Elisabeth war viele Jahre lang als Grundschullehrerin tätig, bevor sie in den wohlverdienten Ruhestand versetzt wurde.
In den ersten
Monaten fühlte sich die Pensionierung noch wie lange Sommerferien an. Elisabeth
las, pflegte ihren kleinen Balkon, besuchte gelegentlich das Gemeindezentrum
und genoss die Zeit.
Doch leider
schlich sich bald ein Gefühl von Sinnlosigkeit in ihr Leben und blieb wie ein
dunkler Schatten an ihrer Seite. In schlaflosen Nächten dachte sie darüber nach,
dass ihr Alltag einst von Kinderstimmen und dem Rascheln von Heften erfüllt
gewesen war. Sie hatte es geliebt, junge Menschen auf ihrem Lebensweg zu
begleiten und sie fragte sich, was ihr während der Schulzeit am wichtigsten
gewesen war. Bald fand sie die Antwort: Es waren die kleinen Zeichen von
Hoffnung gewesen, die sie den Kindern oftmals zugesprochen oder mitgegeben
hatte. Und so überlegte sie, wie sie nun außerhalb der Schule solche Spuren
hinterlassen könnte?
Eines Morgens,
beim Spaziergang am Flussufer, fielen ihr die glatten, schönen Kieselsteine
auf, die zwischen dem Gras lagen. Ihre Finger fuhren über die kühlen
Oberflächen und plötzlich war da ein Gedanke: Sie würde die Steine bemalen,
verzieren und mit kurzen, mutmachenden Sätzen beschriften. Sie wollte kleine
Botschaften für all jene darauf schreiben, die vielleicht einen Lichtblick
brauchten.
Und so besorgte
sie sich Acrylfarben und Lackstifte, richtete sich in ihrer Wohnung einen
Arbeitsplatz ein und begann, die Kieselsteine zu bemalen. Jeder Stein bekam ein
eigenes Muster, manchmal bunte Blumen, manchmal nur zarte Linien. Anschließend
schrieb sie kleine Sätze darauf.
Auf den ersten
Stein schrieb sie: „Du bist stärker, als du glaubst.“ Auf den zweiten: „Jeder
Tag verdient einen Neuanfang“ und der dritte Stein erhielt die Worte: „Auch
leise Stimmen verändern die Welt.“
Mit einem Lächeln
in ihrem Gesicht legte Elisabeth die Steine sorgfältig in ihre Manteltasche und
machte sich auf den Weg in den nahegelegenen Park.
An einem alten
Brunnen setzte sie sich, betrachtete die vorbeigehenden Menschen und legte die
Steine unbemerkt an Stellen, an denen sie leicht gefunden werden konnten. Einen
legte sie auf eine Bank, den anderen auf eine niedrige Mauer und den dritten an
den Rand des Spielplatzes.
Sie blieb noch
eine Weile im Park und spürte, wie sich eine neue, leise Freude in ihr
ausbreitete. Dann ging sie nach Hause in der Gewissheit, dass die Steine genau
zu den Menschen finden würden, die die ermutigenden Sätze benötigten.
Und so wurde der
erste Stein von Lena gefunden. Sie hatte gerade ihren Job verloren und die
Angst vor der Zukunft lastete auf ihr. Sie ließ sich mit einem tiefen Seufzer
auf der Bank nieder. Dabei fiel ihr Blick auf den bemalten Stein. Sie nahm ihn
an sich und las die Worte: „Du bist stärker, als du glaubst.“ Tränen stiegen in
ihre Augen und zeitgleich machte sich ein Gefühl des Trostes in ihr breit.
Nein, sie würde nicht aufgeben, sondern einen neuen Weg einschlagen.
Herr Baumann, ein
älterer Mann, der seine Frau vor ein paar Monaten verloren hatte, entdeckte den
Stein mit der Aufschrift: „Jeder Tag verdient einen Neuanfang.“ – Der Schmerz über
den Verlust seiner Frau war groß und oft fragte er sich, ob das Leben überhaupt
noch etwas für ihn bereithielt, doch dieser Stein und die Worte berührten ihn
tief. Zum ersten Mal seit Langem beschloss er, aus dem Schatten des Verlustes und
der Trauer herauszutreten und jeden Tag als ein Geschenk zu sehen.
Der dritte Stein –
„Auch leise Stimmen verändern die Welt“ – landete in den Händen von Samuel,
einem schüchternen Teenager, der sich oft unsichtbar fühlte und der das Gefühl
hatte, in der lauten Welt niemals gehört zu werden. Als er diesen Satz las, war
ihm, als habe jemand genau ihn gemeint. Und so wurde der Stein zu seinem
Talisman, der ihm den Mut vermittelte, sich mit seinen Ideen einzubringen.
Elisabeth wusste
nichts von all dem, doch sie hatte das Gottvertrauen, dass die Steine von genau
den richtigen Personen gefunden werden würden.
Und so malte und
schrieb sie weiter und fand auf diese leise Weise einen neuen Sinn für sich und
ihr Leben.
© Martina Pfannenschmidt, 2026