Mittwoch, 15. Januar 2020

Wünsche an das neue Jahr


Reizwörter: Wünsche, Hoffnungsschimmer, mucksmäuschenstill, butterweich, innehalten

Weitere Geschichten mit diesen Reizwörtern lest ihr bei Regina und Lore!


Das neue Jahr war gerade mal ein paar Tage alt, als ich nach einer kurzen Reise zurück kehrte und meiner Oma einen Besuch abstattete.
Ich ging in ihre Küche, da ich sie dort vermutete, doch dort fand ich sie nicht. Auch in ihrem Wohnzimmer war es mucksmäuschenstill. Nichts war von ihr zu sehen oder zu hören, weshalb ich nach ihr rief.
„Hier bin ich“, kam es aus dem Schlafzimmer und schon kam sie mir freudestrahlend entgegen.
Wir nahmen uns in die Arme und wünschten uns gegenseitig ein glückliches neues Jahr.
Während ich bei einer Tasse Tee von meiner Reise erzählte, fiel mein Blick auf ein kleines Buch, das auf Omas altem Sekretär lag. Ich nahm es an mich und schaute interessiert hinein. Es war ihr Telefon- und Adressenverzeichnis. Obwohl es schon ziemlich abgegriffen und in die Jahre gekommen war, ließ sich doch erahnen, wie butterweich der Ledereinband einst gewesen sein musste.
Sogleich fiel mir auf, dass viele Namen und Adressen durchgestrichen waren und ich erkundigte mich, warum das so war.
„So ist das nun mal im Leben“, antwortete Oma mir in ihrer liebevollen Art. „Ich habe mich schon von vielen Menschen verabschieden müssen. Sie sind aber nicht alle verstorben, sondern einige sind verzogen oder es passte einfach nicht mehr.
Wenn man das erkennt, ist es klüger, eine Freundschaft zu beenden. Das wirst du auch noch merken, dass immer wieder neue Menschen in dein Leben treten, die zu dem Zeitpunkt deines Lebens dann besser zu dir passen.“
„Omi“, fragte ich sie nach einer Weile interessiert, „hast du eigentlich besondere Wünsche an das neue Jahr oder hast du dir etwas ganz Bestimmtes vorgenommen?“
Sie erwiderte: „Ach weißt du, ich denke, dazu benötigt man nicht unbedingt den Jahreswechsel, um Rückschau zu halten, Wünsche zu formulieren oder eine Veränderung zu wagen. Das kann man an jedem Tag des Jahres tun. Allerdings gebe ich zu, dass der Übergang von einem alten zu einem neuen Jahr dafür sehr geeignet scheint. Wer möchte schon Altes und Schweres mit hinüber nehmen in das neue Jahr, nicht wahr?“
Ich dachte über ihre Worte nach. Nein, Altes und Schweres möchte wohl niemand mit hinüber nehmen und doch geschieht es allzu oft.
„Im letzten Jahr habe ich doch in einem Unternehmen bei der Inventur geholfen, um mir ein bisschen Geld dazu zu verdienen“, erzählte ich und fuhr fort: „Weißt du, ich hab mir diesmal am Jahresende vorgestellt, dass ich auch so etwas wie eine Inventur meines Lebens mache. Ich hab geschaut, was im vergangenen Jahr gut und was nicht so gut war. Was möchte ich mitnehmen und was loslassen oder verändern.“
„Das hast du sehr klug gemacht! Es kann nicht schaden, einmal innezuhalten und Vergangenes zu betrachten. Was möchtest du weiterhin mitnehmen und bei dir tragen und wovon möchtest du dich verabschieden? Was hält dich bei deinem Vorankommen auf und was fördert es?
Dabei ist es sicher wichtig zu erkennen, dass alle Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen, uns bereichern. Und ich meine wirklich Alle, denn nichts kommt grundlos in unser Leben. Wenn wir schließlich unsere Erkenntnisse aus unseren Erfahrungen gezogen haben, dürfen sie gehen. Wir dürfen sie loslassen.“
Plötzlich musste ich schmunzeln, weil mir durch den Kopf ging, weshalb Oma vorhin aus ihrem Schlafzimmer kam. Sie räumt nämlich immer ihren Kleiderschrank auf und aus, sobald ein neues Jahr da ist. Vielleicht ist das so etwas wie eine Marotte von ihr. Andererseits macht es sehr deutlich, dass wir für Neues zuerst einmal Platz schaffen müssen. Altes raus - Neues rein.
„Omi“, fragte ich, weil es mir gerade in den Sinn kam, „glaubst du, es gibt einen Menschen auf dieser Welt, der rundherum glücklich und zufrieden ist? Immer? Zu jeder Zeit seines Lebens?“
„Vermutlich nicht. Doch ich denke, dass die Kunst darin besteht, wie wir mit unserem sogenannten Schicksal umgehen. Für jeden von uns ist das Leben eine Berg- und Talfahrt. Manchmal sind wir oben, manchmal unten. Nichts währt ewig. Alles ist immer in Bewegung und ändert sich. Und diese Veränderungen können uns zu Boden ziehen oder auch Aufwind geben. Das hängt ganz gewiss maßgeblich von unserem Charakter ab. Und der wird größtenteils durch diese Veränderungen geformt.“
„Du hast recht, im Leben geht es manchmal zu, wie auf einer Achterbahn“, warf ich schmunzelnd ein.
„Das stimmt wohl und dein Vergleich zeigt ja außerdem, dass es nach einer Talfahrt rasch wieder hinauf gehen kann. Und so ist es wohl auch im wahren Leben. Auch die schlechten, schlimmen Zeiten, werden vergehen.“
„Es sei denn“, warf ich ein, „wir halten sie mit unseren Gedanken weiterhin fest.“
„Genauso verhält es sich“, erwiderte Oma und ich sah ihren Augen an, wie stolz sie in diesem Moment auf mich war.
„Man kann das Leben aber ebenso mit einer Fahrt auf einem Fluss vergleichen“, meinte sie. „Es gibt niemals einen Stillstand. Ein Fluss ist immer in Bewegung. Manchmal gibt es unruhige Strecken. Da müssen wir uns in unserem Boot gut festhalten, um nicht herauszufallen oder umzukippen. Doch nach diesen Zeiten wird es auch wieder ruhige Streckenabschnitte geben.“
„Bis die nächste Stromschnelle kommt“, warf ich lachend ein und Oma nickte zustimmend.
Nach einer Weile meinte sie: „Ich habe dir vorhin nur indirekt auf die Frage geantwortet, ob ich Wünsche an das neue Jahr habe. Es war mir bisher vielleicht noch nicht so recht bewusst, doch jetzt kann ich es in Worte fassen. Ich wünsche mir, dass mein Gehör nicht nachlässt. Besonders in Bezug auf die Stimme in mir. Ihr möchte ich meine besondere Aufmerksamkeit schenken. Diese Stimme ist in turbulenten Zeiten wie ein Hoffnungsschimmer für mich, denn sie rät mir: Sei zufrieden mit dem, was du bist, was du tust und was du bereits erreicht hast.“
„Und ich möchte im neuen Jahr wenig zurück schauen“, erwiderte ich Oma daraufhin. „Ganz im Gegenteil. Ich möchte nach vorne schauen und ich möchte lernen, mein Boot sicher zu manövrieren, um den Stromschnellen nach Möglichkeit auszuweichen.“
Oma sah mich liebevoll an und entgegnete: „Wenn dir das gelingt, wirst du ein glückliches Leben führen und du wirst unglaublich stolz auf dich sein.“

© Martina Pfannenschmidt, 2020


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Sonntag, 22. Dezember 2019

Engelflügel


Bonita, die Mäuse-Mama, fegte ein paar Krümel zusammen, die sich unter dem kleinen Tisch auf dem Boden befanden.
Opa Maus saß in seinem Schaukelstuhl und beobachtete seine drei Enkel, die auf den Namen Lumpi, Flip und Albina hörten.
Lumpi und Flip spielten mit Murmeln, während Albina etwas aufgeregt von einem Beinchen aufs andere sprang.
„Albina“, sprach Opa sie an, „du machst mich ganz verrückt mit deiner Zappelei. Setz dich und nimm ein Buch in die Hand.“
„Kann nicht, Opa, bin einfach zu aufgeregt!“
„Und weshalb bist du aufgeregt?“
„Na, weil bald Weihnachten ist und weil die Kinder gleich kommen und für das Krippenspiel üben.“
„Auch das noch!“, murrte Opa. „In jedem Jahr das gleiche Spiel. Und immer dieser Krach hier im Haus. Es sind ja nicht nur die lärmenden Kinder. Zu Weihnachten strömen ja auch all die erwachsenen Menschen in Scharen hier in mein Zuhause! Und dann das ständige Gebimmel!“
„Dann hättest du dir ein anderes Zuhause suchen müssen“, warf Bonita ein, „und nicht in einer Kirche Unterschlupf suchen dürfen.“
„Du weißt genau, weshalb wir hier sind!“, sagte Opa etwas schärfer, als er es wollte.
„Weshalb denn?“, hakte Albina nach.
„Na, weil die Menschen im Herbst einen großen Erntekranz in die Kirche tragen. Da fallen so viele Körner heraus, dass wir für den ganzen Winter ausgesorgt haben. Das weißt du doch. Und deshalb sind wir hier!“
„Ach so“, erwiderte die Kleine enttäuscht, „und ich dachte, wegen Weihnachten.“
„Du magst das Fest, nicht wahr, meine Kind?“, fragte Bonita warmherzig.
„Ich liiieebe Weihnachten“, rief die Kleine und tanzte dabei durch den Raum. „Schon dieses Wort! Wie es klingt! Einfach zauberhaft!“
„Und dann sind da ja noch all die anderen schönen Wörter, nicht wahr: Weihnachtslieder, Weihnachtsbaum, Weihnachtsplätzchen,  …“
„… und die Weihnachtsgeschichte“, fiel Albina ihrer Mutter ins Wort. „Das ist das schönste am ganzen Fest.“
„Warum wird eigentlich Weihnachten gefeiert?“, fragte Flip plötzlich dazwischen.
„Na, wegen der Geschenke und weil Winter ist“, meinte Lumpi.
„So ein Quatsch!“, sagte Albina scharf. „Habt ihr denn im letzten Jahr kein bisschen aufgepasst? Weihnachten hat einen Anfang und einen völlig anderen Grund.“
Sie wusste noch aus dem vergangenen Jahr, dass die Weihnachtsgeschichte in einem Stall spielt und dass ein Zimmermann namens Josef und seine schwangere Frau namens Maria damit zu tun haben. Sie wusste auch, dass sie aus Nazareth kamen und auf dem Weg nach Bethlehem waren. Wenn sie sich recht erinnerte, hatte es damit zu tun, dass ein Kaiser eine Volkszählung angeordnet hatte. Der Name fiel ihr aber nicht mehr ein, weshalb sie ihren Opa fragte: „Opa, weißt du noch, wie der Kaiser hieß, der die Volkszählung angeordnet hat?“
„Ne, das weiß ich nicht. Franz vielleicht oder Wilhelm?“
„Opa!“, rief Mama scharf. „Erzähl dem Kind keinen Blödsinn. Augustus hieß der Kaiser und nicht Franz oder Wilhelm.“
„Ja, mei!“
„Und warum blieben sie nicht, wo sie waren, wenn die Frau schwanger war?“, wollte Flip nun wissen.
„Weil jeder dafür in seinen Geburtsort gehen musste, um sich dort registrieren zu lassen“, erklärte Mama. „Und weil so viele Menschen unterwegs waren, gab es keine Bleibe mehr für Josef und Maria. Fast wäre das Jesuskind unter freiem Himmel geboren worden. Aber Gott sei Dank stellte ein Mann den beiden seinen Stall zum Übernachten zur Verfügung.“
„Genau!“, rief Albina und flitzte zurück zur Ritze im Fußboden hoch oben auf der Empore. Von dort aus hatte sie einen wunderbaren Blick in den Altarraum der kleinen Kirche hinein, wo die ersten Kinder eintrudelten, um für das Krippenspiel zu üben.
Bald hörte sie, wie die Kinder das Lied ‚Vom Himmel hoch, da komm ich her’ einübten. – Ja und dann kam der Moment, auf den Albina besonders wartete. Der Auftritt des Engels stand bevor.
Ein kleines Mädchen mit einem weißen Gewand und Flügeln aus Federn stand dort und sah wirklich aus wie ein goldiger kleiner Engel mit ihren blonden Haaren und den roten Pausbäckchen.
Würdevoll sprach sie ihren Text. Albina war ganz gerührt. Ach, wie schön wäre es, einmal im Leben diese Rolle spielen zu dürfen. Wie gerne würde sie mit dem kleinen Mädchen tauschen. Es musste eine Ehre sein, diese Worte sprechen zu dürfen.
Heiligabend.
Selbst Opa Maus war heute nicht brummig, obwohl schon ziemlich viel los war in seinem Zuhause. Aber die Vorfreude der Kinder schlug auch auf ihn über.
Nach dem Gottesdienst wurde es sehr still in der Kirche. Mama zündete die kleinen Kerzen auf dem Weihnachtsbaum an und die Mäusefamilie stimmte Albinas Lieblingslied an. „Stille Nacht, heilige Nacht …“ sangen sie voller Inbrust mit ihren feinen Stimmchen.
Und dann kam der Moment, auf den alle warteten. Es war Zeit für die Bescherung. Flip und Lumpi bekamen neue Spielzeugautos und Opa eine neue Pfeife. Nur Albina hielt noch kein Geschenk in Händen, weshalb sie erwartungsvoll in die Augen ihrer Mutter sah.
Die leuchteten, als Mama ihr ein Päckchen übergab. „Für dich“, sagte sie. „Ich habe es nur für dich gemacht!“
Albina löste die Schleife und öffnete das verheißungsvolle Päckchen. Ihre Augen wurden groß und größer.
„Nach den Proben hab ich all die Engel-Federchen eingesammelt, die der Engel verloren hatte“, erzählte Mama, „und hab daraus für dich neue Flügelchen gebastelt. Jetzt darfst du auch ein Engel sein!“
Albina strahlte über das ganze Gesicht, als sie die Flügelchen anzog. Dann stellte sie sich auf einen Stuhl und sprach mit bebender Stimme: 
Bildergebnis für federn bilder kostenlos"Fürchtet euch nicht! Denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;  denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HERR, in der Stadt Davids.  Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“


© Martina Pfannenschmidt, 2019


Ich
wünsche dir
einen gemütlichen 4. Advent,
ein lichtvolles Weihnachtsfest,
sage Danke für deinen Besuch auf meinem Blog
und freue mich auf ein ‚Wiedersehen‘ im neuen Jahr!
Komm
gut
hinein
ins
Jahr

2020!


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Sonntag, 15. Dezember 2019

Schlafmütze und Rasselbande

Auch bei Lore und Regina gibt es Geschichten mit den folgenden
Reizwörtern: Engelhaar, Stern, glitzern, jubeln, glücklich

Mama Maus standen die Haare zu Berge. Ihre vier Buben waren heute wirklich außer Rand und Band. Na, nicht alle. Schlafmütze wurde seinem Namen wieder einmal gerecht. Er lag schlafend und zusammen gerollt in der Sofaecke, was bei dem Radau, der um ihn herum herrschte, an ein Wunder grenzte.
Flummi, Pupsi und Fussel rannten hintereinander her, sprangen übereinander und … fast hätten sie die wertvolle Lampe, die ein Erbstück von Oma Friedegunde war, umgeschmissen.
„So, jetzt ist aber Schluss!“, rief Mama Maus energisch.
Sogar Schlafmütze öffnete seine Augen. Hatte hier jemand etwas gesagt?
„Kommt mal her, ihr Rasselbande. Ihr seid ja nicht zu bändigen. Was haltet ihr davon, wenn wir uns an den Tisch setzen, die leckeren Körnerkekse essen und ich uns einen Kakao mache?“
Die Mäusekinder riefen alle durcheinander, gingen dann aber doch sehr geordnet auf ihre Plätze am Esstisch.
„Schlafmütze, mach mal ein bisschen schneller“, rief Flummi.
Fussel lachte: „Du schläfst ja sogar im Gehen!“
„Ärgert euren Bruder nicht, nur weil er anders ist, als ihr“, ermahnte Mama ihre Kinder.
Dann stellte sie fünf Becher Kakao auf den Tisch, holte die Körnerkekse aus dem Schrank und nahm Streichhölzer aus der Schublade.
Mit einer Engelsgeduld entzündete sie drei Kerzen.
„Heute ist schon der dritte Advent“, freute sich Pupsi. „Jetzt dauert es gar nicht mehr lange, dann ist Heiligabend.“
„Es sind noch genau neun Tage“, rechnete Mama Maus ihren Kindern vor. „Das ist wirklich nicht mehr so lange. Habt ihr denn schon Eure Wunschzettel für das Christkind geschrieben?“
„Schon lange!“, riefen sie. „Wir müssen sie nur noch auf die Fensterbank legen.“
„Dann solltet ihr das heute Abend machen, damit das Christkind noch genug Zeit hat, euch die Wünsche zu erfüllen. Aber ihr wisst ja, dass nicht immer alle Wünsche erfüllt werden können.“
Die Jungs nickten. Leider hatten auch sie schon diese Erfahrung gemacht.
Als sie deshalb ein wenig traurig schauten, begann Mama Maus, ihren Buben eine Geschichte zu erzählen:
„Es war einmal ein kleiner Junge. Ein Menschenkind. Man hatte ihm den Namen Sebastian gegeben.“
„Das ist ein schöner Name, der gefällt mir“, ließ Flummi wissen.
„Dieser Junge wohnte bei seiner Großmutter in einem kleinen Häuschen am Waldrand.“
„Wo waren denn seine Eltern?“, fiel Fussel Mama ins Wort.
„Seine Eltern lebten nicht mehr. Sie waren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Sebastian konnte sich an sie und diesen Unfall gar nicht mehr erinnern, weil er noch sehr klein gewesen war, als es passierte. Er war der einzige der kleinen Familie, der überlebt hatte. Doch bei dem Unfall war sein linkes Bein so schwer verletzt worden, dass es ihn oft schmerzte und er auch gezwungen war, zu humpeln.“
„Oh, das tut mir leid“, warf Pupsi ein.
„Der Junge war inzwischen zehn Jahre alt und er hätte gern mit seinen Mitschülern Fußball gespielt, doch das war ihm einfach nicht möglich.“
„Dann war er ganz bestimmt traurig“, meinte Schlafmütze.
„Ganz sicher machte ihn das traurig“, mutmaßte Mama. „Und was denkt ihr, was sich dieser Junge in jedem Jahr zum Weihnachtsfest wünschte? Was stand wohl aus seinem Wunschzettel?“
Die Jungs sahen sich gegenseitig an. Fussel vermutete, dass sich der Junge einen Fußball wünschte. Flummi zeigte ihm einen Vogel: „Du spinnst doch. Der konnte doch gar nicht Fußball spielen. Hat Mama doch gerade gesagt.“
„Stimmt!“
„Ist doch ganz klar“, wusste Pupsi, der Kleinste, „er wünschte sich, gesund zu werden.“
„Genau so war es. Auch in diesem Jahr schrieb Sebastian auf den Weihnachtswunschzettel: Ich wäre gern wie die anderen Jungs und möchte Fußball spielen können.“
„Das ist wirklich traurig“, meinte Schlafmütze ein weiteres Mal mitfühlend.
„Weshalb?“, wollte Mama wissen.
„Na, weil das Christkind ihm diesen Wunsch sicher nicht erfüllen kann.“
„Doch, das Christkind kann so was!“, war Pupsi sicher.
„Passt nur gut auf“, sagte Mama mit erhobener Stimme, „wie die Geschichte weiter geht. – Am 24. Dezember, also Heiligabend, öffnete Sebastian die Tür zum Wohnzimmer. Vor ihm stand ein Weihnachtsbaum, der noch viel schöner glitzerte, als im Jahr zuvor. Seine Oma hatte ihn mit viel Lametta, roten Äpfeln, Strohsternen und Engelhaar geschmückt. Ein großer silberner Stern steckte oben auf der Spitze des Baumes.
‚Geh nur näher heran’, munterte sie den Jungen auf, ‚und schau, was dir das Christkind gebracht hat.’
Unter dem Baum lagen ein Pulli, den seine Oma gestrickt hatte, ein Schlafanzug, ein Buch und auch ein Spiel.
Der Junge bedankte sich höflich bei seiner Oma, doch sein Herz war schwer, weil sein größter Wunsch wieder nicht erfüllt worden war.
Natürlich ahnte seine Oma das, doch sie wusste nicht, wie sie, - Mama räusperte sich -, wie das Christkind ihm diesen Wunsch jemals erfüllen sollte.“
„Der Schluss der Geschichte gefällt mir nicht“, sagte Schlafmütze und maulte. „Mir auch nicht!“, riefen die anderen. „Das ist eine doofe Geschichte.“
„Ist sie denn schon zu Ende?“, fragte Mama und sah spitzbübisch in acht freudig leuchtende Augen.
„Ist sie noch nicht zu Ende?“
„Nein, sie ist noch nicht zu Ende. Ihr wisst doch, alles wird immer gut werden und so endet auch diese Geschichte gut. Hört nur zu.
Die beiden verbrachten ein harmonisches Weihnachtsfest, hörten Weihnachtslieder, spielten mit dem neuen Spiel und fuhren zu Verwandten, wo es noch weitere Geschenke für Sebastian gab.
Doch die ganz große Überraschung kam für den Jungen ein paar Tage nach dem Fest. Ein anderer Junge, der genau in seinem Alter war, zog unerwartet ins Nachbarhaus ein und dieser Junge litt unter einer Krankheit, die man Asthma nennt. Er bekam also schlecht Luft. Deshalb konnte er weder schnell laufen, noch Fußball spielen.“
„Und der wurde sein bester Freund. Ist es so?“, rief Schlafmütze dazwischen und jubelte vor Freude, als Mama nickte.
„Genau so verhielt es sich. Das Christkind hatte ihm seinen Wunsch zwar nicht in der Form erfüllt, wie Sebastian es sich vielleicht erhofft hatte, doch es hatte dafür gesorgt, dass aus einem traurigen kleinen Jungen ein glücklicher wurde.“
„Das war doch eine schöne Geschichte“, meinte Schlafmütze und gähnte. Inzwischen waren auch seine drei quirligen Brüder müde geworden und als die vier später schlafend in ihren Betten lagen, schlich Mama nach draußen. Nur um zu schauen, ob das Christkind die Wunschzettel auch gefunden hatte.

© Martina Pfannenschmidt, 2019

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Dienstag, 10. Dezember 2019

Ein ganz besonderes Geschenk



Als Katrin das Haus betrat wurde sie von einem verführerischen Duft empfangen, so dass sie schnellen Schrittes Richtung Küche lief.
Oma stand mit geröteten Wangen vor dem heißen Backofen und entnahm ihm ein Blech wohlriechender Kekse.
„Hmmmm, wie das duftet!“, schwärmte Katrin und fügte eine Frage an: „Gibt es bei dir zufällig einen leckeren Tee für die Lieblingsenkelin und vielleicht noch ein paar dieser wunderbaren Kekse dazu?“
„Du bist und bleibst ein Schelm“, antwortete Oma und freute sich, dass ihre Enkelin ein paar Minuten ihrer wertvollen Zeit mit ihr verbringen wollte. „Natürlich gibt es einen Tee bei mir und die Kekse dort hinten sind schon abgekühlt, wenn du sie probieren …“
Zu spät. Die ersten Kekse waren längst in Katrins Magen verschwunden. „Die sind echt lecker“, nuschelte sie mit vollem Mund.
Oma schüttelte nur den Kopf. Ihre Katrin. Groß war sie geworden, ein echter Teenager, doch manchmal war sie noch ihre Kleine. So wie in diesem Augenblick.
Bald darauf saßen die beiden bei einer Tasse Tee am Küchentisch und Katrin erkundigte sich, ob Oma die Kekse zum Verschenken gebacken hatte.
„Gewiss! Im Sommer hab ich schon Marmelade gekocht und einen Likör angesetzt, den ich verschenke und für ganz besonders liebe Menschen habe ich noch … oh, jetzt hätte ich mich fast verplappert.“
Katrin wusste dennoch, was Oma fast herausgerutscht wäre. Da sie gewiss zu Omas Lieblingsmenschen gehörte, würde sie bestimmt auch wieder ein Paar Socken ergattern. Die bunt Geringelten mochte sie am liebsten. Aber das wusste Oma natürlich.
„Ach Omi, du hast bald alle Geschenke beisammen und ich noch nicht einmal eine Idee; dabei steht schon bald der 3. Advent vor der Tür. Mir fehlen einfach die Ideen für kreative Geschenke. Eigentlich weiß ich überhaupt nicht, was ich schenken soll und so viel Geld hab ich ja auch nicht.“
„Ach Katrin, als ob es auf den Preis ankäme. Du weißt doch, das Geschenke, die von Herzen kommen, einen viel größeren Wert haben, als die, die ohne Liebe ausgesucht und verschenkt werden.“
„Ja, das ist mir schon klar. Aber mir fehlen einfach die Ideen“, wiederholte sie sich.
„Dann würde ich folgendes vorschlagen. Du sagst, wen du beschenken möchtest und wir überlegen uns gemeinsam etwas für diese Person.“
„Na, da wäre als Erstes meine Freundin Jessi. Was könnte ich der schenken?“
Oma überlegte, bevor sie fragte: „Gibt es etwas, was du an Jessi ganz besonders toll findest? Was macht sie als Person aus? Was schätzt du ganz besonders an ihr? Was bewunderst du an ihr? Wofür bist du ihr dankbar?“
„Dazu müsste ich mir Gedanken machen“, erwiderte Katrin. „Aber ich verstehe nicht, was das mit einem Geschenk zu tun haben soll.“
„Ich erinnere mich, dass ich es irgendwo als Geschenkidee gelesen habe, dass man einem Menschen, der einem wichtig ist, ein Wertschätzungskärtchen schreiben könnte. Du könntest dafür eine Karte besonders hübsch gestalten und in die Mitte schreibst du alles, was du an deiner Freundin ganz besonders magst. All das, wofür du dankbar bist und was sie so besonders macht.“
„Das ist mega, Omi. Das wird Jessi ein Lächeln ins Gesicht zaubern.“
„Das denke ich auch. So, nun weiter. Wer soll noch ein Geschenk bekommen?“
„Mama auf jeden Fall!“
„Mama mag doch diesen neuen Stil. Wie heißt er noch?“
„Vintage, Omi!“
„Ja, genau. Geh doch am Samstag auf den Flohmarkt, kauf dort etwas Originelles und dann mach dich selbst ans Werk und hübsch es auf. Vielleicht eine alte Lampe oder Vase. Da wirst du bestimmt etwas Schönes finden und dann lässt du deiner Kreativität freien Lauf.“
„Okay! Und was soll ich Papa schenken?“
„Du machst doch ständig mit deinem Smartphone Fotos. Schenk ihm doch einfach eine Collage deiner schönsten Bilder. Darüber würde er sich bestimmt freuen.“
„Du hast echt gute Ideen. Toll. Das mach ich.“
„Und, gibt es noch jemanden, der beschenkt werden soll?“, fragte Oma spitzbübisch.
„Nein, sonst fällt mir niemand ein“, frotzelte Katrin. Aber das war natürlich geflunkert. Oma wollte sie schon auch beschenken. Aber die sagte immer, dass sie alles hat und sich nichts mehr wünscht, als mit ihrer Familie ein harmonisches Weihnachtsfest zu verbringen. Aber irgendetwas, das Oma ein Lächeln ins Gesicht zaubern würde, wäre schon toll.
Ein paar Tage später hatte sich Katrin in ihrem Zimmer eingeschlossen. Die Karte für ihre Freundin war fertig und einfach zauberhaft geworden. Die Collage für Papa auch. Jetzt war sie dabei, eine Vase für Mama zu verzieren und danach würde sie sich an das Geschenk für ihre Oma machen.
Am Heiligen Abend saß die ganze Familie beisammen. Das Essen hatte allen gut geschmeckt und die Geschenke waren so gut wie ausgetauscht und hatten Freude bereitet. Auch Oma war beschenkt worden. Nur das Geschenk von Katrin, das fehlte noch.
„Omi, ich hab für dich auch noch ein Geschenk“, sagte Katrin und übergab ein mit einem roten Schleifenband verziertes und zu einer Rolle aufgedrehtes Blatt Papier.
Oma nahm es an sich, entfernte die Schleife und begann, zu lesen, was Katrin darauf geschrieben hatte. Doch es war kein Lächeln, das sie ihr damit ins Gesicht zauberte. Omas Augen wurden ganz feucht und glänzten noch mehr, als zuvor.
„Danke, liebe Katrin. Eine größere Freude hättest du mir gar nicht machen können.“
„Und“, fragte Mama neugierig, „was hat sich unsere Tochter für dich einfallen lassen?“
„Nun, ich möchte sagen“, antwortete Oma etwas verlegen, „sie hat mir einen Liebesbrief geschrieben.“

© Martina Pfannenschmidt, 2019



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Samstag, 30. November 2019

Frieden ist wie Watte


Ilona knetete den Teig. Sie wollte für das bevorstehende Weihnachtsfest Kekse backen und nutzte dafür ihren freien Tag.
Anton, ihr Jüngster, saß am Küchentisch. Gelangweilt blätterte er in einem alten Liederbuch, das neben Noten und Texten auch kleine weihnachtliche Motive enthielt.
Unverhofft fragte er seine Mutter: „Mama, warum hat das Jesuskind auf den Darstellungen eigentlich immer so eine komische Windel an? Die sieht ganz anders aus, als die, die ich kenne.“
„Na, weil es früher noch keine Höschenwindeln gab“, antwortete diese. „Da trugen die Kinder noch Windeln aus Stoff. Die gab es übrigens auch noch, als Oma ein Baby war.“
„Echt? Krass! Aus Stoff? Kamen die auch in den Müll?“
„Nein, die wurden gewaschen. Und weißt du was? Damals gab es noch nicht einmal eine Waschmaschine. Da wurden die Windeln noch richtig in einem großen Kessel ausgekocht.“
„Krass!“, erwiderte Anton. Das war nämlich im Moment sein Lieblingswort.
„Du Mama“, fragte er eine Weile später, „Jesus wurde doch geboren, um Frieden zu bringen, oder?“
„Ja, warum fragst du!“
„Na, weil das offensichtlich nicht geklappt hat. Da hat Jesus wohl was falsch gemacht, oder nicht?“
„Ach, Anton! Ich denke schon, dass er alles richtig gemacht hat. Wir Menschen haben es nur immer noch nicht richtig verstanden oder nicht richtig umgesetzt, was er uns gesagt hat.“
„Aber wir sind doch schlau. Wir haben doch Computer erfunden und viele andere krasse Sachen. Warum kriegen wir das mit dem Frieden denn nicht hin?“
„Ja, was ist der Grund dafür, dass immer noch Kriege herrschen? Vielleicht ist die Antwort ganz einfach: Weil keiner von uns wirklichen Frieden in sich fühlt und auch in unserer Sprache benutzen wir viel zu oft das Wort ‚Krieg’ und es ist uns noch nicht einmal bewusst. Oder hast du bemerkt, dass du eben ‚kriegen’ gesagt hast. Das Wort ‚bekommen’ ist in einem solchen Fall immer die bessere Wahl.“
„Krass, was du alles weißt! Dann weißt du bestimmt auch, wie sich Frieden anfühlt.“
„Wir können ja mal gemeinsam darüber nachdenken, wie sich Frieden anfühlt“, schlug Ilona vor.
„Wie Watte!“, rief Anton spontan. „Er fühlt sich an, wie Watte. Weich und kuschelig und sehr hell. Frieden ist weiß!“
„Okay! Frieden fühlt sich an wie Watte und ist weiß. Darauf muss man auch erst einmal kommen. Aber du hast sicher recht mit dem, was du sagst. Denn Krieg ist dunkel, schwarz wie die Nacht. Oder wie ist für dich Krieg?“
„Warte! Ich überlege!“ Und dann brach es aus Anton heraus: „Krieg fühlt sich an wie Teer. Er klebt krass an uns und wir können uns nicht davon befreien.“
„Ich bin richtig stolz auf dich! Frieden fühlt sich also an wie Watte und Krieg wie Teer. Das sind wirklich gute Beispiele.“
„Aber wie können wir Teer in Watte verwandeln? Da muss ein krasser Mega-Superheld kommen, der das schafft.“
„Oh weh! Einen Mega-Superhelden gibt es wohl nicht an jeder Ecke“, gab Ilona zu bedenken.
„Aber wer weiß, vielleicht kommt ja noch einmal einer, der so ist wie Jesus und der das kann.“
„Ich fürchte“, entgegnete Ilona, „wir Menschen müssen unseren eigenen Anteil daran leisten. Wir können unsere Hände nicht einfach in den Schoß legen und sagen: Da muss einer kommen, der alles richtet oder lass die anderen man machen. So wird es nicht gehen. Wir müssen es schon wirklich wollen und auch fühlen. So ganz tief in unserem Herzen.“
Anton schwieg, bevor er fragte: „Vielleicht kann man sich den Frieden ja auch bestellen. Weißt du, wie ich meine?“
Mama lachte: „Du meinst eine krasse Friedensbestellung bei Gott?“
„Ja, genau! Vielleicht hilft es ja, wenn wir einen Friedenswunsch beim Weihnachtsmann abgeben. Weißt du, so wie früher, als ich noch klein war und einen Wunschzettel geschrieben habe.“
Abrupt erhob sich Anton, ging in sein Zimmer und schrieb einen Brief an den Weihnachtsmann. Er wünschte sich Frieden für die Welt und, obwohl er schon lange wusste, dass seine Eltern die Geschenke besorgen, fügte er hinzu: Und wenn es möglich ist, vielleicht noch ein blaues Mountainbike. So ein ganz krasses, wie das von Pascal.
Während Ilona die ersten Kekse aus dem Teig formte, waren ihre Gedanken bei Anton und seinem Vorschlag, bei Gott über den Weihnachtsmann Frieden zu bestellen. Sie schmunzelte über seine jugendliche Naivität; aber vielleicht war es ja wirklich möglich. Schließlich gibt es auch Erwachsene, die daran glauben, dass man beim ‚Universum’ eine Bestellung aufgeben kann. Aber bei ihr gab es in dieser Hinsicht viele Zweifel.
Als Kind hatte sie sich das besser vorstellen können. Da glaubte sie an einen freundlichen alten Mann, der mit einem langen Bart hoch oben im Himmel sitzt und auf die Menschen herab schaut. Von diesem Gedanken verabschiedet sich aber wohl jeder Erwachsene irgendwann und schon wird es schwieriger mit einer Bestellung. Mit dem Abschied von dieser bildlichen Vorstellung kommen auch Gedanken, ob es diese höhere Macht überhaupt gibt.
Doch wenn man davon überzeugt ist, dass es sie gibt, ist es dann so abwegig, einen Wunsch zu formulieren und ihn zu übergeben? Vielleicht so, wie man einen Brief beim Postamt aufgibt, übergibt man gedanklich einen Wunsch ans Universum.
Vielleicht, so ging es ihr durch den Kopf, sollte sie es zunächst mit einem kleineren Wunsch versuchen. Der Wunsch nach Weltfrieden schien ihr kaum erfüllbar. Aber vielleicht war es ja genau das Zweifeln daran, dass er möglich ist, dass wir noch so weit davon entfernt sind.
Doch wie soll ein Wunsch in Erfüllung gehen, wenn wir schon bei der Übergabe dieses Wunsches an seiner Erfüllung zweifeln?
Es wird sicher nicht genügen, sich mit einer Tasse Kaffee und Keksen an den Tisch zu setzen und auf die Erfüllung eines Wunsches zu warten, dachte sie. Das wird wohl nicht reichen. Man muss ganz gewiss seinen Fokus auf das Gewünschte richten und fest daran glauben, damit sich Wünsche erfüllen können.
Vielleicht ist die Chance, dass unser Wunsch erfüllt wird, dann am größten, wenn er wirklich aus tiefstem Herzen kommt. Vielleicht müssen wir richtig für eine Sache ‚brennen’, damit sie erhört wird. Gott - oder das Universum - wird schon unterscheiden können, ob unser Wunsch ein Herzenswunsch ist oder nicht.
Als Anton in die Küche gestürmt kam, riss er Ilona aus ihren Gedanken. „Mama, mein Wunschzettel ist fertig! Und deiner?“, fragte er ein bisschen enttäuscht, während er sich suchend umsah.
„Meinen schreibe ich heute Abend“, versprach sie und meinte dies ehrlich und aus tiefstem Herzen.

© Martina Pfannenschmidt, 2019


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Freitag, 15. November 2019

Ich bin ein wertvoller Mensch!


Reizwörter: Regenhut, Pfütze, verzeihen, lustig, orange

Bei Lore und Regina lest ihr weitere Geschichten
mit diesen Reizwörtern.


Leise klopft der Regen auf das Dachfenster über mir, durch das ein wenig Licht auf mein Buch fällt.
Ich schaue auf und erinnere mich an die Worte meiner Mutter: „Kind, mach dir doch Licht an. Das ist nicht gut für deine Augen, wenn du im Halbdunklen liest.“
Ein Schmunzeln umspielt meine Lippen, als ich das Buch auf das kleine Tischchen neben mir lege, um den Lichtschalter zu betätigen.
Anschließend gehe ich in die Küche, um mir einen Tee zuzubereiten.
Während ich darauf warte, dass das Wasser kocht, schaue ich aus dem Fenster und erblicke Lotta, das Nachbarmädchen. Es steht in der Haustür gegenüber und schaut, wie ich, hinaus in den Regen.
Doch dann verschwindet sie kurz, um bald darauf mit einer Regenjacke in einem leuchtenden Orange und einem kecken Regenhut auf dem Kopf aus dem Haus zu stürmen. Es dauert nicht lange und sie hüpft mit ihren bunten Gummistiefeln in die erste große Pfütze, die sich ihr in den Weg stellt. Welch ein Glück für Lotta, dass niemand da ist, den das stört und der ihren kindlichen Tatendrang unterbindet.
Wie gut, dass der frühere Hausmeister meiner Schule sie nicht sieht, geht mir durch den Kopf. Er würde gewiss mit ihr schimpfen. Ich weiß nicht, was es ist, dass diesen Mann so hartherzig hat werden lassen. Früher habe ich mir darüber gar keine Gedanken gemacht, doch heute frage ich mich, ob er vielleicht eine schwierige Kindheit hatte, die ihn für sein Leben geprägt hat. - Vielleicht war er kein Wunschkind, so wie es Lotta ist.
Jemand sagte einmal: „Augen auf bei der Wahl der Eltern!“
So lustig dieser Satz auch klingen mag, soviel Wahrheit steckt in ihm.
Ich denke daran, wie viele Paare es gibt, die versuchen, ihre Ehe durch ein Kind zu retten. Mit welch einer Bürde werden diese Kinder bereits geboren.
Während ich so darüber nachdenke, wird mir bewusst, dass eigentlich schon im Moment der Befruchtung die unterschiedlichsten Bedingungen für die Kinder zugrunde liegen und ich frage mich, was das mit einem Kind macht, wenn es spürt, dass es nicht gewollt ist.
Und was macht es mit einem Kind, wenn der Vater gewalttätig ist? Kann es ihm dies jemals verzeihen?
Ob Kinder in den ersten Lebensjahren Nähe oder Distanz erleben, das ist für ihren späteren Lebensweg ganz sicher von größter Bedeutung.
Und so frage ich mich in diesem Augenblick, was das mit einem Kind macht, wenn die Mutter alkoholsüchtig oder depressiv ist und was macht es mit ihm, wenn sie sich ständig überfordert fühlt?
Was macht eine Scheidung mit einem Kind, wenn Konflikte vorangingen und man von ihm erwartete, dass es sich für einen Elternteil entscheidet?
Von all diesen Gedanken, die gerade durch meinen Kopf gehen, weiß Lotta nichts – und das ist gut so. In ihrer Familie wird noch gemeinsam gegessen, gespielt, gesprochen und vielleicht auch mal gestritten, aber sie kennt keine Gewalt oder eine kühle Distanz.
Ihr stehen noch freie Flächen zum Spielen zur Verfügung und sie muss sich nicht notgedrungen in Innenräumen und Medienwelten aufhalten. Sie darf ihr Kind sein noch voll ausleben – und das tut sie auch.
Ich denke daran, wie eng meine Bindung zu meinen Eltern ist. Eine emotionale Bindung, die mich geprägt und bindungsfähig gemacht hat. Vielen Menschen fällt gerade das schwer. Sie sehnen sich zwar nach Nähe, doch wenn sie entsteht, ziehen sie sich zurück.
Sie sind unzufrieden in ihren Beziehungen, weil sie sich stets als Gebende fühlen. Sie werden das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, vielleicht ein Leben lang nicht ablegen können.
Wie schade, wenn man niemals das Gefühl hat, wertvoll zu sein.
Doch was ist es, das mich wertvoll macht und wer ist für mich wertvoll?
In diesem Moment ist Lotta wertvoll für mich, denn sie erfreut mich in ihrer kindlichen Art und lenkt meine Gedanken.
Es ist aber auch der Bäcker an der Ecke, bei dem ich jeden Morgen meine frischen Brötchen kaufen kann. Doch nicht nur er ist für mich wertvoll, sondern ich – einfach alle Kunden – sind es für ihn ebenso, denn sie sichern ihm sein Einkommen.
So viele Menschen sind wertvoll für mich, auch wenn ich niemals eine engere Beziehung zu ihnen aufbauen werde und mir wird bewusst, dass ich noch nie wirklich darüber nachgedacht habe, wie viele Menschen für mich wertvoll sind.
Ich denke an den Busfahrer, der mich morgens sicher zur Arbeit bringt, die Männer vom Müll, die nette Dame aus dem Bürgerbüro, den Fahrer des Schneemobils, den Postboten, meinen Physiotherapeuten ...
Und dann sind da natürlich noch all die Menschen, zu denen ich eine ganz besonders nahe Bindung habe: Meine Familie, Freunde. In diesem Fall bin ich dann für den jeweils anderen wohl ebenso wertvoll.
Es ist schön, zu wissen, das es Menschen gibt, für die man wertvoll ist, die gerne die Zeit mit uns verbringen und denen wir fehlen würden, wenn wir plötzlich nicht mehr da wären!
Ich habe einen Wert für andere. Ich bin wertvoll für einen anderen Menschen, allein dadurch, dass ich gemeinsame Zeit mit ihm verbringe.
Das ist ein großartiges Gefühl, zu erkennen, dass nicht nur andere Menschen für mich wertvoll sind, sondern ich auch für sie.
Doch was ist mit den Menschen, zu denen ich keine gute Bindung aufbauen kann, weil sie mir einfach nicht entsprechen oder weil sie mir bewusst oder unbewusst Leid zugefügt haben? Sind sie wertlos für mich?
Das ist ganz sicher ein Trugschluss, so zu denken, denn auch diese Menschen sind wertvoll für mich, da sie mich durch ihr Verhalten geprägt und zu dem Menschen gemacht haben, der ich heute bin.
Als ich mit einer dampfenden Tasse Tee zurück kehre zu meinem Buch, fühle ich mich richtig gut, weil ich das Gefühl in mir trage, dass jeder Mensch wertvoll ist. - Also bin auch ich ein wertvoller Mensch!

© Martina Pfannenschmidt, 2019



Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.
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