Freitag, 15. Oktober 2021

Warum ist Oma schrumpelig?

 Reizwörter: Feuerwehrauto, Bier, wachsen, schnappen, schrumpelig

 Meine 'Mitschreiberinnen': Lore und Regina

 

Heute bin ich bei Oma und Opa, weil Mama arbeiten muss und der Kindergarten geschlossen ist.

Ich gehe gerne in den Kindergarten, aber bei Oma und Opa ist es auch klasse. Ich mag die beiden. Besonders meinen Opa. Der kann mir nämlich nichts ausschlagen. Sagt Oma immer. Stimmt auch. Weil ich hab mir nämlich von Opas Dackel Purzel den Blick abgeschaut. Und wenn ich Schokolade möchte, setze ich meinen Purzel-Blick auf und frage Opa. Nicht Oma. Weil die kann auch ‚Nein‘ sagen.

„Hast du dem Jungen schon wieder Schokolade gegeben?“, hallt es durch die Küche.

Das verstehe ich nicht, ich hab doch nix verraten. Woher weiß sie, dass ich Schoki hatte?

„Komm mal her mein Junge. Du hast schon wieder einen Schokoladenbart.“

Ah, daher weht der Wind. Keine Ahnung, woher der immer kommt.

„Opa“, frage ich, „gehst du mit mir auf den Spielplatz?“

„Na klar, mein Junge“, antwortet er, „aber lass mich zuerst die Zeitung zu Ende lesen.“

Das ist auch so ein Ding. Opa und seine Zeitung.

„Na gut“, sage ich und spiele noch ein bisschen mit meinem Feuerwehrauto.

Nach einer Weile steht Opa von seinem Stuhl auf.

„So, mein Junge, jetzt können wir los. Wollen wir Oma auch mitnehmen?“

Bevor ich antworten kann, kommt mir Oma zuvor: „Na klar nehmt ihr mich mit. Ihr zwei macht doch sonst nur Blödsinn, nicht?“

Schade, denke ich, denn auf dem Rückweg vom Spielplatz gibt es bestimmt ein Eis. Wir kommen nämlich genau an einer Eisdiele vorbei. Und mit Opa alleine hätte ich vielleicht zwei Kugeln herausschlagen können. So bekomme ich bestimmt nur eine. Aber immerhin.

Purzel muss eine Weile alleine klar kommen und wir drei gehen Richtung Spielplatz.

Wir sind kaum ein paar Schritte gegangen, da bleiben wir schon wieder stehen. Opa hat nämlich seinen Nachbarn getroffen und die beiden sprechen über Fußball. Ich mag auch Fußball spielen, aber da zu stehen und den beiden zuzuhören ist echt langweilig. Deshalb zupfe ich an Opas Jacke, um ihm zu zeigen, dass ich weitergehen möchte. Doch der bleibt einfach stehen und ignoriert mich. Da muss ich schnellstens Stufe Zwei schalten.

„Du Opa“, quatsche ich einfach dazwischen, „warum hat der Mann so einen dicken Bauch? Ist da ein Baby drin?“

Oma lacht laut auf. Aber eigentlich ist ihr die Sache ganz schön peinlich. Das weiß ich genau. Und ich weiß auch, dass in dem Bauch gar kein Baby ist. Da ist höchstens Bier drin. Das hat mir mein Papa nämlich schon erklärt.

Aber egal, der Mann guckt ziemlich verdutzt. Dann lacht er auch. Und Opa? Ja, der drängt plötzlich zum Weitergehen. Na also. Geht doch!

Oma und Opa setzen sich auf eine Bank und ich gehe schaukeln und rutschen und dann spiele ich im Sand. Mit einem Mädchen. Ich spiele zwar lieber mit Jungs, aber Mädchen sind manchmal auch okay. Dieses hier ist ganz okay.

Die Mama von dem Mädchen sitzt auf der Bank neben Oma und Opa und schaut immerzu auf ihr Handy. Die passt gar kein bisschen auf uns auf. Oma schaut immer, was wir gerade machen. Das find ich gut.

In dem Moment sieht das Mädchen zu meiner Oma und fragt ziemlich laut: „Warum ist deine Oma eigentlich so schrumpelig?“

„Kindermund tut Wahrheit kund!“, lacht Opa, als Oma nach Luft schnappt. Doch dann kommt er zu uns und erklärt dem Mädchen, dass Omas Falten zeigen, dass sie schon viele schöne Dinge in ihrem Leben erlebt hat. „Und wenn sie in den Spiegel schaut“, führt er weiter aus, „kann sie sich immer an diese schönen Momente erinnern.“

Das ist ganz schön nett von meinem Opa, finde ich.

Als er wieder zurück geht zur Bank, weiß er noch nicht, dass das Mädchen auch ihn auf dem Kieker hat. Prompt platzt sie nämlich mit der nächsten Frage heraus: „Warum ist dein Opa so dick?“

Ich will gerade darauf antworten, dass es mit dem Bier zu tun hat, das Opa gerne trinkt, da dreht er sich um und kommt zu uns zurück. Natürlich hat er die Frage gehört und ich glaube, Oma ist auch schon ganz gespannt, was Opa daraufhin sagen wird. Sie sieht nämlich ziemlich amüsiert aus.

Opa antwortet mit einer Gegenfrage: „Warst du schon einmal in einem Wald?“

Das Mädchen nickt und Opa sagt: „Dann hast du bestimmt gesehen, dass es im Wald dicke und dünne Bäume gibt, nicht wahr?“

Wieder nickt das Mädchen.

„Siehst du und so ist das auch mit den Menschen. Es gibt dicke Menschen und dünne Menschen und das ist völlig okay so.“

Ich bin stolz auf meinen Opa. Der hat nämlich auf jede Frage eine Antwort.

Aber dann wird es mir zu langweilig. Außerdem bekomme ich Hunger. Auf die Nudeln, die Oma mir versprochen hat, aber ganz besonders auf das Eis.

In dem Moment ruft Oma auch schon, dass wir gehen müssen.

Als wir an der Eisdiele ankommen, fragt Opa: „Möchtest du wieder eine Kugel Erdbeer?“

Ich versuche es erst gar nicht, eine zweite Kugel herauszuschlagen und nicke.

Opa nimmt auch nur eine Kugel. Aber Himbeer. Und Oma nimmt gar kein Eis. „Wegen der Linie“, sagt sie und ich denke, dass ich irgendwann mal fragen muss, welche Linie sie meint. Aber jetzt interessiert mich gerade etwas anderes und ich frage: „Du Opa, warum heißen Erdbeeren eigentlich Erdbeeren?“ Ich bin so gespannt, ob er auch das weiß.

„Na das ist doch ganz einfach“, antwortet er prompt, „weil sie unten auf der Erde wachsen.“

Ich sag ja, mein Opa weiß einfach alles.

Und nun muss ich auch gar nicht mehr fragen, warum Himbeeren Himbeeren heißen, weil das ist ja jetzt klar, schließlich wachsen sie hoch oben – nahe am Himmel.

© Martina Pfannenschmidt, 2021


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Donnerstag, 30. September 2021

Wofür bist du dankbar?

 

Herbstlaub, Tanne, traurig, bunt, schnaufen

Diese Reizwörter findet ihr auch in den Geschichten von Lore und Regina.

Die Arme auf dem Rücken verschränkt schlendert der alte Pastor Huber durch den parkähnlichen Garten des Seniorenheimes. Das Herbstlaub raschelt dabei unter seinen Füßen und vom nahe gelegenen Kindergarten dringt das bunte Treiben der kleinen Knirpse an seine Ohren.

Für einen Moment bleibt er stehen und sein Blick wandert hoch zum Wald, der sich in unmittelbarer Nachbarschaft befindet. Ein alter Lanz-Traktor bahnt sich schnaufend den Weg nach oben.

Die Tannen, die dort stehen, geben ein wahrlich trauriges Bild ab. Trocken und braun sind sie und werden sicher bald gefällt werden müssen, wie so viele andere vom Borkenkäfer befallene Bäume auch.

„Pastor Huber“, ruft Beate, die Pflegedienstleiterin, in diesem Augenblick, „möchten Sie nicht zu uns kommen? Wir basteln gerade eifrig an der Herbstdeko für unser Haus.“

„Doch, doch“, antwortet er und geht gemütlichen Schrittes in die Richtung, aus der er gerufen wurde.

An zwei zusammen geschobenen Tischen des hellen und freundlich eingerichteten Raumes sitzen einige seiner Mitbewohner und basteln eifrig. Die Frauen schneiden Fliegenpilze aus roter und weißer Pappe aus. Andere sind damit beschäftigt, mit ihren von Arthrose gezeichneten Fingern, Kränze aus Blättern zu binden. Und der Älteste in der Runde bastelt aus Tannenzapfen Hirsche.

Pastor Huber schmunzelt bei dem Gedanken, dass es im Kindergarten ein paar Häuser weiter ein ähnliches Bild geben wird. Ganz sicher wird auch dort für das Herbstfest gebastelt.

„Was möchten Sie denn fertigen?“, wird er von Beate gefragt. Der alte Pastor winkt ab. „Das ist gut gemeint. Danke! Aber ich schaue den anderen lieber nur zu. Ich bin nicht so geschickt in solchen Dingen“.

Nach einer Weile fragt er interessiert in die Runde hinein: „Wir feiern ja in einigen Tagen das Erntedankfest und mir kam der Gedanke, dass wir für so vieles dankbar sein können, nicht wahr?“

Allgemeines stummes Nicken.

„Wenn ich darüber nachdenke, wofür ich dankbar bin“, spricht er weiter, „so kommt einiges beisammen. Darf ich vielleicht mal die Frage in die Runde geben, wofür Sie dankbar sind?“

Das eifrige Werkeln wird kurz unterbrochen und die älteren Menschen besinnen sich.

Frau Meier ist die Erste, die antwortet: „Wissen Sie, die meisten von uns haben ja den Krieg mitgemacht. Einige wurden vertrieben. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass meinen Kindern diese Erfahrung erspart blieb.“

„Ich stimme Ihnen zu“, wirft nun der alte Herr Schröder ein, „wir haben sehr oft einen Grund, dankbar zu sein und wenn ich es mir recht überlege, kann ich sagen, dass ich dankbar dafür bin, dass mich mein Beruf erfüllt hat und für das Talent, Mundharmonika spielen zu können.“

Als Nächste spricht die kleine Frau Kluge: „Wenn Sie mich so fragen, Herr Pastor, bin ich dankbar für mein Leben.“

Frau Gruber, die früher als Lehrerin an der hiesigen Grundschule unterrichtete, erzählt davon, dass sie dankbar ist für all die Kinder, deren Lebensweg sie ein Stück mitgehen durfte, aber ganz besonders für ihre beiden eigenen Kinder. Nicht ohne Stolz sagt sie: „Ich bin wirklich dankbar, dass ich dieser Welt zwei wertvolle Menschen schenken durfte.“

Nun ist Frau Mertens an der Reihe. „Wissen Sie“, beginnt sie leise, „wenn ich in den Nachrichten die Bilder sehe von bewaffneten Soldaten, die in den Straßen vor zerstörten Häusern patrouillieren, dann bin ich dankbar, dass ich in einem Land leben darf, in dem ich frei und sicher leben kann.“

Beate, die Pflegedienstleiterin, ist ganz begeistert von all den Antworten der Senioren. „Also ich kann sagen, dass ich dankbar bin, so liebenswerte und gleichzeitig lebenserfahrene Menschen wie sie um mich zu haben“, sagt sich, „ich bin aber auch dankbar für einen freien Nachmittag, an dem ich mit einer Freundin in einem Eiscafé sitzen darf oder für einen gemütlichen Grillabend bei Freunden.“

Nun traut sich auch die ansonsten eher zurückhaltende Frau Kleine zu Wort: „Ich hoffe, es ist nicht vermessen, wenn ich sage, dass ich überhaupt ein dankbarer Mensch bin. Ich bin dankbar für die vielen kleinen alltäglichen Dinge, an denen ich mich erfreuen kann. Und ich bin dankbar, dass ich in meinem Alter noch so rüstig sein darf.“ Nach einer Gedankenpause fügt sie an: „Ich denke, dass dankbare Menschen allgemein zufriedener sind.“

„Wissen Sie was“, spricht Beate bald darauf den Pastor an, „wollen wir am Sonntag nicht eine kleine Dankfeier ausrichten? Wir könnten Danklieder singen und Herr Schröder könnte uns mit seiner Mundharmonika dabei unterstützen. Und vielleicht möchten Sie zum Thema Dankbarkeit eine kleine Ansprache halten. Was meinen Sie dazu?“

Als hätte der alte Pastor nur darauf gewartet, erhebt er sich schwungvoll wie ein junger Bursche von seinem Stuhl und macht sich unvermittelt auf den Weg in sein Zimmer und an die Arbeit.

Nun ist es auch für ihn an der Zeit, sein Talent auszuleben und Vorbereitungen zu treffen.

 

Und - wofür bist DU dankbar?

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021


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Mittwoch, 15. September 2021

Stille

 

Reizwörter: Geraschel, Knall, muffig, rot, flüstern

Bitte lest auch bei Regina und Lore!


„Könntest du später meinen Anzug aus der Reinigung holen? Und warte heute Abend nicht auf mich. Keine Ahnung, wie lange die Sitzung dauert.“

Ohne meine Antwort darauf abzuwarten und mit einem hektischen Blick auf seine Armbanduhr verlässt mein Mann schnellen Schrittes die Küche. Obwohl ich weiß, was jetzt kommt, zucke ich zusammen. Wieder einmal fällt die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss. Wieder einmal ist er spät dran und wieder einmal hat er keine Zeit für einen Abschiedskuss oder eine liebevolle Umarmung. Was bleibt, ist Stille. Keine unerträgliche Stille, sondern eine schöne, ruhige Stille.

Für einen Moment schließe ich die Augen und lausche: dem Ticken der Uhr, dem Surren des Kühlschranks. Anschließend greife ich nach meinem roten Kaffeebecher und trete aus der Terrassentür hinaus in den Garten. Auch hier umgibt mich eine gewisse Stille. Nur die leisen Töne der Natur nehme ich wahr: das Geraschel der Blätter eines Baumes, den Ruf eines Falken über mir.

Eine Schnecke bahnt sich ihren Weg durch das noch feuchte Gras und es scheint mir, als flüstere sie mir zu: halte inne, mach langsam, schließe dich dem Rhythmus der Natur an, dem Flügelschlag des Falken, dem Fließen des Wassers. Folge dem Rhythmus der Jahreszeiten.

Ich sehe mich weiter um und erkenne deutliche Anzeichen für den nahenden Herbst. Der schwarze Holunder ist reif für die Ernte, die Birnen, Zwetschgen. Die Natur weiß, wann es Zeit ist, Früchte zu bilden und reifen zu lassen und sie bereitet sich zur rechten Zeit auf die Winterruhe vor. – Und das alles ganz ohne Kalender. Sie braucht auch kein Handy, das sie an einen Termin erinnert und keine To-do-Liste. Die Zugvögel wissen aus ihrem Instinkt heraus, wann es Zeit ist, die Reise in den Süden anzutreten.

Wieder schließe ich für einen Moment meine Augen, achte auf den Schlag meines Herzens. Ja, auch wir Menschen folgen einem ganz natürlichen Rhythmus. Auch wir wachsen, blühen, tragen Früchte und kommen zur Ruhe. Doch in unserem Alltag scheint nicht mehr viel von diesem Rhythmus übrig geblieben zu sein. Wir werden viel zu oft abgelenkt, sind ständig erreichbar, nehmen uns kaum Auszeiten, um innezuhalten und zur Ruhe zu kommen. Vielleicht ist gar nicht unser Hab und Gut unser größter Luxus, sondern die Stille.

Als ich zu frösteln beginne, gehe ich zurück ins Haus. Heute habe ich frei, muss nicht ins Büro und nicht über muffig riechenden Akten brüten. Dieses Geschenk nehme ich gerne und dankbar an.

Anstatt, wie sonst, das Radio anzustellen und meiner Hausarbeit nachzugehen, suche ich mir ein gemütliches Plätzchen, nehme mir eine Wolldecke und kuschele mich ein. Heute möchte ich mir den Luxus der Stille gönnen.

Ich lausche wieder dem Rhythmus meines Herzens, nehme meinen Atem bewusst wahr und komme nach einer Weile auch im Inneren zur Ruhe. Doch diese Ruhe währt nicht lange: ist es in Ordnung, jetzt hier zu sitzen und nur zu ‚sein‘? Ich muss doch noch … Nein, beruhige ich meinen Geist, ich muss nicht. Es ist genug Zeit da, um meine Aufgaben zu erledigen. Jetzt darf ich die Stille genießen.

Doch es gelingt mir nur für einen kurzen Moment. Meine Gedanken melden sich immer lauter zu Wort. Sie kreisen um viele Themen, wollen mich wegbringen von der Stille, mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Doch ich versuche, ihnen nicht nachzugeben, versuche so still wie möglich nur einfach dazusitzen. Nicht mehr. Nur das.

Mein Handy meldet den Eingang einer Nachricht. Könnte dringend sein. Vielleicht meine Mutter. Sie weiß, dass ich heute einen freien Tag habe. Bestimmt macht sie sich Sorgen, wenn ich nicht gleich reagiere.

Schon will ich aufstehen, verharre jedoch in der Bewegung und setze mich wieder hin. Nein, jetzt nicht. Jetzt bleibe ich in der Stille.

Und wenn es doch wichtig ist?

In meinem Geiste sehe ich meine Mutter blutüberströmt auf einer Bahre liegen. Die letzten Worte, die sie an mich richten wollte, werden mich nicht mehr erreichen, weil ich ihre Nachricht nicht rechtzeitig gelesen habe.

Ich springe auf und greife hastig nach meinem Handy. Die Nachricht ist belanglos. - Aber es hätte ja etwas Wichtiges sein können.

Mechanisch lege ich meine Wolldecke zusammen, nehme ein Glas vom Tisch, das von gestern Abend dort noch stehen geblieben ist und wende mich meiner Hausarbeit zu.

Das Radio stelle ich nicht an. So bleibt es wenigstens im Außen still. Doch in meinem Inneren kann ich diese Stille an diesem Morgen nicht mehr finden.

©  Martina Pfannenschmidt, 2021



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Montag, 30. August 2021

Wolkenschloss

 

Reizwörter: Schatz, Kutsche, kratzen, maulen, steinreich

Auch bei Lore und Regina könnt ihr Geschichten mit diesen Reizwörtern lesen.


„Du, Opa …“, begann ich meine Frage, während ich bäuchlings auf dem Rasen lag und Ameisen bei ihrer Arbeit beobachtete.

„Jepp!“, kam bald darauf von Opa aus Richtung Hollywoodschaukelä<<<<<<<<<hähÄ, in der er saß und in einer Fußballzeitschrift las.

Ich mag meinen Opa sehr und ich glaube, er mag mich auch sehr, denn für niemand anderen hätte er in diesem Augenblick seine Zeitschrift aus der Hand gelegt. Nicht einmal für Oma.

„Du Opa“, wiederholte ich, „warum arbeiten Ameisen eigentlich den ganzen Tag?“

Opa kratzte sich hinter dem rechten Ohr und antwortete: „Du, frag sie doch?“

Was war das denn für ein Vorschlag?

„Opa“, rief ich, „das sind Ameisen!“

„Na und?“

„Nee, das ist mir zu blöd. Außerdem verstehen die mich doch sowieso nicht.“

„So, und woher willst du das wissen, du Schlaumeier, wenn du es nicht einmal versuchst?“

„Ich kann es mir einfach nicht vorstellen“, antwortete ich etwas genervt.

„Siehst du, genau das ist das Problem. Stell es dir doch einfach mal vor. Dann ist nämlich so einiges möglich“, meinte Opa und erzählte gleich darauf weiter: „Weißt du, als ich so jung war wie du jetzt, lag ich auch oft auf der Wiese. Aber anders herum.“ Opa machte mit der rechten Hand eine kreisende Bewegung. „Also ich lag auf dem Rücken und schaute Richtung Himmel. Ich habe es geliebt, in den Himmel zu schauen. Das mache ich heute übrigens auch noch gerne. Ja und da kann man sich so allerhand Spannendes ausmalen.“

„Und was soll das Spannendes sein?“, maulte ich ein bisschen herum, weil ich mir einfach nicht vorstellen konnte, was dort oben Interessantes zu sehen sein sollte, außer vielleicht einer Wolke oder einem Flugzeug – und das sagte ich Opa auch.

„Wie, dort oben ist nichts Interessantes zu sehen?“, fragte Opa daraufhin entsetzt zurück.

Dann erhob er sich und kam zu mir auf den Rasen. Wir legten uns beide auf den Rücken und sahen in den Himmel.

„Aber schau dir doch nur diese Wolke dort oben an“, bat er mich, „die hat doch einen Rüssel und vier dicke Beine, einen großen Kopf und einen riesigen Körper. Das ist doch eindeutig ein Elefant. Das sieht man doch ganz deutlich.“

„Hm“, machte ich, „mit ganz viel Fantasie ist es vielleicht ein Elefant.“

„Die Jugend von heute“, schmunzelte Opa, „euch fehlt es wirklich an Vorstellungsvermögen. Dabei ist es doch so aufregend, was man alles mithilfe der Fantasie erleben kann.“

„Und was soll das bitte Aufregendes sein?“, fragte ich, während ich gelangweilt die dicke Wolke betrachtete.

„Pass auf, wir stellen uns jetzt einfach mal vor, dass wir beide uns auf diesen Elefanten setzen und mit ihm weiterziehen. Wo möchtest du denn mal hin?“

Ich antwortete nicht sogleich, sondern überlegte zuerst. Schließlich hatte Opa mir gerade vorgeworfen, keine Fantasie zu haben. Das wollte ich auf keinen Fall auf mir sitzen lassen.

„Wir könnten zu meiner Schule fliegen“, antwortete ich verschmitzt, „und dann setzt sich der dicke Elefant aufs Dach und macht die ganze Schule platt.“

Ich grinste breit und war auf Opas Reaktion gespannt.

„Mensch Junge, du hast ja doch Fantasie“, lachte er, „aber wie wäre es, wenn wir stattdessen in den Orient reisen und Ali Baba beim Holzfällen beobachten oder zuschauen, wie es ihm gelingt, eine vierzigköpfige Räuberbande zu bezwingen …“

Ich fiel Opa ins Wort: „… oh ja, und dann holen wir uns den Schatz aus der Felsenhöhle und kommen steinreich zurück.“

„Siehste, mein Junge, geht doch!“ Opa freute sich. „Du hast ja doch Fantasie. Aber schau nur, unser Elefant ist gar nicht mehr da. Er hat sich in der Zwischenzeit verwandelt.“

Ich sah es auch ganz deutlich. Die Wolke hatte sich zu einer prächtigen Kutsche gewandelt.

„Komm, Junge, wir ziehen uns goldene Kleider an und schauen, wohin uns die Kutsche bringt.“

„Bestimmt bringt sie uns zu einem Wolkenschloss“, rief ich eifrig.

Es dauerte auch nur eine Sekunde und ich saß neben Opa in unserer prächtigen Wolkenkutsche. Wir rasten nur so dahin, denn unsere Kutsche wurde von tausend Pferden gezogen. Die konnte natürlich niemand sehen, außer mir. Nun, vielleicht mein Opa noch, aber sonst niemand.

Wir waren so schnell unterwegs, wie ein Überschallflugzeug und ich hielt mich auf der einen Seite an meinem Opa und auf der anderen an einem goldenen Griff fest. Doch dann passierte es dennoch. Ich konnte mich nicht mehr halten und fiel aus der Kutsche direkt auf eine dicke weiße Wattewolke unter mir, die mich behutsam zurück nach Hause brachte.

Ich sah von dort oben, dass Oma aus dem Haus kam und leckere Himbeertorte auf den Tisch stellte. Deshalb bat ich die Wolke, mich in Opas Garten abzusetzen. Schließlich ist es noch viel besser, als in der Fantasie mit einer Kutsche zu reisen oder einen Schatz zu heben, in der Wirklichkeit mit Oma und Opa zusammen Himbeertorte mit ganz viel Schlagsahne zu essen.

Aber Moment einmal, Opa war ja noch gar nicht zurück! Und dann sah ich ihn. Er saß immer noch hoch oben in der Wolkenkutsche und winkte mir zu.  

© Martina Pfannenschmidt, 2021

 

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Sonntag, 15. August 2021

Urlaubsgefühle

 

Das waren diesmal unsere Reizwörter: 

Sommer, Meer, blutrot, wunderschön, nachdenken 

Und das sind die Namen meiner 'Mitschreiberinnen', bei denen ihr auch eine Geschichte mit diesen Reizwörtern lesen könnt: Lore und Regina

 

Begeistert blättere ich im Reiseführer und das Kribbeln, das ich dabei in meinem Bauch verspüre, nennt man wohl Vorfreude. Ach Mensch, nur noch zwei Wochen, dann geht es endlich Richtung Lanzarote in den wohlverdienten Sommer-Urlaub. Endlich raus aus dem Alltag und dem miefigen Büro und hinein in eine hoffentlich erlebnisreiche Auszeit. Ich freue mich wirklich riesig darauf.

„Du Bernd, ich möchte unbedingt das Tal der 1000 Palmen sehen und in den Nationalpark Timanfaya möchte ich auch. Vergiss also auf keinen Fall deinen Führerschein, damit wir uns ein Auto mieten können.“

„Hm“, kommt zurück.

Typisch Mann. Hat er mir jetzt eigentlich zugehört? Da frage ich doch lieber nochmal nach: „Hast du mir jetzt eigentlich zugehört?“

„Ja, hab ich, mein Schatz, hab ich. Und falls es dich interessiert, ich möchte mit dem Jet-Ski fahren und schnorcheln.“

‚Von mir aus‘, denke ich, ‚solange ich da nicht mitmachen muss, kannst du das gerne machen.‘

Ich hoffe, dass Bernd mein Schweigen schon richtig deuten wird, schließlich weiß er, dass ich das Meer zwar durchaus mag und dass ich auch Fische durchaus mag, aber eben am liebsten auf meinem Teller, und nicht um meine Beine herum, weshalb ich lieber im Pool, als im Ozean schwimme.

„Du Bernd, hast du eigentlich schon bei Frau Meier angerufen?“

„Das hattest du mir doch aufgetragen“, kommt etwas patzig zurück.

Ja, hatte ich. Aber heißt das, dass es ausgeführt wurde? Nein, das heißt es eben nicht und deshalb frage ich lieber nochmal nach. Aber das sag ich natürlich nicht. Schließlich möchte ich so kurz vor dem Urlaub keinen Streit mit meinem Mann. Und außerdem ist ja alles gut, wenn er angerufen hat. Das bedeutet nämlich, dass unser Hund für die Zeit unseres Urlaubs in einer Tierpension unterkommen wird.

„Wir sollten, bevor wir fahren, noch bei Onkel Edwin vorbei fahren und in jedem Fall bei unseren Kindern“, schlage ich vor.

„Willst du dich von ihnen verabschieden, falls wir mit dem Flugzeug abstürzen und nicht mehr zurückkommen?“, fragt mein Mann und dieser gewisse Unterton, den er dabei an den Tag legt, bleibt mir nicht verborgen.

Leider muss ich gestehen, liegt ein kleines Fünkchen Wahrheit darin. Ich habe tatsächlich ein bisschen Flugangst. Die kann ich aber ziemlich gut besiegen, wenn ich mir morgens vor dem Abflug ein Glas Sekt – oder zwei - genehmige.

Ach ja, ich muss morgen unbedingt nachschauen, ob unser Sektvorrat im Keller noch ausreicht. Nicht, dass ich an dem Morgen ohne dastehe.

Eine Woche später!

„Schatz, hast du dir schon überlegt, welche Sachen du mitnehmen möchtest in den Urlaub?“

Mein Schatz schaut mich an, als hätte ich ihm gerade erzählt, dass ich mit meinen 60 Jahren doch noch mal schwanger geworden bin.

„Aber darüber muss ich doch heute noch nicht nachdenken“, schleudert er mir entgegen. „Wenn ich die Koffer vom Boden hole, werde ich zwei Badehosen, zwei kurze Hosen und ein paar T-Shirts einpacken und gut ist.“

„Bernd, wir werden in einem Hotel wohnen. Da kannst du abends nicht in einer kurzen Hose zum Essen gehen.“

„Na gut, dann pack ich auch noch eine lange Hose ein und …“, er hält mir eine Hand, die keinen Widerspruch duldet, abwehrend entgegen, „bevor du meckerst, ich nehme auch noch ein Hemd mit oder von mir aus auch zwei. In Ordnung?“

„Ja, es dürfen auch gerne ein paar mehr sein und Unterhosen benötigst du schließlich auch und eine Jacke. Es kann abends nämlich durchaus kühl werden. Auch dort. Und wenn wir auf den Timanfaya wollen, brauchst du festes Schuhwerk.“

Kopfschüttelnd verlässt er den Raum. Verstehe ich nicht. Ich mache mir doch nur ein paar Gedanken. Einer muss es ja schließlich tun.

Der Abend vor der Abreise.

In unserem Gästezimmer stapeln sich Wäscheberge. Meine Wäscheberge. Mein Mann ist mit dem Packen seines Koffers längst fertig. Und ich, ja ich kann mich wieder einmal nicht entscheiden, welche Klamotten ich mitnehmen möchte.

„Soll ich dir helfen“, fragt mein Mann ein bisschen zynisch, „dann sind wir in nullkommanix fertig.“

Muss ich erwähnen, dass ich das ausschlage?

Ich gestehe, meine Unruhe wächst. Was, wenn mein Koffer gar nicht ankommt auf der Insel, sondern in Timbuktu landet?

Als ich meinem Mann meine Gedanken anvertraue, nimmt er mich in seine starken Arme: „Wird schon schiefgehen, mein Schatz!“

Ich glaube, er kennt mich inzwischen ganz gut.

Am nächsten Morgen befinden wir uns auf dem Weg zum Flughafen. Ich habe zum 100. Mal in meiner Handtasche nachgesehen, ob ich die Flugtickets auch wirklich eingepackt habe, als mein Mann mich verschmitzt fragt: „Und, möchtest du nicht noch einmal in deiner Handtasche nachschauen, ob die Tickets auch wirklich drin sind.“

Sie sind drin. Ich weiß es ja genau, aber besser ist es doch wirklich, wenn ich noch einmal nachschaue, was ich umgehend tue.

Als wir am Flughafen ankommen und bevor wir das Auto verlassen, trinke ich den letzten Schluck Sekt aus meiner Piccoloflasche. Inzwischen dürfte ich die richtige Betriebstemperatur erreicht haben. Die Angst ist einem leichten Schwips gewichen. Hoffentlich bemerkt es niemand. Hicks.

Als wir von der Stewardess an Bord begrüßt werden, greife ich unweigerlich nach der Hand meines Mannes. Sicher ist sicher.

Nach ein paar Stunden und einem durchaus ruhigen Flug ohne jegliche Turbulenzen kommen wir mitsamt unserem Gepäck aber dennoch etwas abgekämpft in unserem Hotel an.

Auch hier ist alles gut. Das Hotel macht einen ausgezeichneten Eindruck, unser Zimmer ist sauber und die Poolanlage wirklich wunderschön. Jetzt kann ich endlich abschalten und meinen Urlaub genießen.

Als wir am Abend in einem kleinen Lokal direkt am Strand sitzen und die Sonne blutrot im Meer versinkt, fährt mir der Schreck in alle Glieder: „Bernd“, rufe ich aus, wobei etwas von meinem roten Wein auf die weiße Tischdecke schwappt, „ich glaube, ich habe vergessen, das Licht im Keller auszumachen.“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021


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Freitag, 30. Juli 2021

Fingerspitzengefühl

 

Reizwörter: Praline, Glas, zittern, kunterbunt, beliebt

Auch bei Regina könnt ihr eine Geschichte mit den obigen Reizwörter lesen. Lore pausiert noch einmal.

 

Bevor die Praline, die Hannah gerade aus der Schachtel geangelt hatte, in ihrem Mund verschwand, legte sie diese auf ihren Finger und betrachtete sie.

„Entzückend, diese kleinen Pralinchen. Wie kriegen die das nur hin?“, fragte sie verschmitzt.

Oma ging sofort darauf ein und erwiderte schmunzelnd: „Na, mit ganz viel Fingerspitzen…gefühl!“

„Ist das nicht krass“, meinte Hannah, „wie sehr uns die Werbung beeinflusst.

„Ja, das ist so. Man kann sich dem ja kaum entziehen. Überall begegnet sie uns und lenkt unser Kaufverhalten. Oft ist uns das nicht einmal bewusst.“

„Stimmt!“

„Ich glaube, wer am Freitagabend einkaufen geht, wird unbewusst zu einer ganz bestimmten Joghurtmarke greifen, nur um genau so harmonisch ins Wochenende zu starten, wie die Familie aus der Werbung.“

„Ja, das kann ich mir auch gut vorstellen. Vielleicht ist die Marke ja auch nur aufgrund der Werbung so beliebt.“

„Es gibt ja wirklich Werbesprüche, die sehr einprägsam sind. Und wer zum Beispiel so bleiben will, wie er ist, ja der greift zu dem Produkt, das er damit assoziiert“, meinte Oma.

„Genau! Und wer einen netten Nachbarn hat, so wie ich, der möchte natürlich auch, dass es mit ihm klappt“, flachste Hannah.

„Und wer möchte kein Auto“, fiel Oma ein, „das läuft und läuft und läuft.“

„Ja, ja, nichts ist unmöglich“, erwiderte Hannah. „Außerdem war es ja schon immer etwas teurer, einen guten Geschmack zu haben.“

„Das ist wirklich erschreckend, wie viele Werbesprüche wir sofort abrufen können“, sagte Oma bestürzt. „Aber wir werden ja noch auf andere Art und Weise manipuliert. Nicht nur durch Bilder und Worte, sondern auch durch Gerüche und Farben, die gezielt eingesetzt werden …“

„… und in jedem Fall auch durch Musik“, fiel Hannah Oma ins Wort und sang sogleich los: „Ich mag das Schöne dieser Welt, mag den Wind im Roggenfeld, mag es, wenn der Tag erwacht und die Sonne dazu lacht.“

„Allerorten heile Welt“, entgegnete Oma und erinnerte sich an die Zigarettenwerbung aus früheren Tagen, die auch eine heile Welt vorgaukelte.

„Entsinnst du dich noch an den Satz ‚Wer wird denn gleich in die Luft gehen?‘“, fragte Oma, „und an das Werbe-Männchen, das alle Aufgaben erfolgreich löste, nachdem es zu einer bestimmten Zigarettenmarke gegriffen hatte?"

Hannah schüttelte den Kopf. „Nee, daran habe ich keine Erinnerung mehr.“

„Ja, die kunterbunte und intakte Welt, die uns die Werbung da vortäuscht. Wer möchte nicht darin leben und ein Teil davon sein?“

„Also ich möchte in jedem Fall keine Marionette der Werbeindustrie sein“, ereiferte sich Hannah.

Oma freute sich: „Das ist ein gutes Ziel. Und es ist ja nicht nur die Werbung, die manipuliert, oft begegnen uns in unserem Alltag ja auch manipulative Menschen und wir merken es nicht einmal, wenn sie geschickt genug vorgehen.“

„Ich möchte meine Entscheidungen aber frei treffen können und ich möchte nicht, dass jemand auf mich Einfluss nimmt. Und schon gar nicht verdeckt“, ereiferte sich Hannah.

„Glaub mir, das ist oft gar nicht so einfach, das aufzudecken“, wusste Oma. „Auch in meinem Leben gab es Menschen, die versucht haben, mich zu manipulieren. Das waren oftmals Personen, die mir Geschichten erzählt haben, die sich im Nachhinein als falsch herausstellten.“

„Ich glaube auch, dass manipulative Menschen im Lügen geübt sind“, erwiderte Hannah. „Aber ich muss sagen, ich erkenne Lügen ziemlich schnell. Und wenn sich jemand lange rechtfertigt, fahre ich sofort meine Antennen aus.“

Oma schmunzelte über ihre Enkelin. Auch sie schien schon einige Lebenserfahrungen gesammelt zu haben.

„Und du musst auf Menschen mit übertriebenem Charme aufpassen“, riet Oma. „Wenn dir jemand zum Beispiel ein Kompliment macht und dich anschließend um etwas bittet, sollten deine Alarmglocken ebenfalls läuten, und wenn du merkst, dass du ständig um einen Gefallen gebeten wirst, solltest du auch mal mit einem ‚Nein‘ reagieren.“

Hannah nahm sich vor, Omas Ratschläge zu beherzigen.

Anschließend griff Hannah nach ihrem Glas. Auch wenn es nur Mineralwasser enthielt, hielt sie es ihrer Oma entgegen: „Prost Omilein!“

„Mit Gänsewein? Das können wir doch besser, oder?“

Schon verschwand sie im Haus und kam bald darauf mit zwei Sektgläsern, in denen köstlicher Schaumwein perlte, zurück auf die Terrasse. Über ihrem Arm lag eine kuschelige Wolldecke, die sie Hannah überreichte.

 „Ich kenne doch meinen kleinen Frostköttel“, meinte sie dabei liebevoll, „und bevor du anfängst zu zittern und den guten Sekt verschüttest, dachte ich mir, versorge ich dich mit einer wärmenden Decke. - Und um nochmal auf die Werbung zu sprechen zu kommen: ‚Omas wissen halt, was ihre Enkeltöchter wünschen.“

„Genau!“, erwiderte Hannah, „und Enkeltöchter wissen, was sie an ihren Omas haben.“

In dem Moment schaute Opa aus der Terrassentür und fragte erstaunt: „Ihr trinkt Sekt?“

„Nicht immer, aber immer öfter!“, antwortete Hannah ihm daraufhin und Oma fügte an: „Weil der so herrlich hat geprickelt in meinem Bauchnabel.“

Anschließend mussten beide laut lachen. Über ihre Sprüche und über Opas dummes Gesicht.

© Martina Pfannenschmidt, 2021


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Donnerstag, 15. Juli 2021

Als Aussichtsturm geboren

 Reizwörter: Lulatsch, Aussichtsturm, aufwachen, gefährlich, zornig

Bitte schaut, welche Geschichte Regina mit diesen Reizwörtern geschrieben hat. - Lore setzt diesmal leider aus. 

(Foto: privat)

„Mama, warum bin ich so ein langer Lulatsch?“

„Wie bitte? Wie kommst du denn nur darauf?“

„Ich habe gehört, dass sich die Springmäuse über mich unterhalten haben und eine hat gesagt, ich sei riesig. Ein richtiger Lulatsch.“ Naima machte eine kleine Pause. „Dabei weiß ich nicht einmal, was ein Lulatsch überhaupt ist.“

Mandola, die Giraffenmutter, musste sich das Lachen verkneifen.

„Weißt du, meine Große, ich denke, dass die Mäuse vielleicht sogar neidisch auf dich sind. Vielleicht wären sie ja auch gerne so groß wie du. Mach dir also bitte keine weiteren Gedanken darüber.“

Naima druckste herum: „Und dann haben sie noch gesagt, dass ich gar keinen Vater hätte und dass meine Beine so dünn seien wie Stricknadeln. Stimmt das Mama?“

„Natürlich hast auch du einen Papa“, empörte sich Mandola über die frechen Mäuse, „er lebt nur nicht immer bei uns. So ist das in einer Giraffenherde. Da leben nur die Frauen mit ihren Kindern zusammen. Aber es wird nicht mehr lange dauern, dann wird er uns wieder einmal besuchen kommen. Und schau, unsere Beine sind zwar dünn und lang und wirken vielleicht zerbrechlich. Aber das sind sie nicht. Sie sind genau richtig, so wie sie sind.“

Nach einer Weile fragte das Giraffenmädchen vorsichtig: „Sag, Mama, findest du nicht auch, dass unser Hals ziemlich lang geraten ist?“

„Durchaus. Aber schau. Auf der ganzen Welt gibt es kein weiteres Tier mit diesem Merkmal. Und auch unsere Zeichnung ist etwas ganz Besonderes. Das sind doch wirklich alles Dinge, auf die wir stolz sein können, nicht wahr. Und sieh nur“, Mandola zupfte ein paar Blätter von einem hohen Baum, „wer kann schon so hoch ragen, wie wir.“

„Niemand“, freute sich Naima und wurde sich darüber bewusst, dass es großartig war, als ‚Aussichtsturm‘ auf die Welt gekommen zu sein.

Während die beiden gemächlich mit ihrer Herde weiterzogen, heulte in der Ferne ein Jeep auf. Dieses Geräusch war Naima unbekannt und so wurde sie etwas unruhig.

„Das Heulen eines Motors zeigt uns, dass Menschen in unserer Nähe sind“, erklärte die Giraffenmutter und auch ihr merkte man eine gewisse Unruhe an.

„Menschen?“, fragte das Giraffenmädchen. „Was sind Menschen?“

„Menschen sind die schlimmsten Raubtiere, die es auf dieser Erde gibt.“

„Sind sie noch gefährlicher, als Löwen?“, wollte Naima sogleich wissen.

„Gewiss.“

„Haben sie scharfe Zähne, wie sie, oder besitzen sie giftige Pfeile?“

„Sie haben die schlimmsten Waffen, die du dir nur vorstellen kannst. Manche von ihnen jagen friedliche Tiere wie zum Beispiel Elefanten, nur wegen ihrer Stoßzähne.“

„Das ist schlimm.“

„Ja, das ist es. Weißt du, Naima, den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass sie auch ein Teil der Natur sind. Ebenso wie wir Tiere und die Pflanzen. Und so töten sie nicht nur unsere Art, sie zerstören die Welt auf der wir alle leben mit vielerlei Dingen und … - Mandola legte eine kleine Pause ein - … sie töten sich sogar gegenseitig.“

Naima war fassungslos und zornig. Hoffentlich würde sie nie in ihrem Leben einem Menschen begegnen.

„Wo leben die Menschen?“, wollte sie wissen.

„Sie leben überall auf diesem Planeten und die Spur der Verwüstung, die sie hinterlassen, ist groß.“

„Kann man denn gar nichts dagegen tun?“

„Weißt du, Naima, der Mensch ist das einzige Lebewesen auf dieser Welt mit einem freien Willen. Er kann selbst entscheiden, ob er etwas verändern möchte oder nicht.“

„Aber warum verändert er dann nichts? Weiß er gar nicht, wie abscheulich das ist, was er tut?“

„Einige scheinen es tatsächlich nicht zu wissen. Aber es gibt inzwischen viele Menschen, denen klar ist, dass sich etwas verändern muss. Und so hoffe ich, dass es immer mehr werden, die aufwachen, aufstehen und alles zum Guten wenden.“

„Das hoffe ich auch, Mama.“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021

 

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