Samstag, 19. Mai 2018

Oma, Kathrin und das Pfingstfest


Kathrin kam gut gelaunt aus der Schule heim. Kein Wunder, dass sie gut drauf war. Das Pfingstfest stand vor der Tür und außerdem noch eine Woche Ferien.
Natürlich bemerkte Oma die gute Laune ihrer Enkelin sogleich: „Schau mal an. So ein paar freie Tage können einem schon mal ein Lächeln ins Gesicht zaubern, nicht wahr?!“
„So ist es Omilein. Außerdem soll das Wetter gut werden. Das ist doch einfach nur klasse.“
Dem konnte Oma nur zustimmen.
„Wir haben heute in der Schule über Pfingsten gesprochen und darüber, dass viele gar nicht mehr den Grund kennen, warum wir dieses Fest feiern“, erzählte Kathrin. „Also, wenn ich ehrlich bin, hat es mich bisher auch nicht interessiert. Hauptsache frei!“
„Ach Kind, das kann ich gut verstehen. In der heutigen hektischen Zeit sehnt sich die Menschheit einfach nur nach Ruhe.“
„Naja“, warf Kathrin ein, „bei all den Aktivitäten, die viele stattdessen auf dem Plan haben, kann von Ruhe auch nicht die Rede sein. Aber ein Ausgleich zum Alltag ist es allemal.“
Oma schmunzelte. Ihre Kathrin war den Kinderschuhen entwachsen und machte sich ihre eigenen Gedanken. Und das war gut so!
Kathrin kam noch einmal auf das Pfingstfest zu sprechen: „Also, wenn ich ehrlich bin, hatte ich zwar auf dem Schirm, dass Pfingsten 50 Tage nach Ostern gefeiert wird. Doch viel mehr wusste ich nicht. Als wir heute darüber sprachen, dachte ich, dass ich mir das durchaus vorstellen kann, dass die Jünger den Tod von Jesus und seine Auferstehung noch gar nicht richtig verarbeitet hatten. Er wird ihnen ganz schön gefehlt haben und Angst hatten sie bestimmt auch, weil sie nicht wussten, ob auch sie verfolgt werden. Der Gedanke, ebenfalls gekreuzigt zu werden, muss schrecklich für sie gewesen sein.“
Oma nickte. „Man kann sich schwer in die damalige Situation der Jünger hinein versetzen. Doch wenn man es versucht, kann man sich vorstellen, dass sie es vermieden haben, über Jesus und die Auferstehung zu sprechen. Sie gingen zwar zum Erntefest, das 50 Tage nach Ostern stattfand, doch sie waren ängstlich und feierten nicht so fröhlich, wie der Rest. Das kann man sich wirklich gut vorstellen.“
„Aber dann wird es mit der Vorstellung schon wieder schwierig“, warf Kathrin ein. „Ich meine den Moment, wo sie beisammen sind und ein großes Brausen hören.“ Kathrin kicherte: „Also quasi ein Sturm im Haus!“
Oma bestätigte Kathrins Aussage mit einem Lächeln.
„Ja, so wird der Heilige Geist in der Bibel beschrieben. Vorstellen kann man es sich wahrlich schwer. Doch er bewirkt etwas. Er nimmt den Jüngern die Angst.“
„Und dann wird es noch verrückter“, meinte Kathrin, „ als plötzlich über jedem Kopf eine kleine Flamme steht.“
„Vielleicht war das die Flamme der Weisheit“, meinte Oma. „Auf jeden Fall waren die Jünger anschließend nicht mehr verzagt, sondern mutig.“
„Die Flamme der Weisheit könnte ruhig noch einmal zu uns Menschen kommen. Meinst du nicht auch?“
„Gewiss. Besonders zu manchen Menschen, nicht wahr!“
„Also, ich möchte ja keine Namen nennen“, meinte Kathrin verschwörerisch, „aber so einigen Mächtigen dieser Welt täte Weisheit ganz gut.“
Dem war wirklich nichts hinzuzufügen.
„Warum läuft eigentlich so vieles schief?“, wollte Kathrin wissen. „Und warum greift Gott nicht ein und lässt all die Männer, die Kriege anzetteln, einfach von der Bildfläche verschwinden?“
Kathrins Ausdrucksweise ließ hier und da vielleicht noch zu wünschen übrig. Doch sie traf schon den Kern der Sache. Das musste Oma zugeben.
„Dass er dazu in der Lage wäre, steht außer Frage“, erwiderte Oma. „Du musst aber bedenken, dass Gott den Menschen einen freien Willen gegeben hat.“
„Also, ich finde, die Lösung des Problems ist eigentlich ganz einfach“, meinte Kathrin selbstbewusst. „Wenn jeder Mensch einen anderen Menschen so behandeln würde, wie er selbst behandelt werden möchte, wäre doch alles gut.“
Kathrins Aussage war vielleicht kindlich, doch auch hier stimmte die Kernaussage. Aber ein Wort gab es in diesem Satz, das zeigte, dass die Angelegenheit doch nicht ganz so einfach ist.
„Es stimmt im großen und ganzen, was du sagst“, entgegnete Oma. „Doch da ist das kleine Wörtchen ‚eigentlich’ in deinem Satz. Eigentlich ja, aber einige Menschen, die denken und handeln anders.“
„Da läuft doch was schief in deren Köpfen, oder, Omi!“
„Es hat zumindest den Anschein, dass es so ist. Weißt du, manchen Menschen bekommt es nicht, mächtig zu sein. Sie wollen zeigen, wie wichtig sie sind und spielen mit ihrer Macht und das kann ganz schön gefährlich werden.“
„Und wie kann man sie stoppen? Was können wir tun?“
Oma schwieg eine ganze Weile, was Kathrin zeigte, dass die Antwort darauf nicht einfach ist.
„Nicht beängstigen lassen, denke ich. Fest daran glauben, dass alles gut wird. Selbst keine kriegerischen Gedanken hegen. Auch nicht gegen diese Menschen. Wer weiß, vielleicht sind sie tief in ihren Herzen verletzbar und ängstlich und wollen dies mit ihren Drohgebärden überspielen. Wir können nur hoffen und darum bitten, dass Gottes Geist über sie hinweg fegt und sich wie damals zu Jesu Zeiten eine kleine Flamme der Weisheit auf ihre Köpfe setzt, damit sie mutige, aber friedvolle Entscheidungen treffen. Wir dürfen nicht aufhören, darauf zu hoffen und darum zu bitten.“

© Martina Pfannenschmidt, 2018


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Dienstag, 15. Mai 2018

Die Frage aller Fragen


„Hey, Kai, schön dich zu sehen. Komm rein!“
„Bist du alleine?“, fragte dieser und es klang ziemlich geheimnisumwittert.
„Klar! Weshalb fragst du?“
Das würde er seinem besten Freund und Kumpel Sven in aller Ruhe erklären, nachdem er die Tür geschlossen hatte.
Außerdem war es überhaupt nicht so klar, dass sein Freund alleine war. Schließlich gab es Bea, seine Freundin. Doch die war in diesem Moment tatsächlich nicht bei ihm und das war auch gut so!
„Willste ein Bier?“, fragte Sven.
„Gerne!“
Nachdem die beiden den ersten Schluck getrunken hatten, ließ Kai die Katze aus dem Sack.
„Pass auf“, meinte er und sah sich verschwörerisch um, so als könne doch noch jemand mithören. „Ich plane, Nicole einen Heiratsantrag zu machen.“ 
Weiter kam er nicht, da Sven begeistert ausrief: „Mensch, mein Freund. Das sind ja mal Neuigkeiten.“
Dabei schlug er seinem Kumpel anerkennend auf die Schulter.
„Also pass auf. Du sollst mir dabei helfen.“
„Jederzeit! Du weißt, für meinen besten Freund tue ich alles. Also fast alles“, schränkte er lieber noch ein.
Zwei Wochen später packten Kai und Nicole ihre Koffer. Sie planten ein verlängertes Wochenende in einem Wellnesshotel auf Rügen. Dass Kai noch mehr, als nur ein paar Tage Erholung bezweckte, ahnte seine Freundin natürlich nicht. Sie fand nur, dass er dringend zur Ruhe kommen müsste. In den letzten Tagen wirkte er irgendwie fahrig und nervös.
Als die beiden in ihrem Hotel angekommen waren, zog sich Kai für einen Moment zurück. Er musste letzte Absprachen mit seinem Freund Sven treffen. Dieser war mit seiner Freundin ebenfalls auf der Insel und es durfte auf keinen Fall zu einem Zusammentreffen kommen. Jedenfalls nicht, bevor Kai seine Frage gestellt hatte.
„Hey, Sven“, flüsterte Kai ins Handy. „Seid ihr auch schon angekommen?“
„Ja, Bea schwimmt schon die erste Runde im Pool. Ich hab halt noch auf deinen Anruf gewartet. Also, wie besprochen. Alles scheint nach Plan zu laufen. Ich habe mich gerade erkundigt. Die Windverhältnisse sollen morgen hervorragend sein. Ihr zwei solltet euch so zwischen 14 und 15 Uhr am Strand aufhalten. Du musst halt nach mir Ausschau halten und ich werde das Banner wie besprochen ausbreiten.“
Kai bekam seine Nervosität kaum noch in den Griff. Seine Hände begannen zu zittern. Hoffentlich klappte auch wirklich alles, wie besprochen und hoffentlich sagte seine Freundin ‚Ja’.
Am nächsten Tag bereitete Sven alles für seinen Gleitflug vor. Seine Freundin, die wenig Interesse an seinem Hobby zeigte, würde in der Zeit shoppen gehen oder den Wellnessbereich des Hotels nutzen. So war es zumindest besprochen. Mit einem Kuss verabschiedete sich Sven und zog mit all seinen Utensilien los. Auch er verspürte eine gewisse Anspannung. Schließlich lag eine große Verantwortung auf seinen Schultern.
Nachdem Sven gegangen war, empfand Bea weder Lust, shoppen zu gehen, noch wollte sie sich alleine in den Wellnessbereich begeben. Das Wetter war so herrlich. Sie würde sich ein Buch schnappen und zum Strand gehen.
Zur selben Zeit machten sich auch Nicole und Kai auf den Weg. Sie suchten sich einen schönen Platz am Strand. Von hier aus hatten sie einen guten Blick zur Steilküste. Von dort würde Sven starten. Aber das wusste natürlich nur Kai.
Sven bereitete sich zeitgleich auf seinen Flug vor. Er legte seine winddichte Kleidung an, hakte die Karabiner ein, legte das Banner so zurecht, dass er es zur rechten Zeit zücken konnte und überprüfte noch kurz, ob alle Gurte und Schnallen geschlossen waren. Dann wartete er mit dem ausgebreiteten Gleitschirm, bis die Windbedingungen passten, und lief los.
Genau zu diesem Zeitpunkt breitete seine Freundin ihr Strandtuch aus, cremte sich ein und sah sich um, ob sie jemanden fände, der ihr den Rücken eincremen würde.
„Das gibt es doch nicht!“, rief sie aus und begann, auf sich aufmerksam zu machen, indem sie mit beiden Armen winkte.
„Das gibt es doch nicht!“, rief nun auch Nicole, die darauf aufmerksam wurde. „Das ist doch Bea dort hinten. Was macht die denn hier?“
Beide Frauen liefen aufeinander zu, um diese Frage zu klären. Kai allerdings blieb wie angewurzelt stehen. Dass Bea hier auftauchte, das war nun wirklich nicht geplant.
Nachdem sich die beiden Frauen ausgetauscht hatten, legten sie sich nebeneinander in den Sand und konnten gar nicht glauben, dass ihre beiden Männer nicht über dieses verlängerte Wochenende und ihre jeweilige Kurzreise auf diese Insel gesprochen hatten. Aber so waren sie halt, die Männer!
Unruhig lief Kai am Strand auf und ab. Keine Spur von romantischer Stimmung. Aber er hatte auch keine Chance, das Ganze abzubrechen. Sven wusste ja von nichts und würde sicher bald auftauchen. Und dann war es Bea, die rief: „Schau, dort, die Drachenflieger. Da muss Sven dabei sein.“ Und bald darauf: „Da ist er. Ich erkenne ihn an seinem Fallschirm in den schönen Regenbogenfarben.“
Auch Nicole sprang auf und schaute sich das Schauspiel am Himmel an. Sven kam immer näher und näher auf sie zu und damit auch das Banner mit der Frage: ‚Willst du mich heiraten?’
Bea wurde blass, dann rot, dann wieder blass. Dann schrie sie, in der Hoffnung, dass Sven sie hören konnte: „Ja, mein Liebling, ja, ja, ja!“
Kai war weiß wie die Wand. Hier lief etwas aus dem Ruder und zwar gewaltig. Das war SEIN Heiratsantrag an Nicole und nicht der von Sven an Bea.
Kai musste jetzt die Wahrheit sagen, sonst würde sein Freund ihm den Kopf abreißen. „Aber das war doch gar nicht so geplant“, sagte er panisch, und an Bea gerichtet: „Du solltest gar nicht hier sein, zu diesem Zeitpunkt. Sven ist nur der Überbringer der Frage. Gemeint bist du, Nicole. ICH möchte DICH fragen, ob du mich heiratest.“
Am Abend saßen die vier gemeinsam beim Italiener. Nicole strahlte mit ihrem Verlobungsring, den sie stolz am Finger trug, um die Wette. Bea hatte sich inzwischen wieder beruhigt, auch wenn sie immer noch nicht über die Situation lachen konnte. Sie hätte sich halt auch sehr über einen Heiratsantrag gefreut.
Als sie ihr Tiramisu löffelten, griff Sven plötzlich in seine Jackentasche und begann, rote Rosenblätter auf dem Tisch zu verteilen. Alle Blicke waren von dem Moment an auf ihn gerichtet.
Er nahm die Hand seiner Freundin und sagte: „Dass du so enttäuscht wurdest, war von mir wirklich nicht geplant. Aber heute läuft eben nichts nach Plan. Vielleicht aber doch. Nämlich dann, wenn auch du ‚Ja’ auf meine Frage sagst.“
Dabei holte er ein kleines Schächtelchen aus seiner anderen Jackentasche, kniete vor seiner Freundin nieder und stellte die Frage aller Fragen.
Ein halbes Jahr später wurde eine romantische Doppelhochzeit gefeiert.

© Martina Pfannenschmidt, 2018

Dienstag, 8. Mai 2018

Ein Rollator kommt mir nicht ins Haus


„Hallo, ich bin’s“, rief Astrid, nachdem sie die Tür zur Wohnung ihrer Mutter geöffnet hatte. Schlagartig blieb Astrid stehen: „Ach du meine Güte, wonach riecht es denn hier?“
Ohne Umschweife ging sie direkt in die Küche, da der beißende Geruch von dort zu kommen schien.
„Ach Kind“, gestand Martha sogleich, „so etwas ist mir wirklich noch nie passiert. Ich war doch nur kurz gegenüber bei Elfriede. Und dann das!“
Astrid hatte den Eindruck, als sei ihre Mutter den Tränen nahe.
„Nun lass mal, Mutti“, erwiderte sie deshalb und nahm ihr den Putzschwamm aus der Hand. „Jetzt bin ich ja da. Setz dich in deinen gemütlichen Sessel ins Wohnzimmer. Ich mach das hier schon und du erzählst mir gleich, wie das passieren konnte.“
„Also das war so“, berichtete Martha eine Weile später, „ich wollte mir Milchreis kochen und dachte, dass ich die Herdplatte ausgestellt hätte. Aber das habe ich wohl vergessen. Als ich zurückkam, war der Reis komplett angebrannt. Meine Güte, was da alles hätte passieren können, wenn ich nicht rechtzeitig zurückgekehrt wäre.“
Einfühlsam nahm Astrid das Wort. „Da haben wir noch einmal Glück gehabt, nicht wahr. Aber weißt du, so etwas kann immer mal passieren.“
„… wenn man alt wird und tüdelig“, warf Martha deprimiert ein.
„Weißt du, ich denke, dass es auch Jüngeren passieren kann, doch vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, wo du mein Angebot, dass ich für dich mitkoche, annehmen solltest.“
Martha sah Astrid traurig an: „Aber du hast doch mit deiner Familie schon genug Arbeit.“
„Ich würde ja nur eine etwas größere Portion kochen. Das ist gar keine zusätzliche Arbeit und noch eins: DU bist auch ein Teil meiner Familie. Ein sehr wichtiger sogar.“
Martha freute sich über die Aussage ihrer Tochter und erwiderte: „Du hast sicher recht mit dem, was du sagst. Also gut. Dann nehme ich dein Angebot gerne an.“
Astrid nickte.
„Du, Mutti“, begann sie bald darauf mit einem Thema, von dem sie wusste, dass es bisher ebenfalls nicht gut ankommen war, „wo wir schon mal über das Älterwerden sprechen. Wie wäre es denn, wenn du die Sache mit dem Rollator doch noch einmal überdenkst. Weißt du, er gäbe dir Halt und Stütze, wenn du spazieren gehst und mir das gute Gefühl, dass du sicher unterwegs bist.“
Martha sah ihre Tochter mit blitzenden Augen an. „Soooo alt bin ich nun auch noch nicht. So ein Ding kommt mir nicht ins Haus.“
Damit war dieses Thema wieder einmal vom Tisch.
Nachmittags ging Martha wie so oft im nahe gelegenen Park spazieren.
In der Nähe des kleinen Teiches, auf dem vergnügt ein paar Enten und Schwäne schwammen, setzte sie sich nieder, um die Ruhe und Idylle des Augenblicks zu genießen und auch, um sich vor dem Heimweg ein bisschen auszuruhen.
Als sie eine kleine Weile gedankenverloren dort gesessen hatte, wurde sie unerwartet angesprochen: „Entschuldigung! Wäre es Ihnen recht, wenn ich mich zu Ihnen setze?“
Martha sah hoch und direkt in zwei sehr warmherzige rehbraune Augen. Sie gehörten zu einem älteren, dynamisch wirkenden Herrn mit grauen Haaren, der auf Anhieb einen sehr sympathischen Eindruck auf sie machte. Deshalb nickte Martha und antwortete auf seine Frage: „Sehr gerne!“
In dem Moment sah sie ihn! Das Objekt des Schreckens!
Behände stellte der Mann seinen Rollator direkt neben der Parkbank ab, entnahm diesem zwei Kissen und bot ihr eines davon an.
„Nehmen Sie nur“, meinte er freundlich, „man sitzt so viel bequemer und dank meines neuen Mobiles war es überhaupt kein Problem, diese zu transportieren.“
Gerne nahm Martha das Kissen an und der Mann fuhr fort: „Wissen Sie, zuerst habe ich mich ja vehement dagegen gesträubt. Doch das Ding ist wirklich nützlich. Man kann sich sogar darauf ausruhen, wenn man möchte. Allerdings ziehe ich den Platz neben einer so charmanten Dame in jedem Fall vor.“
Martha genoss die Zeit, denn wie sich herausstellte, war sie an einen Charmeur der alten Schule geraten. Die beiden älteren Menschen unterhielten sich lange und verabredeten sich sogar für den kommenden Tag in einem Café.
Als Martha am Abend über den zurückliegenden Tag nachsann, griff sie ohne zu zögern zum Telefon: „Hallo Astrid, Mutti hier! Du, ich habe mir das noch mal überlegt. Von mir aus kannst du mir so einen Rollator besorgen!“

© Martina Pfannenschmidt, 2018

Mittwoch, 2. Mai 2018

Das Vogelkind


Lilly, ein süßes kleines Mädchen mit blonden Haaren und niedlichen Zöpfen, spielte draußen im Garten. Die Sonne schien und die Kleine trug ihr Lieblingskleid. Es hat Rüschen am Halsausschnitt und am Saum und ist übersät mit unzähligen kleinen und kunterbunten Punkten.
Ohne Unterlass bemühte sie sich, ihren nagelneuen und quietschgelben Hula-Hoop-Reifen um ihre Hüften kreisen zu lassen. Gar nicht so einfach, diese so zu schwingen, dass der Reifen nicht zu Boden fiel. Leider passierte ihr das immer und immer wieder. Doch Lilly gab nicht auf. Sie gab niemals auf. Tapfer übte sie weiter.
Während sie zum xten Mal ihren Reifen vom Boden aufnahm, sah sie, wie eine Amsel aufgeregt umher hüpfte und dabei warnende Rufe ausstieß. Lilly war sofort klar, dass dort etwas nicht stimmte. Spontan warf sie den Reifen zur Seite und machte sich langsam auf den Weg Richtung Gebüsch. Schließlich wollte sie den Vogel nicht vertreiben, sondern nur schauen, was ihn derart in Aufregung versetzte. Leise und einfühlsam sprach sie auf ihn ein: „Was ist denn los mit dir? Warum zeterst du hier so herum?“
Vorsichtig bog das Mädchen einen Zweig zur Seite und schon sah es die Bescherung. Ein Vogelkind war aus dem Nest gefallen. Kein Wunder, dass die Mama derart reagierte. Was war zu tun? Der kleine Vogel konnte noch nicht fliegen, saß verschreckt und zusammen gekauert dort. Er gab wirklich ein trauriges Bild ab. Lilly musste eingreifen, und zwar, bevor die Nachbarkatze etwas mitbekam und sich das Vogelbaby schnappte. – Ein schauerlicher Gedanke.
Während das Mädchen versuchte, das Kleine vorsichtig zu greifen, flog die Vogelmama aufgeregt um Lilly herum.
„Ich will dir und deinem Kind doch nur helfen“, rief sie ihr zu. „Schau, ich glaube, dein Kleines hat sich am Bein verletzt. Das muss ich meiner Mama zeigen. Die wird es schienen und dann behalten wir dein Kind bei uns im Haus. Hörst du! Wir werden uns ab jetzt darum kümmern. Mach dir bitte keine Sorgen und achte auf deine anderen Kinder!“
Behutsam ging das Mädchen mit dem kleinen Patienten in ihrer Hand Richtung Haus. „Mama, komm schnell“, rief Lilly, als sie die Küche betrat, „wir müssen ein Vogelbaby retten.“
Mama musste schmunzeln. Sie wusste schon gar nicht mehr, wie viele verletzte Tiere ihre Tochter schon nach Hause gebracht hatte. Diesmal war es nun ein Vogel und wie es schien, hatte er sich am Bein verletzt.
„Mama, du musst dem Vogel das Bein schienen. Er hat sich beim Sturz aus dem Nest verletzt“, meinte Lilly besorgt.
„Aber wie stellst du dir das vor?“, fragte Mama. „So ein kleines Beinchen. Wie sollen wir das schienen?“
„Dir muss etwas einfallen! Dir fällt doch immer etwas ein!“
Bald darauf brach Mama ein Streichhölzchen auf die Länge des Vogelbeinchens. Achtsam legte sie es an und fixierte es mit einem schmalen Klebestreifen, während Lilly den kleinen Vogel vorsichtig in ihren Händen hielt.
„Sieht doch gut aus, oder?“, fragte Mama und war recht stolz auf das Ergebnis.
„Sieht super aus“, bestätigte Lilly und fragte sogleich: „Und nun, was machen wir jetzt mit ihm?“
Mama holte ein weiches Kissen und boxte mit ihrer Hand eine Kuhle in die Mitte.
„Leg ihn dort hinein“, meinte sie, „und dann ab Marsch mit dir in den Garten und Regenwürmer suchen. Wenn der Kleine überleben soll, braucht er Futter.“
Dass Lilly da nicht selber drauf gekommen war. Klar, sie musste Futter suchen. Jetzt war sie ja quasi die Vogelmama. Doch so leicht, wie es bei den Vögeln aussah, war die Regenwürmersuche für Lilly nicht. Dennoch gab sie nicht auf. Wie so oft schon, zeigte das Mädchen auch in dieser Beziehung Durchhaltevermögen - und das sogar über viele Tage.
Der kleine Vogel wuchs prächtig und auch sein Bein war bald geheilt. Er würde überleben und eines Tages das Fliegen erlernen.
Zwar wusste Lilly noch nicht, wie sie ihrem Schützling dies beibringen sollte, doch sie würde es schaffen. Da war sie sich sicher. Sie müsste nur die anderen Vögel beobachten und es ihnen gleichtun. Und wenn sie darin erfolgreich wäre, würde sie vielleicht eines Tages eine Fliegeschule eröffnen.
Wie es nicht anders zu erwarten war, gelang es Lilly tatsächlich, dem Vogel nicht nur das Suchen nach Futter beizubringen, sondern auch das Fliegen. Bald schaffte das herangewachsene Vogelkind ein paar Flügelschläge und irgendwann hielt es sich tapfer in der Luft. Lilly war so stolz auf ihren Schützling – aber ein kleines bisschen auch auf sich selbst.
Gerade als ein paar Abschiedstränchen kullern wollten, kam der Vogel zurück und setzte sich auf Lillys Schulter.
Sie drehte ihren Kopf zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr: „Mach es gut, mein Kleiner und wenn du magst, dann komm mich doch mal wieder besuchen.“
Von da an sah man täglich, wie ein kleiner Vogel auf der Fensterbank unter Lillys Zimmerfenster hockte und mit seinem Schnabel an die Scheibe pickte. Das machte er so lange, bis das Fenster geöffnet wurde und ein kleines Mädchen mit blonden Haaren und niedlichen Zöpfen heraus schaute, die Hand ausstreckte und den Vogel für ein paar Minuten an ihr Herz drückte.

© Martina Pfannenschmidt, 2018

Montag, 9. April 2018

Frühlingserwachen (Gedicht)


Mensch, spürst du es auch?
Der Wind, so sanft wie ein Hauch,
rüttelt, wenn er so leise weht,
am kleinen Köpfchen des Tète à Tète.
Er läutet damit den Frühling ein -
mit bunten Farben und Sonnenschein.

Und auch der Tulipan ganz sacht
aus seinem Winterschlaf erwacht.
Der Blaustern fragt sich, ganz verschreckt:
„Wer hat mich aus dem Schlaf geweckt?“
Die Primel sagt: „Ich könnte schwören,
einen Glockenklang zu hören“.

Auch der Igel hat’s vernommen
und ist aus dem Versteck gekommen.
Die Meise baut jetzt ganz geschwind
an einem Nestchen für ihr Kind.
Und auf der Wiese nebenan
man kleine Lämmchen sehen kann.

Lässt du dich dann davon berühren,
kannst du die Zauberkraft verspüren.
Und du riechst den süßen Duft,
der jetzt liegt in der Frühlingsluft.
Dann wird auch dir das Herze weit,
und große Freude macht sich breit.

© Martina Pfannenschmidt

Samstag, 31. März 2018

Ungelegte Eier

Der blaue Himmel mit strahlendem Sonnenschein kündigte das nahende Frühjahr an, so dass die Tiere aus ihrem Winterschlaf erwachten und die Menschen ihre Mützen und Schals zurück in den Schrank legten. Überhaupt war allerorten ein Gewimmel und Gewusel zu vernehmen und noch etwas lag spürbar in der Luft: Frühlingsgefühle!

Und so hatte auch Roberta ihren Liebsten bereits gefunden, aber nicht nur das. Sie würden bald Eltern von drei zauberhaften kleinen Rabenkindern sein. Zum ersten Mal wurde sie Mutter und sie führte die Aufgabe, die ihr nun zukam, mit großer Hingabe und voller Stolz aus.

Während sie völlig entspannt und überaus glücklich auf ihren Eiern saß, hatte sie viel Zeit, um nachzudenken. Zum Beispiel darüber, ob sie eine gute Mutter sein würde. Sie wusste, dass Rabenmütter bei den Menschen einen schlechten Ruf genießen. Das empörte Roberta jedoch, weil es einfach nicht der Wahrheit entspricht. Rabenmütter schubsen ihre Kinder nicht aus dem Nest, wie manchmal vermutet wird, sondern die Jungvögel verlassen es freiwillig, und das, bevor sie fliegen können. Roberta musste sich allerdings eingestehen, dass die am Boden hockenden Jungtiere wirklich sehr verlassen wirken. Doch das ist nicht so. Rabeneltern versorgen ihre Kinder auch dann noch mit Nahrung und beschützen sie vor Feinden.
Während Roberta all diese Gedanken durch den Kopf gingen, geschah etwas Eigenartiges. Sie machte sich plötzlich Sorgen. Sorgen darum, wie es sein würde, wenn sie nicht genügend Futter fänden oder wenn sie ihre Kinder doch nicht beschützen könnten. Was wäre, wenn Robert, der Rabenvater in spe, gar nicht zu ihr zurückkäme, weil ihm etwas zugestoßen war und sie ihre Kinder alleine aufziehen müsste? Sie als alleinerziehende Mutter?! Ob sie das schaffen würde? Roberta wurde regelrecht übel!
Das Gedankenkarussell in ihrem Kopf ließ sich einfach nicht mehr anhalten, ganz im Gegenteil. Es schien, als würde es immer mehr an Fahrt aufnehmen und schneller und schneller werden. Roberta malte sich letztendlich rabenschwarze Szenarien aus.
In Gedanken sah sie sich völlig ausgemergelt unter einem kläglichen Baum sitzen; ihre Kinder, fast verhungert, neben sich.
Es war verrückt, doch es schien, als würde es in ihrem Nest immer enger, weil die Sorgen einen so großen Raum einnahmen. Ihr gerade noch empfundenes Glück hatte sich anscheinend unter das Nest verkrochen und war nicht gewillt, wieder hervorzukommen.
Eigentlich könnte sie glücklich sein, sagte sie sich, zufrieden mit dem Moment, doch stattdessen fütterte sie ihre Sorgen, die immer dicker wurden, so dass für das Glück dem Anschein nach gar kein Platz mehr war.
Just in dem Moment setzte sich ein junges Paar auf die Bank unter dem Baum, auf dem Roberta saß.
„Hätte ich mir doch nur einen anständigen Job gesucht“, sagte die männliche Person. „Weißt du, was Sicheres, wie eine Ausbildung bei einer Bank oder so. Manchmal denke ich, dass ich an jeder Gabelung einen falschen Weg gewählt habe.“
„Bei der Bank!“, rief die weibliche Person aus. „Als wenn du dort glücklich geworden wärst. Du interessierst dich doch überhaupt nicht für Zahlen, nicht einmal für meine Schuhgröße.“
Dabei lachte sie auf und meinte anschließend: „Hör auf, dich in ‚Hätte-ich-nurs’ zu verstricken. Das bringt doch nichts. Du bist durch und durch Musiker und kein Banker.“
„Werde ich denn auf Dauer wirklich genug damit verdienen? Also, ganz ehrlich, das macht mir schon Sorgen.“
„Das verstehe ich ja, doch vielleicht ist das jetzt gerade so eine Art Durststrecke, die es zu überwinden gilt.“
„Aber schau“, erwiderte der Mann, „nicht einmal meine Eltern glauben an meinen Erfolg. Ich sei ein Träumer, sagen sie.“
„Oh, das kenne ich“, meinte die Frau daraufhin, „es tut ganz schön weh, wenn andere über uns urteilen. Wie uns das verletzt, weiß ich aus eigener Erfahrung; doch wenn wir nicht auf unser Herz hören, sondern uns zu sehr von der Meinung anderer beeinflussen lassen, leben wir letztendlich nicht mehr unser Leben und unsere Träume, sondern die der anderen. Ja, ich weiß, es ist leicht, zu sagen, mach dein Ding und hör nicht auf andere. Aber bedenke bitte, dass niemand weiß, was die Zukunft für ihn bringen wird. Sie ist sozusagen wie ein ungelegtes Ei für uns. Also hör auf, darüber zu brüten, was möglicherweise, eventuell, irgendwann einmal passiert.“
Nach diesem kurzen Gespräch erhoben sich die beiden Menschen und setzten ihren Weg fort.
Im selben Moment kam Robert zurück und ließ sich auf einen Zweig direkt neben Roberta nieder. Sie sah ihn mit weit geöffneten Augen an, als sie tief beeindruckt sagte: „Das ist wirklich spektakulär!“
„Was denn, mein Liebes?“
„Dass die Menschen in der Lage sind, ungelegte Eier auszubrüten!“

© Martina Pfannenschmidt, 2018

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Allen Besuchern
meines
Blogs
wünsche ich 
von Herzen ein
frohes Osterfest!



Freitag, 23. März 2018

Glückskinder

Heimlich strickte Hanna an einem kleinen rosa Jäckchen, so, wie sie es früher schon für ihre Tochter getan hatte. Dazu gehörte noch eine passende Mütze und fertig war die Ausfahrgarnitur. Ob man diesen Ausdruck heute überhaupt noch benutzte? Egal! Hanna freute sich riesig auf ihr erstes Enkelkind und die zukünftige Mama hoffentlich über diese Handarbeiten.
Als die Haustür aufgeschlossen wurde, versteckte sie das Jäckchen rasch in ihrem Handarbeitskorb. Einen Moment später lugte Nadine durch die Tür. „Störe ich, oder trinkst du mit mir einen Kaffee?“
„Natürlich störst du nicht“, erwiderte Hanna und erhob sich aus ihrem Sessel. „Klar koche ich uns einen Kaffee. Ich freue mich doch über deinen Besuch.“
„Wie du weißt, bin ich jetzt im Mutterschutz und deshalb werde ich dich wohl häufiger besuchen, sonst fällt mir nämlich die Decke auf den Kopf.“

Hanna lachte: „Schon nach zwei Tagen?“ 
„Du weißt doch, dass mir schnell langweilig wird. Immer nur lesen ist nicht meins, ja und Handarbeiten schon gar nicht. Aber wem erzähle ich das?!“
Als die beiden Frauen später am Küchentisch saßen und über dies und das plauderten, waren deutliche Kindsbewegungen zu spüren. Nadine strich daraufhin beruhigend über ihren Babybauch und meinte: „Die Kleine wird uns auf Trab halten, ich sag’s dir. Die macht jetzt schon immer Radau.“
„Wenn sie nach ihrer Mutter schlägt, wird es so kommen!“, entgegnete die zukünftige Oma und konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen.
„Du willst doch wohl nicht behaupten, dass ich ein Rowdy bin“, erwiderte Nadine und tat ein bisschen beleidigt.
„Nein, natürlich nicht. Du weißt, wie ich es meine. Du bist halt gerne in Bewegung und dagegen ist wirklich nichts einzuwenden. Übrigens sollten wir uns nicht zanken. Du weißt ja, dass der kleine Wurm bereits mithört.“
„Oh ja, das weiß ich. Deshalb unterhalte ich mich ganz viel mit der Kleinen und erzähle ihr von ihrem zukünftigen Zuhause.“
„Hast du die Tasche fürs Krankenhaus schon gepackt?“, erkundigte sich Hanna nach einer Weile.
Nadine nickte: „Ganz ehrlich, so ein bisschen Bammel hab ich schon vor der Geburt. Aber dann sage ich mir immer, dass schon so viele Kinder geboren wurden. Da werde ich es wohl auch schaffen.“
„Ganz gewiss! - Weißt du, meine Erfahrung ist, dass die Mamis, die ihre Kinder im Moment der Geburt nicht loslassen können, es schwerer haben und dass es für die Mütter einfacher ist, die es gar nicht erwarten können, ihr Baby in ihren Armen zu halten.“
Nadine erwiderte daraufhin, dass sie gelesen habe, dass die Kinder, deren Mütter angstfrei in die Geburt gehen, bei späteren Prüfungen in ihrem Leben auch angstfreier seien.
„Das ist interessant und durchaus vorstellbar“, entgegnete Hanna.
Nach einer Weile des Schweigens meinte Nadine: „Weißt du, ich mache mir viel mehr Gedanken darüber, wie es sein wird, wenn das Kind da ist. Wie ich als Mutter sein werde und ob wir viele Fehler machen bei der Erziehung. Darüber mache ich mir im Moment mehr Gedanken, als über die Geburt.“
„Lass es auf dich zukommen, Kind. Du wirst ganz sicher Fehler machen, so wie wir es alle getan haben und immer noch tun.“
„Vielleicht lese ich im Moment ja auch zu viele von diesen Ratgebern“, meinte Nadine nachdenklich. „Aber man erfährt wirklich interessante Dinge. Ich habe zum Beispiel gelesen, dass man das Kind durchaus früh an die Hausarbeit heran führen soll. Wenn es nämlich niemals seinen Teller selbst abspülen muss, dann ist sein Fazit daraus, dass es wohl ein anderer machen wird. Wenn man das Kind aber mit einbezieht, macht es die Erfahrung, dass jeder einen Teil zum Ganzen beizutragen hat.“
„Das ist ja hoch interessant“, rief die künftige Oma aus. „Und wer hat immer gemeckert, wenn ich ihn zur Hausarbeit angehalten habe?“
„Ja, ich weiß“, antwortete Nadine schuldbewusst, „aber heute sehe ich das ganz anders. Wer früh mit anpacken darf, kann später besser mit anderen Menschen zusammen arbeiten. Auf jeden Fall wird man dadurch viel selbständiger. In dieser Beziehung hast du also alles richtig gemacht.“
„Dein Uropa sagte immer“, erinnerte sich Hanna, „dass die ersten Jahre bedeutend sind für die Entwicklung des Kindes. Ob dein Kind später im Knast landet oder mit beiden Beinen im Leben steht, sagte er gerne, hängt maßgeblich von seinen Erfahrungen in den ersten Lebensjahren ab.“
„Mama, mach mir keine Angst.“
„Ach Quatsch! Opa drückte sich halt gerne drastisch aus, aber da ist schon was dran. Die Entwicklung sozialer und emotionaler Fähigkeiten ist für Kinder enorm wichtig. Und ganz sicher auch, dass sich die Eltern verstehen. Denn wer trägt es aus, wenn die Erwachsenen keinen guten Umgang miteinander pflegen und sich streiten? Die Kinder, die dann später unter Verlustängsten leiden.“
„Lach mich jetzt bitte nicht aus, wenn ich schon wieder erwähne, dass ich dazu etwas gelesen habe, aber es gibt Studien, wonach Kinder, die bei einem Elternteil aufwachsen, sogar besser klar kommen, als die, die mit beiden Eltern aufwachsen, dafür aber viele Streits erleben.“
„Das kann ich mir durchaus vorstellen. Die Hauptsache ist, dass du Verständnis für dein Kind zeigst und es nicht einengst, wie eine Übermutter.“
Nadine lachte: „Nein, eine Helikopter-Mutter werde ich ganz sicher nicht. Das kann ich mir absolut nicht vorstellen, aber auch nicht, dass ich eine besonders strenge Mutter sein werde. – Hab ich übrigens schon erwähnt, dass ich gelesen habe, dass Eltern nicht zu streng mit ihren Kindern sein sollen, sondern dass die Kinder später viel erfolgreicher werden, wenn man ihnen Durchhaltevermögen beibringt.“
„Weißt du, Nadine“, erwiderte Hanna ernst, „ich glaube ganz fest, dass sich diese kleine Seele euch als Eltern erwählt hat, weil sie bei euch genau die Erfahrungen sammeln darf, die sie braucht, um zu wachsen. Und wenn ihr euer Kind bei allem unterstützt, macht ihr schon ganz viel richtig. Und wenn ihr immer zu ihm steht und es eure Liebe spürt, wird es ein glückliches Kind sein. Und Glückskinder gibt es wahrlich nicht viele auf dieser Welt.“

© Martina Pfannenschmidt, 2018