Freitag, 6. März 2026

Die Standuhr in der Ecke

Arthur war mit Leib und Seele ein Uhrmacher, auch wenn er sich inzwischen im Ruhestand befand. In jeder Ecke seiner kleinen Wohnung in der zweiten Etage eines Mehrfamilienhauses konnte man eine andere Uhr entdecken. Es gab Wanduhren, Kuckucksuhren, Taschenuhren und eine alte Standuhr. Doch nicht alle tickten, einige standen still und zeigten zudem unterschiedliche Uhrzeiten. - Dass es so war, hatte für ihn eine tiefere Bedeutung. Jede dieser Uhren hielt einen ganz besonderen Moment seines Lebens fest.

Vor ein paar Wochen war in die Wohnung gegenüber eine junge Kunststudentin namens Pia eingezogen. Sie war der exakte Gegenpol zu Arthur. Sie polterte durch das Treppenhaus, vergaß ihr Handy, verlor ihre Schlüssel und hörte oft zu laut Musik.

Doch eines Abends, als Pia wieder einmal vor ihrer verschlossenen Tür stand, bot Arthur ihr an, in seiner Wohnung auf den Schlüsseldienst zu warten, was die junge Frau gerne annahm.

In seinem Wohnzimmer verstummte sie: „Warum gehen die Uhren alle anders, Arthur?“, fragte sie nach einer Weile.
„Das ist so gewollt“, antwortete er, während er mit einer Pinzette an einer winzigen Spiralfeder arbeitete. „Es ist so, dass sie besondere Momente für mich bewahren. Verstehst du? Die da“, sagte er und zeigte auf die Standuhr in der Ecke, „habe ich angehalten, als Isabel, meine einzige Tochter, mich verlassen hat.“

Pia erhob sich und sah sich die Uhr aus der Nähe an. Hinter der Glasscheibe – im Bauch der Uhr - entdeckte sie etwas Ungewöhnliches: einen großen Stapel Briefe, fein säuberlich beschriftet mit: ‚Für Isabel‘.

„Krass“, sagte sie, „hast du die alle geschrieben? Das sind ja mindestens hundert.“

Arthur legte die Pinzette zur Seite und rieb sich die Augen. Er wirkte plötzlich müde.

Pia setzte sich aufs Sofa ihm gegenüber und ließ die Beine baumeln. „Und du glaubst echt, dass das was bringt?“, fragte sie. „Ich meine, du sitzt hier den ganzen Tag und fummelst an diesen winzigen Rädchen rum, als könntest du die Zeit damit irgendwie ... keine Ahnung, … zurückdrehen oder … heilen?“

Arthur starrte auf das Uhrwerk vor sich. „Ich fummle nicht rum, Pia. Ich sorge dafür, dass sie nicht stehen bleiben. Stillstand ist das Schlimmste, weißt du. Eine Uhr, die nicht tickt, erinnert dich jede Sekunde daran, dass du gerade einen Moment verpasst.“

„Aber genau das passiert doch hier!“, empörte sie sich. „Du hältst bewusst Uhren an, schreibst unzählige Briefe, aber schickst sie nicht ab. Das ist doch wie … wie … Selbstgespräche auf Papier. Du musst sie abschicken, Arthur, sondern ändert sich ja nie was zwischen dir und deiner Tochter.“

Arthur lachte kurz auf. „Das ist nicht so einfach, wie du dir das vorstellst. Nach so vielen Jahren kannst du nicht einfach einen Brief schicken und so tun, als wäre nichts. Und was soll ich ihr schreiben? ‚Sorry, war mein Fehler‘?“

„Zum Beispiel!“, antwortete Pia prompt. „Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, dass du einfach nur Schiss hast.“

Anschließend sprang sie auf und sah ihn direkt an. „Diese Briefe da drin … wenn du sie nicht abschickst, kannst du sie auch gleich … verbrennen. Das Ergebnis ist das gleiche: Du wirst nie erfahren, wie es deiner Tochter jetzt geht und wirst ewig einsam bleiben.“

Nachdem Pia gegangen war, arbeitete das Gespräch in Arthur noch lange nach.

Dann tat er, was er schon so oft getan hatte. Er griff zu Stift und Papier und verfasste einen weiteren Brief.

„Liebe Isabel, ich habe heute eine Weile am Fenster gesessen und einer jungen Frau zugesehen, die draußen im strömenden Regen durch die Pfützen lief und der es völlig egal war, ob die Schuhe dabei nass wurden. In dem Moment musste ich – wie so oft - an dich denken. Genauso warst du auch. In diesem Moment wurde mir klar, was ich in den letzten Jahren verpasst habe. Und alles nur, weil ich Recht haben wollte.

Ich möchte mich nicht weiter hinter meinem Stolz verstecken, sondern dir die Hand zur Versöhnung reichen. Ich möchte mich entschuldigen für alles, was ich damals gesagt habe und auch dafür, dass ich mit meiner Entschuldigung so lange gewartet habe.

Liebe Isabel, es ist so unglaublich leise in meinem Leben – ohne dich! Ich vermisse dich und möchte keine Sekunde meines weiteren Lebens mehr ohne dich sein. Ich würde mich sehr freuen, wenn du meine Entschuldigung annimmst.

Ich werde mich ab morgen jeden Abend um 17 Uhr an mein Fenster setzen und auf die Straße schauen in der Hoffnung, dass du vorbeischaust.

Wenn nicht, kann ich das auch verstehen – aber ich werde dort sein und auf dich warten.

Dein Papa

Am nächsten Tag trug er gemeinsam mit Pia den Brief zum Postkasten an der Ecke. Es schien ihm der schwerste Gang seines Lebens zu sein.

Am Abend darauf saß er pünktlich um 17 Uhr am Fenster.

Draußen begann es bereits zu dämmern. Die Straßenlaterne vor seinem Fenster flackerte, während Arthur gebannt auf den Gehweg sah. Sein Herz pochte so laut, dass es all die Uhrwerke um ihn herum übertönte.

Plötzlich erschien eine Gestalt im fahlen Licht der Lampe. Arthur hielt für einen Moment den Atem an.

Er wusste nicht, ob es Isabel war. Er wusste nicht einmal, ob sie den Brief schon erhalten hatte und auch nicht, ob sie jemals kommen würde.

Aber während er dort saß und in die Dunkelheit schaute, geschah etwas Seltsames: Die Unruhe in ihm wich einer tiefen, warmen Stille. Zum ersten Mal seit langem hatte er das Gefühl, auf den Beginn von etwas Neuem zu warten und so stahl sich nach langer Zeit ein Lächeln auf sein Gesicht.

In dem Moment nahm er wahr, dass die Gestalt stehen blieb und zu seinem beleuchteten Fenster hinaufsah. Arthur hob die Hand, ganz langsam, und legte seine flache Handfläche gegen die kühle Scheibe.

Er wusste nicht, was die nächsten Minuten bringen würden, aber er hoffte inständig, dass die Standuhr in der Ecke bald wieder die korrekte Uhrzeit anzeigen dürfte.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil.



Sonntag, 1. März 2026

Missverstehe ich dich richtig?

An diesem Sonntagmorgen floss die Zeit im Hause Lindemann besonders langsam. Während Erna am Küchentisch saß und Kreuzworträtsel löste, stand Alfons im Vorratsraum. Warum war er nochmal dorthin gegangen? Er wusste genau, dass es einen Grund dafür gab, aber es wollte ihm einfach nicht mehr einfallen.

Doch dann wusste er es wieder – nur das Name, der war ihm entfallen, weshalb er seine Frau fragte: „Erna, wo steht nochmal dieses gelbe Zeug. Du weißt schon, das, was ich so gerne mag.“

„Was suchst du, Alfons? Den gelben Beleg? Aber der liegt doch nicht im Vorratsraum. Den habe ich in die Küchenschublade gelegt.“

Alfons schüttelte mit dem Kopf und schlurfte zurück in die Küche. „Nicht der Beleg, Erna. Ich meine … wie heißt es noch, … diesen Dings, … diesen … Honig. Ich suche den Honig!“

Erna sah ihn prüfend an. „Honig? Den hast du doch gestern schon aufgegessen. Du vergisst auch wirklich alles, Alfons“, meinte sie und legte ihr Rätselheft beiseite.

„Und du?“, konterte Alfons. „Du hast deinen Termin beim Akustiker vergessen, dabei brauchst du dringend ein Hörgerät, meine Liebe.“

Erna schnaubte ein wenig. „Ich brauche gar nichts. Ich höre sogar, wie die Nachbarn drei Häuser weiter niesen. Du nuschelst nur so furchtbar. Das ist der Grund.“

„Ich nuschele nicht“, verteidigte sich Alfons. „Ich spreche deutlich. Apropos: Wollen wir gleich eine Runde in den Park? Das Wetter ist so herrlich.“

Erna hielt inne und sah ihn mit großen Augen an. „Quark? Alfons, wir haben doch gerade erst gefrühstückt! Und jetzt willst du auch noch Quark essen. Das wird dir nicht bekommen.“

Alfons seufzte. „Nicht Quark, Erna. Der Park! Mit den Enten und den alten Eichen.“

„Ach so, der Park“, sagte Erna und tat so, als wäre das absolut offensichtlich gewesen. „Warum sagst du das denn nicht gleich? Du verschluckst immer die halben Wörter.“

Und so machten sie sich fertig für ihren Spaziergang. Alfons suchte seine Jacke und fand sie nach einiger Zeit statt an der Garderobe in seinem Kleiderschrank. Er wunderte sich kurz, wie sie wohl dorthin gekommen war, bemaß dem Ganzen aber keine weitere Bedeutung bei.

Als sie an der Haustür standen, klopfte Alfons sich die Taschen ab. „Hast du den Schlüssel?“, fragte er.

„Rüssel? Nein, Alfons, der Weg bis zum Zoo ist mir zu weit. Ich mag zwar die Elefanten, aber nicht heute. Heute gehen wir nur in den Stadtpark.“

Alfons schüttelte kurz den Kopf, zog dann den Schlüssel aus seiner eigenen Hosentasche, nahm die Hand seiner Frau und schmunzelte.

„Ich hab ihn schon, Erna“, meinte er dann. „Komm, wir gehen jetzt – bevor ich vergesse, wohin ich mit dir wollte.“

Und so gingen sie Arm in Arm los.

Der Stadtpark war an diesem Sonntag gut besucht. Alfons und Erna schlenderten im Gleichschritt über die befestigten Wege. Alfons hielt die Augen offen – er genoss die Farben der ersten Krokusse, auch wenn er sich beim besten Willen nicht mehr an den Namen erinnern konnte. Für ihn waren es ‚die Gelben da und die Lilanen dort‘.

„Schau mal, Erna“, sagte er in diesem Moment und deutete auf eine Bank. „Da sitzt doch der Herr Krause aus unserer Straße. Wollen wir kurz hallo sagen?“

„Was sagst du? Ein Floh? Alfons, dann bleib bloß weg von den Sträuchern, wenn da Ungeziefer drinsitzt.“

Alfons schüttelte amüsiert den Kopf. „Kein Floh, Erna! Hallo! Zum Nachbarn, Herrn Krause!“

„Ach, ne Pause!“, erwiderte Erna zufrieden. „Ja, eine kleine Pause auf der Bank würde uns guttun.“

Bevor Alfons das Missverständnis aufklären konnte, hatten sie Herrn Krause bereits erreicht. Der alte Herr Krause war bekannt dafür, sehr ausschweifend über seine Krankheiten zu berichten.

„Guten Tag, Herr Krause!“, rief Alfons freundlich. „Genießen Sie auch die Sonne?“

Herr Krause sah auf und rückte seine Brille zurecht. „Na ja“, erwiderte er, „wie man es nimmt. Meine Frau sagt zwar immer, dass das Alter keine Wonne mehr ist, aber was soll man machen, nicht wahr?“

Erna setzte sich mit einem erleichterten Seufzer neben ihn. „Schrecklich, nicht wahr, Herr Krause? Mein Mann meinte eben, es gäbe hier überall Flöhe. Haben Sie auch schon welche gesehen?“

Herr Krause blinzelte verwirrt. „Rehe? Hier im Stadtpark? Nein, das glaube ich nicht. Die trauen sich nicht so nah an die Stadt ran. Aber ich habe gestern einen sehr großen Hund gesehen.“

Alfons stand daneben und beobachtete das Gespräch wie ein Tennisspiel und beschloss, das Thema zu wechseln. „Herr Krause, wie geht es eigentlich Ihrem Enkel? Er hat doch gerade die Lehre angefangen.“

Herr Krause legte die Stirn in Falten. „Meine Schenkel? Ja, da sagen Sie was, Herr Lindemann. Der Ischiasschmerz zieht sich über meinen Schenkel bis in den Fuß hinein.“

Erna nickte mitleidig, obwohl sie nur die Hälfte verstanden hatte.

Alfons sah von Erna zu Krause und wieder zurück. Es war wie ein Orchester, bei dem jeder ein anderes Lied spielte.

„Wisst ihr was?“, rief Alfons etwas lauter. „Ich glaube, wir brauchen alle ein Eis. Ich geh mal rüber zum Kiosk.“

Erna strahlte und hatte ihn sofort richtig verstanden. „Geh nur, Alfons. Aber bring mir eins mit Nüssen mit!“

„Küssen?“, rief Herr Krause entsetzt dazwischen. „In unserem Alter und mitten im Park?“

Alfons winkte ab und ging lachend Richtung Kiosk. Er vergaß zwar auf dem halben Weg fast, ob Erna nun ein Nuss- oder doch lieber ein Erdbeereis wollte, aber er wusste eines ganz sicher: Sie verstanden sich vielleicht nicht immer beim ersten Wort, aber sie verstanden sich im Herzen immer richtig.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!


Freitag, 27. Februar 2026

Die große, bunte Welt

In einem Stall, mitten im tiefen Stroh, lag Emil, ein erst wenige Wochen alter Esel. Sanft fiel das Licht durch die Ritzen der Balken und zauberte ein kleines Schattentheater an die Wände.

Für Emil war dieser Stall alles, was er kannte. Der Duft des Strohs, das leise Muhen der Kühe nebenan, das Gackern der Hühner – das alles war ihm bekannt - und seine kleine, heile Welt.

Manchmal drangen Geräusche von draußen an sein Ohr: das Zwitschern der Vögel oder das Rauschen des Windes, doch für Emil war das nicht mehr als ein fernes Gemurmel, während ihn die Mauern des schützenden Stalles umgaben.

Und so war Emil mit sich und der Welt zufrieden. Hier drinnen war es gemütlich und warm. Er bekam jeden Tag sein Futter. Er fühlte sich rundum geborgen. Nur manchmal blickte er neugierig zu den beiden großen Türen, die fest verschlossen waren. Aber für Emil war das Wort ‚Sehnsucht‘ ein Fremdwort. Er kannte es nicht und auch nicht das damit verbundene Gefühl. Und eigentlich hatte er ja auch alles, was er brauchte.

Eines Morgens, als die Sonne ein paar helle Strahlen durch das kleine Fenster schickte, zitterte plötzlich etwas im Stroh neben ihm. Er spitzte die Ohren und schaute erwartungsvoll. In dem Moment huschte etwas Winziges und sehr Flinkes um seine Hufe – es war eine kleine graue Maus!

Emil erschrak ein wenig, doch als die Maus auf einen Strohhalm kletterte und ihn freundlich ansah, beäugte er das fremde Wesen zunächst mit seinen großen, dunklen Augen, doch dann fragte er mutig: „Wer bist du?“

Die Maus zuckte ein wenig mit ihren feinen Schnurrhaaren, bevor sie ihm antwortete: „Ich bin Müsli, die Stallmaus. Ich wohne hier schon viel länger als du und kenne jeden Winkel des Stalls. Aber ich weiß auch ein bisschen von der Welt hinter diesen großen Türen.“ Während sie das sagte, funkelten ihre Augen freundlich – und Emil wurde neugierig.

„Draußen?“, fragte er zaghaft. „Du weißt, was sich hinter den großen Türen verbirgt? Kannst du mir davon erzählen? Ich kenne doch nur den Stall, verstehst du?“

„Ich weiß“, antwortete Müsli mitfühlsam und schaute hinauf zum Licht. „Da draußen ist es auch warm, so wie hier im Stall, aber eben nicht im Winter. Im Winter ist es dort kalt“, erklärte sie dem kleinen Esel. „Aber im Frühling, wenn es draußen warm wird, schmilzt der kalte Schnee, den der Winter gebracht hat. Die Sonne, die du sehen kannst, wenn sie durch das kleine Fenster scheint, die wärmt dann jedes Fell. Es gibt Wiesen da draußen, die sind grün und voller bunter Blumen. Dort wächst der gelbe Löwenzahn, violette Krokusse und leuchtend weiße Gänseblümchen. Die Luft ist mild, wenn der Frühling da ist, und bringt das Gefühl von Freiheit in dein Herz und manchmal tanzen die Schmetterlinge über die Felder, und die Vögel singen so laut, wie du es hier noch nie vernommen hast.“

Emil hörte ihr gebannt zu. In seinem Kopf malte er sich Bilder aus von bunten Blumenwiesen und lachenden Sonnenstrahlen. Dann fragte er hoffnungsvoll: „Was denkst du, werde ich das alles auch einmal sehen dürfen?“

Müsli nickte. „Ganz gewiss, denn bald, wenn der Frühling kommt und der Bauer die großen Türen öffnet, wirst du hinausgehen. Dann werden die Sonnenstrahlen deine Nase kitzeln und du wirst das weiche Gras unter deinen Hufen spüren. – Du musst aber keine Angst davor haben. Die Welt da draußen ist spannend und wunderschön! Du wirst es sehen!“

In dieser Nacht kuschelte sich Emil besonders tief ins Stroh. Er träumte von der Wärme der Sonne, von bunten Blumen und dem Singen der Vögel, so dass sein Herz vor lauter Vorfreude ein wenig schneller zu schlagen schien. Zum ersten Mal in seinem Leben spürte er ein ihm bisher unbekanntes Gefühl. Er spürte eine zarte Sehnsucht in sich – nach dem, was kommen würde.

Und so wartete Emil Tag für Tag und seine Vorfreude stieg ins Unermessliche. Er lauschte auf jeden Tropfen und nahm jedes Zwitschern der Vögel wahr.

Noch war der Stall sein sicheres Zuhause, doch er ahnte, dass hinter den großen Türen etwas Wundervolles auf ihn wartete: eine große, bunte Welt. Und so wusste er, dass der Tag kommen würde, an dem der Bauer die großen Tore öffnen würde – und er war bereit dafür – mit klopfendem Herzen und einer großen Portion Mut.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

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Mittwoch, 25. Februar 2026

Das Licht in uns

Elena saß während ihrer Mittagspause auf einer Bank im Park und beobachtete die Passanten, als ihre Kollegin sich näherte. Sarah setzte sich schwerfällig neben Elena und hielt sich an ihrem Becher Tee fest, als wäre er ihr letzter Anker.

Seufzend meinte sie: „Schau sie dir an, Elena. Alle hasten durch den Park, den Kragen hochgeschlagen, die Augen auf den Boden gerichtet. Manchmal habe ich das Gefühl, die Welt ist nur noch ein grauer Ort voller müder Menschen, die einfach nur funktionieren.“

Elena erwiderte lächelnd: „Ja, es stimmt, sie wirken müde. Dennoch kann man das Licht in ihren Herzen erkennen, auch wenn sie es selbst vielleicht gar nicht mehr spüren können.“

„Ach, Elena, du nun wieder. Ich wünschte, ich könnte die Welt auch mal durch deine Augen sehen. Aber es tut mir leid, ich sehe nichts außer einer großen Erschöpfung. Wo soll da ein Licht sein? Schau dir die Frau dort drüben an, die, die ihre schweren Einkaufstüten schleppt oder da der Mann, der grimmig auf sein Handy starrt. - Also tut mir leid, aber ich sehe bei den beiden kein Licht.“

„Es gibt da so eine alte Legende“, sagte Elena nach einer Weile der Stille, „die besagt, dass Gott den Menschen ein Licht mitgegeben hat. Er hat dieses kostbare göttliche Licht in jedes menschliche Herz gelegt. Aber der Mensch hat es vergessen, ist aber unbewusst auf der Suche danach. Er sucht es irgendwo im Außen, aber eben nicht dort, wo er es finden könnte – in seinem Herzen.“

„Ach, Elena“, begann Sarah erneut, „das hört sich ja wirklich alles wunderschön an, was du da erzählst, aber ehrlich, für mich klingt das eher nach einem riesengroßen Pflaster, das du über die Realität klebst. - Also ehrlich, wenn da ein Licht wäre, dann würden wir uns doch gegenseitig nicht wehtun oder gleichgültig sein, oder?“

„Schau“, bat Elena ihre Kollegin, „die Frau dort mit den Einkaufstüten, von der du eben sprachst. Hast du gesehen, dass sie gerade angehalten hat? Sie hat ihre Tüten abgestellt, um einem Kind die Schnürsenkel der Schuhe neu zu binden. Das ist so ein Moment, wo du ihr Licht sehen kannst.“

Sarah betrachtete für eine Weile schweigend ihre Hände. Dann fragte sie: „Und was ist mit denen, die sich ganz verloren haben? Die nur noch Dunkelheit in sich spüren?“

„Schau, Sarah“, antwortete Elena, „ein Zimmer kann jahrelang dunkel sein, abgeschlossen und staubig. Aber in dem Moment, in dem du den Vorhang am Fenster nur einen Spalt breit öffnest, ist die Dunkelheit weg. Dunkelheit ist eigentlich nichts anderes als die Abwesenheit von Licht. Verstehst du?  Manchmal braucht es nur eine Begegnung, ein ehrliches Wort oder einen Moment der Stille, damit jemand sich wieder an sein eigenes Leuchten erinnert, sozusagen den Vorhang ein wenig zur Seite schiebt. – Ich weiß, dass du an dem zweifelst, was ich sage, und ich vermute, dass du auch an deinem eigenen Licht zweifelst, nicht wahr? Aber weißt du, es ist da. Ich kann es in den Momenten wahrnehmen, wo du dir wünscht, die Welt möge heller sein. In diesen Momenten scheint dein Licht aus deinem Herzen in die Welt und erhellt sie für einen kurzen Moment, auch wenn du dir dessen gar nicht bewusst bist.“

Sarah atmete schwer. „Es ist wirklich ein schöner Gedanke, dass wir alle einen Schatz in uns tragen, den wir nur vergessen haben ... es verändert den Blick auf die Menschheit, finde ich … und wenn es so ist, wie du sagst, sind wir doch alle irgendwie Suchende, oder? Suchende nach diesem Licht in uns!“

„Genau das sind wir. Ich glaube, dass wir alle hier sind, um uns gegenseitig daran zu erinnern, dass wir die Sonne nicht suchen müssen, sondern dass wir sie alle heimlich unter unseren dicken Mänteln tragen.“

Als die beiden zurück an ihren Arbeitsplatz gingen, erschien Sarah die Welt gar nicht mehr so dunkel, wie noch grad eben. Vielleicht lag der Schlüssel zur Veränderung der Welt ja tatsächlich nicht darin, die Finsternis zu bekämpfen, sondern darin, das Glimmen einer kleinen Flamme im anderen - und in sich selbst - zu erkennen.

 

Vielleicht sind wir ja alle kleine Lichter, die einander den Weg leuchten, damit wir wieder nach Hause finden.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

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Sonntag, 22. Februar 2026

Die weiße Feder

Der Wind trug die frostige Kälte des Februars in sich, als Michaela und ihre Tochter Emma den schmalen Pfad am Waldrand entlangspazierten. Auch wenn die Welt an diesem Tag ein wenig farblos erschien, so wurde sie doch durch Emma und ihre Schilderungen über die Erlebnisse ihres Kindergartentages erhellt.

Plötzlich blieb das Mädchen abrupt stehen: „Mama, bleib stehen!“, flüsterte sie, so als gäbe es da einen heiligen Moment, den man nicht stören durfte.

Direkt vor Emmas schlammbespritzten Gummistiefeln lag etwas, das so gar nicht in das Grau des Tages passen wollte: eine schneeweiße Feder. Sie war so weiß und rein wie frisch gefallener Neuschnee an einem Wintertag. Selbst der Schmutz des Bodens hatte ihr nichts anhaben können.

Langsam ging Emma in die Knie und nahm den filigranen Fund behutsam an sich.

„Schau nur, Mami!“

Die Mutter blickte kurz auf die Feder, dann in die kahlen Baumkronen. „Sieh dort oben“, forderte sie ihre Tochter auf und zeigte mit dem Finger Richtung Himmel, „da fliegt ein kleiner Falke. Der wird sie wohl verloren haben, als er sich geputzt hat.“

Doch Emma schüttelte heftig den Kopf, während sie die Feder voller Ehrfurcht in ihren Händen hielt. „Nein, Mama, die Feder kommt nicht von dem Vogel da. Diese Feder gehört meinem Schutzengel. Der hat sie hierhergelegt, damit ich weiß, dass er da ist.“

Michaela schaute ihre Tochter verblüfft an und trotz der Kühle, die im Außen herrschte, wurde der Mutter ganz warm ums Herz. „Dein Schutzengel?“, fragte sie leise und strich ihrer Tochter eine widerspenstige Locke aus der Stirn. „Wie sieht er denn aus, dein Engel?“

Emma schloss für einen Moment die Augen, so als würde sie das Bild nur in ihrem Inneren sehen können. „Er ist ganz schön groß, Mama. Und wenn er seine Flügel ausbreitet“, sagte Emma und breitete ihrerseits ihre Arme auch weit aus, „passt der gaaanze Himmel darunter. Aber wenn ich traurig bin, macht er sich sooo winzig klein“, und auch das zeigte das Mädchen mit seiner Körperhaltung, „so dass er sich auf meine Schulter setzen und mir ins Ohr flüstern kann, dass alles wieder gut wird. Und wenn er mich berührt, dann fühlt sich das an wie, wie … das Zerplatzen von Seifenblasen auf meiner Haut. Verstehst du das? Und riechen tut er“, Emma machte eine kleine Pause und suchte nach einem Vergleich, „wie der Rosenbusch bei Oma im Garten.“

Stille legte sich zwischen die beiden und Michaela schluckte schwer. Die Worte ihrer Tochter wirkten wie ein Schlüssel zu einer längst verschlossenen Tür in ihrem eigenen Herzen. Plötzlich erinnerte sie sich an das kleine Mädchen, das sie selbst einmal war. An die Nächte, in denen sie flüsternd mit der Dunkelheit gesprochen hatte, in der Gewissheit, dass jemand zuhörte. Wann war dieser Glaube verblasst? Wann hatte sie angefangen, nur noch Vögel zu sehen, wo früher Boten des Himmels flogen? Ein Gefühl von Verlust mischte sich mit tiefer Sehnsucht. Hatte sie das Vertrauen verloren, oder war sie nur zu ‚vernünftig‘ geworden, um das Unsichtbare noch zu spüren?

Zuhause angekommen suchte Emma eifrig ein kleines, durchsichtiges Kästchen. Sie legte ein wenig Watte hinein und bettete die Feder darauf, so als wäre sie sehr kostbar und zerbrechlich. Das Kästchen stellte sie auf ihre Fensterbank, genau dorthin, wo später das Mondlicht hineinfallen würde.

Als die Dämmerung das Zimmer in blaues Licht tauchte, schlich Emma zu ihrem Schatz. Sie nahm die Feder heraus, hielt sie vorsichtig in ihren Händen und flüsterte mit geschlossenen Augen: „Duhu, Engel? Bist du jetzt da? Ich hab nämlich deine Feder gefunden.“

Im selben Moment veränderte sich die Atmosphäre im Zimmer und füllte sich mit dem Gefühl vollkommener Geborgenheit. Emma spürte es deutlich. „Danke“, flüsterte sie leise und strahlte über das ganze Gesicht, als ihre Mutter den Raum betrat, um Emma Gute Nacht zu sagen.

Michaela sah ihre Tochter am Fenster stehen, die Feder in ihren Händen, und strahlend vor innerem Glück.

Sie selbst nahm nur das vertraute Kinderzimmer wahr, das Spielzeug im Regal und das fahle Mondlicht, das durch das Fenster fiel. Von einem Engel war für sie nichts zu spüren.

Eigentlich wollte sie gerade sagen: „Komm Schatz, leg die Feder weg, es wird Zeit für das Bett.“ Doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie sah den unerschütterlichen Glauben an den Schutzengel in Emmas Augen und ein leises Schaudern lief über ihren Rücken. Wer war sie, zu behaupten, dass es keine Engel gibt? Vielleicht war das Universum doch viel größer, als ihr Verstand es zulassen wollte oder konnte.

Michaela ging langsam zu ihrem Kind, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und flüsterte: „Schlaf gut, Emma. Und sag deinem Engel danke, dass er so gut auf dich aufpasst.“

Dann ging sie zurück zur Tür, öffnete diese und blickte noch einmal zurück zu ihrer Tochter und für einen winzigen, flüchtigen Moment bildete sie sich ein, auch sie könne den Geruch des Rosenbusches aus dem Garten ihrer Mutter erahnen.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


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Freitag, 20. Februar 2026

Du bist die Botschafterin?!

Dies ist eine Fortsetzung der vorherigen Geschichte 'Die Botschaft der Kiesel'.

 

Als Herr Baumann die Tür des Gemeindezentrums öffnete, in dem einmal wöchentlich der Seniorentreff stattfand, duftete es nach frischem Kaffee und Kuchen. Für ihn war dieser Schritt, den er vor ein paar Wochen gewagt hatte, ein erster bewusster Schritt zurück ins Leben gewesen.

Dort, zwischen den hohen Fenstern, war er zum ersten Mal Elisabeth begegnet; einer Frau, die den Malkurs leitete und mit der er sich von Anfang an gut verstanden hatte.

Als die beiden später gemeinsam halfen, die Tassen und Teller abzuräumen, kamen sie wieder einmal ins Gespräch. „Manchmal“, meinte Elisabeth in diesem Moment, „sind es die kleinen Dinge, die uns halten, wenn alles andere wegbricht, nicht wahr?“.

„Sie haben so recht“, antwortete Herr Baumann leise. „Sie müssen wissen, dass ich vor einigen Monaten meine Frau verloren habe und für mich gab es ab dem Tag gar keine Zukunft mehr. Es kam mir so vor, als sei die letzte Seite eines Buches geschrieben und das Buch nun zugeklappt worden.“

Elisabeth lächelte ihn an. Ein warmes, verständnisvolles Lächeln. Dann sagte sie: „Wer weiß, vielleicht gleicht Ihr weiteres Leben doch eher einem Notizbuch mit noch vielen weißen unbeschriebenen Seiten.“

In den folgenden Wochen wurden ihre Gespräche zum Anker für beide. Er erzählte ihr von der Leere in seinem Haus, sie ihm von ihrer Überzeugung, dass Hoffnung eine Entscheidung ist.

Schließlich traten sie gemeinsam den Weg vom Gemeindezentrum durch den Park nach Hause an. Nach einer Weile blieb Herr Baumann kurz stehen, griff in seine Jackentasche und holte einen glatten Kieselstein hervor. „Dieser Stein hier“, sagte er mit brüchiger Stimme, „lag dort auf der Mauer. Seine Botschaft ‚Jeder Tag verdient einen Neuanfang‘ hat mir das Licht zurückgebracht. Wer auch immer ihn dort hingelegt hat, hat mich und meine Seele gerettet.“

Elisabeth sah den Stein an, sie sah ihre eigene Handschrift, doch sie schwieg. Sie genoss den Moment und die große Freude, die sich in ihr ausbreitete. Vielleicht, eines Tages, würde sie es ihm erzählen. Aber nicht heute. Heute wollte sie sich still daran erfreuen.

Weitere Wochen später betrat Herr Baumann zum ersten Mal das lichtdurchflutete Wohnzimmer von Elisabeth. Während sie in der Küche den Kaffee kochte, ließ Herr Baumann seinen Blick schweifen. Plötzlich entdeckte er auf einer Anrichte ein großes Glasgefäß das randvoll gefüllt war mit Kieselsteinen. Einige davon waren exakt mit der Farbe bemalt, die auch sein Stein trug. Daneben lagen feine Pinsel und Acrylmarker.

Als Elisabeth mit dem Tablett hereinkam, stand er fassungslos da. Er sah vom Glas zu ihr und wieder zurück. „Du...“, flüsterte er, und zum ersten Mal nutzte er das vertraute Du. „Du bist die Botschafterin?!“

Elisabeth stellte das Tablett ab und trat zu ihm. „Ich wollte nur Hoffnung verbreiten“, sagte sie sanft.

Und zum ersten Mal nahm er ihre Hand und beide hatten das Gefühl, als wäre der Stein das Fundament für etwas Wunderschönes, das sich zart und leise zwischen ihnen entfaltete.

 © Martina Pfannenschmidt, 2026



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Mittwoch, 18. Februar 2026

Die Botschaft der Kiesel

Elisabeth war viele Jahre lang als Grundschullehrerin tätig, bevor sie in den wohlverdienten Ruhestand versetzt wurde.

In den ersten Monaten fühlte sich die Pensionierung noch wie lange Sommerferien an. Elisabeth las, pflegte ihren kleinen Balkon, besuchte gelegentlich das Gemeindezentrum und genoss die Zeit.

Doch leider schlich sich bald ein Gefühl von Sinnlosigkeit in ihr Leben und blieb wie ein dunkler Schatten an ihrer Seite. In schlaflosen Nächten dachte sie darüber nach, dass ihr Alltag einst von Kinderstimmen und dem Rascheln von Heften erfüllt gewesen war. Sie hatte es geliebt, junge Menschen auf ihrem Lebensweg zu begleiten und sie fragte sich, was ihr während der Schulzeit am wichtigsten gewesen war. Bald fand sie die Antwort: Es waren die kleinen Zeichen von Hoffnung gewesen, die sie den Kindern oftmals zugesprochen oder mitgegeben hatte. Und so überlegte sie, wie sie nun außerhalb der Schule solche Spuren hinterlassen könnte?

Eines Morgens, beim Spaziergang am Flussufer, fielen ihr die glatten, schönen Kieselsteine auf, die zwischen dem Gras lagen. Ihre Finger fuhren über die kühlen Oberflächen und plötzlich war da ein Gedanke: Sie würde die Steine bemalen, verzieren und mit kurzen, mutmachenden Sätzen beschriften. Sie wollte kleine Botschaften für all jene darauf schreiben, die vielleicht einen Lichtblick brauchten.

Und so besorgte sie sich Acrylfarben und Lackstifte, richtete sich in ihrer Wohnung einen Arbeitsplatz ein und begann, die Kieselsteine zu bemalen. Jeder Stein bekam ein eigenes Muster, manchmal bunte Blumen, manchmal nur zarte Linien. Anschließend schrieb sie kleine Sätze darauf.

Auf den ersten Stein schrieb sie: „Du bist stärker, als du glaubst.“ Auf den zweiten: „Jeder Tag verdient einen Neuanfang“ und der dritte Stein erhielt die Worte: „Auch leise Stimmen verändern die Welt.“

Mit einem Lächeln in ihrem Gesicht legte Elisabeth die Steine sorgfältig in ihre Manteltasche und machte sich auf den Weg in den nahegelegenen Park.

An einem alten Brunnen setzte sie sich, betrachtete die vorbeigehenden Menschen und legte die Steine unbemerkt an Stellen, an denen sie leicht gefunden werden konnten. Einen legte sie auf eine Bank, den anderen auf eine niedrige Mauer und den dritten an den Rand des Spielplatzes.

Sie blieb noch eine Weile im Park und spürte, wie sich eine neue, leise Freude in ihr ausbreitete. Dann ging sie nach Hause in der Gewissheit, dass die Steine genau zu den Menschen finden würden, die die ermutigenden Sätze benötigten.

Und so wurde der erste Stein von Lena gefunden. Sie hatte gerade ihren Job verloren und die Angst vor der Zukunft lastete auf ihr. Sie ließ sich mit einem tiefen Seufzer auf der Bank nieder. Dabei fiel ihr Blick auf den bemalten Stein. Sie nahm ihn an sich und las die Worte: „Du bist stärker, als du glaubst.“ Tränen stiegen in ihre Augen und zeitgleich machte sich ein Gefühl des Trostes in ihr breit. Nein, sie würde nicht aufgeben, sondern einen neuen Weg einschlagen.

Herr Baumann, ein älterer Mann, der seine Frau vor ein paar Monaten verloren hatte, entdeckte den Stein mit der Aufschrift: „Jeder Tag verdient einen Neuanfang.“ – Der Schmerz über den Verlust seiner Frau war groß und oft fragte er sich, ob das Leben überhaupt noch etwas für ihn bereithielt, doch dieser Stein und die Worte berührten ihn tief. Zum ersten Mal seit Langem beschloss er, aus dem Schatten des Verlustes und der Trauer herauszutreten und jeden Tag als ein Geschenk zu sehen.

Der dritte Stein – „Auch leise Stimmen verändern die Welt“ – landete in den Händen von Samuel, einem schüchternen Teenager, der sich oft unsichtbar fühlte und der das Gefühl hatte, in der lauten Welt niemals gehört zu werden. Als er diesen Satz las, war ihm, als habe jemand genau ihn gemeint. Und so wurde der Stein zu seinem Talisman, der ihm den Mut vermittelte, sich mit seinen Ideen einzubringen.

Elisabeth wusste nichts von all dem, doch sie hatte das Gottvertrauen, dass die Steine von genau den richtigen Personen gefunden werden würden.

Und so malte und schrieb sie weiter und fand auf diese leise Weise einen neuen Sinn für sich und ihr Leben. 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

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