Dienstag, 5. November 2019

Gedanken zum Herbst


Was ist das nur für eine Jahreszeit, der Herbst?

Die einen lieben ihn, die anderen werden melancholisch und hätten gern den Sommer zurück. Doch ist es nicht so, dass uns jede Jahreszeit auch etwas lehren kann?

Und so frage ich mich, was uns der Herbst bezüglich unseres Lebens vielleicht zu sagen hat.

Wenn ich die Blätter beobachte, die sanft von den Bäumen segeln, um lautlos auf dem Boden zu landen, dann wird mir klar, dass die Herbstzeit eine ruhige Zeit ist. Das Laute des Sommers ist vorüber. Die Luft ist klar und rein und in der Sonne kann ich noch einmal Energie für meinen Tag sammeln. Gleichzeitig nimmt die Dunkelheit zu, was uns zur Einkehr bringen kann.

Und ist es nicht auch so, dass der Herbst uns das Loslassen lehrt? So wie die Bäume ihre Blätter loslassen, so dürfen wir all das Dunkle und Traurige loslassen. Nur wer loslässt, so heißt es, hat Platz für Neues und wer nicht mehr festhält, hat beide Hände frei.

Die Tiere sammeln Vorräte für den bevorstehenden Winter und selbst die Pflanzen ziehen sich zurück. Die Natur stellt sich auf die jeweiligen Jahreszeiten ein. Wenn wir klug sind, tun auch wir das.

Die dunkle Jahreszeit lädt uns zur Einkehr und zum Schauen nach Innen ein. Sie lädt uns ein zum Meditieren, Lesen, Entspannen.

Wenn ich an den Herbst denke, dann denke ich an leuchtende Wälder, an Spaziergänge im Regen, an bunte Blätter und Kastanien, aus denen ich mit den Enkeln herrliche Dinge basteln kann.

Ich rieche den Regen, spüre die reine Luft und das Laub unter meinen Füßen.

Und ist es nicht so, dass Jahreszeiten durchaus unser Lebensgefühl prägen und unsere Stimmung beeinflussen? Manche erleben dies sehr bewusst, andere denken vielleicht weniger darüber nach.
Ich finde, dass man sich in den verschiedenen Jahreszeiten wirklich unterschiedlich fühlt. Im Sommer fühlen wir uns anders, als im Winter. Und im Herbst anders als im Frühling.
Das zeigt doch, dass wir Menschen Kinder der Natur sind und zur wunderbaren Schöpfung Gottes gehören.
Die Jahreszeiten können unserem Leben einen inneren Rhythmus geben. Es ist gut, wenn wir diesen Rhythmus bewusst wahrzunehmen und nach ihm leben.
In den verschiedenen Jahreszeiten können wir auch den unterschiedlichen Gefühlen in uns auf die Spur kommen.
Die Jahreszeiten können aber auch ein Sinnbild unseres Lebenskreises sein.
So könnte der Herbst ein Sinnbild des Alters sein. Er führt uns ganz deutlich vor Augen, dass Älterwerden keine Last sein muss, sondern durchaus Schönheit in sich birgt, die wir entdecken dürfen.
Im Herbst wird geerntet. Auch im Alter können wir ernten. Wir dürfen zurückblicken und die Früchte unseres Lebens entdecken.
Der Herbst gehört zu den farbenreichsten Jahreszeiten. Man schaue sich nur die Laubwälder an. Die Farbenpracht ist unbeschreiblich.
So sind wir in jedem Herbst eingeladen, die Buntheit unseres Lebens zu betrachten und mit ihr in Berührung zu kommen.
Es sind milde Farben, denen wir im Herbst begegnen. Sie könnten doch durchaus dafür stehen, dass wir gerade im Herbst unseres Lebens milder, gelassener und geduldiger werden dürfen.


Ich füge ein Gedicht an,
das ich vor einigen Jahren schrieb:

Wenn der Herr den Taktstock schwingt
und die Natur zum Klingen bringt;
wenn alles grün wird und auch bunt,
freut sich die Seele und tut kund:
Der Frühling ist die schönste Zeit -
macht zum Wachstum euch bereit.

Doch auch am Sommer mit seinen Gaben
können sich Herz und Seele laben.
Die Welt steht jetzt in voller Blüte –
Gott beschenkt uns mit seiner Güte.
Was wir gesät, steht zur Ernte bereit.
Ist es die schönste Jahreszeit?

Dann greift der Herr zur Farbpalette
beschenkt uns mit einer wahren Operette.
Kein Misston erklingt im Farbenspiel –
uns zu erfreuen ist sein Ziel.
Im Herbst zeigt die Welt ihr schönstes Gesicht
so mancher beschrieb es in einem Gedicht.

Bald legen sich Flocken auf Feld und Flur
in einen tiefen Schlaf fällt nun die Natur.
Und der Herr spricht zum Menschen: bedenk!
Im Winter mach ich dir das größte Geschenk.
Ich schick dir zur Rettung meinen Sohn -
er kommt direkt von des Himmels Thron.

Welches ist nun die schönste Zeit?
Da kommt man arg in Verlegenheit,
denn wenn man es einmal richtig bedenkt:
Wir werden über das ganze Jahr beschenkt.
All das dürfen wir nur nicht übersehen
und achtlos an allem vorübergehen.



 Martina Pfannenschmidt




Sonntag, 20. Oktober 2019

Raus aus dem Jammertal!


Heute geht die nächste
Reizwörtergeschichte
an den Start.
Das waren diesmal die vorgegebenen Wörter: 

Zitteraal, Klagelied, ungerecht, zufrieden, vergiften

Weitere Geschichten mit diesen Reizwörtern könnt ihr bei
lesen!

„Bruno, was ist los mit dir? Du zitterst ja am ganzen Körper. Fürchtest du dich?“
„Nein, mir ist soooo kalt!“
Seine Mutter lachte kurz auf: „Das ist nicht dein Ernst, Bruno? Du bist ein Eisbär. Eisbären frieren nicht.“
„Ich aber, Mama, mir ist wirklich kalt!“
„Na dann komm her, mein kleiner Zitteraal, damit ich dich wärmen kann.“
Das musste sie nicht zweimal sagen. Bruno kuschelte sich dicht an seine Mama und die legte ihre große Pranke beschützend auf seinen kleinen Körper.
Bruno sah gen Himmel und beobachtete dort die Vögel.
„Mama!“
„Ja!“
„Warum können wir nicht fliegen?“
Wieder musste sich Mama Eisbär das Lachen verkneifen.
„Na, weil wir viel zu schwer sind, um fliegen zu können. Denk nur, wie groß unsere Flügel sein müssten, um uns zu tragen.“
Bruno dachte über die Antwort der Mama nach, gab jedoch so schnell nicht auf: „Aber die Menschen können doch auch fliegen und die sind oft ganz schön dick.“
„Aber Bruno, die Menschen können auch nicht fliegen.“
„Doch!“, protestierte er, „Jochen, der Pfleger, hat es erzählt. Er will bald in den Süden fliegen, weil es ihm genau wie mir hier viel zu kalt ist.“
„Ach mein kleiner Bruno, das muss ich dir wohl genauer erklären. Also, pass auf, das ist so ….“.
Während Mama Eisbär von Menschen und Flugzeugen erzählte, schlief ihr Jüngster zufrieden ein.
Die Eisbärenmutter betrachtete ihr schlafendes Kind voller Liebe und fragte sich in diesem Augenblick, ob der Mensch wohl auch in der Lage ist, seine Nachkommen zu lieben.
Schon oft hatte sie Menscheneltern mit ihren Kindern beobachtet. Manche schienen sehr nett zu ihren Nachkommen zu sein, doch viele ließen ein wahres Donnerwetter über ihre Kinder ergehen.
Es stimmt schon, dachte sie, dass man seine Kinder anleiten muss, damit sie ihr Leben verstehen und es meistern. Doch ist das mit Liebe nicht sinnvoller, als durch strafende Worte?
Ihre Gedanken gingen zurück zu ihrer eigenen Kindheit und zu ihrer Mutter, die noch in Freiheit geboren worden war und ihr deshalb davon erzählen konnte.
Obwohl sie das selbst nie kennen lernen durfte, weil sie in diesem Zoo geboren worden war - so wie jetzt ihr kleiner Bruno -, wollte sie ihm doch vom Nordpol erzählen: Von Küsten, Meereseis und von Robben, die dort durch die in Freiheit lebenden Eisbären gejagt werden, damit sie in dieser kargen Region überleben können.
Sie konnte sich die Größe der Fläche, von der ihre Mutter erzählt hatte, gar nicht vorstellen. Ihr Raum war sehr begrenzt. Es war ihr nur möglich, jeweils ein paar Schritte in die eine oder andere Richtung zu gehen.
Da auch die in Freiheit lebenden Bären eher Einzelgänger sind, vermisste sie ihre Artgenossen nur bedingt. Dennoch fühlte sie sich manchmal traurig, weil sie ahnte, dass es da noch viel mehr gab, als diesen Ort, der ihre kleine Welt ausmachte.
Sie bekam zu fressen, musste nicht verhungern, wie vielleicht einige ihrer Artgenossen in der Freiheit. Doch sie wusste nicht, was es bedeutet, zu jagen und auf einer Eisscholle zu liegen und sich die Mittagssonne auf den Pelz scheinen zu lassen.
Aber sie wollte nicht jammern und sie wollte sich auch nicht als Opfer sehen, das ein schweres und ungerechtes Leben führen muss. Das brachte gar nichts, außer noch mehr Traurigkeit.
Ja, die Welt müsste anders sein – besser. Doch sie konnte dafür nicht mehr tun, als ihre eigenen Gedanken unter Kontrolle zu bringen. Sie wusste von ihrer Mutter, dass man ein friedlicheres Leben führt, wenn man aufhört, sich zu beklagen. Die hatte einmal gesagt: „Wer immer nur jammert, vergiftet sich schließlich selbst.“
Und so hatte der Eisbär gelernt, den Blick auf das zu richten, was gut läuft und nicht auf das, was fehlt oder stört.
Durch Jochen, den Pfleger, der sich oft mit seinem Kollegen unterhielt, wusste sie, dass es den Menschen in dieser Beziehung nicht anders ergeht.
„Wer das Jammern aus seinem Leben verbannt, ist zufriedener und glücklicher!“ Das hatte Jochen vor einiger Zeit gesagt.
Die Eisbärenmutter wurde aus ihren Gedanken gerissen, als zwei ältere Damen vor dem Gehege stehen blieben und sie und ihr schlafendes Kind betrachteten.
Es dauerte nicht lange, da kamen sie auf ihre eigenen Kinder zu sprechen und schon bald begann die eine, über ihre Nachkommen zu schimpfen und die andere stimmte in das Klagelied mit ein.
„Interessant“, dachte der Eisbär, „die eine möchte die andere noch übertrumpfen. Dadurch hat sie quasi die volle Aufmerksamkeit der anderen.
Vielleicht ist das etwas, was man sich als Kind von seinen Eltern abschaut. Und ist es nicht so, dass man sich dann der Aufmerksamkeit und des Mitleids der Eltern sicher ist, wenn man ihnen sein Leid klagt?
Vielleicht ist das so eine Art Strategie der Menschen, dachte sie weiter: Wenn sie die Aufmerksamkeit und das Mitleid anderer wollen, beginnen sie zu jammern.
Doch ist es nicht so, dass man so seinen Fokus genau auf das richtet, was man eigentlich nicht haben möchte und dabei all das Gute übersieht? Verharrt man so nicht in einem Zustand, der belastet, schmerzt oder verärgert?“
Die Eisbärenmutter nahm sich vor, es besser zu machen. Sie wollte zufrieden sein mit ihrem Leben. Sie wollte dankbar sein dafür, dass sie Bruno hatte und auch dafür, dass man ihr das Essen quasi auf dem Silberteller servierte. Und sie wollte nicht darüber jammern, dass sie ihr Essen nicht selbst jagen konnte.
Während sie so da lag und über all das nachdachte, begann ihr Magen zu knurren. Bruno, der kleine Eisbär, vernahm das Geräusch und öffnete seine Augen.
„Gut geschlafen, kleiner Bruno?“, fragte Mama Eisbär.
„Ja, gut geschlafen, Mama! Und jetzt hab ich Hunger!“
„Ich auch. Aber komm nur. Zuerst bist du dran.“
Dann säugte sie ihren Kleinen und genoss diesen Glücksmoment ihres zufriedenen Lebens.

© Martina Pfannenschmidt, 2019

Früher nahmen meine Geschichten an Elkes froher und kreativer Linkparty teil. - Und nun hat sie mich wieder dazu eingeladen. Bei Elke und ihrem 'Kleinen Blog' seht ihr, wer sich noch daran beteiligt. KLICK!

Ein kleiner Hinweis: Mit der Nutzung des Kommentar- Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.


Dienstag, 1. Oktober 2019

Wirst du es versuchen?


Da sitzt man vor seinem Laptop und möchte eine Geschichte schreiben, weiß aber gar nicht, worüber man schreiben könnte!
Ja und dann kommt jemand und sagt: „Schreib einfach, was geschrieben werden möchte, einfach so, ohne darüber nachzudenken. Lass einfach aufs Papier fließen, was aus dir heraus fließt.“ 
Dies ist meine zweite nach diesem Prinzip geschriebene ‚Geschichte’.
Diesmal ist es ein Gespräch, das geschrieben werden wollte:

„Schau dich um, alles ist nur grau und trüb!“
„Ja, so ist das, wenn man nur grau und trüb sehen möchte. Aber schau, die Rose dort, sie ist immer noch rot und der Rasen ist grün. Es ist nicht alles grau!“
„Für mich ist alles grau!“
„Sage ich ja!“
„Was willst du mir jetzt genau damit sagen?“
„Ändere deinen Blickwinkel. Wenn du immer nur das Graue sehen möchtest, wird deine Welt wohl kaum bunt werden.“
„Ich will gar nicht, dass sie bunt ist.“
„Ach schau, dann bist du heute das erste Mal ehrlich zu dir selbst. Und was will dir das sagen?“
„Ach Mensch, ist doch alles Mist! Auch wenn die Rose dort noch rot ist. Sie blüht nicht für mich.“
„So, für wen denn dann?“
„Weiß nicht, für einen reichen Mann vielleicht.“
„So, für einen reichen Mann. Ich wette mit dir, dass auch er an dieser Rose vorübergehen würde. Er würde sie vor lauter Zahlen in seinem Kopf gar nicht wahrnehmen.“
„Dann vielleicht die alte Frau dort?“
„Vielleicht, aber eher nicht. Schau, sie geht ganz gebeugt. Das Leben hat seine Spuren hinterlassen. Sie hat wohl auch alles immer nur grau gesehen. Ob sie die Rose sehen kann? Ich möchte es bezweifeln.“
„Aber wer sieht sie dann?“
„Kinder vielleicht und die Menschen, die sie sehen möchten. Die, die mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Welt gehen und das Schöne suchen und sehen möchten.“
„Aber sag ehrlich, was verändert sich für mich, wenn ich die Rose sehe? Mein Job ist trotzdem doof, in meinem Portemonnaie ist immer noch kein Geld und einen Urlaub kann ich mir dadurch auch nicht leisten.“
„Vielleicht wäre das ein ganz kleiner Urlaub für deine Seele, wenn du die Rose betrachten würdest. Wenn du sie berühren und ihren Duft einatmen würdest.“
„Das soll Urlaub sein?“
„Ja, ein Miniurlaub, wenn du so möchtest. Eine kleine Veränderung in deinem Leben. Du wendest dich der Rose zu und was geschieht in diesem Moment? Du wendest dich von deinen Sorgen ab. Schon kann sich auch in dir etwas verändern. Du erfreust dich an der Blume, an ihrem Duft und gehst freudiger weiter, als es zuvor der Fall war.“
„Meinst du, dass die Rose das vermag?“
„Ja, das meine ich. Sie vermag es, wenn du sie lässt.“
„Aber schau, sie beugt sich schon durch die Nässe. Auch ihr Leben ist schwer.“
„Glaub ich nicht, ehrlich gesagt. Sie freut sich über den Regen. Sie benötigt ihn zum Leben. Sie weiß, dass nach dem Regen wieder die Sonne scheinen wird, die es vermag, die schweren Tropfen zu trocknen. Und schon wird sie sich wieder dem Licht zuwenden und ihre Haltung ändern.“
„Du meinst, ich soll mich auch dem Licht zuwenden und meine Haltung ändern?“
„Das wäre doch mal ein Anfang!“
„Aber meine Probleme?“
„Werden sich verändern, sobald du deine Einstellung zu ihnen veränderst. Sag, wie willst du jemals in deinem Leben etwas verändern, wenn du alles immer genau so machst, wie bisher? Da kannst du solange warten, bis zu schwarz wirst. Es wird sich nichts tun. Erst wenn du dein Leben in die Hand nimmst, erst dann, wenn du die guten Seiten – auch die guten Seiten an deinem Job, den du nicht magst -, siehst, werden dir die Rosen auffallen und die bunten und fröhlichen Seiten des Lebens werden sich dir zeigen. Du ziehst an, was du aussendest. Sendest du Traurigkeit aus und ist dein Blick dunkel, wirst du genau das anziehen. Versuchst du aber, aus dieser Traurigkeit heraus zu kommen und dich den hellen Farben zuzuwenden, verändert sich die Situation und auch das Blatt wird sich für dich wenden.“
„Das sagst du so. Glauben kann ich es nicht!“
„Gut, aber versuchen könntest du es. Es kostet dich ja nichts. Du sollst ja ‚nur’ deine Augen weg von dem Grau und der Dunkelheit hin zur Farbe und zum Licht wenden. Das ist gar nicht so schwer, wenn du es einmal versucht hast. Wenn du damit die Veränderungen in dein Leben geholt hast, wirst du dich fragen, warum du nicht immer schon so gehandelt hast. Also: Wirst du es versuchen?“
„Mal sehen!“

© Martina Pfannenschmidt, 2019


Ein kleiner Hinweis: Mit der Nutzung des Kommentar- Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.

Sonntag, 29. September 2019

Intuitiv


Bevor ihr die folgende Geschichte lest, möchte ich einen kleinen Hinweis geben. – Bei all meinen Geschichten war es bisher so, dass sie ‚gewachsen’ sind. Zuerst war ein kleiner Gedanke da, der reifte und irgendwann hab ich mich dann an den Laptop gesetzt und eine Geschichte daraus gebastelt.
Doch vor ein paar Tagen kam ich auf eine Webseite, auf der ich folgendes las:

1.                             Du kannst auch ohne einen bestimmten Grund aufschreiben, was in Dir ist und gern niedergeschrieben werden mag. Schreiben ist Kunst. Das bedeutet, sie ist gut so wie sie ist. Alles, was aus Dir heraus möchte, ist perfekt. Es braucht dabei keine Bewertung und kein Urteil. Keine Erklärung und keine Rechtfertigung. Nicht von Fremden, ebenso wenig von Dir selbst.
2.                             Denk immer daran: Es ist nur für Dich! Was auch immer Du schreibst, in welchem Wortlaut Du schreibst, in welchem Stil, mit welchen Rechtschreib- oder Grammatikfehlern auch immer. Es ist ausschließlich für Dich. Trau Dich. Gib Deiner Intuition eine Stimme und schreib, ohne nachzudenken, einfach drauf los. Lass fließen, was fließen will und fließen muss.

Und das ist dabei heraus gekommen. - Auch wenn sie (eigentlich) nur für mich ist, so möchte ich die Geschichte doch mit Euch teilen J:

Emilia öffnete die Tür und betrat den kleinen Wohnraum. Ihren Schirm hängte sie an einen Haken, der sich hinter der Tür befand. Das Wasser, das aus dem Schirm tropfte, bildete sogleich eine große Pfütze auf dem Fußboden.
„Meine Güte, was ist das bloß für ein Wetter heute“, schimpfte sie, während sie ihre Jacke auf einen weiteren Haken hängte.
„Hab ich dir ja gleich gesagt“, wusste Hannes, ihr Mann, „für heute haben sie Sturm und Regen angesagt.“
„Ja, ja! Du und deine Wetterprognosen. Immer haben die auch nicht recht.“
„Aber heute!“, beharrte Hannes.
„War ganz schön was los auf dem Maisfeld“, fuhr Emilia fort, „aber schau, ich habe reichlich Beute gemacht.“
Sie öffnete ihre Einkaufstasche und ihr Mann blickte wohlwollend hinein.
„Wirklich! Da haben wir wieder für ein paar Tage etwas zu essen.“
Emilia ärgerte sich: „Und, wann gedenkst du, aufzustehen und uns Vorrat für den Winter zu besorgen?“
„Morgen“, erwiderte er, „oder übermorgen. Wenn das Wetter wieder besser wird.“
„Und wenn es gar nicht mehr besser wird? Sollen wir dann verhungern?“
„Ach, mein lieber Schatz, wo bleibt dein Gottvertrauen? Er wird schon dafür sorgen, dass wir nicht verhungern.“
„So, wird er das?“
„Ja, wird er!“
„Das ist Blödsinn, Hannes. Und das weißt du auch. Keinem fliegen die gebratenen Tauben einfach so in den Mund. Auch den Menschen nicht.“
„Du immer mit deinen Sprüchen. Die Vögel legen sich auch keinen Wintervorrat an und weißt du was: Die Menschen füttern sie.“
„Und darauf hoffst du, dass sie uns auch füttern, oder was? Vergiss es. Kein Mensch füttert eine Feldmaus. Das habe ich im Leben noch nicht gehört.“
„Wir können es ja mal auf einen Versuch ankommen lassen. Lass dich überraschen, was uns erwartet. Vielleicht bekommen wir viel bessere Dinge, als wenn wir uns selbst auf die Suche machen.“
„Darauf verlasse ich mich lieber nicht. Also, mein Lieber, entweder du machst dich morgen, wenn der Sturm nachgelassen hast, auf den Weg, oder …!“
„Was oder? Oder du verlässt mich oder was?“
„Oder … Ich weiß auch nicht. Nein, ich will dich doch gar nicht verlassen, aber manchmal bist du wirklich schwierig. Ich habe ja Vertrauen …“.
„… aber nicht in mich und auch nicht in Gott“, fiel Hannes ihr ins Wort. „Ich sage dir mal was, mein Liebes. Wir sind doch nicht hier auf der Welt, um uns zu zanken und zu plagen. Er wird schon für uns sorgen, wenn wir Vertrauen haben. Also, ich möchte das durchaus mal ausprobieren.“
Emilia war außer sich. Dieser Typ ging ihr manchmal echt auf die Nerven. Also gut, dann müsste sie eine Entscheidung treffen. Entweder müsste sie ausziehen und sich alleine durchschlagen oder sie müsste wieder zurück zu ihren Eltern ziehen. Aber diese Schmach wollte sie sich nicht antun. Aber da war ja auch noch Jakob, der sich immer sehr um sie bemühte. Ob der etwas für sie war? Vielleicht war der nicht so stur wie ihr Hannes. Ob sie dem mal schöne Augen machen sollte? Ob das der richtige Weg wäre?
Viel Zeit blieb ihr nicht mehr. Der Herbst war da und der Winter stand vor der Tür. Es wurde Zeit, sich zu bevorraten. Vertrauen hin oder her. Es war bestimmt nicht so gedacht, dass man einfach darauf wartete, dass etwas geschieht. Man hatte bei allem Vertrauen auch Verpflichtungen. Da war sie sicher.
Da sie keinen Streit wollte, setzte sich Emilia zu ihrem Mann, doch die Sache mit Jakob behielt sie im Hinterkopf.
Als sie am nächsten Morgen erwachte, lachte die Sonne vom Himmel. Herrlicher Sonnenschein erwartete sie. Beste Voraussetzungen, um sich auf die Suche nach Nahrungsmitteln zu machen. Doch wo war Hannes? Ob er schon losgezogen war? Sie öffnete die Haustür und trat vor Schreck einen Schritt zurück.
Ihr Hannes lag faul auf seinem Liegestuhl und sonnte sich. Ein paar Maiskörner, die sie am Tag zuvor mitgebracht hatte, lagen auf einem kleinen Beistelltischchen neben ihm.
„Na schau mal her! Geht es dir gut?“, fragte sie vielleicht ein bisschen zynisch.
„Mir geht es sogar sehr gut! Ich genieße den Tag. Denke nicht an gestern und nicht an morgen und lass den lieben Gott einen guten Mann sein.“
„So geht das aber nicht, Hannes. Wir werden im Winter verhungern. Du weißt, dass wir keine Sonnenstrahlen einfrieren können für kalte Wintertage und du weißt auch, dass wir davon nicht satt würden.
Also, mein Lieber, ich mache mich jetzt auf den Weg und schaue, wohin mich das Leben verschlägt. Bei dir bleibe ich jedenfalls nicht länger.“
Dann stapfte sie ins Schlafzimmer, warf ein paar Dinge in ihren Koffer, schnappte sich den Regenschirm und ihre Jacke und verließ ohne Gruß das Haus und ihren Mann, der ziemlich verdutzt hinter ihr her schaute
„Aber Liebes, so war das doch nicht gemeint!“, hörte sie ihn von weitem rufen.
Doch darum kümmerte sie sich jetzt nicht mehr. Sie ging ihren Weg, auch wenn sie noch nicht wusste, wohin er sie führen würde. Vertrauen sollte sie haben, hatte Hannes gesagt. Gut, sie hatte Vertrauen darin, dass der liebe Gott ihr schon den rechten Weg zeigen würde. Sie vertraute darauf, weder zu verhungern, noch hatte sie Angst, im Winter ohne Bleibe zu sein. Es würde sich schon fügen.
Ohne zurückzublicken, ging sie zielstrebig voran.
„Nanu“, wurde sie bald angesprochen, „wohin des Weges, schöne Frau.“
Oh nein, das war Gerald! Der hatte ihr gerade noch gefehlt. Er war so ein richtiger Schleimbolzen. Jeden Morgen stand er stundenlang vor dem Spiegel und striegelte sein Fell, bis auch kein Härchen mehr in eine falsche Richtung stand. Ne, auf den hatte sie überhaupt keine Lust. Ohne ein Wort ging sie einfach weiter.
„Eingebildete Schnepfe!“, rief er ihr noch nach. Doch das machte ihr nichts aus.
Wer ihr wohl noch alles über den Weg laufen würde?
„Hopsa!“, rief sie aus, während sie fast über Renate gestolpert wäre. „Was ist mit dir?“, fragte sie, „weshalb liegst du hier mitten auf dem Weg?“
Erst jetzt sah Emilia die verweinten Augen ihrer Freundin. „Was ist geschehen?“, fragte sie deshalb panisch.
„Ach, Emilia, es ist furchtbar. Mein Mann wurde gestern von einem Traktor überfahren. Jetzt stehe ich ganz allein da und der Winter steht vor der Tür. Wie soll ich das nur schaffen?“
O weh! Emilia hatte großes Mitleid mit ihrer Freundin, der sie bald darauf erzählte, dass auch sie alleine sei. Täuschte sich die Maus oder freute sich ihre Freundin über ihre Geschichte? Nein, sie täuschte sich nicht, denn bald darauf begann Renate zu jubeln: „Das ist ja wirklich großartig, Emilia. Lass uns zusammen bleiben.“
„Wir beide? Aber was sollen die anderen dazu sagen?“
„Das ist doch ganz egal, was die sagen. Hauptsache, wir sind nicht alleine und wir haben uns doch immer gut verstanden. Wir bekommen das schon hin. Komm mit in mein Haus. Das können wir gemeinsam bewohnen und wir können gemeinsam dafür sorgen, dass wir im Winter nicht verhungern und wir können plaudern und Strümpfe stricken für den Winterbasar und wir können uns gegenseitig aus unseren Leben erzählen und es uns am Feuer gemütlich machen. Ach, Emilia, lass dich doch nicht so lange bitten.“
Wenn sie es recht bedachte, hatte ihre Freundin Recht. Egal, was andere darüber dachten. Sie würde mit Renate gehen und sie würden eine tolle gemeinsame Zeit verbringen. Wie gut, dass sie darauf vertraut hatte, dass der liebe Gott schon wusste, was am besten für sie ist.

© Martina Pfannenschmidt, 2019

Ein kleiner Hinweis: Mit der Nutzung des Kommentar- Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.


Sonntag, 15. September 2019

Träumerle


Wie bereits angekündigt, 
gibt es heute nach sehr langer Zeit 
wieder eine 
Reizwörtergeschichte 
zu lesen.
Sie entstand aufgrund folgender Wörter:
Paradies – Adlerhorst – Abenteuer – vorwitzig - laufen
Weitere Geschichten mit diesen Wörtern könnt ihr bei
lesen!

Langsam wurde es draußen dunkel und es regnete in Strömen.  Scheinwerfer durchdrangen die Dunkelheit und ein Strahl fiel dabei auf Teddy. Er beobachtete, wie ein Autoreifen durch eine große Pfütze fuhr. Bald darauf kam das Fahrzeug auf dem Parkstreifen vor dem Geschäft, in dessen Schaufenster man ihn gesetzt hatte, zum Stehen.
Eine junge Frau sprang leichtfüßig aus dem Auto. In der Hand hielt sie eine große Plastiktüte, die sie sich zum Schutz vor dem Regen über ihren Kopf hielt.
Während Teddy die Szene beobachtete, sah er unwillkürlich die Regentropfen über die Fensterscheibe laufen. Für einen kurzen Moment trafen sich dabei die Blicke der beiden.
Bald darauf erklang die alte Türglocke. Ding-Dong!
Teddy liebte dieses Geräusch. Es war aber auch das Einzige, was er an diesem Ort als schön bezeichnen würde. Sich selbst eingeschlossen.
Vor Wochen, als man ihn hier abgegeben hatte, verband er mit diesem Klang die Hoffnung, dass jemand den Laden betreten möge, um ihn mit zu sich nach Hause zu nehmen. - Ein liebevolles neues Zuhause war sein einziger Wunsch und seine ganze Sehnsucht.  
Selbst der Anblick eines kleinen Jungen, der unter einem viel zu großen Regenschirm und mit bunten Gummistiefeln an den Füßen an der Hand seiner Mutter am Laden vorüber spazierte, konnte ihn nicht aufmuntern. Als der Kleine sich jedoch los riss und seine vorwitzige kleine Nase an der regennassen Fensterscheibe platt drückte, stieg für einen kurzen Augenblick ein Gefühl von Hoffnung in ihm auf. Doch die zerplatzte in dem Moment wie eine Seifenblase, in dem der Junge von seiner Mutter erbarmungslos weiter gezogen wurde.
„Meine Güte, was ist das heute nur für ein Sauwetter da draußen!“, schimpfte die junge Frau beim Betreten des Second-Hand-Ladens.
„Das stimmt wohl“, erwiderte die Besitzerin, „es regnet wirklich schon den ganzen Tag.“
Die junge Frau entnahm ihrer Tüte ein paar Kleidungsstücke.
„Würden Sie die für mich verkaufen?“, fragte sie.
Nachdem die beiden alles Geschäftliche geregelt hatten, verließ sie das Geschäft wieder. Ding-Dong!
Doch dann sah Teddy, dass sie auf den Stufen stoppte, sich zu ihm umdrehte und die Tür erneut öffnete. Ding-Dong!
„Sagen Sie, der Teddy dort in ihrem Schaufenster, was kostet der?“
Teddys Herz machte einen kleinen Hopser! Das war das erste Mal, dass sich jemand danach erkundigte.
„Der?“, und die Stimme der Frau klang abwertend. „Den wollte ich eigentlich gar nicht annehmen, so zerzaust, wie der ausschaut. Aber ich hab halt ein gutes Herz und die ältere Dame, die ihn hier abgegeben hat, kann jeden Cent gut gebrauchen. Also, wenn Ihnen 5 Euro nicht zu viel sind, gehört er Ihnen.“
„Abgemacht! Der Kleine erinnert mich unheimlich an meinen Teddy, den ich als Kind immer bei mir hatte und mit dem ich so manches Abenteuer erlebt habe. Es ist vielleicht verrückt, aber ich nehme ihn mit.“
Während die junge Frau in ihrem Portemonnaie nach einem 5-Euro-Schein kramte, holte die Ladenbesitzerin Teddy aus dem Schaufenster.
Träumte er, oder passierte das gerade wirklich?
Als er bald darauf auf dem Beifahrersitz des alten Pkw saß, wusste er, dass seine Gebete erhört worden waren.
„Anschnallen muss ich dich wohl nicht, oder doch? Nein, ich glaub nicht. – Übrigens: Ich bin Franziska, hab mich dir noch gar nicht vorgestellt. Und du? Wie ist dein Name? Hm, sag, wärst du einverstanden, wenn ich dich Träumerle nenne? So hieß nämlich mein Teddy früher.“
Natürlich war Teddy einverstanden. Sehr sogar! Endlich hatte auch er einen Namen und hieß nicht immer bloß Teddy.
Franziska steuerte den Wagen sicher durch die dunklen Straßen, bis sie das Fahrzeug stoppte.
„So, wir sind angekommen. Hier wohnst du ab heute. Ich bin sehr gespannt, ob es dir in meiner kleinen Wohnung gefällt.“
Franziska setzte Träumerle in eine Ecke ihres Sofas.
„Ich glaub, das ist ein guter Platz für dich!“
Für Träumerle war der Ort der schönste, den es auf der ganzen Welt für ihn geben konnte.  
Als es an der Wohnungstür schellte, sprang Franziska auf: „Das wird Paula sein. Sie wohnt nebenan und ist eine gute Freundin von mir.“
Als Paula das Wohnzimmer betrat, musste Träumerle sich das Lachen verkneifen. Franziskas Freundin hatte ihre Haare so hoch aufgetürmt, dass der Dutt auf ihrem Kopf schwebte, wie ein Adler über seinem Adlerhorst. Träumerle konnte sich das Kichern einfach nicht verkneifen. Aber nur ganz leise, damit es die beiden nicht hören konnten.
Bevor Paula nach dem Teddy greifen konnte, war Franziska zur Stelle: „Halt! Ich muss euch doch erst miteinander bekannt machen. Also das ist Träumerle, mein neuer Mitbewohner. Und das ist Paula, meine Nachbarin.“
Paula tippte sich an die Stirn: „Du hast dir einen Teddy gekauft?“
„Ja, hab ich. Er erinnerte mich an meinen kleinen Bären aus Kindertagen und gleich fühlte ich mich so unbekümmert wie damals und sofort musste ich an meine Familie denken. Weißt du, Oma und Opa waren damals für mich schon ziemlich alt. Aber Oma kochte das beste Essen auf der ganzen Welt und meine Eltern waren mein Fels in der Brandung, wenn ich nach einem jugendlichen Höhenflug mal wieder hart auf dem Boden der Tatsachen landete.“
Unverständnis stand Paula ins Gesicht geschrieben: „Alles okay mit dir?“, fragte sie scheinbar besorgt.
„Ich mach mir halt Gedanken, weißt du. Wir sind doch jetzt in einem Alter, in dem wir unsere eigenen Familien gründen könnten und je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, desto unbegreiflicher wird es für mich, wie selbstverständlich für mich als Kind eine intakte Familie war. Aber heute weiß ich, dass es eben nicht immer so ist.“
„Also irgendwas ist heute mit dir passiert“, meinte Paula. „Du wirst doch nicht krank?“
„Nein, ich fühl mich gut, bin kerngesund. Es liegt eindeutig an Träumerle. Durch ihn wurde mir irgendwie bewusst, dass wir, ob wir es nun wollen oder nicht, das Ergebnis einer ziemlich langen Familiengeschichte sind. Als Kind fand ich es total öde, wenn die Älteren von meinen Vorfahren erzählten, doch inzwischen finde ich es faszinierend, zu erfahren, wie sie ihre Leben mit allen Höhen und Tiefen gemeistert haben.“
Paula stand auf. „Franzi, du brauchst dringend einen Schnaps und dann mach bitte die Glotze an. Ich bin nicht hier, um mit dir über unsere Vorfahren oder über Teddys zu philosophieren, sondern, um mit dir einen Film anzuschauen.“
Paula war wirklich eine gute Freundin, doch mit ernsteren Themen musste man ihr einfach nicht kommen. Deshalb holte Franziska wortlos eine Flasche Wasser, stellte Chips und Salzstangen auf den Tisch und den Fernseher an. Mit einer Hand angelte sie sich Träumerle, setzte ihn auf ihren Schoß und griff mit der anderen in die Schale mit den Chips.
Träumerle kuschelte sich so nah an seinen neuen Herzensmenschen heran, wie es ihm eben möglich war.
Er war angekommen – in seinem kleinen Paradies auf Erden!

© Martina Pfannenschmidt, 2019


Ein kleiner Hinweis: Mit der Nutzung des Kommentar- Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.



Freitag, 13. September 2019

Es waren einmal …


… drei Schreiberlinge, die sich durch das Internet gefunden hatten.

Doch dann geschah es! Eines Tages meldete ein Schreiberling: 
Schreibblockade!

Wie gut, dass eine andere wusste, was in diesem Fall u. a. helfen kann:
Reizwörter!

Erinnert Ihr Euch an unsere Reizwörtergeschichten?

Es war noch zur Zeit meines alten Blogs 


Unser Trio, mit dem alles begann, wuchs kräftig heran. – Und so wurde daraus ein Quartett, Quintett, Sextett, ja sogar ein Septett.

Zuletzt veröffentlichten wir sogar an jedem Dienstag eine Geschichte – und es kam, wie es kommen musste: Es wurde einfach zu viel! Und so schrumpfte die schreibende Gesellschaft und löste sich irgendwann ganz auf.

Tage, Wochen, Monate, ja sogar Jahre zogen ins Land, bis ein Schreiberling die beiden anderen des ursprünglichen Trios fragte: 
„Sagt mal, Mädels, hättet Ihr Lust? Wollen wir unsere Reizwörter-Geschichten nicht wieder aufleben lassen? Nur wir drei, das alte Trio?“

Ja, sie wollten und wollen und freuen sich!

Daher darf ich heute verkünden: Immer am 15. eines Monats wird es wieder Reizwörtergeschichten zu lesen geben: bei Regina, bei Lore und bei mir!
            
Seid ihr wieder dabei? - Ich freue mich auf Sonntag!

Freitag, 9. August 2019

Ich will auch ein Tiger sein!


Tanja schaute auf ihre Armbanduhr. Noch etwa 10 Minuten, dann würde der Bus um die Ecke biegen, in dem sich ihr Großer befand.
Sie war schon gespannt darauf, mit welchen Erlebnissen er heute aus der Schule heim kommen würde.
Vom Küchenfenster aus sah sie, dass sich der Bus näherte. Luan stieg aus und Tanja sah seinen hängenden Schultern an, dass der Tag für ihn wohl nicht so erfolgreich verlaufen war.
„Hi, Luan!“, rief sie ihm zu, als er sich dem Haus näherte.
„Hi, Ma!“
„Na, alles gut gelaufen?“
„Gelaufen! Gutes Stichwort. Scheiße gelaufen ist es. Und zwar so richtig! Ich war mal wieder langsam, wie eine Schnecke!“
„Oh je! Du meinst bestimmt den 100-Meter-Lauf. Waren die anderen schneller, als du?“
„Klar, waren sie schneller. Besonders Julian. Ich bin und bleibe eben eine Schnecke und alle sehen es und lachen mich deshalb aus. Das ist echt voll gemein!“
Diese Aussage tat auch ihr als Mutter weh.
„Schau dir nur die verrückten Spatzen an“, meinte Mama in diesem Moment und zwar nicht, um vom Thema abzulenken, sondern weil ihr Blick gerade dorthin fiel. „Papa wird schimpfen, wenn er nach Hause kommt und sieht, dass die kleinen Rabauken sich an dem Rasensamen bedienen, den er gestern ausgesät hat.“
Luan schaute ebenfalls dort hin. Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht, als er die Federknäuel beim Mittagstisch sah.
„Schau Luan, dort über die Steine krabbelt eine Weinbergschnecke.“
„Na, toll! Und was willst du mir jetzt damit sagen? Dass es stimmt, dass ich genau so langsam bin, wie sie?“
„Nein, das will ich dir gewiss nicht sagen. Aber ich frage mich gerade, ob sich diese Schnecke jemals mit einem Regenwurm, einem Maulwurf oder gar einem Tiger vergleichen würde.“
„Hä?“
„Na schau, genau das machst du! Du weißt, dass Julian ein begnadeter Läufer ist. Er ist im übertragenen Sinn also der Tiger. Und du denkst, du musst auch ein Tiger sein. Aber so bist du nicht gedacht. Du bist vielleicht eine Schnecke. Vielleicht bist du aber auch ein Fisch und dein Element ist das Wasser. Was ist schlecht daran? Die Schnecke dort auf den Steinen wird niemals unglücklich sein, weil sie denkt, nicht schnell genug zu sein. Sie ist eine Schnecke und langsam - und gut ist.“
„Ich will aber keine Schnecke sein! Ich will auch ein Tiger sein!“, schmollte Luan.
Tanja konnte sich gut in ihren Sohn hinein versetzen, doch sie wollte ihm begreiflich machen, dass es überhaupt nichts bringt, sich mit anderen zu vergleichen. Deshalb sagte sie: „Weißt du, genau dieses Vergleichen mit anderen ist es, das uns traurig und unzufrieden macht. Wir sind, wie wir sind und wer wir sind, und so, wie wir sind, sind wir gut und genau richtig!“
„Das sagt sich so leicht, Ma! - Aber egal, jetzt habe ich erst einmal Hunger.“
„Na dann komm. Das Essen ist fertig. - Aber weißt du, was mir gerade in den Sinn kommt? Ich glaube, du bist weder eine Schnecke, noch ein Fisch. Du bist ein Bär!“
„Ein Bär?“
Mama lachte: „Na, bei dem Bärenhunger, den du immer hast.“
Jetzt musste auch Luan lachen und bald darauf ließen sich die beiden das Essen schmecken.
Als Luan längst in seinem Zimmer verschwunden war, um seine Hausarbeiten zu erledigen, dachte seine Mutter noch eine Weile über das Gespräch mit ihrem Sohn nach und sie fragte sich, wieso wir Menschen oft nicht erkennen, dass es okay ist, dass wir unterschiedlich sind?
Kein Tier vergleicht sich mit einem anderen und auch kein Baum käme auf diese Idee. Keine Eiche fühlt sich zu dick und wäre lieber eine schlanke Tanne und kein Gänseblümchen fragt sich, warum es keine Rose geworden ist. Nur wir Menschen machen uns das Leben schwer, weil wir nicht annehmen können, was und wer und wie wir sind.
Sie selbst war auch schon oft in diese Falle getappt. Und sie und ihr Sohn waren sicher nicht die einzigen Menschen auf der Welt, denen das passiert. Das kennen wohl alle irgendwie. Selbst die, auf die wir neidisch schauen. Auch sie kennen wiederum Menschen, denen es vermeintlich besser geht oder die etwas noch besser können, als sie selbst.
Tanja ging durch den Kopf, dass unsere Gesellschaft sehr erfolgs- und leistungsorientiert ist und man sich oft minderwertig fühlt, wenn man einer - von wem auch immer bestimmten - Norm nicht entspricht.
Doch wenn wir ganz ehrlich mit uns selbst sind, erkennen wir, dass es oft gar nicht die anderen sind, die mit einem Finger auf uns zeigen, sondern wir selbst. Wir suchen bei uns nach vermeintlichen Fehlern, nur um etwas zu finden, dass wir an uns bemängeln können. Und dadurch, dass wir uns selbst klein machen, fühlen wir uns minderwertig.
Tanja wurde ebenso bewusst, dass ihr Sohn noch seinen Platz im Leben sucht. Er wusste noch nicht, wo er steht. Vielleicht hört dieses Suchen nach unserem Platz in dieser Welt aber auch niemals auf. Vor allem dann nicht, wenn es uns nicht gelingt, mit einem liebevollen Blick auf uns zu schauen.  
Doch wer sollte es besser hinbekommen, unser Leben zu leben, als wir selbst? Niemand anderer lebt unser Leben. Deshalb sollten wir uns mit Verständnis und Mitgefühl begegnen und endlich Frieden mit unserem Inneren schließen und keinen Krieg mit und gegen uns selbst führen.
Vielleicht ist es auch so, dass wir uns gar nicht deshalb schlecht fühlen, weil wir etwas nicht können, sondern deshalb, weil wir uns so, wie wir sind, nicht annehmen können.
Tanja nahm sich fest vor, ihren Sohn dazu anzuleiten, sich selbst zu lieben, um ihm damit letztendlich die Kraft zu geben, er selbst zu sein.

© Martina Pfannenschmidt, 2019