Mittwoch, 4. Februar 2026

Das Leben war damals langsamer

Sophie sah ziemlich durchgefroren aus, als sie das Wohnzimmer betrat, in dem Oma bereits mit einer Tasse Tee vor dem Kamin saß.

„Komm näher ans Feuer und wärm dich wieder auf!“, sagte Oma wohlwollend. Dann stand sie auf, ging in die Küche und kam mit einer weiteren Tasse Tee zurück.

„Hier, der wird dir guttun.“

„Danke, Oma!“

„Weißt du, Sophie, dir ist kalt, obwohl du eine dicke Daunenjacke getragen hast. Wenn ich da an die Winter in meiner Kindheit zurückdenke“, meinte Oma seufzend, „war doch vieles anders.“

„Was zum Beispiel?“

„Was zum Beispiel?“, wiederholte Oma die Frage ihrer Enkelin. „Na, unsere Kleidung zum Beispiel. Ich trug einen schweren Mantel aus Wolle und auch die dicken Fausthandschuhe, die Oma mir gestrickt hatte, waren aus kratziger Wolle. Wenn die nass waren, weil wir mit Schneebällen geworfen oder einen Schneemann gebaut hatten, wurden sie in der Nähe des Ofens zum Trocknen aufgehängt und glaub mir, der Geruch, der dabei entstand, war nicht wirklich schön. Man hatte das Gefühl, dass der ganze Raum nach feuchter Schafwolle roch.“

„Igitt. Das war bestimmt scheußlich.“

„Ja, das war es in der Tat. Wenn ich zurückblicke, dann hat sich wahrlich viel verändert. Und das ist gut so. – Schau, wenn ich früher aufwachte, war mein Zimmer eiskalt. Ich konnte im Bett liegend meinen Atem sehen. Nach dem Aufstehen ging ich zuerst zum Fenster. Es war vollständig übergefroren, musst du wissen. Die Eisblumen, die sich dort zeigten, waren zwar wunderschön, aber man konnte nicht durch sie hindurch nach draußen blicken. Dann hab ich meinen warmen Finger an eine Stelle gelegt und wenn dadurch das Eis schmolz, hatte ich ein kleines Guckloch, durch das ich nach draußen schauen konnte. Kannst du dir das alles überhaupt vorstellen?“

Sophie versuchte es, aber es war schwer vorstellbar für sie. Wenn sie aufwachte, war ihr Zimmer warm und gemütlich und das Fenster war auch nicht zugefroren.

„Was war früher noch anders?“, fragte Sophie.

„Was noch anders war? Dass es mehr Schnee gab als heute. Manchmal reichte er mir bis zu den Knien. – Anders war es natürlich auch in der Schule. Es gab noch keine Tablets, wie ihr sie heute habt. Wir schrieben, als ich eingeschult wurde, noch mit einem Griffel auf einer Tafel – und bevor du mich fragst, was das ist. Du kannst es später ja googeln“, schmunzelte Oma. 

„Das mach ich glatt“, entgegnete Sophie, „aber sag, war es wenigstens im Klassenraum warm?“

Oma lachte auf. „Ach, mein Kind. Es gab noch keine moderne Heizung. Weder zuhause noch in der Schule. In jeder Klasse stand ein großer, schwarzer Kanonenofen in der Ecke. Und weißt du, wer den angefeuert hat? Der Hausmeister, schon um fünf Uhr morgens. Wer am weitesten weg vom Ofen saß, dem froren trotzdem fast die Finger an der Schiefertafel fest. Ganz oft haben wir auch in der Klasse unsere dicken Wollmäntel anbehalten. Und wenn man Pech hatte und in der ersten Reihe direkt am Ofen saß, glühten einem die Wangen, während der Rücken eiskalt blieb.“

„Und wie war das nach der Schule? Hast du dich da mit deinen Freundinnen zum Schlittenfahren getroffen?“

„Ganz genau. Sobald die Glocke läutete, gab es kein Halten mehr. Wir sind nicht nach Hause gelaufen, wir sind gerannt, um unsere Holzschlitten aus dem Schuppen zu holen. Das waren schwere Dinger mit Eisenkufen, nicht so Plastikschalen wie ihr sie heute habt. Die Kufen haben wir immer mit einer Speckschwarte eingefettet, damit wir besonders schnell unterwegs sein konnten. Wir sind die Hügel hinuntergesaust, bis der Wind uns die Tränen in die Augen trieb. - Weißt du, wir hatten keine Skianzüge. Wir trugen diese selbstgestrickten Wollhosen, die sich im Schnee vollsogen, bis sie steifgefroren waren und schwer, wie Blei, an unseren Beinen hingen. Wenn wir den Berg wieder hochstapften, machte das bei jedem Schritt ein klackendes Geräusch, weil das Eis an der Wolle festgefroren war. Aber das war uns egal! Wir haben um die Wette geschrien und sind zu zweit oder dritt auf einem Schlitten den steilsten Hang hinuntergejagt, bis wir alle lachend im Tiefschnee landeten. Wir waren trotz der Kälte stundenlang draußen, bis unsere Wangen so rot waren, wie die Äpfel im Märchen von Schneewittchen.“

„Und wie ging es dann weiter, wenn du nach Hause kamst?“

„Abends saßen wir alle in der Küche, dem einzigen wirklich warmen Raum im Haus. Meine Mutter stellte Bratäpfel in die Röhre des Ofens, der mit Holz befeuert wurde. Dieser Duft nach Zimt und heißem Apfel – das war für mich das Gefühl von Geborgenheit schlechthin. Weißt du, wir hatten alle viel Zeit. Niemand musste nach Nachrichten auf seinem Handy schauen. Es gab auch keinen Fernseher. Manchmal lief das Radio. Aber meistens nur, um die Nachrichten zu hören. Ansonsten haben wir, meine Schwester und ich, Karten gespielt oder uns Geschichten erzählt. Mutter strickte oft Socken oder stopfte sie und unser Vater schnitzte Spielzeug aus Holz. Manchmal durfte ich Mutter helfen und habe Wolle gewickelt. In jedem Fall hat niemand von uns auf irgendeinen Bildschirm gestarrt, wir haben uns noch gegenseitig angeschaut und uns unterhalten. - Das Leben war damals langsamer, verstehst du? Es kommt mir beim Rückblick so vor, als hätte die Welt im Winter ein bisschen den Atem angehalten. - Weißt du, wir hatten nicht viel damals, aber wenn ich heute an das Knirschen des Schnees unter meinen Stiefeln und die gemeinsame Zeit in der warmen Küche zurückdenke, dann war es doch eine reiche Zeit. Reich an Gemeinsamkeit.“

„Weißt du, was mich noch interessieren würde? Was war dein Lieblingsessen? Auch Pizza oder Spaghetti Bolognese, so wie es bei den meisten Kindern heute ist?“

Oma lachte laut auf.

„Pizza? Nein! Die kannte ich damals noch gar nicht. Im Winter gab es das, was im Keller eingelagert war. Wir hatten keine Supermärkte, die im Januar Erdbeeren verkauften. Wir hatten Kartoffeln, Rüben, Äpfel und eingemachtes Gemüse aus dem Garten. Es gab fast jeden Tag Eintopf. Einen großen Topf voll mit Steckrüben, Möhren, Schnippelbohnen oder Graupen. Wenn wir Glück hatten, kochte ein Stückchen Speck mit darin – das war das Highlight! Und weißt du, was das Beste war? Wenn der Eintopf am zweiten Tag auf dem alten Herd aufgewärmt wurde. Dann schmeckte er mir noch viel besser.“

Oma sah, dass Sophie nicht sonderlich begeistert aussah, deshalb erzählte sie ihr schnell noch von den Besonderheiten, die es am Wochenende gab. „Am Sonntag machte Mama manchmal ‚Arme Ritter‘ oder es gab Pfannkuchen mit eingekochten Pflaumen. Oder, wenn wir von draußen reinkamen, völlig durchnässt vom Schlittenfahren, hat sie uns oft eine ‚Mehlsuppe‘ oder einen heißen Haferbrei gemacht. Das fühlte sich an, wie eine warme Umarmung im Bauch.“

Sophie wirkte sehr nachdenklich, so dass eine Stille zwischen den beiden entstand – eine angenehme Stille.

Dann sagte Oma: „Weißt du, Sophie, jetzt wird mir etwas bewusst. Nicht die Kälte ist das, was ich am meisten in Erinnerung behalten werde, sondern es ist die Wärme, die wir uns gegenseitig gegeben haben.“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

Montag, 2. Februar 2026

Wenn der ‚Wecker‘ zu früh klingelt

Der Schnee lag an diesem klirrend kalten Februartag dick auf den Wiesen und Feldern, als sich Blausternchen, die kleine Blaumeise, an ein Versprechen erinnerte, das sie jemandem im späten Herbst gegeben hatte.

Zielsicher flog sie deshalb zu einem dicken Laubhaufen. Sie wusste, dass sich darunter Snow, der kleine weiße Igel, befand.

Snow war zwar weiß wie der Schnee, doch er hatte beklagt, dass er noch nie in seinem Leben Schnee zu Gesicht bekommen hatte und daher rührte die Abmachung zwischen ihm und der Meise, ihn aus seinem Winterschlaf zu wecken, sobald sich die Landschaft in ein Winterwunderland verwandelt hatte.

Und so landete Blausternchen sacht auf dem vereisten Laubhaufen. Mit ihrem Schnabel schob die Meise einen hervorstehenden Zweig zur Seite und rief mit ihrer hellen Stimme: „Snow! Wach auf! Es ist so weit!“

Doch im Inneren rührte sich nichts. Die Blaumeise flatterte aufgeregt mit den Flügeln und pickte erneut, um sich einen kleinen Spalt zu schaffen, durch den sie den Igel sehen konnte. „Snow!“, rief sie erneut. „Du bist echt eine Schlafmütze! Wach auf, der Winter ist da!“

Doch nichts rührte sich. Enttäuscht wollte sie gerade ihre Flügel ausbreiten und davonfliegen, als sie ein leises Rascheln vernahm. Ein Häufchen Blätter bewegte sich und eine staubige, feuchte Nase schob sich ins Freie.

„Was ist los? Wer stört mich?“, brummte der Igel schlaftrunken. Etwas verwirrt blinzelte er gegen das grelle Licht an. Doch dann erkannte er die Meise und erinnerte sich: „Blausternchen! Hat es geschneit?“

„Und wie!“, antwortete die Meise. „Komm heraus aus deinem Winterquartier. Dann wirst du es sehen.“

Die Knochen des Igels waren noch ein wenig steif, weshalb er mühsam aus seinem warmen Nest krabbelte. Als er den ersten Schritt ins Freie tat, stockte ihm der Atem. „Was ist das? Alles ist… weiß!“

Vor ihm erstreckte sich eine Welt, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte. Die vertrauten Gräser waren unter einer glitzernden, weichen Decke verschwunden. Jeder Ast der Bäume trug ein weißes Kleid und die Luft war so rein und frisch, wie er es noch nie zuvor erfahren hatte.

„Es sieht aus wie Puderzucker“, flüsterte er ergriffen. „Und es glitzert auf dem Boden wie tausend Sterne.“

Vorsichtig setzte er eine Pfote in das Weiß. „Huch! Es ist … nass … und es ist … weich … und es beißt ein wenig an meinen Pfoten!“

„Das ist die Kälte, Snow“, erkannte die Meise sogleich und hüpfte vor Aufregung von einem Bein aufs andere.

Es dauerte nicht lange und der Igel zitterte am ganzen Körper. „Mir schlottern die Stacheln und meine Zähne klappern und mein Bauch knurrt“, sagte er ziemlich verzweifelt.

„Komm mit!“, zwitscherte Blausternchen und lockte den Igel zum nahen Vogelhaus. Die Meise flog in das Häuschen und schob geschickt einige fette Sonnenblumenkerne und Haferflocken über den Rand, so dass sie direkt vor Snows Nase in den Schnee fielen.

Dankbar fraß der Igel die Körner. „Danke, Blausternchen! Aber sag … warum frierst DU eigentlich nicht in deinem dünnen Federkleidchen? Das verstehe ich nicht.“

Sofort plusterte sich die Meise auf und sah bald darauf aus wie ein kleiner runder Ball. „Schau!“, erwiderte sie. „Das ist mein Trick! Dadurch kommt Luft zwischen meine Federn, die mich wärmt. Außerdem schlägt mein kleines Herz viel schneller als deines, damit ich warm bleibe. Allerdings muss ich im Winter besonders viel essen, damit meine innere Heizung funktioniert“, antwortete sie mit einem Augenzwinkern und war den Menschen für das Futter, das sie ihr zur Verfügung stellten, sehr dankbar.

Nachdem der Igel den letzten Kern verspeist hatte, verspürte er ein wenig Durst. Doch das Wasser, das er sonst im Garten fand, war festgefroren. Wie gut, dass die kluge Meise wusste, wie sie ihm helfen konnte. Mutig hockte sie sich auf den Schnee, der durch die Wärme des kleinen Körpers ein wenig zu schmelzen begann. Bald darauf zeigten sich in einer kleinen Kuhle einige kostbare Wassertropfen, die der Igel dankbar zu sich nahm.

Völlig unvorbereitet nahmen sie in dem Moment eine tiefe, eiskalte Stimme wahr: „Was für einen Unfug macht ihr da?! Ein Igel im Februar? Das ist gegen jede Ordnung!“

Die beiden drehten sich abrupt um und nahmen erst da den Schneemann mit seiner Karottennase wahr. „Du solltest schlafen!“, empörte sich dieser. „Du bringst ja den ganzen Winterplan durcheinander!“

Blausternchen und Snow ignorierten seine Worte und würdigten ihn keines weiteren Blickes. Sie wollten sich nicht durch einen schlecht gelaunten Schneemann von ihrem Abenteuer abbringen lassen. Allerdings erkannten sie bald darauf, dass er nicht ganz unrecht hatte mit seinen Worten.

„Weißt du, Blausternchen“, sagte der Igel schlotternd, „die Kälte krabbelt bis in meine Knochen hinein.“ „Dann solltest du rasch zu deinem Nest zurückkehren“, schlug die Meise vor. Und so trotteten sie zurück zu Snows Winterquartier.

Der Igel rollte sich ein, zitterte aber immer noch am ganzen Körper und meinte: „Ich weiß gar nicht, ob das Laub noch ausreichen wird, um mich wieder aufzuwärmen.“

„Warte Snow“, zwitscherte Blausternchen daraufhin, „ich werde etwas finden, das dich wärmt!“

Schon schwang sich die Meise in die Lüfte und nahm bald darauf über dem benachbarten Kinderspielplatz mitten in all dem Weiß einen Farbtupfer wahr. Etwas leuchtend Rotes lag dort einsam auf einer Holzbank. Ein Kind musste seinen Wollschal dort vergessen haben.

Umgehend stürzte die Meise darauf zu und packte den Schal mit ihrem Schnabel. Doch der war viel schwerer als so mancher Zweig, den sie sonst transportierte. Deshalb schlug sie besonders kraftvoll mit ihren Flügeln und kämpfte sich mit leichtem Rückenwind zurück in den Garten.

Als die Meise erschöpft bei dem Igel eintraf, war dieser bereits in einen leichten Halbschlaf gefallen. Deshalb ließ Blausternchen den roten Schal wortlos und äußerst vorsichtig über Snow gleiten und schob die Enden mit seinem Schnabel unter seinen Bauch, so dass er ganz eingemummelt war.

Bald darauf ließ das Zittern nach und als sich eine wohlige Wärme in dem Igel ausgebreitet hatte, schlief er schnell und mit vielen neuen Eindrücken wieder ein.

Die Meise betrachtete den schlafenden Freund noch eine kleine Weile und flüsterte leise: „Schlaf gut, Snow! Im Frühling sehen wir uns wieder.“

Dann erhob sie sich und flog leise hinaus in den blauen Winterhimmel.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

Samstag, 31. Januar 2026

Kalte Füße

In dem kleinen Backsteinhaus von Martha und Alfons war es wirklich gemütlich. Ein paar wenige Sonnenstrahlen tanzten auf dem Teppich, während Alfons hinter seiner weit aufgeschlagenen Zeitung verschwunden war und gelegentlich ein zufriedenes Brummen von sich gab. Seine Ehefrau saß ihm gegenüber im Ohrensessel; das rhythmische Klappern ihrer Stricknadeln war neben dem Ticken der Uhr das einzige Geräusch im Raum. Die Wollsocken, die Martha für ihren Mann strickte, nahmen mehr und mehr Gestalt an.

Plötzlich durchbrach ein deutliches Klopf-Klopf-Klopf die Idylle.

Beide hielten inne. Martha schaute über den Rand ihrer Brille. „Nanu? Besuch? Um diese Zeit?“, wunderte sie sich. Alfons legte die Zeitung beiseite, hievte sich aus dem Sessel und stapfte zur Haustür. Doch als er sie schwungvoll öffnete, blickte er nur in die leere Einfahrt. Kein Postbote, kein Nachbar – nur der kalte Wind, der ihm ins Gesicht schlug.

Kopfschüttelnd setzte er sich wieder. Doch gerade, als er die nächste Schlagzeile in Augenschein nahm, hörten sie es wieder: Pock-pock-pock.

„Na, jetzt reicht’s aber!“, rief Alfons verärgert. „Das können doch nur die Nachbarsjungen sein, die uns einen Streich spielen wollen!“
Martha lächelte milde. „Ach Alfons, die Kinder sind doch um diese Zeit längst in der Schule.“

Dann lauschten sie beide genau hin. Das Geräusch kam gar nicht von der Haustür, sondern von hinten, von der Terrasse. Gemeinsam traten sie an die große Glasscheibe und trauten ihren Augen kaum: Dort stand eine einsame Ente auf den kalten Fliesen, trat von einem Bein aufs andere und pickte beharrlich mit ihrem Schnabel gegen das Glas.

Als Martha die Tür einen Spaltbreit öffnete, watschelte das Tier nicht weg, sondern blieb mit schiefem Kopf vor ihnen stehen. „Schau nur, wie sie friert“, rief Martha mitleidig aus, „die Ärmste zittert ja am ganzen Körper!“

Alfons, der seine Frau und ihr riesiges Herz für alles, was Fell oder Federn hatte, nur zu gut kannte, ahnte Schlimmes. Er verschränkte die Arme vor der Brust und meinte streng: „Nein, Martha! Ich weiß genau, was du denkst. Aber wir fangen jetzt nicht an, Enten im Wohnzimmer einzuquartieren. Und wer weiß, ob es bei der einen bleibt? Vielleicht folgt ihr gleich ein ganzes Rudel!“

Martha korrigierte ihn prompt mit einem Augenzwinkern: „Bei Enten heißt das nicht Rudel, sondern Schar.“

„Ist mir egal“, erwiderte Alfons, „die kommt mir jedenfalls nicht ins Haus.“

Unbeeindruckt von dieser Aussage trat Martha einen Schritt näher an den zitternden Gast heran. „Aber wir können sie doch nicht einfach hier draußen lassen“, meinte sie mitfühlend.

„Die Natur hat das im Griff, Martha! Diese Viecher haben Daunen, die kommen mit der Witterung klar“, versuchte Alfons die Stimme der Vernunft walten zu lassen, doch er ahnte bereits, dass er gegen Martha und ihren entschlossenen Blick keine Chance hatte.

„Gut, gut“, gab er schließlich nach. „Aber nicht im Haus! Der Schuppen muss reichen. Da ist genug Platz und es zieht nicht.“

Zufrieden watschelte die Ente – so, als habe sie die Verhandlung verstanden – hinter den beiden her zum Gartenschuppen. Martha bereitete dort aus alten Decken und etwas Stroh ein herrlich weiches, rundes Nest vor. Alfons beobachtete das Ganze mit einer Mischung aus Skepsis und heimlicher Rührung. „Aber wehe, du kommst jetzt auf die Idee, der Ente den Heizlüfter in den Schuppen zu stellen!“, brummte er mahnend. Nachdem Martha es hoch und heilig versprochen hatte, gingen beide zurück ins Haus.

Als Martha später in der Küche stand und das Mittagessen zubereitete, wanderten ihre Gedanken immer wieder hin zur Ente. Sie hatte so einsam gewirkt in dem großen Schuppen. „Ein Tier braucht Gesellschaft“, murmelte sie vor sich hin.

Nach dem Essen, als Alfons gerade ein Nickerchen machte, stahl sich Martha heimlich zum nahegelegenen Dorfteich. Mit einer Tüte voller Haferflocken bewaffnet entdeckte sie schnell zwei weitere Enten, die etwas verloren am Ufer saßen. Ein paar leise Lockrufe und eine Spur aus Futter später, marschierte Martha - mit zwei schnatternden Anhängern im Schlepptau - wie eine Entenmutter zurück zu ihrem Garten.

Als Alfons wenig später aus dem Fenster sah und seine Frau beobachtete, wie sie zwei weitere Gäste in den Schuppen komplimentierte, schüttelte er nur resigniert den Kopf. Er sagte nichts – er wusste, dass Widerstand zwecklos war.

Am Abend kehrte die gewohnte Ruhe bei den beiden ein. Alfons sah fern und Martha klapperte wieder mit ihren Stricknadeln. Dennoch bemerkte Alfons, das etwas anders war als noch am Morgen, denn das bunte Garn für seine Socken lag unberührt neben seiner Frau im Korb. Stattdessen arbeitete sie an etwas anderem und nach einer Weile wusste er genau, was sie plante. Mit sehr feinen Nadeln waren aus flauschig weichem gelben Garn ein paar beutelförmige Strickstücke entstanden. Er sagte nichts, schmunzelte nur und wusste: In diesem Winter würden drei Enten keine kalten Füße mehr haben.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!



Donnerstag, 29. Januar 2026

Das Winterabenteuer

Am Rande des verschneiten Feldes stand ein kleines gemütliches Häuschen. Dort lebte Familie Maus: Mama Mia, Papa Max und ihre drei aufgeweckten Mäusekinder, Leo, Lotte und Lilli.

An diesem Tag wirbelte der Schnee vor den Fenstern und der Wind pfiff laut um das Haus herum, so dass die Fensterscheiben vibrierten.

Dennoch zog Vater Max los, um aus dem Kornspeicher neues Futter zu holen.

„Macht keinen Unfug und bleibt brav!“, rief er seinen Kindern zu, als er sich seinen dicken Schal bis über die Ohren zog. Bald darauf verschwand er im weißen Wirbel.

Doch kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, konnte man denken, ein Wirbelsturm sei durch die Mäusestube gefegt. Leo sprang übermütig auf den Küchentisch und zog Fratzen, Lotte drehte auf dem Stuhl Pirouetten und die kleine Lilli klopfte mit einem Löffel auf einem Topf den Takt dazu.

Mama Mia schmunzelte, als sie bemerkte, dass ihre kleine Rasselbande immer wilder wurde. Deshalb rief sie: „Kommt zu mir aufs Sofa, meine kleinen Mäuse, ich erzähle euch eine spannende Geschichte über meinen Großvater.“

Neugierig kuschelten sich Leo, Lotte und Lilli aneinander und an ihre Mutter.

„Also, das war so“, begann sie, „als euer Großvater noch jung war, lebte er in einer alten Mühle. Damals gab es einen Winter, in dem es noch viel kälter war als heute. Und das allerschlimmste war, dass die Vorräte ausgegangen waren.“

„Genau wie bei uns“, warf Leo ein.

„Ganz genau so“, erwiderte Mia und fuhr fort. „Euer Großvater wollte seine Familie retten und machte sich auf den Weg durch den tiefsten Schnee, um eine geheime Kammer zu finden, von der nur die klügsten Mäuse wussten.“

Die Kinder rissen die Augen auf und fragten durcheinander: „Wurde er nicht vom Wind weggeweht oder hat ihn die Eule gesehen?“

Mama Mia schmunzelte: „Ihr habt recht. Die Gefahr war groß, denn der Wind war wirklich wild, aber was soll ich sagen: euer Großvater war schlau. Er band sich das Ende einer roten Garnrolle um seinen Bauch. So konnte der Wind ihn nicht wegwehen und er konnte den Weg zurück besser finden. Und die Eule hat ihn wohl gesehen, aber war wohl durch den roten Faden ganz irritiert.“

„Vielleicht hat sie ihn für einen Wicht mit roter Mütze gehalten“, warf Lotte ein und alle mussten lachen.

„Als euer Großvater sich damals durch den tiefen Schnee kämpfte, hörte er plötzlich ein leises Rascheln und Fiepen“, erzählte Mia weiter und sah dabei in sechs erwartungsvolle Augen. „Vorsichtig blickte er hinter einen alten Baumstumpf, von wo das Geräusch kam - und was denkt ihr, sah er dort?“

Die drei schüttelten ihre Köpfchen.

„Ein frierender Igel saß dort“, flüsterte Mia, um die Spannung noch ein bisschen zu erhöhen.

„Hatte er sich verlaufen?“, fragte Lilli mitleidvoll.

„Ganz genau. Er hatte sich verlaufen und fand seinen Unterschlupf nicht wieder, um seinen Winterschlaf fortzusetzen.“

„Und dann“, fragte Leo aufgeregt, als Mia eine kleine Pause einlegte.

„Und dann hat Großvater dem Igel geholfen und gemeinsam fanden sie den Unterschlupf. Der Igel schenkte ihm als Dank dafür eine goldene Eichel, die sein Glücksbringer wurde.“

„Und dann fand er den Weg zurück, weil er ja nur dem roten Faden folgen musste“, erkannte Lotte sofort.

„Ja, das stimmt wohl, aber das Abenteuer war ja noch nicht beendet“, sprach Mia weiter, „denn auf dem Weg zur geheimen Kammer musste Großvater einen zugefrorenen Bach überwinden. Das Eis knirschte dabei gefährlich unter seinen Pfoten.“

„Aber dann hat er die Kammer gefunden!“, rief Leo dazwischen, weil er die Spannung gar nicht mehr aushalten konnte.

„Noch nicht ganz, denn stellt euch nur vor: eine dicke hungrige Krähe versperrte ihm den Weg. Doch wie gesagt, Großvater war schlau und bot der Krähe seine letzten Sonnenblumenkerne an, die er als Wegzehrung bei sich trug. Und tatsächlich ließ die Krähe ihn passieren. Und so gelangte er schließlich zur geheimen Kammer, wo hinter einem losen Stein Körner, Nüsse und sogar ein Stückchen Käse lagen – und all diese Schätze brachte er sicher nach Hause.“

In diesem Moment öffnete sich die Tür und Papa Max stapfte, ganz weiß gepudert vom Schnee, herein. Sein Rucksack war prall gefüllt mit Körnern und ein Lächeln lag auf seinen Lippen, als er seine Familie nebeneinandersitzend auf dem Sofa sah.

Sogleich sprangen die Kinder ihm entgegen, und bald saß die ganze Mäusefamilie um den Tisch herum, teilte das Abendessen und erzählte sich weitere abenteuerliche Geschichten.

Und so pfiff der Wind draußen zwar immer noch, aber drinnen war es gemütlich und warm.

© Martina Pfannenschmidt, 2026


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Dienstag, 27. Januar 2026

Erlebnisreise der besonderen Art

Erik war kein gewöhnliches Rentier. Schließlich gehörte er zur stolzen Flotte des Weihnachtsmannes. Er hatte besonders kräftige Hufe und ein seidiges, kaffeebraunes Fell. Doch Erik hatte ein Problem: Er litt unter chronischem Aufmerksamkeitsmangel, weil es in jedem Jahr das gleiche war. Kaum leuchtete Rudolphs rote Nase am Horizont auf, zog er alle Blicke auf sich. Doch sobald der 26. Dezember verstrichen war, interessierte sich kein Mensch mehr für Rudolph und schon gar nicht mehr für ein ‚normales‘ Rentier, wie ihn, das keine eingebaute Nebelleuchte in seinem Gesicht trug.

„Immer heißt es nur Rudolph, Rudolph, Rudolph“, brummelte Erik leise vor sich hin und kickte dabei frustriert gegen einen Eiszapfen, „dabei schuften wir anderen uns auch die Hufe wund. Und den Rest des Jahres bekommt keiner von uns mehr die Aufmerksamkeit der Menschen. Dann sind wir bloß Huftiere mit einem dekorativen Geweih.“

Doch dann kam ihm ein Geistesblitz. Warum sollte er für seinen Auftritt bis zum nächsten Dezember warten? Er brauchte nur einen Plan und … ein Transportmittel. Und dann war der Moment gekommen. Der Weihnachtsmann hielt gerade sein Mittagsschläfchen und brachte dabei lautstark die Nordpol-Hütte zum Beben, als sich Erik zum Schuppen desselben schlich. Dort stand sie: die goldene Prunkkutsche, poliert und flugbereit. „Eigentlich ist es ja kein Diebstahl“, flüsterte Erik sich selbst zu, „ich leihe sie ja nur kurz aus, damit sie sich nicht den Rest des Jahres nutzlos fühlt.“

Mit der Kutsche im Schlepptau – die dank einer Prise Sternenstaub fast von selbst schwebte – machte Erik sich auf den Weg in die nächste Stadt. Sein Ziel war das Reisebüro mit dem klangvollen Namen „Sonne, Schnee & Sensationen“. Genau dort wollte er hin. Genau dort waren er und seine Idee richtig.

Als die Glocke über der Tür bimmelte, traute der Leiter des Reisebüros, Herr Schmidt, seinen Augen kaum. Völlig unerwartet stand ein Rentier im Vorraum und hielt mit der Schnauze einen Flyer fest. Darauf stand in krakeliger Schrift: „Eriks Rentier-Rundflüge!“

„Ein... ein Rentier-Rundflug?“, stammelte Herr Schmidt und Erik nickte eifrig und deutete mit dem Geweih auf die prächtige Kutsche, die draußen vor dem Schaufenster im Parkverbot schwebte.

Herr Schmidt sah die Kutsche, er sah das Rentier und den Flyer und plötzlich sah er vor seinem geistigen Auge nur noch Dollarzeichen und goldene Kreditkarten. „Das ist genial!“, rief er aus und schlug mit der flachen Hand auf den Tresen. „Die Leute werden Schlange stehen!“

Binnen einer Stunde war die Marketingkampagne fertig und die außergewöhnliche Reisemöglichkeit verbreitete sich in Windeseile, so dass kurz darauf die erste Reisegruppe – eine Truppe abenteuerlustiger Touristen in knallbunten Daunenjacken – zum Abflug bereitstand. Sie kletterten kichernd in die goldene Kutsche, bewaffnet mit Decken, Kameras und Thermoskannen voll heißem Tee.

„Festhalten, Leute!“, rief Erik. „Jetzt geht’s los!“, wieherte er noch und nahm Anlauf. Er spürte das Adrenalin in seinem gesamten Körper. Das hier war sein ganz großer Moment! Endlich Ruhm! Endlich Selfies mit ihm im Mittelpunkt!

Er galoppierte los, die Hufe trommelten auf dem spiegelglatten, vereisten Boden. „Und ... Abflug!“, dachte er und wollte sich mit einem kräftigen Satz in die Lüfte schwingen, doch genau in diesem Moment passierte es: Seine Hinterhufe verloren den Halt auf einer besonders tückischen Eisplatte.

Erik schlitterte wie eine Comicfigur auf Bananenschalen. Die Kutsche hinter ihm geriet ins Schleudern, schlingerte von links nach rechts wie ein außer Kontrolle geratener Brummkreisel. „Ach du meine Güte!“, schrien die Passagiere noch, bevor die Fliehkraft gnadenlos zuschlug und sie wie buntes Konfetti im hohen Bogen aus der Kutsche flogen, um bald darauf mit wedelnden Armen im weichen Tiefschnee zu landen.

„NEEEIN!“, brüllte Erik laut – und riss seine Augen auf.

Um ihn herum: Stille. Nur das sanfte Knistern des Kaminfeuers im Stall war zu hören. Neben ihm kaute Rudolph friedlich auf seinem Heu herum. Seine Nase glimmte im Halbschlaf nur ganz schwach rötlich. Erik lag ganz in seiner Nähe in seinem kuscheligen Strohbett und seine Beine zuckten noch immer so, als würde er versuchen, auf Glatteis das Gleichgewicht zu halten.

Erik atmete tief durch. Kein Reisebüro, keine fliegenden Touristen, kein Ärger mit dem Weihnachtsmann wegen der entwendeten Kutsche, nur ein breites Grinsen auf seinem Gesicht.

„Weißt du was?“, murmelte er und rückte etwas näher an Rudolph heran. „Einmal im Jahr zu arbeiten ist völlig okay und im Rampenlicht zu stehen wird einfach überbewertet. Es ist gut, dass ich den Rest des Jahres meine Ruhe habe und vor allem festen Boden unter den Hufen.“

Zufrieden schloss er die Augen und träumte weiter – aber dieses Mal von grünen Wiesen und extrasaftigem Moos.

 

© Martina Pfannenschmidt 2026


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Sonntag, 25. Januar 2026

All-you-can-eat

Es war einmal ein Pinguin namens Knut, dem es in der Antarktis einfach zu kalt war. Während sich seine Artgenossen eng zusammenkuschelten, stand Knut etwas abseits.

Unter einem Flügel trug er ein kleines Köfferchen und um den Hals einen rot-weiß gestreiften Schal.

Knuts Pinguin-Opa Olaf, dessen Gefieder bereits ein leichtes Grau aufwies, fragte, als er seinen Enkel so dastehen sah, schmunzelnd: „Na, mein Junge, bist du wieder einmal auf dem Weg nach Australien? Da wolltest du doch beim letzten Mal hin, um dort zu surfen, nicht wahr? Aber wenn ich mich recht erinnere, kamst du nur bis zur nächsten Robbenbank und warst schneller zurück, als erwartet.“

Knut überhörte den Sarkasmus in Opas Stimme und verkündete: „Nein, Opa! Ich wandere aus! Ich habe nämlich keine Lust mehr, mir bei minus 40 Grad einen Fisch zu angeln und deshalb gehe ich nach Mallorca. Dort muss man nämlich nicht in eiskaltem Wasser nach Fischen tauchen, sondern sie liegen einfach dort und man kann sie sich holen. Die Menschen nennen das Buffet. Und auf dieser Insel scheint die Sonne immer so doll, dass man seine Augen schützen muss. Und was ich unbedingt auch sehen möchte, ist, dass man seine Fettschicht nicht innen, sondern außen trägt. Weißt du, Opa, genauso möchte ich leben und deshalb will ich da hin.“

„Na dann“, erwiderte Opa gelassen, „lass dich nicht aufhalten!“

Knut hatte seinen Plan wirklich akribisch ausgearbeitet. Sein wichtigstes Accessoire war eine selbstgebastelte Sonnenbrille aus zwei dunklen Bierflaschendeckeln, die er mit einem Gummiband um seinen Kopf fixieren konnte.

Der Plan war perfekt, oder wäre perfekt gewesen, hätte nicht just in dem Moment der erste heftige Schneesturm des Jahres eingesetzt. Normalerweise war das für Pinguine kein Problem; sie steckten einfach den Kopf in den Nacken des Vordermanns und warteten den Sturm ab, aber Knut war ja bereits auf dem Weg und leider trug er auch schon seine Flaschendeckel-Sonnenbrille, weshalb er die Welt um sich herum nur sehr vage wahrnehmen konnte.

Das war dann auch der Grund, weshalb er nach einigen Metern Fußmarsch gegen etwas Hartes prallte. Er dachte, er sei gegen eine Palme gestoßen, doch in Wahrheit war er gegen die Tür einer Forschungsstation gelaufen.

Die Männer dort schauten sich ein bisschen verwirrt an. „Nanu, wer klopft denn da?“, fragten sie sich und öffneten gespannt die Tür.

Davor stand Knut. Erwartungsvoll watschelte er sogleich los, stolperte allerdings über die Türschwelle, kam auf dem frisch gewachsten Linoleum ins Rutschen, fand mit seinen Schwimmfüßen keinen Halt und schlitterte mit mindestens 20 Stundenkilometern Pinguin-Geschwindigkeit unkontrolliert in den Speiseraum der Station.

Da es dort etwas zu feiern gab, hatten die Forscher gerade ein leckeres Buffet aufgebaut, an dessen Tischkante Knut unsanft zum Stehen kam. Die Schüssel mit dem Nudelsalat kam dabei mächtig ins Wanken und wäre fast auf seinem Kopf gelandet.

Die Männer starrten Knut ungläubig an, während er seine Flaschendeckel-Brille zurechtrückte.

Der Stationsleiter lachte laut und fragte dann: „Na, du kleiner Abenteurer, hast du Hunger?“

Dabei nahm er einige riesige fangfrische Riesengarnelen von einem Teller und hielt sie Knut hin. Gierig schnappte er zu und schluckte die Luxus-Häppchen ohne vorher danach getaucht zu haben und ohne sich schockgefrostet zu fühlen. Nur sitzen, Schnabel aufmachen und fressen. Genauso hatte er sich das Leben auf Mallorca vorgestellt.

Zehn Minuten und einige Garnelen später wurde Knut jedoch sanft wieder nach draußen manövriert.

Daraufhin watschelte er zurück zu seiner Kolonie, wo Opa Olaf bereits auf ihn wartete.

„Und?“, fragte dieser ein wenig spöttisch. „Wie war die große weite Welt?“

„Fantastisch!“, antwortete Knut. „Stell dir nur vor, Opa, auf Mallorca werden die Garnelen auf silbernen Tabletts serviert und niemand muss nach ihnen tauchen.“

Seit diesem Tag ist Knut der einzige Pinguin der Antarktis, der im Winter nicht mehr mit den anderen Pinguinen zusammenrückt, sondern mit einer Sonnenbrille aus Flaschendeckeln vor der Tür der Forschungsstation wartet und auf das nächste „All-you-can-eat“-Buffet hofft.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

 Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

Donnerstag, 22. Januar 2026

Die unendliche arktische Nacht

Der Wind heulte eine tiefe, eiskalte Melodie, als die alte Eisbärenmutter Lyra und ihr Sohn Nanuk die endlosen Weiten des Packeises durchquerten.

Die Arktis leuchtete an diesem Abend unter dem fahlen Licht des Mondes wie unzählige wertvolle Diamanten.

Jeder Schritt, den Lyra tat, hinterließ einen tiefen Abdruck. Nanuk, das kleine weiße Fellknäuel, lief hinter ihr und versuchte in die riesigen Stapfen seiner Mutter zu treten, was ihm nur bedingt gelingen wollte. 

„Mama“, begann er, als er wieder an ihrer Seite ging und kurz innehielt, weil eine Schneeflocke direkt auf seiner Nase gelandet war, „wächst die Welt, so wie ich wachse?“

Die Bärin schmunzelte über die Frage ihres Sohnes, hob ihre schwarze Nase in den schneidenden Wind, blickte zum Horizont, wo das tiefe Blau des Himmels mit dem Weiß des Eises verschmolz und erwiderte: „Die Welt wächst nicht, mein Kleiner, aber dein Verständnis von ihr wird es tun. Weißt du, Nanuk, ich sehe die Welt nicht als einen Ort aus Stein und Wasser. Für mich ist sie etwas viel Größeres und sie besteht aus einem endlosen Kreislauf aus Geben und Nehmen. Ich sehe sie nicht starr, sondern als einen atmenden Riesen. Verstehst du? Die Erde ist kein totes Land. Die Erde lebt. Ihr Herz schlägt, wie deins und meins und hier bei uns ist ihre Haut aus Eis.“

Nach diesen Worten führte sie Nanuk zu einer Anhöhe aus aufgetürmtem Eis.

„Schau dort hinunter“, bat sie ihn und deutete mit ihrer Schnauze nach Südosten. „Dort, wo der Horizont manchmal flimmert. Dort leben Lebewesen, die man Menschen nennt.“

„Menschen?“, fragte Nanuk neugierig. „Sind sie wie wir?“

Lyra schüttelte langsam den massigen Kopf. „Nein. Die Menschen sind seltsame Wesen, Nanuk. Sie haben keine Krallen, um sich am Eis festzuhalten, so wie wir, und sie haben auch kein Fell, gegen die Kälte. Deshalb bauen sie sich Häuser aus totem Stein und auch Panzer aus Metall. Ich sehe die Menschen als Wesen, die den Kontakt zur Erde verloren haben, verstehst du? Wir nehmen, um zu Sein, nur das, was wir brauchen; die Menschen hingegen sammeln Dinge, als könnten sie den Hunger der Seele mit Besitz stillen. Sie betrachten das Eis nicht als wertvoll, so wie wir es tun, sondern als ein großes Hindernis, das man schlecht in Besitz nehmen kann. Sie haben vergessen, dass man das Eis nicht besitzen kann – man kann es nur ehren, solange es einen trägt.“

Nanuk kuschelte sich ein wenig an das dichte, warme Flankenfell seiner Mutter. „Haben die Menschen die Welt gemacht?“, wollte er dann noch wissen.

„O nein“, lachte Lyra leise und ein tiefes Brummen war dabei in ihrer Brust zu hören. „Sie denken manchmal, sie wären die Herren der Schöpfung, aber sie sind nur Gäste, die die Hausordnung vergessen haben.“

Lyra blickte hinauf zu den tanzenden Schleiern der Polarlichter, die sich in giftgrün und violett am Firmament zeigten. „Du fragst nach der Schöpfung und wie sie entstanden ist, Nanuk. Das ist nicht so einfach zu beantworten. Für mich gibt es kein Wesen mit Händen, wie sich die Menschen einen Schöpfer manchmal ausmalen, sondern eine Urkraft, an dessen Anfang ein großer Atemzug stand.“

„Dann gibt es gar keinen Schöpfer, Mama?“, bohrte der kleine Bär nach.

Lyra schloss für einen Moment die Augen. „Ich wollte dir nur erklären, dass der Schöpfer nicht wie ein Mensch ist, der auf einer fernen Wolke zu finden ist, sondern ich sehe ihn in jeder Robbe, die durch das Wasser gleitet. Ich sehe ihn aber auch in der unendlichen Geduld, die er uns gegeben hat, um am Atemloch zu warten. Weißt du, Nanuk, für mich endete die Schöpfung nicht vor Urzeiten. Sieh dir nur die Erde an. Für mich ist sie kein vor Urzeiten beendetes Werk, sondern Schöpfung geschieht immer, genau jetzt, wo wir miteinander reden. In diesem Moment, in dem mein Herzschlag gegen deine Seite pocht, geschieht sie. Der Schöpfer ist für mich die Kraft, die unser Leben erhalten will, trotz der Kälte und trotz der Dunkelheit, die um uns herum herrschen.“

Dann legte sie ihre große Tatze behutsam auf Nanuks Kopf. „Weißt du, Nanuk, die Menschen suchen den Schöpfer, den sie auch Gott nennen, in Büchern und Tempeln. Wir Eisbären suchen ihn nicht, weil wir ihn in der Reinheit der Luft und im Untergang der Sonne sehen. Die Welt ist heilig, Nanuk, und wir sind ein Teil davon.“

Lyra witterte die Luft – sie roch nach Salz und Schnee.

„Komm“, sagte sie sanft und stieß ihren Sohn leicht an. „Lass uns weiterziehen, solange die Welt noch atmet, denn unsere Aufgabe ist es nicht, sie zu verstehen, sondern sie mit jedem Atemzug zu ehren.“

Und so zogen sie weiter durch die unendliche arktische Nacht.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

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