In meinem letzten (bzw. ersten) Postbeitrag der Kategorie ‚Nachgedacht‘ habe ich darüber gesprochen, dass wir alle ‚Geschichtenerzähler‘ sind und dass wir vieles denken, was uns nicht wirklich guttut.
Dazu gehören auch sogenannte ‚Negative Glaubenssätze‘, über die ich heute nachdenken möchte. Auch sie haben eine große
Auswirkung auf uns, ohne dass wir uns dessen im ersten Moment bewusst sind. Und
doch bestimmen sie vielleicht, welchen Weg wir einschlagen und wie wir die Welt
sehen.
Die meisten dieser Sätze hören wir in
der frühen Kindheit - durch die Erziehung und das direkte Umfeld. Als
Kinder haben wir die Aussagen unserer Bezugspersonen oft ungefiltert und als
absolute Wahrheit angenommen bzw. übernommen.
Viele dieser Sätze stammen aus der Zeit, in der
Disziplin, Gehorsam, Schmerztoleranz und produktive Leistung im Vordergrund
standen.
Ich komme heute auf dieses Thema, weil mir in
einer Fernsehsendung vor ein paar Tagen der Satz ‚Wer schön sein will
muss leiden‘, auffiel. Die Hauptdarstellerin antwortete daraufhin: „Ich
will aber schön sein, ohne vorher leiden zu müssen.“
Neben „Wer schön sein will, muss leiden“, gibt es
viele weitere Klassiker, die oft unbewusst unser Handeln steuern. Drei davon
möchte ich mir gerne näher ansehen, denn wenn wir diesen Sätzen Glauben
schenken, kann das wahrlich große Auswirkungen auf uns und unsere psychische
Gesundheit haben. Deshalb möchte ich sie gerne näher beleuchten:
„Ohne Fleiß kein Preis“
Das liegt auf der Hand: Wir denken, nur dann
erfolgreich sein zu können, wenn wir uns diesen Erfolg hart erarbeiten bzw. dass
ein Erfolg nur mit größter Anstrengung erreichbar ist. Wenn wir das wirklich verinnerlichen,
werden wir Erfolge, die uns leichtgefallen sind, gar nicht genießen, anerkennen
oder wertschätzen können. (Das war zu einfach, das zählt nicht.) Und das führt
uns in einen Teufelskreis aus ständiger Überarbeitung. Ruhepausen haben wir uns
nicht verdient, wenn wir auf der ‚Erfolgsspur‘ unterwegs sind. – Dieses Denken
kann fatale Auswirkungen auf uns und unsere Gesundheit haben!
„Ein Indianer kennt keinen
Schmerz“
Diesen Satz kenne ich noch aus meiner Kindheit.
Ich selbst habe ihn zwar nicht gehört, aber viele Jungs in meinem Alter.
Männern sagt man oft nach, dass sie Emotionen nicht zeigen können. Kein Wunder,
wenn sie als Kind diesen Satz gehört haben. Sie hören nicht mehr auf ihre
eigenen Grenzen, suchen sich bei Erschöpfungsanzeichen keine Hilfe, denn
schließlich wollen sie tapfer und ein Indianer sein. Irgendwann könnte der
Körper so laut rufen, dass ignorieren nicht mehr möglich ist. – Und dass dieser
kleine Satz etwas damit zu tun haben könnte, kommt uns vielleicht gar nicht in
den Sinn.
„Was Hänschen nicht lernt,
lernt Hans nimmermehr“
Den Satz finde ich auch schlimm, da er uns
ausbremst. Er raubt den Menschen im Erwachsenenalter den Mut, Neues zu beginnen
oder sich beruflich umzuorientieren. Man fühlt sich zu alt für Veränderungen
und verharrt vielleicht in unglücklichen Situationen. Man glaubt, dass das ‚Zeitfenster‘,
in dem man neu beginnt oder etwas Neues lernt, bereits geschlossen ist.
Doch wenn es negative Glaubenssätze gibt, muss es
zwangsläufig auf der anderen Seite der Medaille ‚positive Glaubenssätze‘ geben.
Und die finden wir, indem wir die negativen Sätze umformulieren. Das setzt aber
voraus, dass wir uns diese Sätze, die in uns wirken, mal bewusst machen.
So könnten wir den Satz ‚Ohne Fleiß keinen
Preis‘ zum Beispiel mit ‚Erfolg darf leichtgehen und Freude
machen‘ umändern. – So erlaubst du dir, effizient‘ statt ‚hart‘ zu
arbeiten. Das senkt u. a. dein Stresslevel, steigert aber auch deine
Kreativität und lässt dich einfach erreichte Erfolge genießen – ganz ohne ein
schlechtes Gewissen zu haben.
Das Gegenstück zu ‚Ein Indianer kennt
keinen Schmerz‘ könnte ‚Ich achte meine Gefühle und setze achtsam
Grenzen‘ lauten. Ich glaube, es ist ganz wichtig für uns und unser
System, dass wir auf unseren Körper hören. Gerade dann, wenn er Schmerz oder
Erschöpfung signalisiert, ist es wichtig, dass wir es wahrnehmen, dem ganzen
Raum geben und emphatisch mit uns selbst umgehen.
‚Ich lerne und wachse mein
ganzes Leben lang‘ könnte das Gegenstück zu ‚Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans
nimmermehr‘ sein. So bleibt man – oder erlaubt es sich – auch im
Alter geistig und körperlich beweglich (zu sein) und so traut man sich auch im
Alter noch zu, neue Projekte zu beginnen.
Das Wichtigste ist in meinen Augen – oder es ist
meine Überzeugung -, dass wir unsere getönte Brille absetzen und hinschauen
müssen oder sollten, damit nicht unterbewusst Dinge ablaufen, die uns wahrlich
nicht guttun.
(c) Martina Pfannenschmidt, 2026