Am Valentinstag wollte Lukas all seinen Mut zusammennehmen und Maya, die wie er die Klasse 10 c der Gesamtschule besuchte und die zwei Reihen vor ihm saß, endlich zeigen, dass er sie ziemlich cool fand. Deshalb steckte in seinem Rucksack eine pfirsichfarbene Rose, die die Floristin sorgfältig in Seidenpapier eingewickelt hatte.
Zuvor hatte er ewig im Laden gestanden. Zum einen
wegen des Andrangs, zum anderen wegen der Frage: für welche Rosenfarbe sollte
er sich entscheiden. Also rot schied aus. Das war schon mal klar. Schließlich
wollte er ihr keinen Heiratsantrag machen. Und weiß? Nein, weiß war wohl eher
etwas für eine Beerdigung und gelb? Ne, gelb schied ganz und gar aus. Das
erinnerte ihn an das verblasste Lieblingsshirt seines Vaters. Deshalb hatte er
sich für die pfirsichfarbene Rose entschieden, die laut Internet für ‚zaghafte
Annäherung‘ stand.
Maya hielt ihre Schultasche fest umklammert, als
sie die Klasse betrat. Schließlich befand sich darin etwas sehr Wertvolles:
eine pinke Rose. Auch sie hatte in einem Blumenladen gestanden und sich gegen
die rote Rose entschieden, um nicht zu ‚bedürftig‘ zu wirken. Und gelb? Sie
stand für platonische Freundschaft und die strebte sie ja nicht an. Deshalb
hatte sie sich schließlich für Pink entschieden. Sie schien ihr eine Mischung
aus ‚ich mag dich‘, aber hab deshalb bitte ‚keine Panik‘ zu stehen.
Doch irgendwie schien sich dieser Tag gegen die
beiden verschworen zu haben, denn just in dem Moment, als Lukas seine Rose
unauffällig in die Kapuze von Mayas Jacke klemmen wollte, stürmte der Sportkurs
von Herrn Müller johlend aus der Halle und drückte ihn mitsamt seiner Rose ungestüm
gegen die Wand. Als er genauer nachschaute, sah er, dass der Kopf der Rose nun leicht
zur Seite geknickt war, weshalb sie jetzt eher ‚nachdenklich‘ als ‚romantisch‘
aussah.
Maya wiederum versuchte ihr Glück nach der
dritten Stunde. Sie wollte Lukas die Blume zustecken, während er an seinem
Spind stand. Doch just in diesem Augenblick gab es eine Brandschutzübung. Durch
das unerwartete Schrillen der Alarmglocken zuckte Maya zusammen und ließ die
Rose fallen. Bevor sie danach greifen konnte, war ihre Banknachbarin bereits
darüber hinweggestürmt. Die pinke Blüte war nun nicht mehr ‚frisch‘, sondern
hatte einen charmanten ‚Vintage-Look‘ – sprich: sie war platt.
Nach der letzten Stunde bot sich beiden die letzte
Chance, doch noch die Rose zu überreichen. Deshalb wartete Lukas nervös in der
Nähe der Fahrradständer. Die Pfirsich-Rose hielt er dabei hinter seinem Rücken
versteckt. Als Maya um die Ecke bog, blieb sie abrupt stehen, als sie Lukas
dort stehen sah. Ihr Herz hämmerte dabei laut gegen ihre Rippen.
Sie nahm all ihren Mut zusammen und rief, während
sie hektisch in ihrer Tasche kramte: „Lukas, warte mal. Ich … ich hab da was
für dich!“, und zog eine ziemlich flache pinke Rose hervor.
Lukas starrte die Blume an und ein breites
Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er holte seine geknickte
Pfirsich-Blüte hinter seinem Rücken hervor und meinte lachend: „Na, da war ich
wohl nicht der Einzige, der Pech hatte und der sich über die Farblehre von
Blumen den Kopf zerbrochen hat. Weiß sah zu sehr nach Friedhof aus, oder?“
Maya lachte befreit auf. „Total. Und Gelb ist
irgendwie ... retro-schlecht.“
Sie tauschten die ramponierten Blumen aus und in
diesem Moment war es völlig egal, welche Botschaft die Floristen den Farben
zugedacht hatten. Lukas betrachtete seine platte Rose und Maya ihren schiefen
Stiel.
„Was machen wir jetzt damit?“, fragte Maya leise
und hielt die lädierte Blüte fast schon ehrfürchtig fest. „Die gewinnen beide
keinen Schönheitspreis mehr.“
„Ich hab eine Idee“, sagte Lukas. Er nahm ihr die
pinke Rose behutsam ab und legte beide Blumen nebeneinander in sein dickes
Geschichtsbuch, genau zwischen die Seiten des ‚Ost-West-Konfliktes‘. Anschließend
klappte er es mit einem dumpfen Geräusch wieder zu. „Wir pressen sie einfach“,
sagte er. „Dann sieht man nicht mehr, dass die eine plattgetrampelt und die
andere anderweitig lädiert ist.“
Maya lächelte und nickte stumm. Die anfängliche
Nervosität war einem warmen Gefühl gewichen, das viel angenehmer war als der ganze
Stress zuvor.
Und so gingen beide schweigend nebeneinanderher,
während die kühle Februarluft - und auch ein bisschen die momentane Situation -
ihre Wangen gerötet hatte.
Lukas spürte, wie seine Hand in der Jackentasche ein
wenig schwitzte; dennoch wagte er einen vorsichtigen Seitenblick, doch Maya
starrte konzentriert auf ihre Schuhspitzen. Ganz vorsichtig, fast so, als dürfe
er die Stille nicht zerbrechen, löste er seine Hand aus der Tasche. Er suchte
ihre Fingerspitzen und schob seine Hand ganz zaghaft in ihre.
Maya hielt nicht inne, sondern verschränkte ihre
Finger fest mit seinen, während sich ein kleines, zufriedenes Lächeln auf ihre
Lippen stahl.
In diesem Moment wurde ihnen klar: Manchmal
braucht es keine perfekten Blüten und erst recht keine Erklärungen, denn für
die wichtigsten Dinge im Leben gibt es oftmals keine Worte.
© Martina Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil.