Nach einer kleinen Pause melde ich mich heute wieder bei euch, denn wisst ihr, manchmal wartet man auf einen Impuls für eine neue Geschichte, doch er kommt nicht … bis, ja bis jemand den Namen Melanie ruft … und sich das – etwas komisch ausgesprochen -, irgendwie nach Schaf anhört … 😉 … und als im selben Moment eine Hummel meinen Weg kreuzte, war die Idee für eine weitere Geschichte geboren. Und nun wünsche ich euch viel Freude beim Lesen!
Das Schaf mit den kuscheligen weißen Locken aus Wolle, dem der Bauer den Namen Mählanie gegeben hatte, stand an diesem Nachmittag im Schatten eines alten Obstbaumes auf der Streuobstwiese. Die Sonne schien besonders warm, aber es wehte ein sanfter Wind, in dem sich die bunten Blumen auf der Wiese wiegten.
In diesem Moment vernahm Mählanie ein bekanntes Brummen. Bssss … Bssss …
Bssss … und ein kleiner, flauschiger Ball schwebte im Zickzackkurs direkt auf
eine große, rote Kleeblüte zu. Es war die Hummel, die einige liebevoll „Pummelchen“
nannten, weil sie halt so herrlich dickbäuchig war.
„Hallo, Pummelchen!“, rief Mählanie erfreut.
Die Hummel landete weich auf dem Klee, putzte sich mit den Vorderbeinen die
Fühler und schaute das Schaf aus kleinen, klugen Augen an. „Hallo Mählanie!
Aber du weißt doch, dass ich eigentlich Hummelchen heiße!“, stellte sie klar,
nahm die kleine Neckerei aber nicht persönlich, sondern kicherte so herzlich
darüber, dass ihr ganzer pelziger Körper zu vibrieren schien.
Das Schaf legte den Kopf schief und betrachtete die winzigen,
durchsichtigen Flügel, die im Sonnenlicht glänzten. Sie erinnerte sich an ein
Gespräch, das sie einmal mitangehört hatte und von dem sie nun der Hummel
erzählen wollte.
„Du, Hummelchen? Ich muss dir etwas Lustiges erzählen“, begann Mählanie.
„Der Bauer hat neulich erzählt, dass schlaue Wissenschaftler berechnet haben,
dass eine Hummel viel zu schwer ist für ihre kleinen Flügel und demnach nach
menschlichen Berechnungen gar nicht fliegen kann.“
Hummelchen hielt mitten in der Bewegung inne. Sie schaute kurz an sich
herab, blickte dann hoch zu den Wolken und fing laut an zu lachen.
„Ach, Mählanie!“, summte sie fröhlich. „Das ist ein Witz. Mich
interessieren diese menschlichen Berechnungen nicht. Wir Hummeln sehen den
blauen Himmel und die leckeren Blüten und fliegen einfach los!“
Das Schaf wackelte ein wenig mit seinen Ohren, bevor es antwortete: „Ich find’s
wunderbar! Du tust es einfach, weil du darauf vertraust, dass du es kannst.“
„Genauso ist es!“, bestätigte Hummelchen und hüpfte auf die nächste Blüte.
„Aber sag mal, Mählanie ... was denkst du, lassen sich die Menschen selbst
durch die Berechnungen oder Worte anderer ausbremsen? Denkst du, dass sie
denken könnten, etwas nicht zu können, nur weil es ihnen irgendwer gesagt hat?“
Mählanie legte sich gemütlich ins Gras, während Hummelchen im Schwebeflug
über ihrem Kopf kreiste. „Oh, da fallen mir viele Dinge ein“, meinte das Schaf.
„Der kleine Sohn des Bauern zum Beispiel. Er wollte letztens ein Bild von mir
malen, aber sein älterer Bruder sagte: ‚Du malst nicht schön. Ich kann kein
Schaf auf deinem Blatt erkennen.‘ Da hat der Kleine traurig seinen Stift zur
Seite gelegt, das Blatt zerrissen und nie wieder versucht, mich zu zeichnen.“
Hummelchen schüttelte empört den Kopf. „Wie schade! Dabei hat es ihm gewiss
Freude bereitet und er hat aus seinem Herzen heraus gemalt.“
„Ganz gewiss hat er das“, bestätigte das Schaf und fuhr fort, „und die
Bäuerin singt schrecklich gerne, wenn sie backt. Aber der Bauer hat sie
aufgezogen und gemeint, dass sie keinen einzigen Ton richtig treffen würde. Ja
und nun singt sie nur noch, wenn sie ganz sicher ist, dass sie niemand hören
kann. Dabei macht es ihr bestimmt auch viel Freude.“
„Es kommt mir so vor, als würden sich die Menschen selbst Zäune in ihre
eigenen Köpfe bauen oder bauen lassen“, summte die Hummel nachdenklich. „Wenn
ihnen jemand sagt ‚Das schaffst du nicht‘ oder ‚Dafür bist du nicht schlau,
sportlich oder groß genug‘, schenken sie dem anderen mehr Glauben und Vertrauen
als sich selbst und probieren es nicht einmal aus!“
„Mir scheint, man sollte viel öfter die Ohren auf Durchzug stellen, wenn
jemand sagt, etwas sei unmöglich“, entgegnete das Schaf und war sich sicher,
dass man stets alles ausprobieren und immer der eigenen Freude folgen sollte.
Die beiden verbrachten noch den ganzen Nachmittag zusammen auf der Wiese,
lachten über dieses und philosophierten über jenes und sie fragten sich, wie
die Welt wohl aussähe, wenn alle einfach das tun würden, was sie im Herzen spürten
– ganz ohne Angst vor dem Scheitern oder den Zweifeln, die andere säen.
Als Hummelchen sich schließlich verabschiedete, wirbelte sie noch einmal
elegant durch die Luft. Sie machte einen doppelten Looping, um zu zeigen, was
ihr alles möglich war und rief: „Tschüss, Mählanie! Vergiss nie: Flieg einfach
los!“
Das Schaf schaute seiner pummeligen Freundin so lange hinterher, bis der
kleine gelb-schwarze Punkt im Abendrot verschwand und fragte sich, wie viele
wunderbare Dinge die Menschen wohl nicht taten, nur weil irgendwer mal
behauptet hatte, es ginge nicht?
© Martina Pfannenschmidt, 2026

