Freitag, 15. Mai 2020

Kino und Popcorn


Es ist wieder Zeit für eine neue Reizwörtergeschichte - und das waren diesmal unsere Vorgaben:  Kerl, Angebot, segnen, wuschelig, fertig

Wie immer, so gibt es auch diesmal weitere Geschichten mit diesen Wörtern bei Lore und Regina zu lesen.

Ich möchte euch gerne von mir und meinem Leben mit meinem Besitzer erzählen und das tue ich doch am besten, bevor ich das Zeitliche segne.
Ihr merkt schon, ich habe Humor. Den muss ich auch haben. Mein Eigentümer ist nämlich ein ziemlich spezieller Kerl.
Ihr glaubt gar nicht, wie viele Frauen ich schon an seiner Seite gesehen habe.
Doch bevor ich von einigen seiner Bekanntschaften berichte, erzähle ich zunächst einmal, wie mein Besitzer und ich überhaupt zueinander fanden. Das war nämlich so: Das Angebot an Sofas war in diesem Möbelhaus sehr groß und so stand ich zwischen vielen meiner Kollegen und einige sahen zugegebenermaßen um einiges besser aus, als ich in meinem mausgrauen Anzug.
Und so kam es, dass ich eine lange Zeit unbeachtet dort mein Dasein fristete und zwar genau bis zu dem Moment, in dem Milo das Haus betrat. Er sah mich – und wohl auch meinen reduzierten Preis – und schwupp die wupp nahm er mich mit zu sich nach Hause.
Ein paar Freunde hievten mich durchs Treppenhaus in seine Wohnung. Dabei hab ich mir den einen oder anderen kleinen Kratzer an meinen dunklen Holzbeinen zugezogen, doch wie sich herausstellte, störte das meinen Besitzer in keiner Weise.
Damals lebte Franz-Ferdinand noch bei ihm. Er war ein süßer kleiner Hund mit weißem, sehr wuscheligem Fell. Natürlich durfte er es sich auf mir bequem machen. Und das tat er auch gerne und oft.
Spätestens abends, wenn Milo auf mir seinen Platz einnahm, setzte sich der Hund neben ihn, um sich ein paar Streicheleinheiten abzuholen.
Okay, ich gebe es zu: Manchmal war ich schon ein bisschen neidisch auf den Köter. Sorry: auf Franz-Ferdinand. Für mich blieben überhaupt keine Streicheleinheiten übrig. Ich wurde nur hin und wieder – nämlich genau dann, wenn Milo wieder einmal ein neues weibliches Wesen zu sich in die Wohnung eingeladen hatte -abgesaugt.
Das war dann auch dringend nötig, denn neben dem einen oder anderen Chips- oder Kekskrümel zierten mich etliche Hundehaare. Aber das tat meiner Schönheit in den Augen meines Besitzers wohl keinen Abbruch.
Ja, dann erzähle ich euch doch am besten mal von der ersten Dame, die ich kennenlernen durfte und deren Allerwertester auf mir landete.
Die junge Frau, die auf den Namen Aurelia hörte, war zwar sehr hübsch, aber ebenso kindisch. Ständig kicherte sie albern herum und das nervte schließlich nicht nur mich, sondern auch Milo. Von daher gibt es über diese Dame nicht viel zu erzählen, da sie schnell der Vergangenheit angehörte. Von daher sage ich es mit den Worten von Giovanni Trapattoni: Ich habe fertig!
Nach ihr kam eine Dame, die mich wirklich beeindruckt hat und über die ich mich gerne auslassen möchte.
Sie hieß Tilda und war ein kleines bisschen verrückt. So sagte sie beispielsweise über sich, dass sie ein Feind – räusper: eine Feindin – der lieblosen Sprache sei. Ja, da hab ich genau so dumm aus der Wäsche geschaut, wie Milo, doch was sie dann ausführte, war echt interessant. So riet sie ihm zum Beispiel, kurze Sätze zu formen. Allerdings auch keine abgebrochenen, wie zum Beispiel: „Komme gleich!“ oder „Bin gleich wieder da!“
Sie meinte, dass ihr Ich-lose, lieblose und unvollständige Sätze ein Graus seien und dass die Menschen, die das ‚ich‘ aus ihren Sätzen strichen, sich selbst quasi aus dem Geschehen streichen würden.
Habt ihr darüber schon einmal nachgedacht? Also ich nicht und mein Besitzer auch nicht.
Tilda war ebenso ein Fan von wohltuenden Wörtern. Dazu zählte sie Wörter wie Heilung, Güte, Ehrlichkeit, Weisheit, Geduld und Wohlwollen. Aber mal ehrlich, wie oft benutzt man sie? Also Milo benutzt sie eher selten oder nie.
Richtig witzig fand ich auch ihre Reaktion, als mein Besitzer meinte: „Ich gehe jetzt eine Runde joggen und später beim Bäcker vorbei!“ Klar, jeder weiß, was gemeint ist, doch Tilda berichtigte ihn sogleich: „Du gehst also joggen und später zum Bäcker, um dort einzukaufen?“ 
Ich sehe noch den dummen Blick, den Milo ihr zuwarf, als er antwortete: „Hab ich doch gesagt!“ – Also die Debatte, die sich anschloss, die erspar ich euch, aber diesen Satz, den Tilda als Vergleich brachte und den man hin und wieder in Krankenhäusern hört, den erspare ich euch nicht: „Wir haben den Patienten verlegt.“ Kicher! Hoffentlich finden sie ihn bald wieder.
Inzwischen ist Tilda längst Geschichte und jetzt gibt es Valentina in unserem Leben. Das ist wirklich eine ebenso außergewöhnliche Frau mit noch abenteuerlicheren Gedanken.
Valentina denkt nämlich stets ‚im Großen‘. Also, ich meine damit, dass sie nicht nur an sich denkt und was für sie am besten ist, sondern sie denkt darüber nach, was für die ganze Welt das Beste wäre. Also ehrlich, so einen Menschen hatte ich vorher noch nicht kennen gelernt.
Also eines haben sie und Tilda gemeinsam: auch Valentina ist der Meinung, dass eine gute Kommunikation wichtig ist. Und sie meint sogar, dass die Menschen im Moment Masken trügen sei ein Sinnbild dafür, dass sie sich ohnehin oft hinter ihren imaginären Masken aus Lügen verstecken würden. Diese These ist schon sehr gewagt, wie ich finde. Allerdings hatte ich schon oft den Eindruck, dass die Menschen nicht ehrlich miteinander umgehen. Insofern hat Tilda recht.
Übrigens gab es letztens zwischen ihr und Milo eine Debatte, weil sie der Meinung ist, dass er viel zu viel ‚Zeug‘ besitzt. „Willst du dich nicht irgendwann einmal von all dem Ballast befreien?“, fragte sie ihn. „Es gibt so viele Dinge in deinem Leben, die du gar nicht benötigst. Was meinst du, wie leicht dein Leben würde, wenn du dich nur auf das Nötigste konzentrieren würdest.“
Mir wurde ehrlich gesagt etwas mulmig bei dieser Aussage. Vielleicht gehöre ich in ihren Augen ja auch zu dem Müll, der nicht benötigt wird. Aber das glaube ich eigentlich nicht. Und außerdem: So schnell entsorgt Milo mich nicht. Schließlich sind wir zwei wie Topf und Deckel, wie Salz und Pfeffer, wie Mond und Sterne oder wie Kino und Popcorn.

© Martina Pfannenschmidt, 2020


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Mittwoch, 15. April 2020

Die K-Frage


Reizwörter: Osterfest, Ergebnis, rostig, zufrieden, fangen

Wie immer, so findet ihr auch diesmal bei Regina und Lore eine Geschichte (bzw. ein Gedicht) mit diesen Reizwörtern.


Ich sitze am Frühstückstisch – alleine. Ich sitze oft alleine am Frühstückstisch. Das ist so, wenn man Single ist. Und doch ist es in den letzten Wochen irgendwie anders.
Ich schlürfe meinen heißen Kaffee und mein Blick fällt auf die letzten bunten Eier, die vom vergangenen Osterfest übrig geblieben sind. Unweigerlich gehen meine Gedanken zurück in meine Kindheit. Meine Oma machte die schönsten bunten Eier und sie färbte sie mit Naturfarben. Bei den Roten war Rote Beete im Spiel. Aber sie färbte auch mit Zwiebelschalen und einer Farbe legte sie sogar zwei rostige Nägel bei. Das weiß ich noch genau. Das waren nämlich die Blauen. Aber woher nahm sie die blaue Farbe? Es will mir einfach nicht mehr einfallen. Schade eigentlich. Ich habe noch gute Erinnerungen an meine Oma, doch manches habe ich doch vergessen.
Ich nehme einen Schluck Kaffee und denke nach. Ja, ich gehöre auch zu denen, die plötzlich viel Zeit haben; die nicht über Ostern verreisen konnten und die vielen Aktivitäten nicht mehr nachgehen können. Wo fange ich an, wenn ich aufzählen möchte, was sich für mich alles verändert hat? Aber das ergeht ja allen anderen auch so und es führt ja zu nichts, wenn man ständig darüber nachdenkt.
Was sich bei mir in jedem Fall verändert hat, ist die Tatsache, dass ich jetzt jeden Tag mit meiner Mutter telefoniere. Sie ist schon über 90 und lebt in einem Seniorenheim. Eigentlich ist sie noch recht rüstig, doch jetzt verbringt sie die meiste Zeit des Tages in ihrem Zimmer – alleine. Genau wie ich. Doch ich denke, das ist doch noch etwas anderes. Ihr wird ein Tablett mit dem Essen vor die Tür gestellt und sie hat keinerlei Kontakt mehr zu den anderen Bewohnern des Hauses. Das finde ich irgendwie ganz grausam und ich darf sie ja auch nicht besuchen. Aber das Telefonieren geht wenigstens.
Früher, zu Kriegszeiten, hörten die Menschen oft über Monate nichts von ihren Lieben. Daran mag ich gar nicht denken. Doch zurück zu meiner Mutter. Als ich sie fragte, wie es ihr geht, antwortete sie, was sie immer antwortet: Ich bin zufrieden. Das ist so ihr Naturell. Sie fügt sich schnell in neue Situationen ein und ist kein Mensch, der ständig jammert oder klagt. Auch jetzt nicht. Und darüber bin ich wirklich froh.
Ich gieße mir Kaffee nach und schaue dem aufsteigenden Dampf zu. Wahnsinn, wofür ich plötzlich Zeit habe.
Aufgeräumt hab ich schon. Alle Schubladen und Schränke sind pikobello in Ordnung. Die Gardinen hab ich auch schon gewaschen. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen.
Aber irgendwie ist das schon komisch. Alle Welt räumt auf, schafft Ordnung. Vielleicht ist das aber nur der Anfang. Also das Aufräumen in den Schränken, meine ich. Vielleicht kommt da noch viel mehr und wir räumen vor lauter Langeweile auch in unserem Leben auf.
Wenn ich genau hinschaue, sehe ich, dass alle plötzlich so viel Zeit haben - und das ist in unserer schnelllebigen Welt und in unserem getakteten Alltag schon mehr als ungewöhnlich. Ist das nicht verrückt? Von 100 auf 0 in ein paar Tagen.
Das Erstaunliche ist doch, dass die Welt sich dennoch weiter dreht – im selben Tempo wie zuvor. Sie lässt sich davon nicht beeindrucken. – Alles wie immer.
Stellt euch nur mal für einen Moment vor, es gäbe ab Morgen kein Internet mehr. Keine digitalen Kanäle, keine Mails.
Doch so ist es ja nicht. Wir können ja immer noch alles mit allen teilen. Wir können Kontakte halten. Anders ist es dennoch, als sonst.
Und noch so vieles ist anders: Die K-Frage – also die Frage nach dem Kanzlerkandidaten hat sich gewandelt zu einer anderen K-Frage: Wo bitte kann ich Klopapier kaufen?
Wir können uns nicht mehr aufhalten, wo wir wollen und auch nicht mehr fortbewegen, wie wir es gewohnt waren. Etwas hält uns ‚in Schach‘ und zwingt uns, die Handbremse anzuziehen und wir werden noch zu mehr ‚gezwungen‘. Die Zeit mit unseren Familien zu verbringen, zum Beispiel, aber auch, einige Familienmitglieder und Freunde momentan nicht zu sehen.
Gerade in der Zeit der Kontaktsperre wird wohl jedem von uns bewusst, wie schön und wichtig der Austausch mit anderen, Geselligkeit und gemeinsame Aktivitäten sind. 
Wir können also diese Zeit durchaus nutzen, um dankbar zu erkennen, wie unglaublich wertvoll unsere Familien, Freunde – das Leben überhaupt – ist.
Konsumgüter, die wie selbstverständlich zu unserem Leben dazu gehörten, stehen momentan nicht mehr an erster Stelle. Wir sind froh, dass unsere Grundversorgung noch Bestand hat. Es gibt also wirklich keinen Grund, zu klagen. Wir alle werden immer noch mit allem versorgt. (Anders ist das bei der K-Frage. Da wird es schwierig.)
Es tut einfach gut, zu wissen, dass man sich irgendwann wieder treffen wird. Wie wird es sein, wenn wir das erste Mal wieder gemeinsam mit unseren Freunden in der Sonne in einem Café sitzen und unseren Cappuccino trinken? Wird er uns vielleicht viel besser schmecken, als sonst, weil wir dankbarer sind?
Vielleicht geht durch das Virus so eine Art Weckruf durch die Menschheit. Das würde ich mir von Herzen wünschen und auch, dass wir erkennen, dass wir viel sorgsamer mit der Natur umgehen sollten.
Wir denken, wir haben alles im Griff. Doch die Natur lehrt uns immer wieder, dass es anders ist. Sie wird sich niemals von uns Menschen beherrschen lassen.
Aber es gibt noch viel mehr zu erkennen, denn ich finde den Zusammenhalt, den die Menschen in diesen Tagen zeigen, wirklich bemerkenswert. Man sieht die Not und die Lage eines anderen wieder – man sieht sich und man hilft sich wieder.
Da sind die Jüngeren, die für die Älteren einkaufen. Musiker, die Gratiskonzerte geben … und … und … und
Jeder kann sich in diesen Tagen und darüber hinaus mit seinen Gaben und Fähigkeiten einbringen - und sei es mit einer ‚von-Herz-zu-Herz‘ geschriebenen Geschichte.  


© Martina Pfannenschmidt, 2020


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Samstag, 28. März 2020

Eigentlich ist alles, wie immer



 Ich sehe aus dem Fenster
und denke:
Eigentlich ist alles, wie immer:

Die Sonne strahlt,
der Himmel zeigt sein schönstes Blau.

Ein paar Amseln suchen nach Nahrung.
Andere sammeln kleine Ästchen
für die Nester.

Der Nachbarhund tobt über die Wiese,
freut sich darüber, dass jemand da ist,
der mit ihm spielt.

Die Bäume wiegen sich im Wind,
warten geduldig auf wärmere Tage,
um sich bald in ihrem grünen Kleid zu zeigen.

Sogar ein kleines Lämmchen sehe ich,
das mit noch wackligen Beinchen
über die Wiese stakst.


Eigentlich ist alles, wie immer.
Und doch ist nichts, wie immer.

Und ich denke:

Die Natur atmet auf –
die Natur atmet durch.

Es ist ‚nur‘ der Mensch betroffen.

Das macht mich betroffen
und nachdenklich.


© Martina Pfannenschmidt, 2020

Sonntag, 22. März 2020

Demut lernen


Liebe Leser meines Blogs!
In diesem Blog gab es bisher ‚nur‘ Geschichten oder Gedichte zu lesen. Ich habe es nicht mehr (so wie mein altes Blog) genutzt, um meine Gedanken mit euch zu teilen. Und ‚eigentlich‘ wollte ich das hier auch nicht mehr tun. Eigentlich! Doch in diesen Zeiten ist eben alles anders.
Viele bringen in diesen Tagen ihre Gedanken zu Papier und ich dachte: Auf meine Gedanken wird die Welt wohl kaum warten. Doch in den Posts schwingt so viel Kummer, Sorge und vor allen Dingen Angst mit, dass ich mich doch zu Wort melden möchte.
Wisst ihr, ich habe in den letzten Tagen viel nachgedacht. Schau mal an, dachte ich! Da gibt es die Freitagsdemonstrationen und die Bitte, doch die Flüge einzuschränken, um uns letztendlich nicht die Lebensgrundlage zu nehmen. Und scheinbar wurden die Bitten nicht erhört. - Und wenn doch? Zumindest wurde der Flugverkehr weitestgehend eingestellt. – Und die Folgen werden nicht nur negativ sein.
Meine Gedanken nehmen aber noch andere komische - kosmische - Wege. 
Was, wenn die Flüchtlinge, denen es nicht möglich war, eine Grenze zu passieren, sich gewünscht haben: Wenn doch all die Menschen, die uns hier stehen lassen, einmal selbst in die Lage kämen.
Und, was soll ich sagen – auch diese Wünsche scheinen sich erfüllt zu haben. Es ist uns nicht mehr so einfach möglich, eine Grenze zu Nachbarstaaten zu passieren.
Und dann sind da noch all die Kinder, deren Wunsch es war, dass Mama und Papa wieder mehr Zeit haben. – Was soll ich sagen! Sie haben wieder mehr Zeit!
Versteht ihr meine Gedanken? 
In einem Beitrag gestern in den Nachrichten fiel ein Wort, von dem ich denke, dass es eines der wichtigsten Wörter ist, das wir wieder lernen dürfen. Es ist das Wort: Demut! Genau das ist es, was wir aus all dem Dilemma herausziehen können.
Wir dürfen lernen, wieder demütiger zu sein: den Menschen gegenüber, der Natur gegenüber, aber - wie ich finde -, vor allem dem Göttlichen gegenüber.
Ein immer mehr und mehr musste eines Tages gestoppt werden. Klar, die Art und Weise hätten wir uns anders gewünscht. Die ‚Naturgesetze‘ liegen aber nicht in unserer Hand. Wenn wir das vergessen, werden wir daran erinnert und diese ‚Erinnerung‘ hat in diesem Fall wirklich dramatische  - und weltweite - Auswirkungen.
Das wirklich Schlimme - neben all den Toten, die diese Zeit fordert – wäre für mich, dass wir daraus nichts lernen.
Doch ich bin ziemlich sicher, dass ein ‚weiter so‘ nach dieser Zeit nicht mehr möglich sein wird. Aber das war wohl notwendig.
Der Sinn meines Posts soll sein: Habt Vertrauen in das göttliche Wirken, das von uns Menschen vielleicht nicht immer sogleich erkannt, vielleicht aber sogar ersehnt wurde, und lasst uns alle wieder demütiger werden!
Bleibt gesund und seht diese Zeit auch als Chance für eine (wie auch immer geartete) bessere Zukunft.


Montag, 16. März 2020

Manchmal ist es schön, sich zu erinnern

Reizwörter: Frühling, Luft, bunt, übermütig, glücklich

Wie immer findet ihr auch diesmal weitere Geschichten mit diesen Reizwörtern bei Regina und Lore!

Übermütig hüpfte Tine mit ihren quietschgelben Gummistiefeln an den Füßen über die Wiese hinter ihrem Haus.
Endlich, endlich hatte es aufgehört zu regnen und endlich war es so warm, dass sie weder eine dicke Jacke, noch eine Mütze oder gar Handschuhe benötigte.
Diesen Zustand genoss sie mit weit ausgebreiteten Armen, während sie sich tanzend im Kreis drehte.
Als sie ein paar Gänseblümchen auf der Wiese sah, blieb sie stehen, um sie zu zählen. Eins, zwei, drei … zehn! - Es waren tatsächlich zehn Gänseblümchen, die auf einer Fläche blühten, die so groß war wie ihre Schuhsohle.
Das fand Tine super, weil sie von Papa wusste, dass das ein deutliches Zeichen für den Frühling ist. Es müssen aber mindestens 10 Gänseblümchen auf dieser Fläche sein.
Ja, es war Frühling. Das war deutlich zu riechen, zu hören und vor allen Dingen zu sehen. Die Luft war mild und Tine atmete tief ein und wieder aus. Glücklich lief sie weiter, hin zu dem Beet, auf dem alles bunt zu blühen begonnen hatte.
Zwar konnte sie die Blumen nicht mit Namen benennen, aber das war gar nicht wichtig. Die Hauptsache war doch, dass sie blühten und vom Frühling erzählten.
Was Tine nicht bemerkte: Hilde, eine ältere Dame aus dem Nachbarhaus, saß an ihrem Küchenfenster und beobachtete sie.
Die ältere Frau freute sich über das ausgelassene Treiben der Kleinen und dachte an ihre eigene Kindheit zurück. Ihr kam in den Sinn, dass man früher weder ein Handy, noch ein Telefon benötigte, um sich zu verabreden. Man ging einfach nach draußen und da traf man auf alle Kinder, die in der Nachbarschaft wohnten.
Heute ist das anders. Es leben aber auch viel weniger Kinder hier und die etwas Älteren, die sieht man kaum noch im Garten und wenn, dann schauen sie garantiert auf ihr Handy. Sie würden wahrscheinlich nicht einmal bemerken, dass die Blumen wieder blühen, dachte Hilde.
Sie wusste, dass Tine inzwischen die vierte Klasse besuchte. Bald würde sie also die Schule wechseln und dann dauerte es nicht mehr lange, und sie bekäme ein Tablet, um darauf ihre Hausarbeiten zu erledigen. Das wusste Hilde von ihren eigenen schon fast erwachsenen Enkelkindern, dass es heute so ist.
Hilde schmunzelte. Sie hatte auch ein Tablett. Aber sie tippte nicht darauf herum, sondern sie brauchte es in der Küche für ihr Geschirr.
Es war für sie kaum vorstellbar, dass man heute Bücher auf einem Tablet liest oder gar Spiele spielt. Wie sehr sich die Welt verändert hat.
Sie war in ihren ersten zwei Schuljahren noch mit einer Schiefertafel zur Schule gegangen. Die Tafel wurde mit einem Griffel beschrieben und wenn sie vollgeschrieben war, kontrollierte die Klassenlehrerin es und die Schüler wischten alles mit einem feuchten Schwämmchen und einem trocknen Tuch wieder weg.
Ihre Mutter hatte ihr eingeschärft, sorgsam mit der Tafel umzugehen, da sie leicht kaputtgehen konnte. Ihre war aber heil geblieben.
Heute schüttelte sie den Kopf darüber. Eine Schiefertafel. Ob die Kinder überhaupt noch wussten, was das ist?
Eigentlich war Hilde eine moderne Frau und Oma, doch ihr bereitete der Anblick von Jugendlichen, die mit Stöpseln in den Ohren schweigend nebeneinander her liefen, schon ein bisschen Bauchweh.
Früher war gewiss nicht alles besser. Oh nein! Aber eines war besser: Man hat sich mehr miteinander unterhalten und es gab nicht so viel Langeweile, wie heute.
Klar, viele Kinder bedeuteten damals viele Spielkameraden und alle brachten Ideen mit oder man hat sich neue Spiele ausgedacht.
Dort, wo Hilde aufgewachsen war, hatte es eine Kiesgrube gegeben. Das war ein idealer Spielplatz gewesen. Aber auch der nahe gelegene Bach eignete sich hervorragend zum Spielen oder auch ein Rohbau. Manchmal versteckten sie sich auch einfach nur in den Gräben neben den Feldern.
Das alles würden die Eltern heute gar nicht mehr erlauben, dachte sie und auch nicht, dass die Kinder alleine in den Wald gehen, um Walderdbeeren, Heidelbeeren oder Pilze zu sammeln.
Allerdings muss man fairerweise sagen, dass es damals auch noch nicht so viele Autos gab und es gab auch keine Hinweisschilder, auf denen man lesen konnte: „Das Betreten des Rasens ist verboten!“ oder „Eltern haften für ihre Kinder!“
Hildes Gedanken gingen noch einmal zurück zu ihrer Schulzeit.
Damals saß man noch nach Geschlechtern aufgeteilt in der Klasse. Auf der einen Seite des Raumes die Jungs und auf der anderen die Mädchen. So war es früher wirklich und wenn der Lehrer den Raum betrat, stand man auf und begrüßte ihn freundlich.
Damals meldete man sich als Schüler noch gesittet und wenn man aufgerufen wurde, stand man auf, um seine Antwort zu geben. Wenn sie den neuzeitigen Filmen Glauben schenkte, dann lümmelten die Schüler heute auf ihren Stühlen herum und riefen oftmals die Antwort einfach in den Raum hinein.
Als Hilde ein Kind war, hatte es noch die Volksschule gegeben, die man im Alter von 14 Jahren verließ, um in den Beruf zu gehen.
Und eines war gewiss auch anders, als heute: Die Kinder gaben keine Widerworte, weil sie viel strenger erzogen worden waren, als das heute der Fall ist.
Aber leider gab es auch die Prügelstrafe. Nicht nur zu Hause, sondern auch in der Schule oder im kirchlichen Unterricht. Das alles ist heute Gott sei Dank vorbei.
Was auch anders war: Lebensmittel waren kaum in Plastik verpackt und vor allen Dingen wurden sie nicht achtlos weggeworfen.
Auch die Teller mussten immer leer gegessen werden. Egal, ob es schmeckte, oder nicht. Aber das war gewiss den schlechten Kriegszeiten geschuldet, in denen man froh war, wenn man überhaupt etwas zu essen hatte.
Als Hildes Blick wieder zu Tine schweifte, dachte sie über die Unterschiede in der Kleidung nach. Heute laufen die Mädchen meistens in Hosen herum. Das war früher auch anders. Da trugen sie Röcke oder Kleidchen. Manchmal sogar mit einer Schürze, um das gute Kleid zu schützen.
Eine ganz besondere Erinnerung kam Hilde in den Sinn, als sie an das bevorstehende Osterfest dachte. Dann durfte sie nämlich meistens zum ersten Mal im Jahr weiße Kniestrümpfe tragen. Das war etwas ganz Besonderes für sie gewesen.
Ja, die Zeiten ändern sich und man tut gut daran, nicht immer nur mit seinen Gedanken in der Vergangenheit zu verharren. Doch manchmal ist es einfach nur schön, sich zu erinnern.

© Martina Pfannenschmidt, 2020



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Freitag, 6. März 2020

Mir sind die Hände gebunden


„Na, Frau Baumann, hat es Ihnen geschmeckt?“
Lisa nickte. Schließlich wollte sie nicht unhöflich sein.
„Soll ich Sie wieder in den Wintergarten bringen?“
Wieder nickte Lisa.
„So, von hier aus haben Sie einen schönen Blick in den Garten. Schauen Sie nur“, bat Tanja, die freundliche Altenpflegerin, und deutete mit ihrem rechten Zeigefinger Richtung Blumenbeet, „die Narzissen bahnen sich schon den Weg ans Licht. Bald wird es draußen wärmer sein. Dann kann ich Sie direkt in den Garten und in die Sonne schieben.“
Lisa wollte nicht ein weiteres Mal nicken, weshalb sie ein kurzes „Dankeschön“ über ihre Lippen brachte.
„Sehr gerne, Frau Baumann. Und wenn was ist, dann melden Sie sich, ja.“
„Ja!“
Lisa Baumann war erst seit ein paar Tagen in diesem Alten- und Pflegeheim und sie musste sich hier und da noch eingewöhnen.
Sie freute sich wirklich über jede kleine Zuwendung durch die Pflegerinnen und sie wusste, dass diese nicht viel Zeit neben all ihrer Arbeit für ein Schwätzchen übrig haben, doch schön wäre es schon, sich ein wenig mehr austauschen zu können.
Die Frauen, mit denen sie gemeinsam ihre Speisen einnahm, waren nicht sonderlich gesprächig. Das war echt schade, da Lisa durchaus ein kommunikativer Mensch war.
Ungewollt fiel Lisas Blick auf ihre eigenen Hände.
„Was habt ihr alles schon gemacht, in eurem Leben“, dachte sie in diesem Moment.
Wie selten man sich seinen Händen widmet, ging es ihr dabei durch den Kopf. Ständig sind sie im Einsatz und wir danken ihnen nicht einmal dafür.
„Meine Güte, ihr seht alt und schrumpelig aus“, flüsterte sie leise. Danach sah sie sich vorsichtig um. Hoffentlich bemerkte niemand ihr Selbstgespräch.
Ihr Blick fiel auf ihren Ehering, den sie in diesem Moment an ihrem Ringfinger drehte.
Es war schon viel Zeit vergangen, seit ihr inzwischen verstorbener Mann ihn ihr bei ihrer Trauung angesteckt hatte. Sie trug ihn seither täglich, legte ihn eigentlich niemals ab.
Lisa rieb ihre Hände aneinander. Wie so oft waren sie eiskalt.
„Sie sind halt schlecht durchblutet“, hatte ihr Arzt gesagt, „genau wie Ihre Füße!“
Ja, auch die waren ständig kalt. Und jetzt, wo sie nicht mehr so gut gehen konnte, fühlten sie sich manchmal wie Eisklötze an.
Ihre Füße und Beine. Viele Wege war sie mit ihnen gegangen. Doch jetzt durften sie ausruhen. Und auch ihre Hände ruhten die meiste Zeit des Tages. Früher war das alles ganz anders gewesen.
Sie hatte, wie viele andere Frauen auch, mit ihren Händen so manche Hausarbeit wie putzen, waschen, bügeln und kochen verrichtet und so manches Mal hatte sie sich beim Schnippeln von Gemüse oder beim Kartoffeln schälen in den Finger geschnitten oder sich bei der Gartenarbeit die Hände schmutzig gemacht.
Doch das war jetzt alles vorbei. - Das war alles vorbei.
Lisa faltete ihre Hände und legte sie in ihrem Schoß ab.
Wie oft schon hatte sie ihre Hände zum Gebet gefaltet. Doch dann kam ein Gedanke in ihr hoch, der sie noch heute erschreckte und für den sie sich auch jetzt noch schämte. Ihr war einmal die Hand ausgerutscht. So sagt man wohl. Sie hatte ihrem Buben eine schallende Ohrfeige gegeben.
Ganz tief in ihr tat das immer noch weh. So etwas durfte einfach nicht passieren. Hände sollten streicheln und nicht schlagen. Und doch. Es war geschehen und nicht mehr zu ändern.
Hatte sie sich dafür eigentlich jemals bei ihrem Sohn entschuldigt? Das würde sie nachholen, wenn er sie das nächste Mal besuchen käme.
Doch mit den Händen kann man nicht nur arbeiten, ging es Lisa durch den Kopf. Sie können noch viel mehr. Mit ihnen kann man drohen oder klatschen und letztendlich können sie sogar reden, wenn man sie zur Gebärdensprache nutzt.
Lisa wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Tanja, die Altenpflegerin, den Wintergarten betrat und sie ansprach: „Schauen Sie, Frau Baumann, ich bringe Ihnen Herrn Schuster. Er verbringt seine Zeit auch sehr gerne hier im Wintergarten. Ich weiß gar nicht, ob sie zwei sich schon kennengelernt haben.“
Helmut Schuster machte eine leichte Verbeugung, so gut es ihm in seinem Gefährt eben möglich war, und sagte galant: „Küss die Hand, gnädige Frau!“
„Ich wusste gar nicht, dass Sie ein Charmeur sind, Herr Schuster“, flötete Tanja. „Ich denke, sie zwei werden sich gut verstehen.“
Mit diesen Worten stellte sie den Rollstuhl direkt neben dem von Lisa ab, befestigte die Bremse und war auch schon wieder verschwunden.
Lisa wusste nicht so recht, ob sie wirklich an einem Gespräch mit diesem Herrn interessiert war. Aber wie es schien, blieb ihr gar nichts anderes übrig. Es wäre ja auch sehr unhöflich gewesen, nichts zu sagen und ihn quasi zu ignorieren.
„Na, junge Frau, womit wollen wir denn jetzt die Zeit totschlagen?“
Mit diesen Worten begann Helmut verschmitzt, Lisa in ein Gespräch zu verwickeln.
„Ach wissen Sie“, antwortete Lisa ein bisschen verlegen, „ich habe mir gerade über meine Hände Gedanken gemacht.“
Etwas verdutzt schaute der alte Mann Lisa an und anschließend auf seine eigenen Hände.
„Das bringt Unglück, seine Hände zu betrachten“, sagte er dann schmunzelnd. „Das hat meine Mutter zumindest immer behauptet.“
„Den Mythos kenne ich auch“, entgegnete Lisa.
„Und, hatten Sie in manchen Dingen auch zwei linke Hände, so wie ich“, erkundigte sich der Mann.
„Nein, eigentlich nicht. Ich war eher ziemlich geschickt, habe auch viel gestrickt und gestickt. Aber leider geht das heute nicht mehr. Doch wenn ich es recht bedenke, ist das ja sowieso keine Männersache.“
„Nein. Das ist es nicht. Und wenn ich meine Hände so betrachte, dann finde ich, dass man ihnen sogar heute noch ansehen kann, dass es Arbeiterhände sind, die zeitlebens hart zupacken mussten.“
„Es kann ja nicht jeder im Büro arbeiten“, erwiderte Lisa daraufhin wohlwollend und Herr Schuster entgegnete: „Und nicht jeder kann Dirigent werden.“
„Wie recht sie haben.“
„Mir sind die Hände gebunden“, meinte Herr Schuster nach einer Weile des Schweigens.
„Wie bitte?“, fragte Lisa nach.
„Mir sind die Hände gebunden“, wiederholte er, „oder ‚Eine Hand wäscht die andere‘.“
„Ach so, jetzt verstehe ich. Ja, Sie haben recht, wenn man darüber nachdenkt, kommen einem bestimmt noch viele Sprichwörter mit den Händen in den Sinn.“
„Und, wollen Sie mir vielleicht ihre Hand reichen, damit ich für Sie darin in die Zukunft schaue?“
„Ach, lieber nicht“, antwortete Lisa leise, „denn wie die ausschaut, das wissen wir doch beide. Oder?“
„Ich ahne, was sie meinen“, antwortete der ältere Herr, „doch ich denke, es liegt an uns, ob wir mit der uns noch verbleibenden Zeit etwas Sinnvolles anfangen, nicht wahr.“
Lisa sah Herrn Schuster an und plötzlich war es, als mache sich ihre Hand selbständig.
Ohne weiter darüber nachzudenken, legte sie ihre linke Hand auf seine rechte.
Herr Schuster sah ihr direkt in die Augen, als er spitzbübisch äußerte: „Kalte Hände, warme Liebe.“

© Martina Pfannenschmidt, 2020




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Samstag, 15. Februar 2020

Akzeptiere, was ist


Reizwörter: Pförtner, Krankenhaus, missmutig, anders, rechnen
Zu diesen Reizwörtern findet ihr auch bei Lore und Regina eine Geschichte.
„Entschuldige, ich bin spät dran!“
Mit diesen Worten begrüßte Anja ihre Freundin Janine.
Die beiden sind seit ein paar Jahren Kolleginnen und haben sich wirklich gut angefreundet.
Inzwischen war es für sie zu einem festen Ritual geworden, sich einmal im Monat zum gemeinsamen Abendessen zu treffen.
An diesen Abenden ging es aber nicht um den Job oder die Probleme, die es dort natürlich auch gab. Nein, es war wie eine stille Vereinbarung zwischen ihnen, dass diese Themen an diesen Abenden außen vor blieben.
„Ich komme gerade von meinem Vater“, erzählte Anja, während sie ihre Jacke über die Stuhllehne hängte und sich anschließend setzte. „Du hast ihn ja auch schon kennengelernt.“
„Ja klar, kenne ich ihn. Man kommt ja nicht an ihm vorbei, wenn man jemanden im Krankenhaus besuchen möchte.“
Anja lachte: „Du hast recht, an dem Pförtner müssen alle vorbei!“
„Wie geht es ihm denn?“, erkundigte sich Janine.
„Ach weißt du, er kommt einfach nicht damit zurecht, dass meine Mama ihn verlassen hat. Er ist so anders geworden, immer missmutig und schlecht gelaunt. So kenne ich ihn gar nicht. Früher war er ein fröhlicher Mensch. Heute leider nicht mehr.“
„Das kann ich gut verstehen. Es konnte ja niemand damit rechnen, dass deine Mutter eines Tages diesen Schritt tut. Dein Vater wahrscheinlich am allerwenigsten.“
„Das stimmt wohl. Vielleicht habe ich es eher kommen sehen, als er. Aber er muss doch irgendwann akzeptieren, dass es so ist. Weißt du, wie ich es meine? Es gibt halt Dinge, die man ändern kann. Es gibt aber auch Dinge, die man eben nicht ändern kann. Und diese Trennung gehört nun mal zu den Dingen, die er nicht mehr ändern kann.“
„Das stimmt, was du sagst. Manchmal macht es einfach keinen Sinn, gegen etwas anzukämpfen. Es kostet uns nur unnötige Energie.“
„Siehst du. Das meine ich und das sage ich ihm ständig. Ich muss ja auch damit zurechtkommen, dass es so ist. Das ist für mich zwar nicht ganz so schwer, wie für ihn; das gebe ich ja zu. Aber einfach ist es auch nicht.
Ich mag gar nicht an meinen bevorstehenden Geburtstag denken, wenn die zwei aufeinander treffen. Oder sie kommen getrennt, weil sich Mama vorher erkundigt, wann denn wohl mein Herr Vater seinen Besuch bei mir macht.“
„Das ist schon traurig. Aber manchmal laufen die Dinge halt nicht so, wie wir es gerne hätten, nicht wahr“, meinte Janine.
„Ja, so ist es leider. Mein Vater wirft meiner Mutter halt vor, dass sie sich in einen anderen Mann verliebt hat. Das sei der größte Fehler ihres Lebens, dass sie zu ihm gezogen sei, sagt er ständig.“
„Ja, die Welt ist scheinbar ein ungerechter Ort“, fuhr Janine mit einem Seufzer fort.
Auch Anja seufzte: „Das ist wohl eine der bittersten Erkenntnisse, die wir haben können.“
„Und noch eine Erkenntnis ist bitter, wie ich finde“, warf Janine ein, „ich meine, zu erkennen, dass auch dann etwas Furchtbares in unser Leben treten kann, wenn wir eigentlich ein guter Mensch sind.“
„Zumindest hat es so den Anschein. Da gebe ich dir recht. Es geht aber wohl immer darum, etwas aus der jeweiligen Situation zu lernen“, meinte Anja und gab zu bedenken, dass es da noch einen anderen wichtigen Faktor gibt: „Wir Menschen sind halt alle sehr unterschiedlich. Das ist oft der größte Faktor für Konflikte. Jeder hat seine eigenen Ansichten und vertritt bestimmte Werte.  Da ist dann Aufgeschlossenheit gefragt. Und diese Toleranz fehlt meinem Vater in Bezug auf diese Trennung völlig.“
„Es ist schon so, dass wir immer wieder erkennen dürfen, dass es im Leben keine Sicherheiten gibt“, gab Janine zu bedenken. „Eben auch nicht dafür, dass eine Liebe oder Ehe bis ans Ende der Tage hält.“
„Und auch nicht dafür, dass man nach 15 Jahren nicht doch noch von seinem Boss gekündigt wird.“
Damit spielte Anja auf eine Kündigung an, die vor ein paar Tagen einen Kollegen getroffen hatte. Aber sie vertieften dieses Thema nicht.
Die Getränke wurden serviert und die beiden stießen auf einen schönen Abend an. Doch irgendwie wollte es ihnen im Moment noch nicht gelingen, zu einem fröhlicheren Thema zu wechseln.
„Wie oft haben wir das Gefühl“, meinte Anja, „dass uns Unrecht getan wird.“
„Und wie oft“, fuhr Janine fort, „tragen wir all den Ballast aus unserer Vergangenheit noch mit uns herum.“
„Ja, das stimmt wohl und vielleicht hat Papa ja durchaus Recht und Mama hat einen Fehler gemacht. Das wird die Zeit zeigen. Aber Papa kann sich wohl auch nicht davon freisprechen, fehlerfrei zu sein. Er wird auch seine Fehler in der Beziehung gemacht haben, sonst wären sie ja noch beisammen.“
„Zumindest ist klar, dass er sich viel Leid ersparen würde, wenn er einen Weg fände, mit der Vergangenheit abzuschließen.“
„Genau das habe ich ihm eben gesagt. Er muss akzeptieren, was geschehen ist, sich und sein Leben sortieren und neu starten. Genauso, wie es Mama gemacht hat.“
„Ja okay, aber die Trennung war ihre Entscheidung, nicht seine. Er wird quasi dazu gezwungen, etwas zu ändern. Das ist schon ein riesiger Unterschied.“
„Stimmt schon“, erwiderte Anja, „aber Dinge können immer anders kommen, als wir denken oder es uns wünschen.“
„Ja, irgendwie funkt das Leben immer dazwischen, nicht?“
„Ja, so ist es. Wir haben es eben nicht unter Kontrolle. Niemand. Das ist einfach so. Alles kann sich jederzeit ändern. Manchmal sogar von einer Minute auf die andere.“
„Ach, meine gescheite Kollegin“, scherzte Janine, „dann lass uns noch einmal anstoßen. Auf die Zukunft. Und lass uns versuchen, uns weniger Sorgen zu machen und im Jetzt zu leben.“
„Genau! Auf unsere Ziele, die wir haben, aber auch darauf, dass wir es annehmen können, wenn es anders kommt.“
„Genau! Wir planen einfach kurzerhand um, wenn etwas anders läuft, als gedacht.“
„So machen wir das“, stimmte Anja zu, „und wir wollen nicht ins Urteilen kommen, was richtig oder falsch ist, weil wir nun mal alle verschieden sind. Wir fühlen unterschiedlich und wir bewerten Situationen unterschiedlich.“
„Und genau das ist der Grund, weshalb ein und dieselbe Sache bei zwei Menschen völlig unterschiedliche Gefühle hervorrufen kann.“
„Weißt du, was mein Gefühl in diesem Moment sagt?“, fragte Anja schmunzelnd, und fügte sogleich hinzu: „Hunger!“
„Dann stimmen unsere Gefühle momentan zu einhundert Prozent überein“, lachte Janine. „Also los, lass uns unsere Bestellung aufgeben.“

© Martina Pfannenschmidt, 2020



Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.
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