Sonntag, 4. November 2018

Himmlische Geschichte


„Renn doch nicht so schnell, Tobi, ich komm ja gar nicht mehr hinterher!“
Nach Luft schnappend blieb Emelie stehen.
„Mensch Mama, du bist echt eine lahme Ente geworden!“, rief ihr Sohn, während er sich kurz zu ihr umdrehte, dann aber doch weiter rannte.
Emelie schmunzelte. Er hatte recht. Sie war wirklich eine lahme Ente geworden. Aber so ist das wohl, wenn man im 8. Monat schwanger ist und ein Baby in seinem Bauch trägt.
Aus den Augenwinkeln heraus sah Emelie eine Parkbank, auf die sie sich setzte, obwohl sie kalt und hart war. Egal, sie brauchte jetzt eine kleine Pause.
Es dauerte gar nicht lange, da kam ihr Großer zu ihr gerannt.
„Du, Mama, haben Engel eigentlich Flügel?“
Emelie lachte kurz auf. Wie kam ihr Sohn nur wieder auf diese Frage?
So, als hätte er ihre Gedanken erraten, fuhr er fort: „Gestern Abend habe ich mir nämlich ein altes Buch angeschaut. Weißt du, das mit den Engelgeschichten. Du hast mir früher immer daraus vorgelesen.“
Emelie nickte. Natürlich erinnerte sie sich daran.
„In dem Buch ist nämlich ein Engel abgebildet“, erzählte Tobi weiter. „Er hat richtige Flügel aus Federn, so wie Vögel sie haben. Denkst du, dass es wirklich so ist?“
„Also, du stellst Fragen. Wie soll ich dir das beantworten? Ich habe doch auch noch keinen Engel gesehen."
Tobi sah zu Boden. Mit einem Fuß scharrte er im Schotter. Dann kickte er einen Kieselstein mit der Fußspitze fort.
In dem Moment geschah etwas Ungewöhnliches. Jemand rief deutlich: „Aua!“
Die beiden sahen sich an, dann um. Es war niemand zu sehen.
„Was war das denn?“, erkundigte sich Tobi.
„Die Frage muss wohl eher lauten: Wer war das denn?“, meinte Mama und sah sich ein bisschen verängstigt um.
„Entschuldigung“, sagte jemand mit leiser Stimme, „ich wollte euch wirklich nicht erschrecken, aber ich habe gerade den Stein abbekommen.“
Völlig verängstigt nahm Emelie ihren Sohn in den Arm. Die andere freie Hand legte sie schützend auf ihren Bauch.
„Ihr müsst euch nicht fürchten“, sprach die Stimme weiter. „Mein Name ist Almatar. Ich bin der Schutzengel des kleinen Babys, das in deinem Bauch wächst, Emelie.“
„Da!“, rief Tobi unvermittelt und zeigte in eine Richtung. „Ich kann den Engel sehen, Mama! Ich kann ihn tatsächlich sehen. Und er hat echte Flügel. Große weiße Federflügel.“
In dem Moment wurden auch Emelie die Augen geöffnet. Sie sah eine große Gestalt in einem weißen Gewand, das so hell war, als sei es aus reinem Licht gewebt. Bald darauf entschwand der Engel ihren Blicken wieder.
„Das war echt krass, oder?“, meinte Tobi nach einer Weile.
„Das war sogar megakrass, würde ich sagen. Man könnte meinen, dir wurde die Frage direkt von höchster Stelle beantwortet.“
„Du, Mama, denkst du, uns glaubt irgendjemand diese Geschichte?“
„Auch das kann ich dir nicht beantworten, Tobi. Vielleicht ja, vielleicht aber auch nein.“
Nachdem beide eine Weile geschwiegen hatten, sagte Tobi mit leuchtenden Augen: „Es gibt sie tatsächlich!"
„Ja, es gibt sie tatsächlich“, wiederholte Emelie, „und sie haben Flügel. Echte, große weiße Flügel.“


Martina Pfannenschmidt, 2018

Samstag, 22. September 2018

Himmelwärts


Es war schon dunkel, als ich von meiner Freundin nach Hause kam. Als ich sah, dass Oma auf ihrem Balkon saß, beschloss ich, sie noch kurz zu besuchen.
„Es ist für mich immer etwas Besonderes, in einer sternenklaren Nacht das Firmament anzuschauen“, meinte sie, als ich den Balkon betrat.
Anschließend fragte sie mich, ob ich eine Vorstellung von der Größe des Universums hätte und wie viele Sterne es meiner Meinung nach gäbe.
„Keine Ahnung“, hab ich gesagt, „es werden wohl einige Millionen sein.“
„Ein paar mehr sind es schon“, erwiderte sie und musste schmunzeln. „Ich habe mal gelesen, dass es allein in unserer Galaxie über 6 Trillionen sind und dass es geschätzt 100 Milliarden Galaxien gibt.“
„Boah ey, Oma. Das ist echt krass.“
„Ja, das finde ich auch. Man kommt sich ganz schön klein vor, gegenüber dieser Größe, nicht wahr?“
Ich nickte zustimmend.
Nachdem wir eine Weile schweigend in den Himmel geschaut hatten, sagte ich: „Als ich noch klein war, hab ich mich oft gefragt, warum ich all die Menschen gar nicht sehen kann, die verstorben sind. Weißt du, wie ich meine? Den Kindern wird immer erzählt, die Verstorbenen kommen in den Himmel, aber wo da oben sind sie denn? Also, wenn ich ehrlich bin, hab ich bis heute darauf keine vernünftige Antwort gefunden.“
Oma schwieg. Sie schweigt immer, bevor sie auf eine knifflige Frage antwortet. Ist ja auch klar, schließlich soll man vor dem Reden sein Gehirn einschalten.
Also, sie schwieg, dann meinte sie: „Es wäre vielleicht hilfreich, wenn es in unserer Sprache nicht nur die Bezeichnung ‚Himmel’ gäbe, sondern zur besseren Unterscheidung, so wie im Englischen, die Bezeichnungen ‚Sky’ und ‚Heaven’. Das macht es ein klein wenig einfacher, wie ich finde.“
Das macht die Sache etwas einfacher, okay. Aber wirklich nur etwas und so fragte ich Oma: „Was denkst du, was nach dem Tod kommt?“
Wieder kam zunächst nichts, als Schweigen.
Nach einer Weile antwortete Oma: „Es ist sehr schwierig, dir darauf eine Antwort zu geben, denn irgendwie bleibt es Spekulation, nicht wahr. Während ein Teil der Menschheit davon ausgeht, dass gar nichts mehr kommt, stelle ich mir vor, dass ich ohne Körper weiter lebe. Reines Bewusstsein ist für mich das, was bleibt.
Vielleicht braucht das reine Bewusstsein gar keinen Ort, so wie wir ihn hier auf der Erde kennen, sondern es ist ein besonderer Zustand, den wir erreichen. Schwerelos, lichtvoll und voller Liebe. So stelle ich es mir vor.“
„Das klingt so schön, Oma. Wenn es wirklich so ist, müssten wir ja gar keine Angst haben. Aber die meisten Menschen fürchten sich vor dem Tod, weil sie eben keine Vorstellung davon haben, was dann auf sie wartet …“
„… oder sich keine Gedanken darüber machen“, beendete sie meinen Satz.
„Genau!“, erwiderte ich.
„Es gibt so eine wundervolle Geschichte von Zwillingen“, fuhr Oma fort, „die sich im Bauch der Mutter unterhalten. Sie möchten gerne dort bleiben, wo sie sind. Dort ist es so schön. Alles ist bekannt. Sie fühlen sich wohl und wissen nicht, was auf sie wartet, wenn sie geboren werden. Auch sie haben Angst vor dem Neuen und Unbekannten. Und um die ganze Sache noch ein bisschen komplizierter zu machen“, meinte Oma und schaute mich mit ihren klugen Augen schelmisch an, „wo war denn das Bewusstsein der Babys, bevor sie in den Bauch der Mutter kamen?“
„Mensch, Oma! Ich habe keine Ahnung!“
„Vielleicht“, sagte sie mit einem Blick gen Himmel, „gehen wir ja wieder dorthin zurück, woher wir kamen. Wäre doch möglich, oder?“
„Ja, das wäre möglich!“, erwidere ich.

© Martina Pfannenschmidt, 2018


Dienstag, 28. August 2018

Zeitfresser

Heute gibt es mal wieder etwas, was unbedingt in mein Büchlein geschrieben werden muss.
Zunächst eine Geschichte, die sich früh am Morgen zutrug.
Also, das war so: Ich kam noch ziemlich verschlafen zu Oma in die Küche. An meinem letzten Ferientag wollte ich bei ihr frühstücken.
Als ich den Raum betrat, war sie gerade dabei, das Fenster weit zu öffnen und dabei sagte sie etwas, das klang wie: „Wespen! Wespen!“
Wie gesagt, ich schlief fast noch, konnte mir aber nicht denken, dass es sich um einen Lockruf handelte. Wer holt sich schon freiwillig Wespen in seine Küche? Die kommen doch von alleine, wenn sie den Geruch von Erdbeer- oder Pflaumenmarmelade riechen. Deshalb fand ich das schon ziemlich schräg, was Oma machte.
Erst auf den zweiten Blick sah ich, dass sich schon eine Wespe in der Küche befand und Oma sie offensichtlich vertreiben wollte. Da gibt es ja die unterschiedlichsten Methoden. Die meisten hätten wohl zu einer ‚Klatsche’ gegriffen. Aber wie ich schon sagte, meine Oma ist anders.
Als ich genauer hinhörte, bemerkte ich meinen Fehler. Sie rief nicht „Wespen!“, sie rief: „Westen!“.
Nun machte diese Tatsache das Bild nicht klarer, weshalb ich sie fragte, was sie dort treibt.
„Schau“, sagte sie, „eine Wespe hat sich in meine Küche verirrt. Sie wird schon ganz nervös, weil sie nicht wieder hinaus findet. Deshalb helfe ich ihr. Wenn du ein Fenster öffnest und ihr die Himmelsrichtung sagst, in die sie fliegen muss, dann nimmt sie das Angebot dankbar an.“
„Alles klar“, dachte ich, „so früh am Morgen und Oma ist schon auf Droge!“
Und was sahen meine Augen in diesem Moment? Die freche kleine Wespe flog zielsicher aus dem Fenster heraus.
„Siehst du!“, triumphierte Oma. „Das klappt immer. Probier es beim nächsten Mal ruhig aus.“
„Darauf kannst du Gift nehmen!“, dachte ich.
Als ich in das Brötchen mit der leckeren Erdbeermarmelade biss, kam die Rede unweigerlich auf den morgigen Schulbeginn. Irgendwann waren wir beim Thema Zeit angekommen und dass so viele Menschen über fehlende Zeit klagen. Oma meinte daraufhin: „Zeit vergeht bei allen Menschen gleich und es ist gut, dass man sich keine Zeit dazu kaufen kann. Egal, wie viel Geld man besitzt!“
„Das stimmt natürlich. Das ist ziemlich gerecht“, fiel mir auf.
„Was sich viele nicht bewusst machen“, sagte Oma, „ist die Tatsache, dass ‚Zeit’ ja auch gleichzeitig ‚Lebenszeit’ bedeutet.“
So hatte ich das noch gar nicht gesehen. Aber sie hatte recht.
„Weißt du, Kind“, da war es wieder dieses schreckliche Wort, „wir müssen uns selbst um unsere Zeit kümmern und entscheiden, wie wir sie verleben und womit wir sie verbringen.“
Oma schwieg. Vielleicht wollte sie mir Gelegenheit geben, darüber nachzudenken, bevor sie weiter sprach.
„Stell dir vor, dass am Tag deiner Geburt eine Uhr zu ticken begann, die seither quasi ‚herunter’ läuft und eines Tages wird sie unweigerlich stehen bleiben. Deshalb sollten wir uns bewusst machen, dass bei allem, was wir tun, nicht einfach nur ‚Zeit’, sondern unsere wertvolle Lebenszeit vergeht.“
„Also ehrlich Oma, so habe ich das noch nie gesehen“, erwiderte ich verblüfft.
„Dann wird es wohl Zeit, dass du damit beginnst“, sagte sie lächelnd.
„Und wie verbringe ich meine wertvolle Lebenszeit sinnvoll?“, fragte ich.
„Wie wäre es damit, dich zu fragen, was den höchsten Stellenwert für dich hat? Wie viel Zeit möchtest du dafür einplanen? Dann gibt es lebensnotwendige Dinge wie Essen, Trinken, Schlafen. Wie viel deiner Zeit setzt du dafür ein? Möchtest du das Essen schnell hinter dich bringen oder ist dir die Zeit dafür so wertvoll, dass du dir erlaubst, es zu genießen?“
Wieder biss ich gedankenlos in das Brötchen und ich entschied spontan, dem Essen ab sofort eine andere Bedeutung zu geben. Schließlich verbringe ich meine wertvolle Lebenszeit damit.
Oma sah mich von der Seite an und ich wusste, jetzt kam etwas, dass mir nicht so behangen würde. Bingo! Ich hatte es geahnt.
„Es gibt natürlich auch ‚Zeitfresser’“, meinte sie belanglos. „Vielleicht gehört die Zeit, die du in verschiedenen Netzwerken verbringst, dazu!“
Ich ahnte, dass sie den Nagel auf den Kopf getroffen hatte, gab es vor ihr jedoch nicht zu und tat so, als wenn mich gar nicht interessierte, was sie gerade gesagt hatte. Doch das war nicht so. Ihre Worte hatten mir einen Stich versetzt und ich würde mich ab sofort mehr um meine Zeit kümmern und mich fragen, welche meiner Aktivitäten sinnlose Zeitfresser waren und welche mir soviel bedeuteten, dass ich ihnen gestattete, wertvolle Lebenszeit mit ihnen zu verbringen.
„Weißt du, Neele“, und wenn Oma mich beim Vornamen nennt, weiß ich immer, dass etwas Wichtiges kommt, „du entscheidest über deine Aktivitäten. Und wenn du entscheidest, dann so, dass es für dich gut und richtig ist. Schließlich ist es dein Leben und deine Lebenszeit, die verrinnt.“
Morgen beginnt nun wieder die Schule und eines ist mir so klar, wie noch nie: Meine wertvolle Lebenszeit verrinnt, während ich die Schulbank drücke. Dann soll doch bitteschön auch etwas Sinnvolles für mich dabei heraus kommen. Meine Lebenszeit ist viel zu wertvoll, um dort nur ‚abzuhängen’. Also, wenn ich schon meine Lebenszeit in der Schule verbringe, kann ich sie auch sinnvoll nutzen. 

© Martina Pfannenschmidt, 2018


Mittwoch, 22. August 2018

Schwarz auf weiß!


 

Andere Mädchen in meinem Alter schreiben vielleicht ein Tagebuch. Ich nicht. Ich schreibe auf, was meine Oma so sagt. 

Also, es ist nicht so, dass meine Oma ständig quasselt und mir damit auf die Nerven geht. Ne, ganz im Gegenteil. Soviel redet sie gar nicht. Aber das, was sie sagt, gefällt mir und deshalb möchte ich es aufschreiben. 

Für wen? Ja, für wen? Keine Ahnung! Also zunächst einmal für mich natürlich, aber vielleicht auch für meine Kinder und Enkel oder so!

Wie fange ich am besten an?

Ich denke, es macht Sinn, wenn ich meine Oma zuerst einmal beschreibe.

Also: Meine Oma ist nicht besonders klein und auch nicht besonders schlank. Sie hat (offiziell) noch keine grauen Haare und sie trägt nicht nur eine Brille, sondern auch eine Kurzhaarfrisur. Die ist praktisch, sagt sie.

Meine Oma hat noch niemals in ihrem Leben das Sportabzeichen gemacht. Auch bei den Bundesjugendspielen zeichnete sie sich nicht durch besondere Sportlichkeit aus.

Aber wisst ihr was? Das macht überhaupt nichts, denn einen Muskel, den malträtiert sie ständig: den Denkmuskel!

Gibt es den überhaupt? Keine Ahnung! Ist auch egal. Oma denkt halt viel. Aber sie denkt … muss kurz überlegen … anders. Zumindest anders, als viele andere. Und genau das mag ich an ihr.

Vielleicht ist meine Oma ein kleines bisschen schrullig! 

Moment, wartet mal eben, das muss ich googeln. 

Ne, ne ne, vergesst es! Wisst ihr, was das bedeutet? 

Befremdende, meist lächerlich wirkende Angewohnheiten oder gar seltsam.’  

Ne, ne, ne! So ist meine Oma nicht. 

Oma ist halt … anders! Kein Wunder, irgendwie, denn schließlich ist sie ja meine Oma!

Letztens fragte sie mich, ob ich für mein Leben einen Plan hätte. 

Mit großen Augen sah ich sie an: „Oma, ich bin 16, da hat man noch keinen Plan.“

Meine Eltern macht so was rasend und bei dieser Aussage hätte es eine Ansprache gegeben. Nicht so bei Oma.

„Weißt du, Kind“, sagte sie, wobei ich es nicht mag, wenn sie mich Kind nennt, aber egal, „weißt du Kind“, sagte sie, „es wird immer wieder Situationen in deinem Leben geben, wo du keinen Plan hast und wo vielleicht Nichts-Tun angesagt ist. Doch weißt du was? Manchmal ist das gar nicht so einfach, denn wenn du nichts tust und Stille herrscht, dann musst du die aushalten. Hast du das eigentlich schon einmal ausprobiert? Weißt du, ob du Stille aushältst?“

Ich hab sie nur angesehen und „Nö!“ geantwortet.

„Pass auf“, meinte sie, „versuch doch mal folgendes: Geh alleine in den Wald, such dir einen ganz stillen Platz, setz dich dort an einen Baum und lausche.“

Versteht ihr, wie ich meine? So ist meine Oma. Meine Güte, wer setzt sich schon mitten in den Wald und horcht? Die meisten Menschen wohl nicht. Aber meine Oma hat das schon ausprobiert und sie sagt, dass man zuerst ganz schön unruhig wird und dass sie auch ein bisschen ängstlich war.

Da musste ich schmunzeln. Also, wir leben ja nicht in Sibirien. Also mit einem Bären musste sie jetzt nicht rechnen. Aber okay, vielleicht gibt es ja Wildschweine oder so. Aber egal. Oma hat das gemacht und ich werde das auch mal machen. Aber heute noch nicht. Irgendwann halt.

Ja und dann hat meine Oma gesagt, dass wir alle aus einem ganz bestimmten Grund hier sind. Nämlich, um unsere Lebensaufgabe zu finden. Sie meint, dass wir erst dann, wenn wir uns die Frage beantworten können, welche Bestimmung wir haben, ein wirklich glückliches Leben führen würden.
Keine Ahnung, ob das stimmt. In jedem Fall möchte ich mir das merken.
Oma meint außerdem, dass man ganz einfach herausbekommen kann, warum man auf der Welt ist. Dass nämlich alles, was wir gerne tun, wo wir mit Herz und Seele dabei sind, uns entspricht und dass das, was wir ungern und halbherzig tun, uns eben nicht entspricht. Das klingt einfach, oder nicht?
„Weißt du, Kind“, sagte sie wieder einmal, „für dich gibt es noch so unendlich viel zu entdecken. Du kannst so viele Dinge ausprobieren, bis du eines Tages merkst: Das ist es!“
Das klingt doch wirklich spannend.
„Du könntest reisen, also dann, wenn du 18 bist“, meinte sie schmunzelnd, „einfach nur mit einem Rucksack auf dem Rücken die Welt besehen. Du könntest aber auch Klavier- oder Geigenunterricht nehmen, mehrere Sprachen erlernen oder Sport treiben. Die Welt steht dir offen. Probiere einfach vieles aus und bleib bei dem, was dir Freude macht. Dann hast du schon ganz viel richtig gemacht in deinem Leben.“
Das hört sich gut an, finde ich. Besonders das Reisen spricht mich an. Aber ein bisschen muss ich damit noch warten. Zuerst muss ich ja 18 werden und die Schule beenden. Aber ich könnte ja schon mal einen Plan schmieden, welche Länder ich bereisen möchte und so. Es wäre auch gar nicht so schlecht, wenn ich noch andere junge Leute fände, die mitkommen.
Und da kommt Oma wieder ins Spiel, denn sie sagt, dass man die Menschen, die zu einem passen, daran erkennt, dass man sich zu ihnen hingezogen fühlt.
„Such dir Menschen“, riet sie mir, „von denen du lernen kannst und die dich und dein Leben sinnvoll begleiten.“
Noch weiß ich nicht, wie ich diese Menschen finden soll, aber Oma sagt, dass sie von ganz allein in mein Leben kommen. Na, da bin ich ja mal gespannt, ob sie damit recht hat. 
Und noch was: Sie sagt, dass es ganz wichtig ist, auf sein Bauchgefühl zu hören. Also, ich soll den Kopf jetzt nicht komplett ausschalten. Den brauchen wir, sagt sie, um die Pläne umzusetzen, die der Bauch vorschlägt. Lustig, oder?
Ach, und dass ich es nicht vergesse, sie hat mir geraten, das Leben zu lieben. Hört sich vielleicht einfach an, ist es aber gar nicht. Weil ich soll nämlich alles lieben. Meinen bescheuerten Mathelehrer zum Beispiel. Also auch die Dinge, über die ich mich maßlos aufregen kann.
Ob ich das alles eines Tages umsetzen kann, weiß ich noch nicht. 
Aber eines weiß ich: Vergessen werde ich all diese Dinge nicht mehr, denn ich habe sie ja jetzt schwarz auf weiß!

© Martina Pfannenschmidt, 2018



Samstag, 11. August 2018

Regentanz


„Sag mal, was veranstaltet unsere Tochter da eigentlich? Übt sie wieder diesen Zahnstochertanz?“, fragte Jens und grinste dabei über das ganze Gesicht.
Britta sah von ihrem Buch auf und beobachtete ebenfalls das Treiben ihres Kindes, das sich weiter hinten im Garten aufhielt.
„Also erstens heißt es Zahnseide-Tanz“, berichtigte sie ihren Mann, „und zweitens ist er es definitiv nicht. Es ist ein Tanz, ja, aber … Mäuschen, übst du neue Tanzschritte ein?“, rief sie fragend ihrer Tochter zu.
Mia kam angerannt und erzählte stolz und  mit hochroten Wangen: „Ich habe mir vorhin ein Video angesehen und jetzt übe ich den Regentanz.“
„Aha!“ Papa konnte sich ein Lachen kaum verkneifen, so dass Britta ihm mit ihrem Ellenbogen heftig in die Seite stieß.
„Schaut euch doch nur mal den Rasen an“, bat Mia, „der ist doch total verbrannt und alle Bäume haben Durst und die Tiere auch.“ Dabei zeigte sie auf die große Vogeltränke, auf deren Rand sich mehrere Spatzen befanden, die immer wieder ihre kleinen Köpfchen senkten, um an das kostbare Wasser zu gelangen, das sich darin befand.
Britta bestätigte ihre Tochter in ihrem Tun: „Das find ich toll, dass du um Regen bittest. Da tust du ein wirklich gutes Werk. Wir brauchen ihn so dringend und da es bisher keinen einzigen Regenschauer in unserem Urlaub gab, darf es ruhig mal einen Regentag geben, oder denkt ihr nicht?“
Das Mädchen nickte und hüpfte freudestrahlend zurück an seinen Platz in den Schatten des großen Baumes, um seinen Tanz fortzusetzen.
„Also ehrlich, mir fehlt der Regen nicht“, meinte Jens in diesem Moment. „Ich komme ganz gut ohne ihn klar.“
Britta wurde sauer: „Ja klar, wir haben ja auch kaltes Wasser und jede Menge Bier vorrätig. Außerdem können wir uns unter die Brause im Garten stellen und abends unter die Dusche. Doch stell dir mal vor, das Wasser würde komplett versiegen. Wie lange könnten wir dann noch leben? Also deine Einstellung dazu verstehe ich nicht.“
„War ja nicht so gemeint“, sagte Jens schnell und gab seiner Frau einen Kuss auf die Wange. „Lieber einen Regentag im Urlaub, als Stress mit dir“, meinte er versöhnlich.
Dann wandte er sich wieder ab und löste weitere Rätsel in seinem Block.
Britta beobachtete ihre Tochter noch eine ganze Weile und dachte darüber nach, dass Kinder, anders als die Erwachsenen, viel spontaner und freier erscheinen.
Doch was bedeutete es eigentlich, frei zu sein?
Vielleicht haben wir alle viel mehr Freiheiten, als uns im ersten Moment bewusst ist, ging ihr durch den Kopf. Wir halten vieles für selbstverständlich und wissen manche Dinge gar nicht mehr zu schätzen. Vielleicht würden uns einige unserer Freiheiten erst wieder bewusst, würde man sie uns nehmen.
Denn ist es nicht so, dass wir dann, wenn wir das Glück haben, in Deutschland geboren worden zu sein, zum Beispiel die Freiheit haben, dorthin reisen zu dürfen, wohin wir wollen? Egal ob nun nach Afrika, Australien oder nach Kanada. Wir besorgen uns einen Reisepass, für einige Länder ein Visum und schon können wir an jeden Ort reisen. Die Welt steht uns offen. Die Freiheit, dies zu tun, haben wir, ohne das wir etwas dafür getan haben. Es wurde uns einfach in die Wiege gelegt.
Britta dachte darüber nach, dass wir in unserer eigenen Geschichte gar nicht so weit zurückgehen müssen, um zu wissen, dass einigen von uns diese Freiheit vor noch gar nicht so langer Zeit nicht zuteil war. Die Menschen im Osten unseres Landes waren eingeschränkt in der Wahl der Länder, die sie bereisen durften. Besaßen diese Freiheit nicht.
Britta sah ihren Mann an. Sie waren in ihrer Entscheidung, sich näher kennen zu lernen und später zu heiraten, frei gewesen. Bis heute gibt es Länder, in denen die Menschen diese Art der Freiheit nicht haben. Ist uns das überhaupt bewusst?
Wir durften und dürfen eine Schule besuchen. Wir dürfen lernen, ohne dafür zu bezahlen. Egal, ob arm oder reich, egal ob Junge oder Mädchen. Empfinden wir das überhaupt als Freiheit und sind dankbar dafür? Vielleicht würden wir erst in dem Moment, wo man uns dies alles nimmt, merken, wie wertvoll diese Freiheiten für uns sind.
Wenn wir gesund sind, so dachte sie, uns bewegen, klettern oder tanzen können, ist auch dies eine Art von Freiheit, die uns erst bewusst wird, wenn man sie uns nimmt.
Wir sind frei in unserem Denken. Wir sind frei in unserem Glauben. Wir dürfen hinterfragen, unsere Meinung kundtun und diskutieren.
All diese Freiheiten genießen wir allein nur durch die Tatsache, in diesem Land geboren worden zu sein. 
Britta wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sie in der Ferne ein Donnergrollen vernahm und erste dicke Regentropfen vom Himmel fielen.
Der Jubelschrei, der von Mia kam, war nicht zu überhören.
„Seht nur“, rief sie und hörte nicht auf, sich im warmen Regen zu drehen. „Es regnet! Endlich! Es regnet!“

© Martina Pfannenschmidt, 2018

Donnerstag, 14. Juni 2018

‚Da brat mir doch einer ′nen Storch’


Nach einem langen und Kräfte zehrenden Flug kam Spotty völlig ausgemergelt und hungrig in seinem Heimatort an - und dann das!
Schon von weitem sah er, dass es sich irgendein Hallodri in seinem Nest gemütlich gemacht hatte. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Dem Kerl würde er die Leviten lesen und wenn es sein müsste, ihn mit kräftigen Hieben seines Schnabels vertreiben. Genau so und nicht anders galt es, mit Hausbesetzern umzugehen.
Als er näher kam, hätte ihn fast der Schlag getroffen. Den Kerl, der dort in seinem Nest hockte und ihm spöttisch entgegen blickte, kannte er nur zu gut. Das war eindeutig Eddie, dieser Nichtsnutz. Hatte der denn immer noch nicht genug?
Schon in Afrika hatten sie sich heftige Duelle geliefert, als sie um Stella, die hübscheste aller Storchenmädchen, gebuhlt hatten. Doch ER war als Sieger vom Platz gegangen und nicht Eddie.
Schon in ein paar Tagen würde Stella nachkommen. So hatten sie es vereinbart. Bis dahin wollte Spotty sich nicht nur satt essen und zu Kräften kommen, sondern nebenher auch das Nest renovieren.
Noch ein paar kräftige Flügelschläge, dann landete er zielsicher auf seinem Horst.
„Hallo, mein Freund, auch schon da?“, fragte Eddie provozierend und grinste dabei breit.  
Das brachte Spotty noch mehr in Rage und gegen seinen Nebenbuhler auf: „Von wegen Freund. Hau bloß ab! Dies ist mein Nest und nicht deins. Also: Zieh Leine und zwar schnell!“
Doch so einfach ließ sich der Störenfried nicht vertreiben. Es kam wieder einmal zu einem heftigen Duell und Spotty war wirklich am Ende seiner Kräfte, als Eddie ziemlich lädiert resignierte und sich davon machte. Erschöpft aber glücklich fiel der Sieger bald darauf in einen tiefen und erholsamen Schlaf.
Als Stella eine Woche später im Anflug war, waren all die Schmerzen und Entbehrungen der letzten Zeit vergessen. Stolz präsentierte Spotty seiner Liebsten das liebevoll hergerichtete Nest. Dann flogen sie auf die nahe gelegene Wiese und labten sich an all den Leckereien, die ihnen dort wie auf einem gedeckten Tisch serviert wurden.
Als sich Stella wieder frisch und erholt fühlte, begannen sie mit ihrem Hochzeitstanz und klapperten mit ihren Schnäbeln, dass es eine wahre Freude war.
„Schau nur!“ Stolz erhob sich Stella und gab für ihren Liebsten den Blick auf 5 Eier frei, die wie riesige Perlen im Nest lagen.
Spotty konnte sein Glück kaum fassen. Mit einer so großen Nachkommenschaft hatte er gar nicht gerechnet.
In den kommenden Wochen kümmerten sich die werdenden Eltern liebevoll und abwechselnd darum, dass es für ihren Nachwuchs jederzeit schön warm und trocken blieb.
Eines Tages war es dann soweit. Die kleinen Störche schlüpften und das junge Paar hatte fortan keine ruhige Minute mehr. Es war ganz schön anstrengend, diese große Kinderschar zu verköstigen. Besonders Stella stieß dabei bald an ihre Grenzen. Sie wirkte schon sehr abgemagert, als sie auf wackligen Beinen über die Wiese schritt und nach Futter suchte.
„Ist das nicht Stella dort unten?“, fragte sich Eddie, als er im Anflug auf die Wiese war. Bald darauf war er sich sicher, auch wenn ihr Gefieder stumpf und ihr Gang wenig graziös wirkten.
Eddie überlegte kurz, ob er weiter fliegen oder neben ihr landen und sie ansprechen sollte. Er entschied sich für Letzteres.
„Hallo, Stella, schön, dich zu sehen. Wie geht es dir?“
„Ach Eddie, wenn ich ehrlich sein soll, nicht gut. Wir haben 5 Kinder, Spotty und ich, und die Nahrung wird langsam knapp. Für uns bleibt kaum noch etwas übrig, weil die Kinderchen einen großen Appetit entwickelt haben. Aber ich möchte mich nicht beklagen. Die Kleinen sind wirklich wundervoll.“
Eddie ging eine Weile schweigend neben Stella her. Hier war wirklich nicht mehr viel Essbares zu finden und das bedeutete weite Wege zu anderen Futterplätzen. Welche Auswirkungen das wiederum für die Familie hatte, wusste er nur zu gut – und Stella gewiss auch.
„Hast du keine Gefährtin gefunden?“, fragte sie nach einer Weile und Eddie schüttelte mit dem Kopf. Am liebsten hätte er geantwortet: „Ich wollte dich und sonst keine!“ Aber das verkniff er sich lieber. Er wollte die junge Mutter nicht noch mehr belasten und durcheinander bringen.
Eddie verabschiedete sich bald darauf und flog mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend davon. Auch wenn Spotty nicht sein Freund war, so beneidete er ihn nicht um die Aufgabe, die unausweichlich auf ihn zukommen würde.
In der darauf folgenden Nacht bekamen die jungen Eltern kaum ein Auge zu. Niemals hätten sie erwartet, dass sie eines Tages in eine derartige Situation kämen. Doch die Stunde der Entscheidung nahte. Das spürten sie.
Als Stella am darauf folgenden Tag zur Wiese flog, hoffte sie inständig, Eddie dort zu treffen. Sie wollte ihn dringend um etwas bitten. Bereits im Anflug sah sie ihn. Ob er bereits etwas ahnte?
Einige Tage später saßen Hein und Fiete wieder einmal auf ihrer Bank neben dem Horst. Sie trafen sich dort täglich und beobachteten dabei wortlos das Storchenpaar. Dass an diesem Tag etwas nicht stimmte, bemerkten sie sogleich: „Da brat mir doch einer ΄nen Storch!“, sagte Fiete nach einer Weile.
„Jau!“, erwiderte Hein. „So was hab ich auch noch nicht gesehen!“
Was war geschehen?
Der Tag, an dem Spotty zwei seiner schwächsten Kinder hätte töten müssen, um die stärksten am Leben zu erhalten, wäre unausweichlich gekommen. Deshalb hatte Stella sich ein Herz gefasst und Eddie um Hilfe gebeten.
Auch wenn Spotty zunächst nicht begeistert reagiert hatte, so nahm er mit Blick auf seine Frau und die Kinder doch die Hilfe von Eddie in Anspruch. Jetzt fütterten sie zu dritt den Nachwuchs und Eddie mauserte sich in den kommenden Wochen zu einem hilfsbereiten Onkel und wertvollen Lehrer für die Kleinen.

© Martina Pfannenschmidt, 2018


Nachtrag:
Diese Geschichte entstand nach einem Artikel in unserer Zeitung. Auf einem Foto war ein Storchenvater zu sehen, der eines seiner winzigen Kinder getötet und ein anderes damit gefüttert hatte. So ist es in der Natur. Ein Storchenvater muss zur Erhaltung seiner Art so handeln. – In einer Geschichte, so dachte ich mir, darf es aber durchaus anders sein. J

Montag, 11. Juni 2018

Nadel im Heuhaufen



Wie gerne hätte Mirja jetzt den Hörer auf die Gabel geknallt, aber leider geht das ja in heutiger Zeit nicht mehr. Ihre Mutter ging ihr mit ihren ewigen Schuldzuweisungen gehörig auf die Nerven. Immer waren es die anderen, die an einer misslichen Situation die Schuld trugen. Niemals lag es an ihrer Mutter! Niemals!

Mirja trat auf den Balkon hinaus, um eine Zigarette zu rauchen. Vielleicht half ihr das, wieder herunter zu kommen. Eigentlich wollte sie sich ja nicht mehr darüber aufregen. Eigentlich!

Als sie den ersten Zug inhaliert hatte, hörte sie zwei kleine Mädchen, die offenbar in Streit geraten waren.

„Du bist Schuld!“

„Nein, bin ich gar nicht!“

„Doch, weil du mir meine Sachen aus der Hand reißen wolltest, sind sie mir herunter gefallen.“

„Gar nicht. Ich wollte dir nur beim Zusammenbauen helfen.“

Doch dieses Argument verhallte und erneut kam die Beschuldigung: „Das ist alles deine Schuld!“

„Das gibt es doch nicht“, sagte Mirja zu sich selbst.

Dieses System der Schuldzuweisung klappt sogar schon bei Kindern. Aber so ist es wohl, wenn die Erwachsenen nicht vorleben, dass man die Schuld lieber bei sich selbst suchen sollte.

Mirja lebte alleine in einer kleinen Wohnung direkt über dem Friseursalon, in dem sie arbeitete. Das war ein großes Glück für sie. Erstens liebte sie ihren Beruf und zweitens war sie ein aufgeschlossener Mensch, der sich gerne mit anderen unterhielt.

Gerade jetzt in den Sommermonaten kamen viele Urlauber in den Salon und so freute sie sich, fremde Menschen durch Gespräche näher kennen zu lernen. Es war keine Neugier ihrerseits, sondern echtes Interesse an den Lebensgeschichten der anderen. Auch wenn sich viele Lebensmodelle ähneln, so ist doch jedes Leben einzigartig und genau das ist es, was sie daran fasziniert.

Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass ihre Pause beendet war. Mirja drückte ihre Zigarette aus und lief hinunter in den Salon.

„Gut, dass du kommst“, wurde sie sogleich von ihrer Chefin begrüßt. „Deine Kundin wartet schon seit einer Viertelstunde auf dich.“

Mirja blickte erneut auf ihre Armbanduhr: „Aber …“.

„Ja, ich weiß. Du bist pünktlich. Die ältere Dame dort hinten war viel zu früh dran.“

Dabei zwinkerte die Chefin ihr zu. Das kannten sie schon. Während jüngere Kundinnen gerne etwas später eintrafen, kamen ältere oft vor der Zeit.

„Guten Tag, mein Name ist Mirja“, begrüßte sie die Kundin freundlich. „Was darf ich für Sie tun?“

Die ältere Dame blickte sie mit warmen Augen an: „Sie dürfen mich hübsch machen“, erwiderte sie und strahlte, als sie fortfuhr, „für einen ganz besonderen Anlass.“

„Oh, das klingt ja spannend. Vielleicht mögen Sie mir ein bisschen erzählen, während ich versuche, ihren Wunsch zu erfüllen.“

„Wir feiern heute unsere Goldene Hochzeit und mein Mann will mich heute Abend groß ausführen", erzählte die Kundin bereitwillig.

„Herzlichen Glückwunsch! Das ist aber wirklich ein Grund, sich fein zu machen.“

„Nicht wahr! 50 Jahre! Ich kann es gar nicht glauben. Wissen Sie, wir haben damals unsere Hochzeitsreise hierher gemacht. Seither kommen wir immer mal wieder hier auf diese bezaubernde Insel. Leben Sie hier?“, erkundigte sich die Dame interessiert.

„Ja, ich kam, wie Sie, als Urlauberin her und bin dann wegen der Liebe geblieben.“

„Vielleicht erleben Sie ja auch eines Tages ihre Goldene Hochzeit.“

Mirja lachte auf: „Eher nicht. Die Liebe ging – aber ich blieb.“

„Oh je! Aber ich kann gut verstehen, dass sie blieben. Doch ich kann mir denken, dass es in den Wintermonaten ziemlich einsam ist, oder nicht?“

„Ach wissen Sie“, erwiderte Mirja, „vielleicht ist es gerade dieser Kontrast zwischen der quirligen Sommer- und der ruhigen Winterzeit, die mich hier hält.“

Die Kundin schwieg daraufhin eine Weile. Als sich bald darauf ihre Blicke im Spiegel trafen, hatte Mirja den Eindruck, als sei ein Anflug von Traurigkeit in den Augen der Kundin erkennbar.

Mirja täuschte sich nicht.

„Wir führen eine wirklich harmonische Ehe“, begann die Dame daraufhin zu erzählen, „doch es gibt da etwas, das kann ich mir bis heute nicht verzeihen.“

„Oh nein, bitte nicht“, dachte Mirja in diesem Augenblick. „Bitte keine Lebensbeichte dieser Form. Soviel Privates möchte ich dann doch nicht hören.“

Es kam jedoch ganz anders, als erwartet.

„Ich habe Ihnen ja vorhin schon erzählt, dass uns unsere Hochzeitsreise hierher führte. Wir waren zu der Zeit nicht nur sehr verliebt, sondern auch sehr sportlich. Ich weiß bis heute nicht, wann und wie es passiert ist, doch ich habe meinen Ehering damals verloren. So kurz nach der Hochzeit. Das kann ich mir einfach nicht verzeihen.“

Die Kundin drehte dabei einen Ring an ihrem Finger. „Wir haben lange im Sand gesucht. Doch das ist ja so, als würde man eine Nadel im Heuhaufen suchen.“

„Vielleicht sogar noch etwas schwieriger“, entgegnete Mirja mitfühlend.

„Wir haben ihn nicht gefunden, sondern einen anderen gekauft, aber es ist halt nicht der, den mir mein Mann bei der Trauung angesteckt hat“, erzählte die Frau traurig, während sie auf ihre Hand schaute.

Mirja nickte verständnisvoll.

„Sie werden es nicht glauben“, fuhr die Kundin schmunzelnd fort, „aber wir suchen ihn immer noch. Jedes Mal, wenn wir hier Urlaub machen, hoffen wir, dass wir ihn doch noch finden.“

Mirja lächelte der Dame zu, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte. Dass es sich dabei um ein aussichtsloses Unterfangen handelte, wusste die Kundin sicher auch.

Als die ältere Dame den Salon einige Zeit später frisch frisiert verlassen wollte, stürmte eine junge Frau hinein. Sie war völlig außer Atem, als sie die Kundin ansprach: „Wie gut, dass Sie noch da sind! Ich wurde vorhin ungewollt Zeugin ihres Gespräches. Wissen Sie, es ist mein Hobby, in den Wintermonaten den Strand mit einem Detektor abzusuchen. Und so habe ich schon manchen Schatz gefunden. Schauen Sie doch bitte mal, vielleicht ist ja Ihr Ehering dabei.“

Während sie das sagte, öffnete sie eine alte Keksdose.

Die ältere Dame sah die junge Frau an. Als sie anschließend in die kleine Schatzkiste schaute, griff sie zielsicher hinein. Völlig fassungslos hielt sie ihren Ehering in Händen! Nach 50 Jahren!

 

© Martina Pfannenschmidt, 2018