Dienstag, 25. Juni 2019

Kinkerlitzchen


Maximilian kam in die Küche.
„Schau mal, Uropa, was mir die Uroma gekauft hat!“
Stolz hielt er zwei kleine Figuren hoch, damit sein Uropa sie bewundern konnte.
Der schüttelte den Kopf: „Deine Uroma! Hat wieder für Kinkerlitzchen unsere schwer verdiente Rente auf den Kopf gehauen.“
Das Wort fand Max witzig: „Was ist Kinkerlitzchen?“
„Kinkerlitzchen ist irgendein Blödsinn, unnützes Zeug. Aber ich weiß ja, dass deine Uroma weich wird, sobald du sie um etwas bittest. Bist halt ein kleiner Schlawiner!“
Dabei kniff er seinem Urenkel liebevoll in die Wange.
„Das hat er dann wohl von dir!“, unkte Uroma, als sie zu den beiden in die Küche kam.
„Uropa“, begann Max, „kannst du mir noch mal eine Geschichte erzählen? So eine wie beim letzten Mal, mit den alten Wörtern von früher drin?“
Da musste er seinen Uropa nicht zweimal bitten.
„Nichts lieber als das!“, freute sich dieser.
„Hab ich dir eigentlich schon mal erzählt, wie das war, damals, als ich mit deiner Uroma zusammen kam?“
„Ne, die Geschichte kenne ich noch gar nicht“, antwortete Maximilian erwartungsvoll.
„Also das war so: Deine Uroma und ich, wir kannten uns ja schon aus der Schulzeit. Damals trug sie noch Zöpfe, musst du wissen. Ich glaube, man nannte sie ‚Affenschaukeln’.“
„Und du“, warf diese belustigt ein, „du hattest einen Pisspottschnitt und warst eine echte Trantüte.“
Max begann laut zu lachen, als Uropa eine Drohgebärde machte: „Pass nur auf“, krakeelte er, „sonst wird es hier gleich zappenduster und ich erzähle deinem Urenkel, dass du ein Fräulein Rührmichnichtan warst. Und überhaupt“, Uropa tat beleidigt, „ich war gar keine Trantüte. Ich war eher ein Hans Dampf in allen Gassen.“
„Genau das warst du eben nicht. Aber gut, wenn du meinst, dann warst du eben keine Trantüte, dann warst du eine Tranfunzel.
Uropa kniff ein Auge zu und sagte leise an Max gerichtet: „Sie kennt halt ihre Pappenheimer!“
Maximilian fand den Schlagabtausch zwischen seinen Urgroßeltern echt lustig.
„Nicht“, meinte Uropa, „dass wir jetzt von Höcksken auf Stöcksken kommen und ich vergesse, dir zu erzählen, wie das damals war.  Also, pass auf, mein Junge, immer am 1. Mai gab es bei uns im Dorf ein großes Fest: Den Tanz in den Mai. Dahin ging man zum Feiern und zur Brautschau. Ich also im Sonntagsstaat per pedes da hin. Den Leukoplastbomber meines Vaters durfte ich damals noch nicht fahren. Außerdem wusste ich ja auch, dass ich ein paar Bierchen zischen würde.“
„Was ist ein Sonntagsstaat und was ist ein Leukoplastbomber?“, wollte Max wissen.
„Ein Leukoplastbomber war ein ziemlich kleines Auto“, antwortete Uroma, „und mit Sonntagsstaat meint Uropa die schicksten Klamotten, die er in seinem Schrank finden konnte. Er war aber gar nicht zu Fuß da, wie er meint, sondern mit seinem Drahtesel. Das hat er wohl ganz vergessen.“
„Mit dem Drahtesel, du hast Recht. Du musst wissen, Max, ich war zu der Zeit beim Kommiss und hatte deshalb meinen Freund ausbaldowern lassen, ob deine Uroma auch wirklich zu dem Fest kommt.“
„Und ich hatte mich immer schon gefragt, warum dieser Kerl mich ausfragt und ständig um mich herum scharwenzelt“, erinnerte sich Uroma.
„Ich wusste also, dass sie kommen würde. Deshalb war ich ganz schön aufgeregt.“
„Aufgeregt?!“, lachte Uroma. „Gib es ruhig zu. Du hattest regelrecht Fracksausen.“ Und an Max gerichtet sagte sie: „Er hatte nämlich Angst, dass ich ihn abblitzen ließ und deshalb hätte er sich fast in die Hose gemacht.“
Seine Urgroßeltern waren echt der Knaller.
„Ja, es stimmt. Mir war die Aufregung auf den Darm geschlagen und deshalb suchte ich zuhause lieber noch mal den Donnerbalken auf, bevor mir auf dem Fest noch ein Malheur passierte“, gab Uropa unumwunden zu.
„Donnerbalken kenne ich“, freute sich Max. „Das ist eine Toilette.“
„Mein lieber Scholli, du bist ein kluger Kerl.“
„Ich gebe es ja zu“, fuhr nun Uroma fort, „dass ich auch ein Auge auf deinen Uropa geworfen hatte. Deshalb hielt ich heimlich nach ihm Ausschau. Als er in das Festzelt kam, dachte ich: Mein lieber Herr Gesangsverein, der hat sich aber schick gemacht.“
„Ich fühlte mich eher wie Graf Koks von der Gasanstalt“, lachte er. „Zuerst hab ich mich ja nicht getraut, deine Uroma anzusprechen“, fuhr er fort, „sie war ja inzwischen ein Tippfräulein beim Amt geworden und wenn sie mir einen Korb gegeben hätte, wäre ich der Gelackmeierte gewesen. Deshalb habe ich mir zuerst mit ein paar Körnchen Mut angetrunken.“
„Und während er sich Mut antrank“, fuhr Uroma fort, „kam ein anderer junger Mann auf mich zu.“
Uropa nickte. „Ich kann dir sagen, dass war ein Schrank von einem Mann, so ein richtiger Kaventsmann war das. Der hätte mich kurzerhand am Schlafittchen gepackt und vor die Tür gesetzt, wenn ich dem gesagt hätte, dass er von Uroma Abstand nehmen soll.“
„Und ich fand es unter aller Kanone, das dein Uropa an der Theke stand, anstatt mit mir zu tanzen“, erinnerte sich Uroma. „Eigentlich hab ich nur mit dem anderen getanzt, um ihn eifersüchtig zu machen. Doch das musste ich teuer bezahlen, denn bald hatte ich blaue Zehen, weil mir der Riese mit seinen Quadratlatschen ständig auf meine Füße trat. Da hatte ich echt die Nase voll und wollte nach Hause.“
„Gerade noch rechtzeitig hab ich all meinen Mut zusammen genommen, bin zu deiner Uroma gegangen und hab sie zum Tanzen aufgefordert.“
„Der Kaventsmann war darüber so ärgerlich“, erzählte nun wiederum Uroma, „dass er einen Stuhl nahm und damit auf deinen Uropa eindreschen wollte. Gott sei Dank haben andere ihn davon abgehalten.“
„Und kurze Zeit später fuhr dann die Polizei mit ihrer grünen Minna vor und nahm den Riesen mit zum Tüten kleben“, feixte Uropa.
Daraufhin meinte Uroma spitzbübisch: „Seit diesem Abend sind wir ein Paar, dein Uropa und ich, obwohl ich mich manchmal frage, weshalb ich diesen alten Pfennigfuchser überhaupt geheiratet habe.“

© Martina Pfannenschmidt, 2019

Sonntag, 16. Juni 2019

Die richtige Brille


Frank lehnte sich an den Türrahmen und beobachtete eine zu Herzen gehende Szene: Seine Frau stand am Bettchen ihres gemeinsamen Sohnes und strich dem schlafenden Kind über den Kopf.

Beim Anblick der beiden Menschen, die er mehr liebte, als alles andere auf der Welt, wurde er von einer Woge des Glücks übermannt. 

Er hatte den Eindruck, niemals zuvor so viel Liebe empfunden zu haben, wie in diesem Augenblick und er wünschte sich, es möge immer so bleiben.

Bei dem Gedanken änderten sich von jetzt auf gleich seine Gefühle, als ihm klar wurde, dass es eben nicht immer so bleiben würde. Niemand kann den Moment einfrieren, außer in seinem Herzen.

Frank wurde bewusst, dass ihm durch ein Unglück oder einen Unfall das Liebste, was er besaß, genommen werden konnte.

Er wollte diese Gedanken beiseite schieben, doch es wollte ihm nicht gelingen. Sein Kopf führte quasi ein Eigenleben und er führte ihm die schlimmsten Szenarien vor Augen.

Warum grätschte sein Kopf mit derart düsteren Gedanken genau in diesen Glücksmoment hinein?

Seine Frau drehte sich zu ihm um und kam direkt auf ihn zu.

„Was ist mit dir?“, fragte sie ihn leise, um das Kind nicht zu wecken. „Du siehst so aus, als hättest du gerade etwas Schreckliches erlebt.“

Seine Frau! Sie kannte ihn durch und durch. Er konnte ihr niemals etwas vorspielen. Aber das wollte er auch gar nicht. Zwischen ihnen war eine große Vertrautheit und sie hatten sich geschworen, sich niemals zu belügen.

Etwas später erzählte er ihr bei einem Glas Rotwein auf der Couch von seinen düsteren Gedanken während dieses Glücksmomentes.

„Das kenne ich gut. Es ist, als wolle uns unser Kopf in diesen Momenten unsere Verletzlichkeit bewusst machen.“

„Aber es ist so schade, dass es so ist“, erwiderte Frank, „so kann man einen wahren Glücksmoment gar nicht richtig genießen, weil sich aufgrund von dunklen Gedanken alles in einem zusammen zieht.“

„Da hast recht“, warf Conny ein, „es ist fast so, als wolle uns unser Kopf sagen: Befass dich lieber schon jetzt mit schlimmen Szenarien, damit du nicht irgendwann davon überrollt wirst.“

„Aber das ist doch einfach nur blöd, oder?“, äußerte Frank.

„Ja, das ist es. Es ist einfach blöd!“

Nach einer Weile des Schweigens meinte er: „Ist es nicht unglaublich, wie oft man im Leben nur mit den Gedanken schlimme Dinge durchlebt, ohne dass sie jemals eintreten?“

„Oh, ja! Wie oft habe ich mich schon grundlos verrückt gemacht.“

Dabei verdrehte sie ihre Augen.

„Ich befürchte“, führte Frank weiter aus, „wir könnten eines Tages genau diesen kleinen Glücksmomenten nachtrauern und uns fragen, warum es uns nicht gelungen ist, diese Momente so zu nehmen, wie sie sind, eben voller Glück!“

Conny nickte. „Du hast recht. Glücksmomente sind wahre Geschenke und doch merken wir genau in diesen Momenten, wie verwundbar wir sind. Alles was wir besitzen, kann uns von jetzt auf gleich genommen werden. Ich glaube, dass es das ist, was uns in genau diesen Augenblicken bewusst wird.“

„Schau“, sagte Frank und zeigte auf seinen Unterarm, „deine Worte machen mir eine Gänsehaut. - Vielleicht liegt es wirklich daran, wie wir mit unseren Gedanken umgehen. Wenn wir in uns hinein horchen, gibt es wohl immer zwei Stimmen. Die eine, die mir sagt: Alles wird gut und die andere, die mir Angst einjagt. Die Frage ist wohl: Auf welche Stimme höre ich?“

„Es stimmt. Es liegt an mir, worauf ich meinen Fokus richte und ich denke, es macht einen riesigen Unterschied, ob ich meine kleine Welt mit einer rosaroten oder mit einer dunklen Brille betrachte. Unser Tag wird dadurch ein anderer sein.“
„Vielleicht wird dadurch unser ganzes Leben ein anderes sein“, fügte Frank versonnen hinzu, „je nachdem, welche Gläsertönung ich wähle.“
„Das bedeutet doch“, stellte Conny fest, „es kommt immer darauf an, die richtige Brille zu tragen!“

© Martina Pfannenschmidt, 2019


Montag, 10. Juni 2019

Nur ich und meine Gedanken!

Ich sitze in einem Strandkorb, spüre die Sonne auf meiner Haut, den warmen, weißen Sand unter meinen Füßen und lese ein Buch. – Stimmt gar nicht. Im Moment jedenfalls nicht, weil ich damit beschäftigt bin, die Menschen zu beobachten. Mein Buch liegt neben mir und wartet darauf, weiter gelesen zu werden.
Ich wurde durch das Quengeln eines kleinen Jungen, der mit seinen Eltern auf einer Decke dicht am Wasser liegt, abgelenkt. Er möchte unbedingt noch einmal ins Meer, doch seine Mutter verweigert es ihm. Verständlich, denn er zittert am ganzen Körper, kommt gerade aus dem kühlen Nass.
Meine Gedanken gehen zurück in meine Kindheit. Ich war, wie dieser Junge. Konnte nicht genug bekommen vom Baden. Auch meine Mutter sagte oft: „Nein, jetzt nicht, deine Lippen sind ja schon ganz blau!“ Doch ich wurde nicht müde, ihr zu erklären, dass mir gar nicht kalt ist.
Natürlich ließ sich meine Mutter nicht darauf ein, sondern lenkte mich ab. Sie schlug vor, mir etwas vor zu lesen. Dabei wurde ich in ein dickes Handtuch eingewickelt, um wieder warm zu werden. 
Oder wir gingen am Strand entlang, Muscheln und Steine sammeln. Ich weiß noch, dass wir beide einen Sonnenbrand an den Waden hatten, weil wir zu lange im Sand gehockt hatten, um die schönsten Exemplare zu finden.
Ich kann meinen Blick nicht von der Familie wenden. Bin neugierig, wie die Eltern die Situation lösen. In der Tat, ein paar Minuten später ist der Junge still. Er sitzt neben seinen Eltern auf der Decke. In der Hand ein Smartphone. Kopfhörer in den Ohren. So regelt man das heute. 
In der heutigen Zeit wäre mir der Sonnenbrand wohl erspart geblieben, weil ich unter einem Sonnenschirm hockend über ein Display gewischt hätte.
Wieder bin ich gedanklich in meiner Kindheit, wo sich abends vor den Telefonzellen lange Schlangen bildeten, weil man seine Lieben zuhause anrufen wollte. Man fasste sich kurz, weil zum einen alle Umstehenden das Gespräch mithörten, aber auch, weil das Telefonieren recht teuer war.
Und heute? Kaum sind wir am Urlaubsort angekommen, rufen wir unsere Familie nicht nur sofort an, nein wir bringen auch erste Fotos zu ihnen auf den Weg: Vom Hotel, vom Zimmer, vom Pool, vom Strand. Wir sind mit unseren Augen ständig auf der Suche nach einem grandiosen Motiv. Schließlich soll die Welt sehen, wo wir uns gerade aufhalten, was wir gerade treiben und vor allen Dingen, was wir an kulinarischen Köstlichkeiten und Drinks zu uns nehmen.
Hätten wir uns das vor 20 Jahren vorstellen können, dass wir Fotos von unserem Essen machen und es der Welt zeigen? Ich glaube nicht. Wir hätten es wohl für unmöglich gehalten.
Sehen wir die Schönheit unseres Urlaubsortes eigentlich nur noch nach dem Maßstab, ob es bei anderen gut ankommt? Was steckt dahinter? Das Bedürfnis, die anderen an unserem Leben teilhaben zu lassen, oder spielt der Faktor Neid dabei eine nicht unerhebliche Rolle? Nehmen wir die Schönheit unseres Urlaubsortes wirklich noch wahr und auf - nur für uns?
Früher war es normal, mehrere Bücher mit in den Urlaub zu nehmen. Und die las man auch durch. Liest man heute überhaupt noch oder ist man mehr damit beschäftigt, seine Freunde und die Familie über seinen Urlaub zu unterrichten?
Man ist natürlich auch damit beschäftigt, zu schauen, was die anderen so treiben. Die stellen nämlich auch Fotos ein und sind darauf bedacht, uns zu übertrumpfen. Ist das nicht ein Wahnsinn? 
Es kommt mir so vor, als würde ein regelrechter Wettkampf ausgetragen. Macht man im Urlaub überhaupt noch Fotos für sich selbst?
Früher hat man nach dem Urlaub seinen Film zum Entwickeln gebracht und konnte es kaum erwarten, die Bilder abzuholen. Man lud seine Lieben ein, um in einer gemütlichen Runde Urlaubsbilder zu betrachten und dabei Erinnerungen aufleben zu lassen. Dadurch reflektierte man diese wertvolle Zeit noch einmal für sich.
Das fällt heute komplett weg, denn alle werden ja schon während des Urlaubs über alles informiert.
Ich sitze hier, mein Buch neben mir, ohne jegliche Technik. Natürlich besitze ich ein Handy, doch ich habe es bewusst zuhause gelassen. Ganz nach dem Motto: Handy aus, Augen auf!
So ein Urlaub bietet doch eine hervorragende Gelegenheit, seinen Gedanken nachzuhängen; sich mit sich selbst und seinem Weg zu beschäftigen. Wo stehe ich? Wo möchte ich hin? Wo sehe ich mich in 5 Jahren oder in 10?
Während das Meer unentwegt seine Wellen zum Strand befördert und mich die Sonne an meiner Nase kitzelt, kann ich tiefer gehende Fragen wunderbar reflektieren. Kein Stress, kein Zeitdruck, keine Termine. – Nur ich und meine Gedanken!

© Martina Pfannenschmidt, 2019



Donnerstag, 2. Mai 2019

Learning by doing!


„Ich will doch gar nichts Großartiges! Eigentlich möchte ich nur ein glückliches Leben führen, wie es so viele andere auch tun!“
Dieser Wunsch kam von Annette, die neben ihrer Freundin auf deren Sofa saß und in der Hand ein Glas mit Sekt hielt.
„Und wer oder was hindern dich daran, glücklich zu sein?“, fragte Marion und schlug dabei lässig die Beine übereinander.
„Ach, ich weiß auch nicht, die Umstände halt. Irgendwie hatte ich mir das Leben mit Mann und Kindern einfacher vorgestellt. Ich habe das Gefühl, dass ich immer nur für andere da sein muss und keine freie Minute für mich habe.“
Zielsicher griff sie dabei nach einer Praline, die in einer Schale vor ihr stand und schob sie genussvoll in ihren Mund.
„Außer jetzt gerade in diesem Moment“, warf Marion schmunzelnd ein und stieß mit ihrem Glas an das ihrer Freundin. „Prost, meine Liebe! Auf das Leben und das Glück!“
„Das sagt sich so einfach“, nuschelte Annette mit halb vollem Mund. „Du trägst in deinem Leben ja auch keine Verantwortung für andere. Du hast es richtig gemacht und bist allein geblieben.“
Marion schluckte. Dieses Thema war sozusagen ihre Achillesferse. An der Stelle war sie verwundbar, weshalb sie zunächst nichts darauf erwiderte, doch dann sagte sie: „Du kennst mich jetzt schon so viele Jahre und müsstest es eigentlich besser wissen. Du weißt genau, dass ich mir wie du eine Familie gewünscht habe. Doch das Leben entschied anders und nahm auf meine Planung keine Rücksicht. Es gibt Momente in meinem Leben, in denen ich eine eigene Familie schmerzvoll vermisse. Dennoch stehe ich mir nicht selbst im Weg und lass mich durch die Umstände nicht davon abhalten, glücklich zu sein und mein Leben zu leben.“
„Entschuldige! Ich hab es nicht so gemeint und sicher hast du recht mit dem, was du sagst“, entgegnete Annette. „Ich gebe es ja zu, dass ich mir das Leben oft selbst schwer mache, weil ich mir einfach zu viele Gedanken mache.“
„Das ist genau der Punkt!“, hakte Marion nach und leerte ihr Sektglas, bevor sie fortfuhr: „Und zwar nicht nur um dich, sondern um alle Menschen um dich herum. Du belastest dich noch zusätzlich mit den Sorgen, Schuldgefühlen und Zweifeln aller anderen. Kein Wunder, wenn du dich unglücklich fühlst.“
„So bin ich halt!“ Wieder griff Annette in die Schale mit den Pralinen.
„Ja, so bist du. Und du bist gut so, wie du bist. Doch wenn du selber das Gefühl hast, nicht glücklich zu sein, solltest du etwas ändern.“
„Und was, bitte?“, fragte Annette, bevor sie sich die Praline in den Mund schob.
Marion dachte nach: „Du hast doch schon als Schülerin gerne Geschichten geschrieben. Wolltest sogar eine berühmte Schriftstellerin werden. Was ist denn aus dem Wunsch geworden?“
Sie wartete die Antwort ihrer Freundin nicht ab: „Ich kann es dir sagen. Der Zeitpunkt war nie richtig. Immer gab es andere Dinge oder Menschen, die wichtiger waren, als du und dein Traum, nicht wahr.“
„Ja, vielleicht hast du recht, aber …“
„… nichts, aber“, fiel Marion ihr harsch ins Wort, „du findest immer 1000 Gründe. Doch weißt du, was manche Menschen von anderen unterscheidet? Sie warten nicht, sondern fangen einfach an. Ganz nach dem Motto: Nicht quatschen, tun!“
„Du hast gut reden. Was meinst du, was mir mein Mann erzählt, wenn ich meinen Job aufgebe und verkünde, dass ich Schriftstellerin werden möchte.“
„Gut, dann verbuddle deinen Wunsch weiterhin tief in dir. Sterben müssen wir eines Tages ja sowieso. Auf diese Weise kannst du mit dem guten Gefühl gehen, zwar nie das gemacht zu haben, was dich glücklich gemacht hätte, aber so bist du wenigstens jeder Diskussion aus dem Weg gegangen.“
Jetzt war es Marion, die sich, ein bisschen triumphierend, eine Praline nahm.
„Also jetzt bist du echt zu weit gegangen!“, erboste sich Annette und Marion wusste, dass sie damit recht hatte.
„Ehrlich, es war nicht so gemeint", sagte sie deshalb, "aber weißt du: Es ist DEIN Leben. Hör auf, ständig den Erwartungen Anderer entsprechen zu wollen.“
„Das sagt sich so leicht! Aber ich muss ja auch an die anderen denken und nicht nur an mich!“, gab Annette noch einmal zu bedenken.
Marion redete sich langsam in Rage: „Du musst dies, du musst das. Kannst du das Wort nicht einfach aus deinem Wortschatz streichen? Wenn du etwas musst, wirst du immer das Gefühl haben, nicht frei zu sein. Du musst nämlich überhaupt nichts.“
Für eine Weile schwiegen beide Frauen. Marion goss Sekt nach und nippte verlegen an ihrem Glas. War sie zu weit gegangen? Hatte sie ihre Freundin verletzt? Das wollte sie natürlich nicht. Sie wollte doch nur, dass … Ja, was genau wollte sie eigentlich? Schließlich erging es ihr oft ähnlich. Auch sie lebte nicht immer ihren Traum.
„Entschuldige“, wiederholte Marion deshalb, „ich wollte dich nicht verletzen.“
Sie hielt ihrer Freundin das Glas hin, die daraufhin mit ihr anstieß. Beide nahmen einen großen Schluck des prickelnden Inhalts und schon nahm Marion wieder das Wort: „Ich weiß, dass du denkst, du bist nicht gut genug, um eine erfolgreiche Schriftstellerin zu werden. Doch man kann alles lernen. Das ist wie mit dem Radfahren. Das haben wir zwei auch nicht gelernt, indem wir anderen dabei zugeschaut haben. Wir haben es gelernt, weil wir aufs Rad gestiegen sind und es probiert haben.“
Annettes Mundwinkel zuckten, was Marion veranlasste, weiter zu sprechen.
„Wie heißt es so schön: Learning by doing! Steig aufs Rad und fahr einfach los. Sei mutig und unternimm nicht erst dann etwas, wenn du genau weißt, was zu willst. So wartest du tagein, tagaus und nichts verändert sich. Nur wenn wir aktiv werden, den ersten Schritt in die Richtung tun, in die wir möchten, werden wir etwas verändern. Und selbst dann, wenn wir entdecken, dass es doch nicht unser Weg ist,  haben wir etwas gelernt. Nur so können wir herausfinden, was uns gefällt und was nicht. Wie denkst du darüber?“
„Ich denke", antwortete Annette versonnen, "ich werde darüber nachdenken."
„Na, das ist doch mal ein Anfang!“

© Martina Pfannenschmidt, 2019

Samstag, 6. April 2019

Bitte wenden!


„Bitte wenden! Wenn möglich, bitte wenden!“
„Du blödes Scheißding“, fluchte Grit, „ich kann hier nicht wenden, hörst du! Ich stehe mitten auf der Autobahn im STAU! Begreifst du das, du dumme Kuh! Du hast mich hierher gelotst und nun steh ich hier! Mann! Das ist doch echt zum Kotzen!“
Der Fahrer des Autos neben ihr sah mitleidvoll zu ihr rüber. Bestimmt hatte er ihren Wutausbruch mitbekommen. Aber das war ihr jetzt auch egal. Außerdem kannte sie den Kerl ja gar nicht. Sollte er doch über sie denken, was er wollte. Mann! Alles lief schief. Wirklich alles!
Die Kolonne setzte sich in Bewegung. Super! 5 m geschafft. Bei diesem Schneckentempo wäre sie vielleicht erst um Mitternacht zuhause. Sie sollte ihrem Mann eine Nachricht schicken, damit er sich keine Sorgen machte. Sollte sie. Eigentlich. Tat sie aber nicht. Dieser Mistkerl würde sich sowieso keine Sorgen machen. Geschah ihm ganz recht, wenn er mal auf sie warten musste. Sonst war es immer umgekehrt und ER hatte sich noch NIE bei ihr gemeldet.
Obwohl sie es nicht wollte, konnte sie nicht verhindern, dass Tränen aufstiegen. Das fehlte ihr gerade noch. Der Mann im Nebenfahrzeug schaute sowieso schon die ganze Zeit so blöd zu ihr rüber. Der musste nicht sehen, wir beschissen es ihr ging.
Bald kam ein kleiner Rastplatz in ihr Blickfeld. Sie mogelte sich auf die rechte Fahrspur rüber, was den Mann hinter ihr veranlasste, auf die Hupe zu drücken. Sollte er nur. Schwupps war auch er in der Schublade ‚Alle Männer sind doof’.
Es war sehr erstaunlich, aber auf dem Rastplatz stand nur ein einzelner Pkw. Der Fahrer des Wagens saß auf einer in die Jahre gekommenen und verwitterten Holzbank. Auf dem Tisch vor ihm stand ein Becher mit Kaffee, eine Thermoskanne daneben. Brote konnte Grit erkennen und sogar Eier. Na, der hatte Humor. In dieser Situation hier zu sitzen und in aller Seelenruhe sein Abendessen einzunehmen.
Grit stieg aus dem Auto und griff zu ihrer Schachtel mit den Zigaretten. Eigentlich wollte sie schon lange damit aufhören. Aber irgendwie schaffte sie es nicht. Wie so vieles, was sie nicht schaffte. Ihren Mann zu verlassen, zum Beispiel, oder endlich die Arbeit als Arzthelferin aufzugeben und eine Ausbildung zur Heilpraktikerin zu beginnen. Das war einfach alles zu viel. Und jetzt auch noch dieser vermaledeite Stau.
Sie zog gierig an ihrer Zigarette, als der Mann ihr zurief: „Darf ich Ihnen etwas anbieten?“
Das fehlte ihr gerade noch. Jetzt wurde sie auch noch von einem Fremden auf einem abgelegenen Autobahnrastplatz angepöbelt.
Doch dann schalt sie sich selbst. Er pöbelte ja gar nicht, sondern schien sehr nett zu sein. Außerdem duftete der Kaffee verführerisch. Einen Kaffee zur Zigarette hätte sie schon gerne gehabt. Deshalb überlegte sie nicht lange und sagte: „Sehr gerne! Der Kaffee lockt mich schon.“
„Nur zu. Ich habe noch einen Becher im Auto.“
Bald darauf saß Grit dem Fremden gegenüber.
„Langen Sie nur zu“, bot er ihr an. „Es reicht allemal für zwei. Meine Frau meint es immer gut mit mir. Wissen Sie, ich bin viel unterwegs und Staus gehören zu meinem Leben sozusagen dazu. Doch verhungern und verdursten muss ich dabei niemals, wie Sie sehen!“
Grit war froh, dass er seine Frau erwähnte. Das gab ihr irgendwie ein sicheres Gefühl.
„Und Sie?“, fragte er, als Grit herzhaft in ein Käsebrot biss. „Auch auf dem Weg nach Hause?“
Grit nickte und sagte mit vollem Mund: „Wirklich lecker, das Käsebrot.“
„Ich finde so einen Stau gar nicht so schlimm“, meinte der Mann bald darauf. „Ich fahre dann immer bei nächster Gelegenheit auf einen Rastplatz, esse etwas, hänge meinen Gedanken nach. Was bringt es, sich aufzuregen. Wenn ich ausgebremst werde, nehme ich mir die Zeit für andere Dinge. Ich habe immer ein Buch dabei. So lässt sich die Zeit im Auto sinnvoll verbringen. Oder noch besser sind ja Hörbücher. Dann kann man die Augen schließen und einfach nur zuhören. Wenn es weiter geht, macht sich der Hintermann schon bemerkbar.“
So hatte Grit das noch nie gesehen. Sie regte sich immer furchtbar auf, wenn es nicht voran ging. Aber eigentlich spiegelte die Situation nur ihr Leben wieder. Darin ging es auch nicht voran. Obwohl sie diesen Mann überhaupt nicht kannte, hatte sie das Bedürfnis, ihm von ihrem Leben zu erzählen. Und er hörte ihr zu. Ein Mann der zuhören kann. Sie wusste gar nicht, dass es das gibt. Ihr Mann hörte ihr niemals zu. Außerdem hielt er ihren Plan, eine neue Ausbildung zu beginnen, für eine Schnapsidee. Ja, es war schon so, dass sie dann für eine Weile kein Geld verdienen würde. Doch das wäre alles machbar, wenn sie sich ein bisschen einschränken würden.
Nachdem Sie sich all ihre Sorgen von der Seele geredet hatte, schaute der Mann sie mit warmherzigen Augen an: „Ach wissen Sie, viele kennen wohl Situationen, wie die Ihre. Doch ich denke, jeder Mensch hat ein eigenes, inneres Navigationsgerät. Ich meine unser Herz! Es weiß genau, welcher Weg für uns richtig ist und es möchte uns gerne führen. Doch oftmals hören wir gar nicht hin oder lassen uns von anderen Menschen hineinreden. Wenn Ihr Herz Ihnen sagt, dass Sie neue Wege gehen sollten, sollten Sie darauf hören. Dann ist genau der Weg der richtige für Sie. Was hindert Sie daran, es zu tun? Die Gewohnheit, Angst?“
„Ja, die Angst, es allein und finanziell nicht zu schaffen.“
„Meines Erachtens braucht es nur eins: Ein Wort mit drei Buchstaben“, sagte er verheißungsvoll.
Grit überlegte, was er meinen könnte. Dann wusste sie: „Mut! Sie meinen sicher, Mut!“
„Ja, es braucht auch Mut. Aber besser wäre, wenn Sie Vertrauen hätten. Vertrauen darin, dass alles gut wird, wenn Sie sich von ihrem Herzen führen lassen. Ich meine aber noch ein anderes Wort mit drei Buchstaben: TUN! Wir müssen ins Tun kommen, wenn wir etwas verändern wollen. Und dieses Tun beginnt mit einem ersten Schritt. Dem dann ein zweiter und weitere folgen. Solange Sie den ersten Schritt nicht tun, wird alles so bleiben, wie es ist.“ Nach einer Weile fügte er an: „Und Sie unglücklich!“
Der Mann hatte recht. Natürlich hatte er recht. Sie musste etwas tun und sie wollte etwas tun. Schon lange hatte sie darüber nachgedacht, sich ihren Eltern zu öffnen und ihnen von ihrem Vorhaben zu erzählen. Irgendetwas hatte sie jedoch immer abgehalten. Doch jetzt würde sie es tun. Sie würde ihre Eltern um Hilfe bitten.
„Wir Menschen scheuen uns oft, Entscheidungen zu treffen“, fuhr der Mann fort. „Dabei bedenken wir gar nicht, dass auch eine Entscheidung, die wir nicht treffen, Folgen für uns hat.“
Erst jetzt bemerkte Grit, dass die Autos wieder fuhren. Der Stau hatte sich aufgelöst. Voller Vorfreude auf ihr neues Leben sprang sie von der harten Bank, fiel dem Fremden um den Hals und sagte: „Sie hat der Himmel geschickt! Und 1000 Dank für den Kaffee und das leckere Brot. Sagen Sie Ihrer Frau einen lieben Gruß und dass sie ganz viel Glück hat, dass sie Sie zum Mann hat.“
Grit schwang sich in ihren Kleinwagen, winkte dem Fremden ein letztes Mal zu und setzte ihre Fahrt zielgerichtet fort.

© Martina Pfannenschmidt, 2019

Sonntag, 20. Januar 2019

Kalte Hände (2)


Bertha stand zitternd im Stall. „Mir ist so kalt, mir ist so kalt!“, rief sie, um gleich darauf in ein schallendes Gelächter zu verfallen.
„Hör auf, damit!“, lachte Helene. „Sonst kommt gleich der Bauer und beschwert sich wieder über den Lärm, der aus dem Stall kommt.“
Bertha wurde einfach nicht müde, die Szene nachzuspielen, die sich abgespielt hatte, nachdem der Bauer Helene das erste Mal mit seinen eiskalten Händen gemolken hatte.
Das gemeinsame Erlebnis und auch die stetig nach unten kletternden Temperaturen hatten sie enger zusammen geschweißt. So nah wie möglich lagen sie in der Nacht beieinander und waren richtig gute Freundinnen geworden.
„Hoffentlich kommt dein Bauer nicht so schnell wieder aus dem Krankenhaus heraus“, meinte Bertha in diesem Moment.
„Das ist gemein, was du sagst“, erwiderte Helene. „Man soll anderen nichts Schlechtes wünschen.“
„Du hast natürlich recht. Ich mein ja nur. Es ist viel schöner, seid du hier bist und das hätte ich ehrlich nicht für möglich gehalten.“
„Ist klar. Du dachtest sicher, da kommt so eine dumme Gans, die dir das Wasser nicht reichen kann."
„Dumme Gans!“ Wieder lachte Bertha. „Fängst bestimmt bald das Schnattern an.“
„Du hast gut lachen. Wer hat denn eben geschnattert wie eine Gans: Mir ist so kalt! Mir ist so kalt!“
Und wieder lachten die beiden über ihre kleinen Witzeleien.
Doch immer gingen sie liebevoll miteinander um und so manches Mal führten die zwei tiefgründige Gespräche. Und das ist zwischen einer Kuh und einer Ziege schon etwas ganz Besonderes.
„Du, Helene“, begann Bertha diesmal das Gespräch, „hast du dich auch schon mal gefragt, warum du hier bist? – Also ich meine jetzt nicht hier in diesem Stall, sondern auf der Welt?“
„Na klar! Irgendwann einmal sucht wohl jeder nach den Gründen seiner Existenz.“
Nach einer Weile: „Und hast du eine Antwort für dich gefunden?“
„Weißt du, als ich mir die Frage das erste Mal gestellt habe, habe ich alle Tiere gefragt, die mir in meinem Leben begegneten. Doch die meisten hatten keine Antwort für mich oder zuckten nur mit den Schultern. Und da gingen bei mir alle Alarmglocken an.“
Berthas Kopf schnellte hoch: „Alarmglocken? Wieso das denn?“
„Na schau, seit Tausenden von Jahren leben wir auf dieser Welt und keiner kennt die Antwort. Das ist schon komisch, oder?“
„Das stimmt!“
„Und weil es niemand wusste, habe ich mir halt meinen eigenen Kopf darüber zerbrochen. Möchtest du hören, was dabei heraus gekommen ist?“, fragte Helene.
„Unbedingt!“
„Also, pass auf. Unser Leben ist unser ‚Da sein’. Aber was versteht man unter dem Sinn von etwas? Vielleicht ist es besser, von der Sinnhaftigkeit des Lebens zu sprechen und die Fragen auszuweiten. Nämlich: Was ist die Ursache meines Seins? Warum bin ich da? Was ist das Ziel meines Seins? Was ist ein sinnvolles Leben? Was soll ich tun, wie soll ich mich verhalten?“
„Helene, jetzt schwirrt mir der Kopf nur noch mehr! Ich dachte, ich bekomme eine Antwort. Stattdessen stellst du noch mehr Fragen.“
„Ich habe mir halt noch mehr Fragen gestellt, um ans Ziel zu kommen. Und die größte aller Fragen ist: Gibt es überhaupt einen Sinn des Lebens und wenn ja, welcher ist das?“
„Und? Zu welcher Antwort bist du nun für dich bekommen?“
„Lebensglück und Dienen!“
„Lebensglück und Dienen?“ wiederholte Bertha.
„Lebensglück und Dienen!“, erwiderte Helene. „Für mich geht es darum, sich lebendig zu fühlen und das Leben zu genießen, einfach glücklich zu sein. Glück hängt für mich davon ab,  wie man sein Leben empfindet.“
Bertha nickte zustimmend: „Mein Bauer sagte einmal: Jeder ist seines Glückes Schmied.“
„Siehst du!“, bestätigte Helene. „Glück ist das, was man aus seinem Leben macht. Schau dir die Menschen an. Sie mühen und plagen sich ihr Leben lang und was haben sie davon? Generationen kommen und gehen. Die Erde bleibt davon unbeeindruckt. Sie ist immer noch da. Die Sonne geht auf und wieder unter – immer wieder und immer wieder.“
„Ich denke gerade“, fuhr Bertha nach einiger Zeit fort, „dass die Erde und die Sonne sich sicher nicht nach dem Sinn ihres Daseins fragen.“
„Genau. Sie sind einfach da und tun, was es zu tun gibt, ohne nach dem Sinn zu fragen. Und da kommen wir zu Punkt 2 – nämlich dem Dienen. Sie fühlen sich nicht von Gott getrennt, sondern sie tun ihr Werk, wie es für sie bestimmt ist. – So einfach ist es, den Sinn seines Seins zu erfüllen.“
„Und unser Sinn?“
„Frisches Gras zu fressen – oder Heu. Es uns schmecken zu lassen, um gute Milch zu produzieren. Die Sonne auf der Haut spüren, sich lebendig und glücklich fühlen.“
„Auch dann“, schmunzelte Bertha, „wenn der Bauer uns mit kalten Händen melkt?“
„Ja, ganz besonders dann, denn jetzt kommen wir zu unserem Dienen. Aus unserer Milch machen die Menschen köstliche Dinge. Wir dienen dem Menschen und das ist der Sinn unseres Lebens: Glücklich sein und Milch geben.“
„Das ist großartig!“
„Das finde ich auch!“

© Martina Pfannenschmidt, 2019




Freitag, 4. Januar 2019

Kalte Hände (1)


Bertha stand mit hängendem Kopf im Stall. Knut, der Bauer, hatte ihr gerade frisches Heu gebracht und ein paar Worte mit ihr gesprochen. Doch das konnte sie alles nicht aufmuntern. Ganz im Gegenteil. Das nächste Mal, wenn er sie im Stall besuchte, würde er sie melken. Allein der Gedanke daran ließ sie erschaudern.
Im Sommer, ja im Sommer, da war alles viel schöner. Da waren seine Hände von der schweren Arbeit zwar auch rau, doch wenigstens waren sie warm. Und überhaupt. Das ließ sich gar nicht miteinander vergleichen. Im Sommer war sie nie allein. Dann stand sie nämlich nicht, wie jetzt, im Stall, sondern draußen auf der Weide. Dort hatte sie viele Freunde. Fritz der Maulwurf schaute täglich vorbei und jede Menge Spatzen. Ab und an hielt sie auch mit einer Weinbergschnecke einen Plausch. Im Sommer auf der Weide war immer was los. Ja und das Gras mit den frischen Kräutern schmeckte natürlich viel besser, als das getrocknete, das sie im Winter bekam.
Bertha seufzte. Es würde wohl noch einige Monate dauern, bis sich ihr Leben wieder zum Besseren wende würde. Sie musste halt durchhalten.
Lustlos kaute sie an ihrem Heu, als unerwartet die Stalltür geöffnet wurde. Es war Knut, der Bauer, und er war nicht alleine. Er zog etwas hinter sich her, das wohl nicht gewillt war, ihm zu folgen.
„Nun komm schon, Helene, ich weiß, dass du lieber in deinem Stall geblieben wärst. Aber es geht halt nicht. Fritz, dein Bauer, musste ins Krankenhaus und so lange soll ich mich um dich kümmern. Komm, mach schon. Sei nicht so störrisch, wie ein alter Esel.“
Bertha horchte auf! Helene? Wer bitte schön, war das? Noch konnte sie nur Knut erkennen, aber bald fiel ihr Blick auf eine schneeweiße Ziege. ‚O mein Gott!’, dachte Berta. ‚Das hat mir gerade noch gefehlt. Eine alte meckernde Ziege! Womit habe ich das verdient.
Schließlich ließ sich Helene in die freie Box neben Bertha führen.
Knut machte die beiden sogar miteinander bekannt, was Bertha wirklich rührte und die blöde Ziege zum meckern veranlasste.
‚Na, das kann ja heiter werden’, dachte Bertha.
„Ziemlich cool hier“, bemerkte Helene, nachdem der Bauer die Stalltür geschlossen hatte.
Bertha reagierte darauf nicht.
„He, Bertha, warum sprichst du nicht mit mir?“
Sollte sie ihr die Wahrheit sagen? Dass sie keine Lust hatte auf ständiges Gemecker, oder sollte sie ihr zunächst einmal freundlich begegnen?
Bertha entschied sich, freundlich zu sein.
„Doch, doch“, beteuerte sie deshalb, „natürlich unterhalte ich mich mit dir. Ich bin doch froh darüber, endlich jemanden zu haben, mit dem ich reden kann.“
Zum Teil stimmte ihre Aussage ja. Sie freute sich über Unterhaltung. Bertha hätte sich halt nur einen anderen Gesprächspartner gewünscht. Einen mit Niveau und keine dumme Ziege. Aber sie war zu gut erzogen, als ihrer Stallnachbarin dieses zu sagen.
„Gut! Das freut mich. Dann auf gute Nachbarschaft.“
Bald darauf kauten beide an ihrem Heu.
„Ist langweilig im Winter im Stall, nicht wahr?“, machte Bertha einen Vorstoß.
„Geht schon!“, erwiderte die Ziege.
Besonders gesprächig schien sie nicht zu sein.
„Im Sommer ist alles besser!“, meinte Bertha.
„Nur in deinem Kopf!“, entgegnete Helene.
Bertha sah hoch. „Wie meinst du das?“
„Na, ist doch klar“, sagte die Ziege und es klang ein bisschen überheblich, „wie du dich fühlst, hängt davon ab, was du denkst.“
Am liebsten hätte Bertha geantwortet: „Du spinnst doch!“, aber sie ließ sie zunächst weiter reden. Vielleicht konnte sie ja doch etwas von einer Ziege lernen.
„Weißt du“, fuhr Helene fort, „du wirst schon im Herbst traurig, weil du weißt, was auf dich zukommt. Schließlich kennst du ja schon die Situation im Stall.“
Bertha nickte: „Ja, ich weiß genau, wie sich das anfühlt.“
„Siehst du. Das meine ich. Du bewertest die Situation nach deiner bisherigen Wahrnehmung. Das bedeutet, dass du nicht mehr neutral bist, sondern du urteilst aufgrund deiner früheren Wahrnehmung schon im Vorfeld.“
Bertha war platt. Die Ziege hatte es echt drauf.
„Du meinst, es sind meine Gedanken, die bewerten, dass es im Stall schlecht ist.“
„Genau. Du fühlst dich dann genau so, wie du es dir in deinen Gedanken ausmalst. Im Sommer produziert dein Gehirn Glücksgefühle. Das bedeutet also, dass dein Gehirn dein Fühlen beeinflusst.“
„Soll das heißen, ich muss nur meine Gedanken ändern, und schwupps, fühle ich mich auch im Winter im Stall glücklich?“
„Bingo! Du hast es erfasst. Es liegt an dir selbst, ob du traurig oder glücklich bist. Wir können unsere Gefühle in gewisser Weise mit unseren Gedanken steuern. Es kommt immer auf unsere Bewertung einer Situation an. - Schau mich an! Ich bin jetzt sogar in einem fremden Stall und mir fehlt mein eigener Bauer. Deshalb bin ich schon ein bisschen melancholisch. - Aber nun bin ich nicht mehr alleine. Das ist doch ein guter Grund, glücklich zu sein.“
Vielleicht hatte Helene recht mit dem, was sie sagte. Bertha wollte es versuchen. Zumindest schien es so, als wären die Tage nicht mehr so arg langweilig und wenn Knut, der Bauer, Helene das erste Mal melken würde, hätten sie bestimmt das nächste Gesprächsthema: Die Menschen und ihre rauen, kalten Hände im Winter!

© Martina Pfannenschmidt, 2019