Nachdem ich vor ein paar Tagen bei meiner Schreib-Freundin Regina die Geschichte ‚Der Prinz mit den goldenen Haaren‘ gelesen hatte, in der mir der Satz ‚… im Traum und im Märchen ist alles möglich, nicht wahr?‘ begegnete, machte sich sogleich eine Geschichte zu mir auf den Weg. Und wenn ihr mögt, nehme ich euch nun mit und erzähle euch, welch ‚traumhafte Erfahrungen‘ Opa und Phillip, die ihr schon aus der Geschichte ‚Der Zauberhut‘ kennt, heute machen. Viel Freude beim Lesen!
Phillip angelte sich ein golden verpacktes Bonbon aus dem Bonbonglas. „Opa,
warum steht dahinten im Schrank ein leeres Marmeladenglas? Es ist schon ganz
staubig.“
Phillip reckte sich und stellte sich auf die Zehenspitzen, um das staubige
Glas aus der hintersten Ecke des Schrankes zu fischen.
Opa legte seine Zeitung beiseite, schob die Lesebrille auf die Nasenspitze
und tat sehr geheimnisvoll: „Daaaas? Das ist nicht einfach nur ein normales
Glas, mein Junge. Das ist mein Traum-Auffang-Glas.“
Phillip hörte staunend zu.
„Was ist ein Traum-Auffang-Glas, Opa?“
„In dem Glas bewahre ich all meine schönen Träume auf. Verstehst du? Du
darfst es nicht öffnen, sonst verschwindet der fliegende Teppich vielleicht,
auf dem ich rund um den Südpol geflogen bin.“
„Wow!“, rief Phillip begeistert und riss die Augen weit auf. „Dann ist das
ja ein magisches Glas, oder?“
„Absolut! Weißt du, wenn man ganz fest an seine Träume glaubt, dann fliegen
sie nachts nicht einfach davon, sondern man kann ein kleines bisschen davon
mitnehmen für den nächsten Tag.“
Phillip blickte staunend zu Opa. Er konnte sich gar nicht vorstellen, dass
sein gemütlicher Opa nachts als Pilot um den Südpol flog.
„Und wie fängt man so einen Traum?“, wollte Phillip dann wissen.
„Das ist das Einfachste von der Welt“, antwortete Opa. „Du musst dich
abends im Bett einfach ganz fest auf ein Abenteuer freuen. Wenn du dann die
Augen schließt, reist du schon los. Und morgen früh, da schauen wir mal, ob wir
deinen Traum im Glas einfangen können.“
Phillip konnte es kaum erwarten, dass es endlich dunkel wurde und hüpfte
voller Vorfreude durch das Wohnzimmer. So ein Traum-Abenteuer durfte er auf
keinen Fall verpassen.
Als es dunkel wurde, kuschelte Phillip sich tief in sein Kissen, schloss
die Augen und dachte ganz fest an den Weltraum. Und wusch! Da ging es
auch schon los.
Er saß in einer Rakete und sauste durch das blaue Weltall, während die
Triebwerke laut zischten. Phillip sah aus dem Fenster und staunte über all die
funkelnden Sterne. Die Erde unter ihm wurde immer kleiner und die Bäume sahen
von hier oben aus, wie kleine Brokkoli-Köpfchen. Zielsicher steuerte die Rakete
auf den großen runden Mond zu, der immer größer vor ihm erschien. Eine Weile
später landete die Rakete butterweich auf dem Mond. Phillip öffnete die Luke
und staunte über die Hügel und Mulden, die sich ihm nun zeigten. Dann sah er
etwas auf einem nahegelegenen Hügel stehen. Dort musste er hin … und konnte
kaum glauben, was er dort sah. Auf diesem Hügel stand ein Kiosk und darin
befand sich sein Opa. Er trug seinen schwarzen Klappzylinder schief auf dem
Kopf und in der Hand hielt er eine riesige Waffeltüte, die gefüllt war mit
Erdbeer- und Vanilleeis.
„Opa!“, rief Phillip und hüpfte freudig auf ihn zu.
„Na, mein Junge!“, lachte Opa, tippte lässig an die Krempe seines Zylinders
und reichte Phillip die riesige Waffeltüte. Probier mal, das Mond-Eis schmeckt
heute fantastisch nach Sternenstaub!“
Phillip probierte und strahlte, denn er ahnte, dass er gerade das größte
Abenteuer seines bisherigen Lebens erlebte.
Am nächsten Morgen kitzelten die ersten Sonnenstrahlen Phillips Nase. Er
riss die Augen auf und setzte sich kerzengerade im Bett auf. War das alles nur
ein Traum gewesen?
Er flitzte im Pyjama die Treppe hinunter in die Küche. Dort saß Opa am
Tisch, trank gemütlich seinen Kaffee und las Zeitung. Auf dem Tisch stand ein
leeres Marmeladenglas mit glitzerndem Deckel.
„Opa, Opa! Ich war auf dem Mond! Und du warst auch da, mit deinem
Zylinder!“, sprudelte es aus Phillip heraus.
Opa sah seinen Enkel mit funkelnden Augen an und grinste übers ganze
Gesicht. „Ich weiß, mein Junge. Ich war ja schließlich auch dort.“
Danach strich er sich schmunzelnd über den Bart und fügte mit einem
Augenzwinkern hinzu: „Aber sag mal … hast du zufällig meinen linken Hausschuh
gesehen? Ich suche ihn schon den ganzen Morgen und ich habe den leisen
Verdacht, dass ich ihn auf dem Mond vergessen haben könnte.“
Phillip prustete los. Er schaute auf Opas Füße – und tatsächlich: Der linke
Fuß steckte nur in einer dicken, geringelten Socke. Das Traum-Abenteuer war
wohl doch ein bisschen echter gewesen, als er gedacht hatte!
© Martina
Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!