Dienstag, 20. Januar 2026

Läuseparty und Walrossbart

An einem Dienstagmorgen klingelte jemand an Omas Haustür Sturm.

Draußen vor der Tür standen ihr Enkel Emil mit seinem kleinen Rucksack und ihre Tochter Sibylle. Emil sah erfreut und ihre Tochter sehr gestresst aus.

„Mama, du musst einspringen“, rief sie aufgeregt, „im Kindergarten feiern die Läuse eine Party und ich möchte nicht, das Emil mitfeiert.“

Oma schmunzelte.

„Na dann komm mal rein, kleiner Mann. Wir werden uns schon nicht langweilen, nicht wahr?!“

„Und noch was, Mama, kann Emil vielleicht bei dir übernachten? Wir haben noch so viele Termine heute – und weil er doch schon bei dir ist …“

„Das ist doch überhaupt kein Problem“, fiel Oma ihrer Tochter ins Wort. „Ich freue mich doch über die willkommene Abwechslung.“ Dabei strahlte sie über das ganze Gesicht. „Läuse-Urlaub bei Oma! Das ist doch fabelhaft, nicht wahr?“

„Jaaaaa“, jubelte Emil und schmiss seinen kleinen Rucksack im hohen Bogen auf den Fußboden, gefolgt von seiner Jacke und der Mütze.

„Emil …!“, rief Sibylle ihren Sohn zur Ordnung, doch Oma winkte ab.

„Schon gut, geh du nur. Wir beide kommen schon klar!“

„Tschüss, Emil, bekomme ich noch einen Gute-Nacht-Kuss?“

Bald darauf drückte der kleine Mann seiner Mutter einen dicken Gute-Nacht-Kuss auf die Wange – und war im nächsten Moment in Omas Wohnzimmer verschwunden.

Nachdem die Mutter gegangen war, bauten die beiden zuerst eine riesige Höhle aus Sofakissen und Wolldecken. Emil krabbelte hinein und fragte sehr ernst: „Duhu, Oma, warum hast du eigentlich so viele Falten im Gesicht?“

Oma lachte und klopfte sich auf die Wangen. „Falten? Das sind doch gar keine Falten, mein Schatz. Das ist meine Geheimschrift, musst du wissen! Denn immer, wenn ich mich ganz besonders doll freue, speichert mein Gesicht das und deshalb sind das keine Falten, sondern nur fröhliche Sommersprossen-Straßen in meinem Gesicht.“

„Und warum sind deine Haare weiß?“

„Na, das ist doch ganz klar“, flüsterte Oma geheimnisvoll, „aber das darfst du niemandem verraten. Das kommt durch den vielen Sternenstaub, der jede Nacht in meinen Haaren hängen bleibt.“

„Du erzählst nur Quatsch, Oma, oder?“

„Natürlich erzähle ich nur Quatsch. Weils Spaß macht, oder?“

Emil nickte eifrig.

„Pass auf, Emil, heute Nachmittag hat mich ein alter Schulfreund zu seinem Geburtstag eingeladen und du kommst natürlich mit. Ist klar! Es gibt Torte im Café um die Ecke. Ist das okay für dich?“

Emil war begeistert. Er liebte Torte. Am liebsten aß er Erdbeertorte.

Bevor die beiden am Nachmittag losgingen, kniete Oma sich vor Emil, um den Reißverschluss der Jacke zu schließen und um ihn auf etwas vorzubereiten:

„Emil, pass auf. Kurt ist ein ganz lieber Mann, aber er hat einen... nun ja... sehr speziellen Schnurrbart. Er sieht aus wie ein riesiger Walross-Schnurrbart. Ich erzähle dir das, damit du Kurt nicht anstarrst oder etwas zu dem Bart sagst. Okay?“

Emil nickte feierlich. „Versprochen, Oma.“

Im Café wartete Kurt bereits auf die beiden. Und Emil wusste, was Oma meinte. Kurts Bart war grau und riesengroß. Rechts und links ragten die Barthaare weit über den Mund hinaus und sahen aus wie zwei Stoßzähne aus Fell.

Emil saß kerzengerade und stumm auf seinem Stuhl, so wie er es Oma versprochen hatte. Und versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen.

Doch dann passierte es: Kurt nahm ein riesiges Stück Schwarzwälder Kirschtorte auf seine Gabel und in dem Moment, als die Torte in seinem Mund verschwand, blieb ein riesiger Klecks Schlagsahne mitten in seinem buschigen Bart hängen, der bei jeder Kaubewegung gefährlich zitterte.

Jetzt hielt Emil es nicht mehr aus. Aufgeregt rutschte er auf seinem Stuhl hin und her und dann brach es aus ihm heraus: „Du, Herr Walross-Mann, in deinem Bart klebt Sahne!“

Oma wurde schlagartig so rot wie die Kirschen auf ihrer Torte.

„Emil!“, rief sie entsetzt und hätte sich am liebsten unter dem Tisch verkrochen.

Kurt hielt kurz die Luft an, wischte sich anschließend mit dem Handrücken die Sahne aus dem Bart und brach in ein dröhnendes Lachen aus.

Dann zwinkerte er Emil zu. „Soll ich dir mal verraten, warum ich diesen Bart habe?“

Natürlich wollte Emil das wissen.

„Aber psssst!“, machte Kurt. „Du darfst es nicht verraten. Ich bin nämlich eigentlich ein Geheimagent und komme vom Nordpol.“

Emil riss die Augen auf. „Echt?“

„Ja, echt!“, flüsterte Kurt geheimnisvoll. „Einmal, bei einer Expedition am Nordpol, hat mir ein echtes Walross das Leben gerettet. Zum Dank habe ich ihm versprochen, seinen Bart zu tragen. Verstehst du?“

Emil sah ihn beeindruckt an und Kurt fuhr fort: „Soll ich dir noch etwas verraten? So ein Bart hat ganz viele Vorteile. Manchmal verstecke ich sogar eine Lakritzstange darin, für den kleinen Hunger zwischendurch.“ Dann blinzelte er Emil zu, der schwer beeindruckt war von all dem Gehörten.

Abends machte es sich Emil in Omas Gästebett gemütlich: „Oma, kannst du mir noch eine Walross-Gute-Nacht-Geschichte erzählen?“

Oma setzte sich auf die Bettkante und strich liebevoll über Emils Kopf.

„Okay, ich werde es versuchen. – Also: Es war einmal ein kleines Walross namens Willi. Willi hatte so lange Barthaare, dass er sie sich beim Schwimmen immer zu zwei Zöpfen flechten musste, damit sich die kleinen Fische nicht darin verfingen. Ja und eines Nachts, als er eine Sternschnuppe sah, wünschte er sich, umgehend bei einem kleinen Jungen namens Emil zu sein. …“

Doch da war Emil bereits eingeschlafen.

„Schlaf gut, kleiner Mann“, flüsterte Oma, „und träum schön von Läuse-Partys und Walross-Bärten.“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


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Sonntag, 18. Januar 2026

Die geheimnisvolle schwarze Schatulle

Als ihr Vater die Haustür öffnete, kam ihnen ein Geruch von Bohnerwachs und getrocknetem Lavendel entgegen. Früher, als Laura noch kleiner war und als ihre Oma noch gelebt hatte, hatte sich dieser Duft wie ‚Zuhause‘ angefühlt. Heute fühlte er sich nach Abschied an.

Laura betrat die Küche und setzte sich schweigend an den Küchentisch. Wie oft hatte sie hier gemeinsam mit ihrer Oma gesessen und eine heiße Schokolade getrunken. Wehmut stieg in ihr auf und heiße Tränen, die sie aber nicht weinen wollte. Deshalb erhob sie sich und ging zu ihren Eltern ins Wohnzimmer.

Mit leerem Blick beobachtete sie, wie diese mit einer Klebebandrolle bewaffnet durch das Zimmer navigierten und entschieden: das bleibt, das spenden und das entsorgen wir.

„Ich geh mal nach oben“, murmelte Laura leise und erschauderte ein wenig, weil ihre Stimme in dem halb leergeräumten Raum fremd klang.

Ohne die Antwort ihrer Eltern abzuwarten, stieg sie die knarrende Holztreppe zum Dachboden hinauf.

Oben angekommen, schluckte sie. So viele Erinnerungen warteten auch hier auf sie. Das Licht fiel durch das kleine Gaubenfenster und zeigte den Staub, den sie durch das Öffnen der Tür aufgewirbelt hatte.

Ihr Blick fiel auf den alten, ausgedienten Sessel in der Ecke, auf dem noch immer die alten Decken lagen, mit denen sie als kleines Mädchen eine Höhle gebaut hatte, wenn sie bei ihrer Oma übernachten durfte.

Laura erinnerte sich an das gedämpfte Lachen ihrer Großmutter und auch daran, wie sie mit einem Besenstiel gegen die Decke geklopft hatte, um ihr zu signalisieren: komm herunter, der Kakao ist fertig!

Laura sah sich als kleines Mädchen hier oben – umringt von all den vielen Erinnerungsstücken, die ihrer Oma gehört hatten. Sie hatte sich sicher und wohl gefühlt hier oben; wissend, dass ihre Oma im Wohnzimmer im Sessel saß und strickte, während aus dem Radio klassische Musik zu hören war.

Laura schritt weiter voran, ging vorbei an einem Stapel alter Zeitungen und einem ausrangierten Kleiderständer, als ihr Blick an etwas hängen blieb, das sie hier oben noch nie wahrgenommen hatte. Eine hübsche, schwarze, geheimnisvoll wirkende Schatulle mit goldenen Ornamenten auf dem Deckel.

Laura nahm das kostbare Kästchen an sich. Ein leicht süßlicher Duft nach altem Papier stieg ihr in die Nase, als sie es behutsam öffnete. In dem Kästchen lag ein Stapel hellblauer Briefe, die mit einem verblassten roten Samtband zusammengehalten wurden. Die Umschläge waren vergilbt, die Ränder leicht brüchig, was darauf hindeutete, dass es sich um ziemlich alte Briefe handeln musste.

Adressiert waren sie an ihre Oma. Sie zögerte kurz. Durfte sie das? Durfte sie die Briefe lesen? Es war ihr, als würde sie eine Grenze überschreiten; dennoch siegte die Neugier und die Sehnsucht nach einer Verbindung zu der Frau, die nun nicht mehr da war.

Mit zitternden Fingern löste sie den Knoten des Samtbandes und entnahm den obersten Brief. Die Handschrift war schwungvoll, in blauer Tinte stand dort der Name ihrer Oma. Es war die Schrift ihres Opas, das erkannte sie sogleich.

Meine geliebte Elisabeth“, begann der Brief, „heute sitze ich am Fluss und beobachte, wie das Licht auf dem Wasser tanzt und es erinnert mich an das Funkeln in deinen Augen, wenn du mich ansiehst. Es ist nun schon drei Wochen her, dass ich dich zuletzt gesehen habe. Drei lange Wochen, in denen die Welt für mich ihre Farben verloren zu haben scheint. Aber ich trage noch immer die Erinnerung an den Duft deines Haares wie einen Schatz bei mir und ich verspreche dir, sobald ich zurückkehre, werde ich jeden Tag damit verbringen, dir zu zeigen, dass du mein wertvollster Schatz bist. Weißt du, liebste Elisabeth, ich brauche keine Reichtümer, solange ich dein Herz an meiner Seite weiß. Du bist mein Anker, mein Licht und mein Zuhause. In großer Sehnsucht, dein Johannes.“

Laura hielt kurz den Atem an und es schien, als würden sich diese Worte für immer in ihr Herz brennen. In der heutigen Welt von schnellen WhatsApp-Nachrichten, flüchtigen Emojis und unverbindlichen Likes wirkten diese Zeilen wie aus einer anderen Galaxie. Ihr Großvater hatte diese Worte nicht einfach gedankenlos getippt – er hatte sie gefühlt und auf Papier gebracht.

Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus. Auf diesem staubigen Dachboden, zwischen den Relikten einer vergangenen Zeit, konnte Laura erahnen, was Liebe zwischen zwei Menschen wirklich bedeutete. Es war nicht ein lautes Spektakel, sondern eine tiefe, unerschütterliche Wertschätzung, die man füreinander empfand und die Jahrzehnte überdauern konnte.

Sanft drückte sie den Brief gegen ihr Herz. Sie wusste jetzt ganz sicher, dass sie sich niemals mit weniger zufrieden geben wollte. Sie würde warten – auf jemanden, der die Welt durch ihre Augen sah. Auf jemanden, der Worte fand, die so tief gingen, dass sie selbst in vergilbten Briefen nach fünfzig Jahren noch das Licht in ihrem Herzen zum Leuchten brachten.

„Laura? Kommst du? Wir wollen los!“, rief ihre Mutter in diesem Moment von unten.

Laura entschied, dass dieser Brief überleben musste. Deshalb steckte sie ihn vorsichtig in ihre Hosentasche, schloss achtsam die schwarze Schatulle und strich noch einmal ehrfürchtig darüber.

Draußen ging die Sonne langsam unter und tauchte den Garten in ein goldenes Licht. Auch wenn sie in diesem Moment eine tiefe Trauer empfand, war diese dennoch gepaart mit der kostbaren Erkenntnis, dass sie heute und hier einen Kompass für ihr eigenes Herz gefunden hatte.

© Martina Pfannenschmidt, 2026


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Donnerstag, 15. Januar 2026

Ein Winterspaziergang mit Opa

Es war frisch an diesem Nachmittag im Januar, als Elias seine kleine Hand in die große seines Opas legte und mit ihm einen Spaziergang durch die Felder machte. Die Luft war feucht und kalt und die Natur lag noch im Winterschlaf.

Elias, dessen Wissensdurst so groß war, wie der Ozean, blieb plötzlich stehen und zeigte auf den Schornstein eines alten Bauernhauses.

„Duhu, Opa, warum steigt der Rauch aus dem Schornstein heute nicht nach oben? Guck doch mal, der kommt ja gar nicht hoch bis zum Himmel.“

Opa blieb lächelnd stehen, rückte seine Mütze zurecht und meinte. „Das hast du ganz richtig beobachtet, mein Junge. Pass auf, ich erkläre es dir. Du musst wissen, dass die Natur manchmal einen kleinen Zaubertrick anwendet. Dann legt sie nämlich eine unsichtbare warme Decke über uns an den Himmel und dort, wo die Decke liegt, ist es warm. Kannst du das verstehen?“

Elias nickte heftig. „Na klar, wenn ich mich im Bett zudecke, dann wird mir auch ganz warm darunter.“

Opa schmunzelte. „Ganz richtig! Und nun stell dir vor, dass der Rauch nur bis zu dieser Decke kommt. Er schafft es einfach nicht, sie wegzuschieben. Er kommt nicht gegen diese Decke an und deshalb verteilt er sich darunter, also direkt über dem Dach sozusagen. Schau, und diesen kleinen Zaubertrick dürfen wir jetzt gerade beobachten und müssen gar nichts dafür bezahlen.“

Elias war begeistert und blieb ein paar Schritte weiter schon wieder staunend stehen, als er einen riesigen Erdhaufen auf der Wiese sah. „Und warum ist dieser Maulwurfshügel so hoch, Opa?“

„Was meinst du? Vielleicht wollte der Maulwurf seinen eigenen Aussichtsturm bauen!“

Doch Elias war nicht dumm und knuffte Opa in die Seite. „Das ist Quatsch, Opa!“

„Na klar ist das Quatsch, es ist nämlich so, dass der kleine Kerl im Winter besonders viel Arbeit hat. Da es oben frostig ist, graben sich die Regenwürmer tiefer in die Erde. Der Maulwurf muss also hinter ihnen her und viel tiefere Gänge graben als im Sommer. Und wohin soll er mit der ganzen Erde? Die schiebt er einfach mit seinen kräftigen Schaufelpfoten nach oben. Also kannst du dir eines merken: Je höher der Hügel ist, desto fleißiger war der kleine Baumeister in der Tiefe.“

Während sie weiterschlurften, sprudelten weitere Fragen aus Elias heraus:

„Opa, warum glitzern die Gräser heute so schön?“
„Das ist gefrorener Tau, Elias. Die Nacht heute war so kalt, dass die Wassertropfen vor Schreck zu winzigen Eiskristallen erstarrt sind. Und jetzt kitzelt die Sonne sie wieder wach und weil sie sich darüber so freuen, glitzern sie wie kleine Diamanten.“

„Die Bäume haben ja im Winter keine Blätter, nä Opa?“

„Das ist richtig und das können wir ja auch sehen“, bestätigte Opa.

„Aber es wäre doch besser, wenn sie welche hätten, oder? Jetzt müssen sie doch frieren, oder nicht?“
„Nein, sie müssen nicht frieren. Schau, die Bäume machen es ein bisschen so wie die Bären und halten einen Winterschlaf. Dafür zieht sich das Wasser in ihre Wurzeln zurück. Würden die Bäume ihre Blätter behalten, würden diese im Winter durch das Wasser, das sich darin befindet, erfrieren. Jetzt, so ganz ohne Blätter, schlafen die Bäume tief und fest, bis der Frühling sie wieder weckt.“

„Und im Frühling kommen die Vögel zurück, nä Opa! Aber woher wissen sie, wann sie zurückfliegen können?“, wollte Elias dann noch wissen.
„Ich glaub, die haben so etwas wie einen Kompass in ihrem Inneren und sie spüren eine innere Unruhe, wenn die Tage wieder heller und wärmer werden. Das Licht sagt ihnen wohl: ‚Jungs, es ist Zeit für die Heimreise!'“

„Und die Mädchen?“, fragte Elias entsetzt.

Opa lachte. „Du hast natürlich recht. Das Licht sagt: ‚Jungs und Mädels, auf geht’s nach Hause!“

Elias blickte mit großen, bewundernden Augen zu seinem Opa auf und drückte dessen große, raue Hand ganz fest. „Opa?“, sagte er leise.

„Ja, mein Junge?“

„Wenn ich groß bin, will ich auch so viel wissen, wie du!“

Opa drückte ein wenig berührt die kleine Hand sanft zurück, während die Sonne langsam rot hinter den Hügeln versank. „Ich weiß das alles nur, weil ich schon ein bisschen länger auf dieser schönen Welt spazieren gehe als du. Und das Beste daran ist, dass ich es dir alles erzählen darf, so wie mein Opa es mir erzählt hat.“

Zufrieden und mit einem Kopf voller neuer Wunder machten sich die beiden auf den Heimweg, wo Oma bereits mit heißem Kakao wartete.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


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Dienstag, 13. Januar 2026

Der kleine Ausreißerteddy

An einem Morgen, als der Frost die Gräser mit einer glitzernden Zuckerschicht überzogen hatte, hüpfte im tiefen Tannenwald das rote Eichhörnchen Puschel von Ast zu Ast.

Es verspürte einen leichten Hunger in seinem kleinen Magen, weshalb es sich auf den Weg zu seinem Winterversteck gemacht hatte.

„Da unten muss es sein“, murmelte es und landete geschickt auf dem weichen Waldboden neben einer alten Tanne.

Doch gerade, als es mit seinen flinken Pfoten im Laub zu scharren begann, nahm es etwas aus seinem Augenwinkel wahr. Dort lag ein Wesen, das das Eichhörnchen noch nie zuvor gesehen hatte und sogleich begann sein kleines Herz, wie wild zu schlagen.

Das Ding sah braun und pelzig aus und es schien tot zu sein, jedenfalls bewegte es sich nicht. Seine großen dunklen Knopfaugen, die starr in den Himmel blickten, machten Puschel richtig Angst, weshalb er lieber zwei Schritte zurückwich und seine Ohren aufstellte, um hören zu können, ob das Wesen vielleicht doch noch atmete. Vielleicht hielt dieses Ding auch einen Winterschlaf? Aber was, wenn es das gefährlichste Tier dieses Waldes war?

„Hallo, du kleiner Angsthase!“, krächzte es in dem Moment von oben. Puschel zuckte verschreckt zusammen und blickte hinauf. Dort saß ein Eichelhäher auf einem Ast und putzte sich die blau schimmernden Federn.

„Das ist ein Teddybär, du Dummchen. Die Menschenkinder schleppen sie oft mit sich herum. Der beißt nicht, der will nur geknuddelt werden“, sagte er und lachte sein krächzendes Lachen.

Zunächst traute Puschel der Aussage des Eichelhähers nicht, aber dann wurde seine Neugier größer als seine Angst. Vorsichtig schlich er näher heran und traute sich sogar, das Wesen mit seiner kleinen Nase anzustupsen. Es fühlte sich weich an. Und tatsächlich: das Ding schien völlig harmlos zu sein.

Neugierig umrundete Puschel das Objekt und sah ein kleines Schild, das jemand dem Teddy mit einem roten Band um den Hals gehängt hatte.

Aufmerksam und den Kopf drehend und wendend schaute er auf all die schwarzen Schnörkel, die darauf zu sehen waren. Doch er konnte nicht lesen. Das war ein Dilemma! Zu gerne hätte er gewusst, was dort stand.

Der Eichelhäher hatte die Szene genau beobachtet und meinte: „Leider kann ich auch nicht lesen. Aber die weise Eule kann es. Warte einen Moment. Ich werde zu ihr fliegen und sie bitten, mit mir zu kommen. Dann wissen wir bald, was dort steht. Warte hier!“

Puschel nutzte derweil die Zeit, um ein paar Nüsse aus seinem Vorrat zu verspeisen.

Wenig später hörte das Eichhörnchen das lautlose Rauschen von Flügeln. Die weise Eule landete majestätisch auf einer Wurzel ganz in seiner Nähe.

Die Eule hüpfte näher, beugte sich über das Schild und las mit tiefer, ruhiger Stimme vor: "Ich bin ein heiß geliebter Ausreißerteddy und unternehme gerne Abenteuerreisen. Aber eigentlich gehöre ich dem kleinen Linus, der im ersten Stock in der Mozartstraße 6 wohnt. Bitte bring mich nach Hause, wenn du mich findest.“

Puschel sah den Teddy an und dachte darüber nach, wie traurig er wäre, wenn er sein zuhause nicht mehr fände. Darum entschied er mutig: „Ich bringe ihn zurück!“

Vorsichtig und unter Beobachtung der Eule und des Eichelhähers packte er den Teddy am Ohr, warf ihn sich über die Schulter, was gar nicht so einfach war, da der Bär fast so groß war wie er selbst, und machte sich auf den Weg zum Waldrand.

Die Mozartstraße lag in einem ruhigen Wohngebiet ganz in der Nähe des Waldes, so dass Puschel nur eine einzige Straße mit klopfendem Herzen überqueren musste.

Bald kam er in der Mozartstraße 6 an, kletterte flink am Regenrohr empor, bis er den Balkon im ersten Stock erreicht hatte. Dort legte er den verlorenen Freund behutsam auf den Holztisch.

Danke, liebe Anita, für die Zurverfügungstellung des zauberhaften Videos. 😊

Hinter der Glasscheibe sah er eine Frau stehen, die gerade den Frühstückstisch deckte. Sie staunte, als sie das kleine Eichhörnchen sah, das den geliebten Teddy ihres Sohnes zurückbrachte und Puschel blieb starr vor Schreck mitten auf dem Tisch stehen. Nun klopfte sein Herz noch lauter, doch als er das Lächeln im Gesicht der Frau sah, wusste er, dass alles gut werden würde.

Gerade als Puschel verschwinden wollte, öffnete die Frau die Tür und legte eine Handvoll prachtvoller Nüsse auf den Tisch.

„Danke schön, du kleiner Helfer“, flüsterte die Frau, bevor sie die Tür wieder hinter sich schloss.

Puschel schnappte sich blitzschnell so viele Nüsse, wie er tragen konnte und flitzte zurück in den Wald, wo der Eichelhäher und die Eule geduldig auf ihn warteten und denen das Eichhörnchen zu gerne und voller Stolz von seiner mutigen Tat und der Belohnung berichtete.

Als der Abend dämmerte, saß Puschel in seinem Kobel. Vor ihm lagen sorgfältig aufgereiht die geschenkten Nüsse. Er blickte durch die dunklen Zweige hinauf zu den ersten Sternen und spürte eine ganz besondere Wärme in seiner Brust. Es war nicht nur der Pelz oder das gemütliche Nest, das ihn diese Wärme spüren ließ. Es war das wohlige Gefühl, jemandem geholfen zu haben.

Und als der Mond über dem Wald aufging, kuschelte sich Puschel in sein weiches Moosbett. In dieser Nacht träumte das Eichhörnchen nicht von Nüssen, sondern von dem Lächeln der Frau und davon, dass irgendwo in der Mozartstraße ein kleiner Junge seinen Teddy ganz fest im Arm hielt.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

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Sonntag, 11. Januar 2026

Ich kann nicht lennnkennn!!!

Es war ein Wintertag im Januar und über Nacht war eine gigantische Portion Schnee gefallen.

Max und Jara standen am Fenster und lachten über den Nachbarshund. Sein Frauchen hatte ihm den Namen Waldi gegeben, doch Max nannte ihn oft einen tiefergelegter Dackel. Heute verschwand er fast vollständig in der weißen Pracht. Nur seine Ohren sahen die beiden hin und wieder über die weiße Schneedecke fliegen.

„Komm, lass uns auch nach draußen gehen“, schlug Max seiner Schwester vor. Gesagt getan! Bald darauf zerrte Max einen alten Holzschlitten aus dem Schuppen.

„Puh, der stinkt wie ein nasser Hund“, rief Jara. „Warte, ich habe eine bessere Idee." Schon war sie wieder im Haus verschwunden, um bald darauf mit Mamas Wok zurückzukommen.

„Mit dem Ding willst du den Todeshügel herunterfahren?“, fragte Max entsetzt. Vielleicht war er auch neidisch, dass ihm diese Idee nicht gekommen war.

„Klar, mit dem Ding knacke ich jeden Geschwindigkeitsrekord. Wirst schon sehen! Aber verrat mich nicht bei Mama, okay? Sonst bekomm ich bestimmt Ärger.“

Max versprach es und die beiden machten sich auf den Weg Richtung Hügel.

Gerade als sie dort ankamen, tauchte auch ihr bester Freund Paul auf. Er sah aus, als trüge er drei Skihosen übereinander. Und so ging er auch.

Jara lachte: „Hey, Paul, du siehst aus wie ein aufrecht gehendes Marshmallow und was hast du da eigentlich unter deinem Arm klemmen?“

„Ich hab mir mal kurz das Backblech meiner Mutter ausgeliehen“, meinte er daraufhin.

Er hatte das Blech mit Alufolie umwickelt und von unten mit einer ordentlichen Schicht des guten Olivenöls präpariert.

Max war als Erster oben angekommen, schmiss sich bäuchlings auf seinen alten Holzschlitten und rief übermütig: „Bahn frei, Kartoffelbrei!“

Er war mit dem alten Schlitten recht schnell unterwegs, übersah allerdings einen kleinen Maulwurfshügel, der bald darauf wie eine Sprungschanze fungierte. Max hob ab, ruderte dabei mit seinen Armen wie ein junger Pinguin bei seinem ersten Flugversuch und landete mit dem Gesicht voran im Schnee.

Dann war Jara an der Reihe. Mit ihrem Wok war sie rasend schnell unterwegs. Allerdings entwickelte dieser eine Art Eigenleben. Statt den Hügel hinunterzufahren, begann sie sich mit ihrem extravaganten Gefährt wie ein Brummkreisel zu drehen.

„Mir wird schwindlig“, rief sie, während sie an Max vorbeirotierte. Sie drehte sich so schnell, dass sie am Ende des Hangs nicht anhielt, sondern einfach weiter über die gefrorene Wiese schlitterte und direkt auf einen Schneemann zusteuerte, der offensichtlich von anderen Kindern dort gebaut worden war. Als sie gegen den Bauch des Schneemanns stieß, verlor dieser seine Karottennase, die zielsicher in Klaras Kapuze landete.

Nun kam Pauls großer Moment. Er legte sein geöltes Backblech in die Spur, nahm Anlauf – was wegen der dicken Skihose eher einem langsamen Watscheln glich – sprang darauf, um sogleich in einem Affenzahn den Hügel herunterzurasen, was eher einem Höllenritt, als einer Schlittenfahrt glich.

„Ich kann nicht lenken! Ich kann nicht lennnkennn!“, brüllte Paul, als er mit Lichtgeschwindigkeit an seinen Freunden vorbeiraste und direkt auf eine Gruppe von Sträuchern zufuhr. Während das geölte Blech unter den Zweigen hindurch rauschte, blieb er mit seinem fetten Anzug in einem Strauch hängen.

Da hing er nun, unfähig, sich zu bewegen, während Max und Jara vor Lachen fast im Schnee versanken.

„Paul, du siehst aus wie eine Christbaumkugel für Arme“, prustete Max, während er versuchte, den Puderzucker-Schnee aus seinen Ohren zu schütteln.

„Hört auf zu lachen und helft mir lieber!“, rief Paul ein bisschen sauer.

Nachdem sie ihn aus dem Gebüsch gepflückt und die Karotte aus Jaras Kapuze wieder als Schneemann-Nase fungierte, beschlossen sie, dass sie für heute genug erlebt hatten und stapften zurück nach Hause, wo der Duft von frischen Waffeln und heißem Kakao bereits durch die Türritzen nach draußen drang.

„Morgen bauen wir eine Schanze mit Looping“, schlug Max vor.

Paul und Jara hingegen sahen sich an, dachten an das Backblech und den Wok und schüttelten synchron den Kopf.

„Ne“, meinte Jara, „morgen bauen wir erst mal einen vernünftigen Schneemann, der nicht bei der ersten Berührung seine Nase verliert.“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

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Samstag, 10. Januar 2026

Den Frieden wahren

Nachdem vor einiger Zeit der Deckel mit einem unsanften Ruck zugefallen war, war es in der Kiste dunkel und stickig geworden. Anschließend hatten sie dumpfe Schritte auf der Treppe wahrgenommen und wussten: jetzt wurden sie auf den Dachboden zurückgebracht, weil ihre Aufgabe für dieses Jahr beendet war. Die Weihnachtszeit war vorbei.

„Da liegen wir nun wieder“, brummte der Esel und versuchte vergeblich, seine hölzernen Beine zu sortieren. „Kaum ist der 6. Januar vorbei, sind wir nur noch alter Plunder, der im Weg rumsteht.“

„Es ist jedes Jahr dasselbe“, pflichtete ihm einer der Hirten bei, der mit dem Gesicht nach unten auf einem Strohstern lag. „Unten im Wohnzimmer haben sie gesungen und von Frieden auf Erden gesprochen. Aber kaum hatten sie den Baum abgeschmückt, hörte ich schon wieder, wie der Hausherr über die Nachbarn herzog und die Mutter mit den Kindern schimpfte.“

Der kleine Engel pflichtete dem Hirten bei: „Du hast recht. Die Botschaft der Liebe hält bei ihnen nicht länger als der Glanz der Christbaumkugeln.“

„Die Menschen scheinen vergesslich zu sein“, seufzte König Kaspar. „Sie stellen uns auf, weil es Tradition ist, aber sie nehmen unsere Botschaft nicht mit in ihren Alltag.“

Während die Figuren so über die Lieblosigkeit der Menschen klagten, bemerkten sie gar nicht, wie der Unmut auch unter ihnen wuchs.

„Aua!“ herrschte der Ochse den Esel an. „Nimm sofort deinen hölzernen Huf aus meinem Auge! Du trampelst auf mir herum, du störrisches Langohr, und merkst es nicht einmal!“
„Weil ich mich kaum bewegen kann, du Hornochse!“, gab der Esel bissig zurück. „Du nimmst mit deinem dicken Bauch den ganzen Platz ein. Wenn du schlanker wärst, könnten wir alle bequemer liegen.“

„Mäh! Ruhe jetzt!“, blökte ein Schaf dazwischen, das unter dem schweren Mantel eines Königs eingequetscht war. „Ihr denkt gerade nur an euch. Aber schaut mich an. Ich verliere hier bald meine gesamte weiße Farbe, weil ihr mich ständig gegen die raue Kistenwand drückt. Aber Hauptsache, ihr Großen habt es bequem!“

„Und was ist mit mir?“, rief der kleine Engel, der Angst um seine Flügel hatte. „Gerade hat ein Hirte seinen Hirtenstab direkt in meine Harfe gesteckt! Und was geschieht, wenn ihr mir einen Flügel abknickt?“

Der Streit wurde immer lauter. Vorwürfe flogen hin und her und es dauerte nicht lange, da wurden sogar alte Kränkungen aus den vergangenen Jahrzehnten hervorgeholt. Und so war auch in der dunklen Kiste nichts mehr von weihnachtlicher Harmonie zu spüren.

Doch dann durchbrach eine ruhige Stimme den Tumult. Es war Maria, die in ihrer weisen und sanften Art zu ihnen sprach: „Sagt, hört ihr euch eigentlich zu? Wir beklagen uns darüber, dass die Menschen den Frieden vergessen, sobald sie uns wegpacken. Aber schaut uns an: Kaum sind wir unter uns, tun wir genau dasselbe. Wir urteilen, wir schimpfen und wir vergessen, warum wir überhaupt hier sind.“

Betretenes Schweigen folgte ihren Worten. Dann fuhr sie fort: „Die Menschen sind wahrlich nicht perfekt und ja, sie verlieren das Licht manchmal aus den Augen; gerade dann, wenn ihr Leben laut und schwer ist. Aber genau deshalb gibt es uns. Wir haben eine wichtige Aufgabe! Wir sind die ‚Hüter der Erinnerung‘. Versteht ihr?! Deshalb frage ich euch, wie sollen wir in ihrer Welt als Zeichen des Friedens leuchten, wenn wir uns hier oben streiten? Wir müssen mehr Geduld mit ihnen haben - und vor allem mit uns selbst.“

Beschämt rückten der Ochse und der Esel ein Stück beiseite. Das Schaf hörte auf zu meckern, und der Engel versuchte vorsichtig, seine Harfe ein bisschen dichter an sich heranzuziehen.

„Sie hat recht“, flüsterte der Esel. „Wir sollten nicht nur darauf warten, dass die Menschen sich ändern. Wir müssen selbst das Licht bewahren.“

Augenblicklich veränderte sich die Stimmung in der Kiste und der Ochse hatte eine Idee. „Was denkt ihr“, fragte er, „sollen wir ein bisschen Licht in die Kiste bringen? Kennt ihr das Märchen von den Stadtmusikanten? Esel, komm her, spring auf meinen Rücken. Und dann du Schaf. Klettere auf den Rücken des Esels. Dann werde ich von unten schieben und wir heben mit vereinten Kräften den Deckel an.

Bald darauf stellte sich der Ochse stabil auf den Boden der Kiste. Der Esel wiederum stand auf seinen kräftigen Schultern und das kleine Schaf kletterte vorsichtig ganz nach oben.

Gemeinsam drückten sie mit ihren Rücken gegen den schweren Holzdeckel, der nicht fest verriegelt war und sich bald darauf mit einem leichten Knarzen öffnen ließ. Sogleich fiel ein strahlender Streifen Licht direkt aus dem Dachfenster in die Kiste hinein.

Zeitgleich hob sich die Stimmung unter ihnen, denn sie wussten, dass das Licht die Welt niemals verlassen wird.

Und so nahmen sie sich vor, aufeinander achtzugeben, bis es wieder Zeit war, den Menschen unten im Wohnzimmer von der großen Liebe zu erzählen.

Sie nahmen sich fest vor, untereinander den Frieden wahren - das ganze Jahr über.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

Nachwort: Es gibt in meinem Blog eine Geschichte, die mehr als alle anderen immer wieder aufgerufen wird und das ist diese hier: „Frieden ist wie Watte!“. Sie wurde inzwischen doppelt so oft aufgerufen, wie die Geschichte: „Glücksmomente zu verschenken“. Frieden und Glück sind Themen, die immer wieder einen Platz in meinen Geschichten erhalten werden. Ein bisschen auch deshalb, weil ich mich selbst immer wieder daran erinnern möchte, wie wichtig es ist, IN SICH den Frieden zu wahren und glückliche Momente wahrzunehmen. - Auch in die Geschichte „Echt jetzt?!“ sind Friedensgedanken eingeflossen. - Lasst uns nicht müde werden darin, den Frieden zu wahren und auch zu fordern, wo man ihn aus Machtgründen heraus gefährdet, denn: Glücklich zu sein ist unser Geburtsrecht! Das dürfen wir nicht vergessen!


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