Als ich vor ein paar Tagen auf dem Balkon saß und die letzten Sonnenstrahlen des Tages genoss, sah ich hoch zum Himmel und beobachtete für eine Weile ein paar Schwalben. Unweigerlich dachte ich darüber nach, dass sie sich schon bald wieder sammeln werden, um Richtung Süden zu fliegen. – Im selben Moment tauchte aber auch der Gedanke auf, dass die Reisevorbereitungen bei uns Menschen komplett anders aussehen. Ja und ich weiß auch nicht genau, wie es passieren konnte, aber irgendwie habe ich da in meinem Kopf wohl etwas durcheinandergebracht. 😉 Aber lest selbst. Viel Freude dabei!
Es war ein goldener Septembermorgen, als im Nest von Familie Schwalbe das
reinste Chaos herrschte. Wie in jedem Jahr, so stand auch in diesem die
alljährliche große Reise nach Afrika bevor.
Papa Schwalbe stand mit einer viel zu kleinen Lesebrille auf dem Schnabel
mitten im Nest. In den Flügeln hielt er eine Checkliste.
„Anni! Moritz! Habt ihr eure Pässe?“, rief er in diesem Moment mit lauter Stimme.
„Und wer, um Himmels willen, hat den großen, roten Rollkoffer versteckt?“
Aus dem Nebenraum ertönte das genervte Seufzen von Anni, seiner Tochter.
Sie schob ihre winzige Sonnenbrille hoch und antwortete: „Papa, chill mal. Der
Koffer steht bestimmt im Keller hinter den alten Spinnweben. Und übrigens: ich
fliege sowieso nur mit Handgepäck!“
Mutter Schwalbe, die Ruhe in Person, schwebte mit einer riesigen Tube
‚Sonnencreme – Lichtschutzfaktor 50 für besonders empfindliches Gefieder‘
herbei. Sie wollte nicht, wie im letzten Jahr, einen Sonnenbrand auf den
kostbaren Schwingen riskieren.
„Schatz, beruhige dich“, sagte sie lächelnd zu ihrem Mann und verfrachtete
die Tube sanft in den Koffer, den Moritz, ihr Sohn, gerade herbeigeschleift
hatte. Moritz war der jüngste Spross und hatte bereits seine bunten
Hawaii-Badeshorts über die Federn gezogen. „Wir haben noch reichlich Zeit“,
meinte Mama dann, „der Abflug am großen Strommast ist erst für 14:00 Uhr
angesetzt.“
„Reichlich Zeit?“, rief Papa Schwalbe empört aus und tippte hektisch auf
seine Armbanduhr. „Die Thermik wartet nicht auf uns, meine Lieben! Wenn wir den
Aufwind um zwei Uhr verpassen, stehen wir vor den Alpen im Stau. Und ich möchte
nicht, dass hinter uns wieder die Störche drängeln, weil es nicht zügig voran
geht.“
Nun ging das große Packen erst richtig los. Mama Schwalbe ging im Kopf
nochmal die Verpflegung durch: „Ich habe Mücken-Sandwiches für unterwegs
eingepackt und eine Thermoskanne mit Fruchtsaft. Auf den Rastplätzen im Süden
sind die Preise im Herbst immer völlig überzogen.“
Moritz versuchte verzweifelt, seine Taucherbrille und eine aufblasbare
Luftmatratze in den Koffer zu quetschen und Anni musste noch schnell die
Playlist mit ihren Lieblingsliedern speichern, weil sie über der Sahara
bestimmt keinen Empfang hatte.
Um kurz vor eins war es endlich geschafft. Der rote Koffer war so
vollgepackt, dass Papa Schwalbe sich mit seinem gesamten Körpergewicht darauf
werfen musste, damit Mama Schwalbe den Reißverschluss zuziehen konnte. Rrrrrt
– geschafft!
Sie schlossen die Haustür ihres Nestes ab, hängten ein kleines Schild mit
der Aufschrift ‚Sind im Urlaub – Bitte keine Werbung einwerfen‘ davor und
machten sich auf den Weg zum großen Treffpunkt am Strommast.
Dort angekommen war die Stimmung phänomenal. Hunderte von Schwalben standen
in langen Schlangen an und berieten über die beste Flugroute.
Der Reiseleiter rief durch ein Megafon: „Flug 2026 nach Mallorca und
weiterführend nach Afrika, bitte bereitmachen zum Boarding!“
Papa Schwalbe atmete tief ein. Der Stress des Packens war wie weggeblasen.
Er blickte seine Familie fröhlich an. Moritz trug stolz seine Badeshorts, Anni
summte gut gelaunt ein Lied, und seine Frau hielt liebevoll seinen Flügel.
„Bereit für den Sommerurlaub, Familie?“, fragte er mit einem breiten
Grinsen.
„Bereit!“, riefen alle im Chor.
Der Reiseleiter gab das Signal und der riesige Schwarm erhob sich Synchron
und mit einem jubelnden Tschilpen in den strahlend blauen Himmel. Die Koffer
fest im Griff, die Sonnencreme im Gepäck und das pure Glück im Herzen flogen
sie gemeinsam der Sonne entgegen.
© Martina Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!