Mittwoch, 18. Februar 2026

Die Botschaft der Kiesel

Elisabeth war viele Jahre lang als Grundschullehrerin tätig, bevor sie in den wohlverdienten Ruhestand versetzt wurde.

In den ersten Monaten fühlte sich die Pensionierung noch wie lange Sommerferien an. Elisabeth las, pflegte ihren kleinen Balkon, besuchte gelegentlich das Gemeindezentrum und genoss die Zeit.

Doch leider schlich sich bald ein Gefühl von Sinnlosigkeit in ihr Leben und blieb wie ein dunkler Schatten an ihrer Seite. In schlaflosen Nächten dachte sie darüber nach, dass ihr Alltag einst von Kinderstimmen und dem Rascheln von Heften erfüllt gewesen war. Sie hatte es geliebt, junge Menschen auf ihrem Lebensweg zu begleiten und sie fragte sich, was ihr während der Schulzeit am wichtigsten gewesen war. Bald fand sie die Antwort: Es waren die kleinen Zeichen von Hoffnung gewesen, die sie den Kindern oftmals zugesprochen oder mitgegeben hatte. Und so überlegte sie, wie sie nun außerhalb der Schule solche Spuren hinterlassen könnte?

Eines Morgens, beim Spaziergang am Flussufer, fielen ihr die glatten, schönen Kieselsteine auf, die zwischen dem Gras lagen. Ihre Finger fuhren über die kühlen Oberflächen und plötzlich war da ein Gedanke: Sie würde die Steine bemalen, verzieren und mit kurzen, mutmachenden Sätzen beschriften. Sie wollte kleine Botschaften für all jene darauf schreiben, die vielleicht einen Lichtblick brauchten.

Und so besorgte sie sich Acrylfarben und Lackstifte, richtete sich in ihrer Wohnung einen Arbeitsplatz ein und begann, die Kieselsteine zu bemalen. Jeder Stein bekam ein eigenes Muster, manchmal bunte Blumen, manchmal nur zarte Linien. Anschließend schrieb sie kleine Sätze darauf.

Auf den ersten Stein schrieb sie: „Du bist stärker, als du glaubst.“ Auf den zweiten: „Jeder Tag verdient einen Neuanfang“ und der dritte Stein erhielt die Worte: „Auch leise Stimmen verändern die Welt.“

Mit einem Lächeln in ihrem Gesicht legte Elisabeth die Steine sorgfältig in ihre Manteltasche und machte sich auf den Weg in den nahegelegenen Park.

An einem alten Brunnen setzte sie sich, betrachtete die vorbeigehenden Menschen und legte die Steine unbemerkt an Stellen, an denen sie leicht gefunden werden konnten. Einen legte sie auf eine Bank, den anderen auf eine niedrige Mauer und den dritten an den Rand des Spielplatzes.

Sie blieb noch eine Weile im Park und spürte, wie sich eine neue, leise Freude in ihr ausbreitete. Dann ging sie nach Hause in der Gewissheit, dass die Steine genau zu den Menschen finden würden, die die ermutigenden Sätze benötigten.

Und so wurde der erste Stein von Lena gefunden. Sie hatte gerade ihren Job verloren und die Angst vor der Zukunft lastete auf ihr. Sie ließ sich mit einem tiefen Seufzer auf der Bank nieder. Dabei fiel ihr Blick auf den bemalten Stein. Sie nahm ihn an sich und las die Worte: „Du bist stärker, als du glaubst.“ Tränen stiegen in ihre Augen und zeitgleich machte sich ein Gefühl des Trostes in ihr breit. Nein, sie würde nicht aufgeben, sondern einen neuen Weg einschlagen.

Herr Baumann, ein älterer Mann, der seine Frau vor ein paar Monaten verloren hatte, entdeckte den Stein mit der Aufschrift: „Jeder Tag verdient einen Neuanfang.“ – Der Schmerz über den Verlust seiner Frau war groß und oft fragte er sich, ob das Leben überhaupt noch etwas für ihn bereithielt, doch dieser Stein und die Worte berührten ihn tief. Zum ersten Mal seit Langem beschloss er, aus dem Schatten des Verlustes und der Trauer herauszutreten und jeden Tag als ein Geschenk zu sehen.

Der dritte Stein – „Auch leise Stimmen verändern die Welt“ – landete in den Händen von Samuel, einem schüchternen Teenager, der sich oft unsichtbar fühlte und der das Gefühl hatte, in der lauten Welt niemals gehört zu werden. Als er diesen Satz las, war ihm, als habe jemand genau ihn gemeint. Und so wurde der Stein zu seinem Talisman, der ihm den Mut vermittelte, sich mit seinen Ideen einzubringen.

Elisabeth wusste nichts von all dem, doch sie hatte das Gottvertrauen, dass die Steine von genau den richtigen Personen gefunden werden würden.

Und so malte und schrieb sie weiter und fand auf diese leise Weise einen neuen Sinn für sich und ihr Leben. 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil.



Montag, 16. Februar 2026

Die roten Handschuhe (Rosenmontag)

Es war Rosenmontag, kurz nach 11:11 Uhr. In der Kölner Altstadt herrschte der Ausnahmezustand. Mitten im bunten Treiben stand Jan, der durch seinen Freund Mark zu diesem Tag eingeladen – oder sagen wir besser: überredet - worden war.

Zuvor hatte sich Jan in einem Kostümverleih ein Astronautenkostüm ausgeliehen. Mark, sein Freund, lief als krumme Banane neben ihm her.

Und dann, mitten in all dem Gewühl geschah, was nicht hätte passieren sollen: Jan verlor einen seiner schicken silbernen Astronautenhandschuhe. Er war einfach unauffindbar - vermutlich war er irgendwo zwischen den tausenden von Jecken verloren gegangen, die gerade lautstark nach „Kamelle“ riefen.

Jans Stimmung ging Richtung Nullpunkt. Er stand etwas bedröppelt neben seinem Freund, der sich mit einem Becher Kölsch in der Hand schunkelnd und singend wenig um Jan und seine schlechte Stimmung kümmerte.

Jan wurde klar: er hätte nicht zustimmen sollen. Er war einfach nicht der Typ für derartige Veranstaltungen und jetzt würde er zusätzlich zu der horrend hohen Kaution für das Kostüm auch noch für den fehlenden Handschuh zahlen müssen.

Immer wieder richtete er seinen Blick auf den Boden, doch außer zertretene Kamelle und leere Becher fand er nichts. Kein silberner Handschuh in Sicht. Sein Traum von einem fröhlichen Tag war nun endgültig geplatzt.

Im selben Moment stieß ihn eine rüstige Dame im schillernden Pailletten-Kleid mitleidig in die Seite: „Hör op ze jömere, Jong! Wä an Karneval op d’r Bode kigg, verpaß et Levve*)“, sagte sie in kölschem Dialekt. Währenddessen kramte sie in ihrem Beutel und drückte ihm ein Paar knallrote, handgestrickte Wollfäustlinge in die Hand. „Hier, die halten warm und vergiss nicht“, meinte sie in perfektem Hochdeutsch, „heute ist Rosenmontag und die Kaution ist morgen. Und übrigens: die gehören meiner Enkelin, aber die tanzt gerade irgendwo bei den Funkenmariechen. Nimm du sie – ein Astronaut mit roten Händen ist doch irgendwie … besonders!“

Die Geste rührte Jan und deshalb streifte er die roten Fäustlinge über. In dem Moment passierte es: Ein großer Prunkwagen der Blauen Funken rollte vorbei. Einer der Gardisten auf dem Wagen sah den Astronauten mit den auffällig roten Händen, lachte und zielte ganz genau. Ein riesiger Strauß Tulpen und eine Packung feinster Pralinen landeten direkt in Jans Armen.

Während die Menge um ihn herum jubelte, wusste Jan gar nicht, wie ihm geschah. Zeitgleich bahnte sich ein Tanzmariechen in einer blau-weißen Uniform den Weg direkt auf ihn zu. Auf dem Kopf trug sie einen Schiffchen-Hut, der die braunen wilden Locken darunter aber nicht zu bändigen vermochte. Sie nahm den Weg durch die Absperrung und steuerte zielsicher auf die glitzernde Diskokugel neben ihm zu.

„Oma! Da bist du ja!“, rief sie lachend und fiel der Frau mit dem Paillettenkleid schwungvoll um den Hals. Dabei fiel ihr Blick auf Jan und seine knallroten Handschuhe. „Moment mal ... das sind doch … meine, oder?“, fragte sie.

Jan sah auf die roten Fäustlinge, dann in das lachende Gesicht der Enkelin, die laut Namensschild an der Uniform Lara hieß. Im selben Moment verschwand aller Lärm um ihn herum. Er nahm nur noch diese besondere junge Frau wahr, die in dem Moment meinte: „Okay, ich leih sie dir. Aber komm heute Abend in die kleine Hinterhof-Party im Severinsviertel. Oma weiß, wo das ist. Dann kannst du sie mir zurückgeben. Okay? Jetzt muss ich aber schnell zurück!“ – Und schon war sie wieder verschwunden.

Am Abend tanzten die beiden gemeinsam zu den Liedern der Bläck Fööss, teilten sich eine Portion Reibekuchen und Jan stellte fest, dass es völlig egal war, wie hoch der Preis für den verlorenen Handschuh auch sein mochte - dieser Tag war für ihn unbezahlbar.

Was er in diesem Moment noch nicht wusste, war, dass drei Jahre später ein einzelner eingerahmter silberner Handschuh in der ersten gemeinsamen Wohnung einen Ehrenplatz erhalten würde und dass die roten Fäustlinge stets griffbereit im Flurschrank liegen würden.

 

*) „Hör auf zu jammern, Junge! Wer an Karneval auf den Boden guckt, verpasst das Leben.“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!



Samstag, 14. Februar 2026

Valentinstag

Am Valentinstag wollte Lukas all seinen Mut zusammennehmen und Maya, die wie er die Klasse 10 c der Gesamtschule besuchte und die zwei Reihen vor ihm saß, endlich zeigen, dass er sie ziemlich cool fand. Deshalb steckte in seinem Rucksack eine pfirsichfarbene Rose, die die Floristin sorgfältig in Seidenpapier eingewickelt hatte.

Zuvor hatte er ewig im Laden gestanden. Zum einen wegen des Andrangs, zum anderen wegen der Frage: für welche Rosenfarbe sollte er sich entscheiden. Also rot schied aus. Das war schon mal klar. Schließlich wollte er ihr keinen Heiratsantrag machen. Und weiß? Nein, weiß war wohl eher etwas für eine Beerdigung und gelb? Ne, gelb schied ganz und gar aus. Das erinnerte ihn an das verblasste Lieblingsshirt seines Vaters. Deshalb hatte er sich für die pfirsichfarbene Rose entschieden, die laut Internet für ‚zaghafte Annäherung‘ stand.

Maya hielt ihre Schultasche fest umklammert, als sie die Klasse betrat. Schließlich befand sich darin etwas sehr Wertvolles: eine pinke Rose. Auch sie hatte in einem Blumenladen gestanden und sich gegen die rote Rose entschieden, um nicht zu ‚bedürftig‘ zu wirken. Und gelb? Sie stand für platonische Freundschaft und die strebte sie ja nicht an. Deshalb hatte sie sich schließlich für Pink entschieden. Sie schien ihr eine Mischung aus ‚ich mag dich‘, aber hab deshalb bitte ‚keine Panik‘ zu stehen.

Doch irgendwie schien sich dieser Tag gegen die beiden verschworen zu haben, denn just in dem Moment, als Lukas seine Rose unauffällig in die Kapuze von Mayas Jacke klemmen wollte, stürmte der Sportkurs von Herrn Müller johlend aus der Halle und drückte ihn mitsamt seiner Rose ungestüm gegen die Wand. Als er genauer nachschaute, sah er, dass der Kopf der Rose nun leicht zur Seite geknickt war, weshalb sie jetzt eher ‚nachdenklich‘ als ‚romantisch‘ aussah.

Maya wiederum versuchte ihr Glück nach der dritten Stunde. Sie wollte Lukas die Blume zustecken, während er an seinem Spind stand. Doch just in diesem Augenblick gab es eine Brandschutzübung. Durch das unerwartete Schrillen der Alarmglocken zuckte Maya zusammen und ließ die Rose fallen. Bevor sie danach greifen konnte, war ihre Banknachbarin bereits darüber hinweggestürmt. Die pinke Blüte war nun nicht mehr ‚frisch‘, sondern hatte einen charmanten ‚Vintage-Look‘ – sprich: sie war platt.

Nach der letzten Stunde bot sich beiden die letzte Chance, doch noch die Rose zu überreichen. Deshalb wartete Lukas nervös in der Nähe der Fahrradständer. Die Pfirsich-Rose hielt er dabei hinter seinem Rücken versteckt. Als Maya um die Ecke bog, blieb sie abrupt stehen, als sie Lukas dort stehen sah. Ihr Herz hämmerte dabei laut gegen ihre Rippen.

Sie nahm all ihren Mut zusammen und rief, während sie hektisch in ihrer Tasche kramte: „Lukas, warte mal. Ich … ich hab da was für dich!“, und zog eine ziemlich flache pinke Rose hervor.

Lukas starrte die Blume an und ein breites Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er holte seine geknickte Pfirsich-Blüte hinter seinem Rücken hervor und meinte lachend: „Na, da war ich wohl nicht der Einzige, der Pech hatte und der sich über die Farblehre von Blumen den Kopf zerbrochen hat. Weiß sah zu sehr nach Friedhof aus, oder?“

Maya lachte befreit auf. „Total. Und Gelb ist irgendwie ... retro-schlecht.“

Sie tauschten die ramponierten Blumen aus und in diesem Moment war es völlig egal, welche Botschaft die Floristen den Farben zugedacht hatten. Lukas betrachtete seine platte Rose und Maya ihren schiefen Stiel.

„Was machen wir jetzt damit?“, fragte Maya leise und hielt die lädierte Blüte fast schon ehrfürchtig fest. „Die gewinnen beide keinen Schönheitspreis mehr.“

„Ich hab eine Idee“, sagte Lukas. Er nahm ihr die pinke Rose behutsam ab und legte beide Blumen nebeneinander in sein dickes Geschichtsbuch, genau zwischen die Seiten des ‚Ost-West-Konfliktes‘. Anschließend klappte er es mit einem dumpfen Geräusch wieder zu. „Wir pressen sie einfach“, sagte er. „Dann sieht man nicht mehr, dass die eine plattgetrampelt und die andere anderweitig lädiert ist.“

Maya lächelte und nickte stumm. Die anfängliche Nervosität war einem warmen Gefühl gewichen, das viel angenehmer war als der ganze Stress zuvor.

Und so gingen beide schweigend nebeneinanderher, während die kühle Februarluft - und auch ein bisschen die momentane Situation - ihre Wangen gerötet hatte.

Lukas spürte, wie seine Hand in der Jackentasche ein wenig schwitzte; dennoch wagte er einen vorsichtigen Seitenblick, doch Maya starrte konzentriert auf ihre Schuhspitzen. Ganz vorsichtig, fast so, als dürfe er die Stille nicht zerbrechen, löste er seine Hand aus der Tasche. Er suchte ihre Fingerspitzen und schob seine Hand ganz zaghaft in ihre.

Maya hielt nicht inne, sondern verschränkte ihre Finger fest mit seinen, während sich ein kleines, zufriedenes Lächeln auf ihre Lippen stahl.

In diesem Moment wurde ihnen klar: Manchmal braucht es keine perfekten Blüten und erst recht keine Erklärungen, denn für die wichtigsten Dinge im Leben gibt es oftmals keine Worte.

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil.


Sonntag, 8. Februar 2026

Was wäre, wenn …

Vor ihr lag der Wald in einem tiefen Schlummer. Eingehüllt in ein makelloses weißes Kleid. Elena stapfte langsam, aber sicher voran. Der Schnee knirschte bei jedem Schritt unter ihren Stiefeln. Es war scheinbar das einzige Geräusch, das die fast unwirkliche Stille, von der sie umgeben war, durchbrach.

Hin und wieder vernahm sie in der Ferne das Krächzen eines Raben oder ein leises Rascheln im Unterholz, das darauf hindeutete, dass sie sich doch nicht allein im Wald befand. - Es war manchmal sogar so still, dass sie das weiche Plopp-Geräusch vernehmen konnte, wenn eine Schneelast zu schwer für einen Fichtenzweig wurde und fast lautlos zu Boden sank.

Doch je leiser die Welt um sie herum wurde, desto lauter wurde die Stimme in ihrem Kopf; dabei hatte sie gehofft, dass ein Spaziergang ihren Geist klären könnte, doch momentan schien das Gegenteil der Fall zu sein.

Ihre Gedanken wirbelten in ihrem Kopf, wie die vereinzelten Flocken in der Luft.

Warum konnte sie diese EINE Frage nicht abschalten? Diese eine schmerzhafte immer wiederkehrende Frage: Was wäre gewesen, wenn ich damals Nein gesagt hätte?

Vor ihrem inneren Auge erschien das Bild von damals. Der Moment, als sie den Heiratsantrag angenommen und kurz darauf die Zusage für den Job in Paris erhalten hatte? Jene Stelle, von der sie immer geträumt hatte. Sie hatte sich damals für die Sicherheit, die Liebe und die Familie entschieden und gegen das lukrative Job-Angebot.

Bald darauf waren ihre Kinder geboren worden und ihr Leben wurde zu einem bunten Durcheinander aus Organisation, Fürsorge und häuslichem Glück.

In dem Moment huschte ein rotes Eichhörnchen über den Weg, hielt kurz inne und fixierte sie mit seinen schwarzen Knopfaugen, bevor es blitzschnell einen Baumstamm emporjagte. Elena blieb stehen. Kennt ein Tier das auch, fragte sie sich bitter. Hockt dieses Eichhörnchen manchmal auf einem Ast und fragt sich, ob es im Nachbarwald bessere Nüsse gegeben hätte?

Sofort schalt sie sich selbst. Wie konnte sie nur so undankbar sein? Die Frage bezüglich des Jobs zu bejahen, hätte bedeutet, Nein zu ihren Kindern zu sagen. Zu Leon, der ihr jeden Morgen die wildesten Geschichten erzählte, und zu Malin, deren Lachen ihr Herz erwärmte. Sie waren doch das Wertvollste in ihrem Leben. Warum blieb dann dieses bohrende Gefühl, evtl. eine falsche Entscheidung getroffen zu haben?

Wieder blieb sie stehen und legte ihre Hand auf die raue Rinde einer alten, knorrigen Eiche. Der Baum wirkte unerschütterlich, trotz der Last des Schnees, der auf ihm lag und trotz der Kälte.

Während sie ihren Atem beobachtete, der kleine Wolken in die Frostluft malte, überkam sie eine Erkenntnis. Es war, als erzähle ihr der Baum, dass ihr Hadern auf einem Trugschluss beruhe. Er beruhte auf der Annahme, dass es ein ‚richtiges‘ und ein ‚falsches‘ Leben geben könnte. Er beruhte auf der Annahme, dass es ein völlig anderes Leben hätte geben können.

Elena erkannte, dass sich das Leben eines Menschen ständig und in jedem Augenblick neu entfaltet - durch jede Entscheidung, die der Mensch trifft. Und diese Entscheidung beruhte immer darauf, was sich zu dem Zeitpunkt richtig anfühlte.

Hätte sie damals Paris gewählt, wäre sie heute eine andere Frau. Vielleicht säße sie jetzt in diesem Augenblick in einer schicken Wohnung mit Blick auf den Eiffelturm und würde sich fragen: Was wäre gewesen, wenn ich damals Ja zu der Liebe meines Lebens gesagt hätte?

Ein Lächeln umspielte ihre Lippen und die Frage nach dem ‚Was-Wäre-Wenn‘ verlor irgendwie ihre Macht.

Es kam Elena so vor, als würde ihr der Wald erzählen, dass es keine falschen Entscheidungen gibt, sondern dass überhaupt erst durch eine Entscheidung der Weg entsteht. Der Mensch erschafft durch seine Wahl erst die Realität. Ihr wurde bewusst, dass jeder Weg erst dadurch entsteht, dass man ihn geht.

Elena bedankte sich leise beim Baum: „Danke, dass ich erkennen durfte, dass das Leben ein stetiger Wandel mit neuen Erfahrungen ist und dass es keine falschen Entscheidungen gibt, sondern nur Entscheidungen, die sich in dem Moment richtig anfühlen und daher auch richtig sind.“

Elena atmete tief ein, drehte sich um und folgte ihren eigenen Spuren im Schnee. Sie wollte zurück nach Hause. Aber sie ging nicht als jemand, der etwas verpasst hatte, sondern als eine Frau, die genau dort war, wo sie hingehörte und wo der Lebensweg sie hingeführt hatte.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil. 



Freitag, 6. Februar 2026

Winterhochzeit

An einem kalten Tag im Februar stapfte das Mäusepärchen Milo und Mina Pfote in Pfote durch den tiefen Schnee. Sie waren auf dem Weg zur alten Feldsteinkirche, um ihre Hochzeit anzumelden. Da bereits winziger Nachwuchs unter Minas flauschigem Winterfell heranwuchs, sollte die Hochzeit nicht erst im Frühling, sondern mitten im funkelnden Winter stattfinden.

Der ehrwürdige Pfarrer Graubart, eine weise Kirchenmaus mit buschigen Brauen, bat die beiden zum Gespräch in sein gemütliches Zimmer, das hinter der Orgel verborgen lag. „Nun, ihr beiden, erzählt mir, wie eure Geschichte begonnen hat?“

„Es war während der Getreideernte“, erzählte Milo aufgeregt. „Mina saß fest, weil sich ihr Schwänzchen verfangen hatte, während der große Mähdrescher immer näherkam. Ich half ihr noch rechtzeitig und als wir gemeinsam im sicheren Bau verschnauften, teilten wir uns zum ersten Mal ein Korn. Und da wusste ich: Mit ihr möchte ich jeden Wintervorrat teilen.“ Mina schmiegte sich an ihn und ergänzte leise: „Und am nächsten Tag hat er mir die schönsten Feldblumen gebracht, die man sich nur vorstellen kann“.

Als sie später wieder daheim waren, schrieben sie auf winzigen Pergamentfetzen die Einladungen. Am Tag darauf zogen zwei Hochzeitsbitter mit geschmückten Stöckchen los, um nach altem Brauch an jeder Mäusetür im Dorf zu klingeln und die Einladung zur Hochzeit auszusprechen. Doch überall, wo sie die frohe Botschaft verkündeten, bekamen sie zur Stärkung einen winzigen Tropfen selbstgebrannten Brombeerschnaps. Deshalb hielten sie sich schwankend aneinander fest, als sie den Heimweg antraten und fielen bald darauf ziemlich beschwipst in ihre Betten.

Als der Tag der Hochzeit gekommen war, sah der Wald aus wie mit Puderzucker bestäubt; doch noch bezaubernder wirkte Mina in ihrem Brautkleid aus feinster, geklöppelter Spinnenseide, in die ihre Mutter winzige Eiskristalle mit eingewebt hatte. Sie funkelten bei Kerzenschein wie viele kleine Diamanten. Auf dem Kopf trug sie keinen Schleier, sondern einen bezaubernden Kranz aus getrockneten Schlehenblüten.

Als sie vor das Portal der Kirche traten, geschah ein kleines Wunder. Die ersten Schneeglöckchen ließen es sich nicht nehmen, nur für die beiden zu läuten und als sie sich das Ja-Wort gaben, spürte Mina zum ersten Mal leichte Tritte in ihrem Bauch.

Nach der Zeremonie versammelte sich die Gesellschaft in der gemütlichen Vorratskammer unter der alten Eiche. Auf einem flachen Ahornblatt stand das festliche Menü: Hagebutten-Cremesuppe mit gerösteten Kernen, Getreide-Taler mit Esskastanien-Sauce und Brombeer-Mousse mit winzigen Gebäckkrümeln.

Die Hochzeitsgesellschaft feierte bis tief in die Nacht hinein und während draußen die Schneeflocken tanzten, wussten alle: Liebe braucht keinen Sommer, um ein Herz zu wärmen.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil.


Mittwoch, 4. Februar 2026

Das Leben war damals langsamer

Sophie sah ziemlich durchgefroren aus, als sie das Wohnzimmer betrat, in dem Oma bereits mit einer Tasse Tee vor dem Kamin saß.

„Komm näher ans Feuer und wärm dich wieder auf!“, sagte Oma wohlwollend. Dann stand sie auf, ging in die Küche und kam mit einer weiteren Tasse Tee zurück.

„Hier, der wird dir guttun.“

„Danke, Oma!“

„Weißt du, Sophie, dir ist kalt, obwohl du eine dicke Daunenjacke getragen hast. Wenn ich da an die Winter in meiner Kindheit zurückdenke“, meinte Oma seufzend, „war doch vieles anders.“

„Was zum Beispiel?“

„Was zum Beispiel?“, wiederholte Oma die Frage ihrer Enkelin. „Na, unsere Kleidung zum Beispiel. Ich trug einen schweren Mantel aus Wolle und auch die dicken Fausthandschuhe, die Oma mir gestrickt hatte, waren aus kratziger Wolle. Wenn die nass waren, weil wir mit Schneebällen geworfen oder einen Schneemann gebaut hatten, wurden sie in der Nähe des Ofens zum Trocknen aufgehängt und glaub mir, der Geruch, der dabei entstand, war nicht wirklich schön. Man hatte das Gefühl, dass der ganze Raum nach feuchter Schafwolle roch.“

„Igitt. Das war bestimmt scheußlich.“

„Ja, das war es in der Tat. Wenn ich zurückblicke, dann hat sich wahrlich viel verändert. Und das ist gut so. – Schau, wenn ich früher aufwachte, war mein Zimmer eiskalt. Ich konnte im Bett liegend meinen Atem sehen. Nach dem Aufstehen ging ich zuerst zum Fenster. Es war vollständig übergefroren, musst du wissen. Die Eisblumen, die sich dort zeigten, waren zwar wunderschön, aber man konnte nicht durch sie hindurch nach draußen blicken. Dann hab ich meinen warmen Finger an eine Stelle gelegt und wenn dadurch das Eis schmolz, hatte ich ein kleines Guckloch, durch das ich nach draußen schauen konnte. Kannst du dir das alles überhaupt vorstellen?“

Sophie versuchte es, aber es war schwer vorstellbar für sie. Wenn sie aufwachte, war ihr Zimmer warm und gemütlich und das Fenster war auch nicht zugefroren.

„Was war früher noch anders?“, fragte Sophie.

„Was noch anders war? Dass es mehr Schnee gab als heute. Manchmal reichte er mir bis zu den Knien. – Anders war es natürlich auch in der Schule. Es gab noch keine Tablets, wie ihr sie heute habt. Wir schrieben, als ich eingeschult wurde, noch mit einem Griffel auf einer Tafel – und bevor du mich fragst, was das ist. Du kannst es später ja googeln“, schmunzelte Oma. 

„Das mach ich glatt“, entgegnete Sophie, „aber sag, war es wenigstens im Klassenraum warm?“

Oma lachte auf. „Ach, mein Kind. Es gab noch keine moderne Heizung. Weder zuhause noch in der Schule. In jeder Klasse stand ein großer, schwarzer Kanonenofen in der Ecke. Und weißt du, wer den angefeuert hat? Der Hausmeister, schon um fünf Uhr morgens. Wer am weitesten weg vom Ofen saß, dem froren trotzdem fast die Finger an der Schiefertafel fest. Ganz oft haben wir auch in der Klasse unsere dicken Wollmäntel anbehalten. Und wenn man Pech hatte und in der ersten Reihe direkt am Ofen saß, glühten einem die Wangen, während der Rücken eiskalt blieb.“

„Und wie war das nach der Schule? Hast du dich da mit deinen Freundinnen zum Schlittenfahren getroffen?“

„Ganz genau. Sobald die Glocke läutete, gab es kein Halten mehr. Wir sind nicht nach Hause gelaufen, wir sind gerannt, um unsere Holzschlitten aus dem Schuppen zu holen. Das waren schwere Dinger mit Eisenkufen, nicht so Plastikschalen wie ihr sie heute habt. Die Kufen haben wir immer mit einer Speckschwarte eingefettet, damit wir besonders schnell unterwegs sein konnten. Wir sind die Hügel hinuntergesaust, bis der Wind uns die Tränen in die Augen trieb. - Weißt du, wir hatten keine Skianzüge. Wir trugen diese selbstgestrickten Wollhosen, die sich im Schnee vollsogen, bis sie steifgefroren waren und schwer, wie Blei, an unseren Beinen hingen. Wenn wir den Berg wieder hochstapften, machte das bei jedem Schritt ein klackendes Geräusch, weil das Eis an der Wolle festgefroren war. Aber das war uns egal! Wir haben um die Wette geschrien und sind zu zweit oder dritt auf einem Schlitten den steilsten Hang hinuntergejagt, bis wir alle lachend im Tiefschnee landeten. Wir waren trotz der Kälte stundenlang draußen, bis unsere Wangen so rot waren, wie die Äpfel im Märchen von Schneewittchen.“

„Und wie ging es dann weiter, wenn du nach Hause kamst?“

„Abends saßen wir alle in der Küche, dem einzigen wirklich warmen Raum im Haus. Meine Mutter stellte Bratäpfel in die Röhre des Ofens, der mit Holz befeuert wurde. Dieser Duft nach Zimt und heißem Apfel – das war für mich das Gefühl von Geborgenheit schlechthin. Weißt du, wir hatten alle viel Zeit. Niemand musste nach Nachrichten auf seinem Handy schauen. Es gab auch keinen Fernseher. Manchmal lief das Radio. Aber meistens nur, um die Nachrichten zu hören. Ansonsten haben wir, meine Schwester und ich, Karten gespielt oder uns Geschichten erzählt. Mutter strickte oft Socken oder stopfte sie und unser Vater schnitzte Spielzeug aus Holz. Manchmal durfte ich Mutter helfen und habe Wolle gewickelt. In jedem Fall hat niemand von uns auf irgendeinen Bildschirm gestarrt, wir haben uns noch gegenseitig angeschaut und uns unterhalten. - Das Leben war damals langsamer, verstehst du? Es kommt mir beim Rückblick so vor, als hätte die Welt im Winter ein bisschen den Atem angehalten. - Weißt du, wir hatten nicht viel damals, aber wenn ich heute an das Knirschen des Schnees unter meinen Stiefeln und die gemeinsame Zeit in der warmen Küche zurückdenke, dann war es doch eine reiche Zeit. Reich an Gemeinsamkeit.“

„Weißt du, was mich noch interessieren würde? Was war dein Lieblingsessen? Auch Pizza oder Spaghetti Bolognese, so wie es bei den meisten Kindern heute ist?“

Oma lachte laut auf.

„Pizza? Nein! Die kannte ich damals noch gar nicht. Im Winter gab es das, was im Keller eingelagert war. Wir hatten keine Supermärkte, die im Januar Erdbeeren verkauften. Wir hatten Kartoffeln, Rüben, Äpfel und eingemachtes Gemüse aus dem Garten. Es gab fast jeden Tag Eintopf. Einen großen Topf voll mit Steckrüben, Möhren, Schnippelbohnen oder Graupen. Wenn wir Glück hatten, kochte ein Stückchen Speck mit darin – das war das Highlight! Und weißt du, was das Beste war? Wenn der Eintopf am zweiten Tag auf dem alten Herd aufgewärmt wurde. Dann schmeckte er mir noch viel besser.“

Oma sah, dass Sophie nicht sonderlich begeistert aussah, deshalb erzählte sie ihr schnell noch von den Besonderheiten, die es am Wochenende gab. „Am Sonntag machte Mama manchmal ‚Arme Ritter‘ oder es gab Pfannkuchen mit eingekochten Pflaumen. Oder, wenn wir von draußen reinkamen, völlig durchnässt vom Schlittenfahren, hat sie uns oft eine ‚Mehlsuppe‘ oder einen heißen Haferbrei gemacht. Das fühlte sich an, wie eine warme Umarmung im Bauch.“

Sophie wirkte sehr nachdenklich, so dass eine Stille zwischen den beiden entstand – eine angenehme Stille.

Dann sagte Oma: „Weißt du, Sophie, jetzt wird mir etwas bewusst. Nicht die Kälte ist das, was ich am meisten in Erinnerung behalten werde, sondern es ist die Wärme, die wir uns gegenseitig gegeben haben.“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


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Montag, 2. Februar 2026

Wenn der ‚Wecker‘ zu früh klingelt

Der Schnee lag an diesem klirrend kalten Februartag dick auf den Wiesen und Feldern, als sich Blausternchen, die kleine Blaumeise, an ein Versprechen erinnerte, das sie jemandem im späten Herbst gegeben hatte.

Zielsicher flog sie deshalb zu einem dicken Laubhaufen. Sie wusste, dass sich darunter Snow, der kleine weiße Igel, befand.

Snow war zwar weiß wie der Schnee, doch er hatte beklagt, dass er noch nie in seinem Leben Schnee zu Gesicht bekommen hatte und daher rührte die Abmachung zwischen ihm und der Meise, ihn aus seinem Winterschlaf zu wecken, sobald sich die Landschaft in ein Winterwunderland verwandelt hatte.

Und so landete Blausternchen sacht auf dem vereisten Laubhaufen. Mit ihrem Schnabel schob die Meise einen hervorstehenden Zweig zur Seite und rief mit ihrer hellen Stimme: „Snow! Wach auf! Es ist so weit!“

Doch im Inneren rührte sich nichts. Die Blaumeise flatterte aufgeregt mit den Flügeln und pickte erneut, um sich einen kleinen Spalt zu schaffen, durch den sie den Igel sehen konnte. „Snow!“, rief sie erneut. „Du bist echt eine Schlafmütze! Wach auf, der Winter ist da!“

Doch nichts rührte sich. Enttäuscht wollte sie gerade ihre Flügel ausbreiten und davonfliegen, als sie ein leises Rascheln vernahm. Ein Häufchen Blätter bewegte sich und eine staubige, feuchte Nase schob sich ins Freie.

„Was ist los? Wer stört mich?“, brummte der Igel schlaftrunken. Etwas verwirrt blinzelte er gegen das grelle Licht an. Doch dann erkannte er die Meise und erinnerte sich: „Blausternchen! Hat es geschneit?“

„Und wie!“, antwortete die Meise. „Komm heraus aus deinem Winterquartier. Dann wirst du es sehen.“

Die Knochen des Igels waren noch ein wenig steif, weshalb er mühsam aus seinem warmen Nest krabbelte. Als er den ersten Schritt ins Freie tat, stockte ihm der Atem. „Was ist das? Alles ist… weiß!“

Vor ihm erstreckte sich eine Welt, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte. Die vertrauten Gräser waren unter einer glitzernden, weichen Decke verschwunden. Jeder Ast der Bäume trug ein weißes Kleid und die Luft war so rein und frisch, wie er es noch nie zuvor erfahren hatte.

„Es sieht aus wie Puderzucker“, flüsterte er ergriffen. „Und es glitzert auf dem Boden wie tausend Sterne.“

Vorsichtig setzte er eine Pfote in das Weiß. „Huch! Es ist … nass … und es ist … weich … und es beißt ein wenig an meinen Pfoten!“

„Das ist die Kälte, Snow“, erkannte die Meise sogleich und hüpfte vor Aufregung von einem Bein aufs andere.

Es dauerte nicht lange und der Igel zitterte am ganzen Körper. „Mir schlottern die Stacheln und meine Zähne klappern und mein Bauch knurrt“, sagte er ziemlich verzweifelt.

„Komm mit!“, zwitscherte Blausternchen und lockte den Igel zum nahen Vogelhaus. Die Meise flog in das Häuschen und schob geschickt einige fette Sonnenblumenkerne und Haferflocken über den Rand, so dass sie direkt vor Snows Nase in den Schnee fielen.

Dankbar fraß der Igel die Körner. „Danke, Blausternchen! Aber sag … warum frierst DU eigentlich nicht in deinem dünnen Federkleidchen? Das verstehe ich nicht.“

Sofort plusterte sich die Meise auf und sah bald darauf aus wie ein kleiner runder Ball. „Schau!“, erwiderte sie. „Das ist mein Trick! Dadurch kommt Luft zwischen meine Federn, die mich wärmt. Außerdem schlägt mein kleines Herz viel schneller als deines, damit ich warm bleibe. Allerdings muss ich im Winter besonders viel essen, damit meine innere Heizung funktioniert“, antwortete sie mit einem Augenzwinkern und war den Menschen für das Futter, das sie ihr zur Verfügung stellten, sehr dankbar.

Nachdem der Igel den letzten Kern verspeist hatte, verspürte er ein wenig Durst. Doch das Wasser, das er sonst im Garten fand, war festgefroren. Wie gut, dass die kluge Meise wusste, wie sie ihm helfen konnte. Mutig hockte sie sich auf den Schnee, der durch die Wärme des kleinen Körpers ein wenig zu schmelzen begann. Bald darauf zeigten sich in einer kleinen Kuhle einige kostbare Wassertropfen, die der Igel dankbar zu sich nahm.

Völlig unvorbereitet nahmen sie in dem Moment eine tiefe, eiskalte Stimme wahr: „Was für einen Unfug macht ihr da?! Ein Igel im Februar? Das ist gegen jede Ordnung!“

Die beiden drehten sich abrupt um und nahmen erst da den Schneemann mit seiner Karottennase wahr. „Du solltest schlafen!“, empörte sich dieser. „Du bringst ja den ganzen Winterplan durcheinander!“

Blausternchen und Snow ignorierten seine Worte und würdigten ihn keines weiteren Blickes. Sie wollten sich nicht durch einen schlecht gelaunten Schneemann von ihrem Abenteuer abbringen lassen. Allerdings erkannten sie bald darauf, dass er nicht ganz unrecht hatte mit seinen Worten.

„Weißt du, Blausternchen“, sagte der Igel schlotternd, „die Kälte krabbelt bis in meine Knochen hinein.“ „Dann solltest du rasch zu deinem Nest zurückkehren“, schlug die Meise vor. Und so trotteten sie zurück zu Snows Winterquartier.

Der Igel rollte sich ein, zitterte aber immer noch am ganzen Körper und meinte: „Ich weiß gar nicht, ob das Laub noch ausreichen wird, um mich wieder aufzuwärmen.“

„Warte Snow“, zwitscherte Blausternchen daraufhin, „ich werde etwas finden, das dich wärmt!“

Schon schwang sich die Meise in die Lüfte und nahm bald darauf über dem benachbarten Kinderspielplatz mitten in all dem Weiß einen Farbtupfer wahr. Etwas leuchtend Rotes lag dort einsam auf einer Holzbank. Ein Kind musste seinen Wollschal dort vergessen haben.

Umgehend stürzte die Meise darauf zu und packte den Schal mit ihrem Schnabel. Doch der war viel schwerer als so mancher Zweig, den sie sonst transportierte. Deshalb schlug sie besonders kraftvoll mit ihren Flügeln und kämpfte sich mit leichtem Rückenwind zurück in den Garten.

Als die Meise erschöpft bei dem Igel eintraf, war dieser bereits in einen leichten Halbschlaf gefallen. Deshalb ließ Blausternchen den roten Schal wortlos und äußerst vorsichtig über Snow gleiten und schob die Enden mit seinem Schnabel unter seinen Bauch, so dass er ganz eingemummelt war.

Bald darauf ließ das Zittern nach und als sich eine wohlige Wärme in dem Igel ausgebreitet hatte, schlief er schnell und mit vielen neuen Eindrücken wieder ein.

Die Meise betrachtete den schlafenden Freund noch eine kleine Weile und flüsterte leise: „Schlaf gut, Snow! Im Frühling sehen wir uns wieder.“

Dann erhob sie sich und flog leise hinaus in den blauen Winterhimmel.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026