Donnerstag, 1. September 2022

Lebenszeichen

Hallo, lieber Besucher und Leser meines Blogs! Ich freue mich, dass du da bist! Und vielleicht - wenn du mir und meinem Blog schon länger folgst, fragst du dich, was los ist und warum es so still geworden ist in meinem Blog? Keine Reizwörtergeschichten - Funkstille!

Geplant war diese Pause 'eigentlich' nicht. Doch dann merkten wir 3 Schreiberinnen (Regina, Lore und ich), dass wir eine Sommerpause gut gebrauchen konnten. - Ja und 'eigentlich' sollte es im September weitergehen mit unseren Geschichten - jeweils zum 15. und 30. des Monats.

Aber manchmal plant das Leben anders, als wir - und so haben wir vorerst das Einstellen von Reizwörtergeschichten auf den 30. Oktober verschoben.

Ich kann noch nicht versprechen, dass ich dann wieder mit dabei sein werde, da ein weiteres Hobby, neben dem Schreiben von Kurzgeschichten, die 'Arbeit mit Energien' ist - und diese Arbeit fordert momentan meine ganze Aufmerksamkeit.

Ihr Lieben, ich verabschiede mich für eine Weile. Wie lange sie andauern wird, kann ich heute noch nicht sagen. Allerdings kann ich sagen, dass ihr - bei Interesse - viiiiiiieeeele Geschichten in meinem Blog finden könnt. - Und dies gilt ebenso für die Blogs von Lore und Regina!

Kommt gut durch diese energetisch wie emotional herausfordernden Zeiten und vor allen Dingen: bleibt gesund und im Vertrauen! 

Alles Liebe!

Martina

Freitag, 15. Juli 2022

Schwiegermütter sind auch nur Menschen

Reizwörter: Geräusch, Gitter, gehen, gelb, geräumig

Auch bei Regina findet ihr eine Geschichte mit diesen Reizwörtern. Zwar setzt Lore mit den Reizwortgeschichten eine kleine Weile aus, doch bei ihr findet ihr unzählige Geschichten und zauberhafte Märchen!


Mein Name ist Mandy. Ich bin 31 Jahre alt, verheiratet und Mutter, und zwar seit genau 10 Wochen. Als solche bin ich natürlich nicht nur zusätzlich Ehefrau und Tochter, sondern auch Schwiegertochter … doch der Reihe nach.

Also, mein lieber Mann, der Kevin, hat, wie wir alle, eine Mutter. Meine Schwiegermutter. Und die war echt in Ordnung, bis wir vor genau einem Jahr beschlossen haben, zu ihr ins Haus zu ziehen.

„Mandy, du hast schon wieder die Wäsche falsch aufgehängt.“

Also bis dahin wusste ich gar nicht, dass man Wäsche falsch aufhängen kann. Aber man kann! Meine Schwiegermutter hängt sie nämlich immer der Größe nach auf die Leine. Der Größe nach! Das muss man sich mal vorstellen. Und weshalb und für wen? Ich kann es euch sagen: für die Nachbarn, damit die ein schönes Bild haben bzw. sich von meiner Schwiegermutter ein großartiges Bild machen. „Schau mal, was für eine adrette und ordentliche Frau die Gisela ist.“ 

Sch… drauf! Aber das sagt und denkt man natürlich nicht.

Und kochen konnte und kann ich natürlich auch nicht so gut, wie sie. Und natürlich weiß ich auch nicht, was ein Mann, wie der Kevin, braucht und gerne isst. Nämlich Fleisch und zwar jede Menge davon.

„Der Kevin muss so hart arbeiten. Der braucht etwas Richtiges zu essen und nicht nur Salat und dieses, dieses, wie heißt’s noch? Na, du weißt schon, was ich meine, dieses vegetative Essen eben.“

„Das heißt vegetarisch, Gisela, und ist auch für deinen Sohn gut und gesund.“

„Was sagst DU denn dazu, Kevin?“

Na gar nichts sagt er, weil er natürlich seiner geliebten Mama nicht in den Rücken fallen möchte. Find ich auch nicht wirklich prickelnd. Aber gut. Ich komm schon klar. Wäre nur schön, wenn ich ein bisschen mehr Schlaf bekäme. Dann könnte ich all die guten Ratschläge, die sie mir gibt, vielleicht besser verkraften. Aber, wie sagt man so schön: ich gehe auf dem Zahnfleisch. Ich weiß gar nicht mehr, wie es sich anfühlt, ausgeschlafen zu sein.

Aber zurück zum Beginn meiner Schwangerschaft. Also, ich kann euch sagen, die Gisela war so was von nett zu mir, als sie erfahren hat, dass sie Oma wird. Ich war ganz glücklich, dass ich sie damit glücklich machen konnte. Doch dieses Gefühl hielt nicht lange an. Da gebe ich euch doch mal ein Beispiel. Als ich im 9. Monat schwanger war, kam die Frage: „Wie lange darf man denn heute im Krankenhaus bleiben?“

Wie? Was ist das denn für eine Frage? Wer möchte schon länger dort bleiben, als nötig. Die Erklärung kam umgehend: „Weißt du, als der Kevin geboren wurde, fand ich das echt super. Ich konnte mich richtig gut von der Entbindung erholen, weil sich ja die Schwestern um den Kevin gekümmert haben. Da habe ich richtig viel Kraft tanken können.“

Ich ersparte es mir, Gisela zu erklären, dass das aus heutiger Sicht eben nicht mehr der richtige Weg ist und es besser ist, wenn das Kind nicht von der Mutter getrennt wird und seine Nächte getrennt von ihr verbringen muss. Wenn ich ehrlich bin, muss ich allerdings gestehen, dass ich damals noch nicht wusste, was es bedeutet, wenn man zum Zeitpunkt der Geburt seines Kindes bereits seit 48 Stunden keinen Schlaf bekommen hat und man zweitens in einem Dreibettzimmer mit eben zwei weiteren Müttern und insgesamt 3 Babys verbringen muss und auch nicht, was es wirklich bedeutet, sein Kind direkt nach der Geburt rund um die Uhr versorgen zu müssen – und das nach unaussprechlich schmerzhaften Wehen und einer schweren Geburt.

Klar hat man das alles nach ein paar Stunden wieder vergessen und ist einfach nur glücklich, das Baby endlich in seinen Armen zu halten. Obwohl! Ganz ehrlich! Manchmal ist es auch einfach nur anstrengend und dann das Stillen … aber ich will nicht jammern. Meine kleine Tochter ist wirklich ein Sonnenschein und zuckersüß. Wären da nur nicht dieser Schlafmangel und meine Schwiegermutter.

Weiteres Beispiel ihrer nicht enden wollenden guten Ratschläge:

Als ich gestern mit unserer Kleinen spazieren gehen wollte, schoss sie aus ihrer Wohnungstür heraus: „Mandy, was ich dir unbedingt noch sagen wollte, also das mit dieser Kette die da im Kinderwagen baumelt, das ist nicht gut für das Kind. Schau mal, die hängt doch so nah vor ihren Augen. Nicht dass sie dadurch noch anfängt zu schielen.“

Ist echt eins zu eins so passiert. Da fehlen einem doch die Worte, oder nicht? Komisch nur, dass ihr Sohn niemals mit guten Ratschlägen versorgt wird. Die bekomme ausschließlich ich um die Ohren gehauen. Erwähnte ich schon meinen Schlafmangel und dass ich dadurch besonders sensibel geworden bin? Ich möchte noch kurz ansprechen, dass ich in der Nacht vor dieser Situation unser Baby drei Stunden lang durch die Wohnung getragen habe. Ich habe es gestreichelt, massiert und gesungen, bis es endlich, endlich in einen Tiefschlaf gefallen ist – für genau drei Stunden, in denen ich auch schlafen durfte. Ja und dann sind da ja auch noch diese Brüste, die schmerzen und all die Hormone und der Beckenboden, der sich in einem desolaten Zustand befindet. Da sind all die vielen Ratschläge einfach zu viel. Also habe ich diese wunderschöne, mit einer gelben Sonne, einem blauen Elefanten, einem grünen Äffchen und vielen bunten Kugeln bestückte Kette tatsächlich abgenommen, weil ich einfach keine Kraft für Gegenargumente mehr gefunden habe.

Nach dem Spaziergang habe ich dann meine Mutter angerufen und mich bei ihr ausgeweint. Ich habe davon erzählt, dass sich das Stillen irgendwann zu einem gemeinsamen Weinen entwickelt hat, weil ich vor Schmerzen und mein Baby vor Hunger weint. Dass ich das Tragetuch einfach schrecklich finde und dass ich permanent ein schlechtes Gewissen habe und Angst, wirklich alles falsch zu machen. Und wisst ihr, was meine Mutter gesagt hat: „Deinem Kind kann es nur gut gehen, wenn es dir gut geht und deshalb mache ich mich jetzt auf den Weg zu euch und nehme dir sooft es geht die Kleine ab. Weißt du, Mandy, früher verbrachten die Mütter nach der Geburt eine Woche im Wochenbett. In der Zeit nahm man ihr vieles ab, damit sie wieder in ihre Kraft kam. Heute erwartet man von den Müttern nach der Geburt nach meinem Empfinden viel zu früh, viel zu viel.“

Seither sind zwei Wochen vergangen und alles ist schon viel entspannter. Ich lege mich auch tagsüber mal hin, wenn das Baby auch schläft und fühle mich schon viel besser.

In diesem Moment höre ich Geräusche aus dem Kinderzimmer. Als ich den geräumigen Raum betrete, liegt unsere Kleine mit geöffneten Augen in ihrem Gitter-Bettchen und strahlt mich an. Vor lauter Glück habe ich Tränen in den Augen. Wir zwei sind ein wirklich gutes Team geworden und eines ist mir inzwischen ebenfalls klar geworden: Schwiegermütter sind auch nur Menschen!

 

© Martina Pfannenschmidt, 2022


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Donnerstag, 30. Juni 2022

Ich glaube, ich …

Unsere Reizwörter: Ferien, Frühstück, flott, fauchen, freuen

Schaut auch bitte, welche Geschichten Regina und Lore zu diesen Reizwörtern eingefallen sind.


Gestern war mein letzter Schultag vor den Ferien. Aber diesmal habe ich mich auf diesen Tag gar nicht so doll gefreut, wie sonst. Nicht, weil ich schlechte Noten bekommen hätte, sondern weil diesmal alles ein bisschen anders war, als sonst.

In diesem Jahr verlassen meine Mitschüler und ich die Grundschule und wir gehen nach den Sommerferien auf andere Schulen. Deshalb mussten wir uns gestern für eine lange Zeit oder vielleicht sogar für immer voneinander verabschieden. Und das fand ich ganz schön blöd, vor allen Dingen deshalb, weil mein bester Kumpel zu einer anderen Schule gehen wird, als ich. Schließlich saßen wir vier Jahre lang nebeneinander und wir kennen uns schon seit unserer Kindergartenzeit und deshalb hatte ich einen dicken Kloß im Hals, als ich ihm Tschüß gesagt habe, obwohl ich ihn beim Fußball trotzdem noch sehen werde.

Ja, und jetzt ist dieser Kloß vom Hals in den Bauch gerutscht und liegt dort wie ein dicker Stein. Warum? Weil ich ziemlich aufgeregt bin, was ich natürlich niemals zugeben würde. Gleich nach dem Frühstück werde ich nämlich zum ersten Mal alleine mit dem Zug fahren. Ich bin bisher überhaupt erst einmal mit einem Zug gefahren, als wir an der Ostsee Urlaub gemacht haben. Damals sind wir mit der ‚Dicken Molly’ gefahren. Das ist so eine alte Dampflok, die sehr langsam, aber ziemlich laut fauchend und schnaufend durch die Straßen des Ortes fährt. Das war zwar auch ganz schön, doch jetzt fahre ich mit einem ICE und Mama sagt, der ist ordentlich flott unterwegs.

Warum ich alleine mit dem Zug fahre? Ich mache eine Woche Urlaub bei meinen Großeltern. Darauf freue ich mich schon sehr, weil eine Woche alleine bedeutet: ohne meine manchmal nervende kleine Schwester und ohne den Stress, den meine Mama macht, weil ich mein Zimmer mal wieder nicht aufgeräumt habe.

Aber irgendwie denke ich: wäre ich bloß schon da! Doch das sage ich natürlich niemandem. Ich bin ja keine Memme. Schließlich werde ich bald 11. Da schafft man das. Das hat Papa mir gestern Abend auch noch mal gesagt. Das ist wohl so eine Jungssache, dass man stark und tapfer sein soll. Aber so einfach ist das gar nicht.

Ich will ja jetzt nicht petzen, aber ich glaube, Papa hätte fast geweint, als er mir gestern Abend Tschüß gesagt hat. Er hat zwar so getan, als sei ihm etwas ins Auge geflogen, aber das habe ich ihm nicht geglaubt. Aber egal! Ich werde gleich mutig in den Zug steigen und das Abenteuer kann beginnen.

Der Abschied von Mama fiel mir eben ganz schön schwer. Und ihr auch. Aber das ist okay! Mama ist ja schließlich ein Mädchen und die dürfen auch mal weinen. Ich habe natürlich nicht geweint.

Inzwischen ist der Stein in meinem Bauch auch schon kleiner geworden, denn ich sitze bereits hinten im Auto von Oma und Opa und kann sogar schon ihr Haus sehen. Es ist ziemlich alt und ziemlich groß. Aber ich mag es und Oma und Opa sowieso. Sonst wäre ich ja jetzt gar nicht hier.

„Opa hat heute früh Kirschen gepflückt“, erzählt mir Oma, „wenn du Lust hast, kannst du mir gleich beim Marmelade kochen helfen.“

„Du kannst aber auch zuerst einmal einen kleinen Spaziergang mit Kalle machen“, schlägt Opa vor.

Genau in dieser Reihenfolge werde ich in meine Ferien starten.

Kalle ist ein kleiner schwarz-weißer Terrier und er springt vor Freude an mir hoch und möchte mir am liebsten quer über den Mund lecken, als ich mich vor ihm hinknie.

„Wollen wir einen Spaziergang machen?“, frage ich ihn und er bellt ein kurzes ‚Ja’.

Also schnappe ich mir die Leine und wir beiden gehen einen Feldweg entlang. Am Feldrand rechts und links von mir stehen leuchtend rote Mohnblumen und blaue Kornblumen. Vielleicht pflücke ich Oma auf dem Rückweg einen Strauß davon. Dass Mohnblumen giftig sind, weiß ich natürlich. Aber über Kornblumen würde sie sich bestimmt freuen.

Am Ende der Felder biege ich nach rechts ab und sehe ein Mädchen auf mich zukommen, das ebenfalls einen Hund an der Leine führt. Ihre langen weizenblonden Haare wehen dabei im Wind und als sie näher kommt und mich anlächelt, sehe ich, wie ihre supergeile Zahnspange aufblitzt.

Wow, was passiert denn in diesem Moment, wo sie mir gegenübersteht und die beiden Hunde sich freudig begrüßen, in meinem Bauch? Der kleine Stein der da immer noch so schwer lag, bekommt plötzlich Flügel. Es ist, als würde er abheben.

„Hallo“, spricht sie mich an, „bist du Elias?“

Ihre Augen, die mich wie zwei funkelnde Sterne anschauen, sind so blau wie der Himmel über uns. Ich kann gar nichts sagen, nicke nur.

„Ich bin Leni und wohne mit meiner Mutter für eine Woche in der Ferienwohnung deiner Großeltern. Deine Oma hat mir vorhin erzählt, dass du heute zu Besuch kommst und da du Kalle an der Leine hast, vermutete ich, dass du es bist.“

Was macht dieses Mädchen mit mir? Ich bin völlig verwirrt und das schlimmste: ich kann nicht reden. Kein Wort kommt aus meinem Mund, obwohl ich sonst eigentlich immer quatsche.

„Wollen wir vielleicht ein Stück zusammen gehen?“, fragt sie weiter.

„Okay!“, antworte ich und bin froh, dass ich dieses Wort sagen kann.

Dieses Mädchen ist so anders, als die Mädchen aus meiner Klasse - und sie riecht so gut. Ich glaube, nach Vanille oder so.

„Wollen wir nachher zusammen ins Freibad gehen?“, möchte sie von mir wissen und ich antworte so cool wie möglich: „Können wir machen!“

Wie gut, dass sie nicht sehen kann, wie laut mein Herz dabei klopft. Was ist nur los mit mir, frage ich mich noch einmal. Und dann kommt ein Gefühl auf mich herab, wie warmer Sommerregen: Ich glaube, ich … habe mich verliebt!

 

© Martina Pfannenschmidt, 2022


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Mittwoch, 15. Juni 2022

Körpersprache

Reizwörter: Esel, Eis, empört, eilig, erfrischend

Schaut doch bitte auch, welche Geschichten Lore und Regina mit diesen Reizwörtern geschrieben haben!

 

An diesem Wochenende besuche ich meine Tochter und ich freue mich riesig darauf. Als ich aus dem Zug aussteige und mich die Energien der Großstadt empfangen, bleibe ich zuerst einmal stehen, um mich einzugewöhnen.

Empört schaut mich ein älterer Herr an, der durch mein abruptes stehen bleiben fast auf mich aufgelaufen wäre. Kichernd entschuldige ich mich, was das Unverständnis in seinen Augen noch verstärkt.

Zögerlich gehe ich weiter, während all die Menschen eilig an mir vorüber rennen. Heutzutage hat wirklich niemand mehr Zeit, denke ich, und begebe mich aus dem Bahnhofsgebäude heraus auf den Vorplatz.

Hab ich es mir doch gedacht. Weit und breit nichts zu sehen von meiner liebenswerten Tochter. Doch Moment! Mein Handy meldet den Eingang einer Nachricht: „Sorry, Ma! Werde es nicht pünktlich schaffen. Aber ich komme so schnell ich kann!“

Das ist wieder typisch, denke ich, muss aber schmunzeln. Der Apfel fällt halt nicht weit vom Stamm. Aber: von mir hat sie das nicht. Ich bin immer pünktlich – oder sagen wir: meistens!

Mein Blick fällt auf eine Eisdiele, die sich gegenüber des Bahnhofsgebäudes befindet. Dort werde ich hingehen und in aller Ruhe ein Eis essen, während ich auf meine Tochter warte und die Menschen beobachte.


Ich liebe es nämlich, Menschen zu beobachten! Ich finde, dass man dadurch durchaus seine Aufmerksamkeit schult. So erkenne ich zum Beispiel schneller, wenn jemand schwindelt. Ja wirklich! Menschen senden nämlich permanent Signale aus, die viel über die jeweilige Person aussagen. Körpersprache nennt man das wohl. Und da spielt auch die Mimik eine entscheidende Rolle.


Während ich in aller Seelenruhe mein Eis löffle, denke ich darüber nach, wie oft wir Menschen durch die Tage und von einer zur anderen Pflicht hetzen, ohne uns die Zeit zu nehmen, die erlebten Dinge zwischenzeitlich auch einmal sacken zu lassen.

Und da kommt das Beobachten von Menschen ins Spiel, denn es hat durchaus etwas mit Innehalten und Entschleunigen zu tun. Ja wirklich! Und man wird durchaus aufmerksamer für seine Mitmenschen.

Im Moment habe ich das Paar am Nachbartisch im Visier. Während er erzählt, hört sie nur mit einem Ohr hin. Woher ich das weiß? Sie schaut nebenbei auf ihr Handy und jetzt kramt sie sogar ihren Lippenstift aus ihrer Handtasche und zieht ihre Lippen nach. Wie kann sie ihm da aufmerksam zuhören?

Oder dort – ein Tisch weiter. An ihm sitzt eine junge Frau. Ein junger Mann stürmt mit einem kurzen ‚Hallo’ zu ihr an den Tisch. Er sieht ihr dabei nicht einmal in die Augen, bleibt nur kurz stehen, spricht zwei Sätze mit ihr – und schon ist er wieder in der Menge verschwunden. Was er ihr wohl zu sagen hatte?

Diese Aufmerksamkeitsübungen, wie ich es gerne nenne, kann man übrigens überall durchführen. Egal, ob man durch die Straßen der Stadt geht oder U-Bahn fährt. Das wichtigste, was man dabei trainiert, ist, dass man sich die Menschen genauer ansieht und nicht durch sie hindurch schaut. So nimmt man sie tatsächlich richtig wahr!

Ein toller Nebeneffekt ist dabei übrigens, dass sich deine Gedanken nicht um dich selbst und deine Sorgen oder Probleme kreisen können, weil das Gehirn ja anderweitig beschäftigt ist und sich die eigenen Sorgen hinten anstellen müssen.

Ja und dann hab ich noch einen Tipp: man sollte seine Mitmenschen nicht zu offensichtlich beobachten. Das ist nicht nur peinlich, wenn man dabei erwischt wird, sondern auch für den Beobachteten sehr unangenehm. Und außerdem: sobald Menschen bemerken, dass sie beobachtet werden, verändern sie zumindest unbewusst ihr Verhalten. Ja wirklich! Ist so!

Ich sag es euch: das mit dem Beobachten und der Körpersprache, dass ist eine Wissenschaft für sich. Wenn du also Menschen beobachten möchtest, mach es so, dass sie sich unbeobachtet fühlen.

Dort zum Beispiel, der Mann, der mit 1000 Taschen bepackt wie ein Esel neben seiner Frau herläuft, die unentwegt auf ihn einredet. Also der fühlt sich in diesem Moment nicht von mir beobachtet und zugleich zeigen seine Körperhaltung und sein Gesichtsausdruck sehr deutlich, wie unwohl er sich in dieser Gegebenheit fühlt.

Mir kommt in diesem Moment eine Situation bzw. eine Unterhaltung mit Kollegen vor ein paar Tagen in den Sinn. Es war so, dass wir in der Mittagspause gemeinsam draußen im Park waren, als eine Kollegin voller Freude davon berichtete, dass sie um eine Gehaltserhöhung gebeten und diese auch tatsächlich bekommen hätte.

Ihr glaubt nicht, wie interessant die Reaktionen meiner Kollegen darauf waren. Während dem einen komplett die Gesichtszüge entgleisten, dauerte die Gratulation des anderen eine Spur zu lange, was darauf schließen ließ, dass eine Menge Neid im Spiel war. Ja, so ist das mit uns Menschen. Nur wenige können sich noch mit anderen oder für andere freuen.

Es ist wirklich so, dass uns unser Gegenüber viel erzählen kann. Doch sein Körper spricht dabei oftmals eine ganz andere Sprache, als seine Worte.

Kennst du auch die Menschen, die dir bei einem Gespräch nicht in die Augen schauen können? Vielleicht haben sie es mit der Wahrheit in dem Moment nicht so ganz genau genommen.

Oder die Fraktion, die dir mit verschränkten Armen gegenübersitzt. Diese Menschen möchten sich dir nicht öffnen und sie fühlen sich in der Situation nicht wirklich wohl in ihrer Haut.

Interessant ist natürlich auch die Kleidung. Die kann genauso Aufschluss über einen Menschen geben: Maßanzug oder Jeans, Perlenkette oder Kreuzanhänger. Alles gibt uns Einblicke bezüglich des Menschen.

Oder dort, die junge Frau, die in einem erfrischend gelben Minikleid direkt auf mich zusteuert. Was sagt die Farbwahl wohl über sie aus? Das es sich um eine mutige junge Frau handelt, zum Beispiel, und das es sich … Moment … um meine Tochter handelt.

Abrupt springe ich von meinem Stuhl auf, um sie in meine Arme zu schließen. Jetzt kann das Mutter-Tochter-Wochenende beginnen!

 

© Martina Pfannenschmidt, 2022


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Montag, 30. Mai 2022

Bleib natürlich

Reizwörter: Dummkopf, Donnerstag, denken, dreckig, dösen

Auch bei Lore und Regina könnt ihr wieder Geschichten mit diesen Reizwörtern lesen!


Relaxet liege ich in meiner Hängematte, die ich zwischen zwei Bäume gespannt habe, die am Ende meines Gartens stehen wie zwei Wächter oder Zinnsoldaten, lasse meine Gedanken dabei ziehen und döse ein bisschen vor mich hin. Ich genieße die Kühle, die mir die Blätter der Bäume durch den Schatten, den sie mir spenden, gewähren.

Als ich noch jünger war, habe ich gerne direkt in der Sonne gelegen. Heute bin ich da ein bisschen weiser und auch empfindsamer gegenüber der direkten Sonneneinstrahlung.

An meine Ohren dringt das fröhliche Treiben der Nachbarkinder, die gemeinsam mit ihren Freunden im heimischen Pool plantschen und hin und wieder vor lauter Begeisterung kreischen.

Soviel Lebensfreude können wahrlich nur Kinder aufbringen. Für mich hat es den Anschein, als sei uns Erwachsenen diese Lebensfreude irgendwann abtrainiert worden. Oftmals fehlt uns einfach die Ausgelassenheit, die wir als Kinder alle noch kannten.

Als junges Mädchen wäre ich ebenso wie meine Nachbarkinder an diesem sonnigen Tag freudig ins kühle Nass gesprungen und ich muss sagen, dass ich bis heute eine Wasserratte bin und mir die Freude am Wasser erhalten habe, weshalb es mich immer wieder ans Meer zieht.

Das ist schon ein bisschen erstaunlich, denn die Heldin meiner Kindheit war immer Heidi. Und die lebte ja nicht am Meer, sondern bei ihrem Großvater in den Bergen.

Ach, die Heidi! Ich habe sie geliebt und manchmal auch beneidet. Sie durfte sich dreckig machen und sie lief meistens barfuß über die blühenden Wiesen und war eigentlich immer gut drauf, wenn sie draußen in der Natur sein konnte. Und sie war taff und clever. Ganz im Gegensatz zum Geißenpeter, ihrem Freund, der manchmal ein bisschen tollpatschig war und als Dummkopf herüber kam. Aber ich mochte ihn und seine Art auch sehr.

Beneidet habe ich Heidi ganz besonders um ihren Schlafplatz im duftenden Heu - oben auf dem Heuboden mit direktem Blick hinauf zu den Sternen.

Ja und nicht zu vergessen Klara, Heidis Freundin aus der Stadt, die im Rollstuhl saß und später auf der Alm wieder laufen konnte.

Auch wenn das natürlich nur ein Film ist und es so im Drehbuch steht, finde ich, dass uns die Natur doch wirklich gut tut und auf alle unsere Ebenen heilsam einwirkt.

Doch mein Gefühl sagt mir, dass wir Menschen uns immer mehr von der Natur abschneiden. Sie und wir, dass ist nicht mehr eins. Zumindest in unseren Köpfen.

Ich denke oftmals, wenn es regnet: das tut der Natur gut. Und mir? Mir nicht? Vielleicht sollten wir unsere Gedanken diesbezüglich ändern und uns mit der Natur wieder mehr verbinden, so wie es die Menschen früher noch taten.

Doch was ist das eigentlich, die Natur? Ist es nicht die Heimat von uns allen? Egal ob Mensch, Tier, Pflanze, Stein oder Meer? Oder ist es gar unsere Essenz?

Ja, unsere wahre Natur. Wer oder was ist das eigentlich?

Wenn ich mich so umsehe, die Natur und ihre Abläufe betrachte, ihre kleinen und großen Wesen bestaune, stelle ich fest: alles ist perfekt!

Wenn ich mir die Fäden anschaue, die eine Spinne fertigt, kann ich nur feststellen, dass sie absolut meisterlich sind und dass es dem Menschen bis heute nicht gelungen ist, sie zu kopieren. Und auch der Lotuseffekt ist keine Erfindung der Menschen, sondern von der Natur abgeschaut und dennoch nicht so grandios.

Oder schauen wir uns nur unseren Körper an. Wie tadellos alles miteinander funktioniert und harmoniert. All diese Abläufe, die wir denken zu kennen. Doch wer ist der Taktgeber unseres Herzens? Woher kommen unsere Gedanken?

Natürliche Abläufe, wohin wir schauen! Abläufe, ohne die wir gar nicht leben könnten. Doch sie geschehen. Einfach so! Von ganz allein und ganz natürlich!

In unserer Natur läuft alles so lange natürlich ab, bis wir Menschen versuchen, sie zu verändern, oder gar zu ‚verbessern’. Doch warum möchten wir Dinge perfektionieren, die perfekter gar nicht sein könnten?

Die Erde dreht sich um die Sonne ohne Eingreifen des Menschen. Ebbe und Flut geschehen ohne Einfluss des Menschen.

Der Mensch legt ein Samenkorn in die Erde, doch dass es aufgeht, wächst und wieder vergeht sind ganz natürliche Abläufe. Harmonisch und perfekt! Wie sagen wir gerne: das Gras wächst auch nicht schneller, wenn wir daran ziehen! – Es wächst von ganz allein und in seiner Geschwindigkeit.

Aber wenn wir Menschen Teil der Natur sind, sind wir doch ‚eigentlich’ auch perfekt – oder nicht?

Ich denke, dass wir Menschen unter all unseren Erfahrungen, die wir gemacht haben, unter all den Beurteilungen und Konditionierungen, unter all den Verurteilungen und Bewertungen und ohne all das falsch Verstandene und Erlernte – tatsächlich perfekt sind. Und das gilt es zu erkennen und wieder zu (er)leben!

Die Kirchturmuhr reißt mich mit ihrem Uhrschlag aus meinen Gedanken. Schnell kombiniere ich: 16 Uhr und heute ist Donnerstag. Dann wird es allerhöchste Zeit für mich, mich aus der Hängematte zu erheben und zu meiner Freundin zu gehen. Sie wartet nämlich schon in ihrem wundervollen Garten mit Kaffee und Kuchen auf mich.


© Martina Pfannenschmidt, 2022


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Sonntag, 15. Mai 2022

Brücken bauen

Reizwörter: Clematis, Couch, clever, campen, chauffieren

Hier geht es zu den Geschichten von Lore und Regina.

 

Es ist Samstagmorgen und mein Herz klopft wie wild, als ich wach werde. Mit noch geschlossenen Augen fühle ich in meinen Körper hinein und mir wird klar, was mit ihm los ist. Ich hatte einen gruseligen Traum und bin der Situation nur durch das Aufwachen entkommen.

Als ich schließlich meine Augen öffne, stelle ich fest, dass die Sonne scheint – und wie sie scheint. Die Vögel machen einen unglaublichen Lärm – aber so empfinde ich es eigentlich gar nicht. Es ist einfach nur herrlich und ein wunderschöner Gesang.

Es scheint ein bezaubernder Tag zu werden und so schwinge ich meine Beine aus dem Bett, werfe mir etwas kaltes Wasser ins Gesicht, putze mir die Zähne, ziehe meine Kuschelklamotten an und mache mir einen Kaffee.

In dem Moment scheint auch mein Verstand zu erwachen und mir weiß machen zu wollen, dass ich nicht trödeln, sondern an all die Termine denken soll, die heute noch anstehen.

‚Ruhe da oben’, denke ich empört, ‚du kannst gerne noch ein Weilchen weiter schlafen. Vielleicht hast du es ja vergessen, aber heute ist mein freier Tag und ich entscheide, wie er abläuft. Und um 7 Uhr morgens passiert erstmal noch gar nichts. Verstanden!’

Ich schlurfe mit meinem Kaffee ins Wohnzimmer. Von der tief stehenden Sonne beleuchtet sind die warmen Farben dieses Raumes so intensiv, dass mein Herz vor Freude aufgeht. Womit habe ich mein heimeliges Zuhause nur verdient, denke ich, und bedanke mich im Stillen, dass ich hier leben darf.

Anstatt mich mitsamt meinem Kaffee auf der einladenden Couch niederzulassen, trete ich hinaus auf die Terrasse.

Die Clematis, die sich üppig am Haus empor rangt, und deren Lavendelfarbe durch die Sonne noch intensiviert wird, begrüßt mich mit ihrem süßen Duft.

Ich setze mich auf die oberste der vier Stufen, die hinunter in den Garten führen, der wiederum an einen schmalen Fluss grenzt, über den ein Steg auf die andere Seite führt.

Schon als Kind habe ich oft hier gesessen. Immer dann, wenn ich zu Besuch bei meinen Großeltern war oder meine Ferien bei ihnen verbringen durfte. Heute leben sie leider nicht mehr, aber ich bin ihnen unendlich dankbar, dass sie mir dieses wunderschöne Fleckchen Erde mit dem bezaubernden Häuschen darauf vererbt haben.

Wann immer ich auf dieser Stufe sitze, wandern meine Gedanken zu ihnen und in meine Kindheit.

Mir kommt in den Sinn, dass mich meine Eltern früher nicht durch die Gegend chauffiert haben, so wie es heute häufig der Fall ist, sondern ich war oft auf mich selbst gestellt und so nahm ich häufig mein Rad und fuhr zu meinen Großeltern.

Ich weiß noch genau, dass ich im Sommer mein Zelt hier im Garten aufgestellt habe, damit ich später in der Schule erzählen konnte, dass ich in den Ferien campen war.

Heute muss ich darüber schmunzeln, weil ich mir damals ungeheuer clever vorkam. Aber eigentlich wollte ich nur nicht zugeben, dass sich meine Eltern einen Urlaub einfach nicht leisten konnten; obwohl es mir echt egal war, weil ich es hier an diesem für mich verwunschenen Ort schon immer wunderschön fand.

Meine Großmutter kochte mir mein Lieblinsessen und ich durfte ihr oder meinem Opa hier und da zur Hand gehen.

Ja und die kleine Brücke und der Fluss waren natürlich ein ganz besonderer Anziehungspunkt für mich. Ich watete barfuß oder in Gummistiefeln hindurch, habe kleine, von meinem Opa selbst gebaute Holz-Boote darauf treiben lassen oder mir mit den Nachbarkindern die Zeit mit Federballspielen vertrieben. Schön war’s – und das nicht nur in der Erinnerung!

Als mein Blick noch einmal auf den kleinen Steg fällt, denke ich darüber nach, wie wertvoll Brücken in unserem Leben sind. Wenn wir über Brücken gehen, können wir Menschen erreichen, die auf der anderen Seite einer Schlucht oder eben eines Flusses leben.

Doch was, wenn der Mensch auf der anderen Seite nicht mehr erreichbar ist oder man ihn nicht mehr besuchen darf? So, wie es vielen in der Zeit der Pandemie ergangen ist. Da kann schon ein Telefonat zu seinen Liebsten zu einer Brücke werden.

Doch wie ist das überhaupt mit Brücken? Es macht wenig Sinn, sie nur von einer Seite zu bauen und ich denke darüber nach, dass die Menschheit dringend Brückenbauer benötigt, die von beiden Seiten aufeinander zu gehen und keine Menschen, die bestehende Brücken leichtfertig einreißen.

Von beiden Seiten her Brücken zu schlagen bedeutet: einander zu vertrauen und zusammen zu arbeiten. Trotz aller Unterschiede.

Wem wird es gelingen, Brücken zu bauen zwischen alt und jung, zwischen arm und reich? Wer baut Brücken zu einsamen Menschen und denen, die in Not geraten sind? Und wer baut Brücken zwischen verfeindeten Ländern oder unterschiedlichen Kulturen?

Sollten wir nicht alle wieder beginnen, Brücken zu bauen, damit wir einander ‚grenzenlos’ begegnen können? Hinweg über Unfrieden, Vorurteile und Missverständnisse?

Vielleicht brauchen wir auch Brücken, damit wir neue Ufer erreichen können oder um Neuland zu betreten.

Vielleicht braucht die Welt weise Visionäre, die auch mal über den Tellerrand hinaus blicken.

Ich zucke zusammen, als meine Frau mich liebevoll mit ihren Armen umfängt.

„Habe ich dich geweckt?“, frage ich schuldbewusst.

„Nein, dafür haben die Vögel schon gesorgt - und als ich bemerkt habe, dass du nicht mehr neben mir liegst, habe ich dich gesucht und hier draußen gefunden!“

Sie strahlt mich mit ihren intensiv blauen Augen fürsorglich an und ich bin so froh und dankbar, dass wir uns gefunden haben.

Vor einem Jahr erst ist sie zu mir gezogen. Inzwischen sind wir sogar verheiratet und sie hat meinen Familiennamen angenommen. Und so heißen wir dank der Vornamenswahl unserer Eltern nun beide Judith Papst. Ich muss gestehen, dass diese Tatsache hier und da schon für Verwirrung gesorgt hat.

Da fällt mir gerade ein, dass ein Papst doch auch als ‚Pontifex’ bezeichnet wird. Und das wiederum bedeutet ‚Brückenbauer’. 

Möge es so sein!

© Martina Pfannenschmidt, 2022


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Samstag, 30. April 2022

Würmer baden

Reizwörter: Bibliothek, Buch, betreten, begeistert, beheben

Bitte lest auch die Geschichten, die sich Lore und Regina erdacht haben.


Klara brütete über ihren Hausaufgaben. Das heißt, eigentlich brütete sie nicht, sondern sie schrieb sehr emsig an einem Aufsatz. Dass sie dabei voll konzentriert arbeitete, erkannte man daran, dass ihre Zungenspitze vorwitzig zwischen ihren Lippen hervorlugte.

„Brauchst du noch lange?“, fragte Hannes, ihr Opa, als er das Zimmer betrat.

Doch anstatt darauf zu antworten stellte Klara eine Gegenfrage: „Du Opa, kannst du mir sagen, wie man das Wort Bibliothek richtig schreibt?“

Hannes kratzte sich kurz hinter einem Ohr, weshalb seine Prinz-Heinrich-Mütze, die er tagein und tagaus zu tragen schien, ein bisschen verrutschte. „Schreib doch einfach: ‚ein Ort, an dem es viele Bücher gibt’!“, schlug er vor.

„Mensch, Opa, sag doch gleich, dass du es auch nicht weißt!“, schimpfte Klara ein bisschen, weil Opa ihr nun wirklich keine Hilfe war.

„Und, was ist nun, wie lange brauchst du noch?“, fragte er ungeduldig.

„Wenn du mich nicht noch länger störst, nicht mehr lange!“, erwiderte Klara forsch. „Aber warum fragst du eigentlich?“

„Na, weil ich doch Würmer baden gehen will. Und ich dachte, dass du bestimmt mitkommen möchtest.“

Und ob sie wollte. Sie war total begeistert vom Angeln, saß oft stundenlang neben ihrem Opa. Und meistens erzählte er ihr währenddessen aus seiner Kindheit. Von Streichen, die er den Mädchen gemeinsam mit seinem besten Freund gespielt hatte. Oder er erzählte von Abenteuern, die er beim Angeln erlebt hatte.

Nun könnten manche denken, dass angeln langweilig ist. Das mag vielleicht für einige so scheinen. Aber nicht, wenn man Hannes Glauben schenken mag.

Nachdem Opa wieder gegangen war, entschied Klara spontan, dass sie ihren Aufsatz auch später zu Ende schreiben könnte. Dann wäre auch Mama wieder da und die wusste bestimmt, wie man dieses verflixte Wort schrieb.

Klara schraubte die Kappe auf ihren Füllfederhalter und klappte ihr Heft vorerst zu.

Rasch lief sie zum Schuppen, in dem sie Opa vermutete und auch fand. Schließlich bewahrte er dort seine Angelausrüstung auf.

„Opa, wir können los!“, verkündete sie, zog ihre bunten Gummistiefel an und schnappte sich zwei Sitzgelegenheiten. Eine für sich und eine für ihren Opa.

Der griff nach dem Behältnis, das seine Angelutensilien enthielt und ebenso nach seiner Angelrute, so dass die zwei sich auf den Weg zum nahe gelegenen Fluss machen konnten. Kurz darauf badete der erste Wurm im Wasser.

„Du Opa!“

„Ja!“

„Bist du früher eigentlich gerne zur Schule gegangen?“

Wieder kratzte sich Opa hinter einem Ohr und räusperte sich, bevor er ausweichend antwortete: „Ja, was soll ich sagen, mal mehr und mal weniger!“

„Wann weniger?“, wollte Klara wissen.

„Nun, immer dann, wenn ein Diktat geschrieben wurde.“

Alles klar. Jetzt wusste sie auch, weshalb Opa ihr die Frage bezüglich der Bibliothek nicht hatte beantworten können.

„Und wann mehr?“, hakte sie nach.

„Ich war immer ganz gut im Rechnen“, antwortete Hannes ausweichend.

Bei Klara war es gerade anders herum. Sie mochte die Buchstaben lieber, als die Zahlen. Aber noch lieber mochte sie es, mit ihrem Opa am Fluss zu sitzen und seinen Geschichten zu lauschen.

„Habe ich dir eigentlich schon mal von dem Fisch erzählt, der das Wasser gesucht hat?“, fragte er diesmal.

Klara lachte: „Das ist ja witzig. Ein Fisch, der das Wasser sucht. Nee, die Geschichte kenne ich noch nicht!“

„Also, pass auf“, begann Opa bedeutungsvoll, „es war einmal ein kleiner Fisch, der ständig etwas von ‚Wasser’ hörte und dass es sehr wichtig für ihn sei. Aber er fragte sich immer, wo er denn dieses Wasser finden könnte. Er hatte es noch niemals gesehen. Ja und so befragte er zunächst eine Kaulquappe. Doch die antwortete ihm, dass es dort, wo sie lebte, nur Steine, Muscheln und Algen gäbe. Und so schwamm der kleine Fisch weiter,  bis er bei seiner Suche einen Wels traf. Sein breites Maul, der dicke Kopf und der Schnurrbart ängstigten den kleinen Fisch zunächst, doch dann sah er in die gutmütigen Fischaugen und beschloss, sich zu trauen und den Wels nach dem Wasser zu fragen. Doch auch der kannte die Antwort nicht, war aber ebenso daran interessiert. Und so beschlossen sie, gemeinsam zum weisen alten Fisch zu schwimmen und ihn zu befragen, wo dieses Wasser, von dem sie gehört hatten, eigentlich zu finden sei. Und tatsächlich. Der weise Fisch kannte die Antwort: ‚Wasser ist vor euch und hinter euch’, erklärte er ihnen. ‚Wasser ist euer Element. Es trägt euch. Ihr lebt, weil ihr im Wasser seid. Ihr atmet Wasser. Wasser ist euer Leben. Ihr könnt ohne Wasser gar nicht existieren. Wasser ist überall, wo ihr seid.’

Die beiden Fische bedankten sich und machten sich wieder auf den Weg nach Hause. Nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander her geschwommen waren, sagte der kleine Fisch: ‚Ich fand das total toll, wie der das erklärt hat.’ Und der Wels entgegnete: ‚Ja, ich auch. Ich fand das einfach großartig. Aber sag ehrlich: hast du das wirklich verstanden? Weißt du jetzt, wo das Wasser ist?’“

„Und“, fragte Klara gespannt, „wusste es der kleine Fisch?“

„Ich vermute nicht“, antwortete Opa. „Aber weißt du, warum ich diese Geschichte so mag? Weil es uns Menschen genau so ergeht wie dem kleinen Fisch, der das Wasser suchte, obwohl er von ihm umgeben war. Wir Menschen suchen genauso nach dem Beweis für Gott und merken nicht, dass wir von ihm umgeben sind und dass wir von ihm und durch ihn leben.“

Als sich die beiden später auf den Heimweg machten, wusste Opa nicht, ob Klara verstanden hatte, was er ihr mit dieser Geschichte hatte erklären wollen. Doch er wusste sicher, dass es für ihn an diesem Nachmittag nichts Wichtigeres hatte geben können, als Zeit mit seiner Enkelin zu verbringen. - Und den Schaden am Dach des alten Schuppens, den konnte er ja immer noch beheben.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2022


Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.

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