Sonntag, 15. November 2020

Die Zeiten sind schwierig

Reizwörter: Wärmflasche, Stillstand, versorgen, weinrot, schräg

Bei Lore und Regina findet ihr weitere Geschichten zu diesen Reizwörtern.

 

Gestern habe ich meine Oma besucht. Ich dachte mir, bevor noch mehr zum Stillstand kommt und ich sie vielleicht für eine längere Zeit nicht sehen darf, mach ich das noch schnell. – Nee, so nicht. Also, ich besuche meine Oma nicht ‚schnell‘, sondern gerne und immer mit großer Freude.

Wenn ihr euch nun meine Oma vorstellt, so denkt nicht an eine alte,   grauhaarige und hagere Person. Das ist sie nämlich nicht. Sie kann sich noch sehr gut selbst versorgen und außer ihrer weinroten Wärmflasche gegen ihre kalten Füße benötigt Oma keine weiteren Hilfsmittel für ihr Wohlbefinden.

Sie ist auch nicht verschroben oder ‚schräg‘ drauf; aber eine Person mit eigener Meinung, das ist sie durchaus.

Nun, gestern war ich also bei ihr und Oma war echt in ‚Fahrt‘. Das sieht dann so aus, dass sie redet wie ein Wasserfall und man denkt, man bekommt sie gar nicht mehr gestoppt.

„Was ist los mit dir?“, fragte ich sofort nach der Begrüßung, da ich ihr an der Nasenspitze ansah, dass sie sich über etwas geärgert hatte.

„Schau dir das an“, bat sie mich und legte mir ihr Handy vor die Nase, damit ich mir ein Video ansehen konnte. Währenddessen legte sie schon los: „Jeder kennt momentan wirklich nur ein Thema und jeder scheint besser zu wissen, wie wir das Schiff durch diesen Sturm navigiert bekommen.“

Das fand ich schon mal einen guten Vergleich. Ja, es ist ziemlich stürmisch da draußen und das beziehe ich jetzt nicht nur auf das Wetter, sondern auch und besonders auf die allgemeine Lage.

„Weißt du, was mich echt aufregt?“, wollte sie von mir wissen, ohne natürlich auf meine Antwort darauf zu warten. „Der eine schiebt es auf den anderen. Weißt du, wie ich meine?“ Ich nickte nur, weil ich wusste, dass ich nicht dazwischenreden sollte. „Ja, also, wenn DIE sich nicht SO verhalten hätten und die anderen SO, also kurzum, wenn sich einfach ALLE anderen SO verhalten hätten, wie ICH, hätte dieses furchtbar schlimme Virus gar keinen Boden mehr und wäre längst weg oder erst gar nicht da - und … ?“, an dieser Stelle machte sie eine künstliche Pause und setzte ein großes Fragezeichen, „weshalb soll das Virus so schnell wieder gehen, wie es gekommen ist? Na, was denkst du, weshalb?“

Ich dachte mir schon etwas, doch Omas Gedanken nahmen eine ganz andere Richtung. Außerdem fand sie die Bremse wieder einmal nicht und fuhr schon fast bei Rot über die Ampel, weshalb ich lieber schwieg, während sie fortfuhr: „Weil alles bitte so bleiben soll, wie es war. Wir wollen uns und unser Verhalten nämlich nicht verändern. Wir wollen es genauso haben, wie es war. Wir alle. Und wir wollen schneller, weiter, höher und vor allen Dingen von allem noch ein bisschen mehr. Wir wollen uns keine Gedanken machen darüber, wie es unseren Mitmenschen, den Tieren, dem Meer, der Natur geht. Wir wollen weiterhin mehrmals im Jahr in den Urlaub fahren und uns nicht darum kümmern, wie wir die Welt für unsere Nachkommen hinterlassen. Wir wollen, dass alles so bleibt, weil es bequem ist und wir es uns in unserem Leben gerade so schön gemütlich eingerichtet haben. Etwas verändern? Das können ja die anderen tun, auf die wir mit dem Finger zeigen und uns damit eine weiße Weste verschaffen. Weißt du, wie ich meine?

Wahrscheinlich fragst du dich jetzt, was das denn alles mit dem Virus zu tun haben soll. Ich sage es dir: Was, wenn das Virus da ist, weil es uns etwas zu sagen hat? Was, wenn es uns wachrütteln soll und uns vor Augen führen soll, wohin wir das Schiff ‚Erde‘ und damit uns alle navigiert haben?“

Ich wusste genau, was sie mir sagen wollte und auch, dass das Gewitter noch nicht vorbei war und ich noch schweigen sollte.

„Der Mensch da in dem Video schimpft über die Politiker im Allgemeinen und unsere Kanzlerin im Besonderen. Gut, ich kann auch nicht alles nachvollziehen, was dort beschlossen wird. Doch weißt du, was ich mich noch frage? Was würde genau dieser Mensch an der Stelle eines Politikers im Bundestag tun? Er würde genauso Fehler machen und wäre ebenso überfordert mit dieser Situation. Aber dennoch denke ich, dass jeder doch zumindest bemüht sein wird, an seinem Platz und für uns alle sein Bestes zu geben und dass alle Verantwortlichen uns Menschen im Blick haben und dass sie dazu fähig und bereit sind, positive Veränderungen herbeizuführen.“

Oma legte eine Pause ein. Aber nicht, dass ihr denkt, das war es schon. Nee, Oma musste nur einen Schluck Wasser trinken. Ihre Kehle war wohl schon ganz trocken geworden.

„Weißt du, Melissa“, und ihre Stimme klang in diesem Moment fürsorglich und ich merkte, das Schlimmste war vorüber und Oma fände zu ihrer gewohnten Ruhe zurück, „ich weiß ja, dass es auch nicht richtig ist, dass ich mich jetzt so aufrege. Damit sage ich ja genau wie dieser Mann dort, dass ich etwas als nicht richtig empfinde – und genau das möchte ich gar nicht. Ich frage mich allerdings ernsthaft, warum ist das Virus da? Und das weltweit? Wir werden ganz schön in unsere Schranken gewiesen, wie ich finde und deshalb muss doch irgendwie ein tieferer Sinn hinter all dem stecken.

Sollen wir vielleicht alle einmal ‚herunterkommen‘ von unserem hohen Ross und innehalten? Sollen wir geradezu zur Ruhe ‚gezwungen‘ werden, um uns nicht mit allen möglichen Dingen abzulenken, sondern in uns hineinhören, ob wir überhaupt noch auf dem richtigen Weg sind? Jeder für sich auf seinem eigenen persönlichen Weg und wir alle weltweit?“

Kleine Pause.

„Es hat für mich den Anschein, als käme alles einmal auf den ‚Prüfstand‘“, fuhr sie fort, „und ich bin gespannt, was von dem, was für uns gang und gäbe war und ist, ‚nach Corona‘ noch seinen Platz haben wird. Und ich glaube, dass Angst unser größter Feind ist in dieser Zeit. Wäre es stattdessen nicht sinnvoll, wieder ins Vertrauen zu kommen? Vertrauen darin, dass alles seinen höheren Sinn hat und das wir erkennen dürfen, dass wir den ‚großen Plan‘, der hinter allem steht, eben nicht kennen.“

Nach einer Weile fuhr sie fort: „Uns ging es niemals so gut, wie in den letzten Jahrzehnten. Und wir sollten uns vielleicht mal fragen, ob wir das überhaupt noch zu schätzen gewusst haben. Wir haben vielleicht zu Vieles als gegeben hingenommen, ohne groß darüber nachzudenken. War uns eigentlich klar, dass wir alle dazu beitragen müssen, wenn sich etwas verbessern oder Gutes erhalten bleiben soll? Oder hat jeder nur an sein eigenes Wohl gedacht und sein eigenes Süppchen gekocht? – Und war und ist uns eigentlich gar nicht klar, dass wir zwar unseren freien Willen geschenkt bekommen haben, dass es aber dennoch Grenzen für uns gibt und uns ‚von oben‘ Einhalt geboten werden wird, wenn wir unseren Planeten an den Abgrund bringen?

Wir alle sollen zueinander Abstand halten in dieser Zeit. Das ist das oberste Gebot der Stunde. Aber ist es nicht so, dass der eigentliche Abstand zwischen uns viel größer ist, als der geforderte? Denken und empfinden wir uns überhaupt als Einheit, als weltweite menschliche Gemeinschaft? Sind wir uns eigentlich dessen bewusst, dass wir alle miteinander und untereinander verbunden sind und nur miteinander gute Veränderungen herbeiführen können?“

Oma stand auf und holte eine Zeitschrift. „Darf ich dir daraus etwas vorlesen?“

„Na klar“, antwortete ich, während Oma eine Seite aufschlug und vorzulesen begann *): „Jedes Jahr wieder bin ich beeindruckt von dem Schauspiel, das sich in diesen Wochen im Wald abspielt. Wie verabredet erscheinen tausende von Pilzen in allen Farben und Formen an der Oberfläche. Es sind die Fruchtkörper eines großen Organismus, der die meiste Zeit des Jahres im Verborgenen existiert. Wenn die Zeit dafür reif ist, drängen alle mit ihren Schirmchen ans Licht. Das Pilzmyzel ist das Überlebenskonzept des Waldes. Die zarten Hyphen verbinden sich mit den Würzelchen der Bäume, so dass sich die Bäume unterirdisch die Hand reichen und miteinander kommunizieren können. Der Wald hält zusammen. Jeder einzelne Baum weiß, dass sie nur gemeinsam ein Klima erschaffen können, das ihr Fortbestehen ermöglicht. Gerade in diesem heißen und trockenen Sommer war das überlebensnotwendig. Und genau das empfinde ich auch gerade in meinem Umfeld. Ich spüre deutlich ein Netzwerk von Menschen, die in die gleiche Richtung schauen und sich gegenseitig unterstützen. Die Zeiten sind schwierig, niemand kann voraussagen wie und was noch alles kommen wird. Es herrscht dieses mulmige Gefühl vor, dass man nicht weiß, wie das eigene Business und Leben von einer wie auch immer gearteten höheren Macht bestimmt wird. Und doch sitzen wir in dieser prekären Situation alle in einem Boot. Wir können zetern und schreien und Panik machen oder uns die Hand reichen, uns unterstützen, nacheinander schauen und uns unter die Arme greifen. Es ist eine typische Reaktion, dass der Zusammenhalt wächst, wenn eine Gemeinschaft unter Druck gerät. Auch wir wissen instinktiv, dass wir gemeinsam besser durch Krisen kommen als allein. Ich wünsche mir, dass mit den Pilzen auch ganz viele menschliche Netzwerke sichtbar und spürbar werden und wir die nächsten Monate gut überstehen, damit es im nächsten Frühjahr konsolidiert und mit neuen kreativen Ideen weitergehen kann.“

Oma legte die Zeitschrift wieder aus der Hand und ich nickte zustimmend.

„Die kommenden Wochen, Monate, ja vielleicht sogar Jahre werden zeigen, inwieweit wir bereit sind, die Veränderungen, die kommen müssen, auch wirklich umzusetzen. Hand in Hand und mit einem großen Vertrauen in das göttliche Wirken UND gemeinsam werden wir es schaffen, aber nicht einer gegen den anderen.“

Dem war von meiner Seite aus nichts mehr hinzuzufügen.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2020 

*) Es handelt sich dabei um Worte und Gedanken von Anita Maas.

 

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Donnerstag, 15. Oktober 2020

Nussknacker

 

Lest bitte auch bei Lore und Regina, und schaut, welche Geschichten sie zu diesen Reizwörtern geschrieben haben!

 

Reizwörter: Burg, Landschaft, pflücken, mächtig, bezaubernd

 

Von meinem Platz aus genieße ich den freien und märchenhaften Blick auf die Landschaft, die mit ihren grünen Wiesen, dem kleinen Flusslauf und der sagenumwobenen Burg malerisch vor mir liegt.

Hin und wieder gestatte ich ihr einen Besuch ab. Besonders im Herbst erfreue ich mich an dem mächtigen Walnussbaum, der dort im Innenhof seinen Platz einnimmt.

Seine gelblich-braune Herbstfärbung währt nicht lange, da der Baum seine Blätter sehr zeitig verliert. Mehr noch als die Färbung begeistern mich aber seine Früchte, die ich nicht einmal pflücken muss, da der Baum sie bereitwillig abgibt und ich sie nur noch einsammeln muss.

Ich schaue vom gegenüberliegenden Wald aus auf die gewaltige Burg und der Waldboden unter mir ist übersät mit einer dicken Schicht brauner Nadeln. Am liebsten mag ich jedoch die Stellen, die mit Moos bewachsen sind. Dort läuft es sich besonders weich.

Mein Weg führt mich an einer morschen Tanne vorbei, an dessen Stamm sich eine Kletterpflanze empor schlängelt.

Ich mag den Wald zur Herbstzeit und diese ganz besondere Stimmung. Kein Kuckucksruf, kein Specht, der die Stille mit seinem Klopfen durchbricht. Nur hin und wieder ist das leise Rascheln der bunten Blätter vernehmbar, wenn sich ein Mäuschen seinen Weg im Wurzelgeflecht eines Baumes bahnt.

Im Unterholz erspähe ich inmitten des moosbewachsenen Waldbodens die Schlafstelle von Wildschweinen. Daneben befinden sich ein paar kahle Tannenzapfen, deren Schuppen den Boden bedecken.

Ein Stückchen weiter liegt ein Fellknäuel unter einem hohen Baum, das darauf verweist, dass eine Eule an dieser Stelle ihr Nachtmahl eingenommen hat.

Ich bleibe stehen und sehe mich weiter um. Die Blätter der Bäume bezaubern mich mit ihrem Feuerwerk an Farben. In allen erdenklichen Rot-, Braun- und Gelbtönen leuchten sie mir entgegen.

Barfuß laufe ich über den farbenfrohen Teppich aus frisch gefallenen Blättern, nehme den Geruch von würziger Rinde und saftigem Moos wahr und genieße die Ruhe, die mich umgibt.

Ein wärmender Sonnenstrahl trifft mich, doch ich beschließe, meinen Weg schnellen Schrittes fortzusetzen. Das Laub unter mir raschelt dabei und in mir steigt die Lust auf, einen Purzelbaum zu machen.

Fast hätte ich durch mein unbekümmertes Verhalten einem heranwachsenden Pilz sein keckes Hütchen vom Kopf gefegt. Doch er nimmt es mir nicht übel, bleibt stumm neben mir stehen, bringt kein Wort der Klage über seine Lippen, sondern verströmt nur seinen unverkennbaren Duft, der mir anheimelnd in die Nase steigt.

Ich beschließe, meinen Weg abseits des Weges fortzusetzen, laufe vorbei an Brombeersträuchern, hin zu einem Platz, an dem die Sonne mich mit ihren wärmenden Strahlen streichelt.

Doch dann bleibe ich unvermittelt stehen. Ich höre die Stimmen einiger Kinder und stelle fest, dass ich gar nicht bemerkt habe, wie nahe ich ihnen bereits gekommen bin.

Ganz hier in der Nähe befindet sich ein Waldkindergarten. Dort spielen die Kinder ganz ohne Spielzeug einfach nur draußen in der freien Natur. Nur ein alter Bauwagen dient ihnen bei Regen als Unterschlupf.

Ich verstecke mich flott hinter einem dicken Baumstamm und beobachte sie eine Weile. Die Kinder, die sich vor der kühlen Luft mit Mützen und Schals schützen, machen gerade eine Pause und holen Trinkflaschen und Brotdosen aus ihren Rucksäcken. Mit roten Wangen verzehren sie ihr Brot, bevor sie beginnen, aus den unterschiedlichsten Materialen, die sich in ihrer unmittelbaren Umgebung befinden, eine Suppe zu kochen.

Den Kleinen mangelt es wahrlich nicht an Phantasie und Kreativität und ich kann nur hoffen, dass sie die Natur kennen- und lieben lernen und es ihnen wichtig sein wird, diese zu schützen und zu bewahren.

Wie schön ist es, dass diese Kinder erfahren, wie nasses Laub riecht und wie es sich anfühlt, barfuß durch die Blätter zu laufen oder durch einen Bach zu waten.

Aber jetzt: Genug beobachtet. Ich folge weiter meinem Weg, den mir die Sonne weist und schon bald umgibt mich wieder die Einsamkeit, die ich mit allen Sinnen genieße.

Auf dem Waldboden vor mir liegen verstreut Eicheln und Bucheckern, die ich vorsichtig an mich nehme und in meinen Taschen verstaue, bevor ich diese Kostbarkeiten vor dem nahenden Winter vergraben werde.

Das ist wichtig, da ich auch im Winter und trotz eines tiefen Schlafes manchmal Hunger bekomme. Dann bin ich froh über all die Schätze, die ich im Herbst an den Wurzeln der Bäume verscharrt habe.

Fabelhaft finde ich übrigens, dass mich manche Menschen als intelligenten und goldigen Nussknacker bezeichnen!

 

© Martina Pfannenschmidt, 2020

 

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Dienstag, 15. September 2020

Eine Schatztruhe voller Erinnerungen

 

Das waren diesmal unsere Reizwörter:

Herbstwind, Kuscheldecke, trinken, basteln, bunt

Und das sind die Namen meiner 'Mitschreiberinnen':

Lore und Regina


Heimlich beobachtete Herbert, wie seine Lydia ihm gedankenverloren am Frühstückstisch gegenüber saß. Worüber sie wohl nachdachte?

„10 Euro für deine Gedanken!“, sagte er schmunzelnd.

Lydia schaute auf und schmunzelte ebenso, als sie entgegnete: „Ich verrate es dir auch so. Weißt du, ich dachte gerade darüber nach, dass der Herbst naht, auch wenn das Wetter in dieser Woche noch sehr sommerlich ist. Dennoch wird es nicht mehr lange dauern, dann wird der raue Herbstwind um die Häuser ziehen und die bunten Blätter von den Bäumen wehen.“

„Ja, so ist das wohl und du wirst es nicht verhindern können“, meinte Herbert scherzhaft.

„Ich mag sie ja eigentlich, diese Jahreszeit.“

„Ja genau, eigentlich magst du sie, weil du gerne mit den Enkelkindern Kastanientiere bastelst und dabei heißen Tee trinkst.“

„Und“, ergänzte Lydia, „ich mag sie auch, weil ich abends gerne mit dir, einem Glas Rotwein und einer Kuscheldecke bei Kerzenlicht im Wohnzimmer auf dem Sofa sitze.“

Herbert nickte zustimmend.

„Ich weiß gar nicht, warum manche Menschen im Herbst trübsinnig werden“, meinte er nach einiger Zeit.

„Es freut sich eben nicht jeder darüber, wenn die Tage wieder kälter und dunkler werden. Für viele bedeutet das vielleicht auch noch mehr einsame Stunden.“

„Das mag stimmen“, erwiderte Herbert, „aber mal ehrlich, wir sollten es einfach der Natur gleich tun und uns den Gegebenheiten anpassen. Ich habe jedenfalls noch von keinem Baum gehört, der darüber jammerte, dass er sich im Herbst von seinen Blättern  verabschieden muss.“

Bei diesen Worten griff er nach seinem Handy: „Weißt du was, Lydia, bevor wir beide hier noch melancholisch werden, frage ich mal unsere Tochter, ob sie heute Nachmittag zuhause ist. Dann können wir vielleicht mit den beiden Jungs etwas unternehmen.“

„Es sei denn“, gab Lydia zu bedenken, „sie haben sich schon mit Freunden verabredet.

„Das lässt sich ja herausfinden.“

Schon tippte Herbert auf seinem Handy herum und es dauerte gar nicht lange, da erhielt er eine Antwort: „Sind zuhause. Backe schnell noch einen Pflaumenkuchen. Wir freuen uns, wenn ihr uns besucht!“

Hinter den Zeilen prangte es dickes rotes Herz.

„Wir können kommen!“, freute sich Herbert. „Es gibt sogar Pflaumenkuchen.“

„Wie schön!“

Nachdem Herbert mit seinen Enkelsöhnen eine Runde Fußball gespielt hatte, hatte er sich den Kaffee und ein Stückchen Pflaumenkuchen mit Sahne mehr als redlich verdient.

Die Kinder bekamen zur Feier des Tages eine Cola, was Opa Herbert veranlasste, ihnen zu erzählen, wie das früher war, als er noch Kind war: „Also Cola, die gab es bei uns nicht“, gab er zum Besten. „Bei uns zu Hause gab es im Sommer immer selbstgemachten Saft aus Beeren, die in unserem Garten wuchsen. Er war sehr süß, weil meine Mutter ihn zur besseren Haltbarkeit mit viel Zucker eingekocht hatte. Der Saft wurde mit Wasser verdünnt und schmeckte hervorragend.“

„Cola ist aber auch nicht schlecht“, warf Niklas, der Ältere der beiden Brüder, ein.

„Willst du den Kindern nicht mal erzählen, wie das früher im Sommer war?“, erkundigte sich Lydia.

„Das könnt ihr euch gar nicht mehr vorstellen“, wandte Herbert sich daraufhin an seine Enkel, „früher mussten alle mit anpacken. Auch die Kinder. Die Gaben wurden mit den Händen zusammen gebunden und alle arbeiteten stundenlang auf dem Acker in der prallen Sonne.“

„Deshalb hat eure Uroma mir auch geraten“, verriet nun Lydia, „keinen Bauern zu heiraten, weil die Arbeit auf einem Bauernhof doch wirklich mühsam war.“

„Na, das hat ja geklappt“, lachte Herbert verschmitzt, „schließlich hast du ja einen Mann aus einer Kleinstadt bekommen.“

„Genau! Ich hab mir einen gesucht, der auch mal Zeit hatte, mit mir in die Badeanstalt zu gehen. So hieß ein Freibad nämlich früher“, warf sie für ihre Enkel erklärend ein.

„Wisst ihr“, fiel Opa Herbert ein, „damals war es für Mädchen verpönt, ärmellose T-Shirts oder Hosen zu tragen.“

„Erinnere mich bloß nicht daran“, sagte Oma mit einer abweisenden Handbewegung und an die Enkel gerichtet, fuhr sie fort: „Man trug als Mädchen Knie bedeckte Röcke und Blusen mit Puffärmeln. Das war damals nämlich modern.“

„Wenn ich mich an die Sommer meiner Kindheit zurück erinnere“, kam Herbert in den Sinn, „dann gab es keine so extremen Temperaturschwankungen, wie gegenwärtig. Das Wetter war beständiger, als heute. Im Sommer war es zwar mitunter auch recht heiß, aber ich glaube, Temperaturen über 30° hatten wir früher eher nicht.

Wir gingen übrigens, als ich ein kleiner Bub war, nicht in die Badeanstalt, sondern wir schwammen im nahe gelegenen Fluss. An jedem Samstag bekamen wir von unserer Mutter ein Stückchen Seife in die Hand gedrückt, um uns dort ausgiebig zu waschen. Dann hatte sie die ganze Planscherei nämlich nicht zu Hause“.

„Und ich erinnere mich, dass mein Bruder und ich als Kinder zu Oma und Opa aufs Land fahren durften“, erzählte Lydia. „Für uns als Stadtkinder war das eine schöne Zeit voller Erlebnisse. Weil wir kein Auto hatten, brachten meine Eltern uns zu Fuß zum Zug und Papa schleppte sich mit unserem schweren braunen Lederkoffer ab, der mit einem Lederriemen versehen war. Und kaum saßen wir im Zug, bekamen wir schon Hunger. Doch unsere Mutter hatte vorgesorgt und so fanden wir in unseren Rucksäcken hartgekochte Eier, Brot mit Wurst und Käse und sogar Kartoffelsalat. In unsere Trinkflaschen hatte sie uns kalten Tee gefüllt. Es war einfach herrlich.

Ich weiß noch genau, wie es sich anfühlte, wenn der Zug in den kleinen Bahnhof einfuhr und ich meine Oma sah. Neben ihr stand ein Bollerwagen, auf den sie den schweren Koffer hievte und ich weiß auch noch ganz genau, dass ich total müde war, aber überglücklich. Fast unvorstellbar: In jedem Jahr das gleiche Ziel, doch wir freuten uns immer wieder aufs Neue.“

Noch heute leuchteten Lydias Augen, während sie sich an diese Zeit erinnerte.

„Man kann es sich kaum mehr vorstellen, wie einfach wir alle gelebt haben, aber lassen wir jetzt mal diese alten Geschichten“, schlug Herbert vor. „Übrigens: Dein Pflaumenkuchen schmeckt hervorragend. Ob ich noch ein Stückchen bekommen könnte?“

Lydia wurde ganz warm ums Herz bei dem Gedanken, dass die Schatztruhe voller wertvoller Erinnerungen umso praller gefüllt ist, je älter man wird.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2020


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Samstag, 15. August 2020

Die fremde Frau

 

Reizwörter: Baumstumpf, Gartenzaun, erdig, flimmern, eigenartig

Wie immer, so findet ihr zu diesen Wörtern auch diesmal wieder weitere Geschichten bei Regina und Lore!

 

Leise schließe ich die Tür hinter mir, um meine Familie nicht zu wecken. Sie schläft im Urlaub gerne aus, während ich diese stille Zeit früh am Morgen genieße und als sehr wertvoll empfinde.

In der Nacht hat es geregnet, so dass ein erdiger Geruch in der Luft liegt. Ich nehme ein paar tiefe Atemzüge und lasse dabei meinen Blick über das Meer gleiten.

In der noch tief stehenden Sonne flimmert es silbrig und zaubert mir damit ein Lächeln ins Gesicht.

Im nahe gelegenen Fischereihafen wiegen Wellen die buntbemalten Kutter.

Mein Weg führt mich an einem alten Friesenhaus vorbei. Der grün gestrichene Gartenzaun hat schon bessere Zeiten gesehen, doch das tut seinem Charme keinen Abbruch.

Auf einem Baumstumpf dahinter steht ein verwitterter Gartenzwerg, der eine Laterne in seiner Hand hält. Vielleicht soll sie seinem Besitzer die Dunkelheit erhellen.

Nur noch wenige Schritte, dann bin ich direkt am Meer angekommen. Kein Mensch ist hier, nur ein paar Möwen kreisen am Himmel und so kommen und gehen meine Gedanken während meines morgendlichen Spaziergangs, wie die Wellen, die den Strand berühren und sich dann schnell wieder zurückziehen.

In diesem Moment kommt eine Frage in mir hoch, die ich schon seit Kindertagen in mir trage: Warum bin ich eigentlich hier? Gibt es dafür einen Grund? Gibt es eine Aufgabe? MEINE Aufgabe auf diesem Planeten?

Menschliche Aufgaben sind vielfältig, denke ich und sie beginnen wohl für jeden an jedem Morgen mit den alltäglichen Dingen des Lebens, die wir mal mehr, mal weniger gerne erledigen. Aber ist das Abarbeiten irgendwelcher Aufgaben der Grund, weshalb ich hier bin? Und wie wichtig ist mein kleines Leben überhaupt, verglichen mit dem ganzen Universum, dessen Ausmaße ich mir nicht einmal vorstellen kann?

Bin ich, verglichen mit all dem, nicht nur winzig wie ein kleines Staubkorn?

Doch was ist, wenn ich doch nicht bedeutungslos bin? Wenn es einen Grund dafür gibt, dass ich genau jetzt an diesem Ort bin?

„Guten Morgen“, ruft mir unerwartet jemand zu und ich schrecke aus meinen Gedanken hoch.

„Guten Morgen“, erwidere ich verdutzt, während ich eine Hand zum Schutz vor der Sonne über meine Augen lege und eine Frau meines Alters auf mich zukommen sehe. „Ich habe Sie gar nicht kommen hören.“

„Das glaube ich gerne. Sie waren ganz in ihren Gedanken versunken. Außerdem erwartet man zu dieser Zeit ja auch niemanden hier, nicht wahr?“

„Ja, so ist es. Sie haben Recht. Mit dem Einen und mit dem Anderen. Ich wähnte mich wirklich alleine hier und meine Gedanken waren gerade bei meinem Leben und der Frage, weshalb ich eigentlich hier bin. – Also, nicht jetzt hier am Strand, sondern überhaupt, hier auf der Welt. Haben Sie sich das auch schon mal gefragt?“

Ich staune über mich selbst. Weshalb teile ich diese tiefgründige Frage ausgerechnet mit der mir fremden Person?

„Wollen wir uns nicht einen Augenblick setzen?“, fragt sie daraufhin und hockt sich auch schon in den hellen Sand.

Es ist eigenartig, obwohl wir uns gar nicht kennen, scheint eine bemerkenswerte Nähe zwischen uns zu sein. Wortlos setze ich mich neben sie.

„Eine solch philosophische Frage an einem so wundervollen Morgen“, sagt sie lächelnd. „Aber ich kenne das. Es sind genau dieses Alleinsein und diese Stille, die uns zu diesen elementaren Fragen führt, die ich mir ebenso wie Sie schon gestellt habe.“

„Und“, erkundige ich mich erwartungsvoll, „haben Sie für sich eine Antwort darauf gefunden?“

Die Frau schaut auf das Meer hinaus, nimmt anschließend ein wenig von dem weißen Sand in ihre Hand und lässt ihn durch ihre Finger gleiten, während sie mir antwortet: „Ich glaube, ich bin hier, um meinen Mann zu lieben und meine Kinder. Ich glaube, ich bin hier, um ihnen meine Liebe zu geben, für sie da zu sein und ihr Fels in der Brandung zu sein, wenn die Wellen mal wieder hoch schlagen und auch, um während meiner ehrenamtlichen Tätigkeit in einem Hospiz ein wenig Licht in so manche dunkle Stunde meiner Mitmenschen zu bringen.“

Ich schaue die Frau an und sie lächelt zurück. „Das genügt Ihnen nicht, nicht wahr? Sie denken, das kann doch nicht alles sein? Kann man denn da wirklich von einer Aufgabe sprechen?“

Ich fühle mich ertappt und schaue verlegen nach unten.

„Haben Sie schon einmal versucht, ALLES zu lieben? JEDE Situation in Ihrem Leben?“, fragt sie mich und spricht weiter, ohne auf meine Antwort zu warten: „Das ist eine echte Aufgabe, wie ich finde. Es ist gar nicht so einfach, nicht nur die guten Zeiten und glücklichen Momente, zu lieben, sondern sein Licht auch und gerade in dunklen Stunden scheinen zu lassen und zu erkennen, dass auch diese ihren Sinn haben und manche Schätze dahinter verborgen liegen. Diese Schätze zu finden und zu heben, sehe ich als eine meiner Aufgaben, denn das, was der Dunkelheit fehlt, ist doch nur das helle Licht der Liebe. Licht und Liebe in diese Welt zu tragen und sei es auch nur in meine kleine Welt, darin sehe ich meine Aufgabe.“

Wir sitzen eine Weile schweigend nebeneinander und schauen gemeinsam hinaus aufs Meer. Obwohl wir uns fremd sind, hat dieser Moment etwas von Vertrautheit, ja fast schon etwas Magisches.

„Ich glaube“, spricht die Frau wie aus dem Nichts weiter, „es geht nicht darum, eine Spitzenmanagerin zu sein, die viel Geld verdient, aber jeden Abend matt ins Bett fällt. Das mag durchaus ihre Aufgabe sein, aber es ist nicht meine. Das weiß ich ziemlich sicher. Das würde mich einfach nicht glücklich machen und darum geht es doch. Mir reicht es, mein kleines ‚Familienunternehmen‘ zu managen. Das macht mich wirklich rundum glücklich. Diese kleinen Momente zu genießen, wenn mein Kind mich umarmt. Das sind für mich wahre Glücksmomente. Diese vielen kleinen Momente zu sammeln und im Herzen zu bewahren sind für mich wertvoll und man kann sie mit keinem Geld der Welt aufwiegen.

Wissen Sie, ich habe oftmals den Eindruck, dass es in unserer Gesellschaft die Neigung gibt, wertvolle Zeit mit allen möglichen Dingen zu verbringen. In meinen Augen sollte die Zeit, die wir mit den Menschen verbringen, die uns am meisten bedeuten, die Zeit sein, in der wir eben nicht erschöpft und müde sind und kaum noch Energie haben.“

Die Frau, deren Namen ich nicht einmal kenne, springt auf, entledigt sich ihrer Kleidung und läuft ins Meer. Von weitem ruft sie mir noch zu: „Und denken Sie immer daran, was der Grund dafür ist, dass SIE hier sind, das entscheiden SIE selbst und kein anderer!“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2020


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Mittwoch, 15. Juli 2020

Willst du …?


Zu den Reizwörtern: Sommerkollektion, Lederausstattung, herumlaufen, überreden und krankhaft findet ihr auch bei Regina und Lore Geschichten!



„Ja, ja, ja, ich will!“, schreit es in mir und ich füge den Artikel meinem Warenkorb zu.
Diese Sneakers MUSS ich haben und auch diese luftige Bluse aus der neuesten Sommerkollektion, die muss es auch noch sein.
Nein, muss es nicht, sagt mir mein Verstand. Es hängen doch schon 10 andere im Schrank und ich muss auch nicht wirklich noch ein Paar Sneakers zu den 7 anderen Paaren in den Schuhschrank stellen.
Aber irgendwie kann ich nicht anders, auch wenn sich die Türen meines Kleiderschrankes schon gar nicht mehr schließen lassen und vorne auseinander klaffen wie das offene Maul eines riesigen Wales bei der Suche nach Futter.
Aber wer möchte schon in alten und uncoolen Klamotten herumlaufen?
Allerdings kommen mir mehr und mehr Bedenken, ob sich das Ganze bei mir nicht langsam aber sicher zu einem krankhaften Verhalten auswächst.
Weshalb haben wir Menschen eigentlich ständig das Gefühl, noch mehr, mehr, mehr und mehr zu gebrauchen? Die meisten von uns haben doch alles und zwar im Überfluss. Und leider muss ich gestehen, dass ich auch zu ihnen gehöre.
Warum reicht es mir nicht, was ich habe und warum müssen es bestimmte Markenklamotten sein? Ich frage mich das wirklich und schon lange, aber ich traue mich einfach nicht, aus diesem Hamsterrad auszusteigen.
Was würden meine Freunde sagen, wie würden sie auf mich reagieren, wenn  ich plötzlich eingestehe, dass es mir piep-egal ist, ob meine Jeans von einem bestimmten Hersteller stammt? Sie muss doch eigentlich nur bequem sein, oder nicht? Das reicht mir schon und mir ist es auch piep-egal, welches Auto ich fahre. Meins ist eh alt und mal ehrlich, wer braucht schon einen Porsche mit Lederausstattung? Also ich nicht. Ich möchte nur von A nach B kommen und hätte dafür gerne einen fahrbaren Untersatz mit einer intakten Heizung für den Winter. Aber wird man deshalb nicht schon schräg angesehen, wenn man ein altes zerbeultes Auto fährt? Und was, wenn die Nachbarn denken, dass ich mir ein besseres Auto gar nicht leisten kann?
Und wie oft habe ich das Gefühl, von der Werbung regelrecht erschlagen zu werden. Und da ist die Autoindustrie ganz oben mit dabei und will mir einreden, dass ich genau dieses Fahrzeug benötige, um andere zu beeindrucken und wer weiß, vielleicht schaffen sie es wirklich eines Tages, mich dazu zu überreden, es zu kaufen und mich damit maßlos zu verschulden. Und wozu das Ganze?
Werbung, die mich glauben lässt, dass dann, wenn ich dieses oder jenes Produkt kaufe, sich mein Leben auf einen Schlag zum Besseren verändern würde.
Das eine Produkt macht mich schöner, das andere schlauer, ein drittes lässt mich cool aussehen und ein weiteres macht mich auf einen Schlag gesund und schlank.
Und ich mache dabei mit und zeige damit meinen Mitmenschen nicht nur, dass ich in diesem Karussell des Wahnsinns mitfahre, sondern auch: Schaut her, ich kann mir das alles leisten.
Aber mal ehrlich: Lassen wir uns alle nicht allzu gerne von all dem bunten Geschehen verführen? Ich will das alles. Ich will schön sein und schlau und schlank. Ich will einfach dazu gehören zu dieser immer jung bleibenden Gesellschaft.
Also, was will ich in diesem Moment? Will ich dieses Produkt in meinen Warenkorb tun? Ja oder Nein?
Und schon wieder schreie ich: „Ja, ja, ich will. In guten, wie in schlechten Zeiten und wenn möglich, bis dass der Tod uns scheidet.“
Wer weiß, vielleicht ist die Konsumgesellschaft so etwas wie eine riesige Glaubensgemeinschaft aus der man eben nicht so einfach aussteigen kann.
Oder steckt noch etwas anderes hinter meiner Maßlosigkeit? Ich muss doch nicht nackt herumlaufen, wenn ich mir diese Klamotten nicht kaufe.
Ob ich hin und wieder ‚mehr haben wollen‘ mit ‚mehr sein wollen‘ verwechsele?
Und ist es nicht so, dass wir uns irgendwie gegenseitig belügen, in dem wir uns mit Kleidung und Statussymbolen behängen und unser wahres ICH damit und darunter zu verstecken versuchen?
Oder denken wir an das eine oder andere gesundheitliche Problem. Es lässt sich eben oft nicht mit einer Creme oder einer Pille verbannen, auch wenn uns die Werbung das gerne glauben lassen möchte.
Wir ‚müllen‘ uns zu mit Dingen, die wir eigentlich gar nicht brauchen. Doch all unsere emotionalen Probleme lösen wir garantiert nicht mit unserem Kaufverhalten.
Unzufriedenheit, fehlendes Selbstwertgefühl, Ängste, Trauer bleiben auch dann, wenn ich diese Teile jetzt kaufe.
Vielleicht sollte ich mir, bevor ich mir etwas kaufe und bevor ich mein Konto ins Minus bringe, eine kleine Frage stellen: „Brauche ich das wirklich?“
Und dann sollte ich ehrlich sein mit mir selbst und mich nicht durch meinen Geist, der sicher einige Gegenargumente kennt, von meinem Entschluss, NEIN zu sagen, abbringen lassen. Und schon gar nicht durch die Werbung.
Wenn ich dennoch hadere, könnte eine weitere Frage helfen: „Was passiert, wenn ich das jetzt NICHT kaufe?“
Oh ja, was passiert? Mein Konto bliebe im Plus oder ich lege das Geld für einen Urlaub beiseite.
Wieder schaue ich auf die Frage: „Willst du dieses Produkt zu deinem Warenkorb hinzufügen?“
NEIN, diesmal nicht.

© Martina Pfannenschmidt, 2020



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Montag, 29. Juni 2020

Schwarze Katze von links

Gerade habe ich mich von meiner besten Freundin verabschiedet und nun schwinge ich mich auf mein Rad, um vom Freibad aus den Weg nach Hause anzutreten. Das Gute daran ist, dass ich dabei am Haus meiner Großeltern vorbei komme, die einen tollen großen Garten ihr Eigen nennen.

Zu dieser Jahreszeit gibt es dort immer etwas Leckeres zu naschen und mit ganz viel Glück darf ich nicht nur Himbeeren und Kirschen probieren, sondern bekomme auch noch ein Eis spendiert. Mal schauen.

Die Aussicht darauf lässt mich ein wenig schneller in die Pedalen treten, doch dann geschieht es. Von links überquert eine schwarze Katze die Fahrbahn und läuft mir fast ins Rad. Gott sei Dank kann ich noch rechtzeitig bremsen. Es ist nichts passiert – der Katze nicht und auch mir nicht, doch ich merke, dass mir ein kleiner Schock in den Gliedern sitzt. Schließlich kam die Katze von links und sie war pechschwarz. Sagt man nicht, dass das Unglück bringt?

Eine Weile später gehe ich zielsicher in den Garten meiner Großeltern. Ich weiß, dass ich meine Großmutter dort antreffen werde. Im Sommer und bei Sonnenschein lebt sie quasi draußen in ihrem Garten.

„Hi, Oma!“, rufe ich, als ich sie beim Himbeerpflücken entdecke und füge an: „Lass für mich noch welche übrig!“

Oma lacht. „Es sind noch genug da. Keine Angst.“

In diesem Moment ist die erste Beere bereits in meinem Mund verschwunden. Hmmm. So lecker! Da stopfe ich gleich noch ein paar mehr hinein.

„Kommst du aus dem Freibad?“, erkundigt sich Oma.

Ich kann nur nicken, weil mein Mund so vollgestopft ist mit den leckeren Beeren.

„Du Oma“, erzähle ich, als es mir wieder möglich ist, zu sprechen, „vorhin ist mir fast eine Katze ins Rad gelaufen.“.

Weiter komme ich nicht, weil sich Oma sofort Sorgen macht und an mir herauf und herunter schaut, ob sie irgendwo einen blauen Fleck oder Abschürfungen entdeckt.

„Nein Oma, es ist mir nichts passiert“, beruhige ich sie, „und auch der Katze nicht, ich mache mir nur Sorgen, weil sie schwarz war und von links kam.“

Oma schlägt mit einer Hand vor ihre Stirn: „Das glaube ich jetzt nicht! Sag nicht, dass du abergläubisch bist!“

„Nein!“, erwidere ich vehement. „Natürlich nicht! Aber vielleicht kannst du mir erzählen, woher dieser Glaube kommt.“

„In der Tat habe ich darüber mal etwas gelesen“, meint Oma und kramt offenbar in ihrem Gedächtnis, um zu schauen, was davon noch hängen geblieben ist. „Ganz sicher weiß ich, dass schwarz für Macht steht und eine Katze für Weiblichkeit. Es war wohl in früheren Zeiten die Angst vor der Macht der Frauen, dass es zu diesem Aberglauben kam. Es gab ja leider Zeiten, in denen Frauen als böse, minderwertig und unrein gebrandmarkt wurden. So wurden Ängste geschürt, die zur Folge hatten, dass es ein schlechtes Omen sei, wenn eine schwarze Katze den Weg kreuzt oder wenn ein Freitag auf einen 13. fällt.“

„Puh, bin ich froh, dass ich heute lebe“, rufe ich ehrlich aus.

„Übrigens gibt es diesen Aberglauben mit der schwarzen Katze nicht überall“, führt Oma weiter aus. „Im alten Ägypten galten sie sogar als heilige Tiere.“

Von den Himbeeren habe ich jetzt genug und gehe zielsicher zum Kirschbaum, an dem eine Leiter steht. Behände gehe ich ein paar Stufen hoch, bis ich an die dunkelsten und süßesten Kirschen heranreichen kann.

Oma stellt sich unten an die Leiter und hält sie fest. So steht sie sicher und ich kann mich satt essen.

„Kennst du auch den Glauben, dass es Unglück bringt, unter einer Leiter hindurch zu gehen?“, erkundigt sie sich nach einer Weile.

„Klar, hab ich davon schon gehört. Woher kommt das denn?“

„Vielleicht daher“, fährt Oma fort, „dass man beim Durchschreiten einer Leiter zum Beispiel in Resonanz mit negativen Erinnerungen kommt, wie beispielsweise einem Sturz aus der Höhe. Dann wird man in diesem Moment natürlich mit seinen eigenen Ängsten, zu fallen, konfrontiert.“

Oma macht eine kleine Pause, in der ich mir zwei aneinander hängende Kirschen über meine Ohren hänge.

„Das hast du schon als kleines Mädchen gemacht“, lacht Oma und macht mich darauf aufmerksam, dass sich unter einer Leiter immer ein Dreieck bildet. „So eine Dreiecksform wie wir sie beispielsweise von einer Pyramide kennen, ist sehr harmonisch. Doch unter einer Leiter bildet sich ein unsymmetrisches Dreieck, von dem man sagt, dass es die Menschen aus der Balance werfen kann.“

„Das klingt echt interessant“, erwidere ich und erkundige mich, ob sie auch weiß, woher der Glaube kommt, dass Scherben Glück bringen.

„Wenn etwas zerspringt“, sagt sie daraufhin, „muss vorher eine hohe Spannung dagewesen sein. Glück bringt das nun dadurch, dass diese Spannung durch das Zerspringen aufgelöst wird. Ein weiterer Grund zeigt sich zum Beispiel bei einer Hochzeit. Man zerdeppert Porzellan, um im übertragenen Sinn zu sagen: Das Paar muss alte Dinge loslassen, quasi ‚zerspringen lassen‘, damit etwas Neues kommen kann.“

„Omilein“, sage ich, als ich von der Leiter herunter steige, „ich habe mir im Bauch noch etwas Platz gelassen.“

„Ist schon klar“, entgegnet sie und zerzaust mir mit einer Hand mein Haar, „und in diese Lücke hinein passt sicher noch ein Eis!“

„Wie gut, dass du Gedanken lesen kannst“, foppe ich sie und sie kontert: „Und wie gut, dass du ein Sonntagskind bist, dass mehr Glück hat, als andere Menschen.“

„Ist das wirklich so?“, will ich wissen.

„Ich weiß nicht genau“, antwortet Oma, „aber wenn ich es mir recht überlege, so ist doch die Atmosphäre an Sonntagen eine andere, als an Wochentagen. Vielleicht hat es damit zu tun. An Sonntagen sind die Menschen in der Regel lockerer und besser drauf, als an Wochentagen. Und wenn sich das auf den Säugling überträgt, dann nimmt er das Leben vielleicht leichter und das trifft auf Sonntags- und Glückskinder, wie du eins bist, ganz sicher zu.“

„Und noch glücklicher werde ich sein“, sage ich und lasse mich bei meinen Worten auf einen bequemen Sessel plumpsen, „wenn ich jetzt ein Eis bekomme.“

 

Martina Pfannenschmidt, 2020


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Montag, 15. Juni 2020

JETZT leben


Reizwörter: Pfingstrosen, Übermut, rot, schütteln, sammeln

Weitere Geschichten mit diesen Reizwörtern findet ihr bei Lore und Regina!

Heute ist ein wunderschöner und sonniger Junitag. In der Nähe eines großen Walnussbaumes liege ich in der Sonne und genieße die Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Der Wind weht sacht und treibt den Duft der Pfingstrosen aus dem nahe gelegenen Blumenbeet zu mir herüber. Ich liebe diese Blumen mit ihren prachtvollen Blüten, die einer Rose an Schönheit in nichts nachstehen.
Meine Gedanken gehen zurück an die Sommer meiner Kindheit. Ich sehe mich in meinen Erinnerungen mit einem rot verschmierten Mund, weil ich wieder einmal den leckeren Früchten, die üppig in unserem Garten wuchsen, nicht widerstehen konnte.
Wie oft bin ich voller Tatendrang und Übermut auf unseren Kirschbaum geklettert, um Kirschen zu naschen oder im Herbst auf den Apfelbaum. Meine Mutter schüttelte darüber oft den Kopf, weil durch meine Aktivität unweigerlich einige Äpfel vom Baum fielen. Doch sie schimpfte deshalb nicht mit mir, sondern sammelte sie auf und kochte daraus leckeres Apfelmus.
Meine Kindheit war wirklich großartig und ich denke gerne und voller Dankbarkeit daran zurück.
Im Moment bin ich dankbar dafür, einfach nur hier liegen und dösen zu dürfen. Nichts tun – einfach nichts tun und nur den Moment genießen. Herrlich!
Wie schnell verrinnen sonst in unserem turbulenten Alltag die Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre. Unaufhaltsam ziehen sie vorbei.
Dabei gibt es so viele Geschenke, die es wahrzunehmen gilt, so wie dieser Moment zum Beispiel oder einen Sonnenaufgang. Die Frage ist doch: Wann nehmen wir uns die Zeit dafür? Und wann nehmen wir uns einfach nur die Zeit, einen Marienkäfer auf seinem Weg zu einer Blüte zu beobachten oder einen Vogel am Himmelszelt? - Kannst du seinen Gesang hören?
Es ist herrlich, einfach nur so da zu liegen und all die kleinen und großen Aufgaben zu vergessen, die der Alltag sonst mit sich bringt. Keine Gedanken an Rechnungen, Sorgen oder Ängste. Keine Gedanken an morgen, nur ‚sein‘  und den Moment genießen.
Ich beobachte eine dicke weiße Wattewolke, die sich kurz vor die Sonne schiebt und ihren Schatten auf den Boden wirft. Sie geht ihren Weg gemächlich und ohne einen Gedanken an die Vergangenheit oder gar Zukunft weiter.
Ich möchte diesem Moment meine ganze Aufmerksamkeit schenken, schließe die Augen und achte auf meinen Atem. Wie oft atmen wir, ohne uns dessen wirklich bewusst zu sein. – Ich atme tief ein und aus, folge meinem Atem auf seinem Weg. – Es ist gar nicht so einfach, mit seinen Gedanken einfach nur beim Atmen zu bleiben.
Zu gerne würden mich meine Gedanken dazu ‚verführen‘, darüber nachzusinnen, was alles noch vor mir liegt, was es noch alles zu tun gibt. Doch ich bleibe mit meiner Aufmerksamkeit für eine ganze Weile bei meinem Atmen.
In diesem Moment bin ich ganz bei mir, doch wie oft geschieht es, dass ich mit meinen Gedanken ganz weit weg bin. Wie oft hetze und renne ich durch meinen Tag, anstatt ruhig zu gehen und auf meine Schritte zu achten. Aber wem gelingt das schon, mit jedem Schritt ganz im Hier und Jetzt zu sein? Wann nehme ich wirklich wahr, dass meine Füße den Boden berühren und ob es ein harter Betonboden oder ein weicher Waldboden ist, auf dem ich gehe?
Meine Hand greift zum wiederholten Male in die Schale mit Erdbeeren, die neben mir steht. Ich nehme eine Beere, ihren Geruch auf und ihren Geschmack wahr. Ganz bewusst. Wie süß sie schmeckt und fruchtig. So, wie eine Erdbeere eben schmecken muss. Obwohl – irgendwie schmeckte sie früher ‚erdbeeriger‘ – oder täusche ich mich?
Es hat für mich in diesem Augenblick den Anschein, als ob die Vergangenheit, je älter man wird, in einem ganz besonderen Licht zu leuchten beginnt.
Wenn ich an früher denke, war eines in jedem Fall anders: Ich war jünger und so vieles ereignete sich zum ersten Mal in meinem Leben. Das erste Mal ein Auto fahren, die erste Liebe, die erste Reise ohne Eltern oder einfach nur knutschend mit dem Freund in der letzten Reihe im Kino sitzen. Unvergessliche Momente, die sich nicht wiederholen werden.
Ja, wir Jugendlichen von damals, wir waren natürlich in jedem Fall besser, als die Jugend heute. Wir waren nicht so frech und auch nicht so dumm. - Aber das ist natürlich nicht ernst gemeint, denn das behauptet wohl jede ältere Generation von der jüngeren. Also wenn ich ehrlich bin, sehe ich viele fantastische junge Menschen. – Es kommt wohl auf den Blickwinkel an.
Die Welt hat in den letzten Jahrzehnten ihr Gesicht sehr verändert und ich war mit dabei, als Antibabypille, Computer, Handy und Internet die Welt veränderten und revolutionierten.
Ich gehöre zu der Generation, die Frieden, Freiheit und auch Wohlstand als dauerhaften Zustand kennenlernen durfte.
Ja, die Dinge ändern sich und heute gibt es Vieles, was die Generationen vor mir noch für unmöglich gehalten haben. Und ich denke in diesem Moment nicht nur daran, dass wir weltweit miteinander vernetzt sind, sondern auch daran, dass wir weltoffener geworden sind.
Ich greife nach der letzten Erdbeere in meiner Schale und lasse sie mir schmecken, während ich eine große Dankbarkeit dafür empfinde, JETZT zu leben!

© Martina Pfannenschmidt, 2020



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