Vor ein paar Tagen las ich bei Regina Meyer zu Verl eine Geschichte (ich verlinke sie dir HIER), durch die ich an einen Aufsatz erinnert wurde, den ich als Schulkind schreiben sollte. Sein Titel ‚Ein Waldspaziergang‘. – Mir fiel damals wenig – bis gar nichts 😉 - dazu ein und ich schrieb als Kommentar unter Reginas Blogbeitrag: Ich glaube, ich hole die Geschichte, jetzt als Erwachsene, nach und veröffentliche sie in meinem Blog. Und so soll es nun sein.
Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen!
Ich verließ den harten Asphalt des Parkplatzes und mit jedem Schritt tiefer
in den Wald hinein hatte ich das Gefühl, als ginge ich über eine dicke, weiche
Matratze aus Moos. Das Rauschen der Autos der nahegelegenen Straße verebbte,
bis mich nur noch die Stille des Waldes umgab, in der ich die Hektik des
Alltags zurücklassen konnte.
Schon nach wenigen Metern veränderte sich die Luft. Sie war kühl, feucht
und es roch nach Tannennadeln. Es war mir, als puste der Geruch sofort meinen
Kopf frei. Ich setzte meinen Weg, der gesäumt war von Buchen und Fichten fort.
Plötzlich knackte es rechts von mir im Unterholz. Ich hielt den Atem an und
verharrte mitten in der Bewegung, als ich die feuchte, schwarze Nase eines Rehs
wahrnahm. Große, dunkle Knopfaugen blickten mich sekundenlang an. In diesem
flüchtigen Augenblick schien die Zeit stillzustehen und zwei unterschiedliche Welten
aufeinanderzutreffen. Dann, mit einem eleganten Satz, verschwand das Tier
lautlos im Schatten der Bäume, so, als sei es nie dagewesen.
Ich folgte einem schmalen, von Wurzeln durchzogenen Pfad. Dort lag ein
riesiger, umgestürzter Eichenstamm, der über und über mit weichem Moos
bewachsen war. Er wirkte wie ein schlafender, grüner Riese auf mich. Ich setzte
mich auf das morsche Holz und lauschte dem Wind, der über mir in den Baumkronen
flüsterte. Das Knarren der Äste klang dabei wie eine alte, vergessene Sprache.
Ein winziger, glänzend blauer Mistkäfer bahnte sich unbeirrt seinen Weg über
meine Schuhspitze.
Nach einer Weile setzte ich meinen Weg fort. Ein paar Meter abseits des
Hauptweges fiel mein Blick auf eine besonders bizarre Baumwurzel. Sie wand sich
wie eine schlafende Schlange über den Boden. Für einen kurzen Moment legte ich
meine Hand auf die raue Rinde des Baumes und es war mir, als könne ich seinen
Herzschlag vernehmen. – Es war mir, als würde der Baum, wie ich, tief und
langsam atmen.
Ich ging immer tiefer in den Wald hinein, bis ich eine kleine Lichtung
erreichte. Auf einem moosbedeckten Findling neben mir krabbelte ein
prachtvoller Käfer, dessen Panzer im Sonnenlicht wie ein Edelstein schimmerte.
Der Stein selbst wirkte auf mich wie ein Altar, den jemand dort mitten in
dieser Wildnis platziert hatte.
Ich hielt für einen Wimpernschlag lag den Atem an, um diesen besonderen
Moment nicht zu zerstören. Doch als sich der Käfer erhob und meinen Augen
entschwand, machte auch ich mich auf den Rückweg. Meine Füße waren müde, aber
mein Geist war hellwach und ich fühlte einen tiefen Frieden in mir. Der Wald
hatte mir keine großen Geheimnisse verraten, und doch fühlte ich mich, als
hätte ich für eine Stunde die Grenze in eine andere, magische Welt
überschritten, in der eine besondere Art der Stille herrscht, die aber nicht
leer ist, sondern sehr lebendig.
Als ich wieder am Parkplatz eintraf, waren meine Schuhe zwar schmutzig, aber
mein Kopf war wieder frei und so nahm ich ein kleines Stück der Magie des
Waldes mit hinein in meine Realität – mit hinein in meinen Alltag.
© Martina Pfannenschmidt, 2026