Dienstag, 28. Juli 2026

Knopfaugenmonster

Väter sind Männer … und Männer sind stark und mutig, nicht wahr?! 😊Sie sind die Beschützer der Familie … bis ein Knopfaugenmonster in ihr Leben tritt und sie merken, dass auch ihre Tapferkeit ihre Grenzen hat.

Viel Freude beim Lesen der Geschichte!

 

An diesem späten Abend lag Leni hellwach in ihrem gemütlichen Bett. Eigentlich sollte sie längst träumen … wäre da nicht dieses unheimliche Geräusch. Da … schon wieder … ein leises rhythmisches Kratz-Kratz-Kratz.

Leni zog ihre Bettdecke bis unter die Nasenspitze. Es hörte sich an, als sei ein Monster mit riesigen Krallen direkt in ihrem Zimmer. Ihr Herz hämmerte wie wild gegen ihre Rippen. Sie wollte das Licht anmachen, aber ihre Hände waren schwer wie Blei. Sie wollte ihre Mutter rufen, doch ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Schließlich schaffte sie es doch: „Maaamaaa!“, rief sie mit zittriger Stimme. Bald darauf flog die Tür auf und Licht flutete den Raum. Mama stürmte mit Papa im Schlepptau ins Zimmer hinein.

„Was ist los, mein Schatz?“, fragte sie und setzte sich auf die Bettkante. Just in dem Moment huschte ein kleiner grauer Schatten über den Boden und verschwand mit einem frechen Fiepen hinter der lockeren Fußleiste.

„Da!“, rief Leni. „Habt ihr es gesehen: ein Monster mit Schwanz. Ich bleibe keine Minute mehr in diesem Zimmer.“

„Aber Leni, das ist doch kein Monster. Das ist eine süße kleine Maus, die es sich hinter der Fußleiste gemütlich gemacht hat.“

„Egal“, beharrte das Mädchen, „ich schlafe heute bei dir, Mama. Papa kann in meinem Bett schlafen.“

Lenis Vater schluckte schwer. Sollte er zugeben, dass ihm Mäuse ebenfalls nicht geheuer waren? Aber die Blöße wollte er sich natürlich nicht geben. „Kein Problem“, sagte er deshalb mit einer etwas zu hohen Stimme, „geh du nur zu Mama. Ich werde dein Zimmer wie ein Wachhund beaufsichtigen.“

Gesagt, getan!

Bald darauf lag Papa im - für seine Größe etwas zu kurzen - Bett seiner Tochter. Nachdem er das Licht gelöscht hatte, zog er seine Bettdecke bis über beide Ohren. Und da war es wieder, das furchterregende: Kratz, Kratz, Kratz, gefolgt von leisen Trippelgeräuschen auf dem Laminatboden. Wenig später spürte er ein winziges Gewicht auf der Bettdecke, das sich langsam an seinen Beinen hocharbeitete. Vor Schreck hielt er die Luft an, bis sein Gesicht knallrot angelaufen war und er mit einem lauten „AAAAAAHHHHHH!“ aus dem Bett sprang. Seine Füße verhedderten sich dabei in der Bettdecke und so landete er mit einem lauten Wumms unsanft auf dem Boden, während er wild mit seinen Armen in der Luft ruderte.

Im selben Moment wurde die Tür erneut aufgerissen. Mama und Leni sahen den starken ‚Beschützer‘ auf dem Boden sitzen. „Na, da wird es wohl besser sein, zu meiner Geheimwaffe zu greifen“, meinte Mama bei diesem Anblick. Kurze Zeit später kam sie mit einer Lebendfalle, in die sie einen Klecks Erdnussbutter platziert hatte, ins Zimmer zurück.

Anschließend hockte die ganze Familie im Flur vor der Tür und wartete, bis ein erlösendes ‚Klack‘ zu hören war.

Sie schlichen leise ins Zimmer und sahen ein winziges graues Knäuel mit großen Ohren und kleinen schwarzen Knopfaugen in der Falle hocken.

„Ohhhhh, das ist ja doch kein Monster, sondern nur eine Mini-Maus. Wie gut, dass du so tapfer warst, Papa“, lachte Leni.

„Ich wollte sie doch nur“, stotterte er, „… aus der Reserve locken … das war doch meine Taktik …“.

Dann mussten alle lachen und Mama trug die Falle nach draußen in den Garten. Als sie die Klappe öffnete, flitzte die Maus rasch in die Freiheit.

„Maus ausgezogen, Monster besiegt“, meinte sie stolz und fügte mit einem Augenzwinkern an: „Ich glaube, Papa darf nun wieder im großen Bett schlafen, oder?“

„Gott sei Dank“, murmelte er nur.

Für den Rest der Nacht schliefen alle ruhig und fest. Jeder in seinem eigenen Bett.

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

Dienstag, 21. Juli 2026

Ich nehme euch mal mit …

Ideen zu neuen Geschichten finden auf ganz unterschiedlichen Wegen zu mir. Oft ist es so, dass ich etwas sehe, so wie bei der letzten Geschichte. Manchmal schnappe ich irgendwo einen Satz auf oder irgendein Gedanke macht sich in mir breit. Ganz oft frage ich mich dann, woher der eigentlich kommt. – Die folgende Geschichte fand beim Bügeln zu mir, als ich darüber nachdachte, dass wir Menschen oftmals Gedanken pflegen, von denen wir denken, dass wir sie – aus den unterschiedlichsten Gründen heraus – nicht mit anderen teilen könnten. – Doch Clara nimmt uns heute ein klein wenig mit in die Welt ihrer Gedanken. – Ich wünsche euch viel Freude beim Lesen!

 

Clara stand an diesem Samstagmorgen am Fenster ihrer kleinen Altbauwohnung und blickte auf den Innenhof. Aus dem Badezimmer hörte man das Brummen der Waschmaschine, auf dem Küchentisch stand noch das Geschirr vom Frühstück, in ihrer Hand hielt sie eine Tasse Tee.

Clara war 29. Sie arbeitete als Grafikdesignerin in einer kleinen Agentur und galt überall als der ‚Fels in der Brandung‘. Sie dachte immer rational, war immer organisiert, immer diejenige, die bei Problemen einen kühlen Kopf bewahrte – zumindest schien es für alle anderen so.

„Alles gut bei dir? Du bist so still“, fragte ihr Freund Leon aus dem Wohnzimmer heraus, während er ein Videospiel spielte.

„Ja, alles super! Ich bin nur ein bisschen müde“, antwortete Clara. Ihre Stimme klang dabei leicht und unbeschwert, doch so fühlte sie sich gar nicht. Ihre Antwort war schlicht und ergreifend eine Lüge, die sie ständig wiederholte, so dass sie ihr wie selbstverständlich über die Lippen kam. Die Wahrheit sah ganz anders aus. Seit Monaten schon fühlte sie sich, als würde sie eine Rolle in einem Theaterstück spielen, dessen Drehbuch sie weder kannte noch mochte.

Sie schloss kurz die Augen und dachte: Ach könnte ich meine Mitmenschen doch nur einmal mitnehmen in die Welt meiner Gedanken!

Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie eine ältere Frau unten im Hof, die mühsam zwei schwere Einkaufstaschen trug und ihr kam der Gedanke, wie flüchtig das alles hier doch ist. Diese Frau, Leon im Nebenzimmer, sie selbst – alle waren sie wie wandelnde Geschichten auf zwei Beinen.

Eine gewisse Melancholie machte sich in ihrer Brust breit, als sie darüber nachsann, dass die meisten dieser Geschichten ungelesen bleiben würden.

Sie fragte sich in diesem Moment, ob sich die Nachbarin von gegenüber, die jeden Abend schweigend auf dem Balkon saß, einsam fühlte. Diese Einsamkeit, die wohl viele, wenn nicht alle Menschen verband, während im Alltag jeder so tat, als sei alles perfekt. Clara hatte ihre Gedanken noch nie mit jemandem geteilt. In einer Welt, die scheinbar ständig eine Verbesserung und eine dauernde Glückseligkeit forderte, sprach man nicht über melancholische Gedanken. Man wollte ja nicht als depressiv oder kompliziert abgestempelt werden.

Claras Blick fiel auf ein Buch. Sie nahm es an sich und strich sehnsuchtsvoll über den Einband. Das Buch zeigte Bilder aus Neuseeland – endlose, grüne Hügel, auf denen Schafe weideten, umgeben von nichts als Weite. Ein schmerzhafter Stich traf sie. Sie hatte der Welt nie erzählt, wie oft sie nachts wach lag und das Gefühl hatte, am falschen Ort zu sein. Nicht falsch in dieser Wohnung oder in dieser Stadt, sondern falsch in dieser gesamten, lauten Welt.

Sie sehnte sich nach einer Langsamkeit, die das moderne Leben gar nicht mehr zuließ. Sie stellte sich eine Welt vor, in der der Wert eines Tages nicht an Klicks gemessen wurde, sondern daran, wie viele Wolken man am Himmel vorbeiziehen sah. Sie sehnte sich nach einer Welt, in denen Menschen einander schweigend ansehen konnten, ohne dass diese Stille sofort mit Smalltalk oder dem Griff zum Smartphone unterbunden werden musste.

Sie öffnete die unterste Schublade ihres Schreibtisches. Ganz hinten, unter alten Steuerunterlagen, lag eine Mappe mit Kohlezeichnungen. Es waren wilde, düstere, aber wunderschöne Landschaften, die Clara im echten Leben niemandem zeigte. Vor ein paar Wochen hatte sie sogar einige davon im Waschbecken verbrannt, aus Angst, Leon oder eine Freundin könnten sie zufällig finden und Fragen stellen.

Clara hatte der Welt von sich immer nur die funktionierende Seite präsentiert. Niemand wusste, dass sie manchmal den unbändigen Drang verspürte, laut zu schreien oder einfach alles hinzuschmeißen. Sie versteckte ihre kreativen Seite und ihren Freiheitsdrang, weil sie das Unverständnis ihres Umfeldes daraufhin fürchtete. Die Angst vor Sätzen, wie: „Clara, was ist los mit dir? Drehst du jetzt völlig durch?“, waren ihr ständiger Begleiter.

Sie blickte auf ihr Smartphone, das auf der Küchenzeile lag. In der WhatsApp-Gruppe ihrer Freundinnen ploppten gerade Nachrichten auf: Urlaubsfotos, Restaurant-Tipps. Das Schweigen über das, was die Menschen wirklich bewegte, war für Clara in letzter Zeit kaum mehr zu ertragen. Sie begriff, dass alle Menschen ihr Innerstes und ihre wahren Gefühle und Gedanken wie in einem Tresor verschlossen hielten. War sie denn die Einzige, die sich nach echter, ungeschönter Verbundenheit sehnte?

Clara setzte sich an ihren Schreibtisch, öffnete ihren Laptop und begann mit zitternden Händen zu schreiben. Sie wollte die Tür zu ihrer Innenwelt nicht länger vor anderen verschlossen halten. Sie wollte sie zumindest einen Spalt breit öffnen.

Clara begann zu tippen: Ich nehme euch mal mit ... in die Welt meiner Gedanken!

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

Dienstag, 14. Juli 2026

Wie heißt der Herzbube denn?

Vor ein paar Tagen hoppelte in der Wiese nebenan ein kleiner Hase. Das war sehr niedlich und deshalb beobachtete ich ihn eine Weile. – Es dauerte gar nicht lange, da flog eine Elster heran und landete direkt vor seiner Nase. Die beiden sahen sich an und es hatte den Anschein, als führten sie ein Gespräch. Da ich von Natur aus neugierig bin, habe ich die beiden ein wenig belauscht. Doch ob ich wirklich alles richtig verstanden habe, kann ich nicht versprechen, denn dafür war ich dann doch ein bisschen zu weit weg vom Geschehen. 😉 Aber egal, ob die folgende Geschichte nun der Realität entspricht oder doch eher meiner Fantasie entspringt … ich wünsche euch in jedem Fall viel Freude beim Lesen.

 

An diesem herrlichen Morgen summten die Hummeln auf der saftigen Wiese und die bunten Blumen streckten neugierig ihre Köpfe gen Himmel. Eigentlich war es ein perfekter Tag, doch mitten auf dieser idyllischen Wiese saß Klara, eine junge Häsin, und ließ ihre sonst so stolz aufgerichteten Löffel bis auf den Boden hängen. Ihr Blick war traurig auf die eigenen Pfoten gerichtet. Sie machte einen wahrlich bedröppelten Eindruck, was Elmo, die Elster, die ihre Kreise über der Wiese zog, sogar aus der Vogelperspektive wahrnehmen konnte. Neugierig flog sie zu dem kleinen Häufchen Elend und landete mit einem leisen Rascheln unmittelbar vor Klaras Nase.

„Na nu, kleines Langohr?!“, krächzte Elmo laut. „So ein schöner Tag und so ein langes Gesicht? Was betrübt dich denn so sehr, wenn ich fragen darf?“

Klara seufzte tief, und ein kleines Tränchen glitzerte in ihrem Fell. „Ach, Elmo“, begann sie mit leiser Stimme, „ich bin einfach so traurig. Ich hatte eine wunderbare, beste Freundin – Mimi. Wir haben jeden einzelnen Tag zusammen verbracht. Wir sind um die Wette gehoppelt und haben abends stundenlang gequatscht. Doch seit einer Woche bin ich Luft für sie. Sie hat plötzlich überhaupt keine Zeit mehr für mich. Und warum? Wegen diesem einen Typen, der wie aus dem Nichts aufgetaucht ist und ihr den Kopf verdreht hat. Sie sieht nur noch ihn. Verstehst du?!“

Elmo flatterte mit den Flügeln. „Ich verstehe! Absolut! Sag, wie heißt der Herzbube denn?“

„Frederik“, schniefte Klara. „Frederik Flitzefuß.“

Elmo erstarrte mitten in der Bewegung. „Der?!“, rief die Elster fassungslos aus. „Frederik Flitzefuß?! Na, da schlagen bei mir aber alle Alarmglocken an! Den Kerl kenne ich. Der hat doch auf jeder Wiese im Umkreis von einigen Kilometern ein anderes Hasenherz gebrochen! Erst letzte Woche hat er der armen Lotte von der Klee-Wiese ewige Treue geschworen. Doch schon am nächsten Tag war er spurlos verschwunden. Er ist ein absoluter Hallodri! Klara, du musst deine Freundin warnen!“

Klara ließ die Ohren nur noch weiter hängen. „Sie glaubt mir nicht, Elmo. Ich hab’s ja versucht. Mimi ist frisch verliebt, weißt du, und ihre rosarote Brille ist so groß wie ein Wagenrad. Sie glaubt mir nicht, weil sie denkt, ich sei nur eifersüchtig.“

Elmo überlegte kurz, dann funkelten seine Augen plötzlich. „Wer sagt denn, dass du es ihr sagen musst? Es ist doch viel besser, es ihr zu zeigen, nicht wahr! Das ist wirkungsvoller und ich garantiere dir, dass ihre Brille ganz schnell von ihrer Nase rutschen wird. Vertrau mir! Ich habe schon einen Plan!“

Bereits am nächsten Nachmittag setzten die beiden diesen in die Tat um. Elmo hatte den besagten Felix genau beobachtet und wusste, dass dieser sich heute mit einer neuen, ahnungslosen Hasendame auf der Sonnenblumen-Wiese verabredet hatte – während er Mimi erzählt hatte, er müsse „wichtige Erledigungen“ machen.

Somit hatte Mimi Zeit für Klara und die führte sie unter einem Vorwand zur Sonnenblumen-Wiese, während Mimi ununterbrochen davon redete, wie toll, charmant und einzigartig ihr Frederik doch sei.

„Schau mal, Mimi, da vorne hinter den dichten Hecken soll es die besten Beeren geben“, flüsterte Klara und schob ihre Freundin sanft ins Gebüsch. „Aber wir müssen ganz leise sein.“

Mimi spähte durch die Blätter – und hielt mitten in der Bewegung inne. Ihr stockte der Atem. Nur wenige Meter weiter saß Frederik Flitzefuß. Doch er war nicht allein. Er hielt der hübschen Hasendame Bella eine wunderschöne Löwenzahnblüte hin, zupfte ihr charmant ein Blatt aus dem Fell und flötete mit genau derselben Schmeichelstimme, die Mimi so liebte: „Ach, Bella, du bist die Einzige für mich. Keine andere Häsin kann sich weit und breit mit deiner Schönheit messen …“

Mimis Augen wurden groß wie Untertassen, und die rosarote Brille zersprang in tausend Teile. Anschließend stieg ihr die Schamesröte ins Gesicht, doch dann packte sie die pure Wut. Sie wollte gerade aus der Hecke stürzen, um dem Schwindler die Meinung zu geigen, als von oben ein spöttisches Krächzen zu hören war.

Es war Elmo! Die Elster flog im Tiefflug über Frederik hinweg und rief absichtlich so laut, dass es die ganze Wiese hören konnte: „Achtung, Achtung! Frederik Flitzefuß auf frischer Tat ertappt! Letzte Woche Lotte, gestern Mimi, heute Bella! Jeden Tag bricht der Windbeutel einer anderen Häsin das Herz!“

Bella horchte auf und nahm in diesem Moment Mimi wahr, die stolz aus der Hecke kam und mit verschränkten Pfoten vor ihnen stand. In diesem Moment verpasste Bella dem entsetzten Frederik einen kräftigen Stoß mit der Hinterpfote, so dass er sich überschlug und anschließend, als er jammernd davonlief, seinem Nachnamen alle Ehre machte.

„Lass dich nie wieder auf unseren Wiesen blicken!“, riefen sie ihm nach.

Mimi drehte sich zu Klara um und schlang ihre Pfoten fest um ihre beste Freundin. „Es tut mir so leid, Klara! Du hattest von Anfang an recht. Ich war so blind. Danke, dass du mich gerettet hast.“

Klaras Löffel schnellten im Nu wieder nach oben.

„Beste Freundinnen für immer!“, sagte sie und drückte ihre Freundin ebenfalls fest an sich, denn wahre Freundschaft übersteht jeden Hallodri und jedes falsche Versprechen dieser Welt.  

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

 

Dienstag, 7. Juli 2026

Eingebunden in den ewigen, unendlichen Augenblick

Wenn ich Tiere beobachte, denke ich oft, dass sie im Gegensatz zu uns Menschen völlig zeitlos leben. Das ist für uns gar nicht (mehr) vorstellbar, denn irgendwann hat der Mensch Messungen und Einteilungen der Zeit 'erfunden', um sein Zusammenleben und seine Arbeit zu organisieren. Für uns heutzutage nicht nur nachvollziehbar, sondern unabdingbar. Wie sollte das gehen? Ohne diese Einteilungen gäbe es keine Verabredungen mehr und keine Deadlines ... unvorstellbar! 😃 

Vielleicht, so dachte ich mir, beobachten wir ja nicht nur die Tiere, sondern sie auch uns. Mal schauen, was ein Kater und ein Hahn über uns und unsere Zeiteinteilungen denken. - Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen! 


Augustin, ein stattlicher Kater mit getigertem Fell, ließ sich die wärmenden Strahlen der Nachmittagssonne auf seinen Bauch scheinen, während er im Heu lag und die Ruhe genoss, die der Bauernhof ausstrahlte. Mit seinen grünen Augen beobachtete er den Hahn des Hofes, der stolz auf einem dicken Holzbalken saß und sein buntes Gefieder mit größter Präzision und stoischer Gelassenheit putzte.  

„Ein herrlicher Tag heute“, schnurrte der Kater und streckte geschmeidig eine Pfote in die Luft, „ganz anders als gestern, am Montag, da hat es ja wirklich nur geregnet, und die Menschen liefen mit finsteren Mienen umher.“

Gockel, der Hahn, hielt mitten in der Bewegung inne. Er drehte den Kopf, fixierte den Kater mit einem seiner kreisrunden, dunklen Augen und legte den Kopf schief. „Montag?“, fragte er mit rauer, krächzender Stimme. „Was soll das denn sein? Ein neues Futter?“

Augustin schmunzelte über den dummen Hahn und setzte sich auf. „Nein, natürlich nicht. Montag ist ein Tag. Verstehst du?! Der erste Tag der Woche. Die Menschen teilen ihr ganzes Leben in diese Abschnitte ein. Es gibt Montag, Dienstag, Mittwoch und so weiter. Insgesamt gibt es sieben Tage und die bilden eine Woche und jedem dieser Tage haben sie einen anderen Namen gegeben, um sie besser unterscheiden zu können.“

Der Hahn stieß ein kurzes Lachen aus, das wie ein trockenes Husten klang. „Namen für das Licht?“, fragte er. „So ein Blödsinn. Licht ist Licht. Es kommt, es geht … jeden Tag gleich … so wie der Wind weht, die Sonne scheint, es regnet, warm oder kalt ist.“

Sichtlich amüsiert fuhr Augustin fort: „Das ist noch gar nicht alles, weißt du. Ich schlafe nämlich oft im Wohnzimmer auf dem Sofa, direkt unter einem tickenden Kasten an der Wand. Die Menschen nennen ihn 'Uhr'. Dieses Ding teilt jeden Augenblick noch weiter ein. Und so gibt es noch Stunden, Minuten und Sekunden. Und jeden Morgen, wenn die Uhr einen bestimmten Ton von sich gibt, springen die Menschen erschrocken aus dem Bett. Sie rennen hektisch umher, trinken hastig einen Kaffee und rufen, dass sie 'keine Zeit' haben.“

Gockel schüttelte energisch das Gefieder. „Keine Zeit? Was soll das nun wieder heißen? Wie kann ihnen etwas fehlen, das gar nicht existiert? Eigentlich ist es doch ganz einfach, oder? Wenn die Sonne den Horizont berührt und die Nacht vertreibt, dann kommt das Licht erneut und das spüre ich in meinem ganzen Körper, so dass ich vor lauter Freude darüber auf den Zaun fliegen und krähen muss. Ich krähe aber nicht, weil es irgendeine 'Uhrzeit' ist. Ich krähe, weil das Licht da ist und weil mein Körper mir sagt: Wach auf, das Leben beginnt jetzt von Neuem. Ob das nun ein 'Montag' ist oder irgendein anderer Name … ich glaube, das ist der Sonne schnurzspiepsegal. Sie geht einfach auf.“

Der Kater legte die Ohren leicht zurück und dachte nach. „Die Menschen sagen auch, sie werden älter“, gab er dann noch zum Besten, „weil die Jahre vergehen. Du musst wissen, dass sie nicht nur die Tage und Wochen zählen, sondern auch Monate und Jahre. Und in jedem Winter beginnt ein neues Jahr.“

„Winter ist für mich, wenn der Frost die Erde hart macht“, erwiderte der Hahn, „und Sommer ist, wenn die Würmer tief im Boden sitzen. Vielleicht haben die Menschen auch vergessen, dass der Moment das Einzige ist, was existiert. Also, wenn ich ein Korn picke, picke ich es jetzt. Nicht gestern und nicht morgen.“

Der Kater nickte. Er verstand, was der Hahn meinte. Wenn Augustin eine Maus jagte, dachte er weder an das Frühstück von letzter Woche noch an den Tierarzttermin im nächsten Monat. Er war einfach ganz Auge, ganz Ohr und ganz Tatze. Im absoluten Moment, im absoluten Hier und Jetzt.

Gockel begann wieder, seine Federn zu putzen, während sich Augustin im Stroh zusammenrollte und noch weiter über die Menschen und die Worte des Hahns nachdachte. 

Wenn der Kater abends auf dem Sofa lag und die Menschen beobachtete, während sie am Küchentisch saßen und in ihre Kalender oder auf ihre Notizen schauten, dann wäre es vielleicht sinnvoller für sie, einfach mal aus dem Fenster zu sehen und ihre Tiere zu beobachten. Dann wüssten sie, dass Tiere keine Zeit kennen, weil es im Universum keine Zeit gibt.

Zeit war doch nur Illusion, ein Konstrukt der Menschen. Sie hatten die Zeit ‚erfunden‘, um Ordnung zu schaffen, doch stattdessen bauten sie sich dadurch ihr eigenes Gefängnis. Sie waren oft atemlos, ständig im Stress und oft war die Angst bei ihnen, etwas zu verpassen oder zu spät zu kommen. Würden die Menschen nur ein kleines bisschen mehr wie er, Augustin, oder wie Gockel, der Hahn, leben, gäbe es für sie keinen Stress, keine Termine und auch keine Fristen, die sie erdrückten.

Wir Tiere brauchen keine Uhren, um zu wissen, dass wir leben, dachte Augustin. Wir leben einfach … eingebunden in den ewigen, unendlichen Augenblick … und in diesem Augenblick liegt der wahre Frieden.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Montag, 29. Juni 2026

… und es wird noch heißer!

Am vergangenen Wochenende war es echt heiß und ich gestehe: auch mir war es viiiiieeeeel zu warm und auch ich habe darüber gejammert. Aber irgendwie ist es ja immer zu warm, zu kalt, zu nass oder zu trocken … nicht wahr? Das arme Wetter kann es uns Menschen einfach nicht recht machen. Ob sich die Tiere an diesen Tagen auch menschlich verhalten? Ich habe darüber eine Geschichte geschrieben und wünsche dir nun viel Freude beim Lesen.

 

Die Sonne brannte unerbittlich vom Himmel herab und verwandelte die Erde in einen glühenden Pizzaofen. Selbst im Stadtwald herrschten fast 36 Grad im Schatten.

Rufus, ein sichtlich übergewichtiger Berner Sennenhund, lag langgestreckt auf einer staubigen Lichtung. Er hechelte besorgniserregend. „Es ist unmenschlich“, jaulte er, "ich habe das Gefühl, dass ich gleich dahin schmelze. Kann mir mal bitte jemand meinen Pelz ausziehen?“

Während er das sagte, nestelte er an seinem Bauch herum, so als suche er einen Reißverschluss oder eine Klettverbindung. „Wer hat dieses Design überhaupt genehmigt?“, fragte er lautstark und richtete seinen Blick Richtung Himmel. „Das ist eine absolute Fehlplanung!“

Ein paar Meter weiter saß die Perserkatze Penelope auf einem verdorrten Ast und wedelte sich mit einem großen Kastanienblatt Luft zu. „Ach, schweig still, Rufus“, maunzte sie. „Mein Pelz fühlt sich an wie eine lebendige Heizdecke auf Stufe drei. Und das Schlimmste? Kein Zweibeiner spendiert uns ein Eis.“

„Hör mir bloß auf mit denen“, mischte sich ein Waschbär namens Willy ein, der schweißgebadet hinter einem Baumstamm hervorkroch. „Ich war letztens im Wohngebiet unterwegs. Keine einzige Wasserschale weit und breit! Nichts! Ich habe extra traurig vor einem Terrassenfenster gestanden und demonstrativ meine Zunge herausgestreckt. Aber was machen die Menschen? Sie fotografieren mich für dieses Insta-dings und rufen: 'Ach wie süß, der Kleine will bestimmt spielen!' Aber ich wollte nicht spielen. Ich wollte kaltes Wasser … oder noch besser: Eiswürfel!“

Das Jammern und Jaulen erreichte nun seinen Höhepunkt.

„Früher gab es hier mehr Schatten“, krächzte eine alte Krähe von einem Ast. „Wisst ihr noch, dass dort drüben, wo jetzt ein Parkplatz ist, eine alte Eiche stand? Heute wird man dort gegrillt wie eine Bratwurst auf dem Rost. Aber darüber denken die Menschen in ihren klimatisierten Blechkisten natürlich nicht nach.“

„Wir müssen eine Beschwerde einreichen“, forderte Rufus und versuchte, sich auf die Seite zu rollen, gab es aber wegen akuter Trägheit sofort wieder auf. „Wir sollten fordern, dass die Sonne nach elf Uhr morgens nicht mehr scheinen darf … oder zumindest eine Rasur-Pflicht für alle Tiere mit Fell ab Juni.“

Penelope schnaubte verächtlich. „Rasierpflicht und wer soll das machen … ich will schließlich nicht aussehen, wie ein gerupftes Huhn.“

„Hey!“, ertönte eine empörte Stimme. Ein Huhn, das aus dem nahen Bauernhof geflohen war, um im Wald Abkühlung zu suchen, blickte beleidigt. „Auch wir Hühner haben Würde! Obwohl ich zugeben muss … diese Federn sind heute wie ein Daunenbett. Ich überlege ernsthaft, mich in den Tiefkühler des Bauern zu schleichen.“

Und so schleppten sich die Stunden dahin wie zäher Honig. Die Tiere jammerten über die Hitze und über die Fliegen, die viel zu aktiv waren, und darüber, dass der Stadtwald begann, nach nassem Hund zu riechen.

Doch als die Sonne unterging, kam plötzlich ein leichter Wind auf und Plopp … ein erster Regentropfen landete sacht auf Rufus Nase. Weitere folgten … Plopp … Plopp … Plopp!

Und dann gab es kein Halten mehr. Der Himmel öffnete seine Schleusen und ein herrlicher, erfrischender Sommerregen prasselte auf den Stadtwald nieder.

Die Tiere stellten sich unter die wohltuende Dusche und machten ein Freudentänzchen. Das Huhn gackerte lautstark und spannte seine Flügel vor Glück weit auf.

Und als der Regen aufhörte, lagen alle Tiere überglücklich im nassen Gras.

Mit dem leisen Konzert der Grillen im Hintergrund schliefen die Tiere friedlich ein – bereit für den nächsten heißen Tag und die nächste Mecker-Stunde.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

Freitag, 19. Juni 2026

Geht nicht, gibt’s nicht

Nach einer kleinen Pause melde ich mich heute wieder bei euch, denn wisst ihr, manchmal wartet man auf einen Impuls für eine neue Geschichte, doch er kommt nicht … bis, ja bis jemand den Namen Melanie ruft … und sich das – etwas komisch ausgesprochen -, irgendwie nach Schaf anhört … 😉 … und als im selben Moment eine Hummel meinen Weg kreuzte, war die Idee für eine weitere Geschichte geboren. Und nun wünsche ich euch viel Freude beim Lesen!

 

Das Schaf mit den kuscheligen weißen Locken aus Wolle, dem der Bauer den Namen Mählanie gegeben hatte, stand an diesem Nachmittag im Schatten eines alten Obstbaumes auf der Streuobstwiese. Die Sonne schien besonders warm, aber es wehte ein sanfter Wind, in dem sich die bunten Blumen auf der Wiese wiegten.

In diesem Moment vernahm Mählanie ein bekanntes Brummen. Bssss … Bssss … Bssss … und ein kleiner, flauschiger Ball schwebte im Zickzackkurs direkt auf eine große, rote Kleeblüte zu. Es war die Hummel, die einige liebevoll „Pummelchen“ nannten, weil sie halt so herrlich dickbäuchig war.

„Hallo, Pummelchen!“, rief Mählanie erfreut.

Die Hummel landete weich auf dem Klee, putzte sich mit den Vorderbeinen die Fühler und schaute das Schaf aus kleinen, klugen Augen an. „Hallo Mählanie! Aber du weißt doch, dass ich eigentlich Hummelchen heiße!“, stellte sie klar, nahm die kleine Neckerei aber nicht persönlich, sondern kicherte so herzlich darüber, dass ihr ganzer pelziger Körper zu vibrieren schien.

Das Schaf legte den Kopf schief und betrachtete die winzigen, durchsichtigen Flügel, die im Sonnenlicht glänzten. Sie erinnerte sich an ein Gespräch, das sie einmal mitangehört hatte und von dem sie nun der Hummel erzählen wollte.

„Du, Hummelchen? Ich muss dir etwas Lustiges erzählen“, begann Mählanie. „Der Bauer hat neulich erzählt, dass schlaue Wissenschaftler berechnet haben, dass eine Hummel viel zu schwer ist für ihre kleinen Flügel und demnach nach menschlichen Berechnungen gar nicht fliegen kann.“

Hummelchen hielt mitten in der Bewegung inne. Sie schaute kurz an sich herab, blickte dann hoch zu den Wolken und fing laut an zu lachen.

„Ach, Mählanie!“, summte sie fröhlich. „Das ist ein Witz. Mich interessieren diese menschlichen Berechnungen nicht. Wir Hummeln sehen den blauen Himmel und die leckeren Blüten und fliegen einfach los!“

Das Schaf wackelte ein wenig mit seinen Ohren, bevor es antwortete: „Ich find’s wunderbar! Du tust es einfach, weil du darauf vertraust, dass du es kannst.“

„Genauso ist es!“, bestätigte Hummelchen und hüpfte auf die nächste Blüte. „Aber sag mal, Mählanie ... was denkst du, lassen sich die Menschen selbst durch die Berechnungen oder Worte anderer ausbremsen? Denkst du, dass sie denken könnten, etwas nicht zu können, nur weil es ihnen irgendwer gesagt hat?“

Mählanie legte sich gemütlich ins Gras, während Hummelchen im Schwebeflug über ihrem Kopf kreiste. „Oh, da fallen mir viele Dinge ein“, meinte das Schaf. „Der kleine Sohn des Bauern zum Beispiel. Er wollte letztens ein Bild von mir malen, aber sein älterer Bruder sagte: ‚Du malst nicht schön. Ich kann kein Schaf auf deinem Blatt erkennen.‘ Da hat der Kleine traurig seinen Stift zur Seite gelegt, das Blatt zerrissen und nie wieder versucht, mich zu zeichnen.“

Hummelchen schüttelte empört den Kopf. „Wie schade! Dabei hat es ihm gewiss Freude bereitet und er hat aus seinem Herzen heraus gemalt.“

„Ganz gewiss hat er das“, bestätigte das Schaf und fuhr fort, „und die Bäuerin singt schrecklich gerne, wenn sie backt. Aber der Bauer hat sie aufgezogen und gemeint, dass sie keinen einzigen Ton richtig treffen würde. Ja und nun singt sie nur noch, wenn sie ganz sicher ist, dass sie niemand hören kann. Dabei macht es ihr bestimmt auch viel Freude.“

„Es kommt mir so vor, als würden sich die Menschen selbst Zäune in ihre eigenen Köpfe bauen oder bauen lassen“, summte die Hummel nachdenklich. „Wenn ihnen jemand sagt ‚Das schaffst du nicht‘ oder ‚Dafür bist du nicht schlau, sportlich oder groß genug‘, schenken sie dem anderen mehr Glauben und Vertrauen als sich selbst und probieren es nicht einmal aus!“

„Mir scheint, man sollte viel öfter die Ohren auf Durchzug stellen, wenn jemand sagt, etwas sei unmöglich“, entgegnete das Schaf und war sich sicher, dass man stets alles ausprobieren und immer der eigenen Freude folgen sollte.

Die beiden verbrachten noch den ganzen Nachmittag zusammen auf der Wiese, lachten über dieses und philosophierten über jenes und sie fragten sich, wie die Welt wohl aussähe, wenn alle einfach das tun würden, was sie im Herzen spürten – ganz ohne Angst vor dem Scheitern oder den Zweifeln, die andere säen.

Als Hummelchen sich schließlich verabschiedete, wirbelte sie noch einmal elegant durch die Luft. Sie machte einen doppelten Looping, um zu zeigen, was ihr alles möglich war und rief: „Tschüss, Mählanie! Vergiss nie: Flieg einfach los!“

Das Schaf schaute seiner pummeligen Freundin so lange hinterher, bis der kleine gelb-schwarze Punkt im Abendrot verschwand und fragte sich, wie viele wunderbare Dinge die Menschen wohl nicht taten, nur weil irgendwer mal behauptet hatte, es ginge nicht?

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

Freitag, 5. Juni 2026

Die Sehnsucht nach Freiheit

Vor ein paar Tagen beobachtete ich die vielen kleinen Fallschirmchen einer Pusteblume, die der Wind durch unseren Garten trug. – Das war der Moment, in dem die folgende Geschichte ihren Anfang nahm … zunächst nur als kleine Gedankensplitter in meinem Kopf … und nun als Buchstaben auf dem Papier.

Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen!

 

Eigenes Foto


Zu Beginn des Frühlings, als die Sonne die Erde küsste, erwachte in einem Samen eine unbändige Sehnsucht nach dem Licht. Und so schob er eine zarte, grüne Wurzel in die Tiefe und zeitgleich zwei winzige Keimblätter durch die dunkle Krume nach oben. Er wuchs rasch. Seine Blätter wurden kräftig, waren tief gezackt und erinnerten an die Zähne eines Löwen.

Eines Morgens geschah es dann. Stolz öffnete sich eine leuchtend gelbe Blüte. Sie strahlte wie eine eigene kleine Sonne mitten auf der grünen Wiese. Der Löwenzahn war vollständig geboren.

Es dauerte nicht lange, bis sich Besuch einstellte. Mit einem leisen Summen landete ein kleiner Marienkäfer auf den goldenen Blütenblättern. Sein winziger roter Panzer glänzte im Sonnenlicht, und seine sieben schwarzen Punkte wirkten wie sorgsam aufgemalte Knöpfe.

„Guten Morgen, du schöner Stern“, grüßte der Marienkäfer mit feiner Stimme.
„Guten Morgen“, erwiderte der Löwenzahn erfreut und wiegte sich leicht im Wind. „Wer bist du?“
„Ich bin ein Marienkäfer und mein Name ist Punkte. Ich habe dich sogleich von dort oben entdeckt, weil du der hellste Fleck auf dieser ganzen Wiese bist!“

Aus dieser ersten Begegnung erwuchs rasch eine tiefe Freundschaft. Und so besuchte Punkte den Löwenzahn so oft er konnte. Der Marienkäfer erzählte von dem süßen Duft der Blüten, von dem glitzernden Bach am Ende des Waldes und von den Menschen, die auf den Wegen spazieren gingen. Er sprach von der grenzenlosen Freiheit, sich einfach vom Wind tragen zu lassen und die Welt von oben zu betrachten.

Doch je mehr Punkte erzählte, umso stiller wurde der Löwenzahn. Es war ihm, als legte sich ein dunkler, schwerer Schatten auf sein goldenes Gemüt.
„Was hast du denn?“, fragte Punkte eines Nachmittags besorgt, als der Löwenzahn gar nicht mehr strahlen wollte.

„Ach, Punkte“, seufzte der Löwenzahn, „ich werde ganz traurig, wenn ich dir zuhöre. Weißt du, du kannst überallhin, wo du möchtest. Du siehst die ganze Welt. Und ich? Ich bin hier fest verwurzelt. Ich muss für immer an diesem einen Platz bleiben und kann mich nicht bewegen. Ach, könnte ich doch auch fliegen, so wie du!“

Punkte setzte sich traurig auf die gelbe Blüte seines Freundes. Er wusste nicht, wie er ihn trösten sollte, denn er konnte ja nicht seine Wurzeln entfernen.

Einige Tage später veränderte sich etwas. Der Frühling neigte sich dem Ende zu, und dem Löwenzahn wurde ganz seltsam zumute. Seine gelbgoldenen Blütenblätter begannen zu schrumpfen und verblühten. Wie von selbst schloss sich anschließend sein Blütenkopf zu einer festen grünen Kapsel, während in seinem Inneren etwas Eigenartiges geschah. Es fühlte sich an, als würde sein altes Ich zerbersten.

Als sich die Kapsel nach einer Weile öffnete, war das vertraute Gold komplett verschwunden. Stattdessen trug er ein Kleid aus unzähligen, federleichten, weißen Schirmchen. Sie bildeten eine perfekte, zarte Kugel. Doch der Löwenzahn spürte eine tiefe, lähmende Angst, als er merkte, wie sich sein Körper nun anfühlte – so zerbrechlich, so flüchtig.

„Punkte!“, rief er panisch, als der Marienkäfer wieder auf einem nahegelegenen Grashalm landete. „Schau mich an! Mein schönes, gelbes Kleid ist weg. Ich glaube, das ist mein Ende. Das ist mein Tod.“

Schnell flog Punkte zu seinem Freund, setzte sich ganz vorsichtig auf den Stängel, um die zarte Pracht ja nicht zu zerstören, und flüsterte: „Hab keine Angst, mein Freund. Vertraue dem Wandel. Das ist nicht das Ende.“

In diesem Moment frischte der Wind auf. Ein sanfter Sommerwind erfasste die Wiese. Der Löwenzahn spürte einen leichten Ruck und im selben Moment eine ungeahnte Leichtigkeit. Seine Wurzel befand sich immer noch im Boden, aber sein Innerstes, seine Gedanken, seine Träume – sie lösten sich ab und flogen davon. Unzählige kleine Schirmchen erhoben sich in die Luft.

In diesem magischen Augenblick war die Verwandlung vollbracht und das Wunder geschah: Der Löwenzahn flog.

Punkte breitete sogleich seine Flügel aus und schwang sich gemeinsam mit seinem Freund in die Luft. Für einen kurzen, unendlich kostbaren Moment flogen sie Seite an Seite. Sie tanzten im Aufwind, höher und höher, über die Gräser hinweg, dem strahlend blauen Himmel entgegen. Der Löwenzahn sah zum ersten Mal den glitzernden Bach, von dem Punkte so oft erzählt hatte. Er jubelte im Wind und seine unendliche Sehnsucht war gestillt.

Der Wind trug die kleinen Fallschirme schließlich weiter. Sie trennten sich, tanzten über Felder, Straßen und Gärten. Jeder einzelne kleine Schirm trug einen winzigen Samen mit sich fort, der die Erinnerung an das warme Gold der Sonne und die Freiheit des Fluges in sich trug.

Punkte schaute ihnen mit einem lächelnden und einem weinenden Auge hinterher. Er wusste, dass sein Freund nicht gestorben war, denn wo vorher nur ein einziger Löwenzahn gestanden hatte, würden im nächsten Frühling unzählige neue, goldene Sonnen auf den Wiesen erblühen. Aus einem Leben waren hundert neue Leben geworden, unsterblich und für immer frei.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


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