Sonntag, 15. Mai 2022

Brücken bauen

Reizwörter: Clematis, Couch, clever, campen, chauffieren

Hier geht es zu den Geschichten von Lore und Regina.

 

Es ist Samstagmorgen und mein Herz klopft wie wild, als ich wach werde. Mit noch geschlossenen Augen fühle ich in meinen Körper hinein und mir wird klar, was mit ihm los ist. Ich hatte einen gruseligen Traum und bin der Situation nur durch das Aufwachen entkommen.

Als ich schließlich meine Augen öffne, stelle ich fest, dass die Sonne scheint – und wie sie scheint. Die Vögel machen einen unglaublichen Lärm – aber so empfinde ich es eigentlich gar nicht. Es ist einfach nur herrlich und ein wunderschöner Gesang.

Es scheint ein bezaubernder Tag zu werden und so schwinge ich meine Beine aus dem Bett, werfe mir etwas kaltes Wasser ins Gesicht, putze mir die Zähne, ziehe meine Kuschelklamotten an und mache mir einen Kaffee.

In dem Moment scheint auch mein Verstand zu erwachen und mir weiß machen zu wollen, dass ich nicht trödeln, sondern an all die Termine denken soll, die heute noch anstehen.

‚Ruhe da oben’, denke ich empört, ‚du kannst gerne noch ein Weilchen weiter schlafen. Vielleicht hast du es ja vergessen, aber heute ist mein freier Tag und ich entscheide, wie er abläuft. Und um 7 Uhr morgens passiert erstmal noch gar nichts. Verstanden!’

Ich schlurfe mit meinem Kaffee ins Wohnzimmer. Von der tief stehenden Sonne beleuchtet sind die warmen Farben dieses Raumes so intensiv, dass mein Herz vor Freude aufgeht. Womit habe ich mein heimeliges Zuhause nur verdient, denke ich, und bedanke mich im Stillen, dass ich hier leben darf.

Anstatt mich mitsamt meinem Kaffee auf der einladenden Couch niederzulassen, trete ich hinaus auf die Terrasse.

Die Clematis, die sich üppig am Haus empor rangt, und deren Lavendelfarbe durch die Sonne noch intensiviert wird, begrüßt mich mit ihrem süßen Duft.

Ich setze mich auf die oberste der vier Stufen, die hinunter in den Garten führen, der wiederum an einen schmalen Fluss grenzt, über den ein Steg auf die andere Seite führt.

Schon als Kind habe ich oft hier gesessen. Immer dann, wenn ich zu Besuch bei meinen Großeltern war oder meine Ferien bei ihnen verbringen durfte. Heute leben sie leider nicht mehr, aber ich bin ihnen unendlich dankbar, dass sie mir dieses wunderschöne Fleckchen Erde mit dem bezaubernden Häuschen darauf vererbt haben.

Wann immer ich auf dieser Stufe sitze, wandern meine Gedanken zu ihnen und in meine Kindheit.

Mir kommt in den Sinn, dass mich meine Eltern früher nicht durch die Gegend chauffiert haben, so wie es heute häufig der Fall ist, sondern ich war oft auf mich selbst gestellt und so nahm ich häufig mein Rad und fuhr zu meinen Großeltern.

Ich weiß noch genau, dass ich im Sommer mein Zelt hier im Garten aufgestellt habe, damit ich später in der Schule erzählen konnte, dass ich in den Ferien campen war.

Heute muss ich darüber schmunzeln, weil ich mir damals ungeheuer clever vorkam. Aber eigentlich wollte ich nur nicht zugeben, dass sich meine Eltern einen Urlaub einfach nicht leisten konnten; obwohl es mir echt egal war, weil ich es hier an diesem für mich verwunschenen Ort schon immer wunderschön fand.

Meine Großmutter kochte mir mein Lieblinsessen und ich durfte ihr oder meinem Opa hier und da zur Hand gehen.

Ja und die kleine Brücke und der Fluss waren natürlich ein ganz besonderer Anziehungspunkt für mich. Ich watete barfuß oder in Gummistiefeln hindurch, habe kleine, von meinem Opa selbst gebaute Holz-Boote darauf treiben lassen oder mir mit den Nachbarkindern die Zeit mit Federballspielen vertrieben. Schön war’s – und das nicht nur in der Erinnerung!

Als mein Blick noch einmal auf den kleinen Steg fällt, denke ich darüber nach, wie wertvoll Brücken in unserem Leben sind. Wenn wir über Brücken gehen, können wir Menschen erreichen, die auf der anderen Seite einer Schlucht oder eben eines Flusses leben.

Doch was, wenn der Mensch auf der anderen Seite nicht mehr erreichbar ist oder man ihn nicht mehr besuchen darf? So, wie es vielen in der Zeit der Pandemie ergangen ist. Da kann schon ein Telefonat zu seinen Liebsten zu einer Brücke werden.

Doch wie ist das überhaupt mit Brücken? Es macht wenig Sinn, sie nur von einer Seite zu bauen und ich denke darüber nach, dass die Menschheit dringend Brückenbauer benötigt, die von beiden Seiten aufeinander zu gehen und keine Menschen, die bestehende Brücken leichtfertig einreißen.

Von beiden Seiten her Brücken zu schlagen bedeutet: einander zu vertrauen und zusammen zu arbeiten. Trotz aller Unterschiede.

Wem wird es gelingen, Brücken zu bauen zwischen alt und jung, zwischen arm und reich? Wer baut Brücken zu einsamen Menschen und denen, die in Not geraten sind? Und wer baut Brücken zwischen verfeindeten Ländern oder unterschiedlichen Kulturen?

Sollten wir nicht alle wieder beginnen, Brücken zu bauen, damit wir einander ‚grenzenlos’ begegnen können? Hinweg über Unfrieden, Vorurteile und Missverständnisse?

Vielleicht brauchen wir auch Brücken, damit wir neue Ufer erreichen können oder um Neuland zu betreten.

Vielleicht braucht die Welt weise Visionäre, die auch mal über den Tellerrand hinaus blicken.

Ich zucke zusammen, als meine Frau mich liebevoll mit ihren Armen umfängt.

„Habe ich dich geweckt?“, frage ich schuldbewusst.

„Nein, dafür haben die Vögel schon gesorgt - und als ich bemerkt habe, dass du nicht mehr neben mir liegst, habe ich dich gesucht und hier draußen gefunden!“

Sie strahlt mich mit ihren intensiv blauen Augen fürsorglich an und ich bin so froh und dankbar, dass wir uns gefunden haben.

Vor einem Jahr erst ist sie zu mir gezogen. Inzwischen sind wir sogar verheiratet und sie hat meinen Familiennamen angenommen. Und so heißen wir dank der Vornamenswahl unserer Eltern nun beide Judith Papst. Ich muss gestehen, dass diese Tatsache hier und da schon für Verwirrung gesorgt hat.

Da fällt mir gerade ein, dass ein Papst doch auch als ‚Pontifex’ bezeichnet wird. Und das wiederum bedeutet ‚Brückenbauer’. 

Möge es so sein!

© Martina Pfannenschmidt, 2022


Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.

Hier geht es zu Elke und ihrem 'Kleinen Blog'. KLICK!

 

Ein kleiner Hinweis: 

Mit der Nutzung des Kommentar- Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.



Samstag, 30. April 2022

Würmer baden

Reizwörter: Bibliothek, Buch, betreten, begeistert, beheben

Bitte lest auch die Geschichten, die sich Lore und Regina erdacht haben.


Klara brütete über ihren Hausaufgaben. Das heißt, eigentlich brütete sie nicht, sondern sie schrieb sehr emsig an einem Aufsatz. Dass sie dabei voll konzentriert arbeitete, erkannte man daran, dass ihre Zungenspitze vorwitzig zwischen ihren Lippen hervorlugte.

„Brauchst du noch lange?“, fragte Hannes, ihr Opa, als er das Zimmer betrat.

Doch anstatt darauf zu antworten stellte Klara eine Gegenfrage: „Du Opa, kannst du mir sagen, wie man das Wort Bibliothek richtig schreibt?“

Hannes kratzte sich kurz hinter einem Ohr, weshalb seine Prinz-Heinrich-Mütze, die er tagein und tagaus zu tragen schien, ein bisschen verrutschte. „Schreib doch einfach: ‚ein Ort, an dem es viele Bücher gibt’!“, schlug er vor.

„Mensch, Opa, sag doch gleich, dass du es auch nicht weißt!“, schimpfte Klara ein bisschen, weil Opa ihr nun wirklich keine Hilfe war.

„Und, was ist nun, wie lange brauchst du noch?“, fragte er ungeduldig.

„Wenn du mich nicht noch länger störst, nicht mehr lange!“, erwiderte Klara forsch. „Aber warum fragst du eigentlich?“

„Na, weil ich doch Würmer baden gehen will. Und ich dachte, dass du bestimmt mitkommen möchtest.“

Und ob sie wollte. Sie war total begeistert vom Angeln, saß oft stundenlang neben ihrem Opa. Und meistens erzählte er ihr währenddessen aus seiner Kindheit. Von Streichen, die er den Mädchen gemeinsam mit seinem besten Freund gespielt hatte. Oder er erzählte von Abenteuern, die er beim Angeln erlebt hatte.

Nun könnten manche denken, dass angeln langweilig ist. Das mag vielleicht für einige so scheinen. Aber nicht, wenn man Hannes Glauben schenken mag.

Nachdem Opa wieder gegangen war, entschied Klara spontan, dass sie ihren Aufsatz auch später zu Ende schreiben könnte. Dann wäre auch Mama wieder da und die wusste bestimmt, wie man dieses verflixte Wort schrieb.

Klara schraubte die Kappe auf ihren Füllfederhalter und klappte ihr Heft vorerst zu.

Rasch lief sie zum Schuppen, in dem sie Opa vermutete und auch fand. Schließlich bewahrte er dort seine Angelausrüstung auf.

„Opa, wir können los!“, verkündete sie, zog ihre bunten Gummistiefel an und schnappte sich zwei Sitzgelegenheiten. Eine für sich und eine für ihren Opa.

Der griff nach dem Behältnis, das seine Angelutensilien enthielt und ebenso nach seiner Angelrute, so dass die zwei sich auf den Weg zum nahe gelegenen Fluss machen konnten. Kurz darauf badete der erste Wurm im Wasser.

„Du Opa!“

„Ja!“

„Bist du früher eigentlich gerne zur Schule gegangen?“

Wieder kratzte sich Opa hinter einem Ohr und räusperte sich, bevor er ausweichend antwortete: „Ja, was soll ich sagen, mal mehr und mal weniger!“

„Wann weniger?“, wollte Klara wissen.

„Nun, immer dann, wenn ein Diktat geschrieben wurde.“

Alles klar. Jetzt wusste sie auch, weshalb Opa ihr die Frage bezüglich der Bibliothek nicht hatte beantworten können.

„Und wann mehr?“, hakte sie nach.

„Ich war immer ganz gut im Rechnen“, antwortete Hannes ausweichend.

Bei Klara war es gerade anders herum. Sie mochte die Buchstaben lieber, als die Zahlen. Aber noch lieber mochte sie es, mit ihrem Opa am Fluss zu sitzen und seinen Geschichten zu lauschen.

„Habe ich dir eigentlich schon mal von dem Fisch erzählt, der das Wasser gesucht hat?“, fragte er diesmal.

Klara lachte: „Das ist ja witzig. Ein Fisch, der das Wasser sucht. Nee, die Geschichte kenne ich noch nicht!“

„Also, pass auf“, begann Opa bedeutungsvoll, „es war einmal ein kleiner Fisch, der ständig etwas von ‚Wasser’ hörte und dass es sehr wichtig für ihn sei. Aber er fragte sich immer, wo er denn dieses Wasser finden könnte. Er hatte es noch niemals gesehen. Ja und so befragte er zunächst eine Kaulquappe. Doch die antwortete ihm, dass es dort, wo sie lebte, nur Steine, Muscheln und Algen gäbe. Und so schwamm der kleine Fisch weiter,  bis er bei seiner Suche einen Wels traf. Sein breites Maul, der dicke Kopf und der Schnurrbart ängstigten den kleinen Fisch zunächst, doch dann sah er in die gutmütigen Fischaugen und beschloss, sich zu trauen und den Wels nach dem Wasser zu fragen. Doch auch der kannte die Antwort nicht, war aber ebenso daran interessiert. Und so beschlossen sie, gemeinsam zum weisen alten Fisch zu schwimmen und ihn zu befragen, wo dieses Wasser, von dem sie gehört hatten, eigentlich zu finden sei. Und tatsächlich. Der weise Fisch kannte die Antwort: ‚Wasser ist vor euch und hinter euch’, erklärte er ihnen. ‚Wasser ist euer Element. Es trägt euch. Ihr lebt, weil ihr im Wasser seid. Ihr atmet Wasser. Wasser ist euer Leben. Ihr könnt ohne Wasser gar nicht existieren. Wasser ist überall, wo ihr seid.’

Die beiden Fische bedankten sich und machten sich wieder auf den Weg nach Hause. Nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander her geschwommen waren, sagte der kleine Fisch: ‚Ich fand das total toll, wie der das erklärt hat.’ Und der Wels entgegnete: ‚Ja, ich auch. Ich fand das einfach großartig. Aber sag ehrlich: hast du das wirklich verstanden? Weißt du jetzt, wo das Wasser ist?’“

„Und“, fragte Klara gespannt, „wusste es der kleine Fisch?“

„Ich vermute nicht“, antwortete Opa. „Aber weißt du, warum ich diese Geschichte so mag? Weil es uns Menschen genau so ergeht wie dem kleinen Fisch, der das Wasser suchte, obwohl er von ihm umgeben war. Wir Menschen suchen genauso nach dem Beweis für Gott und merken nicht, dass wir von ihm umgeben sind und dass wir von ihm und durch ihn leben.“

Als sich die beiden später auf den Heimweg machten, wusste Opa nicht, ob Klara verstanden hatte, was er ihr mit dieser Geschichte hatte erklären wollen. Doch er wusste sicher, dass es für ihn an diesem Nachmittag nichts Wichtigeres hatte geben können, als Zeit mit seiner Enkelin zu verbringen. - Und den Schaden am Dach des alten Schuppens, den konnte er ja immer noch beheben.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2022


Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.

Hier geht es zu Elke und ihrem 'Kleinen Blog'. KLICK!

 

Ein kleiner Hinweis: 

Mit der Nutzung des Kommentar- Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.



Samstag, 16. April 2022

Auf Wanderschaft

Ameise, Ankunft, alt, angeben, angeln - das waren diesmal unsere Vorgaben.

Bei Lore und Regina gibt es natürlich auch wieder eine Geschichte zu lesen.

 

Amelie kramte nach einem Taschentuch, das sie frisch gebügelt aus ihrem Nachtschränkchen angelte. Anschließend packte sie all ihre Habseligkeiten in das Tüchlein, suchte nach einem kleinen Stöckchen, band den Stoff daran, schulterte es, und verließ erhobenen Hauptes den Ameisenhügel.

Amelie war es einfach leid, tagein und tagaus zu schuften. Und wozu das alles? Nicht einmal einen Urlaub hatte man ihr genehmigt. Jetzt reichte es ihr. Sie zog aus. Hinaus in die Welt. Sie wollte unbedingt wissen, wie andere Arten ihr Leben gestalten. Das, was sie als Ameise zu erledigen hatte, schien ihr einfach viel zu anstrengend und sinnlos. Und so nahm sie ihre Beine in die Hand und verschwand, ohne sich zu verabschieden und ohne dass es ein Mitbewohner hätte mitbekommen können. Wie auch: sie waren ja alle viel zu beschäftigt.

Schnellen Fußes und mit einem Liedchen auf den Lippen durchschritt sie den Wald. Irgendwann würde sie bestimmt einem Waldbewohner begegnen, der ein anderes Leben führte, als sie es kannte. Sie war schon sehr gespannt darauf.

Und so dauerte es nicht lange, bis ein schwarzer Käfer ihren Weg kreuzte. Aber was machte er da und weshalb lief er rückwärts?

Amelie beobachtete ihn eine Weile, bevor sie ihn auf sein merkwürdiges Tun ansprach: „Entschuldigung, darf ich dich fragen, was du da machst?“

Der Käfer schreckte zusammen. Er hatte Amelie gar nicht gesehen. Wie auch. Er hatte ja keine Augen auf dem Rücken.

Schnaufend blieb er stehen und lehnte sich an die Kugel, die er mit seinen Hinterbeinen vorangetrieben hatte und die seinen eigenen Körper um ein Vielfaches überragte.

Etwas kurzatmig von der Anstrengung erzählte er ihr bereitwillig, dass seine Frau schwanger sei und er nun dafür sorgen müsse, dass der Nachwuchs nach dem Schlüpfen auch Nahrung fände.

„Und du, was machst du so?“, fragte er anschließend interessiert.

„Ich? Ich bin auf Wanderschaft.“

„Auf Wanderschaft? Hast du keine anderen Aufgaben in deinem Leben?“

„Ich nehme mir eine Auszeit!“, antwortete Amelie selbstbewusst.

„Sag, könntest du mir dann vielleicht helfen? Ich muss diese riesige Kugel einbuddeln. Und mit deiner Hilfe würde alles viel schneller und leichter gehen.“

„Ach nee, lass mal“, entgegnete die Ameise. Schließlich wollte sie nicht mehr arbeiten und das, was der Käfer da vorhatte, hörte sich nach sehr viel Arbeit an.

Etwas knurrig zog der Käfer weiter.

Amelie ließ sich nicht davon beirren. Schließlich hatte sie eine Mission. Sie wollte solange suchen, bis sie jemanden fand, der ein wunderbar leichtes Leben führte. Ein Leben so ganz ohne Arbeit.

Irgendwann wurden ihr die Beine schwer und die Füße schmerzten, weshalb sie sich unter eine alte Buche setzte, um eine Rast zu machen. Amelie kramte etwas Essbares aus ihrem Tuch, verspeiste es hungrig und hielt anschließend ein Nickerchen, das jedoch recht bald und ziemlich abrupt beendet wurde, als man sie verärgert ansprach: „He du, was machst du hier? Kannst du da mal weggehen!“

Amelie schaute etwas betroffen. Vor ihr saß ein verärgertes Eichhörnchen, das grantig fort fuhr: „Du sitzt auf meinem Vorratsschrank! Also verschwinde!“

Vor lauter Schreck sprang die Ameise auf und trat einige Schritte zur Seite. Schon begann das Hörnchen, mit den Vorderpfoten eifrig an der Wurzel der Buche zu scharren. Es dauerte auch gar nicht lange, da kam ein beachtlicher Vorrat an Nüssen und Eicheln zum Vorschein. Hastig bediente sich der Nager und bedeckte den Rest wieder mit der Erde.

Geschickt öffnete er die harte Schale der Nuss und ließ sich das köstliche Innenleben schmecken.

„Bist du immer so gnatzig?“, fragte Amelie ihn.

„Nur wenn ich hungrig bin!“

„Sag“, forschte sie weiter, „hast du eine besondere Aufgabe in deinem Leben?“

Das Hörnchen schaute Amelie verwundert an. Eine besondere Aufgabe?

„Natürlich habe ich eine Aufgabe. Was denkst du, wie diese Nüsse unter die Erde gekommen sind und wer sie gesammelt und dort vergraben hat? Na, was denkst du, wer das war? Ich war das! Wer sonst! Ich muss doch für mein Überleben sorgen! Du etwa nicht?“

Irgendwie fühlte sich Amelie von dem Hörnchen provoziert: „Ich muss nicht wie du alleine für mein Überleben sorgen“, hörte sie sich plötzlich sagen. „Ich lebe in einem großen Staat mit all meinen Freunden und meiner Familie zusammen. Und jeder von uns hat seine Aufgabe. Vom Bauplan, über die Hygiene bis hin zur Kommunikation ist alles ganz wunderbar geregelt.“

„Keine Ahnung, warum du damit jetzt so angeben musst“, entgegnete das Hörnchen. „Wenn alles so ist, wie du sagst, hättest du auch eine wichtige Aufgabe in eurem Staat. Was machst du dann hier so alleine?“

Ohne auf Amelies Antwort darauf zu warten, flitzte das Eichhörnchen am Stamm der Buche hoch und verschwand in dessen Krone auf Nimmerwiedersehen.

Amelie blieb alleine zurück und ein Gefühl stieg in ihr auf, das ihr völlig unbekannt war: Heimweh! Nun war sie kaum einen halben Tag von zuhause entfernt und schon wurde ihr bewusst, dass sie nicht für das Alleinsein gemacht war. Sie fühlte sich von jetzt auf gleich völlig alleine und hilflos. Wo war es hin, das Selbstbewusstsein, das sie bis eben noch ausgezeichnet hatte?

Die Ameise sah sich um, entdeckte ein in der Nähe stehendes Blümchen, lief hin, nahm einen kräftigen Schluck vom süßen Nektar und wusste, was nun zu tun war. Sie musste, nein, sie wollte so schnell es ging wieder zu ihrem Staat zurück.

Ein Igel, der die Unterhaltung der beiden unbeobachtet verfolgt hatte, kroch aus seinem Versteck heraus und fragte, als er Tränen in Amelies Augen schimmern sah: „Soll ich dich wieder nachhause bringen? Wenn du magst, kannst du dich an meinen Stacheln festhalten und ab geht die wilde Fahrt!“

Amelie ließ sich nicht zweimal bitten. Sie wollte so schnell es ging wieder dorthin, wo sie ihren Platz hatte. Und so krabbelte sie vorsichtig zwischen den Stacheln des Igels hindurch auf dessen Rücken und ließ sich nach Hause tragen.

Niemals hätte sie es für möglich gehalten, dass man ihr Verschwinden sehr wohl bemerkt hatte und so hielten alle bei ihrer Ankunft kurz inne, um die Ausreißerin willkommen zu heißen. Bald darauf gingen sie wieder ihrer Arbeit nach. Auch Amelie. Und sie ging ihr leichter von der Hand, als jemals zuvor.

© Martina Pfannenschmidt, 2022



Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.

Hier geht es zu Elke und ihrem 'Kleinen Blog'. KLICK!

 

Ein kleiner Hinweis: 

Mit der Nutzung des Kommentar- Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.


Mittwoch, 30. März 2022

Erdenkind mit Engelflügeln

Reizwörter: Pfoten, Pfütze, pflücken, pflegen, pfeffrig

(Pf)öllig (pf)errückt, diese Reizwörter. 😁- Mal schauen, welche Geschichten Lore und Regina dazu einge(pf)allen sind: 😃

Kunibert lag bäuchlings auf seiner Wolke und schaute von oben herab auf die Erde und die Menschen, die darauf leben. Seine Wolke war weiß. Schneeweiß. Es war so eine, aus der es niemals regnet, sondern es war eine wunderbar weiche Schönwetterwolke, die beständig über den Himmel zog.

Kunibert, der von seinen Freunden kurz Kuni genannt wurde, beobachtete gerade einen Jungen, der mit seinem Hund einen Spaziergang machte. Vor ihnen lag eine große Pfütze, durch die der weiße Hund mit seinen vier Pfoten völlig unbedarft stapfte.

Kuni freute sich diebisch, als der kleine Bengel begann, übermütig in ihr herum zu springen, so dass die schmutzigen Tropfen in alle Richtungen stieben und der kleine Hund nun aussah wie ein zu kurz geratener Dalmatiner.

Ein Mensch zu sein, das musste toll und etwas ganz Besonderes sein. Menschenkinder durften so viele Abenteuer erleben, wohingegen Engel tagein und tagaus auf ihren Wolken saßen und es ihre einzige Aufgabe war, Liebe auszusenden.

Klar traf er sich manchmal mit befreundeten Engeln. Am liebsten mit Rosalie, aber soviel erleben wie die Menschen, konnten die zwei himmlischen Wesen nicht.

Kuni kannte weder Dunkelheit, noch Unfrieden. Dort wo er lebte, war es stets licht- und liebevoll. Und doch. Die andere Seite einmal kennen zu lernen und zu erleben, schien ihm durchaus aufregend.

Während er tief durchatmete und sich an die Seite des Jungen träumte, um mit ihm gemeinsam Abenteuer zu bestreiten oder einfach nur Blumen am Wegesrand zu pflücken, hörte er plötzlich laut und unmiss-verständlich seinen Namen. Jemand rief nach ihm. Er konnte es deutlich hören: „Kunibert!“

„Ja!“, antworte er kleinlaut, da die Stimme etwas Gewaltiges hatte.

„Wie mir zu Ohren gekommen ist, wünscht du dir, auf die Erde zu gehen und ein kleiner Junge zu sein?!“

„Ja. Das stimmt. Manchmal wünsche ich mir das schon.“

„Gut, dann werde ich dir diesen Wunsch erfüllen.“

Noch bevor Kuni widersprechen konnte, befand er sich bereits mitten in einem dunklen, schlauchartigen Bereich. Er konnte sich gar nicht richtig bewegen, so eng war es dort. Er fühlte sich wie eingequetscht. Wo war er denn nur hin geraten? Gerade eben hatte er doch noch gemütlich auf seiner Wolke gelegen und nun?

Genau in dem Moment, in dem er laut um Hilfe rufen wollte, wurde es heller um ihn herum, ja es war regelrecht grell. Einem solchen gleißenden Licht war er noch nie ausgesetzt gewesen, weshalb er lautstark zu schreien begann.

Hände griffen nach ihm, gaben ihm bald darauf eine pfeffrig schmeckende Flüssigkeit auf die Zunge, schleuderten ihn von rechts nach links, untersuchten seine Arme, Beine, Hände, den Kopf!

Aber Moment einmal. Hier stimmte doch etwas nicht?! Wieso hatte er plötzlich Hände, Füße, einen Körper? Nein!!! Er war doch nicht wahrhaftig zu einem Menschenkind geworden?

Nachdem man ihm etwas Warmes angezogen hatte, wurde er in die Arme einer Frau gelegt, die er nie zuvor gesehen hatte. Aber diese Frau umfing etwas, das ihm bekannt war: Liebe! Da war sie wieder, die Liebe, die er nach so kurzer Zeit bereits vermisst hatte.

„Schau nur, wie ein kleiner Engel“, flüsterte die Frau einem Mann mit Bart zu, der plötzlich über Kunis Gesicht erschien und ihn interessiert beäugte.

„Ich BIN ein Engel!“, wollte er laut rufen. Doch das war ihm nicht möglich. Außer ein paar glucksenden Lauten kam kein Wort aus seinem Mund. Wie sollte er bitte auf der Erde überleben, ohne sprechen zu können? Panik stieg in ihm auf.

Gerade in dem Moment, in dem er wieder zu schreien beginnen wollte, erschien ein weiteres Gesicht über ihm und es war ihm sehr wohl bekannt.

„Schau nur“, verriet die Frau mit der weichen und liebevollen Stimme dem Jungen über ihm, „das ist Jona, dein kleiner Bruder!“

Wie jetzt? Kunibert versuchte, seine Augen ein klein wenig mehr zu öffnen. Er war tatsächlich der kleine Bruder von dem Jungen, den er gerade noch von seiner Wolke aus beobachtet hatte? Das konnte doch nicht sein! Und einen anderen Namen hatte man ihm auch gegeben?! Augenblicklich begann Kuni erneut und lauter als je zuvor zu schreien: „Nein! Ich habe es mir noch einmal überlegt. Ich will sofort zurück auf meine Wolke! Ich möchte doch kein Menschenkind sein!“

„Kuni, Kuni!“

Jemand rüttelte an ihm.

„Was ist los mit dir?“, fragte eine ihm bekannte Stimme. „Du hast gerade laut geschrieen. Warst du eingeschlafen und hast schlecht geträumt?“

Kunibert sprang sogleich auf. Er sah an sich herunter, bewegte seine Flügel und vollführte so etwas, wie einen Freudentanz mitten auf seiner weichen Wolke.

„Kannst du mir mal sagen, was mit dir los ist?“, fragte Rosalie, das äußerst bezaubernde kleine Engelmädchen, erneut.

„Ich“, stotterte dieser, „ich war kurz auf der Erde!“

„Nein, das ist unmöglich!“

„Doch, ganz bestimmt. Ich war für einen kurzen Augenblick auf der Erde. Man gab mir den Namen Jona und ich hatte einen großen Bruder.“

„Du spinnst. Wir können nicht mir nichts, dir nichts auf die Erde gehen“, war Rosalie sicher.

„Doch, glaub mir, ich war gerade dort. Aber jetzt bin ich unglaublich froh, wieder hier bei dir und auf meiner Wolke zu sein. Ich muss sagen, im Himmel gefällt es mir doch ein bisschen besser, als auf der Erde.“

„Na, dann komm, du Erdenkind mit Engelflügeln. Wir haben noch etwas zu erledigen.“

„Was denn?“

„Heute ist Samstag, Kuni. Da treffen sich nach alter Tradition alle Engel, um ihre Flügel zu pflegen. Hast du das etwa vergessen?“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2022

 

 

Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.

Hier geht es zu Elke und ihrem 'Kleinen Blog'. KLICK!

 

Ein kleiner Hinweis: 

Mit der Nutzung des Kommentar- Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.

 

Dienstag, 15. März 2022

Guter Mond, du stehst so stille

Wärme, Duft, aufatmen, glücklich, leuchten

Aus diese Wörtern mussten wir, Lore, Regina, und ich, diesmal eine Geschichte basteln. - Viel Freude beim Lesen!

 

Summsi krabbelte heimlich aus dem Schlitz des Bienenkorbes und ließ sich darauf nieder. Den Blick zum Himmel und all die funkelnden Sterne gerichtet, dachte sie über ihr Leben nach.
Manchmal war es schon recht mühsam, täglich viele Stunden lang auszufliegen, um Pollen und Nektar zu sammeln. Aber sie wusste ja um die wichtige Aufgabe, die sie hatte und Zeit, um nach getaner Arbeit auszuruhen und aufzuatmen, die gab es ja durchaus. So wie jetzt. Obwohl sie ja zu dieser Zeit eigentlich schlafen sollte, um neue Kraft zu schöpfen. Aber es war unglaublich erholsam, diese Stille zu genießen und nichts tun zu müssen.
Es dauerte nicht lange, da schaute eine Drohne vorsichtig aus dem Schlitz des Bienenkorbes heraus.
„Summsi, bist du hier irgendwo?“, klang es leise durch die Nacht.
„Ich bin hier oben!“, antwortete die Biene flüsternd.
Brummsi, Summsis bester Freund, konnte nicht schlafen und so saßen die beiden dicht nebeneinander, so dass der eine die Wärme des anderen spüren konnte.
„Was genau machst du hier?“, erkundigte sich Brummsi.
„Ich? Ich mach eigentlich gar nix. Nur hier sitzen.“
„Nicht mal denken?“
„Doch. Denken tu ich schon.“
„Sollen wir mal zusammen denken?“
Summsi schmunzelte. Das war typisch Brummsi. Die Biene hatte keine Ahnung, wie man zusammen denkt, aber wie man zusammen schweigt, das war ihr durchaus bekannt. Und so blieb es zwischen den beiden eine ganze Weile still.
„Schau nur, wie groß und rund der Mond dort oben am Himmel steht!
Ob er glücklich ist so alleine?“, fragte die Drohne schließlich.
„Aber er ist doch gar nicht alleine! Schau dir doch nur all die vielen Sterne an.“
„Ja, schon, aber als Mond ist er ganz alleine dort oben. Und ohne die Sonne würde er nicht einmal leuchten.“
„Stimmt!“
Brummsi sah etwas verlegen nach unten, als er sagte: „Ohne dich würde ich mich auch sehr einsam fühlen. Du bist für mich das, was die Sonne für den Mond ist.“
Summsi war tief berührt. So etwas Schönes hatte Brummsi noch nie zu ihr gesagt und obwohl es kaum möglich war, rutschte er noch ein bisschen dichter an seine Lieblingsbiene heran, um den süßen Duft von Honig, der sie umgab, aufzusaugen.
Zur selben Zeit trat eine junge Frau auf ihren Balkon hinaus und sah hinauf zum Mond. Hell und groß stand er dort. Und irgendwie sehr einsam. So, wie sie sich in diesem Moment fühlte. Sie wünschte sich so sehr, nicht mehr allein sein zu müssen. Sie wünschte sich jemanden, dem sie sich anvertrauen konnte, der sie auffing. Das wäre das größte Geschenk, so einen Menschen an ihrer Seite zu haben.
Einsamkeit, Alleinsein, diese Worte hatten etwas Dunkles, Trauriges. Sicherlich gab es Menschen, die die Einsamkeit suchten. Aber sie gehörte nicht dazu. Sie wünschte sich insgeheim Zweisamkeit und Gemeinschaft.
Ihr gingen Worte ihrer Freundin durch den Kopf: „Wie soll dich jemand lieben können, wenn du dich selbst nicht liebst?“
Sie hatte gut reden. Sie könnten ja mal tauschen, dann würde ihre Freundin vielleicht verstehen, wie sie sich fühlte.
Einsam gefühlt hatte sie sich eigentlich schon als Kind. Schon immer war sie ungern allein gewesen. Ihre Kinderzimmertür musste immer angelehnt bleiben. Sie brauchte die Stimmen ihrer Eltern im Hintergrund, um einschlafen zu können.
Es war irgendwie traurig, dass sie in letzter Zeit häufig das Gefühl hatte, vom Leben ausgeschlossen zu sein. Alle anderen gingen wie selbstverständlich ihrer Wege und doch hatte es manchmal den Anschein, als seien sie ferngesteuerte Roboter.
Es ist doch wirklich so, dass keiner mehr auf den anderen schaut, dachte sie. Wenn sie die Menschen im Hochhaus gegenüber fragen würde: „Weißt du, wie dein Nachbar heißt?“ oder „Wer wohnt ein Stockwerk über dir?“, erhielte sie vielleicht nicht einmal eine Antwort.
Single zu sein war vielleicht in den Augen einiger Menschen ‚in’, aber nicht in ihren. Das war für sie so unstimmig, wie der Satz, dass Geiz geil ist.
In diesem Moment fragte sie sich, wo das Gemeinschaftsgefühl der Menschen hin ist? Wo sind sie hin die Großfamilien? Wo ist es hin, das ‚Wir-Gefühl’? Warum wissen wir nichts mehr von dem Menschen rechts und links von uns?
Vielleicht, weil wir ständig in einen Monitor blicken und uns vor anderen Menschen mit Ohrstöpseln abkapseln, um zu lesen, was wieder andere posten.
Doch niemand würde posten: ‚Mir geht es gerade nicht so gut’ oder ‚Hilfe, kann sich mal jemand um mich kümmern’ oder ‚Vielleicht hat ja jemand Lust, mich mal anzurufen’. Jeder tat so, als sei sein Leben perfekt.
Intensiv betrachtete sie den Mond und er schien ihr zuzuflüstern: „Wenn du etwas verändern möchtest, Menschenkind, beginne bei dir!“
Bei sich selbst beginnen? Vielleicht war das die Lösung! Doch wie?
„Sag Mond“, sprach sie flüsternd in die Nacht hinein, „soll ich mich vielleicht mal trauen, den jungen Mann, der mir so oft in der Bahn gegenübersitzt und der mir insgeheim recht gut gefällt, anzusprechen oder zumindest anzulächeln?“
Doch sie erhielt keine Antwort. Der Mond blieb stumm, wie ein Fisch, und stand weiterhin still am Himmelszelt.
„Kannst du mir nicht wenigstens ein Zeichen schicken, ob ich mich trauen soll?“, fragte sie schon fast verzweifelt in seine Richtung blickend.
Genau in dem Moment entschieden Summsi und Brummsi, einen kurzen Nachtflug zu unternehmen, bevor sie sich schlafen legen wollten. Und so kam es, dass im Schein des Mondes zwei dunkle Punkte direkt auf die junge Frau zugeflogen kamen, die sie als sicheres Zeichen dafür deutete, um am kommenden Tag all ihren Mut zusammenzunehmen, und den jungen Mann in der Bahn anzusprechen.
 
© Martina Pfannenschmidt, 2022

 

Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.

Hier geht es zu Elke und ihrem 'Kleinen Blog'. KLICK!

 

Ein kleiner Hinweis: 

Mit der Nutzung des Kommentar- Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.

Montag, 28. Februar 2022

Wie sieht deine Zukunft aus?

Reizwörter: Luftballon, Zwiebel, rosa, allein, kichern

Lest bitte auch die Geschichten von Lore und Regina!


Beschwingt und voller Vorfreude drapiere ich ein paar Narzissen in einer Vase, um sie auf den bereits gedeckten Kaffeetisch zu stellen. Obwohl im Hintergrund das Radio leise läuft, vernehme ich von draußen Laute, die ich sofort als den Ruf von Kranichen erkenne.

Flugs öffne ich das Dachfenster und sehe einen großen Schwarm direkt über mir kreisen. Die majestätischen Vögel kommen aus dem Süden zurück und es scheint mir, als riefen sie uns zu: „Wir bringen euch den Frühling mit. Ihr werdet sehen. Es dauert nicht mehr lange!“

Auch wenn der Winter im natürlichen Kreislauf der Jahreszeiten seine Berechtigung hat, freue ich mich doch in jedem Jahr auf die ersten wärmenden Sonnenstrahlen, die den Frühling ankündigen.

Beim Blick auf meine Armbanduhr seufze ich. Ich erwarte meine Freundin zum Kaffeetrinken, doch sie kommt zu spät. Sie kommt eigentlich immer zu spät. Schon als Baby im Bauch ihrer Mutter hat sie sich bis zur Geburt länger Zeit gelassen, als erwartet und irgendwie zieht sich das wie ein roter Faden durch ihr gesamtes Leben.

Allerdings muss ich sagen, dass es am Tag unserer gemeinsamen Einschulung anders war. Da war sie pünktlich und sie fiel mir sofort auf, weil wir beide dieselbe weiße Bluse mit rosa Luftballons darauf trugen. Unsere Mütter hatten uns tatsächlich aus demselben Stoff fast identische Blusen genäht. Das war wohl so etwas wie ein Wink des Schicksals, denn seither sind wir unzertrennlich.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie einsam und allein ich mich fühlte, als ich mich von meiner Mutter auf dem Schulhof verabschieden musste, um mich mit meinen neuen und mir bis dahin noch völlig unbekannten Mitschülern in unser Klassenzimmer zu begeben.

Unser Klassenlehrer, dem wir wenig später wegen seines Mundgeruchs den wenig schmeichelhaften Spitznamen ‚Zwiebel’ gaben, bat uns, an den Zweiertischen Platz zu nehmen.

Ich weiß noch genau, dass ich verlegen nach dem Mädchen mit der hübschen Bluse schaute, doch da kam sie schon auf mich zu und fragte mich, ob wir zusammensitzen wollten.

Ja, so war das damals und unsere Freundschaft hält bis heute an und aus den kichernden kleinen Mädchen sind inzwischen vom Leben geprägte erwachsene Frauen geworden, die bisher ähnliche, wenn auch nicht gleiche, Lebenswege gegangen sind.

Ich denke daran, dass wir uns früher gar keine Gedanken über unsere Zukunft gemacht haben. Wir ließen das Leben einfach fließen und die Zukunft auf uns zukommen. Klar hatten wir auch Pläne. Wir planten, irgendwann zu heiraten, Kinder zu bekommen, ein Haus zu bauen.

Doch jetzt, wo wir älter geworden sind, fragen wir uns des Öfteren, was es denn für uns eigentlich noch zu erreichen gibt? Und mal ehrlich, oft geht es dabei darum, noch mehr Besitz anzuhäufen, oder nicht? Doch woher kommt dieser oftmals überzogene Besitzanspruch der Menschen eigentlich?

Mir kommt in den Sinn, dass dieses Besitzdenken sich ja nicht nur im ‚Kleinen’ und Zwischenmenschlichen zeigt, sondern auch im ‚Großen’ zwischen Ländern und Völkern. Wir müssen dazu nur unseren Blick Richtung Osten lenken. Da geht es deutlich um einen Länderkampf. Und diese immer wieder äußerst bedrohlichen Situationen beschäftigen die Menschheit seit Jahrtausenden und ich frage mich, ob wir aus unserer Vergangenheit und Geschichte wirklich gar nichts gelernt haben?

Nichts scheint uns Menschen wichtiger zu sein, als das, was uns gehört. Wir möchten so vieles haben und unser Eigen nennen und dabei fechten Länder bis heute aus, was dem einen und was dem anderen gehört.

Wieder sehe ich auf meine Uhr. Die akademische Viertelstunde hat meine Freundin bereits überschritten, weshalb ich erneut das Fenster öffne und nach ihr Ausschau halte. Doch weit und breit ist nichts von ihr zu sehen und so nehmen meine Gedanken weiter ihren Lauf.

Es gibt Zeiten, die wirklich herausfordert sind. Und von meinem Gefühl her würde ich sagen, dass wir Menschen uns in einer durchaus herausfordernden Zeit befinden. Wir machen uns Sorgen: Was wird als Nächstes kommen? Kann ich morgen noch einkaufen, die Miete, den Strom und das Benzin bezahlen?

Doch sind es nicht gerade diese Sorgen und die Ungewissheit, die Ängsten Nährboden bieten?

Klar gäbe es uns ein Gefühl von Sicherheit, wenn wir wüssten, was die Zukunft bringt. Doch was, wenn die Zukunft gar nicht in Stein gemeißelt ist, sondern wir alle, jeder Mensch auf diesem Planeten, jeden Tag an unserer gemeinsamen Zukunft mitschreibt? Hat nicht unser heutiges Verhalten einen großen Einfluss auf unsere Zukunft? Und wie würde eine Zukunft aussehen, wenn du sie schreiben könntest? Gäbe es in dieser Welt Menschen, die mit einem Schweineherz leben könnten? Würden sich die Menschen in der Zukunft, die du schreibst, vielleicht von Algen und Insekten ernähren, oder soll es in deiner Zukunft lieber gentechnisch hergestellte Lebensmittel geben? Vielleicht angereichert mit Krankheiten vorbeugenden pharmazeutischen Mitteln?

Sitzt du in deiner Zukunft noch am Steuer deines Autos oder hat das längst die künstliche Intelligenz übernommen und du sitzt nur noch auf dem Beifahrersitz und lässt dich fahren? Vielleicht wäre die künstliche Intelligenz in deiner Zukunft auch in der Lage, alte und kranke Menschen zu pflegen. Wäre das eine Lösung, die du für dich und deine Zukunft anstrebst? Und wie möchtest du wohnen? In untereinander und miteinander vernetzten Hochhäusern, in dem der Kühlschrank eine Bestellung aufgibt, wenn Lebensmittel fehlen und ein Saugroboter den Hausputz macht, während du 10 Stunden am Tag vor deinem Computer hockst? Und wie wäre das Klima, wenn es in deiner Hand läge, weil du ja heute deine und meine und unser aller Zukunft schreibst? Hast du darüber schon einmal nachgedacht?

Als es an der Haustür klingelt, nehme ich gedanklich den Stift vom Blatt Papier meiner Zukunft und ich weiß genau, dass all dies nicht die von mir gewünschte Zukunft wäre und mir wird bewusst, wie groß die Verantwortung jedes einzelnen von uns für unsere eigene, aber auch für unsere gemeinsame Zukunft und die unserer Nachkommen ist.

Als ich die Tür öffne und meine Freundin mit Sturmfrisur vor mir steht und den Satz sagt: „Entschuldige meine kleine Verspätung, aber ich habe es einfach nicht früher geschafft!“, ahne ich, dass es Dinge gibt, die sich auch in Zukunft wohl nicht ändern werden.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2022

 

 

Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.

Hier geht es zu Elke und ihrem 'Kleinen Blog'. KLICK!

 

Ein kleiner Hinweis: 

Mit der Nutzung des Kommentar- Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.

Dienstag, 15. Februar 2022

Der Jojo-Effekt

Hallo, Ihr Lieben! Manche Geschichten führen beim Schreiben ein Eigenleben. Das ist dann so, dass man beginnt, die Ideen, die man im Kopf hat, niederzuschreiben, ja und plötzlich führt die Geschichte ein Eigenleben und ist gar keine 'richtige Geschichte' mehr, sondern es sind eher Gedanken, die zu Papier gebracht werden möchten. - Aber lest selbst! Viel Freude dabei!

Lore setzt diesmal aus, aber bei Regina findet ihr ebenfalls eine Geschichte mit diesen Reizwörtern:

Obstschale, Frucht, merkwürdig, erwähnen, kümmern 

Letztens hab ich euch von meiner Freundin erzählt. Ihr wisst schon, dass ist die, die so gerne abnehmen würde und auch sportlicher sein möchte. - Ihr erinnert euch? Schön!

Also genau die, die sagt über mich, ich sei irgendwie ‚komisch’. Wie sie zu dieser Aussage kommt? Das muss ich euch wohl erklären.

Gerade eben war es beispielsweise so, dass ich mir zwei Clementinen aus der Obstschale nahm. Ich besah die Früchte und dachte so bei mir, dass man anhand ihrer Schale schon sehen kann, ob sie süß sind oder eher nicht, doch dass es bei einem Menschen ganz anders ist. Da sagt ein makelloses Äußeres oder ein perfektes Auftreten rein gar nichts über den wahren inneren Kern dieser Person aus. – Stimmt doch, oder?

Doch dieses ‚um die Ecke denken’ oder auch mal ‚hinter die Dinge schauen’, findet meine Freundin irgendwie komisch. Also, wenn ihr mich fragt, ich finde mein Denken keineswegs komisch, sondern eher sinnvoll.

Gut, vielleicht ist es merkwürdig, wenn man durch eine Clementine daran erinnert wird, dass wir uns oftmals vom äußeren Schein anderer blenden lassen. Aber es stimmt doch! Ich glaube, keiner von uns kann sich davon frei sprechen und ist vielleicht sogar schon einmal auf eine blendende ‚Fassade’ reingefallen.

Aber sagen wir nicht, dass das erste Bild, das wir uns von einem Menschen machen, oder eben der andere von uns, so wichtig ist? Doch sehen wir den wahren Kern eines Menschen wirklich so schnell? Den verstecken wir doch alle allzu gerne und allzu häufig sogar vor uns selbst und damit auch vor unseren Mitmenschen. Wie soll es uns da auf Anhieb gelingen, das Innere – also den wahren Kern – eines anderen sogleich wahrzunehmen?

Während ich nun so über diesen inneren Kern nachdenke, kommt mir der Vergleich mit einer anderen Frucht in den Sinn – mit einem Pfirsich. Der innere Kern wird bei dieser Frucht von einem dicken Fruchtmantel umhüllt. Doch im Unterschied zu einem Menschen ist der Kern eines Pfirsichs hart und das Fruchtfleisch süß. Beim Menschen ist das anders. Da ist der Innere Kern das Wertvolle und das Fruchtfleisch, die Umhüllung, dass ist die mithilfe des Verstandes und all den Erfahrungen entstandene ‚Persönlichkeit’.

Manche sagen, im Inneren eines Menschen befände sich ein ‚göttlicher Funke’, eine ‚göttliche Flamme’, also das, was wir Menschen eigentlich in unserem Ursprung sind. Dieser Kern ist reine Liebe. Wenn wir uns dessen bewusst sind und uns mit ihm verbinden, sind wir friedfertig, empathisch und schöpferisch.

Mit unserem inneren Kern verbunden zu sein, bedeutet in meinen Augen, Zugang zu unserer inneren Weisheit zu haben. Doch wie oft liegt diese Weisheit unter einem Haufen negativer Glaubenssätze verschüttet.

Vielleicht hatten wir als Kinder noch einen besseren Zugang zu unserer Mitte. Doch im Laufe der Lebensjahre und mithilfe all unserer emotionalen Erfahrungen und individuellen Entwicklungen entfernen wir uns mehr und mehr davon und eines Tages übernimmt unser Verstand komplett das Ruder und wir halten ihn und unseren Körper für unser wahres Selbst.

Dann nehmen wir nicht mehr mithilfe unserer Mitte unsere Umwelt wahr, sondern unser Verstand kontrolliert, entscheidet, wählt aus, bewertet oder verurteilt. Und dabei spielen all die Verletzungen, Trennungen und Zurückweisungen, alle Versagensängste und Ablehnungen, die wir erfahren haben, eine entscheidende Rolle. Bedeutet das nicht, dass wir uns, wenn wir uns unseres inneren Kerns wieder bewusst werden wollen, um all den ‚Lebensmüll’, der sich darüber angesammelt hat, kümmern müssen? Müssen wir ihn durch Annehmen, Erkennen und Loslassen nicht zuerst einmal ‚bearbeiten’, bevor wir uns als Mensch wirklich erkennen können?

Seht ihr und all diese Gedanken empfindet meine Freundin als ‚komisch’, oder auch als ‚schwere Kost’. Klar, keiner wird gezwungen, sich über sich und sein Leben mal in der Tiefe Gedanken zu machen. Aber wie viel Sinn macht ein Leben, wenn wir es nur an der Oberfläche leben und niemals in die Tiefe gehen? Können wir dann von einem erfüllten Leben sprechen?

Was ich noch erwähnen möchte, ist, dass meine Freundin und ich uns in vielen Dingen unterscheiden. Und da sagt der Volksmund: „Gegensätze ziehen sich an!“  Und das stimmt in unserem Fall wohl. Auf der anderen Seite trifft aber auch das gegenteilige Sprichwort auf uns zu, nämlich: „Gleich und gleich gesellt sich gern!“. Und das meine ich zum Beispiel im Hinblick darauf, dass wir beide einige Pfunde zuviel auf den Rippen haben. Und wenn ich da nun genauer hinschaue, denke ich: vielleicht haben wir ja ganz besonders viel ‚Lebensmüll’ angesammelt. Vielleicht möchten wir seelisch nicht (noch) mehr verletzt werden und haben uns einen dicken Schutzpanzer zugelegt, der uns vor Verletzungen im tiefsten Inneren bewahrt. Wäre doch durchaus möglich.

Aber die Ursachen für Übergewicht können ja durchaus vielfältig sein. So kann zum Beispiel ein ‚Belohnungsprogramm’ in unserem Innersten ablaufen. Und das schon seit Kindertagen. Wie war das denn bei euch? Wie wurdet ihr ‚belohnt’, dafür, wenn ihr zum Beispiel eine gute Note geschrieben habt, oder ‚lieb’ wart? Mit einer Umarmung? Oder wurde eine fehlende Umarmung oder liebevolle Zuwendung durch Süßigkeiten ersetzt? Bingo! Dann läuft es, das Belohnungsprogramm, das wir immer wieder mit Süßem bedienen.

Vielleicht ist es aber auch so, dass wir Dinge, die in unserem Leben passiert sind, immer noch nicht richtig ‚verdauen’ konnten. Vielleicht können wir emotionale Ereignisse nicht loslassen. Vielleicht wollen wir uns ‚abschotten’ vor anderen Menschen, weil wir zu oft die Erfahrung gemacht haben, dass unsere ‚rote Linie’ überschritten wurde. Übergewicht kann ebenso durch traumatische Erlebnisse entstehen oder dadurch, dass wir unbewusst einen Teil der Sorgen einer anderen Person mittragen. Ganz nach dem Motto: ich bin stärker als du, ich trage das für dich.

Wenn wir uns minderwertig fühlen, unserem Leben mehr Gewicht geben möchten oder für ‚voll’ genommen werden wollen, wenn ein Mangelbewusstsein besteht, das wir durch vermehrtes Essen kompensieren wollen, ja dann werden wir mit Übergewicht zu kämpfen haben.

Und seht ihr, nun schließt sich der Kreis. Bevor meine Freundin – und ich natürlich auch – die wahre Entscheidung treffen können, um abzunehmen, müssen wir zuerst einmal an unseren inneren ‚Themen’ arbeiten. Und das ist die Krux bei der Sache und vielleicht auch ein Grund für so manchen ‚Jojo-Effekt’.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2022

 

Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.

Hier geht es zu Elke und ihrem 'Kleinen Blog'. KLICK!

 

Ein kleiner Hinweis: 

Mit der Nutzung des Kommentar- Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.