Elena saß während ihrer Mittagspause auf einer Bank im Park und beobachtete die Passanten, als ihre Kollegin sich näherte. Sarah setzte sich schwerfällig neben Elena und hielt sich an ihrem Becher Tee fest, als wäre er ihr letzter Anker.
Seufzend meinte sie: „Schau sie dir an, Elena.
Alle hasten durch den Park, den Kragen hochgeschlagen, die Augen auf den Boden
gerichtet. Manchmal habe ich das Gefühl, die Welt ist nur noch ein grauer Ort
voller müder Menschen, die einfach nur funktionieren.“
Elena erwiderte lächelnd: „Ja, es stimmt, sie
wirken müde. Dennoch kann man das Licht in ihren Herzen erkennen, auch wenn sie
es selbst vielleicht gar nicht mehr spüren können.“
„Ach, Elena, du nun wieder. Ich wünschte, ich
könnte die Welt auch mal durch deine Augen sehen. Aber es tut mir leid, ich
sehe nichts außer einer großen Erschöpfung. Wo soll da ein Licht sein? Schau
dir die Frau dort drüben an, die, die ihre schweren Einkaufstüten schleppt oder
da der Mann, der grimmig auf sein Handy starrt. - Also tut mir leid, aber ich
sehe bei den beiden kein Licht.“
„Es gibt da so eine alte Legende“, sagte Elena nach
einer Weile der Stille, „die besagt, dass Gott den Menschen ein Licht
mitgegeben hat. Er hat dieses kostbare göttliche Licht in jedes menschliche
Herz gelegt. Aber der Mensch hat es vergessen, ist aber unbewusst auf der Suche
danach. Er sucht es irgendwo im Außen, aber eben nicht dort, wo er es finden
könnte – in seinem Herzen.“
„Ach, Elena“, begann Sarah erneut, „das hört sich
ja wirklich alles wunderschön an, was du da erzählst, aber ehrlich, für mich
klingt das eher nach einem riesengroßen Pflaster, das du über die Realität
klebst. - Also ehrlich, wenn da ein Licht wäre, dann würden wir uns doch
gegenseitig nicht wehtun oder gleichgültig sein, oder?“
„Schau“, bat Elena ihre Kollegin, „die Frau dort mit
den Einkaufstüten, von der du eben sprachst. Hast du gesehen, dass sie gerade
angehalten hat? Sie hat ihre Tüten abgestellt, um einem Kind die Schnürsenkel
der Schuhe neu zu binden. Das ist so ein Moment, wo du ihr Licht sehen kannst.“
Sarah betrachtete für eine Weile schweigend ihre
Hände. Dann fragte sie: „Und was ist mit denen, die sich ganz verloren haben?
Die nur noch Dunkelheit in sich spüren?“
„Schau, Sarah“, antwortete Elena, „ein Zimmer
kann jahrelang dunkel sein, abgeschlossen und staubig. Aber in dem Moment, in
dem du den Vorhang am Fenster nur einen Spalt breit öffnest, ist die Dunkelheit
weg. Dunkelheit ist eigentlich nichts anderes als die Abwesenheit von Licht.
Verstehst du? Manchmal braucht es nur
eine Begegnung, ein ehrliches Wort oder einen Moment der Stille, damit jemand
sich wieder an sein eigenes Leuchten erinnert, sozusagen den Vorhang ein wenig
zur Seite schiebt. – Ich weiß, dass du an dem zweifelst, was ich sage, und ich
vermute, dass du auch an deinem eigenen Licht zweifelst, nicht wahr? Aber weißt
du, es ist da. Ich kann es in den Momenten wahrnehmen, wo du dir wünscht, die
Welt möge heller sein. In diesen Momenten scheint dein Licht aus deinem Herzen
in die Welt und erhellt sie für einen kurzen Moment, auch wenn du dir dessen
gar nicht bewusst bist.“
Sarah atmete schwer. „Es ist wirklich ein schöner
Gedanke, dass wir alle einen Schatz in uns tragen, den wir nur vergessen haben ...
es verändert den Blick auf die Menschheit, finde ich … und wenn es so ist, wie
du sagst, sind wir doch alle irgendwie Suchende, oder? Suchende nach diesem
Licht in uns!“
„Genau das sind wir. Ich glaube, dass wir alle
hier sind, um uns gegenseitig daran zu erinnern, dass wir die Sonne nicht
suchen müssen, sondern dass wir sie alle heimlich unter unseren dicken Mänteln
tragen.“
Als die beiden zurück an ihren Arbeitsplatz
gingen, erschien Sarah die Welt gar nicht mehr so dunkel, wie noch grad eben.
Vielleicht lag der Schlüssel zur Veränderung der Welt ja tatsächlich nicht
darin, die Finsternis zu bekämpfen, sondern darin, das Glimmen einer kleinen
Flamme im anderen - und in sich selbst - zu erkennen.
Vielleicht sind wir ja alle kleine Lichter, die
einander den Weg leuchten, damit wir wieder nach Hause finden.
© Martina
Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!