Freitag, 30. Juli 2021

Fingerspitzengefühl

 

Reizwörter: Praline, Glas, zittern, kunterbunt, beliebt

Auch bei Regina könnt ihr eine Geschichte mit den obigen Reizwörter lesen. Lore pausiert noch einmal.

 

Bevor die Praline, die Hannah gerade aus der Schachtel geangelt hatte, in ihrem Mund verschwand, legte sie diese auf ihren Finger und betrachtete sie.

„Entzückend, diese kleinen Pralinchen. Wie kriegen die das nur hin?“, fragte sie verschmitzt.

Oma ging sofort darauf ein und erwiderte schmunzelnd: „Na, mit ganz viel Fingerspitzen…gefühl!“

„Ist das nicht krass“, meinte Hannah, „wie sehr uns die Werbung beeinflusst.

„Ja, das ist so. Man kann sich dem ja kaum entziehen. Überall begegnet sie uns und lenkt unser Kaufverhalten. Oft ist uns das nicht einmal bewusst.“

„Stimmt!“

„Ich glaube, wer am Freitagabend einkaufen geht, wird unbewusst zu einer ganz bestimmten Joghurtmarke greifen, nur um genau so harmonisch ins Wochenende zu starten, wie die Familie aus der Werbung.“

„Ja, das kann ich mir auch gut vorstellen. Vielleicht ist die Marke ja auch nur aufgrund der Werbung so beliebt.“

„Es gibt ja wirklich Werbesprüche, die sehr einprägsam sind. Und wer zum Beispiel so bleiben will, wie er ist, ja der greift zu dem Produkt, das er damit assoziiert“, meinte Oma.

„Genau! Und wer einen netten Nachbarn hat, so wie ich, der möchte natürlich auch, dass es mit ihm klappt“, flachste Hannah.

„Und wer möchte kein Auto“, fiel Oma ein, „das läuft und läuft und läuft.“

„Ja, ja, nichts ist unmöglich“, erwiderte Hannah. „Außerdem war es ja schon immer etwas teurer, einen guten Geschmack zu haben.“

„Das ist wirklich erschreckend, wie viele Werbesprüche wir sofort abrufen können“, sagte Oma bestürzt. „Aber wir werden ja noch auf andere Art und Weise manipuliert. Nicht nur durch Bilder und Worte, sondern auch durch Gerüche und Farben, die gezielt eingesetzt werden …“

„… und in jedem Fall auch durch Musik“, fiel Hannah Oma ins Wort und sang sogleich los: „Ich mag das Schöne dieser Welt, mag den Wind im Roggenfeld, mag es, wenn der Tag erwacht und die Sonne dazu lacht.“

„Allerorten heile Welt“, entgegnete Oma und erinnerte sich an die Zigarettenwerbung aus früheren Tagen, die auch eine heile Welt vorgaukelte.

„Entsinnst du dich noch an den Satz ‚Wer wird denn gleich in die Luft gehen?‘“, fragte Oma, „und an das Werbe-Männchen, das alle Aufgaben erfolgreich löste, nachdem es zu einer bestimmten Zigarettenmarke gegriffen hatte?"

Hannah schüttelte den Kopf. „Nee, daran habe ich keine Erinnerung mehr.“

„Ja, die kunterbunte und intakte Welt, die uns die Werbung da vortäuscht. Wer möchte nicht darin leben und ein Teil davon sein?“

„Also ich möchte in jedem Fall keine Marionette der Werbeindustrie sein“, ereiferte sich Hannah.

Oma freute sich: „Das ist ein gutes Ziel. Und es ist ja nicht nur die Werbung, die manipuliert, oft begegnen uns in unserem Alltag ja auch manipulative Menschen und wir merken es nicht einmal, wenn sie geschickt genug vorgehen.“

„Ich möchte meine Entscheidungen aber frei treffen können und ich möchte nicht, dass jemand auf mich Einfluss nimmt. Und schon gar nicht verdeckt“, ereiferte sich Hannah.

„Glaub mir, das ist oft gar nicht so einfach, das aufzudecken“, wusste Oma. „Auch in meinem Leben gab es Menschen, die versucht haben, mich zu manipulieren. Das waren oftmals Personen, die mir Geschichten erzählt haben, die sich im Nachhinein als falsch herausstellten.“

„Ich glaube auch, dass manipulative Menschen im Lügen geübt sind“, erwiderte Hannah. „Aber ich muss sagen, ich erkenne Lügen ziemlich schnell. Und wenn sich jemand lange rechtfertigt, fahre ich sofort meine Antennen aus.“

Oma schmunzelte über ihre Enkelin. Auch sie schien schon einige Lebenserfahrungen gesammelt zu haben.

„Und du musst auf Menschen mit übertriebenem Charme aufpassen“, riet Oma. „Wenn dir jemand zum Beispiel ein Kompliment macht und dich anschließend um etwas bittet, sollten deine Alarmglocken ebenfalls läuten, und wenn du merkst, dass du ständig um einen Gefallen gebeten wirst, solltest du auch mal mit einem ‚Nein‘ reagieren.“

Hannah nahm sich vor, Omas Ratschläge zu beherzigen.

Anschließend griff Hannah nach ihrem Glas. Auch wenn es nur Mineralwasser enthielt, hielt sie es ihrer Oma entgegen: „Prost Omilein!“

„Mit Gänsewein? Das können wir doch besser, oder?“

Schon verschwand sie im Haus und kam bald darauf mit zwei Sektgläsern, in denen köstlicher Schaumwein perlte, zurück auf die Terrasse. Über ihrem Arm lag eine kuschelige Wolldecke, die sie Hannah überreichte.

 „Ich kenne doch meinen kleinen Frostköttel“, meinte sie dabei liebevoll, „und bevor du anfängst zu zittern und den guten Sekt verschüttest, dachte ich mir, versorge ich dich mit einer wärmenden Decke. - Und um nochmal auf die Werbung zu sprechen zu kommen: ‚Omas wissen halt, was ihre Enkeltöchter wünschen.“

„Genau!“, erwiderte Hannah, „und Enkeltöchter wissen, was sie an ihren Omas haben.“

In dem Moment schaute Opa aus der Terrassentür und fragte erstaunt: „Ihr trinkt Sekt?“

„Nicht immer, aber immer öfter!“, antwortete Hannah ihm daraufhin und Oma fügte an: „Weil der so herrlich hat geprickelt in meinem Bauchnabel.“

Anschließend mussten beide laut lachen. Über ihre Sprüche und über Opas dummes Gesicht.

© Martina Pfannenschmidt, 2021


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Donnerstag, 15. Juli 2021

Als Aussichtsturm geboren

 Reizwörter: Lulatsch, Aussichtsturm, aufwachen, gefährlich, zornig

Bitte schaut, welche Geschichte Regina mit diesen Reizwörtern geschrieben hat. - Lore setzt diesmal leider aus. 

(Foto: privat)

„Mama, warum bin ich so ein langer Lulatsch?“

„Wie bitte? Wie kommst du denn nur darauf?“

„Ich habe gehört, dass sich die Springmäuse über mich unterhalten haben und eine hat gesagt, ich sei riesig. Ein richtiger Lulatsch.“ Naima machte eine kleine Pause. „Dabei weiß ich nicht einmal, was ein Lulatsch überhaupt ist.“

Mandola, die Giraffenmutter, musste sich das Lachen verkneifen.

„Weißt du, meine Große, ich denke, dass die Mäuse vielleicht sogar neidisch auf dich sind. Vielleicht wären sie ja auch gerne so groß wie du. Mach dir also bitte keine weiteren Gedanken darüber.“

Naima druckste herum: „Und dann haben sie noch gesagt, dass ich gar keinen Vater hätte und dass meine Beine so dünn seien wie Stricknadeln. Stimmt das Mama?“

„Natürlich hast auch du einen Papa“, empörte sich Mandola über die frechen Mäuse, „er lebt nur nicht immer bei uns. So ist das in einer Giraffenherde. Da leben nur die Frauen mit ihren Kindern zusammen. Aber es wird nicht mehr lange dauern, dann wird er uns wieder einmal besuchen kommen. Und schau, unsere Beine sind zwar dünn und lang und wirken vielleicht zerbrechlich. Aber das sind sie nicht. Sie sind genau richtig, so wie sie sind.“

Nach einer Weile fragte das Giraffenmädchen vorsichtig: „Sag, Mama, findest du nicht auch, dass unser Hals ziemlich lang geraten ist?“

„Durchaus. Aber schau. Auf der ganzen Welt gibt es kein weiteres Tier mit diesem Merkmal. Und auch unsere Zeichnung ist etwas ganz Besonderes. Das sind doch wirklich alles Dinge, auf die wir stolz sein können, nicht wahr. Und sieh nur“, Mandola zupfte ein paar Blätter von einem hohen Baum, „wer kann schon so hoch ragen, wie wir.“

„Niemand“, freute sich Naima und wurde sich darüber bewusst, dass es großartig war, als ‚Aussichtsturm‘ auf die Welt gekommen zu sein.

Während die beiden gemächlich mit ihrer Herde weiterzogen, heulte in der Ferne ein Jeep auf. Dieses Geräusch war Naima unbekannt und so wurde sie etwas unruhig.

„Das Heulen eines Motors zeigt uns, dass Menschen in unserer Nähe sind“, erklärte die Giraffenmutter und auch ihr merkte man eine gewisse Unruhe an.

„Menschen?“, fragte das Giraffenmädchen. „Was sind Menschen?“

„Menschen sind die schlimmsten Raubtiere, die es auf dieser Erde gibt.“

„Sind sie noch gefährlicher, als Löwen?“, wollte Naima sogleich wissen.

„Gewiss.“

„Haben sie scharfe Zähne, wie sie, oder besitzen sie giftige Pfeile?“

„Sie haben die schlimmsten Waffen, die du dir nur vorstellen kannst. Manche von ihnen jagen friedliche Tiere wie zum Beispiel Elefanten, nur wegen ihrer Stoßzähne.“

„Das ist schlimm.“

„Ja, das ist es. Weißt du, Naima, den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass sie auch ein Teil der Natur sind. Ebenso wie wir Tiere und die Pflanzen. Und so töten sie nicht nur unsere Art, sie zerstören die Welt auf der wir alle leben mit vielerlei Dingen und … - Mandola legte eine kleine Pause ein - … sie töten sich sogar gegenseitig.“

Naima war fassungslos und zornig. Hoffentlich würde sie nie in ihrem Leben einem Menschen begegnen.

„Wo leben die Menschen?“, wollte sie wissen.

„Sie leben überall auf diesem Planeten und die Spur der Verwüstung, die sie hinterlassen, ist groß.“

„Kann man denn gar nichts dagegen tun?“

„Weißt du, Naima, der Mensch ist das einzige Lebewesen auf dieser Welt mit einem freien Willen. Er kann selbst entscheiden, ob er etwas verändern möchte oder nicht.“

„Aber warum verändert er dann nichts? Weiß er gar nicht, wie abscheulich das ist, was er tut?“

„Einige scheinen es tatsächlich nicht zu wissen. Aber es gibt inzwischen viele Menschen, denen klar ist, dass sich etwas verändern muss. Und so hoffe ich, dass es immer mehr werden, die aufwachen, aufstehen und alles zum Guten wenden.“

„Das hoffe ich auch, Mama.“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021

 

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Mittwoch, 30. Juni 2021

Glücksmomente zu verschenken

 

Für den heutigen Tag lauteten unsere Reizwörter:  Marienkäfer, Dachboden, wirbeln, nervig und witzig

Schaut doch bitte auch, welche Geschichten Lore und Regina dazu geschrieben haben.

Vor vielen Jahren von meinem Enkelkind gezeichnet. 😊 


„Ich bin glücklich, so glücklich, einfach nur sehr glücklich …“, sang Marie, das Marienkäfermädchen, in den schiefsten Tönen fröhlich vor sich hin. Dabei flog es von einem Gänseblümchen auf das andere.

„Guten Morgen, ihr Lieben. Geht es euch gut?“, fragte es in die Runde hinein.

„Geht so“, murmelte eines. Die anderen gaben ihr gar keine Antwort.

„Was ist los mit euch? Freut ihr euch nicht über den neuen Tag?“

„Ach, weißt du, Marie“, antwortete eines der Blümchen, „wir haben uns gerade darüber unterhalten, dass wir früher viel mehr Anerkennung durch die Menschen erfahren haben. Weißt du, wir waren eine richtige Kinderblume. Sie pflückten uns mit großer Freude und die Muttis oder Omis flochten mit geschickten Händen Kränze aus uns, die die Kinder dann stolz als Kopfschmuck trugen. So konnten wir viele Herzen glücklich machen.“

„Und manche Frauen haben uns zum Orakeln genutzt“, erinnerte sich ein anderes, „indem sie einzelne unserer Blütenblätter abgezupft und abwechselnd ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ gesagt haben.“

„Und heute“, ergänzte ein weiteres, „fährt man achtlos mit einem Rasenmäher über uns hinweg.“

„Ja, aber“, warf der Marienkäfer ein, „kaum eine andere Blume trotzt dem Rasenmäher so, wie ihr. Unermüdlich bildet ihr neue Blütenköpfe.“

„Das stimmt, wir lassen unsere Köpfchen nicht hängen.“

„Seht ihr, und deshalb ist heute ein schöner Tag, weil ihr ‚ewig schön‘ seid. Das ist doch die Übersetzung eures lateinischen Namens, nicht wahr.“

„Das stimmt“, erwiderte ein Gänseblümchen nicht ohne Stolz und fügte hinzu, „und man nennt uns auch Tausendschön …“

„und Himmelsblume …“

„und Augenblümchen …“, riefen sie durcheinander.

„Na seht ihr, so viele Gründe, um glücklich zu sein“, fand Marie und flog mit dem guten Gefühl weiter, den Gänseblümchen den Tag etwas verschönert zu haben.

„Ich bin glücklich, so glücklich, einfach nur sehr glücklich …“, sang sie weiterhin und schaute, wem sie noch einen glücklichen Tag bescheren konnte.

Da, eine Schnecke kroch schwerfällig über das Gras. 

„Guten Morgen, liebe Schnecke, ich wünsche dir einen glücklichen Tag!“

„Geh weg, glücklicher Tag.“

Marie ließ sich neben der Schnecke auf einem Grashalm nieder.

„Geht es dir heute nicht gut?“, fragte Marie besorgt.

„Ach geh, tagein, tagaus der gleiche Trott“, brummelte die Schnecke, „und immer muss ich mein Haus mit mir herumtragen. Denkst du, das ist witzig? Keineswegs ist es das. Es ist total nervig. Wie soll ich da bitte glücklich sein. Also zisch ab und lass mich in Ruhe.“

Die Schnecke war eindeutig ein weiterer Fall für Marie. Sie hatte sich nämlich fest vorgenommen, heute viele Glücksmomente zu verschenken.

Diese Schnecke war aber wirklich ein schwieriger Fall, das musste sie zugeben. Wie sollte sie ihr etwas Positives über ihr Leben sagen? Wie ihr eine Freude bereiten?

Sie konnte ja schlecht sagen: „Ja weißt du, Schnecke, du bist halt nützlich, weil du auf dem Speiseplan einiger anderer Lebewesen stehst.“

Also nein, das konnte sie ihr ja nun wirklich nicht sagen. Und dass sie ständig eine Schleimspur hinter sich herzog, war auch nicht so schön. Aber es musste doch etwas geben, womit sie der Schnecke eine Freude bereiten konnte.

Und dann wusste sie es. „Weißt du, liebe Schnecke, ich glaube, dass das Geheimnis des Glücks darin liegt, auch unsichtbare Dinge wahrzunehmen und sich daran zu erfreuen. Ich denke da an so etwas wie eine sanfte Berührung. Das kann ja durchaus ein Glücksmoment sein.“

Und schon erhob sich der Marienkäfer, wirbelte dabei voller Schwung ein paar Gräserpollen auf und landete sanft auf dem Gehäuse der Schnecke. Dann lief Marie mit ihren sechs Beinchen auf der Schnecke auf und ab. Das kitzelte natürlich und bald fing die knurrige Schnecke tatsächlich an zu lachen.

Fröhlich und völlig schief singend flog Marie zufrieden weiter.

„Ich bin glücklich, so glücklich, einfach nur sehr glücklich …“

Da, eine Wildbiene. Es hatte den Anschein, als säße sie auf dem Stein, um die Sonnenstrahlen zu genießen. Doch als Marie näher kam, sah sie, dass sie sich täuschte. Es war eindeutig: die Wildbiene weinte.

Elegant landete sie neben dem Bienchen und wurde nicht müde, auch ihr einen guten Tag zu wünschen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen.

„Ich bin traurig“, antwortete die Biene, „weil viele meiner Artgenossen bereits gestorben sind und nun frage ich mich, ob es überhaupt noch Sinn macht, dass ich meine Arbeit verrichte. Ich kann doch auch einfach hier auf diesem Stein sitzen bleiben.“

„Ob es Sinn macht?!“ Marie reagierte entsetzt. „Aber weißt du denn gar nicht, dass du der wichtigste Helfer in der Natur bist. Du und deine Artgenossen, ihr tragt die Pollen von Blüte zu Blüte, um deren Fortpflanzung zu sichern.“

„Ja, das tun wir“, erwiderte die Biene zustimmend, „doch unsere Arbeit wird immer schwieriger. Die Menschen setzen einfach zu viele Gifte ein, die uns so unglaublich schaden.“

„Ja, das tun sie“, entgegnete Marie, „ich weiß, aber es findet auch ein Umdenken statt. Schau dich um, es gibt wieder bunte Blumenwiesen. Du musst fest daran glauben, dass sich alles zum Guten wenden wird.“

Als das Marienkäfermädchen weiter flog, wusste es, dass es nun an der Biene lag, das Gute zu sehen und die Glücksmomente auch wirklich wahrzunehmen.

Sie konnte nicht mehr tun, als die Augen der anderen auf das Gute und auf glückliche Momente zu richten.

Als Marie am Abend auf Höhe des Dachbodens in die Mauerritze eines alten Hauses kroch, fielen ihr die Augen vor lauter Erschöpfung zu. Es war ganz schön anstrengend gewesen, Glücksmomente zu verteilen.

Als sie herzhaft gähnte, war es der Wind, der sanft um die Hausecke strich und ihr leise zuflüsterte: „Gut gemacht Marie! Und nun schlaf gut!“  

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021


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Dienstag, 15. Juni 2021

Gesichtspulli

Das waren unsere Reizwörter: 

Bart, Nasenspitze, vorwitzig, füllig, saugen

Und das sind die Namen meiner 'Mitschreiberinnen': Lore und Regina

Bitte lest auch ihre Geschichten. - Wir freuen uns über jeden, der uns besucht!

 

Als ich Omas Küche betrat, saß sie am Küchentisch. Sofort fielen mir ihre strahlenden Augen auf und auch das fröhliche Lächeln, das ihre Lippen umspielte. Was es wohl war, dass Oma so zum Strahlen brachte? Dem wollte ich unbedingt auf die Spur kommen.

Als ich zum Tisch kam, sah ich, dass Oma in einem Fotoalbum blätterte. Puh, die Bilder darin sahen schon ganz schön vergilbt aus und irgendwie roch es auch unangenehm. Alt eben.

„Was sind denn das für Fotos, die du dir da anschaust?“, fragte ich neugierig.

„Ach weißt du, gestern bekam ich von Hanne, meiner besten Freundin, eine Postkarte zugeschickt. Sie macht im Augenblick mit ihrem Mann Urlaub an der Ostsee. Da wurden sofort Erinnerungen in mir wach, denn genau in dem Ort haben dein Opa und ich unseren ersten gemeinsamen Urlaub verbracht. In einem winzigen Zelt.“

„Das war bestimmt kuschelig“, sagte ich und mir schien, als zöge eine leichte Röte über Omas Wangen, als sie entgegnete: „Ja, das war es!“

„Und wer ist dieser dünne Kerl da mit dem Bart?“, erkundigte ich mich.

Oma begann zu lachen. „Der Kerl, dem man das Halleluja durch die Backen blasen konnte, meinst du? Das ist dein Opa!“

„Waaas? Also heute ist er aber um einiges fülliger“, lachte ich. Und das war wirklich noch charmant ausgedrückt. „Ich wusste gar nicht, dass er mal einen Bart getragen hat.“

„Oh, diesen Gesichtspulli, wie ich immer gesagt habe, fand ich wirklich furchtbar. Aber er hatte eine Wette verloren und deshalb durfte er sich ein halbes Jahr lang nicht rasieren. – Ja, und wie das dann aussah, kannst du auf diesem Foto sehen.“

Oma blätterte um und der alte Geruch stieg umso mehr in meine Nase. Aber da musste ich durch. Schließlich war meine Neugierde geweckt.

„Schau nur“, meinte Oma, „da ist mir ein echter Schnappschuss gelungen.“

In der Tat. Auf dem Bild war Opa zu sehen. Das Besondere aber war eine vorwitzige Fliege, die direkt auf Opas Nasenspitze gelandet war.

„Du Oma“, sagte ich beeindruckt, „mit dem Foto hättest du auch einen Fotowettbewerb gewinnen können.“

„Ja, vielleicht. Aber ich hatte ja schon doppelt gewonnen“, erwiderte sie verschmitzt, „zum einen hatte ich mir deinen Opa geangelt und zum anderen meine kleine Fotokamera gewonnen.“

„Wirklich? Erzähl mir davon!“

„In unserem Ort gab es einen Fotoladen. Und dort fand damals eine besondere Aktion statt. Sie verschenkten nämlich eine Kamera an den Besitzer eines 10-DM-Scheines mit einer ganz bestimmten Nummer. Ja und was denkst du, in wessen Geldbörse sich genau dieser 10-DM-Schein befand?“

„Ne, das glaub ich jetzt nicht!“

„Doch, dass sauge ich mir nicht aus den Fingern. Es stimmt wirklich. Ich war wirklich im Besitz dieses 10-DM-Scheines.“

„Dinge gibt’s!“, erwiderte ich.

Wir wandten uns wieder dem Album zu und ich entdeckte auf einem Foto eine junge Frau mit einem ungewöhnlichen Kopfschmuck. „Bist du dass Oma? Aber was bitte trägst du da auf deinem Kopf?“

„Na klar bin ich das und das Ding da auf meinem Kopf ist eine Badekappe. Sie war hellblau mit himmelblauen Kunststoff-Haaren darauf. Das war damals der allerletzte Schrei. Ich war also modisch ganz vorne mit dabei.“

Auf dem nächsten Foto sah Opa ein bisschen bedrückt aus und ich erkundigte mich bei Oma nach dem Grund.

„Oh ja, wir waren beide deprimiert an dem Morgen. Wir hatten am Abend zuvor noch lange draußen unter dem Sternenhimmel gesessen und roten, aber sehr billigen Wein getrunken“, schmunzelte sie, „ja und als wir uns dann zum Schlafen in das Zelt verkrochen, haben wir unseren kleinen Campingtisch und die Klappstühle nicht mehr in den Kofferraum unseres Autos verfrachtet, sondern einfach vor dem Zelt stehen gelassen. Das war keine gute Idee, wie sich am nächsten Tag herausstellte. Man hatte uns nämlich bestohlen. Da die Dinge deinen Urgroßeltern gehörten, war das besonders blöd.“

„Hat man die Diebe gefunden?“

„Nein, und auch den Tisch und die Stühle haben wir trotz langen Suchens auf dem ganzen Campingplatz nicht mehr gefunden.“

So ein Zelturlaub schien mir trotz dieses Vorfalls wirklich erlebenswert, weshalb ich spontan äußerte: „Ich möchte mit meinem Freund auch mal einen Urlaub im Zelt verbringen."

„Das ist schon romantisch. Jedenfalls dann, wenn die Sonne scheint und es trocken bleibt“, meinte Oma, „doch damals gab es in einer Nacht einen furchtbaren Regenschauer. Da ich nie zuvor gezeltet hatte, war ich unbedarft und hab von innen an der Zeltwand mit dem Finger die Regentropfen nachgezeichnet. Dass man das tunlichst unterlassen sollte, hab ich dann gemerkt, denn ab da tropfte der Regen durch die Zeltplane nach innen. Dadurch wurde es dort nicht nur nass, sondern mir war erbärmlich kalt und ich habe mächtig gefroren. Wir sind dann auch recht bald abgereist, da es nicht aufhören wollte zu regnen und sich alle Sachen feucht anfühlten. Ja und das war dann auch unser erster und einziger Campingurlaub …“

„… von dem du damals noch nicht ahntest, dass du eines Tages deiner Enkelin davon erzählen würdest.“

„Das stimmt wohl, meine Große!“, erwiderte sie und strich mir liebevoll über die Haare, so wie sie es immer tat, auch wenn es in Anbetracht meines Alters so langsam aber sicher peinlich wurde. Aber solange es niemand sah …

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021


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Sonntag, 30. Mai 2021

Eine Wolke, ein Gewitter und die Liebe

Die heutige Geschichte geht mit folgenden Reizwörtern an den Start:

Fingerhut, Libellenflügel, plumpsen, durchnässt, wuschelig           

Übrigens auch bei Regina und Lore! :-)

Nachdem Jana und Ben gemeinsam das Mittagessen eingenommen hatten, ging Jana in den Garten, um sich ein wenig auszuruhen.

Sie zog einen Liegestuhl in die Sonne und ließ sich hinein plumpsen. Sie war wirklich schwerfällig geworden in den letzten Tagen.

Ihr Blick fiel auf das Beet, in dem üppig der Fingerhut in den schönsten Farben blühte.

Oh, eine Libelle. Jana hatte lange keine mehr gesehen. Moment mal, wie war das noch? Können Libellen stechen? Nein, sie glaubte nicht. Das war wohl ein weit verbreiteter Irrglaube.

Sie beobachtete das Tier eine Weile und konnte genau die vielen feinen Äderchen in den Libellenflügeln erkennen und auch, dass das Tier seine vier Flügel unterschiedlich bewegen konnte.

Bsssss - eine dicke Hummel verscheuchte die Libelle und ein Lächeln umspielte Janas Lippen.

Immer wenn sie eine Hummel sah, musste sie unweigerlich an ihre Oma denken, die diese Tiere in ihrer plattdeutschen Sprache liebevoll ‚Plüschmors‘ genannt hatte.

‚Ach Omilein‘, dachte sie, ‚schade, dass du jetzt nicht bei mir bist. Ich hätte dir so viel zu erzählen. - Aber sag, warst du das vielleicht, die von ‚dort oben‘, meinen Weg in dieses verschlafene Nest geführt hat?‘

Janas Gedanken gingen zurück zu der Zeit, als sie noch in einer großen Bank in der großen Stadt gearbeitet hatte. Sie wollte damals über ein verlängertes Wochenende zu ihrem Freund fahren, der einige Hundert Kilometer entfernt wohnte. Doch wie heißt es so schön: erstens kommt es anders, als man zweitens denkt.

Sie war sehr spät vom Büro nach Hause gekommen, hatte schnell noch ein paar Sachen in ihre Reisetasche geworfen und war in ihr kleines Auto gestiegen. Schon die ersten Verkehrsmeldungen hatten vermuten lassen, dass einiges auf der vor ihr liegenden Strecke los sein würde. Aber das stellte sich später als das kleinere Übel heraus.

Viel schlimmer war nämlich ein aufziehendes starkes Gewitter gewesen. Jana hasste Gewitter. ‚Danke Oma!‘, dachte sie in diesem Moment, denn es war klar, von wem sie diese Angst geerbt hatte.

Jana war zwar bewusst gewesen, dass sie in ihrem kleinen Auto sehr sicher war, doch sie war ebenso sicher gewesen, dass sie sich in einem Haus geschützter gefühlt hätte. Deshalb war sie kurzerhand die nächste Abfahrt herunter gefahren und in einem Ort gelandet, von dem sie niemals zuvor gehört hatte.

Sie war auf der Suche nach einem Lokal oder einer Gaststätte durch den Ort gefahren. Ihr Plan war gewesen, dort irgendwo einzukehren, etwas zu essen und das Ende des Gewitters abzuwarten, um danach ihren Weg fortzusetzen. Doch erstens …

Weil sie weder ein Lokal noch eine Kneipe hatte finden können, hatte sie entschieden, an den Straßenrand zu fahren, sich im Auto ganz klein zu machen und abzuwarten, während grelle Blitze am Himmel zuckten und grollende Donner ihr Auto zum Beben brachten.

Sie hörte bei ihrem gedanklichen Rückblick noch heute, wie jemand laut „Wolke, komm zurück“, gerufen hatte. Doch Wolke war nicht zurückgekommen, sondern hatte lautstark bellend an ihrem Auto verharrt.

Es hatte gar nicht lange gedauert, bis ein völlig durchnässter junger Mann neben besagter Wolke und hinter ihrer Autoscheibe aufgetaucht war.

„Entschuldigung“, hatte er, pitschnass wie er war, gesagt, „ich weiß auch nicht, was in meinen Hund gefahren ist. Eigentlich ist er gut erzogen.“

Sie musste erbärmlich ausgesehen haben, hinter ihrem Steuer, da der Mann sich nach ihrem Befinden erkundigt hatte.

Während er pudelnass neben ihr im strömenden Regen gestanden hatte, hatte sie ihm kurz ihre Situation geschildert und eine Minute später in seiner warmen Küche bei einer Tasse Tee gesessen.

Sie war in dieser Nacht nicht mehr zu ihrem Freund gefahren. Sie war überhaupt nicht mehr zu ihrem Freund gefahren, sondern hier geblieben. Bei Ben, ihrer großen Liebe.

Wie sollte sie das nennen? Zufall? Schicksal? Fügung?

Jetzt, wo sie so darüber nachsann, fragte sie sich, ob es einen vorgezeichneten Plan gibt, und ob sich jedes Ereignis im Leben nach diesem Plan richten muss. Doch wer legt ihn fest, ohne dass wir eine Wahl hätten?

Aber so war es ja nicht. Sie hatte ja schon eine Wahl gehabt. Sie hätte ja wählen können, ihre Fahrt auf der Autobahn fortzusetzen oder spätestens nach Ende des Gewitters hätte sie sich auf den Weg machen können. Doch sie hatte anders entschieden. Demnach war doch sie es, die Entscheidungen getroffen hatte. Oder nicht?

Eine wuschelige kleine Wolke kam bellend zu ihr in den Garten gerannt.

Jana hatte sie vom ersten Moment an in ihr Herz geschlossen.

Ja und einen Mann, der seinen Hund ‚Wolke‘ nennt, den konnte man doch auch einfach nur in sein Herz schließen und lieben.

Der Hund nahm kurz Anlauf und landete direkt auf ihren Beinen.

„Du, sei mal ein bisschen vorsichtiger“, mahnte sie den kleinen Vierbeiner, der nicht ganz unschuldig an ihrer heutigen Lebenssituation war.

„Was meinst du, Wolke, ob unser kleines Mädchen, das mich gerade mächtig boxt, mit einem Lebensplan auf die Welt kommt?“

Sie strich beruhigend über ihren Bauch und musste schmunzeln, weil Wolke ihr mit schräg gelegtem Kopf aufmerksam zuhörte.

Noch vier Wochen, dann wären sie zu viert! Ben, sie, der Hund und das Baby. Eine richtige Familie.

„Weißt du“, vertraute sie dem Tier an, „man erzählt sich in manchen Gegenden dieser Welt, dass man von den kleinen Fußsohlen der Babys ihren Lebensplan ablesen kann.“

Wolke gab kurz einen Laut von sich.

„Und, was soll das jetzt heißen? Stimmt oder stimmt nicht? – Egal, ich glaube, wir zwei werden diese philosophische Frage heute nicht mehr klären können. Von daher lass uns noch ein paar Minuten in aller Ruhe hier liegen und uns ausruhen. Es wird noch anstrengend genug werden, wenn die Kleine erst da ist, oder was denkst du?“

„Wuff!“, ließ Wolke vernehmen und legte vorsichtig sein Köpfchen auf Janas Kugelbauch.


© Martina Pfannenschmidt, 2021


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Samstag, 22. Mai 2021

Kontakt-Börse

Karin schlenderte durch die Stadt und freute sich darüber, noch einen Platz im Außenbereich eines kleinen Cafés erwischt zu haben. Wie immer, so blieb auch heute der Platz ihr gegenüber frei.

Aber irgendwie hatte sie sich an diesen Zustand gewöhnt. Schließlich lag die Trennung von ihrem Mann schon zwei Jahre zurück.

Sie war durchaus angekommen in ihrem neuen Leben, hatte sich eine schnuckelige kleine Wohnung gesucht und nach ihrem Geschmack eingerichtet.

Hin und wieder schaute Max, ihr Sohn, vorbei. Auch zu ihrem Exmann bestand noch Kontakt, wenn auch nur sehr sporadisch. Aber wenigstens hatten sie es geschafft, Freunde zu bleiben.

„Was darf es sein?“, fragte plötzlich die Bedienung neben ihr.

Karin war so in Gedanken gewesen, dass sie die junge Frau gar nicht hatte kommen hören.

„Einen Cappuccino mit Sahne bitte!“

Karin stand zu ihren Rundungen und genoss das Leben. Und dazu gehörten auch hin und wieder ein Eis oder ein Cappuccino mit Sahne.

„Hey, was machst du denn hier?“, wurde sie in dem Moment unerwartet von Ute, ihrer besten Freundin, angesprochen.

„Einen Cappuccino trinken“, antwortete Karin lächelnd.

Ute ließ sich auf den Platz gegenüber fallen. „Du, viel Zeit habe ich zwar nicht“, meinte sie mit einem Blick auf ihre Armbanduhr, „aber es trifft sich ausgezeichnet, dass ich dich hier treffe. Ich habe da nämlich etwas für dich.“

Schon griff Ute in ihre Handtasche und kramte eine aus einer Zeitung gerissene Seite hervor.

„Schau mal, eine Kontaktbörse für Senioren.“

„Ute, was soll der Quatsch. Ich suche keinen Mann.“

„Ja, ja, das weiß ich doch. Du wirst ja nicht müde, das zu behaupten. Aber ich sage dir, es wäre schöner für dich, wenn es da wieder einen Partner an deiner Seite gäbe. Lass uns doch wenigstens mal schauen, was so im Angebot ist.“

„Na, wie das schon klingt. Ich suche keinen Mann, der ‚angeboten‘ wird.“

„Na los, nun sei kein Spielverderber. Wenigstens schauen könntest du doch mal. Und dann triffst du dich vielleicht mit jemandem und wenn es nichts ist, ist es auch gut. Aber vielleicht wartet ja die große Liebe auf dich.“

„Das glaubst du doch wohl selbst nicht!“

Die Bedienung servierte den Cappuccino und nahm Utes Kaffeebestellung entgegen.

„Wie gesagt, viel Zeit habe ich nicht, aber für einen Kaffee und einen Plausch mit dir reicht es allemal. Also hör mal zu, was hier steht: ‚70jähriger bietet warmherziger Partnerin Schulter zum Anlehnen!‘ Das klingt doch super, findest du nicht?“

„Ute, bitte, ich suche keine Schulter zum Anlehnen. Ich stehe mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Also an die Schulter darf sich gerne eine andere lehnen.“

„Na gut, schauen wir weiter. Pass auf: ‚Lust am Spiel‘?“

„Nun ist aber gut. Wer weiß, was der für Spielchen meint. Nein, nein, den will ich auf gar keinen Fall treffen.“

Ute freute sich zu hören, dass Karin wenigstens in Erwägung zog, einen Mann zu treffen. Wenn auch nicht diesen. Aber die Seite war ja voll mit netten Anzeigen:

„Lebensfroher Naturliebhaber mit flottem Auto sucht …“

„Niemals“, fiel Karin ihrer Freundin ins Wort. „Allein das Wort ‚Naturliebhaber‘ sagt doch schon, dass es sich um einen Langweiler handelt.“

„Du bist aber auch wählerisch. Aber nun gut. Wir werden schon den richtigen für dich herausfischen.

„Schau nicht nach unten, dann siehst du die Sterne nicht!“

„Steht das da etwa?“

„Natürlich steht das hier. Sonst würde ich es dir ja nicht vorlesen.“

„Vergiss es. Das ist mir zu schmalzig. Ich brauche auch niemanden, der mir die Sterne zeigt. Wenn überhaupt, hätte ich gerne einen gestandenen Mann so ganz ohne Firlefanz.“

„Na, dann suchen wir einfach weiter. Was hältst du denn hiervon: ‚Händchenhaltend durchs Leben gehen‘ …“

„Ich bekomme gleich einen Schreikrampf. Auf gaaaar keinen Fall!“

„Aber jetzt, pass mal auf, Karin. Das wird dich umhauen: ‚Grauer Wolf mit Herz und Humor, an Kunst und Musik interessiert, sucht lebensfrohe Partnerin‘.“

Ute wartete auf Karins Reaktion. Aber die kam nicht.

„Was ist los? Hat es dir die Sprache verschlagen?“, wollte Ute wissen.

Karin nippte an ihrem Cappuccino und ließ Ute wissen, dass das die erste Anzeige sei, die sie nett fände.

„Nett, soso.“

Ute griff wieder in ihre Handtasche und holte einen Kuli heraus, mit dem sie besagte Anzeige dick umrandete.

„So, einen hätten wir im Sack. Aber wir können ja noch weiter schauen. Was hältst du hiervon: ‚Gepflegter Er, 68, sucht Sie, die wieder Schwung in sein Herz und Haus bringt.‘“

„Das kannst du voll vergessen. Der sucht doch nur eine Putzfrau und nichts anderes.“

„Da könntest du recht haben“, erwiderte Ute und meinte mit einem weiteren Blick auf die Uhr, „schade, dass ich weg muss, aber vielleicht finden wir ja noch eine Anzeige, die dir gefällt, bevor ich gehen muss.“

„Ich weiß, du meinst es gut, Ute, aber wirklich, lass es gut sein. Ich bin echt nicht auf der Suche. Entweder das Glück kommt irgendwann von selbst auf mich zu oder ich lasse es.“

„Pass auf, ich lasse dir die Seite hier. Vielleicht überlegst du es dir ja noch anders.“

Ute verabschiedete sich und verschwand bald darauf im Getümmel der Einkaufsstraße.

„Entschuldigen Sie bitte“, wurde Karin bald darauf überraschend von einem Herrn am Nachbartisch angesprochen. „Ich habe unfreiwillig das Gespräch mit ihrer Freundin mitbekommen. Die will Sie wohl verkuppeln.“

Karin errötete verlegen. Ute sprach aber auch immer so laut. Bestimmt hatten auch noch andere ihr Gespräch mitbekommen.

„Also“, fuhr der Mann fort, „ich bin zwar nicht besagter ‚grauer Wolf‘ aus der Anzeige, aber wie Sie unschwer erkennen können, könnte ich es sein.“

Karin schmunzelte.

„Kann ich Sie vielleicht zu einem Stückchen Kuchen überreden?“

Er konnte und er durfte – bleiben.

  © Martina Pfannenschmidt, 2021

 

Ich hoffe, euch hat das Lesen der Geschichte genau so viel Freude bereitet, wie mir das Schreiben – 

und damit wünsche ich euch allen 

ein frohes Pfingstfest.

Die nächste Reizwörter-Geschichte wird am 

30. Mai erscheinen.

 

 

 

Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.

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Samstag, 15. Mai 2021

Läuse im Bauch

Reizwörter: Märchen, Reise, vergnügt, erschrecken, erleichtert

Lest bitte auch bei Lore und Regina, welche Geschichten sie zu den obigen Reizwörtern geschrieben haben. 


Katrin kam nach dem Joggen direkt zu Oma in die Küche. Zielsicher öffnete sie eine Schranktür und angelte nach einem Wasserglas, das sie sogleich unter den Wasserhahn hielt. In einem Zug trank Katrin das Glas leer.

„Nicht so hastig, junge Frau“, ermahnte Oma ihre Enkelin und fügte grinsend hinzu, „sonst bekommst du noch Läuse in den Bauch.“

„Ach Oma, du kannst mich damit nicht erschrecken. Das ist doch bestimmt wieder so ein Märchen von früher. Gib es zu!“

„Ja, stimmt, mir wurde das wirklich so erzählt und regelrecht eingebläut.“

„Aber woher kam denn dieser Mythos?“, fragte Katrin interessiert.

„Nun, ich denke, dass es daran lag, dass jeder in unserem kleinen Dorf seinen eigenen Hausbrunnen hatte und der Zustand des Wassers nicht so oft überprüft wurde. Da konnte es durchaus mal vorkommen, dass sich darin Bakterien befanden, die Bauchschmerzen und Durchfall verursachten.“

„Ach so, okay! Aber heute ist es sauber und rein!“, erwiderte Katrin vergnügt und erleichtert zugleich.

„Darauf hoffen wir jedenfalls“, meinte Oma durchaus skeptisch.

Oma und Enkelin unternahmen gedanklich so manche Reise zurück in die Vergangenheit. Das blieb gar nicht aus, da Oma sehr gerne von früher erzählte und Katrin ebenso gerne zuhörte.

In diesem Moment fiel ihr etwas ein, dass sich vor einigen Jahren zugetragen hatte: „Ich weiß noch ganz genau“, erzählte sie, „dass Mama mit dir geschimpft hat, weil du mich ermahnt hast, ich solle ja mein Kaugummi nicht herunter schlucken …“

und Oma beendete den Satz: „… damit der Bauch nicht zusammen klebt.“

„Genau das hast du mir erzählt …“

„…, na weil es mir auch so gesagt wurde“, fiel Oma ihr ins Wort, „aber zum Glück stimmt das nicht, sonst wären wohl sehr viele Bäuche auf dieser Welt verklebt.“

„Warte mal“, fuhr Katrin fort, „mir fällt bestimmt noch etwas ein, was ich von dir gehört habe.“

Sie kramte ein wenig in ihren Erinnerungen und siehe da, schon war ihr eine weitere Situation aus Kindertagen präsent.

„Ich erinnere mich noch genau, dass Mama mir immer ein schönes buntes Pflaster auf eine Wunde geklebt hat. Du hast aber immer behauptet, dass Luft an die Wunde muss.“

„Na, stimmt das etwa auch nicht?“, fragte Oma entsetzt.

„Nee, Omilein, Wunden sollten desinfiziert und mit einem Pflaster verklebt werden. Erst wenn sie trocken ist, ist das Pflaster überflüssig – aber ab dann hilft Luft in jedem Fall“, meinte Katrin verschmitzt.

„Ach weißt du Kind, wir haben es früher anders gemacht und es hat uns auch nicht geschadet. Aber du wirst schon recht haben mit dem, was du sagst.“

„Omi, du musst jetzt ganz stark sein“, flachste Katrin, „es gibt da nämlich noch so einen Ratschlag, den heute niemand mehr beherzigt.“

„Und der wäre?“, fragte Oma nach.

„Was hast du mir geraten, wenn ich Nasenbluten hatte?“

„Dass du den Kopf in den Nacken legen sollst“, erwiderte Oma umgehend.

„Genau – und das ist aus heutiger Sicht auch nicht richtig. Man soll den Kopf nämlich nach vorne beugen und ein kaltes Tuch in den Nacken legen.“

„O Mann, o Mann! Dann stimmt es wohl auch nicht, dass Senf dumm macht, was?“, fragte Oma schelmisch und beide mussten lachen.

„Weißt du, was meine Oma in diesem Fall gesagt hätte? ‚Meine Zeit‘, hätte sie gesagt. Sie sagte immer: ‚Meine Zeit‘! Und oft fiel bei ihr auch der Satz: Man darf ruhig dumm sein, man muss sich nur zu helfen wissen.“

„O ja, den Spruch kenne ich auch“, erwiderte Katrin und freute sich diebisch, als ihr eine weitere Erinnerung kam.

„Mir fällt noch etwas ein, was du immer gesagt hast, nämlich immer dann, wenn ich absichtlich geschielt habe. Dann warst du ganz besorgt und hast gesagt: Lass dass mal lieber, sonst bleiben deine Augen noch so stehen.“

„Ich gebe es zu. Auch das habe ich gesagt.“

„Siehste. Ich kann mich noch gut erinnern.“

„Ach Kind, du musst bedenken, wie viele Jahrzehnte zwischen deiner und meiner Jugend liegen. Es ist ja kaum noch etwas übrig geblieben von früher. Aber manche Dinge waren damals schöner als heute.“

„Na, da bin ich ja mal gespannt, welche das sein sollen.“

„Nun, ich denke da zum Beispiel an Liebesbriefe. Heute schreibt doch niemand mehr einen Liebesbrief, dabei ist es so romantisch und anrührend, zu lesen, wenn ein anderer Mensch dir seine Gefühle offenbart.“

„Och“, meinte Katrin, „das gibt es heute immer noch.“

„Wirklich?“, fragte Oma erwartungsvoll.

„Na klar, pass auf, ich beweise es dir.“

Katrin kramte in ihrer Gürteltasche und zog ihr Smartphone heraus. Sie suchte nach dem Namen ihres Freundes und hielt Oma das Handy breit grinsend unter die Nase.

Es waren gerade mal 3 Wörter, die Oma dort zu lesen bekam:

Du – Ich – läuft!

 © Martina Pfannenschmidt, 2021


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