Wenn ich Tiere beobachte, denke ich oft, dass sie im Gegensatz zu uns Menschen völlig zeitlos leben. Das ist für uns gar nicht (mehr) vorstellbar, denn irgendwann hat der Mensch Messungen und Einteilungen der Zeit 'erfunden', um sein Zusammenleben und seine Arbeit zu organisieren. Für uns heutzutage nicht nur nachvollziehbar, sondern unabdingbar. Wie sollte das gehen? Ohne diese Einteilungen gäbe es keine Verabredungen mehr und keine Deadlines ... unvorstellbar! 😃
Vielleicht, so dachte ich mir, beobachten wir ja nicht nur die Tiere, sondern sie auch uns. Mal schauen, was ein Kater und ein Hahn über uns und unsere Zeiteinteilungen denken. - Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen!
Augustin, ein stattlicher Kater mit getigertem Fell, ließ sich die wärmenden Strahlen der Nachmittagssonne auf seinen Bauch scheinen, während er im Heu lag und die Ruhe genoss, die der Bauernhof ausstrahlte. Mit seinen grünen Augen beobachtete er den Hahn des Hofes, der stolz auf einem dicken Holzbalken saß und sein buntes Gefieder mit größter Präzision und stoischer Gelassenheit putzte.
„Ein herrlicher Tag heute“, schnurrte der Kater und streckte geschmeidig
eine Pfote in die Luft, „ganz anders als gestern, am Montag, da hat es ja
wirklich nur geregnet, und die Menschen liefen mit finsteren Mienen umher.“
Gockel, der Hahn, hielt mitten in der Bewegung inne. Er drehte den Kopf,
fixierte den Kater mit einem seiner kreisrunden, dunklen Augen und legte den
Kopf schief. „Montag?“, fragte er mit rauer, krächzender Stimme. „Was soll das denn
sein? Ein neues Futter?“
Augustin schmunzelte über den dummen Hahn und setzte sich auf. „Nein, natürlich
nicht. Montag ist ein Tag. Verstehst du?! Der erste Tag der Woche. Die Menschen
teilen ihr ganzes Leben in diese Abschnitte ein. Es gibt Montag, Dienstag,
Mittwoch und so weiter. Insgesamt gibt es sieben Tage und die bilden eine Woche
und jedem dieser Tage haben sie einen anderen Namen gegeben, um sie besser
unterscheiden zu können.“
Der Hahn stieß ein kurzes Lachen aus, das wie ein trockenes Husten klang.
„Namen für das Licht?“, fragte er. „So ein Blödsinn. Licht ist Licht. Es kommt,
es geht … jeden Tag gleich … so wie der Wind weht, die Sonne scheint, es
regnet, warm oder kalt ist.“
Sichtlich amüsiert fuhr Augustin fort: „Das ist noch gar nicht alles, weißt
du. Ich schlafe nämlich oft im Wohnzimmer auf dem Sofa, direkt unter einem
tickenden Kasten an der Wand. Die Menschen nennen ihn 'Uhr'. Dieses Ding teilt
jeden Augenblick noch weiter ein. Und so gibt es noch Stunden, Minuten und
Sekunden. Und jeden Morgen, wenn die Uhr einen bestimmten Ton von sich gibt,
springen die Menschen erschrocken aus dem Bett. Sie rennen hektisch umher,
trinken hastig einen Kaffee und rufen, dass sie 'keine Zeit' haben.“
Gockel schüttelte energisch das Gefieder. „Keine Zeit? Was soll das nun wieder
heißen? Wie kann ihnen etwas fehlen, das gar nicht existiert? Eigentlich ist es
doch ganz einfach, oder? Wenn die Sonne den Horizont berührt und die Nacht
vertreibt, dann kommt das Licht erneut und das spüre ich in meinem ganzen
Körper, so dass ich vor lauter Freude darüber auf den Zaun fliegen und krähen muss.
Ich krähe aber nicht, weil es irgendeine 'Uhrzeit' ist. Ich krähe, weil das
Licht da ist und weil mein Körper mir sagt: Wach auf, das Leben beginnt jetzt
von Neuem. Ob das nun ein 'Montag' ist oder irgendein anderer Name … ich glaube,
das ist der Sonne schnurzspiepsegal. Sie geht einfach auf.“
Der Kater legte die Ohren leicht zurück und dachte nach. „Die Menschen
sagen auch, sie werden älter“, gab er dann noch zum Besten, „weil die Jahre
vergehen. Du musst wissen, dass sie nicht nur die Tage und Wochen zählen,
sondern auch Monate und Jahre. Und in jedem Winter beginnt ein neues Jahr.“
„Winter ist für mich, wenn der Frost die Erde hart macht“, erwiderte der
Hahn, „und Sommer ist, wenn die Würmer tief im Boden sitzen. Vielleicht haben
die Menschen auch vergessen, dass der Moment das Einzige ist, was existiert.
Also, wenn ich ein Korn picke, picke ich es jetzt. Nicht gestern und nicht
morgen.“
Der Kater nickte. Er verstand, was der Hahn meinte. Wenn Augustin eine Maus
jagte, dachte er weder an das Frühstück von letzter Woche noch an den
Tierarzttermin im nächsten Monat. Er war einfach ganz Auge, ganz Ohr und ganz
Tatze. Im absoluten Moment, im absoluten Hier und Jetzt.
Gockel begann wieder, seine Federn zu putzen, während sich Augustin im Stroh zusammenrollte und noch weiter über die Menschen und die Worte des Hahns nachdachte.
Wenn der Kater abends auf dem Sofa lag und die Menschen beobachtete, während sie
am Küchentisch saßen und in ihre Kalender oder auf ihre Notizen schauten, dann
wäre es vielleicht sinnvoller für sie, einfach mal aus dem Fenster zu sehen und
ihre Tiere zu beobachten. Dann wüssten sie, dass Tiere keine Zeit kennen, weil
es im Universum keine Zeit gibt.
Zeit war doch nur Illusion, ein Konstrukt der Menschen. Sie hatten die Zeit
‚erfunden‘, um Ordnung zu schaffen, doch stattdessen bauten sie sich dadurch ihr
eigenes Gefängnis. Sie waren oft atemlos, ständig im Stress und oft war die
Angst bei ihnen, etwas zu verpassen oder zu spät zu kommen. Würden die Menschen
nur ein kleines bisschen mehr wie er, Augustin, oder wie Gockel, der Hahn, leben,
gäbe es für sie keinen Stress, keine Termine und auch keine Fristen, die sie
erdrückten.
Wir Tiere brauchen keine Uhren, um zu wissen, dass wir leben, dachte
Augustin. Wir leben einfach … eingebunden in den ewigen, unendlichen Augenblick
… und in diesem Augenblick liegt der wahre Frieden.
© Martina
Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

