Heute war der große Tag gekommen. An diesem herrlichen Frühlingstag sollte ein großer Sängerwettstreit ausgetragen werden.
Die Jury, bestehend aus dem Hasen Hoppel, der
gerade seine langen Löffel putzte, dem Eichhörnchen Fritzi, das aufgeregt auf
einer umgestürzten Birke jonglierte und aus dem Igel Isidor, der sich extra ein
frisches Gänseblümchen zwischen seine Stacheln gesteckt hatte, war bereits vor
Ort.
„Möge die schönste Stimme gewinnen!“, rief
Fritzi, das Eichhörnchen, voller Vorfreude.
Und so begann die Amsel. Sie flog auf die höchste
Spitze der Tanne, plusterte ihre schwarzen Federn auf und schmetterte mit
erhobener Brust eine melodische Arie in den Morgenhimmel.
„Sehr elegant!“, befand der Hase.
Doch kaum war der letzte Ton verhallt, ertönte
von der Nachbarwiese ein meckerndes: „Määäääh! Viel zu laut! Und dann
dieses Getue des schwarzen Vogels. Das hat mir nicht gefallen.“ Es
war Zora, die alte Ziege, die den Kopf über den Zaun streckte und ungebeten
ihre Meinung kundtat.
Die Vögel ließen sich allerdings nicht beirren.
Als Nächstes flatterte der Stieglitz auf einen Zweig. Sein Gesang war
so quirlig und flink wie er selbst.
„Das macht gute Laune!“, fiepte das Eichhörnchen und vollzog einen kleinen Freudensprung.
Zora war da anderer Meinung: „Määäääh!“ Das Gezwitscher klingt wie ein kaputtes
Radio!“
Zuletzt hüpfte das kleine Rotkehlchen auf einen Zaunpfahl – ganz nah bei Zora. Es sang eine Melodie, die so zart war, dass es im Garten ganz still wurde. Sogar Isidor der Igel hielt für einen kurzen Moment den Atem an.
„Pah!“, meckerte Zora. „Viel zu leise! Dabei schläft man ja ein. Määäääh!“
Die Jury beachtete den Einwurf der Ziege nicht,
geriet aber in einen kleinen Streit darüber, wessen Lied nun das schönste gewesen
sei.
„Die Amsel hat die meiste Kraft!“, rief der Hase.
„Aber der Stieglitz hat den besten Rhythmus!“, zankte das Eichhörnchen. „Und
das Rotkehlchen singt mit ganzer Seele!“, brummte der Igel beleidigt.
Die Vögel begannen gekränkt mit den Flügeln zu
schlagen und die fröhliche Stimmung drohte zu kippen. Nur Zora, die alte Ziege,
amüsierte sich prächtig.
Da öffnete sich die Gartentür. Die
kleine Leni kam barfuß über das Gras gelaufen. Sie trug ein Körbchen
voller bunter Bänder. Sie blieb stehen und sah die aufgebrachten Tiere und die
hämisch grinsende Ziege.
„Was ist denn hier los?“, fragte sie leise.
„Wir können uns nicht einigen, wer von den dreien der beste Sänger ist!“, rief
Hoppel verzweifelt. „Und die alte Ziege meint, keiner sei gut genug!“
Leni ging zum Zaun, kraulte die überraschte Ziege
kurz zwischen den Hörnern und wandte sich dann an die Vögel.
„Wisst ihr“, sagte Leni mit einem Lächeln, „wenn
ich ein Bild male, nehme ich nicht nur eine Farbe, sondern ganz viele, damit es
ein wunderschönes buntes Bild wird. Und so ist es auch mit eurem Gesang. Du,
Amsel, schenkst uns mit deinem Gesang Mut, und du, Stieglitz, die Freude und du,
Rotkehlchen, die Träume. Und wenn ihr gemeinsam singt, wird das perfekte Lied
daraus.“
Sagte es, nahm die bunten Bänder aus ihrem Korb
und hängte sie in die Sträucher.
„Keiner von euch ist besser als der andere“, fuhr
sie fort, „nur zusammen seid ihr das Lied des Frühlings. Und dieses Lied ist
perfekt, weil es so verschieden klingt.“
Die Vögel verstummten kurz. Dann passierte etwas
Wundervolles: Die Amsel gab den Takt vor, der Stieglitz und das Rotkehlchen
stimmten mit ein. Nun war es kein Wettstreit mehr, sondern es klang wie eine
wundervolle Symphonie.
Sogar die Ziege stellte das Kauen kurz ein, legte
den Kopf schief und gab ein fast schon sanftes „Mäh“ von sich.
In dem Moment fällte die Jury ihr Urteil: „Das
schönste Lied ist gar kein einzelnes – es ist das gemeinsame Konzert aller, das
den Frühling überhaupt erst ausmacht.“
© Martina Pfannenschmidt, 2026