Freitag, 20. März 2026

Negative Glaubenssätze (Nachgedacht)

In meinem letzten (bzw. ersten) Postbeitrag der Kategorie ‚Nachgedacht‘ habe ich darüber gesprochen, dass wir alle ‚Geschichtenerzähler‘ sind und dass wir vieles denken, was uns nicht wirklich guttut.

Dazu gehören auch sogenannte ‚Negative Glaubenssätze‘, über die ich heute nachdenken möchte. Auch sie haben eine große Auswirkung auf uns, ohne dass wir uns dessen im ersten Moment bewusst sind. Und doch bestimmen sie vielleicht, welchen Weg wir einschlagen und wie wir die Welt sehen.

Die meisten dieser Sätze hören wir in der frühen Kindheit - durch die Erziehung und das direkte Umfeld. Als Kinder haben wir die Aussagen unserer Bezugspersonen oft ungefiltert und als absolute Wahrheit angenommen bzw. übernommen.

Viele dieser Sätze stammen aus der Zeit, in der Disziplin, Gehorsam, Schmerztoleranz und produktive Leistung im Vordergrund standen.

Ich komme heute auf dieses Thema, weil mir in einer Fernsehsendung vor ein paar Tagen der Satz ‚Wer schön sein will muss leiden‘, auffiel. Die Hauptdarstellerin antwortete daraufhin: „Ich will aber schön sein, ohne vorher leiden zu müssen.“

Neben „Wer schön sein will, muss leiden“, gibt es viele weitere Klassiker, die oft unbewusst unser Handeln steuern. Drei davon möchte ich mir gerne näher ansehen, denn wenn wir diesen Sätzen Glauben schenken, kann das wahrlich große Auswirkungen auf uns und unsere psychische Gesundheit haben. Deshalb möchte ich sie gerne näher beleuchten:

„Ohne Fleiß kein Preis“

Das liegt auf der Hand: Wir denken, nur dann erfolgreich sein zu können, wenn wir uns diesen Erfolg hart erarbeiten bzw. dass ein Erfolg nur mit größter Anstrengung erreichbar ist. Wenn wir das wirklich verinnerlichen, werden wir Erfolge, die uns leichtgefallen sind, gar nicht genießen, anerkennen oder wertschätzen können. (Das war zu einfach, das zählt nicht.) Und das führt uns in einen Teufelskreis aus ständiger Überarbeitung. Ruhepausen haben wir uns nicht verdient, wenn wir auf der ‚Erfolgsspur‘ unterwegs sind. – Dieses Denken kann fatale Auswirkungen auf uns und unsere Gesundheit haben!

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz“

Diesen Satz kenne ich noch aus meiner Kindheit. Ich selbst habe ihn zwar nicht gehört, aber viele Jungs in meinem Alter. Männern sagt man oft nach, dass sie Emotionen nicht zeigen können. Kein Wunder, wenn sie als Kind diesen Satz gehört haben. Sie hören nicht mehr auf ihre eigenen Grenzen, suchen sich bei Erschöpfungsanzeichen keine Hilfe, denn schließlich wollen sie tapfer und ein Indianer sein. Irgendwann könnte der Körper so laut rufen, dass ignorieren nicht mehr möglich ist. – Und dass dieser kleine Satz etwas damit zu tun haben könnte, kommt uns vielleicht gar nicht in den Sinn.

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“

Den Satz finde ich auch schlimm, da er uns ausbremst. Er raubt den Menschen im Erwachsenenalter den Mut, Neues zu beginnen oder sich beruflich umzuorientieren. Man fühlt sich zu alt für Veränderungen und verharrt vielleicht in unglücklichen Situationen. Man glaubt, dass das ‚Zeitfenster‘, in dem man neu beginnt oder etwas Neues lernt, bereits geschlossen ist.

Doch wenn es negative Glaubenssätze gibt, muss es zwangsläufig auf der anderen Seite der Medaille ‚positive Glaubenssätze‘ geben. Und die finden wir, indem wir die negativen Sätze umformulieren. Das setzt aber voraus, dass wir uns diese Sätze, die in uns wirken, mal bewusst machen.

So könnten wir den Satz ‚Ohne Fleiß keinen Preis‘ zum Beispiel mit ‚Erfolg darf leichtgehen und Freude machen‘ umändern. – So erlaubst du dir, effizient‘ statt ‚hart‘ zu arbeiten. Das senkt u. a. dein Stresslevel, steigert aber auch deine Kreativität und lässt dich einfach erreichte Erfolge genießen – ganz ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

Das Gegenstück zu ‚Ein Indianer kennt keinen Schmerz‘ könnte ‚Ich achte meine Gefühle und setze achtsam Grenzen‘ lauten. Ich glaube, es ist ganz wichtig für uns und unser System, dass wir auf unseren Körper hören. Gerade dann, wenn er Schmerz oder Erschöpfung signalisiert, ist es wichtig, dass wir es wahrnehmen, dem ganzen Raum geben und emphatisch mit uns selbst umgehen.

‚Ich lerne und wachse mein ganzes Leben lang‘ könnte das Gegenstück zu ‚Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr‘ sein. So bleibt man – oder erlaubt es sich – auch im Alter geistig und körperlich beweglich (zu sein) und so traut man sich auch im Alter noch zu, neue Projekte zu beginnen.

Das Wichtigste ist in meinen Augen – oder es ist meine Überzeugung -, dass wir unsere getönte Brille absetzen und hinschauen müssen oder sollten, damit nicht unterbewusst Dinge ablaufen, die uns wahrlich nicht guttun.

(c) Martina Pfannenschmidt, 2026

Mittwoch, 18. März 2026

Frühlingserwachen

Die Zweige der alten Eiche knackten leise und in den Tiefen ihrer Rinde brach etwas auf. Sie spürte in ihrem Innersten eine unbändige Freude – so, wie es in jedem Jahr zu dieser Zeit geschah.

„Kannst du es auch spüren?“, fragte sie die junge Birke, die in ihrer Nähe stand. „Der Saft steigt wieder in uns empor, auch wenn er noch ein wenig zäh fließt, nicht wahr.“

Die Birke zitterte vor Vorfreude und ihre weißen Zweige leuchteten im Morgenlicht. „Ich kann es kaum erwarten, mein grünes Kleid anzulegen“, flüsterte sie aufgeregt zurück. „Hoffentlich vergisst uns die Sonne nicht!“

„Die Sonne vergisst niemanden“, brummte die Eiche mit ihrer tiefen, warmen Stimme.

In dem Moment landete ein kleiner, kugelrunder Zaunkönig auf einem der kräftigen Seitenäste der Eiche. Er plusterte sein Gefieder auf, so dass die feinen Federn, die noch ein wenig struppig aussahen, sich neu ordnen konnten.

„Guten Morgen, liebe Eiche“, zwitscherte er, und seine Stimme klang wie ein helles Glockenspiel.

„Ah, kleiner Freund“, antwortete die Eiche sanft, „du bist früh dran.“

„Ich muss!“, rief der Vogel und hüpfte eifrig hin und her. „Der Platz hier, in deinen Astgabeln ist der sicherste der Welt und sehr beliebt. Deshalb möchte ich der Erste sein. Und schon begann er, den ersten zarten Halm in einer Spalte zu verweben. Er arbeitete emsig, holte Moos und weiche Federn, während er eine Melodie sang, die so voller Hoffnung steckte, dass sie das Herz der Eiche berührte und eine einzelne Träne an ihrer Rinde herunterlief.

Just in dem Augenblick nahm die Eiche einen Schatten war, der sich aus dem dichten Unterholz näherte. Es war kein Tier und es war kein Mensch. Es war ein kleiner Hüter des Waldes. Ein kleines Wesen, das barfuß über den harten Boden spazierte.

Das zarte Wesen legte seine Hand auf die raue Rinde der Eiche und sprach mit einer ungewöhnlich zarten Stimme: „Habt Geduld, ihr Lieben! Das Erwachen wird geschehen. Es ist ein Versprechen der Natur, das es geschieht.“

Die Bäume hielten den Atem an, als im selben Moment ein warmer Windhauch durch ihre Äste strich. Auch die Vögel des Waldes nahmen es wahr und stimmten einen vielstimmigen Chor an.

Und dann spürten sie es alle: Der Frühling war nicht mehr nur ein Gedanke – er war ein Herzschlag, der alles miteinander verband.

Die Luft roch jetzt ganz anders – sie roch nach feuchter Erde, nach Freiheit und nach diesem Versprechen, das nur der Frühling geben kann. Es war zwar noch kühl, aber es war eine Frische, die einen wachküsste.

Die alte Eiche streckte ihre Äste weit in den blauen Himmel. „Heute ist der Tag“, sagte sie in ihrer ruhigen Art. „Ich spüre es bis in die kleinste Faserspitze.“

Die Birke neben ihr wirkte fast nervös. An ihren Zweigen hingen unzählige kleine, braune Knospen, die prall gefüllt waren. „Glaubst du wirklich?“, fragte sie noch ein wenig ungläubig. „Ich habe solche Angst, zu früh dran zu sein.“

„Hab keine Angst“, zwitscherte eine kleine Meise, die gerade eine weiche Moosflocke im Schnabel trug und in diesem Augenblick auf einem Zweig der Birke landete.

„Schau, auch ich baue mein Nest. Die Sonne zeigt es uns. Es wird geschehen.“

Nun reckte auch die Birke ihre Zweige der Sonne entgegen.

„Es ist an der Zeit, euch in eurem schönsten Kleid zu zeigen“, flüsterte das Naturwesen – und es geschah.

Es war kein lautes Ereignis, sondern ein leises, fast unhörbares Geschehen. An der Spitze der Birkenzweige platzten die braunen Hüllen der Knospen auf und ein zarter grüner Punkt schob sich ans Licht – so zart und frisch und voller Leuchtkraft.

Wie eine Welle breitete es sich nun aus. Überall im Wald begannen die Bäume aufzubrechen. Überall sprengten die kleinen grünen Blättchen ihre engen Gefängnisse. Die Vögel flogen aufgeregt hin und her, feierten das neue Grün und die zarte Wärme, die nun beständig durch den Wald floss.

Der kleine Hüter des Waldes lächelte, als er sah, wie das junge Grün die Welt verwandelte.

„Es hat begonnen“, raunte die Eiche, während sie die Wärme der Sonne tief in ihr altes Holz einsaugte. Sie spürte, wie der Zaunkönig in ihrer Krone nun stolz sein fertiges Nest präsentierte - ein winziges Kunstwerk aus weichem Moos.

Die Birke neben ihr war nicht länger ängstlich; sie wiegte sich sanft im Wind, stolz auf ihr neues Kleid, mit dem sie den Waldrand zu erhellen schien.

Das Naturwesen nickte den beiden Bäumen ein letztes Mal zu. „Bewahrt euch dieses Leuchten“, flüsterte es, „denn solange ihr erblüht, werden die Menschen die Hoffnung nicht verlieren.“ Dann verschwand es wortlos in den Tiefen des Waldes.

Für einen Moment kehrte eine sonderbare Stille ein und hoch oben im tiefblauen Himmel zog ein einsamer Falke seine Kreise, während in den Zweigen der alten Eiche das Leben von Neuem und unaufhaltsam erwachte.

Der Frühling war nicht mehr nur ein Versprechen; er war erwacht.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!


Sonntag, 15. März 2026

Der sonnengelbe Schirm

Als Daniel an diesem trüben Märztag an der Haltestelle stand, war die Welt um ihn herum grau und trist. Er starrte auf seine vom Regen nassen Schuhe, die dieses Grau widerzuspiegeln schienen.

Daniel ging einem Job in der Buchhaltung nach, der ihm zwar ein sicheres Einkommen garantierte, aber freudlos war. Alles an ihm war: Mittelmaß! Er fühlte sich dünnhäutig, blass und oft kurz vor dem Zerreißen.

Heute war wieder so ein Tag, an dem er kurz vor dem Zerreißen stand. Ein Fehler in der Jahresbilanz, harsche Worte seines Chefs und das schlechte Essen in der Kantine lagen ihm schwer im Magen.

Obwohl er unter dem Glasdach der Haltestelle stand, spürte er den kalten Wind, so dass er den Kragen seines Mantels hochzog.

Für einen kurzen Moment glitt sein Blick dabei zur Seite und er nahm in der Ecke der Haltestelle einen sonnengelben Schirm wahr. Dieses Gelb wollte so gar nicht zu der Trostlosigkeit dieses Tages passen. Es wirkte wie ein Stück Sommer – mitten im März.

Daniel sah sich um. Die Straße war menschenleer, bis auf ein paar Autos, die vorbeijagten. Niemand war weit und breit zu sehen.

Er zögerte kurz, trat dann aber näher und nahm den Schirm an sich. Wider Erwarten war der Griff noch warm und er wunderte sich darüber, weil es den Anschein hatte, als hätte gerade eben jemand den Schirm dort abgestellt.

Als er ihn näher betrachtete, bemerkte er einen kleinen laminierten Zettel, auf dem in fein geschriebener Handschrift stand: „Für dich, der du heute glaubst, dass die Welt nur aus Dunkelheit besteht. Nimm mich gerne mit! Ich möchte für dich das Licht sein und dir sagen: Jemand sieht dich!“

Ein Schauer lief Daniel über den Rücken. Es war ihm, als habe gerade jemand eine Tür zu seinem Inneren aufgestoßen. Dieser kleine Satz: „Jemand sieht dich!“, traf ihn mit voller Wucht. – In dieser Stadt mit tausend anderen Menschen fühlte er sich oft ungesehen. Aber dieser Schirm … dieser Schirm war nur für ihn gedacht.

Als der Bus quietschend hielt, stieg Daniel ein. Er setzte sich ganz nach hinten und legte den Schirm auf seinen Schoß. Während die Regentropfen draußen gegen die Scheiben trommelten, breitete sich eine wundersame Wärme in ihm aus. Der graue Himmel, die harschen Worte seines Chefs, das schlechte Essen – alles war plötzlich unbedeutend für ihn.

Dieser sonnengelbe Schirm veränderte etwas in Daniel. Er sah plötzlich viel mehr Positives, hielt der Nachbarin die Tür auf und lächelte die Kassiererin im Supermarkt an. Und plötzlich schien die ganze Welt zurückzulächeln.

Eines Morgens, als der erste echte Sonnenstrahl seit Tagen wieder durch sein Fenster fiel, wurde Daniel bewusst, dass es Zeit wurde, den Schirm an seinen Ursprungsort zurückzubringen. Er durfte für eine weitere Person zu einem ‚Lichtbringer‘ werden.

Und so ging er wieder zur Haltestelle, stellte den Schirm vorsichtig in die Ecke und wartete anschließend im Schatten eines Hauseingangs, was geschehen würde.

Es dauerte nur ein paar Minuten, als er eine ältere Dame wahrnahm, die direkt auf die Haltestelle zuging. Sie hinkte leicht und die Sorgen standen ihr ins Gesicht geschrieben. Als sie bei der Haltestelle ankam, fiel ihr Blick sogleich auf den gelben Schirm. Sie zögerte kurz, nahm ihn dann aber doch an sich und las, was auf dem Zettel stand – genauso, wie er es vor ein paar Wochen getan hatte. Sogleich nahm Daniel eine Veränderung im Gesicht und in der Haltung der Frau wahr und er selbst spürte eine tiefe Wärme in seinem Herzen, denn dieser Schirm war gewiss von genau der richtigen Person gefunden worden.

Daniel drehte sich um und ging mit dem Gefühl nach Hause, für einen anderen Menschen ein Lichtbringer gewesen zu sein

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

Donnerstag, 12. März 2026

Auch du bist ein Geschichtenerzähler (Nachgedacht)

Wie du siehst, gibt es eine neue Kategorie in meinem Blog, die ich mit 

‚Einfach nur: Nachgedacht‘ 

überschrieben habe - und dieser Post ist der erste Beitrag!

In dieser Kategorie werde ich immer mal wieder meine Gedanken mit euch teilen und wenn du magst, darfst du deine Gedanken dazu sehr gerne im Kommentar hinterlassen. Ich würde mich sehr darüber freuen.

Los geht’s mit einer Behauptung. Ich behaupte nämlich, dass wir alle Geschichtenerzähler sind. Ja, auch du bist ein Geschichtenerzähler (und ich werde hier nicht gendern). Glaubst du nicht? Ich beweise es dir und ich behaupte noch etwas: Du hast dich selbst schon oft angelogen – und das meistens unbewusst.

Welche Lügen du dir erzählt haben könntest? Na, zum Beispiel diese hier: ‚Ich bin kein Typ für sowas‘, ‚Das klappt bei mir sowieso nicht‘ – und was wir uns im Alter auch gerne erzählen, ist: ‚Dafür bin ich schon zu alt‘ oder ‚Das liegt an meinem Alter‘.

Was das Schlimme daran ist? Das wir uns glauben. Wir glauben diesen Sätzen, die wir uns immer und immer wieder erzählen, bis sie zu unserer Realität werden.

Welche Geschichte erzählst DU dir über dich selbst – und stimmt sie überhaupt? Hast du das (oder dich) mal hinterfragt?

In unserem Kopf läuft sozusagen 24 Stunden am Tag ein Film, in dem wir der Hauptdarsteller sind. – Oder sind wir auch der Regisseur? – Und was sich da so in unserem Kopf abspielt, sind oft von unseren Eltern, Lehrern oder der Gesellschaft übernommene Rollen oder Aussagen, die gar nichts mit uns zu tun haben.

Diese leise Stimme in unserem Kopf, die alles kommentiert, was wir tun, die uns leise einflüstert, wer wir sind, was wir können – oder noch lieber: was wir (angeblich) nicht können. Und so ist das, was wir als Realität für uns abgespeichert haben, oft nichts anderes als eine Geschichte, die wir uns immer und immer wieder erzählen.

Wenn wir uns aber bewusstwerden, welche Macht unsere Gedanken (bzw. die ständigen Erzählungen) über uns haben, können wir beginnen, unser eigenes Drehbuch zu schreiben.

Lass uns drei Sätze anschauen, die wir uns evtl. erzählen:

1.    Satz: Ich bin ein Technik-Legastheniker. Wenn wir uns den Satz immer wieder sagen (und leider darf ich mich da einreihen) heißt das nichts anderes, als dass wir es erst gar nicht probieren. Schade!

2.    Satz: Ich bin unsportlich! Auch diese Geschichte erzähle ich mir immer wieder und wisst ihr warum? Weil ich dann erst gar nicht erst beginnen muss. Ich kann es ja nicht (schon seit Kindertagen übrigens). Na, da ist doch klar, dass ich erst gar nicht beginne und mir zum einen den ‚Schmerz des Beginnens‘ erspare und zum anderen das ‚Risiko des Scheiterns‘.

3.    Satz: Ich bin halt ein Morgenmuffel. Den Satz erzähle ich mir zwar nicht, aber vielleicht der eine oder andere von euch. Und schon kann ich mich morgens unhöflich benehmen und ich darf träge sein, weil: ich bin halt so und kann es nicht ändern. (Wirklich? Und wenn doch?!)

Wenn wir Glaubenssätze (bzw. das Drehbuch anderer) übernommen haben, können wir uns vielleicht folgende Sätze sagen:

1.    Satz: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Kennen wir alle, oder?! Aber was bedeutet dieser scheinbar unscheinbare Satz? Das wir uns Entspannung (das Vergnügen) erst verdienen müssen – und zwar durch Erschöpfung. Erst dann, wenn wir erschöpft sind von der Arbeit dürfen wir ruhen. – Fatal, oder nicht?

2.     Satz: Man/Ich muss es allen recht machen. Wir halten mit unserer Meinung hinterm Berg, sagen nicht was wir denken, weil wir nur dann wertvoll sind, wenn keiner auf uns sauer ist bzw. alle uns als ‚nett‘ und ‚lieb‘ betiteln würden. – Aber was ist deine Wahrheit – sprich sie aus!

3.    Satz: In meinem Alter macht man das nicht mehr. Oder noch besser: in meinem Alter lohnt sich das nicht mehr. Bei dieser Geschichte bzw. diesem Satz hören wir vielleicht auf, etwas Neues zu erlernen. Weil … in unserem Alter … Warum erzählen wir uns derartige Geschichten und verhindern damit, uns weiterzubilden, nur weil wir ein gewisses Alter erreicht bzw. überschritten haben?

Übrigens sind wir auch ganz fantastische Vorausschauer. Ja, wusstest du gar nicht – aber auch du bist ein Hellseher. Beispiel gefällig?

1.    Satz: Das klappt bei mir sowieso nicht. – Siehst du! Vorausschau! Du schreibst das Ende der Geschichte schon, bevor du überhaupt mit dem ersten Kapitel begonnen hast. – Vielleicht tun wir es, um nicht enttäuscht zu werden, sollte es tatsächlich nicht klappen. Aber können wir das wirklich mit Bestimmtheit schon voraussagen, dass es nicht klappen wird?

2.    Satz: Wenn ich das sage, wird er/sie mich verlassen. Wir sind Weltmeister im Kreieren von Katastophen-Szenarien – und dieses Verhalten hält uns in der Passivität gefangen.

Und ganz beliebt ist der Satz: Ich habe nicht genug Zeit/mir fehlt die Zeit dazu! Ist es wirklich Zeitnot oder hat es mit dem fehlenden Setzen von Prioritäten zu tun?

Welches Fazit könnten wir aus all dem Vorangegangenen ziehen? Vielleicht die Tatsache, dass unsere Geschichten eben keine ‚Tatsachengeschichten‘, sondern alte, übernommene, erlernte und nie hinterfragte Schutzmechanismen sind - und: Nur weil wir etwas denken, entspricht es noch lange nicht der Wahrheit!

Wenn wir aus diesem Kreislauf aussteigen möchten, ist wohl der erste Schritt, dass wir versuchen, uns selbst dabei zu ‚ertappen‘, wenn wir uns wieder mal eine Geschichte (über uns) erzählen. Wenn wir dann kurz innehalten, durchatmen und uns fragen: Ist das wirklich wahr, was ich da über mich denke? – verändern wir viel.

Auf diese Weise stoppen wir zwar nicht gleich unsere Gedanken, was auch wohl nur wenigen wirklich gelingt, aber wir halten die Gedanken an und wechseln die Perspektive. Weg vom unbewussten ‚Schauspieler‘ hin zum bewussten ‚Regisseur‘. Auf diese Weise schreibst du das Drehbuch/dein Drehbuch um!

Und so denkst du nicht mehr: Ich bin schusselig! Sondern du denkst bzw. fragst dich „Bin ich schusselig? Stimmt das wirklich? Und ja, dir werden Beispiele einfallen, wo das wirklich mal der Fall war. – Aber such doch mal ganz bewusst nach Beispielen, wo es eben nicht zutraf.

Sätze, die mit ‚Ich bin‘ beginnen, haben übrigens eine ganz besondere Kraft und Wirkung, weshalb wir sehr vorsichtig bzw. umsichtig mit derartigen Sätzen umgehen sollten.

Am Ende des Tages – wie wir heutzutage gerne sagen – sind wir nicht die Geschichten, die wir uns erzählen und die permanent in unserem Kopf ablaufen.

Am Ende des Tages bist DU derjenige, der den Stift hält und der seine Geschichte jederzeit umschreiben kann.

Ist heute nicht ein unfassbar guter Tag, um ein neues Kapitel zu beginnen?

 (c) Martina Pfannenschmidt, 2026

Dienstag, 10. März 2026

Mondschein-Geflüster

An diesem Abend hing der Mond wie eine große, goldene Laterne am Himmel und tauchte die Wiesen in ein sanftes, schlummerndes Licht, als Frieda, die kleine Feldmaus, ihren Abendspaziergang machte.

Seit ein paar Tagen war sie meistens allein unterwegs. Ihre beste Freundin, die sonst immer fröhlich an ihrer Seite trippelte, hatte sich verliebt. Nun verbrachte sie jede freie Minute mit ihrem Freund und ihre Augen leuchteten dabei heller als die Sterne.

Frieda verstand das gut und gönnte es ihr von ganzem Herzen. Schließlich wusste sie selbst, wie wunderschön es war, wenn die Schmetterlinge im Bauch Purzelbäume schlugen. Ein wehmütiges Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, als ihre Gedanken kurz zu Antoine wanderten. Sie erinnerte sich gern an den charmanten Akzent der französischen Spitzmaus, in den sie sich damals Hals über Kopf verliebt hatte. Antoine war zuckersüß gewesen, aber am Ende hatten sich ihre Wege getrennt, weil sie sich einfach nichts mehr zu sagen gehabt hatten. Und so schlenderte sie nun allein des Weges.

An einem besonders lauschigen Plätzchen, an dem das Mondlicht silbern schimmerte, setzte sie sich auf einen kleinen, kühlen Stein. Sie seufzte leise, schaute vorsichtig nach rechts und links, um zu schauen, ob sie auch wirklich allein war und blickte dann sehnsüchtig hinauf zum Mond.

„Hallo, lieber Mond“, flüsterte sie, „du hast von da oben doch den allerbesten Überblick. Du siehst bestimmt, wie glücklich meine Freundin ist ... und dass ich ein kleines bisschen einsam bin. Weißt du ... ich hätte auch so gerne jemanden an meiner Seite. Jemanden, mit dem ich über alles reden, aber auch mal schweigen kann. Verstehst du? Also, wenn du von da oben jemanden siehst, der zu mir passt ... könntest du uns dann bitte zusammenbringen? Das wäre wirklich schön.“

„Das klappt bestimmt!“, zirpte plötzlich eine muntere Stimme direkt neben ihr. Frieda erschrak so sehr, dass sie kurz zusammenzuckte. Gerade eben war es doch noch so still gewesen! Doch nun entpuppte sich der dicke Grashalm neben ihr als ein kleiner Grashüpfer, der sie mit klugen Augen ansah. „Nur Mut, Frieda“, sprach er ihr aufmunternd zu und stupste sie sanft an, „wer so nett fragt, wie du, dem wird der Mond ganz gewiss eine Antwort schicken.“

Gerade als Frieda sich bedanken und aufstehen wollte, begann der Stein unter ihr ganz sacht zu wackeln. Ein kleines Köpfchen schob sich langsam hervor und Frieda erkannte, dass sie es sich auf einem Schneckenhaus gemütlich gemacht hatte.

„Ich wollte nicht lauschen, wirklich nicht“, murmelte die Schnecke verlegen, „aber ich habe all deine Worte gehört, Frieda. Und ich möchte dir sagen, dass die Liebe dich genau dann finden wird, wenn du am wenigsten damit rechnest.“

Der Zuspruch der beiden legte sich wie eine warme Decke um Friedas Herz, so dass sie sich mit einem wohligen Gefühl im Bauch wieder auf den Heimweg machte. Doch plötzlich blieb sie abrupt stehen – ein dunkler Schatten näherte sich von rechts. Er kam so schnell auf sie zu, dass sie nur noch die Augen zusammenkneifen konnte … und … Wumms!

Beide purzelten durcheinander und landeten unsanft im tiefen Moos. „Oje, entschuldige bitte!“, rief der Schatten, der sich als ein Mäuserich mit struppigem Fell entpuppte. Er sah sie aus besorgten Augen an. „Es tut mir so leid, ich war wohl viel zu schnell unterwegs. Geht es dir gut, kleine Maus? Weißt du, ich trainiere jeden Abend für das große Wettrennen. Ach, ... ich bin übrigens Fritz.“

Frieda klopfte sich den Staub aus dem Fell und sah zu Fritz, der gerade versuchte, wieder auf die Pfoten zu kommen, aber dabei schmerzverzerrt schaute. Sein Knöchel wurde augenblicklich dick.

„Mir fehlt nichts!“, antwortete Frieda und legte mitfühlend eine Pfote auf seine Schulter. „Aber dein Fuß sieht gar nicht gut aus. Komm, ich stütze dich. Ich wohne gleich da vorne um die Ecke in einer kleinen Höhle. Da können wir deinen Knöchel kühlen und du kannst dich ausruhen.“

Und so machten sie sich gemeinsam auf den Weg. Während Frieda den humpelnden Fritz stützte, bemerkte sie, wie angenehm seine Nähe für sie war. Seine Stimme klang warm und melodisch und berührte Friedas Herz zutiefst.

Zuhause angekommen versorgte sie seinen Fuß mit einem kühlen Umschlag, reichte ihm eine Handvoll Haselnüsse und einen Schluck frischen Tee. Sie plauderten und lachten, bis Fritz schließlich auf Friedas kuscheligem Moos-Sofa einschlief.

Frieda war noch viel zu aufgewühlt, um schon zu schlummern, deshalb schlich sie sich auf leisen Pfoten ans Fenster, schaute hoch zum Mond und flüsterte: „Also, lieber Mond, dass er direkt in mich hineinläuft, damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Aber ... danke. Er scheint ein wahrlich gutes Herz zu haben.“

In den nächsten Tagen pflegte Frieda den verletzten Fritz mit viel Liebe und Geduld, bis er wieder ganz gesund war.

In diesen Tagen hatten sie längst bemerkt, dass sie nicht nur die gleichen Träume teilten, sondern dass die Stille zwischen ihnen genauso kostbar war wie ihre langen Gespräche. Und so war es Fritz völlig egal, dass er beim Wettrennen nicht mit dabei sein konnte, da er etwas viel Besseres gefunden hatte.

Und so kam es, dass Frieda nie wieder allein im Mondschein spazieren gehen musste, denn wann immer die Nacht herein brach huschten nun zwei Schatten nebeneinanderher und hielten hin und wieder inne, um zum leuchtenden Mond am Himmel hinaufzuschauen.

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

Freitag, 6. März 2026

Die Standuhr in der Ecke

Arthur war mit Leib und Seele ein Uhrmacher, auch wenn er sich inzwischen im Ruhestand befand. In jeder Ecke seiner kleinen Wohnung in der zweiten Etage eines Mehrfamilienhauses konnte man eine andere Uhr entdecken. Es gab Wanduhren, Kuckucksuhren, Taschenuhren und eine alte Standuhr. Doch nicht alle tickten, einige standen still und zeigten zudem unterschiedliche Uhrzeiten. - Dass es so war, hatte für ihn eine tiefere Bedeutung. Jede dieser Uhren hielt einen ganz besonderen Moment seines Lebens fest.

Vor ein paar Wochen war in die Wohnung gegenüber eine junge Kunststudentin namens Pia eingezogen. Sie war der exakte Gegenpol zu Arthur. Sie polterte durch das Treppenhaus, vergaß ihr Handy, verlor ihre Schlüssel und hörte oft zu laut Musik.

Doch eines Abends, als Pia wieder einmal vor ihrer verschlossenen Tür stand, bot Arthur ihr an, in seiner Wohnung auf den Schlüsseldienst zu warten, was die junge Frau gerne annahm.

In seinem Wohnzimmer verstummte sie: „Warum gehen die Uhren alle anders, Arthur?“, fragte sie nach einer Weile.
„Das ist so gewollt“, antwortete er, während er mit einer Pinzette an einer winzigen Spiralfeder arbeitete. „Es ist so, dass sie besondere Momente für mich bewahren. Verstehst du? Die da“, sagte er und zeigte auf die Standuhr in der Ecke, „habe ich angehalten, als Isabel, meine einzige Tochter, mich verlassen hat.“

Pia erhob sich und sah sich die Uhr aus der Nähe an. Hinter der Glasscheibe – im Bauch der Uhr - entdeckte sie etwas Ungewöhnliches: einen großen Stapel Briefe, fein säuberlich beschriftet mit: ‚Für Isabel‘.

„Krass“, sagte sie, „hast du die alle geschrieben? Das sind ja mindestens hundert.“

Arthur legte die Pinzette zur Seite und rieb sich die Augen. Er wirkte plötzlich müde.

Pia setzte sich aufs Sofa ihm gegenüber und ließ die Beine baumeln. „Und du glaubst echt, dass das was bringt?“, fragte sie. „Ich meine, du sitzt hier den ganzen Tag und fummelst an diesen winzigen Rädchen rum, als könntest du die Zeit damit irgendwie ... keine Ahnung, … zurückdrehen oder … heilen?“

Arthur starrte auf das Uhrwerk vor sich. „Ich fummle nicht rum, Pia. Ich sorge dafür, dass sie nicht stehen bleiben. Stillstand ist das Schlimmste, weißt du. Eine Uhr, die nicht tickt, erinnert dich jede Sekunde daran, dass du gerade einen Moment verpasst.“

„Aber genau das passiert doch hier!“, empörte sie sich. „Du hältst bewusst Uhren an, schreibst unzählige Briefe, aber schickst sie nicht ab. Das ist doch wie … wie … Selbstgespräche auf Papier. Du musst sie abschicken, Arthur, sondern ändert sich ja nie was zwischen dir und deiner Tochter.“

Arthur lachte kurz auf. „Das ist nicht so einfach, wie du dir das vorstellst. Nach so vielen Jahren kannst du nicht einfach einen Brief schicken und so tun, als wäre nichts. Und was soll ich ihr schreiben? ‚Sorry, war mein Fehler‘?“

„Zum Beispiel!“, antwortete Pia prompt. „Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, dass du einfach nur Schiss hast.“

Anschließend sprang sie auf und sah ihn direkt an. „Diese Briefe da drin … wenn du sie nicht abschickst, kannst du sie auch gleich … verbrennen. Das Ergebnis ist das gleiche: Du wirst nie erfahren, wie es deiner Tochter jetzt geht und wirst ewig einsam bleiben.“

Nachdem Pia gegangen war, arbeitete das Gespräch in Arthur noch lange nach.

Dann tat er, was er schon so oft getan hatte. Er griff zu Stift und Papier und verfasste einen weiteren Brief.

„Liebe Isabel, ich habe heute eine Weile am Fenster gesessen und einer jungen Frau zugesehen, die draußen im strömenden Regen durch die Pfützen lief und der es völlig egal war, ob die Schuhe dabei nass wurden. In dem Moment musste ich – wie so oft - an dich denken. Genauso warst du auch. In diesem Moment wurde mir klar, was ich in den letzten Jahren verpasst habe. Und alles nur, weil ich Recht haben wollte.

Ich möchte mich nicht weiter hinter meinem Stolz verstecken, sondern dir die Hand zur Versöhnung reichen. Ich möchte mich entschuldigen für alles, was ich damals gesagt habe und auch dafür, dass ich mit meiner Entschuldigung so lange gewartet habe.

Liebe Isabel, es ist so unglaublich leise in meinem Leben – ohne dich! Ich vermisse dich und möchte keine Sekunde meines weiteren Lebens mehr ohne dich sein. Ich würde mich sehr freuen, wenn du meine Entschuldigung annimmst.

Ich werde mich ab morgen jeden Abend um 17 Uhr an mein Fenster setzen und auf die Straße schauen in der Hoffnung, dass du vorbeischaust.

Wenn nicht, kann ich das auch verstehen – aber ich werde dort sein und auf dich warten.

Dein Papa

Am nächsten Tag trug er gemeinsam mit Pia den Brief zum Postkasten an der Ecke. Es schien ihm der schwerste Gang seines Lebens zu sein.

Am Abend darauf saß er pünktlich um 17 Uhr am Fenster.

Draußen begann es bereits zu dämmern. Die Straßenlaterne vor seinem Fenster flackerte, während Arthur gebannt auf den Gehweg sah. Sein Herz pochte so laut, dass es all die Uhrwerke um ihn herum übertönte.

Plötzlich erschien eine Gestalt im fahlen Licht der Lampe. Arthur hielt für einen Moment den Atem an.

Er wusste nicht, ob es Isabel war. Er wusste nicht einmal, ob sie den Brief schon erhalten hatte und auch nicht, ob sie jemals kommen würde.

Aber während er dort saß und in die Dunkelheit schaute, geschah etwas Seltsames: Die Unruhe in ihm wich einer tiefen, warmen Stille. Zum ersten Mal seit langem hatte er das Gefühl, auf den Beginn von etwas Neuem zu warten und so stahl sich nach langer Zeit ein Lächeln auf sein Gesicht.

In dem Moment nahm er wahr, dass die Gestalt stehen blieb und zu seinem beleuchteten Fenster hinaufsah. Arthur hob die Hand, ganz langsam, und legte seine flache Handfläche gegen die kühle Scheibe.

Er wusste nicht, was die nächsten Minuten bringen würden, aber er hoffte inständig, dass die Standuhr in der Ecke bald wieder die korrekte Uhrzeit anzeigen dürfte.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil.



Sonntag, 1. März 2026

Missverstehe ich dich richtig?

An diesem Sonntagmorgen floss die Zeit im Hause Lindemann besonders langsam. Während Erna am Küchentisch saß und Kreuzworträtsel löste, stand Alfons im Vorratsraum. Warum war er nochmal dorthin gegangen? Er wusste genau, dass es einen Grund dafür gab, aber es wollte ihm einfach nicht mehr einfallen.

Doch dann wusste er es wieder – nur das Name, der war ihm entfallen, weshalb er seine Frau fragte: „Erna, wo steht nochmal dieses gelbe Zeug. Du weißt schon, das, was ich so gerne mag.“

„Was suchst du, Alfons? Den gelben Beleg? Aber der liegt doch nicht im Vorratsraum. Den habe ich in die Küchenschublade gelegt.“

Alfons schüttelte mit dem Kopf und schlurfte zurück in die Küche. „Nicht der Beleg, Erna. Ich meine … wie heißt es noch, … diesen Dings, … diesen … Honig. Ich suche den Honig!“

Erna sah ihn prüfend an. „Honig? Den hast du doch gestern schon aufgegessen. Du vergisst auch wirklich alles, Alfons“, meinte sie und legte ihr Rätselheft beiseite.

„Und du?“, konterte Alfons. „Du hast deinen Termin beim Akustiker vergessen, dabei brauchst du dringend ein Hörgerät, meine Liebe.“

Erna schnaubte ein wenig. „Ich brauche gar nichts. Ich höre sogar, wie die Nachbarn drei Häuser weiter niesen. Du nuschelst nur so furchtbar. Das ist der Grund.“

„Ich nuschele nicht“, verteidigte sich Alfons. „Ich spreche deutlich. Apropos: Wollen wir gleich eine Runde in den Park? Das Wetter ist so herrlich.“

Erna hielt inne und sah ihn mit großen Augen an. „Quark? Alfons, wir haben doch gerade erst gefrühstückt! Und jetzt willst du auch noch Quark essen. Das wird dir nicht bekommen.“

Alfons seufzte. „Nicht Quark, Erna. Der Park! Mit den Enten und den alten Eichen.“

„Ach so, der Park“, sagte Erna und tat so, als wäre das absolut offensichtlich gewesen. „Warum sagst du das denn nicht gleich? Du verschluckst immer die halben Wörter.“

Und so machten sie sich fertig für ihren Spaziergang. Alfons suchte seine Jacke und fand sie nach einiger Zeit statt an der Garderobe in seinem Kleiderschrank. Er wunderte sich kurz, wie sie wohl dorthin gekommen war, bemaß dem Ganzen aber keine weitere Bedeutung bei.

Als sie an der Haustür standen, klopfte Alfons sich die Taschen ab. „Hast du den Schlüssel?“, fragte er.

„Rüssel? Nein, Alfons, der Weg bis zum Zoo ist mir zu weit. Ich mag zwar die Elefanten, aber nicht heute. Heute gehen wir nur in den Stadtpark.“

Alfons schüttelte kurz den Kopf, zog dann den Schlüssel aus seiner eigenen Hosentasche, nahm die Hand seiner Frau und schmunzelte.

„Ich hab ihn schon, Erna“, meinte er dann. „Komm, wir gehen jetzt – bevor ich vergesse, wohin ich mit dir wollte.“

Und so gingen sie Arm in Arm los.

Der Stadtpark war an diesem Sonntag gut besucht. Alfons und Erna schlenderten im Gleichschritt über die befestigten Wege. Alfons hielt die Augen offen – er genoss die Farben der ersten Krokusse, auch wenn er sich beim besten Willen nicht mehr an den Namen erinnern konnte. Für ihn waren es ‚die Gelben da und die Lilanen dort‘.

„Schau mal, Erna“, sagte er in diesem Moment und deutete auf eine Bank. „Da sitzt doch der Herr Krause aus unserer Straße. Wollen wir kurz hallo sagen?“

„Was sagst du? Ein Floh? Alfons, dann bleib bloß weg von den Sträuchern, wenn da Ungeziefer drinsitzt.“

Alfons schüttelte amüsiert den Kopf. „Kein Floh, Erna! Hallo! Zum Nachbarn, Herrn Krause!“

„Ach, ne Pause!“, erwiderte Erna zufrieden. „Ja, eine kleine Pause auf der Bank würde uns guttun.“

Bevor Alfons das Missverständnis aufklären konnte, hatten sie Herrn Krause bereits erreicht. Der alte Herr Krause war bekannt dafür, sehr ausschweifend über seine Krankheiten zu berichten.

„Guten Tag, Herr Krause!“, rief Alfons freundlich. „Genießen Sie auch die Sonne?“

Herr Krause sah auf und rückte seine Brille zurecht. „Na ja“, erwiderte er, „wie man es nimmt. Meine Frau sagt zwar immer, dass das Alter keine Wonne mehr ist, aber was soll man machen, nicht wahr?“

Erna setzte sich mit einem erleichterten Seufzer neben ihn. „Schrecklich, nicht wahr, Herr Krause? Mein Mann meinte eben, es gäbe hier überall Flöhe. Haben Sie auch schon welche gesehen?“

Herr Krause blinzelte verwirrt. „Rehe? Hier im Stadtpark? Nein, das glaube ich nicht. Die trauen sich nicht so nah an die Stadt ran. Aber ich habe gestern einen sehr großen Hund gesehen.“

Alfons stand daneben und beobachtete das Gespräch wie ein Tennisspiel und beschloss, das Thema zu wechseln. „Herr Krause, wie geht es eigentlich Ihrem Enkel? Er hat doch gerade die Lehre angefangen.“

Herr Krause legte die Stirn in Falten. „Meine Schenkel? Ja, da sagen Sie was, Herr Lindemann. Der Ischiasschmerz zieht sich über meinen Schenkel bis in den Fuß hinein.“

Erna nickte mitleidig, obwohl sie nur die Hälfte verstanden hatte.

Alfons sah von Erna zu Krause und wieder zurück. Es war wie ein Orchester, bei dem jeder ein anderes Lied spielte.

„Wisst ihr was?“, rief Alfons etwas lauter. „Ich glaube, wir brauchen alle ein Eis. Ich geh mal rüber zum Kiosk.“

Erna strahlte und hatte ihn sofort richtig verstanden. „Geh nur, Alfons. Aber bring mir eins mit Nüssen mit!“

„Küssen?“, rief Herr Krause entsetzt dazwischen. „In unserem Alter und mitten im Park?“

Alfons winkte ab und ging lachend Richtung Kiosk. Er vergaß zwar auf dem halben Weg fast, ob Erna nun ein Nuss- oder doch lieber ein Erdbeereis wollte, aber er wusste eines ganz sicher: Sie verstanden sich vielleicht nicht immer beim ersten Wort, aber sie verstanden sich im Herzen immer richtig.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!