Es war im vergangenen Herbst, als man Lumi, eine kleine Tulpenzwiebel, zusammen mit Hunderten ihrer Artgenossen in die tiefe, feuchte Erde gesetzt hatte.
Für sie alle war es wie ein Abschied in eine Welt
der Dunkelheit, doch nach einer Weile wurde sie zu einer guten Vertrauten. Die
Zwiebeln fühlten sich sicher in dieser dunklen Welt, die sie wie eine
schützende Hülle umgab.
Und so vergingen Tage und Wochen, in denen die
Zeit zäh floss und in der die Zwiebeln reglos im gefrorenen Erdreich ihr Dasein
fristeten.
Doch eines Tages, als der Frost sich langsam aus
dem Boden zurückzog, vernahm man ein leises Raunen im Erdreich, das sich wie
ein zartes Beben anfühlte.
Als das geschah, flüsterte eine von ihnen: „Ich
denke, nun ist es Zeit. In meinem Inneren spüre ich ein leises Ziehen. Ich
glaube, die Wärme ruft uns nach oben.“
Von da an hörte Lumi von überall her ein leises
Knacken, als all ihre Nachbarn ihre schützenden braunen Hüllen durchbrachen.
Für sie alle war dieser Moment wie ein hoffnungsvolles Aufbrechen, nur für Lumi
nicht. Für sie fühlte es sich an, wie ein Sterben. Deshalb klammerte sie sich fest
an ihren Kern.
„Ich will nicht!“, zitterte sie innerlich. „Wenn
ich wachse, höre ich auf, die zu sein, die ich bin. Das muss doch mein Ende
sein. Das muss doch der Tod sein.“
Ihre Nachbarn jedoch schoben sich weiter durch
das Erdreich. Sie spürten, wie das Adrenalin durch ihre frischen grünen Triebe
schoss. Ja, es war anstrengend, aber auch aufregend, dem inneren Drang
nachzugeben und eine unendliche Kraft zu entwickeln, bis sie das gefunden
hatten, von dem sie bisher nur gehört hatten: das Licht.
Und dann war es so weit. Sie hatten es geschafft!
Eine unbändige Freude breitete sich in ihnen aus, als sie die helle Welt
betraten.
Sogleich dachten sie an Lumi, die noch immer in
der Erde verharrte. Sie riefen ihr von oben zu, auch wenn sie es nur gedämpft
hören konnte: „Komm schon, es ist so weit – auch für dich! Du ahnst nicht, wie
groß die Welt ist und wie hell das Licht. Hab keine Angst vor der Verwandlung.“
Eine andere Zwiebel, die nicht ganz so geduldig mit
Lumi war, meinte: „Lasst sie einfach. Wenn sie die Sonne nicht sehen will,
können wir sie nicht zwingen. Manche wollen eben ewig im Dunklen bleiben.“
„Genau“, meinte eine weitere, „wer nicht will, der hat schon und außerdem: wer
nicht aufbricht, wird verfaulen. Selbst schuld.“
All diese Worte trafen Lumi bis ins Mark. Sie
fühlte sich einsam, missverstanden und starr vor Entsetzen. Sie wollte doch nur
leben – und für sie bedeutete Leben nun mal, so zu bleiben, wie sie war. Aber
verfaulen wollte sie auch nicht.
Und so kam der nächste Morgen. Ein sanfter Regen
hatte die Erde aufgeweicht, als Lumi in ihrem Inneren einen unbändigen Druck
verspürte. Sie spürte, dass sie keine andere Wahl mehr hatte. Sie wurde nicht
gefragt, ob sie wachsen wollte, sie spürte: sie musste es tun. In dem Moment,
als sie ihren Widerstand aufgab und sich ihrem Schicksal ergab, geschah ein Wunder.
Sie fühlte eine unendliche Weite in sich; dann schob sie sich Zentimeter um
Zentimeter durch das Erdreich, bis ihre Spitze plötzlich auf keinen Widerstand
mehr stieß.
Sie durchbrach die Erdkruste.
Ein gleißender Schauer aus goldenem Licht ergoss
sich über sie. Zum ersten Mal spürte Lumi die Sonne und sie erkannte, dass
es gar kein Sterben war, was sie erlebt hatte. Es war das Erwachen in einer anderen
Dimension, die sie sich in der Enge der Zwiebelhaut niemals hätte vorstellen
können. Sie entfaltete sorgsam ihre Blätter und ließ sich von der Frühlingsluft
liebkosen. Sie sah das Blau des Himmels, vernahm das Flattern der
Schmetterlinge um sich herum und genoss das unendliche Meer aus den
unterschiedlichsten Farben all ihrer Gefährten.
Sie war nicht gestorben. Sie war nur zu etwas
anderem geworden. Alles, was sie in der Dunkelheit der Erde für ihr ‚Ich‘
gehalten hatte, war nur so etwas wie ein Samenkorn für diese Pracht gewesen.
Was denkst DU? Ergeht es uns Menschen nicht
ebenso, wie Lumi, der ängstlichen Blumenzwiebel? Wir klammern uns oft an das
Bekannte, auch an unseren Körper und unsere vertraute Welt. Wir haben – wie sie
- Angst vor dem ‚Aufbrechen‘, vor dem Neuen, dem Unbekannten und ganz besonders
vor dem Tod.
Doch wer weiß, vielleicht ist das, was wir den
Tod nennen, nur der Moment unseres Durchbruchs. Vielleicht ist diese
Geschichte wie ein Spiegel für uns - und unser Erdenleben gleicht der Zeit in
der Zwiebel. Vielleicht ist das Erdenleben eine Art der Vorbereitung - in der
Dunkelheit -, bevor das eigentliche Leben im Licht beginnt.
Und wenn der Tag kommt, an dem wir ‚aufbrechen‘
müssen, ist es kein Ende, sondern der Augenblick, in dem wir zum ersten Mal die
wahre Sonne erblicken und erkennen, dass wir für etwas viel Größeres geschaffen
wurden.
Vielleicht wachsen wir ja auch, wie Lumi, in eine
andere Dimension hinein, wo die Sonne noch heller scheint und die Blumen noch
bunter blühen.
© Martina Pfannenschmidt, 2026
Liebe Lore, diese Geschichte möchte ich dir
widmen, denn heute – am Tag der Poesie – wird deine Urne beigesetzt. Viele
Jahre haben wir zusammen mit Regina unsere Reizwortgeschichten geschrieben
(Lores Märchenzauber und Reginas Geschichten). Das hat uns miteinander
verbunden und das sind die Spuren, die wir hier auf der Erde hinterlassen.
Unser gemeinsamer Glaube war und ist es, dass der Tod nicht das Ende, sondern
der Anfang von etwas ist. Und deshalb glaube ich ganz fest daran, dass du jetzt
im Licht weiterlebst – genau wie Lumi, die kleine Tulpe in meiner Geschichte!
Im Herzen verbunden! – Martina