leuchtend weiße Gänseblümchen. Die Luft ist mild, wenn der Frühling da ist, und bringt das Gefühl von Freiheit in dein Herz und manchmal tanzen die Schmetterlinge über die Felder, und die Vögel singen so laut, wie du es hier noch nie vernommen hast.“

Emil hörte ihr gebannt zu. In seinem Kopf malte er sich Bilder aus von bunten Blumenwiesen und lachenden Sonnenstrahlen. Dann fragte er hoffnungsvoll: „Was denkst du, werde ich das alles auch einmal sehen dürfen?“

Müsli nickte. „Ganz gewiss, denn bald, wenn der Frühling kommt und der Bauer die großen Türen öffnet, wirst du hinausgehen. Dann werden die Sonnenstrahlen deine Nase kitzeln und du wirst das weiche Gras unter deinen Hufen spüren. – Du musst aber keine Angst davor haben. Die Welt da draußen ist spannend und wunderschön! Du wirst es sehen!“

In dieser Nacht kuschelte sich Emil besonders tief ins Stroh. Er träumte von der Wärme der Sonne, von bunten Blumen und dem Singen der Vögel, so dass sein Herz vor lauter Vorfreude ein wenig schneller zu schlagen schien. Zum ersten Mal in seinem Leben spürte er ein ihm bisher unbekanntes Gefühl. Er spürte eine zarte Sehnsucht in sich – nach dem, was kommen würde.

Und so wartete Emil Tag für Tag und seine Vorfreude stieg ins Unermessliche. Er lauschte auf jeden Tropfen und nahm jedes Zwitschern der Vögel wahr.

Noch war der Stall sein sicheres Zuhause, doch er ahnte, dass hinter den großen Türen etwas Wundervolles auf ihn wartete: eine große, bunte Welt. Und so wusste er, dass der Tag kommen würde, an dem der Bauer die großen Tore öffnen würde – und er war bereit dafür – mit klopfendem Herzen und einer großen Portion Mut.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

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Mittwoch, 25. Februar 2026

Das Licht in uns

Elena saß während ihrer Mittagspause auf einer Bank im Park und beobachtete die Passanten, als ihre Kollegin sich näherte. Sarah setzte sich schwerfällig neben Elena und hielt sich an ihrem Becher Tee fest, als wäre er ihr letzter Anker.

Seufzend meinte sie: „Schau sie dir an, Elena. Alle hasten durch den Park, den Kragen hochgeschlagen, die Augen auf den Boden gerichtet. Manchmal habe ich das Gefühl, die Welt ist nur noch ein grauer Ort voller müder Menschen, die einfach nur funktionieren.“

Elena erwiderte lächelnd: „Ja, es stimmt, sie wirken müde. Dennoch kann man das Licht in ihren Herzen erkennen, auch wenn sie es selbst vielleicht gar nicht mehr spüren können.“

„Ach, Elena, du nun wieder. Ich wünschte, ich könnte die Welt auch mal durch deine Augen sehen. Aber es tut mir leid, ich sehe nichts außer einer großen Erschöpfung. Wo soll da ein Licht sein? Schau dir die Frau dort drüben an, die, die ihre schweren Einkaufstüten schleppt oder da der Mann, der grimmig auf sein Handy starrt. - Also tut mir leid, aber ich sehe bei den beiden kein Licht.“

„Es gibt da so eine alte Legende“, sagte Elena nach einer Weile der Stille, „die besagt, dass Gott den Menschen ein Licht mitgegeben hat. Er hat dieses kostbare göttliche Licht in jedes menschliche Herz gelegt. Aber der Mensch hat es vergessen, ist aber unbewusst auf der Suche danach. Er sucht es irgendwo im Außen, aber eben nicht dort, wo er es finden könnte – in seinem Herzen.“

„Ach, Elena“, begann Sarah erneut, „das hört sich ja wirklich alles wunderschön an, was du da erzählst, aber ehrlich, für mich klingt das eher nach einem riesengroßen Pflaster, das du über die Realität klebst. - Also ehrlich, wenn da ein Licht wäre, dann würden wir uns doch gegenseitig nicht wehtun oder gleichgültig sein, oder?“

„Schau“, bat Elena ihre Kollegin, „die Frau dort mit den Einkaufstüten, von der du eben sprachst. Hast du gesehen, dass sie gerade angehalten hat? Sie hat ihre Tüten abgestellt, um einem Kind die Schnürsenkel der Schuhe neu zu binden. Das ist so ein Moment, wo du ihr Licht sehen kannst.“

Sarah betrachtete für eine Weile schweigend ihre Hände. Dann fragte sie: „Und was ist mit denen, die sich ganz verloren haben? Die nur noch Dunkelheit in sich spüren?“

„Schau, Sarah“, antwortete Elena, „ein Zimmer kann jahrelang dunkel sein, abgeschlossen und staubig. Aber in dem Moment, in dem du den Vorhang am Fenster nur einen Spalt breit öffnest, ist die Dunkelheit weg. Dunkelheit ist eigentlich nichts anderes als die Abwesenheit von Licht. Verstehst du?  Manchmal braucht es nur eine Begegnung, ein ehrliches Wort oder einen Moment der Stille, damit jemand sich wieder an sein eigenes Leuchten erinnert, sozusagen den Vorhang ein wenig zur Seite schiebt. – Ich weiß, dass du an dem zweifelst, was ich sage, und ich vermute, dass du auch an deinem eigenen Licht zweifelst, nicht wahr? Aber weißt du, es ist da. Ich kann es in den Momenten wahrnehmen, wo du dir wünscht, die Welt möge heller sein. In diesen Momenten scheint dein Licht aus deinem Herzen in die Welt und erhellt sie für einen kurzen Moment, auch wenn du dir dessen gar nicht bewusst bist.“

Sarah atmete schwer. „Es ist wirklich ein schöner Gedanke, dass wir alle einen Schatz in uns tragen, den wir nur vergessen haben ... es verändert den Blick auf die Menschheit, finde ich … und wenn es so ist, wie du sagst, sind wir doch alle irgendwie Suchende, oder? Suchende nach diesem Licht in uns!“

„Genau das sind wir. Ich glaube, dass wir alle hier sind, um uns gegenseitig daran zu erinnern, dass wir die Sonne nicht suchen müssen, sondern dass wir sie alle heimlich unter unseren dicken Mänteln tragen.“

Als die beiden zurück an ihren Arbeitsplatz gingen, erschien Sarah die Welt gar nicht mehr so dunkel, wie noch grad eben. Vielleicht lag der Schlüssel zur Veränderung der Welt ja tatsächlich nicht darin, die Finsternis zu bekämpfen, sondern darin, das Glimmen einer kleinen Flamme im anderen - und in sich selbst - zu erkennen.

 

Vielleicht sind wir ja alle kleine Lichter, die einander den Weg leuchten, damit wir wieder nach Hause finden.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!


Sonntag, 22. Februar 2026

Die weiße Feder

Der Wind trug die frostige Kälte des Februars in sich, als Michaela und ihre Tochter Emma den schmalen Pfad am Waldrand entlangspazierten. Auch wenn die Welt an diesem Tag ein wenig farblos erschien, so wurde sie doch durch Emma und ihre Schilderungen über die Erlebnisse ihres Kindergartentages erhellt.

Plötzlich blieb das Mädchen abrupt stehen: „Mama, bleib stehen!“, flüsterte sie, so als gäbe es da einen heiligen Moment, den man nicht stören durfte.

Direkt vor Emmas schlammbespritzten Gummistiefeln lag etwas, das so gar nicht in das Grau des Tages passen wollte: eine schneeweiße Feder. Sie war so weiß und rein wie frisch gefallener Neuschnee an einem Wintertag. Selbst der Schmutz des Bodens hatte ihr nichts anhaben können.

Langsam ging Emma in die Knie und nahm den filigranen Fund behutsam an sich.

„Schau nur, Mami!“

Die Mutter blickte kurz auf die Feder, dann in die kahlen Baumkronen. „Sieh dort oben“, forderte sie ihre Tochter auf und zeigte mit dem Finger Richtung Himmel, „da fliegt ein kleiner Falke. Der wird sie wohl verloren haben, als er sich geputzt hat.“

Doch Emma schüttelte heftig den Kopf, während sie die Feder voller Ehrfurcht in ihren Händen hielt. „Nein, Mama, die Feder kommt nicht von dem Vogel da. Diese Feder gehört meinem Schutzengel. Der hat sie hierhergelegt, damit ich weiß, dass er da ist.“

Michaela schaute ihre Tochter verblüfft an und trotz der Kühle, die im Außen herrschte, wurde der Mutter ganz warm ums Herz. „Dein Schutzengel?“, fragte sie leise und strich ihrer Tochter eine widerspenstige Locke aus der Stirn. „Wie sieht er denn aus, dein Engel?“

Emma schloss für einen Moment die Augen, so als würde sie das Bild nur in ihrem Inneren sehen können. „Er ist ganz schön groß, Mama. Und wenn er seine Flügel ausbreitet“, sagte Emma und breitete ihrerseits ihre Arme auch weit aus, „passt der gaaanze Himmel darunter. Aber wenn ich traurig bin, macht er sich sooo winzig klein“, und auch das zeigte das Mädchen mit seiner Körperhaltung, „so dass er sich auf meine Schulter setzen und mir ins Ohr flüstern kann, dass alles wieder gut wird. Und wenn er mich berührt, dann fühlt sich das an wie, wie … das Zerplatzen von Seifenblasen auf meiner Haut. Verstehst du das? Und riechen tut er“, Emma machte eine kleine Pause und suchte nach einem Vergleich, „wie der Rosenbusch bei Oma im Garten.“

Stille legte sich zwischen die beiden und Michaela schluckte schwer. Die Worte ihrer Tochter wirkten wie ein Schlüssel zu einer längst verschlossenen Tür in ihrem eigenen Herzen. Plötzlich erinnerte sie sich an das kleine Mädchen, das sie selbst einmal war. An die Nächte, in denen sie flüsternd mit der Dunkelheit gesprochen hatte, in der Gewissheit, dass jemand zuhörte. Wann war dieser Glaube verblasst? Wann hatte sie angefangen, nur noch Vögel zu sehen, wo früher Boten des Himmels flogen? Ein Gefühl von Verlust mischte sich mit tiefer Sehnsucht. Hatte sie das Vertrauen verloren, oder war sie nur zu ‚vernünftig‘ geworden, um das Unsichtbare noch zu spüren?

Zuhause angekommen suchte Emma eifrig ein kleines, durchsichtiges Kästchen. Sie legte ein wenig Watte hinein und bettete die Feder darauf, so als wäre sie sehr kostbar und zerbrechlich. Das Kästchen stellte sie auf ihre Fensterbank, genau dorthin, wo später das Mondlicht hineinfallen würde.

Als die Dämmerung das Zimmer in blaues Licht tauchte, schlich Emma zu ihrem Schatz. Sie nahm die Feder heraus, hielt sie vorsichtig in ihren Händen und flüsterte mit geschlossenen Augen: „Duhu, Engel? Bist du jetzt da? Ich hab nämlich deine Feder gefunden.“

Im selben Moment veränderte sich die Atmosphäre im Zimmer und füllte sich mit dem Gefühl vollkommener Geborgenheit. Emma spürte es deutlich. „Danke“, flüsterte sie leise und strahlte über das ganze Gesicht, als ihre Mutter den Raum betrat, um Emma Gute Nacht zu sagen.

Michaela sah ihre Tochter am Fenster stehen, die Feder in ihren Händen, und strahlend vor innerem Glück.

Sie selbst nahm nur das vertraute Kinderzimmer wahr, das Spielzeug im Regal und das fahle Mondlicht, das durch das Fenster fiel. Von einem Engel war für sie nichts zu spüren.

Eigentlich wollte sie gerade sagen: „Komm Schatz, leg die Feder weg, es wird Zeit für das Bett.“ Doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie sah den unerschütterlichen Glauben an den Schutzengel in Emmas Augen und ein leises Schaudern lief über ihren Rücken. Wer war sie, zu behaupten, dass es keine Engel gibt? Vielleicht war das Universum doch viel größer, als ihr Verstand es zulassen wollte oder konnte.

Michaela ging langsam zu ihrem Kind, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und flüsterte: „Schlaf gut, Emma. Und sag deinem Engel danke, dass er so gut auf dich aufpasst.“

Dann ging sie zurück zur Tür, öffnete diese und blickte noch einmal zurück zu ihrer Tochter und für einen winzigen, flüchtigen Moment bildete sie sich ein, auch sie könne den Geruch des Rosenbusches aus dem Garten ihrer Mutter erahnen.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


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Freitag, 20. Februar 2026

Du bist die Botschafterin?!

Dies ist eine Fortsetzung der vorherigen Geschichte 'Die Botschaft der Kiesel'.

 

Als Herr Baumann die Tür des Gemeindezentrums öffnete, in dem einmal wöchentlich der Seniorentreff stattfand, duftete es nach frischem Kaffee und Kuchen. Für ihn war dieser Schritt, den er vor ein paar Wochen gewagt hatte, ein erster bewusster Schritt zurück ins Leben gewesen.

Dort, zwischen den hohen Fenstern, war er zum ersten Mal Elisabeth begegnet; einer Frau, die den Malkurs leitete und mit der er sich von Anfang an gut verstanden hatte.

Als die beiden später gemeinsam halfen, die Tassen und Teller abzuräumen, kamen sie wieder einmal ins Gespräch. „Manchmal“, meinte Elisabeth in diesem Moment, „sind es die kleinen Dinge, die uns halten, wenn alles andere wegbricht, nicht wahr?“.

„Sie haben so recht“, antwortete Herr Baumann leise. „Sie müssen wissen, dass ich vor einigen Monaten meine Frau verloren habe und für mich gab es ab dem Tag gar keine Zukunft mehr. Es kam mir so vor, als sei die letzte Seite eines Buches geschrieben und das Buch nun zugeklappt worden.“

Elisabeth lächelte ihn an. Ein warmes, verständnisvolles Lächeln. Dann sagte sie: „Wer weiß, vielleicht gleicht Ihr weiteres Leben doch eher einem Notizbuch mit noch vielen weißen unbeschriebenen Seiten.“

In den folgenden Wochen wurden ihre Gespräche zum Anker für beide. Er erzählte ihr von der Leere in seinem Haus, sie ihm von ihrer Überzeugung, dass Hoffnung eine Entscheidung ist.

Schließlich traten sie gemeinsam den Weg vom Gemeindezentrum durch den Park nach Hause an. Nach einer Weile blieb Herr Baumann kurz stehen, griff in seine Jackentasche und holte einen glatten Kieselstein hervor. „Dieser Stein hier“, sagte er mit brüchiger Stimme, „lag dort auf der Mauer. Seine Botschaft ‚Jeder Tag verdient einen Neuanfang‘ hat mir das Licht zurückgebracht. Wer auch immer ihn dort hingelegt hat, hat mich und meine Seele gerettet.“

Elisabeth sah den Stein an, sie sah ihre eigene Handschrift, doch sie schwieg. Sie genoss den Moment und die große Freude, die sich in ihr ausbreitete. Vielleicht, eines Tages, würde sie es ihm erzählen. Aber nicht heute. Heute wollte sie sich still daran erfreuen.

Weitere Wochen später betrat Herr Baumann zum ersten Mal das lichtdurchflutete Wohnzimmer von Elisabeth. Während sie in der Küche den Kaffee kochte, ließ Herr Baumann seinen Blick schweifen. Plötzlich entdeckte er auf einer Anrichte ein großes Glasgefäß das randvoll gefüllt war mit Kieselsteinen. Einige davon waren exakt mit der Farbe bemalt, die auch sein Stein trug. Daneben lagen feine Pinsel und Acrylmarker.

Als Elisabeth mit dem Tablett hereinkam, stand er fassungslos da. Er sah vom Glas zu ihr und wieder zurück. „Du...“, flüsterte er, und zum ersten Mal nutzte er das vertraute Du. „Du bist die Botschafterin?!“

Elisabeth stellte das Tablett ab und trat zu ihm. „Ich wollte nur Hoffnung verbreiten“, sagte sie sanft.

Und zum ersten Mal nahm er ihre Hand und beide hatten das Gefühl, als wäre der Stein das Fundament für etwas Wunderschönes, das sich zart und leise zwischen ihnen entfaltete.

 © Martina Pfannenschmidt, 2026



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Mittwoch, 18. Februar 2026

Die Botschaft der Kiesel

Elisabeth war viele Jahre lang als Grundschullehrerin tätig, bevor sie in den wohlverdienten Ruhestand versetzt wurde.

In den ersten Monaten fühlte sich die Pensionierung noch wie lange Sommerferien an. Elisabeth las, pflegte ihren kleinen Balkon, besuchte gelegentlich das Gemeindezentrum und genoss die Zeit.

Doch leider schlich sich bald ein Gefühl von Sinnlosigkeit in ihr Leben und blieb wie ein dunkler Schatten an ihrer Seite. In schlaflosen Nächten dachte sie darüber nach, dass ihr Alltag einst von Kinderstimmen und dem Rascheln von Heften erfüllt gewesen war. Sie hatte es geliebt, junge Menschen auf ihrem Lebensweg zu begleiten und sie fragte sich, was ihr während der Schulzeit am wichtigsten gewesen war. Bald fand sie die Antwort: Es waren die kleinen Zeichen von Hoffnung gewesen, die sie den Kindern oftmals zugesprochen oder mitgegeben hatte. Und so überlegte sie, wie sie nun außerhalb der Schule solche Spuren hinterlassen könnte?

Eines Morgens, beim Spaziergang am Flussufer, fielen ihr die glatten, schönen Kieselsteine auf, die zwischen dem Gras lagen. Ihre Finger fuhren über die kühlen Oberflächen und plötzlich war da ein Gedanke: Sie würde die Steine bemalen, verzieren und mit kurzen, mutmachenden Sätzen beschriften. Sie wollte kleine Botschaften für all jene darauf schreiben, die vielleicht einen Lichtblick brauchten.

Und so besorgte sie sich Acrylfarben und Lackstifte, richtete sich in ihrer Wohnung einen Arbeitsplatz ein und begann, die Kieselsteine zu bemalen. Jeder Stein bekam ein eigenes Muster, manchmal bunte Blumen, manchmal nur zarte Linien. Anschließend schrieb sie kleine Sätze darauf.

Auf den ersten Stein schrieb sie: „Du bist stärker, als du glaubst.“ Auf den zweiten: „Jeder Tag verdient einen Neuanfang“ und der dritte Stein erhielt die Worte: „Auch leise Stimmen verändern die Welt.“

Mit einem Lächeln in ihrem Gesicht legte Elisabeth die Steine sorgfältig in ihre Manteltasche und machte sich auf den Weg in den nahegelegenen Park.

An einem alten Brunnen setzte sie sich, betrachtete die vorbeigehenden Menschen und legte die Steine unbemerkt an Stellen, an denen sie leicht gefunden werden konnten. Einen legte sie auf eine Bank, den anderen auf eine niedrige Mauer und den dritten an den Rand des Spielplatzes.

Sie blieb noch eine Weile im Park und spürte, wie sich eine neue, leise Freude in ihr ausbreitete. Dann ging sie nach Hause in der Gewissheit, dass die Steine genau zu den Menschen finden würden, die die ermutigenden Sätze benötigten.

Und so wurde der erste Stein von Lena gefunden. Sie hatte gerade ihren Job verloren und die Angst vor der Zukunft lastete auf ihr. Sie ließ sich mit einem tiefen Seufzer auf der Bank nieder. Dabei fiel ihr Blick auf den bemalten Stein. Sie nahm ihn an sich und las die Worte: „Du bist stärker, als du glaubst.“ Tränen stiegen in ihre Augen und zeitgleich machte sich ein Gefühl des Trostes in ihr breit. Nein, sie würde nicht aufgeben, sondern einen neuen Weg einschlagen.

Herr Baumann, ein älterer Mann, der seine Frau vor ein paar Monaten verloren hatte, entdeckte den Stein mit der Aufschrift: „Jeder Tag verdient einen Neuanfang.“ – Der Schmerz über den Verlust seiner Frau war groß und oft fragte er sich, ob das Leben überhaupt noch etwas für ihn bereithielt, doch dieser Stein und die Worte berührten ihn tief. Zum ersten Mal seit Langem beschloss er, aus dem Schatten des Verlustes und der Trauer herauszutreten und jeden Tag als ein Geschenk zu sehen.

Der dritte Stein – „Auch leise Stimmen verändern die Welt“ – landete in den Händen von Samuel, einem schüchternen Teenager, der sich oft unsichtbar fühlte und der das Gefühl hatte, in der lauten Welt niemals gehört zu werden. Als er diesen Satz las, war ihm, als habe jemand genau ihn gemeint. Und so wurde der Stein zu seinem Talisman, der ihm den Mut vermittelte, sich mit seinen Ideen einzubringen.

Elisabeth wusste nichts von all dem, doch sie hatte das Gottvertrauen, dass die Steine von genau den richtigen Personen gefunden werden würden.

Und so malte und schrieb sie weiter und fand auf diese leise Weise einen neuen Sinn für sich und ihr Leben. 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

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Montag, 16. Februar 2026

Die roten Handschuhe (Rosenmontag)

Es war Rosenmontag, kurz nach 11:11 Uhr. In der Kölner Altstadt herrschte der Ausnahmezustand. Mitten im bunten Treiben stand Jan, der durch seinen Freund Mark zu diesem Tag eingeladen – oder sagen wir besser: überredet - worden war.

Zuvor hatte sich Jan in einem Kostümverleih ein Astronautenkostüm ausgeliehen. Mark, sein Freund, lief als krumme Banane neben ihm her.

Und dann, mitten in all dem Gewühl geschah, was nicht hätte passieren sollen: Jan verlor einen seiner schicken silbernen Astronautenhandschuhe. Er war einfach unauffindbar - vermutlich war er irgendwo zwischen den tausenden von Jecken verloren gegangen, die gerade lautstark nach „Kamelle“ riefen.

Jans Stimmung ging Richtung Nullpunkt. Er stand etwas bedröppelt neben seinem Freund, der sich mit einem Becher Kölsch in der Hand schunkelnd und singend wenig um Jan und seine schlechte Stimmung kümmerte.

Jan wurde klar: er hätte nicht zustimmen sollen. Er war einfach nicht der Typ für derartige Veranstaltungen und jetzt würde er zusätzlich zu der horrend hohen Kaution für das Kostüm auch noch für den fehlenden Handschuh zahlen müssen.

Immer wieder richtete er seinen Blick auf den Boden, doch außer zertretene Kamelle und leere Becher fand er nichts. Kein silberner Handschuh in Sicht. Sein Traum von einem fröhlichen Tag war nun endgültig geplatzt.

Im selben Moment stieß ihn eine rüstige Dame im schillernden Pailletten-Kleid mitleidig in die Seite: „Hör op ze jömere, Jong! Wä an Karneval op d’r Bode kigg, verpaß et Levve*)“, sagte sie in kölschem Dialekt. Währenddessen kramte sie in ihrem Beutel und drückte ihm ein Paar knallrote, handgestrickte Wollfäustlinge in die Hand. „Hier, die halten warm und vergiss nicht“, meinte sie in perfektem Hochdeutsch, „heute ist Rosenmontag und die Kaution ist morgen. Und übrigens: die gehören meiner Enkelin, aber die tanzt gerade irgendwo bei den Funkenmariechen. Nimm du sie – ein Astronaut mit roten Händen ist doch irgendwie … besonders!“

Die Geste rührte Jan und deshalb streifte er die roten Fäustlinge über. In dem Moment passierte es: Ein großer Prunkwagen der Blauen Funken rollte vorbei. Einer der Gardisten auf dem Wagen sah den Astronauten mit den auffällig roten Händen, lachte und zielte ganz genau. Ein riesiger Strauß Tulpen und eine Packung feinster Pralinen landeten direkt in Jans Armen.

Während die Menge um ihn herum jubelte, wusste Jan gar nicht, wie ihm geschah. Zeitgleich bahnte sich ein Tanzmariechen in einer blau-weißen Uniform den Weg direkt auf ihn zu. Auf dem Kopf trug sie einen Schiffchen-Hut, der die braunen wilden Locken darunter aber nicht zu bändigen vermochte. Sie nahm den Weg durch die Absperrung und steuerte zielsicher auf die glitzernde Diskokugel neben ihm zu.

„Oma! Da bist du ja!“, rief sie lachend und fiel der Frau mit dem Paillettenkleid schwungvoll um den Hals. Dabei fiel ihr Blick auf Jan und seine knallroten Handschuhe. „Moment mal ... das sind doch … meine, oder?“, fragte sie.

Jan sah auf die roten Fäustlinge, dann in das lachende Gesicht der Enkelin, die laut Namensschild an der Uniform Lara hieß. Im selben Moment verschwand aller Lärm um ihn herum. Er nahm nur noch diese besondere junge Frau wahr, die in dem Moment meinte: „Okay, ich leih sie dir. Aber komm heute Abend in die kleine Hinterhof-Party im Severinsviertel. Oma weiß, wo das ist. Dann kannst du sie mir zurückgeben. Okay? Jetzt muss ich aber schnell zurück!“ – Und schon war sie wieder verschwunden.

Am Abend tanzten die beiden gemeinsam zu den Liedern der Bläck Fööss, teilten sich eine Portion Reibekuchen und Jan stellte fest, dass es völlig egal war, wie hoch der Preis für den verlorenen Handschuh auch sein mochte - dieser Tag war für ihn unbezahlbar.

Was er in diesem Moment noch nicht wusste, war, dass drei Jahre später ein einzelner eingerahmter silberner Handschuh in der ersten gemeinsamen Wohnung einen Ehrenplatz erhalten würde und dass die roten Fäustlinge stets griffbereit im Flurschrank liegen würden.

 

*) „Hör auf zu jammern, Junge! Wer an Karneval auf den Boden guckt, verpasst das Leben.“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

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Samstag, 14. Februar 2026

Valentinstag

Am Valentinstag wollte Lukas all seinen Mut zusammennehmen und Maya, die wie er die Klasse 10 c der Gesamtschule besuchte und die zwei Reihen vor ihm saß, endlich zeigen, dass er sie ziemlich cool fand. Deshalb steckte in seinem Rucksack eine pfirsichfarbene Rose, die die Floristin sorgfältig in Seidenpapier eingewickelt hatte.

Zuvor hatte er ewig im Laden gestanden. Zum einen wegen des Andrangs, zum anderen wegen der Frage: für welche Rosenfarbe sollte er sich entscheiden. Also rot schied aus. Das war schon mal klar. Schließlich wollte er ihr keinen Heiratsantrag machen. Und weiß? Nein, weiß war wohl eher etwas für eine Beerdigung und gelb? Ne, gelb schied ganz und gar aus. Das erinnerte ihn an das verblasste Lieblingsshirt seines Vaters. Deshalb hatte er sich für die pfirsichfarbene Rose entschieden, die laut Internet für ‚zaghafte Annäherung‘ stand.

Maya hielt ihre Schultasche fest umklammert, als sie die Klasse betrat. Schließlich befand sich darin etwas sehr Wertvolles: eine pinke Rose. Auch sie hatte in einem Blumenladen gestanden und sich gegen die rote Rose entschieden, um nicht zu ‚bedürftig‘ zu wirken. Und gelb? Sie stand für platonische Freundschaft und die strebte sie ja nicht an. Deshalb hatte sie sich schließlich für Pink entschieden. Sie schien ihr eine Mischung aus ‚ich mag dich‘, aber hab deshalb bitte ‚keine Panik‘ zu stehen.

Doch irgendwie schien sich dieser Tag gegen die beiden verschworen zu haben, denn just in dem Moment, als Lukas seine Rose unauffällig in die Kapuze von Mayas Jacke klemmen wollte, stürmte der Sportkurs von Herrn Müller johlend aus der Halle und drückte ihn mitsamt seiner Rose ungestüm gegen die Wand. Als er genauer nachschaute, sah er, dass der Kopf der Rose nun leicht zur Seite geknickt war, weshalb sie jetzt eher ‚nachdenklich‘ als ‚romantisch‘ aussah.

Maya wiederum versuchte ihr Glück nach der dritten Stunde. Sie wollte Lukas die Blume zustecken, während er an seinem Spind stand. Doch just in diesem Augenblick gab es eine Brandschutzübung. Durch das unerwartete Schrillen der Alarmglocken zuckte Maya zusammen und ließ die Rose fallen. Bevor sie danach greifen konnte, war ihre Banknachbarin bereits darüber hinweggestürmt. Die pinke Blüte war nun nicht mehr ‚frisch‘, sondern hatte einen charmanten ‚Vintage-Look‘ – sprich: sie war platt.

Nach der letzten Stunde bot sich beiden die letzte Chance, doch noch die Rose zu überreichen. Deshalb wartete Lukas nervös in der Nähe der Fahrradständer. Die Pfirsich-Rose hielt er dabei hinter seinem Rücken versteckt. Als Maya um die Ecke bog, blieb sie abrupt stehen, als sie Lukas dort stehen sah. Ihr Herz hämmerte dabei laut gegen ihre Rippen.

Sie nahm all ihren Mut zusammen und rief, während sie hektisch in ihrer Tasche kramte: „Lukas, warte mal. Ich … ich hab da was für dich!“, und zog eine ziemlich flache pinke Rose hervor.

Lukas starrte die Blume an und ein breites Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er holte seine geknickte Pfirsich-Blüte hinter seinem Rücken hervor und meinte lachend: „Na, da war ich wohl nicht der Einzige, der Pech hatte und der sich über die Farblehre von Blumen den Kopf zerbrochen hat. Weiß sah zu sehr nach Friedhof aus, oder?“

Maya lachte befreit auf. „Total. Und Gelb ist irgendwie ... retro-schlecht.“

Sie tauschten die ramponierten Blumen aus und in diesem Moment war es völlig egal, welche Botschaft die Floristen den Farben zugedacht hatten. Lukas betrachtete seine platte Rose und Maya ihren schiefen Stiel.

„Was machen wir jetzt damit?“, fragte Maya leise und hielt die lädierte Blüte fast schon ehrfürchtig fest. „Die gewinnen beide keinen Schönheitspreis mehr.“

„Ich hab eine Idee“, sagte Lukas. Er nahm ihr die pinke Rose behutsam ab und legte beide Blumen nebeneinander in sein dickes Geschichtsbuch, genau zwischen die Seiten des ‚Ost-West-Konfliktes‘. Anschließend klappte er es mit einem dumpfen Geräusch wieder zu. „Wir pressen sie einfach“, sagte er. „Dann sieht man nicht mehr, dass die eine plattgetrampelt und die andere anderweitig lädiert ist.“

Maya lächelte und nickte stumm. Die anfängliche Nervosität war einem warmen Gefühl gewichen, das viel angenehmer war als der ganze Stress zuvor.

Und so gingen beide schweigend nebeneinanderher, während die kühle Februarluft - und auch ein bisschen die momentane Situation - ihre Wangen gerötet hatte.

Lukas spürte, wie seine Hand in der Jackentasche ein wenig schwitzte; dennoch wagte er einen vorsichtigen Seitenblick, doch Maya starrte konzentriert auf ihre Schuhspitzen. Ganz vorsichtig, fast so, als dürfe er die Stille nicht zerbrechen, löste er seine Hand aus der Tasche. Er suchte ihre Fingerspitzen und schob seine Hand ganz zaghaft in ihre.

Maya hielt nicht inne, sondern verschränkte ihre Finger fest mit seinen, während sich ein kleines, zufriedenes Lächeln auf ihre Lippen stahl.

In diesem Moment wurde ihnen klar: Manchmal braucht es keine perfekten Blüten und erst recht keine Erklärungen, denn für die wichtigsten Dinge im Leben gibt es oftmals keine Worte.

© Martina Pfannenschmidt, 2026


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