Mittwoch, 1. April 2026

April, April!

In dem beschaulichen Ort Kuckucksheim herrschte helle Aufregung. Der Lokalreporter Paul Schulze hatte sich für die Zeitungsausgabe zum 1. April etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Und so prangte auf der ersten Seite der ‚Kuckucksheimer Nachrichten‘ in fetten Lettern die Schlagzeile:

"Sensationeller Goldfund unter dem Markplatz -

Archäologen vermuten Schatz von Kaiser Barbarossa!“

Bürgermeister Willi Wichtig saß noch im Schlafanzug am Frühstückstisch, als seine Frau Adelheid mit der Zeitung hereinrauschte. Adelheid war bekannt dafür, dass sie sich nicht als die Frau des Bürgermeisters, sondern als Frau Bürgermeister fühlte.

„Willi! Schau dir das an!“, rief sie, nachdem sie die Schlagzeile gelesen hatte und knallte die Zeitung zwischen die Marmeladengläser. „Gold! Unter unserem Marktplatz! Und du wirst nicht als Erster informiert?! Das ist eine Schande, mein Lieber, aber vielleicht auch die Chance, auf die wir immer gewartet haben. Ich sehe es schon vor mir. Kuckucksheim wird berühmt – und wir – DU – auch! Willi … ich brauche ein neues Kleid, wenn man dir für deine großartige Arbeit das Bundesverdienstkreuz am Bande verleiht.“

Willi, der gerade versuchte, seinen Kaffee unfallfrei zum Mund zu führen, setzte die Tasse wieder ab und starrte auf den Artikel. „Aber Adelheid, lies mal weiter, da steht, die Leute dürfen mit Schaufeln und Sieben kommen und behalten, was sie finden! Das ist doch Wahnsinn! Das geht so nicht! Das ist gar nicht erlaubt. Der Fund gehört dem Staat … und die Leute … sie werden in Massen zum Marktplatz stürmen! Ich muss was tun!“

Er griff zitternd zum Telefon, um die Landespolizei und den Denkmalschutz zu alarmieren, doch Adelheid riss ihm den Hörer aus der Hand. „Nichts da! Du wirst jetzt sofort das Ordnungsamt mobilisieren und den Platz absperren lassen. Das ist unsere Chance, Willi. WIR müssen das Gold finden. Verstehst du! - Also, mein Lieber, beweg dich! WIR schreiben heute Weltgeschichte!“

Doch Willi hörte in diesem Moment nicht auf seine Frau, da Paul Schulze, der Reporter, am Gartenzaun vorbeispazierte. Der Bürgermeister stürzte zum Fenster, riss es auf und rief: „Paul! Hast DU das geschrieben? Das geht so nicht? Ich muss den Katastrophenschutz alarmieren! Der ganze Ort wird auf den Beinen sein, um den Schatz zu finden!“

Paul blieb stehen, rückte sich die Brille zurecht und grinste breit. „Ach, Willi, nun beruhige dich mal. Wer weiß schon, ob da unten wirklich was zu finden ist.“

Die Frau Bürgermeister ignorierte die Worte des Reporters: „Willi, zieh dir die Hose an, wir gehen zum Marktplatz!“

Um Punkt 9:00 Uhr bot sich ein absurdes Bild: Fast die gesamte Bevölkerung des kleinen Ortes schien sich mit Sandsieben und Spaten auf dem Marktplatz versammelt zu haben.

Adelheid Wichtig stand in ihrem besten Sonntagsmantel auf dem Platz und versuchte, mit einem Absperrband eine „VIP-Zone“ zu markieren, während Willi mit einem Megafon gegen das Gebrüll der Menge ankämpfte. „Bürger von Kuckucksheim! Zurücktreten! Das Gold ist Eigentum des Staates … also, der Gemeinde ... also, quasi ... von Adelheid und von mir!“

Als sich die Menge empört gegen den Bürgermeister richten wollte, bog ein kleiner, bunter Lieferwagen der Konditorei „Süßer Traum“ hupend um die Ecke. Paul Schulze sprang vom Beifahrersitz, hielt ein riesiges Schild mit der Aufschrift „APRIL, APRIL!“ hoch und öffnete mit einem dramatischen Ruck die Hecktüren.

Dort stand ein großer Korb mit Hunderten in Goldfolie gewickelte Schokoladeneier, die der Reporter nach der Aufklärung der Umstände an alle verteilte. – Die meisten brachen in schallendes Gelächter aus. Der Rest ging schmollend nach Hause.

Adelheid Wichtig starrte wie versteinert auf das goldene Schokoladenei in ihrer Hand.  Willi senkte langsam das Megafon. Er sah Paul an und dann seine Frau mit dem Goldschatz in der Hand.

„Da hast du dein Gold, Schatz“, schmunzelte er.

Adelheid schnaubte kurz, meinte dann aber doch vergnüglich: „Na gut, Willi. Aber das neue Kleid, das kaufe ich mir trotzdem.“

Willi Wichtig puhlte das Goldpapier vom Schokoladenei, steckte es sich genussvoll in den Mund und rief ins Megafon hinein: „Na gut, Paul Schulze, das war eine saubere Ente. Aber nächstes Jahr suchst du dir bitte etwas aus, das meinen Blutdruck schont!“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


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Samstag, 28. März 2026

Felix und die Suche nach dem Sinn

In einem zauberhaften Wald lebte einst ein kleiner Hase. Sein Name war Felix. Schon von Kindesbeinen an war er flink und voller Lebensfreude. Doch was ihn am meisten ausmachte war, dass er neugierig war. Im positiven Sinn neugierig. Er hinterfragte viele Dinge, über die sich die anderen Waldtiere anscheinend wenig Gedanken machten. Und so saß der Hase eines Tages, als die Sonne freundlich durch die Bäume schien, auf einer weichen Moosstelle und hinterfragte sich und sein Leben. ‚Was ist eigentlich der Sinn meines Lebens‘, fragte er sich.

Er sah nah oben, lauschte den Vögeln beim Zwitschern und entschied, sich auf eine Reise zu begeben, um dieser Frage nachzugehen. Sein Ziel war es, die Waldbewohner, die seinen Weg kreuzten, nach dem Sinn IHRES Lebens zu fragen und so machte sich Felix auf den Weg.

Bereits nach kurzer Zeit traf er ein sanftes Reh, das gemütlich am Waldrand graste. Sogleich sprach er es an: „Liebes Reh, verrätst du mir, was der Sinn deines Lebens ist?“

Das Reh war etwas verwundert über die Frage, doch dann lächelte es freundlich und antwortete: „Für mich ist der Sinn meines Lebens, für meine Familie da zu sein und gemeinsam mit ihnen durch den Wald zu streifen. Ich gebe all mein Wissen an meinen Nachwuchs weiter und zeige meinen Kindern, wo die saftigsten Gräser wachsen. Das ist mein Glück und mein Lebenssinn.“

Dankbar für diese Antwort zog Felix weiter und traf bald darauf einen stattlichen Hirsch. Tief beeindruckt von seiner majestätischen Gestalt fragte er ehrfürchtig: „Herr Hirsch, was bedeutet für Sie das Leben?“

Der Hirsch schnaubte, so dass der Hase respektvoll Abstand nahm. Doch dann sprach der Hirsch mit tiefer, aber sanfter Stimme: „Mein Lebenssinn ist es, stark und mutig zu sein. Mein Geweih ist dafür ein äußeres Zeichen. Ich beschütze den Wald und meine Herde und ich sorge für Gerechtigkeit. All das erfüllt mich und macht mich stolz.“

Als der Hase seinen Weg fortsetzte, begegnete er im feuchten, moosigen Teil des Waldes, einem Wildschein, das ausgelassen im Matsch wühlte. Das Wildschwein grunzte, als Felix ihm seine Frage gestellt hatte.

„Lass mich überlegen“, entgegnete es, „ich liebe gutes Futter und Abenteuer im Unterholz. Ich bin gerne mit meiner Rotte zusammen und glücklich, dass so viel Freude und Genuss in meinem Leben sind. Mehr brauche ich nicht.“

Als Nächstes traf Felix ein Eichhörnchen, das ihm antwortete: „Ich sammle für mein Leben gern Vorräte und ich entdecke gerne Neues. Mein Sinn liegt darin, für mich und andere zu sorgen.“

Auf einem Ast über Felix' Kopf hüpfte ein lebhafter Eichelhäher. Der Hase blickte neugierig nach oben und fragte: „Eichelhäher, was ist für dich der Sinn des Lebens?“

Der Eichelhäher in seinem wunderschönen Gewand antwortete fröhlich: „Für mich ist der Sinn meines Lebens, Samen zu verbreiten. Ich liebe es, die Eicheln durch den Wald zu tragen und ihm auf diese Weise neue Bäume zu schenken. Mit meinem bunten Gefieder und meiner ansteckenden Lebensfreude bin ich für viele ein wertvoller Wegbegleiter.“

Als die Sonne langsam hinter den Bäumen verschwand und den Wald ein letztes Mal für diesen Tag in ein goldenes Licht tauchte, fühlte sich der Hase müde von seiner Reise und suchte sich ein gemütliches Plätzchen unter einem alten Baum mit knorrigen Ästen. Felix lehnte sich an die von der Sonne gewärmte Rinde des Baumes und blickte hinauf zu seiner Krone.

Da begann der Baum leise zu sprechen. „Ich habe dich beobachtet. Du fragst die Tiere nach dem Sinn ihres Lebens. Möchtest du dazu auch eine Antwort von mir?", fragte er vorsichtig und fuhr sogleich fort: „Für mich liegt der Sinn des Lebens darin, zu wachsen, die Sonne zu genießen, die Waldbewohner zu beobachten, Stürmen zu trotzen und das Schönste ist, dass ich ihnen Schutz, Nahrung und Heimat bieten darf. Das ist der schönste Lebenssinn, den ich mir vorstellen kann.“

Gerade als dem Hasen vor Müdigkeit die Augen zufallen wollten, nahm er eine Eule auf einem der Äste des Baumes wahr. Felix wollte sich nicht die Möglichkeit nehmen, auch sie nach einer Antwort zu fragen.

Die Eule blinzelte ihm freundlich zu und sprach mit ruhiger Stimme: „Für mich besteht der Sinn des Lebens darin, zu lernen und mein Wissen zu teilen. Ich beobachte den Wald, gebe Rat und helfe den Tieren, wenn sie mich brauchen. Man sagt mir nach, dass ich weise sei. So gebe ich diesen Schatz gerne weiter und so liegt für mich der Sinn im Weitergeben meiner Weisheit.“

Am nächsten Tag begab sich Felix auf den Rückweg. Er hatte genug Geschichten gehört. Zuhause angekommen setzte er sich erneut auf die Moosstelle, auf der er vor Beginn seiner Reise gesessen hatte.

Jedes Tier und auch der Baum hatten einen anderen Sinn im Leben gefunden. Für das Reh war es die Familie, für den Hirsch die Stärke, für das Wildschwein das Genießen, für die Eule die Weisheit, für das Eichhörnchen das Abenteuer, für den Eichelhäher das Teilen und für den Baum das Wachsen und Beschützen.

Felix erkannte, dass der Sinn des Lebens für jeden etwas anderes bedeutete und dass es immer darum ging, was man mit Freude für sich und andere tat.

In diesem Moment spürte Felix in seinem Herzen die Antwort auf seine Frage. Der Sinn seines Lebens war es, neugierig auf das Leben zu sein und die Schönheit des Waldes zu erleben. Vor allem aber war sein Lebenssinn, Glück und Freude zu verbreiten.

Felix verstand, dass der Sinn jeden Lebens in den kleinen Dingen liegt, die man jeden Tag erlebt und darin, das Leben mit anderen zu teilen und für sie da zu sein.

Neugierig darauf, was das Leben noch für ihn bereithielt, hoppelte Felix glücklich davon.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

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Mittwoch, 25. März 2026

Der Sängerwettstreit

Heute war der große Tag gekommen. An diesem herrlichen Frühlingstag sollte ein großer Sängerwettstreit ausgetragen werden.

Die Jury, bestehend aus dem Hasen Hoppel, der gerade seine langen Löffel putzte, dem Eichhörnchen Fritzi, das aufgeregt auf einer umgestürzten Birke jonglierte und aus dem Igel Isidor, der sich extra ein frisches Gänseblümchen zwischen seine Stacheln gesteckt hatte, war bereits vor Ort.

„Möge die schönste Stimme gewinnen!“, rief Fritzi, das Eichhörnchen, voller Vorfreude.

Und so begann die Amsel. Sie flog auf die höchste Spitze der Tanne, plusterte ihre schwarzen Federn auf und schmetterte mit erhobener Brust eine melodische Arie in den Morgenhimmel.

„Sehr elegant!“, befand der Hase.

Doch kaum war der letzte Ton verhallt, ertönte von der Nachbarwiese ein meckerndes: „Määäääh! Viel zu laut! Und dann dieses Getue des schwarzen Vogels. Das hat mir nicht gefallen.“ Es war Zora, die alte Ziege, die den Kopf über den Zaun streckte und ungebeten ihre Meinung kundtat.

Die Vögel ließen sich allerdings nicht beirren. Als Nächstes flatterte der Stieglitz auf einen Zweig. Sein Gesang war so quirlig und flink wie er selbst.

„Das macht gute Laune!“, fiepte das Eichhörnchen und vollzog einen kleinen Freudensprung.

Zora war da anderer Meinung: „Määäääh!“ Das Gezwitscher klingt wie ein kaputtes Radio!“

Zuletzt hüpfte das kleine Rotkehlchen auf einen Zaunpfahl – ganz nah bei Zora. Es sang eine Melodie, die so zart war, dass es im Garten ganz still wurde. Sogar Isidor der Igel hielt für einen kurzen Moment den Atem an.

„Pah!“, meckerte Zora. „Viel zu leise! Dabei schläft man ja ein. Määäääh!“

Die Jury beachtete den Einwurf der Ziege nicht, geriet aber in einen kleinen Streit darüber, wessen Lied nun das schönste gewesen sei.

„Die Amsel hat die meiste Kraft!“, rief der Hase. „Aber der Stieglitz hat den besten Rhythmus!“, zankte das Eichhörnchen. „Und das Rotkehlchen singt mit ganzer Seele!“, brummte der Igel beleidigt.

Die Vögel begannen gekränkt mit den Flügeln zu schlagen und die fröhliche Stimmung drohte zu kippen. Nur Zora, die alte Ziege, amüsierte sich prächtig.

Da öffnete sich die Gartentür. Die kleine Leni kam barfuß über das Gras gelaufen. Sie trug ein Körbchen voller bunter Bänder. Sie blieb stehen und sah die aufgebrachten Tiere und die hämisch grinsende Ziege.

„Was ist denn hier los?“, fragte sie leise.

„Wir können uns nicht einigen, wer von den dreien der beste Sänger ist!“, rief Hoppel verzweifelt. „Und die alte Ziege meint, keiner sei gut genug!“

Leni ging zum Zaun, kraulte die überraschte Ziege kurz zwischen den Hörnern und wandte sich dann an die Vögel.

„Wisst ihr“, sagte Leni mit einem Lächeln, „wenn ich ein Bild male, nehme ich nicht nur eine Farbe, sondern ganz viele, damit es ein wunderschönes buntes Bild wird. Und so ist es auch mit eurem Gesang. Du, Amsel, schenkst uns mit deinem Gesang Mut, und du, Stieglitz, die Freude und du, Rotkehlchen, die Träume. Und wenn ihr gemeinsam singt, wird das perfekte Lied daraus.“

Sagte es, nahm die bunten Bänder aus ihrem Korb und hängte sie in die Sträucher.

„Keiner von euch ist besser als der andere“, fuhr sie fort, „nur zusammen seid ihr das Lied des Frühlings. Und dieses Lied ist perfekt, weil es so verschieden klingt.“

Die Vögel verstummten kurz. Dann passierte etwas Wundervolles: Die Amsel gab den Takt vor, der Stieglitz und das Rotkehlchen stimmten mit ein. Nun war es kein Wettstreit mehr, sondern es klang wie eine wundervolle Symphonie.

Sogar die Ziege stellte das Kauen kurz ein, legte den Kopf schief und gab ein fast schon sanftes „Mäh“ von sich.

In dem Moment fällte die Jury ihr Urteil: „Das schönste Lied ist gar kein einzelnes – es ist das gemeinsame Konzert aller, das den Frühling überhaupt erst ausmacht.“

© Martina Pfannenschmidt, 2026

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Samstag, 21. März 2026

In der Tiefe der Erde

Es war im vergangenen Herbst, als man Lumi, eine kleine Tulpenzwiebel, zusammen mit Hunderten ihrer Artgenossen in die tiefe, feuchte Erde gesetzt hatte.

Für sie alle war es wie ein Abschied in eine Welt der Dunkelheit, doch nach einer Weile wurde sie zu einer guten Vertrauten. Die Zwiebeln fühlten sich sicher in dieser dunklen Welt, die sie wie eine schützende Hülle umgab.

Und so vergingen Tage und Wochen, in denen die Zeit zäh floss und in der die Zwiebeln reglos im gefrorenen Erdreich ihr Dasein fristeten.

Doch eines Tages, als der Frost sich langsam aus dem Boden zurückzog, vernahm man ein leises Raunen im Erdreich, das sich wie ein zartes Beben anfühlte.

Als das geschah, flüsterte eine von ihnen: „Ich denke, nun ist es Zeit. In meinem Inneren spüre ich ein leises Ziehen. Ich glaube, die Wärme ruft uns nach oben.“

Von da an hörte Lumi von überall her ein leises Knacken, als all ihre Nachbarn ihre schützenden braunen Hüllen durchbrachen. Für sie alle war dieser Moment wie ein hoffnungsvolles Aufbrechen, nur für Lumi nicht. Für sie fühlte es sich an, wie ein Sterben. Deshalb klammerte sie sich fest an ihren Kern.

„Ich will nicht!“, zitterte sie innerlich. „Wenn ich wachse, höre ich auf, die zu sein, die ich bin. Das muss doch mein Ende sein. Das muss doch der Tod sein.“

Ihre Nachbarn jedoch schoben sich weiter durch das Erdreich. Sie spürten, wie das Adrenalin durch ihre frischen grünen Triebe schoss. Ja, es war anstrengend, aber auch aufregend, dem inneren Drang nachzugeben und eine unendliche Kraft zu entwickeln, bis sie das gefunden hatten, von dem sie bisher nur gehört hatten: das Licht.

Und dann war es so weit. Sie hatten es geschafft! Eine unbändige Freude breitete sich in ihnen aus, als sie die helle Welt betraten.

Sogleich dachten sie an Lumi, die noch immer in der Erde verharrte. Sie riefen ihr von oben zu, auch wenn sie es nur gedämpft hören konnte: „Komm schon, es ist so weit – auch für dich! Du ahnst nicht, wie groß die Welt ist und wie hell das Licht. Hab keine Angst vor der Verwandlung.“

Eine andere Zwiebel, die nicht ganz so geduldig mit Lumi war, meinte: „Lasst sie einfach. Wenn sie die Sonne nicht sehen will, können wir sie nicht zwingen. Manche wollen eben ewig im Dunklen bleiben.“ „Genau“, meinte eine weitere, „wer nicht will, der hat schon und außerdem: wer nicht aufbricht, wird verfaulen. Selbst schuld.“

All diese Worte trafen Lumi bis ins Mark. Sie fühlte sich einsam, missverstanden und starr vor Entsetzen. Sie wollte doch nur leben – und für sie bedeutete Leben nun mal, so zu bleiben, wie sie war. Aber verfaulen wollte sie auch nicht.

Und so kam der nächste Morgen. Ein sanfter Regen hatte die Erde aufgeweicht, als Lumi in ihrem Inneren einen unbändigen Druck verspürte. Sie spürte, dass sie keine andere Wahl mehr hatte. Sie wurde nicht gefragt, ob sie wachsen wollte, sie spürte: sie musste es tun. In dem Moment, als sie ihren Widerstand aufgab und sich ihrem Schicksal ergab, geschah ein Wunder. Sie fühlte eine unendliche Weite in sich; dann schob sie sich Zentimeter um Zentimeter durch das Erdreich, bis ihre Spitze plötzlich auf keinen Widerstand mehr stieß.

Sie durchbrach die Erdkruste.

Ein gleißender Schauer aus goldenem Licht ergoss sich über sie. Zum ersten Mal spürte Lumi die Sonne und sie erkannte, dass es gar kein Sterben war, was sie erlebt hatte. Es war das Erwachen in einer anderen Dimension, die sie sich in der Enge der Zwiebelhaut niemals hätte vorstellen können. Sie entfaltete sorgsam ihre Blätter und ließ sich von der Frühlingsluft liebkosen. Sie sah das Blau des Himmels, vernahm das Flattern der Schmetterlinge um sich herum und genoss das unendliche Meer aus den unterschiedlichsten Farben all ihrer Gefährten.

Sie war nicht gestorben. Sie war nur zu etwas anderem geworden. Alles, was sie in der Dunkelheit der Erde für ihr ‚Ich‘ gehalten hatte, war nur so etwas wie ein Samenkorn für diese Pracht gewesen.

 

Was denkst DU? Ergeht es uns Menschen nicht ebenso, wie Lumi, der ängstlichen Blumenzwiebel? Wir klammern uns oft an das Bekannte, auch an unseren Körper und unsere vertraute Welt. Wir haben – wie sie - Angst vor dem ‚Aufbrechen‘, vor dem Neuen, dem Unbekannten und ganz besonders vor dem Tod.

Doch wer weiß, vielleicht ist das, was wir den Tod nennen, nur der Moment unseres Durchbruchs. Vielleicht ist diese Geschichte wie ein Spiegel für uns - und unser Erdenleben gleicht der Zeit in der Zwiebel. Vielleicht ist das Erdenleben eine Art der Vorbereitung - in der Dunkelheit -, bevor das eigentliche Leben im Licht beginnt.

Und wenn der Tag kommt, an dem wir ‚aufbrechen‘ müssen, ist es kein Ende, sondern der Augenblick, in dem wir zum ersten Mal die wahre Sonne erblicken und erkennen, dass wir für etwas viel Größeres geschaffen wurden.

Vielleicht wachsen wir ja auch, wie Lumi, in eine andere Dimension hinein, wo die Sonne noch heller scheint und die Blumen noch bunter blühen.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

Liebe Lore, diese Geschichte möchte ich dir widmen, denn heute – am Tag der Poesie – wird deine Urne beigesetzt. Viele Jahre haben wir zusammen mit Regina unsere Reizwortgeschichten geschrieben (Lores Märchenzauber und Reginas Geschichten). Das hat uns miteinander verbunden und das sind die Spuren, die wir hier auf der Erde hinterlassen. Unser gemeinsamer Glaube war und ist es, dass der Tod nicht das Ende, sondern der Anfang von etwas ist. Und deshalb glaube ich ganz fest daran, dass du jetzt im Licht weiterlebst – genau wie Lumi, die kleine Tulpe in meiner Geschichte!

Im Herzen verbunden! – Martina

 


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Freitag, 20. März 2026

Negative Glaubenssätze (Nachgedacht)

In meinem letzten (bzw. ersten) Postbeitrag der Kategorie ‚Nachgedacht‘ habe ich darüber gesprochen, dass wir alle ‚Geschichtenerzähler‘ sind und dass wir vieles denken, was uns nicht wirklich guttut.

Dazu gehören auch sogenannte ‚Negative Glaubenssätze‘, über die ich heute nachdenken möchte. Auch sie haben eine große Auswirkung auf uns, ohne dass wir uns dessen im ersten Moment bewusst sind. Und doch bestimmen sie vielleicht, welchen Weg wir einschlagen und wie wir die Welt sehen.

Die meisten dieser Sätze hören wir in der frühen Kindheit - durch die Erziehung und das direkte Umfeld. Als Kinder haben wir die Aussagen unserer Bezugspersonen oft ungefiltert und als absolute Wahrheit angenommen bzw. übernommen.

Viele dieser Sätze stammen aus der Zeit, in der Disziplin, Gehorsam, Schmerztoleranz und produktive Leistung im Vordergrund standen.

Ich komme heute auf dieses Thema, weil mir in einer Fernsehsendung vor ein paar Tagen der Satz ‚Wer schön sein will muss leiden‘, auffiel. Die Hauptdarstellerin antwortete daraufhin: „Ich will aber schön sein, ohne vorher leiden zu müssen.“

Neben „Wer schön sein will, muss leiden“, gibt es viele weitere Klassiker, die oft unbewusst unser Handeln steuern. Drei davon möchte ich mir gerne näher ansehen, denn wenn wir diesen Sätzen Glauben schenken, kann das wahrlich große Auswirkungen auf uns und unsere psychische Gesundheit haben. Deshalb möchte ich sie gerne näher beleuchten:

„Ohne Fleiß kein Preis“

Das liegt auf der Hand: Wir denken, nur dann erfolgreich sein zu können, wenn wir uns diesen Erfolg hart erarbeiten bzw. dass ein Erfolg nur mit größter Anstrengung erreichbar ist. Wenn wir das wirklich verinnerlichen, werden wir Erfolge, die uns leichtgefallen sind, gar nicht genießen, anerkennen oder wertschätzen können. (Das war zu einfach, das zählt nicht.) Und das führt uns in einen Teufelskreis aus ständiger Überarbeitung. Ruhepausen haben wir uns nicht verdient, wenn wir auf der ‚Erfolgsspur‘ unterwegs sind. – Dieses Denken kann fatale Auswirkungen auf uns und unsere Gesundheit haben!

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz“

Diesen Satz kenne ich noch aus meiner Kindheit. Ich selbst habe ihn zwar nicht gehört, aber viele Jungs in meinem Alter. Männern sagt man oft nach, dass sie Emotionen nicht zeigen können. Kein Wunder, wenn sie als Kind diesen Satz gehört haben. Sie hören nicht mehr auf ihre eigenen Grenzen, suchen sich bei Erschöpfungsanzeichen keine Hilfe, denn schließlich wollen sie tapfer und ein Indianer sein. Irgendwann könnte der Körper so laut rufen, dass ignorieren nicht mehr möglich ist. – Und dass dieser kleine Satz etwas damit zu tun haben könnte, kommt uns vielleicht gar nicht in den Sinn.

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“

Den Satz finde ich auch schlimm, da er uns ausbremst. Er raubt den Menschen im Erwachsenenalter den Mut, Neues zu beginnen oder sich beruflich umzuorientieren. Man fühlt sich zu alt für Veränderungen und verharrt vielleicht in unglücklichen Situationen. Man glaubt, dass das ‚Zeitfenster‘, in dem man neu beginnt oder etwas Neues lernt, bereits geschlossen ist.

Doch wenn es negative Glaubenssätze gibt, muss es zwangsläufig auf der anderen Seite der Medaille ‚positive Glaubenssätze‘ geben. Und die finden wir, indem wir die negativen Sätze umformulieren. Das setzt aber voraus, dass wir uns diese Sätze, die in uns wirken, mal bewusst machen.

So könnten wir den Satz ‚Ohne Fleiß keinen Preis‘ zum Beispiel mit ‚Erfolg darf leichtgehen und Freude machen‘ umändern. – So erlaubst du dir, effizient‘ statt ‚hart‘ zu arbeiten. Das senkt u. a. dein Stresslevel, steigert aber auch deine Kreativität und lässt dich einfach erreichte Erfolge genießen – ganz ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

Das Gegenstück zu ‚Ein Indianer kennt keinen Schmerz‘ könnte ‚Ich achte meine Gefühle und setze achtsam Grenzen‘ lauten. Ich glaube, es ist ganz wichtig für uns und unser System, dass wir auf unseren Körper hören. Gerade dann, wenn er Schmerz oder Erschöpfung signalisiert, ist es wichtig, dass wir es wahrnehmen, dem ganzen Raum geben und emphatisch mit uns selbst umgehen.

‚Ich lerne und wachse mein ganzes Leben lang‘ könnte das Gegenstück zu ‚Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr‘ sein. So bleibt man – oder erlaubt es sich – auch im Alter geistig und körperlich beweglich (zu sein) und so traut man sich auch im Alter noch zu, neue Projekte zu beginnen.

Das Wichtigste ist in meinen Augen – oder es ist meine Überzeugung -, dass wir unsere getönte Brille absetzen und hinschauen müssen oder sollten, damit nicht unterbewusst Dinge ablaufen, die uns wahrlich nicht guttun.

(c) Martina Pfannenschmidt, 2026

Mittwoch, 18. März 2026

Frühlingserwachen

Die Zweige der alten Eiche knackten leise und in den Tiefen ihrer Rinde brach etwas auf. Sie spürte in ihrem Innersten eine unbändige Freude – so, wie es in jedem Jahr zu dieser Zeit geschah.

„Kannst du es auch spüren?“, fragte sie die junge Birke, die in ihrer Nähe stand. „Der Saft steigt wieder in uns empor, auch wenn er noch ein wenig zäh fließt, nicht wahr.“

Die Birke zitterte vor Vorfreude und ihre weißen Zweige leuchteten im Morgenlicht. „Ich kann es kaum erwarten, mein grünes Kleid anzulegen“, flüsterte sie aufgeregt zurück. „Hoffentlich vergisst uns die Sonne nicht!“

„Die Sonne vergisst niemanden“, brummte die Eiche mit ihrer tiefen, warmen Stimme.

In dem Moment landete ein kleiner, kugelrunder Zaunkönig auf einem der kräftigen Seitenäste der Eiche. Er plusterte sein Gefieder auf, so dass die feinen Federn, die noch ein wenig struppig aussahen, sich neu ordnen konnten.

„Guten Morgen, liebe Eiche“, zwitscherte er, und seine Stimme klang wie ein helles Glockenspiel.

„Ah, kleiner Freund“, antwortete die Eiche sanft, „du bist früh dran.“

„Ich muss!“, rief der Vogel und hüpfte eifrig hin und her. „Der Platz hier, in deinen Astgabeln ist der sicherste der Welt und sehr beliebt. Deshalb möchte ich der Erste sein. Und schon begann er, den ersten zarten Halm in einer Spalte zu verweben. Er arbeitete emsig, holte Moos und weiche Federn, während er eine Melodie sang, die so voller Hoffnung steckte, dass sie das Herz der Eiche berührte und eine einzelne Träne an ihrer Rinde herunterlief.

Just in dem Augenblick nahm die Eiche einen Schatten war, der sich aus dem dichten Unterholz näherte. Es war kein Tier und es war kein Mensch. Es war ein kleiner Hüter des Waldes. Ein kleines Wesen, das barfuß über den harten Boden spazierte.

Das zarte Wesen legte seine Hand auf die raue Rinde der Eiche und sprach mit einer ungewöhnlich zarten Stimme: „Habt Geduld, ihr Lieben! Das Erwachen wird geschehen. Es ist ein Versprechen der Natur, das es geschieht.“

Die Bäume hielten den Atem an, als im selben Moment ein warmer Windhauch durch ihre Äste strich. Auch die Vögel des Waldes nahmen es wahr und stimmten einen vielstimmigen Chor an.

Und dann spürten sie es alle: Der Frühling war nicht mehr nur ein Gedanke – er war ein Herzschlag, der alles miteinander verband.

Die Luft roch jetzt ganz anders – sie roch nach feuchter Erde, nach Freiheit und nach diesem Versprechen, das nur der Frühling geben kann. Es war zwar noch kühl, aber es war eine Frische, die einen wachküsste.

Die alte Eiche streckte ihre Äste weit in den blauen Himmel. „Heute ist der Tag“, sagte sie in ihrer ruhigen Art. „Ich spüre es bis in die kleinste Faserspitze.“

Die Birke neben ihr wirkte fast nervös. An ihren Zweigen hingen unzählige kleine, braune Knospen, die prall gefüllt waren. „Glaubst du wirklich?“, fragte sie noch ein wenig ungläubig. „Ich habe solche Angst, zu früh dran zu sein.“

„Hab keine Angst“, zwitscherte eine kleine Meise, die gerade eine weiche Moosflocke im Schnabel trug und in diesem Augenblick auf einem Zweig der Birke landete.

„Schau, auch ich baue mein Nest. Die Sonne zeigt es uns. Es wird geschehen.“

Nun reckte auch die Birke ihre Zweige der Sonne entgegen.

„Es ist an der Zeit, euch in eurem schönsten Kleid zu zeigen“, flüsterte das Naturwesen – und es geschah.

Es war kein lautes Ereignis, sondern ein leises, fast unhörbares Geschehen. An der Spitze der Birkenzweige platzten die braunen Hüllen der Knospen auf und ein zarter grüner Punkt schob sich ans Licht – so zart und frisch und voller Leuchtkraft.

Wie eine Welle breitete es sich nun aus. Überall im Wald begannen die Bäume aufzubrechen. Überall sprengten die kleinen grünen Blättchen ihre engen Gefängnisse. Die Vögel flogen aufgeregt hin und her, feierten das neue Grün und die zarte Wärme, die nun beständig durch den Wald floss.

Der kleine Hüter des Waldes lächelte, als er sah, wie das junge Grün die Welt verwandelte.

„Es hat begonnen“, raunte die Eiche, während sie die Wärme der Sonne tief in ihr altes Holz einsaugte. Sie spürte, wie der Zaunkönig in ihrer Krone nun stolz sein fertiges Nest präsentierte - ein winziges Kunstwerk aus weichem Moos.

Die Birke neben ihr war nicht länger ängstlich; sie wiegte sich sanft im Wind, stolz auf ihr neues Kleid, mit dem sie den Waldrand zu erhellen schien.

Das Naturwesen nickte den beiden Bäumen ein letztes Mal zu. „Bewahrt euch dieses Leuchten“, flüsterte es, „denn solange ihr erblüht, werden die Menschen die Hoffnung nicht verlieren.“ Dann verschwand es wortlos in den Tiefen des Waldes.

Für einen Moment kehrte eine sonderbare Stille ein und hoch oben im tiefblauen Himmel zog ein einsamer Falke seine Kreise, während in den Zweigen der alten Eiche das Leben von Neuem und unaufhaltsam erwachte.

Der Frühling war nicht mehr nur ein Versprechen; er war erwacht.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


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Sonntag, 15. März 2026

Der sonnengelbe Schirm

Als Daniel an diesem trüben Märztag an der Haltestelle stand, war die Welt um ihn herum grau und trist. Er starrte auf seine vom Regen nassen Schuhe, die dieses Grau widerzuspiegeln schienen.

Daniel ging einem Job in der Buchhaltung nach, der ihm zwar ein sicheres Einkommen garantierte, aber freudlos war. Alles an ihm war: Mittelmaß! Er fühlte sich dünnhäutig, blass und oft kurz vor dem Zerreißen.

Heute war wieder so ein Tag, an dem er kurz vor dem Zerreißen stand. Ein Fehler in der Jahresbilanz, harsche Worte seines Chefs und das schlechte Essen in der Kantine lagen ihm schwer im Magen.

Obwohl er unter dem Glasdach der Haltestelle stand, spürte er den kalten Wind, so dass er den Kragen seines Mantels hochzog.

Für einen kurzen Moment glitt sein Blick dabei zur Seite und er nahm in der Ecke der Haltestelle einen sonnengelben Schirm wahr. Dieses Gelb wollte so gar nicht zu der Trostlosigkeit dieses Tages passen. Es wirkte wie ein Stück Sommer – mitten im März.

Daniel sah sich um. Die Straße war menschenleer, bis auf ein paar Autos, die vorbeijagten. Niemand war weit und breit zu sehen.

Er zögerte kurz, trat dann aber näher und nahm den Schirm an sich. Wider Erwarten war der Griff noch warm und er wunderte sich darüber, weil es den Anschein hatte, als hätte gerade eben jemand den Schirm dort abgestellt.

Als er ihn näher betrachtete, bemerkte er einen kleinen laminierten Zettel, auf dem in fein geschriebener Handschrift stand: „Für dich, der du heute glaubst, dass die Welt nur aus Dunkelheit besteht. Nimm mich gerne mit! Ich möchte für dich das Licht sein und dir sagen: Jemand sieht dich!“

Ein Schauer lief Daniel über den Rücken. Es war ihm, als habe gerade jemand eine Tür zu seinem Inneren aufgestoßen. Dieser kleine Satz: „Jemand sieht dich!“, traf ihn mit voller Wucht. – In dieser Stadt mit tausend anderen Menschen fühlte er sich oft ungesehen. Aber dieser Schirm … dieser Schirm war nur für ihn gedacht.

Als der Bus quietschend hielt, stieg Daniel ein. Er setzte sich ganz nach hinten und legte den Schirm auf seinen Schoß. Während die Regentropfen draußen gegen die Scheiben trommelten, breitete sich eine wundersame Wärme in ihm aus. Der graue Himmel, die harschen Worte seines Chefs, das schlechte Essen – alles war plötzlich unbedeutend für ihn.

Dieser sonnengelbe Schirm veränderte etwas in Daniel. Er sah plötzlich viel mehr Positives, hielt der Nachbarin die Tür auf und lächelte die Kassiererin im Supermarkt an. Und plötzlich schien die ganze Welt zurückzulächeln.

Eines Morgens, als der erste echte Sonnenstrahl seit Tagen wieder durch sein Fenster fiel, wurde Daniel bewusst, dass es Zeit wurde, den Schirm an seinen Ursprungsort zurückzubringen. Er durfte für eine weitere Person zu einem ‚Lichtbringer‘ werden.

Und so ging er wieder zur Haltestelle, stellte den Schirm vorsichtig in die Ecke und wartete anschließend im Schatten eines Hauseingangs, was geschehen würde.

Es dauerte nur ein paar Minuten, als er eine ältere Dame wahrnahm, die direkt auf die Haltestelle zuging. Sie hinkte leicht und die Sorgen standen ihr ins Gesicht geschrieben. Als sie bei der Haltestelle ankam, fiel ihr Blick sogleich auf den gelben Schirm. Sie zögerte kurz, nahm ihn dann aber doch an sich und las, was auf dem Zettel stand – genauso, wie er es vor ein paar Wochen getan hatte. Sogleich nahm Daniel eine Veränderung im Gesicht und in der Haltung der Frau wahr und er selbst spürte eine tiefe Wärme in seinem Herzen, denn dieser Schirm war gewiss von genau der richtigen Person gefunden worden.

Daniel drehte sich um und ging mit dem Gefühl nach Hause, für einen anderen Menschen ein Lichtbringer gewesen zu sein

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!