Mittwoch, 14. Oktober 2026

Eine späte Erkenntnis

Manchmal sind die Geschichten, die ihr hier lesen könnt, fröhlicher Natur, manchmal sollen sie zum Nachdenken anregen. Dann gibt es noch Tier-Geschichten oder Geschichten für die Kleineren. Ein anderes Mal schreibe ich in der Ich-Form, wobei ich dann nicht von mir spreche, sondern einfach nur eine Geschichte erzähle. So ist es in diesem Fall. Und dieses Mal ist es eine Geschichte, von der ich hoffe, dass sie euch berührt. - Wie immer wünsche ich euch viel Freude beim Lesen!


Wenn ich den Flur des Pflegeheimes betrete, schlägt mir immer wieder derselbe Geruch von Desinfektionsmitteln entgegen. Seit meiner Ausbildung für den ehrenamtlichen Besuchsdienst vor einigen Jahren kenne ich diesen Geruch in- und auswendig. Er schreckt mich aber nicht mehr ab. Im Gegenteil, er führt mich hin zu den Menschen, die oft schon auf mich warten, wenn ich die schwere Eingangstür öffne. Irgendjemand freut sich immer, wenn ich hereintrete, weil ich nichts von ihnen will, außer ihnen zuzuhören.

Heute war so ein Tag. Schon von Weitem sah ich sie. Martha. Sie saß in ihrem Rollstuhl direkt am Fenster des Gemeinschaftsraums. Die Hände lagen ruhig in ihrem Schoß. Sie blickte Richtung Tür und als sich unsere Blicke trafen, huschte ein kleines Lächeln über ihr Gesicht. Sie winkte mich zu sich.

„Schön, dass Sie da sind“, sagte sie. „Können wir zwei heute reden?“

„Das können wir. Sehr gerne sogar!“, antwortete ich leise. „Wissen Sie was? Ich hole uns erst einmal zwei Tassen Kaffee. Und dann suchen wir uns ein ruhiges Plätzchen.“

Sie nickte nur. Wenige Minuten später saßen wir in dem kleinen, etwas abseits gelegenen Therapieraum. Die Geräusche des Flurs verstummten, als ich die Tür hinter uns schloss. Ich stellte die dampfenden Tassen auf den kleinen Holztisch und setzte mich Martha gegenüber.

Sie nahm die Tasse nicht hoch, sondern umschloss sie mit ihren schmalen, von blauen Adern durchzogenen Händen. Sie blickte in den schwarzen Kaffee, schwieg eine Weile und dann schaute sie mich direkt an.

„Wissen Sie“, begann sie, und ein bitteres, kleines Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, „mir ist vor ein paar Tagen etwas klar geworden. Und das hat mich im ersten Moment zutiefst erschüttert.“

Ich sagte nichts, hielt einfach nur den Raum für ihre Geschichte.

„Mir wurde klar“, fuhr sie fort, und ihre Stimme zitterte ganz leicht, „dass ich während meines ganzen langen Lebens … eigentlich nie ‚richtig‘ war. Für niemanden.“

Sie hielt inne. Ich schluckte und spürte, wie sich mein Herz zusammenzog.

„Schon bei meiner Geburt fing es an“, erzählte sie, und ihr Blick wanderte zurück in eine längst vergangene Zeit. „Ich war damals zu klein und zu dünn. Die Sorge um mich war groß, also fütterte mich meine Mutter mit Lebertran. Gott, wie ich das Zeug gehasst habe. Aber sie meinte es ja nur gut. Das Ende vom Lied? Bei der Einschulung war ich plötzlich zu groß. Und zu dick. Verstehen Sie? Erst zu wenig, dann zu viel.“

Ein leises, trauriges Schnauben entwich ihr.

„Und so zog sich das durch mein ganzes Leben. Wie ein roter Faden, der mich immer enger einschnürte. Ich passte einfach nie in die Norm und ich war immer die, die – zumindest in den Augen der anderen – ständig Fehler machte. Ich habe den falschen Beruf gewählt, hieß es. Später habe ich den falschen Mann geheiratet. Jedenfalls dachten das alle um mich herum. Und ich habe mein Leben lang versucht, mich passend zu machen. Verstehen Sie das? Ich habe mich zeitlebens verbogen und doch hat es nie gereicht.“

Marthas Augen glänzten jetzt von Tränen, die sie mühsam zurückhielt. Sie ließ die Kaffeetasse los und legte die Hände flach auf den Tisch.

Sie erwartete keine Antwort von mir … nur meine Zeit und mein aufrichtiges Zuhören.

„Und gestern“, flüsterte sie, während nun doch eine Träne über ihre Wange lief, „gestern Abend saß ich in meinem Zimmer am Fenster. Es war schon dunkel. Und ich dachte so bei mir: Wenn doch nur ein einziges Mal … wenn doch endlich mal jemand käme, der sich vor mich hinstellt, mir in die Augen schaut und sagt: ‚Martha, alles ist in Ordnung mit dir. Du warst immer richtig. Du bist immer richtig. Und du hast in deinem Leben immer die richtigen Entscheidungen getroffen.‘“

Sie machte eine lange Pause. Nur das Ticken der Wanduhr war zu hören. Ich spürte, wie mir selbst die Tränen in die Augen stiegen. Die Geschichte einer fast 90-jährigen Frau zu hören, die ihr ganzes Leben lang auf die Erlaubnis gewartet hatte, einfach sie selbst sein zu dürfen, schmerzte mich.

Ich wollte gerade ansetzen, um etwas zu sagen, als Martha die Hand leicht hob. Sie brauchte meine Worte nicht. Sie war schon einen Schritt weiter.

„Und genau in dem Moment“, sagte sie, und ein echtes, tiefes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, „da dachte ich plötzlich: Moment mal, Martha. Der einzige Mensch, der dir das wirklich bestätigen kann … das bist doch du selbst. Ist es nicht so?!“

Ich spürte eine Gänsehaut auf meinen Armen. „Ja, Martha“, sagte ich leise und bewegt. „Genauso ist es.“

„Wissen Sie“, fuhr sie unbeirrt fort, „als ich mir das gestern Abend eingestanden habe … da ist eine riesige Last von meinen Schultern gefallen. Einfach so. Weg war sie.“

Sie nahm meine Hand, die auf dem Tisch lag. Ihre Finger waren warm.

„Und mir wurde im selben Augenblick noch etwas bewusst“, fügte sie hinzu und ihre Stimme wurde ganz feierlich. „Für Gott … für Gott war ich auch immer richtig. Genauso, wie ich war. Er hat mich ja schließlich so gemacht, nicht wahr. Ist das nicht unglaublich?“

Sie schüttelte lachend den Kopf.

„Da muss ich erst fast 90 Jahre alt werden, um das endlich zu erkennen. Ein ganzes Leben lang rennt man einem Phantom hinterher und die Wahrheit lag die ganze Zeit in mir selbst.“

Ich drückte ihre Hand sanft. „Wissen Sie, Martha“, sagte ich, und meine Stimme klang ein wenig belegt, „manche Menschen leben hundert Jahre und verstehen es nie. Sie haben das größte Geschenk gefunden, das man sich selbst machen kann. Ihren eigenen inneren Frieden.“

Und so saßen wir noch eine ganze Weile schweigend in dem kleinen Raum. Der Kaffee war längst kalt geworden, aber das spielte keine Rolle.

„Martha“, sagte ich dann leise und durchbrach das friedliche Schweigen. „Wissen Sie eigentlich, was Sie da gerade getan haben?“

Sie blickte mich fragend an.

„Sie haben nicht nur sich selbst geheilt“, fuhr ich fort und drückte ihre warme Hand noch einmal fest. „Sie haben mir – und jedem, dem ich diese Geschichte jemals erzählen werde – das kostbarste Geschenk überhaupt gemacht. Sie haben mir gezeigt, dass es nie zu spät ist, mit sich selbst Frieden zu schließen. Wir selbst sind die Erlöser, auf die wir unser ganzes Leben lang warten, kein anderer Mensch ist es. Sondern wir selbst. Danke, dass Sie mir das anvertraut haben. Es bedeutet mir viel.“

Martha schwieg für einen langen Moment. Dann strich sie mit ihrem Daumen sanft über meinen Handrücken. Ein tiefes, weises Lächeln legte sich auf ihre Lippen.

„Vielleicht“, flüsterte sie, „war das der eigentliche Grund, warum ich so alt werden musste, um es am Ende nicht nur zu verstehen, sondern um es weiterzugeben. Damit Sie es den Jüngeren erzählen können. Wartet nicht so lange wie Martha.“

Als ich das Pflegeheim an diesem Abend verließ und die schwere Eingangstür hinter mir ins Schloss fiel, atmete ich die kühle Abendluft tief ein, während Marthas Worte noch in mir hallten. Ich blickte hoch zum Himmel, an dem die ersten Sterne sichtbar wurden und spürte eine tiefe Gewissheit in mir aufsteigen: Wir sind alle genau richtig, so wie wir sind. Vom ersten bis zum allerletzten Atemzug.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

Freitag, 2. Oktober 2026

Der knubbelige Kürbis

 

Herbstzeit = Kürbiszeit!

Ich mag sie, wenn sie leuchtend orange auf den Feldern liegen, aber ich mag sie nicht als Suppe und auch nicht eingelegt. 😉 – Doch nun dachte ich mir: dafür kann der Kürbis ja nichts und deshalb widme ich ihm heute eine eigene kleine Geschichte. – Ich wünsche euch viel Freude beim Lesen!

  

Es war einmal ein Kürbis namens Pumpi, der am Rande eines sonnen-beschienenen Feldes wuchs.

Während seine Brüder und Schwestern dick und rund wurden und stolz ihre leuchtend orangefarbene Schale in die Herbstsonne streckten, blieb Pumpi klein und behielt eine grüne Stelle auf seiner ansonsten goldgelben Schale.

„Aus dir wird nie ein echter Prachtkürbis“, spottete die dicke Berta, die drei Ranken weiter lag. Sie hatte bereits jetzt das stattliche Gewicht einer großen Wassermelone. „Wenn der Bauer im Oktober kommt, um die Ernte für das große Herbstfest einzufahren“, prophezeite sie, „wird er dich einfach auf dem Feld verrotten lassen.“

Die Worte trafen Pumpi hart und er seufzte leise, als seine rauen Blätter im Wind raschelten.

Er wollte doch auch so gerne den Menschen eine Freude machen. Er stellte sich vor, wie er als funkelnde Laterne vor einer Haustür stand oder als wärmende, cremige Suppe eine Familie glücklich machen würde. Doch stattdessen schien sein Schicksal als Sonderling des Feldes besiegelt zu sein.

Und so wurden die Nächte merklich kühler und eines Tages im goldenen Oktober war es schließlich so weit. Der alte Traktor näherte sich dem Feld und kündigte unüberhörbar die Ernte an. Der Bauer und seine Enkelin Paula, ein Mädchen mit wilden Locken und roten Gummistiefeln, sprangen behände vom Traktor herunter.

Mit großen Messern trennten sie einen Kürbis nach dem anderen ab. Berta wurde vom Bauern mit Wucht auf den Anhänger gehoben. Als sich Pumpi Schritte näherten, hielt er den Atem an. Es waren die Schritte von Paula, die nun direkt vor ihm stehen blieb. Sie bückte sich, betrachtete seine knubbelige Form und strich mit dem Daumen über den grünen Fleck.

„Schau mal, Opa!“, rief Paula und hob Pumpi behutsam an. „Der hier ist perfekt. Er passt genau in meine Hände.“

Pumpis Herz machte einen freudigen Sprung. Er wurde nicht lieblos auf den großen Anhänger zu den anderen geworfen, sondern durfte vorne im Führerhaus des Traktors auf Paulas Schoß mitfahren.

Auf dem Hof des Bauernhofs herrschte geschäftiges Treiben. Die Menschen trugen dicke Wollpullover, während sie zahlreiche Stände aufbauten und der Duft von frischem Apfelkuchen und Zimt in der Luft lag.

Paula brachte Pumpi zu einem kleinen Holztisch und kam kurze Zeit später mit einem Löffel, einem Messer und einer kleinen Kerze wieder aus dem Haus.

Pumpi hielt ein wenig die Luft an, weil er sich vor dem Messer fürchtete, doch bald merkte er, dass seine Angst unbegründet war, denn nachdem Paula einen sauberen Deckel abgetrennt und ihn behutsam mit dem Löffel ausgehöhlt hatte, fühlte er sich innerlich so leicht wie noch nie zuvor. Paula versprach sogar, während sie seine Kerne zur Seite legte, diese im nächsten Frühjahr in die Erde zu legen. Anschließend schnitzte sie mit viel Geschick kleine Sterne in seine Schale und aus dem grünen Fleck wurde ein wunderschöner runder Mond.

Als die Dämmerung hereinbrach, trug Paula Pumpi zum Eingang des Hofes. Sie stellte ihn dort auf einen alten Holzstamm, zündete die Kerze in seinem Inneren an und setzte den Deckel wieder auf.

In diesem Moment geschah das Wunder. Das warme, goldene Licht der Kerze schien durch Pumpis sternenförmige Öffnungen und warf ein wunderschönes Muster auf den Asphalt.

„Oh, sieh mal, wie wunderschön!“, sagten die Besucher des Hoffestes und die Kinder zeigten mit ihren kleinen Fingern auf ihn und staunten über das Sternenmeer, das Pumpi in die Dunkelheit zauberte.

Er war nicht der größte Kürbis geworden, nicht der schönste und auch nicht der schwerste, aber er war in diesem Moment der glücklichste, weil er erkannte, dass man nicht perfekt sein muss oder den Erwartungen anderer entsprechen muss, um einzigartig und wertvoll zu sein, denn oft sind es die vermeintlichen Fehler, die uns zu etwas ganz Besonderem machen.

Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil.

Samstag, 19. September 2026

Ab in den Süden

Als ich vor ein paar Tagen auf dem Balkon saß und die letzten Sonnenstrahlen des Tages genoss, sah ich hoch zum Himmel und beobachtete für eine Weile ein paar Schwalben. Unweigerlich dachte ich darüber nach, dass sie sich schon bald wieder sammeln werden, um Richtung Süden zu fliegen. – Im selben Moment tauchte aber auch der Gedanke auf, dass die Reisevorbereitungen bei uns Menschen komplett anders aussehen. Ja und ich weiß auch nicht genau, wie es passieren konnte, aber irgendwie habe ich da in meinem Kopf wohl etwas durcheinandergebracht. 😉 Aber lest selbst. Viel Freude dabei!

  

Es war ein goldener Septembermorgen, als im Nest von Familie Schwalbe das reinste Chaos herrschte. Wie in jedem Jahr, so stand auch in diesem die alljährliche große Reise nach Afrika bevor.

Papa Schwalbe stand mit einer viel zu kleinen Lesebrille auf dem Schnabel mitten im Nest. In den Flügeln hielt er eine Checkliste.

„Anni! Moritz! Habt ihr eure Pässe?“, rief er in diesem Moment mit lauter Stimme. „Und wer, um Himmels willen, hat den großen, roten Rollkoffer versteckt?“

Aus dem Nebenraum ertönte das genervte Seufzen von Anni, seiner Tochter. Sie schob ihre winzige Sonnenbrille hoch und antwortete: „Papa, chill mal. Der Koffer steht bestimmt im Keller hinter den alten Spinnweben. Und übrigens: ich fliege sowieso nur mit Handgepäck!“

Mutter Schwalbe, die Ruhe in Person, schwebte mit einer riesigen Tube ‚Sonnencreme – Lichtschutzfaktor 50 für besonders empfindliches Gefieder‘ herbei. Sie wollte nicht, wie im letzten Jahr, einen Sonnenbrand auf den kostbaren Schwingen riskieren.

„Schatz, beruhige dich“, sagte sie lächelnd zu ihrem Mann und verfrachtete die Tube sanft in den Koffer, den Moritz, ihr Sohn, gerade herbeigeschleift hatte. Moritz war der jüngste Spross und hatte bereits seine bunten Hawaii-Badeshorts über die Federn gezogen. „Wir haben noch reichlich Zeit“, meinte Mama dann, „der Abflug am großen Strommast ist erst für 14:00 Uhr angesetzt.“

„Reichlich Zeit?“, rief Papa Schwalbe empört aus und tippte hektisch auf seine Armbanduhr. „Die Thermik wartet nicht auf uns, meine Lieben! Wenn wir den Aufwind um zwei Uhr verpassen, stehen wir vor den Alpen im Stau. Und ich möchte nicht, dass hinter uns wieder die Störche drängeln, weil es nicht zügig voran geht.“

Nun ging das große Packen erst richtig los. Mama Schwalbe ging im Kopf nochmal die Verpflegung durch: „Ich habe Mücken-Sandwiches für unterwegs eingepackt und eine Thermoskanne mit Fruchtsaft. Auf den Rastplätzen im Süden sind die Preise im Herbst immer völlig überzogen.“

Moritz versuchte verzweifelt, seine Taucherbrille und eine aufblasbare Luftmatratze in den Koffer zu quetschen und Anni musste noch schnell die Playlist mit ihren Lieblingsliedern speichern, weil sie über der Sahara bestimmt keinen Empfang hatte.

Um kurz vor eins war es endlich geschafft. Der rote Koffer war so vollgepackt, dass Papa Schwalbe sich mit seinem gesamten Körpergewicht darauf werfen musste, damit Mama Schwalbe den Reißverschluss zuziehen konnte. Rrrrrt – geschafft!

Sie schlossen die Haustür ihres Nestes ab, hängten ein kleines Schild mit der Aufschrift ‚Sind im Urlaub – Bitte keine Werbung einwerfen‘ davor und machten sich auf den Weg zum großen Treffpunkt am Strommast.

Dort angekommen war die Stimmung phänomenal. Hunderte von Schwalben standen in langen Schlangen an und berieten über die beste Flugroute.

Der Reiseleiter rief durch ein Megafon: „Flug 2026 nach Mallorca und weiterführend nach Afrika, bitte bereitmachen zum Boarding!“

Papa Schwalbe atmete tief ein. Der Stress des Packens war wie weggeblasen. Er blickte seine Familie fröhlich an. Moritz trug stolz seine Badeshorts, Anni summte gut gelaunt ein Lied, und seine Frau hielt liebevoll seinen Flügel.

„Bereit für den Sommerurlaub, Familie?“, fragte er mit einem breiten Grinsen.

„Bereit!“, riefen alle im Chor.

Der Reiseleiter gab das Signal und der riesige Schwarm erhob sich Synchron und mit einem jubelnden Tschilpen in den strahlend blauen Himmel. Die Koffer fest im Griff, die Sonnencreme im Gepäck und das pure Glück im Herzen flogen sie gemeinsam der Sonne entgegen.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!


Freitag, 11. September 2026

Das große Traum-Abenteuer

Nachdem ich vor ein paar Tagen bei meiner Schreib-Freundin Regina die Geschichte ‚Der Prinz mit den goldenen Haaren‘ gelesen hatte, in der mir der Satz ‚… im Traum und im Märchen ist alles möglich, nicht wahr?‘ begegnete, machte sich sogleich eine Geschichte zu mir auf den Weg. Und wenn ihr mögt, nehme ich euch nun mit und erzähle euch, welch ‚traumhafte Erfahrungen‘ Opa und Phillip, die ihr schon aus der Geschichte ‚Der Zauberhut‘ kennt, heute machen. Viel Freude beim Lesen!

 

Phillip angelte sich ein golden verpacktes Bonbon aus dem Bonbonglas. „Opa, warum steht dahinten im Schrank ein leeres Marmeladenglas? Es ist schon ganz staubig.“

Phillip reckte sich und stellte sich auf die Zehenspitzen, um das staubige Glas aus der hintersten Ecke des Schrankes zu fischen.

Opa legte seine Zeitung beiseite, schob die Lesebrille auf die Nasenspitze und tat sehr geheimnisvoll: „Daaaas? Das ist nicht einfach nur ein normales Glas, mein Junge. Das ist mein Traum-Auffang-Glas.“

Phillip hörte staunend zu.

„Was ist ein Traum-Auffang-Glas, Opa?“

„In dem Glas bewahre ich all meine schönen Träume auf. Verstehst du? Du darfst es nicht öffnen, sonst verschwindet der fliegende Teppich vielleicht, auf dem ich rund um den Südpol geflogen bin.“

„Wow!“, rief Phillip begeistert und riss die Augen weit auf. „Dann ist das ja ein magisches Glas, oder?“

„Absolut! Weißt du, wenn man ganz fest an seine Träume glaubt, dann fliegen sie nachts nicht einfach davon, sondern man kann ein kleines bisschen davon mitnehmen für den nächsten Tag.“

Phillip blickte staunend zu Opa. Er konnte sich gar nicht vorstellen, dass sein gemütlicher Opa nachts als Pilot um den Südpol flog.

„Und wie fängt man so einen Traum?“, wollte Phillip dann wissen.

„Das ist das Einfachste von der Welt“, antwortete Opa. „Du musst dich abends im Bett einfach ganz fest auf ein Abenteuer freuen. Wenn du dann die Augen schließt, reist du schon los. Und morgen früh, da schauen wir mal, ob wir deinen Traum im Glas einfangen können.“

Phillip konnte es kaum erwarten, dass es endlich dunkel wurde und hüpfte voller Vorfreude durch das Wohnzimmer. So ein Traum-Abenteuer durfte er auf keinen Fall verpassen.

Als es dunkel wurde, kuschelte Phillip sich tief in sein Kissen, schloss die Augen und dachte ganz fest an den Weltraum. Und wusch! Da ging es auch schon los.

Er saß in einer Rakete und sauste durch das blaue Weltall, während die Triebwerke laut zischten. Phillip sah aus dem Fenster und staunte über all die funkelnden Sterne. Die Erde unter ihm wurde immer kleiner und die Bäume sahen von hier oben aus, wie kleine Brokkoli-Köpfchen. Zielsicher steuerte die Rakete auf den großen runden Mond zu, der immer größer vor ihm erschien. Eine Weile später landete die Rakete butterweich auf dem Mond. Phillip öffnete die Luke und staunte über die Hügel und Mulden, die sich ihm nun zeigten. Dann sah er etwas auf einem nahegelegenen Hügel stehen. Dort musste er hin … und konnte kaum glauben, was er dort sah. Auf diesem Hügel stand ein Kiosk und darin befand sich sein Opa. Er trug seinen schwarzen Klappzylinder schief auf dem Kopf und in der Hand hielt er eine riesige Waffeltüte, die gefüllt war mit Erdbeer- und Vanilleeis.

„Opa!“, rief Phillip und hüpfte freudig auf ihn zu.

„Na, mein Junge!“, lachte Opa, tippte lässig an die Krempe seines Zylinders und reichte Phillip die riesige Waffeltüte. Probier mal, das Mond-Eis schmeckt heute fantastisch nach Sternenstaub!“

Phillip probierte und strahlte, denn er ahnte, dass er gerade das größte Abenteuer seines bisherigen Lebens erlebte.

Am nächsten Morgen kitzelten die ersten Sonnenstrahlen Phillips Nase. Er riss die Augen auf und setzte sich kerzengerade im Bett auf. War das alles nur ein Traum gewesen?

Er flitzte im Pyjama die Treppe hinunter in die Küche. Dort saß Opa am Tisch, trank gemütlich seinen Kaffee und las Zeitung. Auf dem Tisch stand ein leeres Marmeladenglas mit glitzerndem Deckel.

„Opa, Opa! Ich war auf dem Mond! Und du warst auch da, mit deinem Zylinder!“, sprudelte es aus Phillip heraus.

Opa sah seinen Enkel mit funkelnden Augen an und grinste übers ganze Gesicht. „Ich weiß, mein Junge. Ich war ja schließlich auch dort.“

Danach strich er sich schmunzelnd über den Bart und fügte mit einem Augenzwinkern hinzu: „Aber sag mal … hast du zufällig meinen linken Hausschuh gesehen? Ich suche ihn schon den ganzen Morgen und ich habe den leisen Verdacht, dass ich ihn auf dem Mond vergessen haben könnte.“

Phillip prustete los. Er schaute auf Opas Füße – und tatsächlich: Der linke Fuß steckte nur in einer dicken, geringelten Socke. Das Traum-Abenteuer war wohl doch ein bisschen echter gewesen, als er gedacht hatte!

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

Freitag, 4. September 2026

Der Zauberhut

„Opa, warum liegt hier ein platter schwarzer Pfannkuchen aus Stoff im Schrank?“, fragte der kleine Phillip und hielt ein kreisrundes, flaches Etwas in die Höhe.

Opa fegte sich den unsichtbaren Staub von seinen Knien, sah das Ding und grinste übers ganze Gesicht. „Ah, mein alter Klappzylinder! Ich wusste gar nicht, dass ich den noch hab. Pass mal auf, mein Junge.“ Opa nahm das schwarze Teil, hielt es locker in der Hand und gab dem Rand mit dem Handballen der anderen Hand einen gezielten, lässigen Kick. Plopp! machte es und der Hut wurde lebendig. Der Junge staunte nicht schlecht, als plötzlich ein majestätisch anmutender Zylinder zum Vorschein kam. Ein solches Ding hatte er noch nie gesehen.

„Wow!“, rief er deshalb begeistert und riss die Augen weit auf. „Das ist ja ein schöner Hut?“

„Ein Hut?“, lachte Opa und setzte sich das Prachtstück schief auf den Kopf. „Das ist nicht nur einfach ein Hut, mein Junge. Das ist ein Zylinder! Ein edles Stück, das man nur zu ganz besonderen Anlässen trägt.“

Phillip konnte es sich gar nicht vorstellen, dass Opa so ein Ding tatsächlich getragen hatte.

„Natürlich hab ich den getragen!“, erzählte Opa und man sah seinen Stolz darüber an dem Funkeln in seinen Augen. „Ich trug ihn zum Beispiel bei einer sehr vornehmen Hochzeit im Freien. Ich spazierte gerade stolz über den Rasen, als eine Taube im Tiefflug über mich hinwegsauste und – patsch! – ein riesiges ‚Glückssignal‘ genau oben auf der Seide hinterließ. Ich wollte den Klecks unauffällig mit dem Taschentuch wegwischen, doch in meiner Hektik drückte ich versehentlich den Mechanismus aus. Der Zylinder klappte blitzschnell zusammen. Da richteten sich gefühlt alle Augen auf mich. Es war so peinlich, als ich hinterher mit meinem schwarz-weiß gesprenkelten Kunstwerk vor der Braut stand. – Aber vielleicht dachten auch einige, dass sei der neuste Modetrend aus Paris!“

„Ich hätte auch gelacht“, meinte Phillip und hielt sich lachend den Mund zu. „Und was ist noch passiert?“

„Oh, ein anderes Mal war ich im Theater“, erzählte Opa weiter. „Ich legte den Zylinder im zusammengeklappten Zustand auf meinen Sitz, weil ich kurz aufgestanden war, um ein Taschentuch aus meiner Hosentasche zu holen. Im selben Moment hatte ich den Zylinder schon wieder vergessen und setzte mich darauf. Als ich es bemerkte und wieder aufstand, machte es Plopp und wieder gab es einige im Publikum, die über mich und mein Missgeschick schmunzeln mussten.“

„Wenn immer was Blödes passiert, wenn du ihn trägst, ist es wohl besser, wenn er hier im Schrank liegen bleibt“, meinte Phillip und fragte: „Trägt den heute überhaupt noch irgendeiner?“

„Aber sicher! Denk nur an die Zauberer, die ihn benutzen, um Kaninchen oder endlose bunte Tücher daraus hervorzuzaubern. Also, wenn ich zaubern könnte“, meinte Opa verschmitzt, „würde ich mir statt Tüchern lieber Mettbrötchen zaubern. - Und im Reitsport, bei der Dressur, da gehört er auch zum guten Ton. Da sieht man nämlich extrem elegant aus, während man auf dem Pferd tänzelt.“

Opa nahm den Zylinder wieder ab und betrachtete ihn mit einem Schmunzeln.

„Darf ich auch mal?“, fragte Phillip hoffnungsvoll.

Opa setzte Phillip den Zylinder auf. Er war viel zu groß und rutschte dem Jungen bis über die Nasenspitze. „Opa! Ich sehe gar nichts mehr! Jetzt bin ich ein wandelnder Hut!“

„Perfekt!“, rief Opa. „Das ist die wichtigste Funktion des Zylinders: Er macht dich unsichtbar, wenn es Zeit ist, sich vor dem Aufräumen des Zimmers zu drücken!“

Phillip kicherte unter dem schwarzen Stoff. „Dann behalte ich ihn am besten gleich auf!“ Und so marschierte ein kleiner Junge, der nur aus zwei Beinen und einem riesigen schwarzen Zylinder zu bestehen schien, kichernd in sein Zimmer, während Opa ihm vergnügt zuschaute.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

Mittwoch, 26. August 2026

Eine (fast) wahre Geschichte (Vorankündigung)

Momentan habe ich das Gefühl, hin und wieder ein kleines bisschen aus der Jahreszeit zu fallen – und ich erzähle euch auch, warum das so ist.

 

Ich sitze auf dem Holzpodest und lasse meine Beine im Wasser des Pools baumeln. Der Himmel über mir ist blau, neben mir steht ein Glas Wasser, auf dem Kopf trage ich einen Sonnenhut und völlig unerwartet summe ich … ein Weihnachtslied.

Ganz leise natürlich, um nicht in Erklärungsnot zu geraten … zu spät … meine Tochter, die vor mir auf der Luftmatratze im Pool liegt, öffnet die Augen und sieht mich irgendwie komisch an.

„Mama“, sagt sie langsam, „hast du noch alle Kugeln am Christbaum?“

Ich ziehe die Sonnenbrille ein Stück nach unten und bemühe mich um einen sehr würdevollen Gesichtsausdruck.

„Selbstverständlich“, sage ich, „sogar die silbernen. Ich stimme mich nur ein.“

„Und auf was? Auf hitzefrei im Dezember?“

„Auf den Advent“, erkläre ich. „Der kommt nämlich früher, als man denkt.“

Meine Tochter blinzelt in die Sonne. „Der Advent kommt meines Wissens immer im Dezember.“

„So ist das!“, antworte ich. „Aber für die Hersteller von Schokoladennikoläusen oder Lebkuchen und auch für Menschen, die vierundzwanzig Geschichten schreiben wollen, beginnt er deutlich früher. Das braucht nämlich alles Vorlauf und Planung … und in meinem Fall ziemlich viele Notizen.“

„Notizen?“

„Ja“, bestätige ich, „viiiieeeele Notizen, denn auch in diesem Jahr wird es in meinem Blog wieder einen Geschichten-Adventskalender geben.“

Da war es ausgesprochen. Nicht zwischen Tannengrün und Kerzenschein, sondern zwischen Pool und Sonnenhut. Aber manchmal nehmen die schönsten Weihnachtsideen eben genau dort ihren Anfang, wo niemand mit ihnen rechnet.

Meine Tochter schweigt einen Moment. Dann grinst sie. „Also sitzt du am Pool und denkst dir Adventsgeschichten aus?“

„Ganz genau.“

„Und deshalb Weihnachtslieder?“

„So ist es … und ich weiß auch schon, dass es in diesem Jahr um Claudia und ihre Erlebnisse im Dezember gehen wird“, erwidere ich mit Stolz in der Stimme.

Sie schüttelt den Kopf und sagt, bevor sie sich von der Luftmatratze in den Pool fallen lässt: „Na dann hoffe ich mal, dass Claudia Schwimmflügel hat.“

‚Die wird sie nicht brauchen‘, denke ich, ‚aber Mut, den braucht sie. Und am Ende hat sie vielleicht mehr Advent im Herzen, als sie am Anfang für möglich gehalten hätte.‘

 

Im vergangenen Dezember gab es hier jeden Tag ein neues Stück einer fortlaufenden Geschichte zu lesen. Ein Türchen nach dem anderen öffnete sich und gemeinsam sind wir durch den Advent gegangen. Und weil mir das Planen und Schreiben und natürlich auch das gemeinsame Warten auf den nächsten Tag so viel Freude gemacht hat, wird es auch in diesem Jahr wieder einen Geschichten-Adventskalender geben. Diesmal begleiten wir Claudia.

Claudia bekommt am 1. Advent von ihrer Freundin einen selbstgemachten Adventskalender geschenkt. Aber hinter jedem Türchen wartet nicht etwa ein Stückchen Schokolade oder ein achtsamer Spruch, nein hinter jedem Türchen steckt eine kleine Herausforderung für Claudia … und ihr dürft sie Tag für Tag dabei begleiten, wenn ihr mögt!

Damit ist es also offiziell: Während draußen noch Sommer ist, wächst hier schon leise der Advent heran.

Noch riecht es mehr nach Chlor als nach Zimt, aber in meinem Kopf hat der Advent bereits begonnen – und das wollte ich euch gerne wissen lassen.

Und wenn ihr im Dezember wieder Lust habt, jeden Tag ein kleines Türchen aus Worten zu öffnen, dann freue ich mich schon jetzt, wenn ihr Claudia durch ihren besonderen Advent begleitet … und bis dahin summe ich weiter … recht leise, aber mit allen Kugeln am Christbaum! 😉



Sonntag, 16. August 2026

Sorgen können schwimmen

Für viele Familien enden in diesen Tagen die ‚schönsten Wochen des Jahres‘. – Andere haben ihren Urlaub noch vor sich, doch eines ist sicher: auch sie kehren irgendwann in ihren ‚normalen Alltag‘ zurück. Und dann stellen wir fest: unsere Sorgen und Probleme, mit denen wir losgefahren sind, konnten wir nicht im Meer oder Pool versenken. Die konnten scheinbar schwimmen und haben sich auf der Rückreise in unseren Koffern versteckt. – Davon handelt die folgende Geschichte. – Viel Freude beim Lesen!


Die Reifen des vollgepackten Kombis waren heiß, als Familie Janssen mit ihrem vollgepackten Kombi auf den Stellplatz vor ihrem Haus rollte. Drei Wochen Toskana lagen hinter ihnen. Drei Wochen voller Sonnenschein, Pinienduft und Unbeschwertheit.

Vater Thomas stellte den Motor ab. Für einen Moment blieb es im Auto ganz still. Niemand bewegte sich, niemand sagte etwas. Es war dieser klassische Moment der Rückkehr, in dem die Leichtigkeit des Urlaubs auf die Realität des Alltags trifft.

„Wir sind da“, sagte Mutter Julia dann leise und drehte sich zu ihren Kindern um, die auf der Rückbank saßen. Der vierzehnjährige Jonas und die elfjährige Marie, blickten stumm aus den Fenstern.

Das Urlaubsgefühl war zwar noch da, genauso wie der feine Sand an den Strandtüchern, die im Kofferraum lagen … und doch hatte sich etwas verändert.

Nun begann das Auspacken, das einem Ritual folgte und sich in jedem Jahr wiederholte. Thomas hievte die schweren Koffer aus dem Kofferraum. Julia begann sofort damit, die ersten Utensilien in die Waschküche zu tragen. Dabei fiel ihr auf, wie viel sie eigentlich völlig umsonst mitgeschleppt hatten.

Da waren die dicken Strickpullover, die Julia vorsichtshalber eingepackt hatte, falls die italienischen Sommernächte kühl werden sollten. Sie waren ungetragen, rochen noch nach dem heimischen Kleiderschrank. Da war das zweite Paar Wanderschuhe von Thomas, das die Ferienwohnung nie verlassen hatte.

Auch die Kriminalromane kehrten ungelesen nach Hause zurück, weil die Abende bei Pasta und Wein viel zu lang und gesellig gewesen waren.

Es war die typische Bilanz eines unbeschwerten Urlaubs: Man packt für alle Eventualitäten alles Mögliche ein und stellt am Ende fest, dass man nur die Hälfte gebraucht hat.

Doch während die ungenutzten Kleidungsstücke und Bücher einfach wieder in die Schränke wanderten, wurde den Vieren bereits beim Betreten des Hauses bewusst, dass sie noch viele andere Dinge im Gepäck hatten. Dinge, die man nicht am Strand vergessen, im Meer versenken und nicht im Ferienhaus liegen lassen konnte.

Thomas setzte sich an den Küchentisch, auf dem ein Stapel Briefe lag – ungeöffnet seit drei Wochen. Er sah das Logo seiner Firma auf einem der Umschläge. Sofort war es wieder da, das flaue Gefühl im Magen. Vor dem Urlaub hatte es Gerüchte über Stellenstreichungen gegeben. Drei Wochen lang hatte er die Angst erfolgreich weggeschoben und das Diensthandy im Safe gelassen. Doch in diesem Moment holte ihn die berufliche Ungewissheit mit voller Wucht wieder ein. Die Sorge um den Arbeitsplatz war nicht in Italien geblieben. Sie hatte mit ihm gemeinsam den ganzen Weg über die Alpen zurückgelegt.

Julia beobachtete ihren Mann und spürte gleichzeitig ihren eigenen unsichtbaren Ballast. Sie strich sich über den Unterbauch. Kurz vor der Abreise hatte sie einen Kontrolltermin beim Arzt gehabt. Ein Routineeingriff stand nach dem Sommer an, nichts Lebensbedrohliches, aber doch eine Operation, die ihr ein mulmiges Gefühl im Magen bescherte.

Im Urlaub, unter der warmen Sonne, hatte sie die körperlichen Beschwerden und die leise Angst vor dem Krankenhausaufenthalt vergessen können. Doch jetzt, wo die Waschmaschine lief und der Alltag zurückgekehrt war, kehrte auch die Anspannung in ihr zurück. Ihre Krankheit, die Sorge um die eigene Gesundheit, war treu mitgereist.

Aus dem ersten Stock hörte man das dumpfe Geräusch von Jonas’ schwerem Rucksack, den er auf den Boden warf. Jonas hatte sich im Urlaub verändert. Er war fröhlich gewesen, hatte mit italienischen Jugendlichen am Strand Volleyball gespielt und gelacht. Doch nun stand das neue Schuljahr vor der Tür. Das Halbjahr davor war eine Katastrophe gewesen – Mobbing durch Mitschüler, schlechte Noten in den Hauptfächern, die Versetzung, die er nur mit Ach und Krach geschafft hatte.

Als Jonas jetzt sein Zimmer betrat und die Schulbücher auf dem Schreibtisch sah, sackten seine Schultern nach unten. Die Unbeschwertheit der Ferienwochen verflog in Sekundenschnelle. Die Versagensangst und der Druck der Schule waren wieder voll da.

Marie kam in die Küche, ein kleines, bemaltes Tongefäß in den Händen – ein Souvenir, das sie auf einem Markt in Italien gekauft hatte. Sie sah ihre Eltern an und spürte sogleich die veränderte Stimmung, die im Raum herrschte.

„Jetzt ist der Urlaub vorbei“, sagte sie leise.

Thomas blickte von dem Briefstapel auf. Er sah seine Frau an, sah Jonas, der langsam die Treppe hinunterkam und schließlich seine Tochter. Er spürte die Lasten, die sie alle mit sich trugen. Aber er spürte noch etwas anderes.

Er stand auf, ging zu Julia und nahm ihre Hand. Dann zog er Jonas und Marie zu sich.

„Der Urlaub ist vorbei, ja“, sagte Thomas und seine Stimme bebte ein wenig. „Aber wisst ihr, was wir auch noch mitgebracht haben? Wir haben drei Wochen lang bewiesen, dass wir zusammen lachen können. Wir haben Kraft getankt und wir haben uns ausgeruht.“

Julia nickte und drückte seine Hand. „Stimmt. Die Probleme, die wir vor drei Wochen hatten, sind heute noch da. Aber sie sind nicht größer geworden. Doch wir sind ein bisschen stärker geworden, um sie anzupacken.“

Sie brachten die Sorgen und Probleme zwar mit zurück in den Alltag, aber auch den Mut und den Zusammenhalt, den sie unter der Sonne der Toskana wiedergefunden hatten. Und das war das wichtigste Gepäckstück von allen.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026