Freitag, 9. August 2019

Ich will auch ein Tiger sein!


Tanja schaute auf ihre Armbanduhr. Noch etwa 10 Minuten, dann würde der Bus um die Ecke biegen, in dem sich ihr Großer befand.
Sie war schon gespannt darauf, mit welchen Erlebnissen er heute aus der Schule heim kommen würde.
Vom Küchenfenster aus sah sie, dass sich der Bus näherte. Luan stieg aus und Tanja sah seinen hängenden Schultern an, dass der Tag für ihn wohl nicht so erfolgreich verlaufen war.
„Hi, Luan!“, rief sie ihm zu, als er sich dem Haus näherte.
„Hi, Ma!“
„Na, alles gut gelaufen?“
„Gelaufen! Gutes Stichwort. Scheiße gelaufen ist es. Und zwar so richtig! Ich war mal wieder langsam, wie eine Schnecke!“
„Oh je! Du meinst bestimmt den 100-Meter-Lauf. Waren die anderen schneller, als du?“
„Klar, waren sie schneller. Besonders Julian. Ich bin und bleibe eben eine Schnecke und alle sehen es und lachen mich deshalb aus. Das ist echt voll gemein!“
Diese Aussage tat auch ihr als Mutter weh.
„Schau dir nur die verrückten Spatzen an“, meinte Mama in diesem Moment und zwar nicht, um vom Thema abzulenken, sondern weil ihr Blick gerade dorthin fiel. „Papa wird schimpfen, wenn er nach Hause kommt und sieht, dass die kleinen Rabauken sich an dem Rasensamen bedienen, den er gestern ausgesät hat.“
Luan schaute ebenfalls dort hin. Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht, als er die Federknäuel beim Mittagstisch sah.
„Schau Luan, dort über die Steine krabbelt eine Weinbergschnecke.“
„Na, toll! Und was willst du mir jetzt damit sagen? Dass es stimmt, dass ich genau so langsam bin, wie sie?“
„Nein, das will ich dir gewiss nicht sagen. Aber ich frage mich gerade, ob sich diese Schnecke jemals mit einem Regenwurm, einem Maulwurf oder gar einem Tiger vergleichen würde.“
„Hä?“
„Na schau, genau das machst du! Du weißt, dass Julian ein begnadeter Läufer ist. Er ist im übertragenen Sinn also der Tiger. Und du denkst, du musst auch ein Tiger sein. Aber so bist du nicht gedacht. Du bist vielleicht eine Schnecke. Vielleicht bist du aber auch ein Fisch und dein Element ist das Wasser. Was ist schlecht daran? Die Schnecke dort auf den Steinen wird niemals unglücklich sein, weil sie denkt, nicht schnell genug zu sein. Sie ist eine Schnecke und langsam - und gut ist.“
„Ich will aber keine Schnecke sein! Ich will auch ein Tiger sein!“, schmollte Luan.
Tanja konnte sich gut in ihren Sohn hinein versetzen, doch sie wollte ihm begreiflich machen, dass es überhaupt nichts bringt, sich mit anderen zu vergleichen. Deshalb sagte sie: „Weißt du, genau dieses Vergleichen mit anderen ist es, das uns traurig und unzufrieden macht. Wir sind, wie wir sind und wer wir sind, und so, wie wir sind, sind wir gut und genau richtig!“
„Das sagt sich so leicht, Ma! - Aber egal, jetzt habe ich erst einmal Hunger.“
„Na dann komm. Das Essen ist fertig. - Aber weißt du, was mir gerade in den Sinn kommt? Ich glaube, du bist weder eine Schnecke, noch ein Fisch. Du bist ein Bär!“
„Ein Bär?“
Mama lachte: „Na, bei dem Bärenhunger, den du immer hast.“
Jetzt musste auch Luan lachen und bald darauf ließen sich die beiden das Essen schmecken.
Als Luan längst in seinem Zimmer verschwunden war, um seine Hausarbeiten zu erledigen, dachte seine Mutter noch eine Weile über das Gespräch mit ihrem Sohn nach und sie fragte sich, wieso wir Menschen oft nicht erkennen, dass es okay ist, dass wir unterschiedlich sind?
Kein Tier vergleicht sich mit einem anderen und auch kein Baum käme auf diese Idee. Keine Eiche fühlt sich zu dick und wäre lieber eine schlanke Tanne und kein Gänseblümchen fragt sich, warum es keine Rose geworden ist. Nur wir Menschen machen uns das Leben schwer, weil wir nicht annehmen können, was und wer und wie wir sind.
Sie selbst war auch schon oft in diese Falle getappt. Und sie und ihr Sohn waren sicher nicht die einzigen Menschen auf der Welt, denen das passiert. Das kennen wohl alle irgendwie. Selbst die, auf die wir neidisch schauen. Auch sie kennen wiederum Menschen, denen es vermeintlich besser geht oder die etwas noch besser können, als sie selbst.
Tanja ging durch den Kopf, dass unsere Gesellschaft sehr erfolgs- und leistungsorientiert ist und man sich oft minderwertig fühlt, wenn man einer - von wem auch immer bestimmten - Norm nicht entspricht.
Doch wenn wir ganz ehrlich mit uns selbst sind, erkennen wir, dass es oft gar nicht die anderen sind, die mit einem Finger auf uns zeigen, sondern wir selbst. Wir suchen bei uns nach vermeintlichen Fehlern, nur um etwas zu finden, dass wir an uns bemängeln können. Und dadurch, dass wir uns selbst klein machen, fühlen wir uns minderwertig.
Tanja wurde ebenso bewusst, dass ihr Sohn noch seinen Platz im Leben sucht. Er wusste noch nicht, wo er steht. Vielleicht hört dieses Suchen nach unserem Platz in dieser Welt aber auch niemals auf. Vor allem dann nicht, wenn es uns nicht gelingt, mit einem liebevollen Blick auf uns zu schauen.  
Doch wer sollte es besser hinbekommen, unser Leben zu leben, als wir selbst? Niemand anderer lebt unser Leben. Deshalb sollten wir uns mit Verständnis und Mitgefühl begegnen und endlich Frieden mit unserem Inneren schließen und keinen Krieg mit und gegen uns selbst führen.
Vielleicht ist es auch so, dass wir uns gar nicht deshalb schlecht fühlen, weil wir etwas nicht können, sondern deshalb, weil wir uns so, wie wir sind, nicht annehmen können.
Tanja nahm sich fest vor, ihren Sohn dazu anzuleiten, sich selbst zu lieben, um ihm damit letztendlich die Kraft zu geben, er selbst zu sein.

© Martina Pfannenschmidt, 2019

Mittwoch, 31. Juli 2019

Wir sind nicht unsere Gedanken

Nicole öffnete die Haustür, warf den Autoschlüssel in das kleine Körbchen, das auf der Ablage unter dem Spiegel stand, feuerte ihre Schuhe in die Ecke und stapfte Richtung Wohnzimmer.
Mit einem Seufzer und den Worten: „Meine Güte, bin ich platt!“, ließ sie sich auf den nächstbesten Sessel fallen.
Jens sah seine Frau an und meinte mitleidsvoll: „Das macht bestimmt die Hitze. Die setzt in diesen Tagen vielen Menschen zu.“
„Mag sein, aber ich vermute, dass mir Katja mehr zugesetzt hat, als die Hitze!“
„Ach ja, hab ich ganz vergessen. Du hast dich ja mit deiner Freundin getroffen. Wo hab ich nur wieder meine Gedanken?“
Dabei grinste er breit.
„Ja, wo hast du nur wieder deine Gedanken“, frotzelte seine Angetraute, „wie immer bei der Börse oder anderen Zahlen, nur nicht bei mir.“ Dabei zog sie eine Schnute.
Jens legte seine Zeitschrift beiseite: „Und, was hat sie von sich gegeben, deine beste Freundin?“
„Ach, frag nicht. Irgendwie ist es immer dasselbe mit ihr. Sie sitzt auf ihren Eiern wie eine Ente und brütet und brütet, anstatt einmal aufzustehen, um einen anderen Blickwinkel auf ihre Probleme zu bekommen.“
„Ach, das alte Thema. Aber du gibst nicht auf, oder?“
„Nein, so schnell gebe ich nicht auf. Auch wenn sie zischt und um sich hackt, wie eine Ente es tut, wenn man sich ihren Eiern zu sehr nähert.“
„Du mit deinen Vergleichen!“
„Aber es trifft doch den Kern, oder nicht?“
Jens nickte.
„Weißt du, sie hört nicht auf, die alten Wunden wieder aufzureißen. Ihre quasselnde Stimme im Kopf hört einfach nicht auf, ihr Gedanken einzureden, die ihr nicht gut tun.“
„Und was denkst du? Woher rühren die?“
„Ich kenne Katja ja schon lange und vermute, dass der Grundstein für ihre Selbstzweifel in ihrer Kindheit zu finden ist.“
„Das ist durchaus möglich. Wie oft sagen uns unsere Eltern, was wir zu tun und zu lassen haben.“
„Und übergangslos machen die Lehrer damit weiter“, warf Nicole ein,
„und irgendwann können wir unsere eigenen Gedanken nicht mehr von denen unterscheiden, die uns eingeredet wurden und so denken wir ständig, nicht gut genug zu sein oder nicht genug zu haben.“
Simba, der schwarze Kater der Familie, kam ins Zimmer geschlichen und legte sich schnurrend vor Nicoles Füße.
„Du hast es gut“, meinte sie, „du kennst weder Selbstzweifel, noch vergleichst du dich mit anderen Katern.“
Jens stimmte seiner Frau zu: „Wie wahr! Sich ständig mit anderen zu vergleichen, macht uns letztendlich nicht nur traurig, sondern vielleicht sogar krank.“
„Was denkst du“, fragte Nicole, „ob Simba auch Gedanken kennt?“
„Keine Ahnung“, erwiderte ihr Mann, „ich glaube, wir Menschen denken bis zu 80.000 Gedanken pro Tag.“
„Das ist doch irre, oder?“
„Ja, ist es!“
„Weißt du, ich denke oft, wie viel besser Katja sich fühlen würde, wenn sie endlich ihre destruktiven Gedanken loslassen würde. Sie erkennt gar nicht, wie sehr sie ihr schaden. Sie klammert sich daran fest, wie eine Ertrinkende an ihrem Rettungsring. Dabei sind wir doch gar nicht unsere Gedanken.“
„Nein, natürlich nicht. Aber da müssen wir uns wohl fragen, was wir ohne unsere Gedanken sind. Wären wir überhaupt?“
„Na klar, wären wir! Wir sind letztendlich das, was die Gedanken beobachten kann! – Aber Katja beobachtet oder kontrolliert ihre Gedanken nicht, sondern sie lässt sich von ihren Gedanken kontrollieren. Sie glaubt, was sie ihr einreden.“
Nach einer Weile sagte Jens: „Und sie erkennt nicht, ob es die Wahrheit ist!“
„Genau so ist es. Sie ist sozusagen die Sklavin ihrer Gedanken.“
„Wie furchtbar!“
„Finde ich auch“, erwiderte Nicole betrübt, „aber sie verharrt in ihren alten Gedankenmustern, erkennt nicht, dass sie die Gedanken anderer zu ihren gemacht hat. Sie ist wie eine Gefangene ihrer eigenen Gedanken.“
„Sie müsste erkennen“, meinte Jens, „dass wir nicht Gedanken, sondern Bewusstsein sind, nicht wahr?“
„Genau das versuche ich schon sehr lange, ihr begreiflich zu machen. Ich habe ihr gesagt, sie solle sich vorstellen, dass sie das Meer ist und die Gedanken sind nur die Wolken, die sich darin spiegeln.“
„Ich sag ja, du und deine Vergleiche“, lachte Jens, „aber der ist echt gut. Denn das Meer interessiert nicht, ob der Himmel blau ist oder ob weiße oder dunkle Wolken sich in ihm spiegeln.“
„Genau! Die Oberfläche verändert sich zwar, denn dunkle Wolken wühlen das Meer auf und ein blauer Himmel schenkt dem Meer eine blaue Farbe, aber in der Tiefe bleibt es davon unberührt.“
„Weil das Meer eben das Meer ist und nicht die dunkle Regenwolke am Himmel!“
Nicole schmeichelte ihrem Mann: „Ach Schatz, du bist so klug!“
„Bin ich, denn schau: Der Wind spielt ja auch noch eine Rolle. Wenn er aufkommt, ziehen die dunklen Wolken weiter. Und wenn wir nun wieder zu den Gedanken kommen, stellen wir fest, dass sie kommen und auch wieder gehen, wenn wir ihnen keine Bedeutung beimessen.“
„Weißt du“, schmunzelte Nicole, weil sie schon wieder einen Vergleich bringen wollte, „beim nächsten Treffen sage ich Katja, dass es mit den Gedanken ist, wie mit einem Radiosender. Den stellt sie doch auch um, wenn ihr nicht gefällt, was dort läuft.“
„Ach, mein Schatz, du und deine Vergleiche. Ihr seid echt mit Geld nicht zu bezahlen!“

© Martina Pfannenschmidt, 2019

Sonntag, 14. Juli 2019

Ausmisten


Julia ging zum Trockner und entnahm ihm die getrocknete Wäsche. Als sie diese faltete, lief im Hintergrund ihre Lieblings-CD und Julia sang textsicher mit.
Als sie ins Schlafzimmer ging, um ihre Wäsche in den Schrank zu legen, änderte sich ihre gute Laune schlagartig. Ihr Kleiderschrank war übervoll. Sie wusste schon gar nicht mehr, wohin mit all ihren Klamotten. Sie müsste dringend ausmisten. Aber das war gar nicht so einfach, schließlich verband sie mit vielen Kleidungsstücken eine Erinnerung.
Versonnen nahm sie das rote Kleid aus dem Schrank. Sie hatte es getragen, damals, als sie Lukas auf frischer Tat ertappt hatte. Und schon waren nicht nur die negativen Bilder aus jenen Tagen in ihrem Kopf, sondern auch die dazugehörigen Gefühle.
Zwei Jahre war das jetzt schon her und doch tat es immer noch weh. Sie hängte das Kleid wieder zurück.
Julia nahm den schwarzen Hosenanzug heraus. Immer wenn sie ihn sah, stiegen Tränen in ihre Augen. Mit ihm verband sie die Erinnerung an die Beerdigungen ihrer Großeltern – und genau das Gefühl löste er bei ihr aus: Traurigkeit! Auch ihn hängte sie zurück.
Julia griff nach einem bunten Minirock und wieder veränderten sich ihre Gefühle. Mit ihm verband sie einerseits Sommer, Sonne, Urlaub und fröhliche Tage am Meer, doch andererseits war sie ihm schon lange entwachsen. Er passte einfach nicht mehr. Auch ihn hängte sie zurück.
Sie stopfte die gewaschene Wäsche noch irgendwie in ihren Schrank hinein und machte ihn schnell wieder zu. Weg mit all den Gedanken, Erinnerungen und Emotionen, die durch manche Kleidungsstücke ausgelöst wurden.
Dass das nicht wirklich die Lösung war, war ihr schon bewusst und auch die Tatsache, dass sie durch all die alten Dinge unverarbeitete Verletzungen und nicht abgeschlossene Verbindungen immer und immer wieder mit Energie versorgte. Sie wusste aber auch nicht, wie sie das ändern konnte.
Als sie sich auf ihr Sofa plumpsen ließ, ging ihr durch den Kopf, dass sich im Laufe ihres Lebens genau so viele negative Emotionen in ihrem Kopf angesammelt hatten, wie Kleidungsstücke in ihrem Schrank.
Und eigentlich ging es auch gar nicht um die Kleidung, von der sie sich verabschieden müsste, sondern es ging um die Menschen, die sie damit verband. Die konnte sie nicht loslassen.
Unvermittelt sah sie sich in ihrem Geiste als kleines Mädchen über eine grüne Wiese hüpfen. Damals gab es noch keine Verletzungen und auch keine schmerzvollen Erinnerungen.
Als Kind kannte sie noch keine schlaflosen Nächte und auch keine Ängste vor der Zukunft. Als kleines Mädchen hatte sie stets im Hier und Jetzt gelebt.
Wie schön wäre es, wieder so zu sein. So voller Vertrauen, dass alles gut ist, wie es ist. Wann und wodurch war ihr dieses Vertrauen eigentlich abhanden gekommen?
Das Handy riss sie aus ihren Gedanken, als sie eine Nachricht von Steffi erhielt: „Hi, Julia, was machst du gerade?“
„Grübeln!“, schrieb sie zurück und setzte einen Smiley dazu.
Es dauerte nicht lange und ihre Freundin rief an.
„Du grübelst“, fragte sie, ohne sich zu melden, „worüber?“
Julia erzählte ihrer besten Freundin von ihrem Vormittag und von all den negativen Gedanken und Emotionen.
„Hm, also, das kenne ich so nicht“, meinte diese selbstbewusst. „Ich verabschiede mich einfach schneller von Dingen und Menschen, als du. Ich glaube, du musst einfach akzeptieren, wenn etwas zu Ende ist.“
„Du kannst das vielleicht, ich eben nicht“, antwortete Julia patzig.
„Das weiß ich doch. Aber ich weiß auch, dass dir letzten Endes gar nichts anderes übrig bleibt, als Dinge, die sich nicht mehr ändern lassen, anzunehmen und zu akzeptieren, dass es so ist. – Schau, wenn dein Auto eine Beule hat, dann hat dein Auto eine Beule und wenn du einen Pickel auf der Nase hast, dann hast du einen Pickel auf der Nase.“
Immer noch sträubte sich alles in Julia: „Das klingt ganz schön banal, weißt du das“, erwiderte sie deshalb patzig.
„Mag sein, aber ich denke, mit Entscheidungen ist es nichts anderes. Wenn wir eine schwierige Entscheidung zu treffen haben, dann haben wir eine schwierige Entscheidung zu treffen. Und wenn wir uns von etwas verabschieden müssen, ja dann müssen wir uns halt von etwas verabschieden.“
„So wie du das sagst, klingt alles so einfach“, beschwerte sich Julia.
„Okay, dann stopf deinen Kleiderschrank weiterhin voll mit Dingen, die Emotionen in dir auslösen. Du könntest alternativ aber auch noch ein bisschen mehr Eis oder Schokolade essen, dann …“, Steffi biss sich auf die Zunge. Sie wollte ihre Freundin ja nicht verletzen, ihr nur irgendwie den Kopf zurecht rücken, damit sie klarer sah.
„Was wird denn besser dadurch, dass ich etwas Negatives akzeptiere?“, wollte Julia wissen.
„Na, so wie du das sagst, meine ich das auch gar nicht“, entgegnete Steffi genervt. „Ich meine eher, wir sollten alles annehmen, was passiert. Verstehst du. Nicht mehr gegen etwas kämpfen, was sich nicht verändern lässt.“
„Ja, ich weiß, das berühmte Loslassen!“, erwiderte Julia. „Aber ich hab dann das Gefühl, einen Teil, der zu mir gehört, zu verlieren.“
Steffi grübelte.
„Schau Julia“, meinte sie, „manche Menschen schaffen es ihr Leben lang nicht, damit klar zu kommen, dass ihr Partner sie verlassen hat. Und andere wiederum trauern eine Weile, doch dann stehen sie auf, richten ihr Krönchen und leben ihr Leben weiter und ohne traurigen Blick zurück.“
Julia schwieg und ließ die Worte ihrer Freundin auf sich wirken.
„Das Leben lässt sich von uns nicht kontrollieren“, meinte diese, „negative Erfahrungen und auch Schmerz und Enttäuschungen bleiben keinem erspart. Es geht immer darum, wie wir darauf reagieren und damit umgehen.“
Nach einer Weile des Schweigens meinte Julia: „Steffi?!“
„Ja!“
„Hast du heute Nachmittag schon etwas vor, oder hilfst du mir beim Ausmisten?“
„Bin schon unterwegs!“

© Martina Pfannenschmidt, 2019

Samstag, 29. Juni 2019

Das kann auch nur mir passieren!


Atemlos stimmte Tabea in den Refrain des Liedes ein, das gerade lautstark aus dem Radio dröhnte. Als es beendet war, stellte sie das Gerät leiser. Schließlich war sie nicht allein auf der Welt, sondern lebte in einem Mietshaus – und das seit genau einem Tag. Sie musste sich zuerst noch daran gewöhnen, dass es einige Regeln gab, die es als Mieterin einzuhalten galt.
Bisher hatte sie bei ihren Eltern gewohnt und gestern nun war sie mit deren Hilfe und der ihrer Freunde umgezogen. Tabea fühlte sich pudelwohl. Sie konnte es gar nicht erwarten, das Stadtleben in vollen Zügen zu genießen.
Solange sie noch in der Ausbildung gewesen war, hatte sie sich eine eigene Wohnung nicht leisten können. Doch jetzt war alles in trocknen Tüchern. Sie war offiziell übernommen worden, bekam ein gutes Gehalt und konnte sich deshalb den Schritt raus aus dem miefigen Einfamilienhaus auf dem Land und hinein in eine schnuckelige kleine Wohnung in der Stadt leisten.
Puh, heute war es echt heiß, dabei stand die Sonne noch gar nicht auf ihrem Balkon. Sie war so stolz darauf, einen eigenen kleinen Balkon zu haben.  Zwar bot er einen Blick auf einen großen Parkplatz und ein angrenzendes Mietshaus, aber das war ihr schnuppe.
Kurzerhand zog sie T-Shirt und Shorts aus und lief in Unterwäsche durch die Wohnung.
Eingeräumt war alles, doch sie hatte das Bedürfnis, alles noch einmal gründlich abzuwischen und durchzusaugen. Sie wollte es einfach schön, sauber und ordentlich haben.
Als ihre Eltern gestern gefahren waren, hatte ihre Mutter mit den Tränen gekämpft und auch sie, Tabea, hatte einen Kloß im Hals gehabt. Aber ihre Erzeuger waren ja nicht aus der Welt. Mit dem Bus war sie in einer knappen Stunde bei ihnen. Also gab es absolut keinen Grund zur Traurigkeit.
Das war bei der Vormieterin ihrer Wohnung sicher anders. Die ältere Dame war zu ihrer Tochter gezogen und die wohnte über 500 km entfernt.
Tabea ging kurz auf ihren Balkon, um sich dort umzusehen. Hier und da galt es, einen schwarzen Spinnweben zu entfernen und auch die Rollläden wollte sie noch von außen säubern.
Die Seniorin hatte sich für das Balkonfenster und die angrenzende Tür extra einen elektrischen Rollladenantrieb nachrüsten lassen. Weil sie ihn in der neuen Wohnung nicht benötigte, hatte sie ihn Tabea überlassen. Das war echter Luxus!
Sie drückte nur kurz auf ein Knöpfchen, schon fuhr der Rollladen des Balkonfensters herunter. Bald würde die Sonne herum kommen. Da war es sowieso besser, wenn er unten war.
Dass sie nur in Unterwäsche auf ihrem Balkon stand, würde gewiss niemanden stören. Außer ihrem Nachbarn, der zu dieser Zeit sowieso nicht zuhause war, konnte niemand ihren Balkon einsehen. Es sei denn, er benutzte ein Fernglas.
Ein cooler Typ war das übrigens, ihr Nachbar. Zwei, vielleicht drei Jahre älter als sie, blond, blauäugig und sehr nett. Zumindest dem Anschein nach. Tabea hatte bisher wenig Kontakt zu ihm, aber das könnte sich ja durchaus ändern. Sie hätte nichts dagegen. Schließlich war sie seit einem halben Jahr Single.
Schnell lief sie in die Küche, holte Eimer und Lappen und begann, den Rollladen zu reinigen. Anschließend griff sie kurz um die Ecke, um das Knöpfchen für den Rollladen der Balkontür zu betätigen - flugs war auch dieser von außen blitzblank.
Und nun galt es, sich abermals den Innenräumen zu widmen … sich den Innenräumen zu widmen?! Tabea entfuhr ein kurzer Schrei!
„Oh mein Gott!“, rief sie laut aus. „Ich Idiotin! Ich hab mich ausgesperrt! O nein, dass darf doch nicht wahr sein!“
Wo war sie nur mit ihren Gedanken gewesen?
Während ihr das Ausmaß ihrer Lage nach und nach klar wurde, schlug sie sich fortwährend mit der flachen Hand gegen die Stirn.
Sie hatte sich nicht nur ausgesperrt, sie stand in Unterwäsche mit Minni-Mouse-Motiven auf ihrem Balkon. Sie hatte weder ihr Handy in der Nähe, noch etwas zu essen oder zu trinken, und genau jetzt fielen die ersten Sonnenstrahlen auf ihren Balkon. Einen Sonnenschirm gab es nicht. Den wollte sie sich erst noch kaufen. Mist, Mist, Mist!!!
Tränen stiegen in ihre Augen. Sie müsste irgendwie Kontakt zu ihren Eltern aufnehmen. Die hatten einen Ersatzschlüssel für ihre Wohnung. Darauf hatte ihre Mutter bestanden.
Wie bescheuert konnte man eigentlich sein? Das wäre der beste Beweis für ihre Mutter, dass sie, Tabea, wie von ihr prophezeit, eben noch nicht in der Lage war, alleine zu leben. Aber das war sie. Ganz sicher! Das war sie!
Tabea ließ sich auf einen Stuhl plumpsen, als die Tränen in Sturzbächen über ihre Wangen liefen. Das war jetzt einfach zu viel für sie.
Der Einzige, der ihr jetzt helfen könnte, wäre ihr Nachbar. Wenn der auf seinen Balkon käme, könnte sie ihm die Handynummer ihrer Eltern zurufen und ihn bitten, diese anzurufen. Das war die einzige Lösung, da ihr für den Einsatz eines Schlüsseldienstes das Geld fehlte.
Einige Zeit später rannen keine Tränen mehr über ihre Wangen, sondern der Schweiß. Wenn nicht bald Hilfe nahte, würde sie mit einem Sonnenstich zusammen brechen und müsste einsam und allein auf diesem Balkon sterben. Sie musste nachdenken. Sie musste dringend nachdenken!
„Du musst nicht perfekt sein, erlaube dir Fehler!“
Diese Worte stammten von ihrer Oma, halfen ihr im Moment aber nicht weiter. Tabea kramte in ihrem Gehirn, was bei der Hitze eine Höchstleistung darstellte, bis ihr weitere Oma-Sätze in den Sinn kamen: „Probleme gilt es zu lösen und nicht, zu ertragen! Für jedes Problem gibt es eine Lösung. Denk nach!“
Tabea dachte nach. Als Erstes müsste sie sich vor der Sonne schützen. Also stand sie von ihrem Stuhl auf, stellte ihn auf den Kopf und klemmte ihn so zwischen Tisch und Geländer ein, dass er eine kleine schattige Höhle bildete. Dort setzte sie sich hinein, bis … ja, … bis … wann? Bis ihr Nachbar irgendwann nach Hause kam und sie SOOOO sah!
Wieder waren es Omas Worte, die ihr in den Sinn kamen: „Ändere, was du kannst und mach das Beste aus dem, was du nicht ändern kannst.“
Sie allein konnte ihre Situation nicht ändern, das war so klar wie Kloßbrühe. Sie schloss kurz die Augen, um besser nachdenken zu können.
Ob sie laut um Hilfe rufen sollte?
„Denk nach, Tabea, denk nach!“, sprach sie sich selbst Mut zu. Vielleicht gab es noch eine andere Lösung. Aber welche?
Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie Rauchzeichen. Rauchzeichen? Nein, das war der Qualm einer Zigarette. Ihr Nachbar stand auf seinem Balkon und rauchte.
Ob es ihr gefiel oder nicht, sie würde auf sich aufmerksam machen müssen. Aber sie wollte sich zunächst aus ihrer deprimierenden Position befreien und zumindest so tun, als habe sie die Lage im Griff.
Zu spät! In dem Moment fiel sein Blick auf sie. Es war sooo peinlich.
„Das ist der coolste Sonnenschutz, den ich je gesehen habe!“, rief er und konnte sich das anschließende Lachen nicht verkneifen. „Darf ich fragen, was du da machst? - Oh, schicke Dessous übrigens!“
Nein, peinlicher konnte es für sie nicht mehr werden. Jetzt war eh alles egal.
Tabea stand auf, schilderte ihre Situation und bat ihn, ihre Eltern zu verständigen. Doch was machte dieser Typ stattdessen? Er verließ den Balkon und ging in seine Wohnung zurück.
„He, Du, spinnst Du?“,  brüllte Tabea panisch hinter ihm her. „Komm sofort wieder raus, du Idiot!“
Oh, das hätte sie nicht sagen sollen. Sie befand sich wahrlich in keiner Situation, in der man den einzigen Menschen, der einem helfen konnte, verprellte und gegen sich aufbrachte.
„Der Idiot war nur kurz an seinem Kühlschrank und versucht jetzt, dir eine Coladose zuzuwerfen“, hörte sie eine Minute später. „Kannst du fangen?“
„Geht so!“, antwortete sie wahrheitsgemäß.
„Also, das solltest du, denn wenn du sie nicht fängst, knallt sie gegen die Wand. - Gut, eine Abkühlung würde das für dich auch bedeuten.“
Dabei grinste er noch breiter als zuvor.
Dieser Mistkerl machte sich obendrein noch über sie lustig. Das war echt ne ganz fiese Nummer.
„Also, ich werfe jetzt!“
Tabea war sooo durstig. Sie musste diese Dose fangen und … geschafft.
Während ihr Nachbar Beifall klatschte, trank sie den Inhalt der Dose in einem Zug aus.
„Und jetzt rufst du meine Eltern an, ja?“
„Soll ich echt?“, fragte er. „Ich kann mir gut vorstellen, wie das auf sie wirken muss. Sie werden denken, dass ihre Kleine wohl doch nicht in der Lage ist, alleine zu leben.“
Er war ein Blödmann, ein Idiot, ein … ihr fielen noch tausend andere Schimpfwörter für ihn ein, dabei hatte sie ihn vor ein paar Stunden noch echt nett gefunden.
Da ihr durchaus bewusst war, dass sie auf sein Wohlwollen angewiesen war, zog sie es vor, zu schweigen und nicht darauf einzugehen.
„Okay“, meinte er ein paar Minuten später, „ich werde dir helfen. Eigentlich bin ich nämlich ein netter Typ und kein Idiot und das werde ich dir jetzt auch beweisen.“
Wieder verließ er seinen Balkon. Tabea schüttelte mit dem Kopf. So etwas Blödes konnte auch wirklich nur ihr passieren! Sie hatte sich so sehr auf diese Wohnung und ihr eigenständiges Leben gefreut und jetzt das!
Abrupt drehte sie sich um. Jetzt spukte es auch noch in ihrer Wohnung. Äußerst gemächlich, aber dennoch stetig, hob sich der Rollladen ihrer Balkontür. Das konnte nicht sein! Sie halluzinierte!  Ihr Kopf hatte zu viel Sonne abbekommen.
Doch dann sah sie Füße, Beine, eine kurze Hose, ein T-Shirt und letztendlich das grinsende Gesicht ihres Nachbarn auf der anderen Seite der Tür.
„Überraschung!“, rief er, als er ihr die Tür öffnete.
„Aber … wie ist das möglich? Wie bist du in meine Wohnung gekommen?“
Er hielt einen Wohnungsschlüssel hoch. „Na, mit ihm hier!“
Das Grinsen wollte dabei so gar nicht aus seinem Gesicht weichen.
„Aber … wie kommst du an meinen Schlüssel?“
„Deine Mutter hat ihn mir heimlich zugesteckt. Sie meinte, falls du dich mal ausschließt, wäre ich schneller da, um dir zu helfen, als sie. Kluge Frau übrigens, deine Frau Mutter!“
Bei diesen Worten grinste er von einem Ohr bis zum anderen und Tabea wusste nicht, ob sie ihn dafür nun ohrfeigen oder doch lieber umarmen sollte, denn eines stand fest: Er war ein Idiot - aber ein netter!

© Martina Pfannenschmidt, 2019

Dienstag, 25. Juni 2019

Kinkerlitzchen


Maximilian kam in die Küche.
„Schau mal, Uropa, was mir die Uroma gekauft hat!“
Stolz hielt er zwei kleine Figuren hoch, damit sein Uropa sie bewundern konnte.
Der schüttelte den Kopf: „Deine Uroma! Hat wieder für Kinkerlitzchen unsere schwer verdiente Rente auf den Kopf gehauen.“
Das Wort fand Max witzig: „Was ist Kinkerlitzchen?“
„Kinkerlitzchen ist irgendein Blödsinn, unnützes Zeug. Aber ich weiß ja, dass deine Uroma weich wird, sobald du sie um etwas bittest. Bist halt ein kleiner Schlawiner!“
Dabei kniff er seinem Urenkel liebevoll in die Wange.
„Das hat er dann wohl von dir!“, unkte Uroma, als sie zu den beiden in die Küche kam.
„Uropa“, begann Max, „kannst du mir noch mal eine Geschichte erzählen? So eine wie beim letzten Mal, mit den alten Wörtern von früher drin?“
Da musste er seinen Uropa nicht zweimal bitten.
„Nichts lieber als das!“, freute sich dieser.
„Hab ich dir eigentlich schon mal erzählt, wie das war, damals, als ich mit deiner Uroma zusammen kam?“
„Ne, die Geschichte kenne ich noch gar nicht“, antwortete Maximilian erwartungsvoll.
„Also das war so: Deine Uroma und ich, wir kannten uns ja schon aus der Schulzeit. Damals trug sie noch Zöpfe, musst du wissen. Ich glaube, man nannte sie ‚Affenschaukeln’.“
„Und du“, warf diese belustigt ein, „du hattest einen Pisspottschnitt und warst eine echte Trantüte.“
Max begann laut zu lachen, als Uropa eine Drohgebärde machte: „Pass nur auf“, krakeelte er, „sonst wird es hier gleich zappenduster und ich erzähle deinem Urenkel, dass du ein Fräulein Rührmichnichtan warst. Und überhaupt“, Uropa tat beleidigt, „ich war gar keine Trantüte. Ich war eher ein Hans Dampf in allen Gassen.“
„Genau das warst du eben nicht. Aber gut, wenn du meinst, dann warst du eben keine Trantüte, dann warst du eine Tranfunzel.
Uropa kniff ein Auge zu und sagte leise an Max gerichtet: „Sie kennt halt ihre Pappenheimer!“
Maximilian fand den Schlagabtausch zwischen seinen Urgroßeltern echt lustig.
„Nicht“, meinte Uropa, „dass wir jetzt von Höcksken auf Stöcksken kommen und ich vergesse, dir zu erzählen, wie das damals war.  Also, pass auf, mein Junge, immer am 1. Mai gab es bei uns im Dorf ein großes Fest: Den Tanz in den Mai. Dahin ging man zum Feiern und zur Brautschau. Ich also im Sonntagsstaat per pedes da hin. Den Leukoplastbomber meines Vaters durfte ich damals noch nicht fahren. Außerdem wusste ich ja auch, dass ich ein paar Bierchen zischen würde.“
„Was ist ein Sonntagsstaat und was ist ein Leukoplastbomber?“, wollte Max wissen.
„Ein Leukoplastbomber war ein ziemlich kleines Auto“, antwortete Uroma, „und mit Sonntagsstaat meint Uropa die schicksten Klamotten, die er in seinem Schrank finden konnte. Er war aber gar nicht zu Fuß da, wie er meint, sondern mit seinem Drahtesel. Das hat er wohl ganz vergessen.“
„Mit dem Drahtesel, du hast Recht. Du musst wissen, Max, ich war zu der Zeit beim Kommiss und hatte deshalb meinen Freund ausbaldowern lassen, ob deine Uroma auch wirklich zu dem Fest kommt.“
„Und ich hatte mich immer schon gefragt, warum dieser Kerl mich ausfragt und ständig um mich herum scharwenzelt“, erinnerte sich Uroma.
„Ich wusste also, dass sie kommen würde. Deshalb war ich ganz schön aufgeregt.“
„Aufgeregt?!“, lachte Uroma. „Gib es ruhig zu. Du hattest regelrecht Fracksausen.“ Und an Max gerichtet sagte sie: „Er hatte nämlich Angst, dass ich ihn abblitzen ließ und deshalb hätte er sich fast in die Hose gemacht.“
Seine Urgroßeltern waren echt der Knaller.
„Ja, es stimmt. Mir war die Aufregung auf den Darm geschlagen und deshalb suchte ich zuhause lieber noch mal den Donnerbalken auf, bevor mir auf dem Fest noch ein Malheur passierte“, gab Uropa unumwunden zu.
„Donnerbalken kenne ich“, freute sich Max. „Das ist eine Toilette.“
„Mein lieber Scholli, du bist ein kluger Kerl.“
„Ich gebe es ja zu“, fuhr nun Uroma fort, „dass ich auch ein Auge auf deinen Uropa geworfen hatte. Deshalb hielt ich heimlich nach ihm Ausschau. Als er in das Festzelt kam, dachte ich: Mein lieber Herr Gesangsverein, der hat sich aber schick gemacht.“
„Ich fühlte mich eher wie Graf Koks von der Gasanstalt“, lachte er. „Zuerst hab ich mich ja nicht getraut, deine Uroma anzusprechen“, fuhr er fort, „sie war ja inzwischen ein Tippfräulein beim Amt geworden und wenn sie mir einen Korb gegeben hätte, wäre ich der Gelackmeierte gewesen. Deshalb habe ich mir zuerst mit ein paar Körnchen Mut angetrunken.“
„Und während er sich Mut antrank“, fuhr Uroma fort, „kam ein anderer junger Mann auf mich zu.“
Uropa nickte. „Ich kann dir sagen, dass war ein Schrank von einem Mann, so ein richtiger Kaventsmann war das. Der hätte mich kurzerhand am Schlafittchen gepackt und vor die Tür gesetzt, wenn ich dem gesagt hätte, dass er von Uroma Abstand nehmen soll.“
„Und ich fand es unter aller Kanone, das dein Uropa an der Theke stand, anstatt mit mir zu tanzen“, erinnerte sich Uroma. „Eigentlich hab ich nur mit dem anderen getanzt, um ihn eifersüchtig zu machen. Doch das musste ich teuer bezahlen, denn bald hatte ich blaue Zehen, weil mir der Riese mit seinen Quadratlatschen ständig auf meine Füße trat. Da hatte ich echt die Nase voll und wollte nach Hause.“
„Gerade noch rechtzeitig hab ich all meinen Mut zusammen genommen, bin zu deiner Uroma gegangen und hab sie zum Tanzen aufgefordert.“
„Der Kaventsmann war darüber so ärgerlich“, erzählte nun wiederum Uroma, „dass er einen Stuhl nahm und damit auf deinen Uropa eindreschen wollte. Gott sei Dank haben andere ihn davon abgehalten.“
„Und kurze Zeit später fuhr dann die Polizei mit ihrer grünen Minna vor und nahm den Riesen mit zum Tüten kleben“, feixte Uropa.
Daraufhin meinte Uroma spitzbübisch: „Seit diesem Abend sind wir ein Paar, dein Uropa und ich, obwohl ich mich manchmal frage, weshalb ich diesen alten Pfennigfuchser überhaupt geheiratet habe.“

© Martina Pfannenschmidt, 2019

Sonntag, 16. Juni 2019

Die richtige Brille


Frank lehnte sich an den Türrahmen und beobachtete eine zu Herzen gehende Szene: Seine Frau stand am Bettchen ihres gemeinsamen Sohnes und strich dem schlafenden Kind über den Kopf.

Beim Anblick der beiden Menschen, die er mehr liebte, als alles andere auf der Welt, wurde er von einer Woge des Glücks übermannt. 

Er hatte den Eindruck, niemals zuvor so viel Liebe empfunden zu haben, wie in diesem Augenblick und er wünschte sich, es möge immer so bleiben.

Bei dem Gedanken änderten sich von jetzt auf gleich seine Gefühle, als ihm klar wurde, dass es eben nicht immer so bleiben würde. Niemand kann den Moment einfrieren, außer in seinem Herzen.

Frank wurde bewusst, dass ihm durch ein Unglück oder einen Unfall das Liebste, was er besaß, genommen werden konnte.

Er wollte diese Gedanken beiseite schieben, doch es wollte ihm nicht gelingen. Sein Kopf führte quasi ein Eigenleben und er führte ihm die schlimmsten Szenarien vor Augen.

Warum grätschte sein Kopf mit derart düsteren Gedanken genau in diesen Glücksmoment hinein?

Seine Frau drehte sich zu ihm um und kam direkt auf ihn zu.

„Was ist mit dir?“, fragte sie ihn leise, um das Kind nicht zu wecken. „Du siehst so aus, als hättest du gerade etwas Schreckliches erlebt.“

Seine Frau! Sie kannte ihn durch und durch. Er konnte ihr niemals etwas vorspielen. Aber das wollte er auch gar nicht. Zwischen ihnen war eine große Vertrautheit und sie hatten sich geschworen, sich niemals zu belügen.

Etwas später erzählte er ihr bei einem Glas Rotwein auf der Couch von seinen düsteren Gedanken während dieses Glücksmomentes.

„Das kenne ich gut. Es ist, als wolle uns unser Kopf in diesen Momenten unsere Verletzlichkeit bewusst machen.“

„Aber es ist so schade, dass es so ist“, erwiderte Frank, „so kann man einen wahren Glücksmoment gar nicht richtig genießen, weil sich aufgrund von dunklen Gedanken alles in einem zusammen zieht.“

„Da hast recht“, warf Conny ein, „es ist fast so, als wolle uns unser Kopf sagen: Befass dich lieber schon jetzt mit schlimmen Szenarien, damit du nicht irgendwann davon überrollt wirst.“

„Aber das ist doch einfach nur blöd, oder?“, äußerte Frank.

„Ja, das ist es. Es ist einfach blöd!“

Nach einer Weile des Schweigens meinte er: „Ist es nicht unglaublich, wie oft man im Leben nur mit den Gedanken schlimme Dinge durchlebt, ohne dass sie jemals eintreten?“

„Oh, ja! Wie oft habe ich mich schon grundlos verrückt gemacht.“

Dabei verdrehte sie ihre Augen.

„Ich befürchte“, führte Frank weiter aus, „wir könnten eines Tages genau diesen kleinen Glücksmomenten nachtrauern und uns fragen, warum es uns nicht gelungen ist, diese Momente so zu nehmen, wie sie sind, eben voller Glück!“

Conny nickte. „Du hast recht. Glücksmomente sind wahre Geschenke und doch merken wir genau in diesen Momenten, wie verwundbar wir sind. Alles was wir besitzen, kann uns von jetzt auf gleich genommen werden. Ich glaube, dass es das ist, was uns in genau diesen Augenblicken bewusst wird.“

„Schau“, sagte Frank und zeigte auf seinen Unterarm, „deine Worte machen mir eine Gänsehaut. - Vielleicht liegt es wirklich daran, wie wir mit unseren Gedanken umgehen. Wenn wir in uns hinein horchen, gibt es wohl immer zwei Stimmen. Die eine, die mir sagt: Alles wird gut und die andere, die mir Angst einjagt. Die Frage ist wohl: Auf welche Stimme höre ich?“

„Es stimmt. Es liegt an mir, worauf ich meinen Fokus richte und ich denke, es macht einen riesigen Unterschied, ob ich meine kleine Welt mit einer rosaroten oder mit einer dunklen Brille betrachte. Unser Tag wird dadurch ein anderer sein.“
„Vielleicht wird dadurch unser ganzes Leben ein anderes sein“, fügte Frank versonnen hinzu, „je nachdem, welche Gläsertönung ich wähle.“
„Das bedeutet doch“, stellte Conny fest, „es kommt immer darauf an, die richtige Brille zu tragen!“

© Martina Pfannenschmidt, 2019


Montag, 10. Juni 2019

Nur ich und meine Gedanken!

Ich sitze in einem Strandkorb, spüre die Sonne auf meiner Haut, den warmen, weißen Sand unter meinen Füßen und lese ein Buch. – Stimmt gar nicht. Im Moment jedenfalls nicht, weil ich damit beschäftigt bin, die Menschen zu beobachten. Mein Buch liegt neben mir und wartet darauf, weiter gelesen zu werden.
Ich wurde durch das Quengeln eines kleinen Jungen, der mit seinen Eltern auf einer Decke dicht am Wasser liegt, abgelenkt. Er möchte unbedingt noch einmal ins Meer, doch seine Mutter verweigert es ihm. Verständlich, denn er zittert am ganzen Körper, kommt gerade aus dem kühlen Nass.
Meine Gedanken gehen zurück in meine Kindheit. Ich war, wie dieser Junge. Konnte nicht genug bekommen vom Baden. Auch meine Mutter sagte oft: „Nein, jetzt nicht, deine Lippen sind ja schon ganz blau!“ Doch ich wurde nicht müde, ihr zu erklären, dass mir gar nicht kalt ist.
Natürlich ließ sich meine Mutter nicht darauf ein, sondern lenkte mich ab. Sie schlug vor, mir etwas vor zu lesen. Dabei wurde ich in ein dickes Handtuch eingewickelt, um wieder warm zu werden. 
Oder wir gingen am Strand entlang, Muscheln und Steine sammeln. Ich weiß noch, dass wir beide einen Sonnenbrand an den Waden hatten, weil wir zu lange im Sand gehockt hatten, um die schönsten Exemplare zu finden.
Ich kann meinen Blick nicht von der Familie wenden. Bin neugierig, wie die Eltern die Situation lösen. In der Tat, ein paar Minuten später ist der Junge still. Er sitzt neben seinen Eltern auf der Decke. In der Hand ein Smartphone. Kopfhörer in den Ohren. So regelt man das heute. 
In der heutigen Zeit wäre mir der Sonnenbrand wohl erspart geblieben, weil ich unter einem Sonnenschirm hockend über ein Display gewischt hätte.
Wieder bin ich gedanklich in meiner Kindheit, wo sich abends vor den Telefonzellen lange Schlangen bildeten, weil man seine Lieben zuhause anrufen wollte. Man fasste sich kurz, weil zum einen alle Umstehenden das Gespräch mithörten, aber auch, weil das Telefonieren recht teuer war.
Und heute? Kaum sind wir am Urlaubsort angekommen, rufen wir unsere Familie nicht nur sofort an, nein wir bringen auch erste Fotos zu ihnen auf den Weg: Vom Hotel, vom Zimmer, vom Pool, vom Strand. Wir sind mit unseren Augen ständig auf der Suche nach einem grandiosen Motiv. Schließlich soll die Welt sehen, wo wir uns gerade aufhalten, was wir gerade treiben und vor allen Dingen, was wir an kulinarischen Köstlichkeiten und Drinks zu uns nehmen.
Hätten wir uns das vor 20 Jahren vorstellen können, dass wir Fotos von unserem Essen machen und es der Welt zeigen? Ich glaube nicht. Wir hätten es wohl für unmöglich gehalten.
Sehen wir die Schönheit unseres Urlaubsortes eigentlich nur noch nach dem Maßstab, ob es bei anderen gut ankommt? Was steckt dahinter? Das Bedürfnis, die anderen an unserem Leben teilhaben zu lassen, oder spielt der Faktor Neid dabei eine nicht unerhebliche Rolle? Nehmen wir die Schönheit unseres Urlaubsortes wirklich noch wahr und auf - nur für uns?
Früher war es normal, mehrere Bücher mit in den Urlaub zu nehmen. Und die las man auch durch. Liest man heute überhaupt noch oder ist man mehr damit beschäftigt, seine Freunde und die Familie über seinen Urlaub zu unterrichten?
Man ist natürlich auch damit beschäftigt, zu schauen, was die anderen so treiben. Die stellen nämlich auch Fotos ein und sind darauf bedacht, uns zu übertrumpfen. Ist das nicht ein Wahnsinn? 
Es kommt mir so vor, als würde ein regelrechter Wettkampf ausgetragen. Macht man im Urlaub überhaupt noch Fotos für sich selbst?
Früher hat man nach dem Urlaub seinen Film zum Entwickeln gebracht und konnte es kaum erwarten, die Bilder abzuholen. Man lud seine Lieben ein, um in einer gemütlichen Runde Urlaubsbilder zu betrachten und dabei Erinnerungen aufleben zu lassen. Dadurch reflektierte man diese wertvolle Zeit noch einmal für sich.
Das fällt heute komplett weg, denn alle werden ja schon während des Urlaubs über alles informiert.
Ich sitze hier, mein Buch neben mir, ohne jegliche Technik. Natürlich besitze ich ein Handy, doch ich habe es bewusst zuhause gelassen. Ganz nach dem Motto: Handy aus, Augen auf!
So ein Urlaub bietet doch eine hervorragende Gelegenheit, seinen Gedanken nachzuhängen; sich mit sich selbst und seinem Weg zu beschäftigen. Wo stehe ich? Wo möchte ich hin? Wo sehe ich mich in 5 Jahren oder in 10?
Während das Meer unentwegt seine Wellen zum Strand befördert und mich die Sonne an meiner Nase kitzelt, kann ich tiefer gehende Fragen wunderbar reflektieren. Kein Stress, kein Zeitdruck, keine Termine. – Nur ich und meine Gedanken!

© Martina Pfannenschmidt, 2019