Mittwoch, 15. Dezember 2021

Keiner kann aus seiner Haut

Reizwörter: Angeber, Buch, radieren, wundern, braun

Bitte lest auch bei Lore und Regina


Nachdem Lisa den letzten Löffel Kaffeepulver in den Filter der Kaffeemaschine gefüllt hatte, klingelte es an der Wohnungstür.

„Nanu“, sagte sie mit einem Blick auf die Küchenuhr, „wer mag das sein zu dieser Uhrzeit?“

Eduard, ihr Mann, schaute kurz von dem Buch auf, in dem er las, und antwortete brummig: „Mach halt auf, dann weißt du’s.“

„Alter Knurrhahn!“, sagte Lisa in seine Richtung, meinte das aber gar nicht so böse, wie es vielleicht klang. Sie kannte ihren Mann ja lange genug und wusste nur zu gut, dass hinter dieser manchmal knurrigen Fassade ein lieber Karl steckte. Nur zeigen konnte er das halt nicht so gut.

„Hi, Oma, kann ich reinkommen?“, fragte Manuel, ihr Enkel, der mit einer gefütterten Winterjacke und einem dicken braunen Schal, den er sich wie eine Python um den Hals geschlungen hatte, vor der Tür stand.

„Na klar, meine Junge, komm rein!“, erwiderte Oma und öffnete die Tür weit, damit er eintreten konnte.

„Wie kommt es“, fragte Opa, während er sein Buch zur Seite legte, „dass du uns mit deinem Besuch beehrst?“

Manuel warf Jacke und Schal achtlos auf einen Stuhl, setzte sich auf einen anderen und maulte: „Mama wollte mich eigentlich mit in die Stadt schleifen, aber ich hab keinen Bock.“

„Dann schon lieber bei den Großeltern abhängen, was?!“, amüsierte sich Opa.

„Ich koch uns gerade einen Kaffee, soll ich dir eine heiße Schokolade machen?“, erkundigte sich Oma.

Manuel zögerte kurz. Eigentlich war er ja zu alt für einen Kakao, aber es sah ja keiner und lecker war er allemal, weshalb Manuel kurz nickte.

Oma schmunzelte, weil sie die Gedanken ihres Enkels erahnen konnte.

„Und, alles klar bei dir?“, wollte sie wissen.

Manuel nickte abermals.

So schnell gab Oma aber nicht auf: „Was macht die Schule, gab es vielleicht eine Arbeit zurück?“

„Ja, Mathe!“

Lisa kannte ihren einsilbigen Enkel und hakte nach: „Verrätst du uns auch deine Note?“

Plötzlich blitzte so etwas wie Wut in seinen Augen auf: „Voll unfair von der alten Meise. Ein Punkt mehr und ich hätte eine eins geschrieben. Nur weil ich aus Versehen einen Rechenweg ausradiert habe, hat sie mir einen Punkt abgezogen. Aber Patrick, dieser blöde Angeber, der hat natürlich eine eins bekommen.“

Oma und Opa wechselten einen Blick, bevor Opa fragte: „Welche alte Meise?“

„Na die Meise, meine Mathelehrerin!“

Jetzt war ihm alles klar.

„Aber ne zwei ist doch wirklich eine gute Note“, meinte Oma versöhnlich.

„Ne eins wäre aber besser!“

Ja, was sollte sie daraufhin antworten. Dieser Logik war einfach nichts entgegenzusetzen. Es war wohl besser, das Gesprächsthema zu wechseln und ihn nicht noch zu reizen, indem sie darauf hinwies, dass der Fehler nicht bei der Lehrerin, sondern bei ihm selber lag.

„Möchtest du meine Kekse probieren, die ich heute morgen gebacken habe?“, fragte sie einlenkend.

Jetzt leuchteten Manuels Augen und Oma freute sich, dass in diesem Moment der kleine Junge aufblitzte, den sie am liebsten immer noch auf den Schoß nehmen und knuddeln würde.

Lisa stellte die Kekse, den Kaffee und den Kakao auf den Tisch und zündete eine Kerze an. Doch gerade, als es so richtig gemütlich werden wollte, erkundigte sich Manuel, ob er mit seinem Kakao und den Keksen ins Wohnzimmer gehen und etwas im Fernsehen schauen dürfte.

Lisa nickte und verbarg ihre winzige Enttäuschung. Sie hätte halt gerne ein bisschen mehr von ihrem Enkel und seinen Sorgen, aber auch von seinen Freuden, erfahren. Aber so war es auch okay!

Eduard sah seiner Frau ihre Enttäuschung an der Nasenspitze an: „Du hast es schon nicht leicht mit deinen Männern, aber irgendwie stimmt wohl das bekannte Sprichwort, dass wir alle nicht aus unserer Haut können.“

Anstatt dem zuzustimmen, äußerte Lisa Bedenken.

„Weißt du“, begann sie, „es ist ganz schön einfach, zu sagen: Ich bin halt so, wie ich bin, oder - wie du sagst - man kann halt nicht aus seiner Haut. Manchmal schieben wir es auch auf die Gene. Ist halt vererbt. Aber ist es wirklich so einfach?“

„Wie meinst du das?“

„Ich meine, dass all diese Aussagen einerseits zwar logisch und nachvollziehbar klingen, aber dass es andererseits natürlich so ist, dass man sich gar nicht darum bemühen muss, etwas zu ändern, weil man halt nichts dagegen unternehmen kann, nicht wahr?“

Eduard schaute in seine Kaffeetasse und Lisa huschte ein Lächeln über das Gesicht. Ertappt, könnte man sagen!

„Wenn man mal darüber nachdenkt“, sprach sie weiter, „könnte man zu der Erkenntnis kommen, dass dies alles nur Ausreden sind, die die Menschen vielleicht sogar an ihrer Weiterentwicklung hindern.“

Nach einer Pause fuhr sie fort: „Ich denke, dass wir unseren Eigenarten nicht ausgeliefert sind. Klar haben wir durch unsere Kindheit und Erziehung und vielleicht auch über unsere Gene etwas von unseren Eltern mitbekommen oder übernommen, aber ….“

„… sag ich doch“, unterbrach Eduard sie trotzig, „man kann nicht aus seiner Haut.“

Lisa wurde ein bisschen sauer, als sie weiter sprach, „… aber ist das nicht eine perfekte Ausrede? Wenn ‚man’ es nicht ändern kann, steht es ja fest, dass es niemand kann. Was für ein Glück! Die perfekte Ausrede ist gefunden und ‚man’ muss sich gar nicht erst um eine Veränderung oder Verbesserung bemühen. Aber dann muss ‚man’ sich auch nicht wundern, dass ‚man’ zeitlebens in einer Art ‚Opferrolle’ verharrt.“

Wieder schwieg Lisa eine Weile, um ihrem Mann Gelegenheit zu geben, über das Gesagte nachzudenken. Erst dann sprach sie weiter.

„Weißt du, womit die erste Veränderung beginnen würde?“

Eduard sah sie fragend an.

„Damit, dass man das Wort ‚man’ durch das Wort ‚ICH’ ersetzt. Und ICH kann sehr wohl an mir arbeiten und dadurch Veränderungen herbeiführen.“

„Ach weißt du, Lisa“, meinte Eduard daraufhin etwas bedröppelt, „ich glaube, bei mir ist in dieser Hinsicht der Zug abgefahren. Ich bin zu alt, um mich und meine Eigenheiten noch zu ändern und du kommst doch auch so wie ich bin ganz wunderbar mit mir aus!“

„Ach, mein alter Brummelbär, bei dir scheint wirklich Hopfen und Malz verloren!“, lachte Lisa und rutschte etwas dichter an ihren Mann heran, um ihm einen Kuss zu geben.

In dem Moment erschien ihr Enkel im Türrahmen und konnte es nicht fassen. Oma küsste Opa! Wie peinlich war das denn?!

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021

 

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Dienstag, 30. November 2021

Zuhause

Reizwörter: Hut, Schachtel, magisch, ehrfürchtig, knarzen

Bitte lest auch bei Lore und Regina!


Schwerfällig nahm Emma jede einzelne Stufe der schmalen Stiege, die hinauf auf den Dachboden führte. Dorthin wollte sie.

Als sie die letzte Stufe erreicht hatte, blieb sie stehen und holte tief Luft. Das Atmen fiel ihr in letzter Zeit zunehmend schwerer. Dennoch war es ihr größter Wunsch, noch einmal zum Dachboden hinauf zu gehen.

Vorsichtig, ja fast schon ehrfürchtig, öffnete sie die alte Holztür. Das Gefühl, das Emma dabei überkam, konnte sie weder beschreiben, noch konnte sie es sich erklären. Es war irgendwie seltsam, ja fast schon befremdlich.

‚Eigentlich dürfte ich gar nicht hier sein’, dachte sie. Ihre Tochter Karin hatte es ihr strengstens untersagt, weil sie die Treppe als zu gefährlich ansah. Dennoch hatte sich Emma darüber hinweg gesetzt. Sie wollte – sie musste – noch einmal hierher. Was sie antrieb? Sie wusste es selbst nicht so genau.

Emma betätigte den schwarzen Drehschalter und eine an einem Dachbalken befestigte Lampe beleuchtete den Raum mit fahlem Licht.

Auf einem ausrangierten Kleiderständer hing eine abgewetzte braune Lederjacke. Sie hatte einmal ihrem Mann gehört. Emma konnte und wollte sich nicht von ihr trennen, war es doch das liebste Kleidungsstück, das ihr Mann jemals besessen hatte.

Oben auf einem alten Schrank lag noch immer der dazu passende Hut. Prompt sah sie vor ihrem inneren Auge ihren Mann, der diese Sachen trug. „Ach Friedrich“, seufzte sie, während sie mit einer Hand über einen Ärmel der Jacke strich.

Als sie behutsam die Tür des alten Schrankes öffnete, gab diese ein knarzendes Geräusch von sich. Im Schrank selbst befand sich noch altes Leinen, das sie von ihrer Mutter geschenkt bekommen hatte und das inzwischen schon vergilbt war.

Im linken Teil des Schrankes standen Kartons, in denen Emma ihre Weihnachtsdekoration aufbewahrte. Karin hatte Emmas Haus in der letzten Woche adventlich geschmückt, weshalb einige Kartons leer waren. Doch ein Karton war noch voll mit roten und silbernen Kugeln und mit Lametta.

Sie nahm es an sich und roch daran, so als könne sie über den Geruch vergangene Zeiten wahrnehmen. Als sie die kleine Schachtel mit den roten Kugeln öffnete, war ihr, als begännen die Kugeln zu flüstern: „Weißt du noch, Emma, wie es war, früher, als die Kinder noch klein waren und du mit so viel Liebe den Weihnachtsbaum geschmückt hast?“

Natürlich konnte sie sich erinnern. Wie könnte sie jemals diese Tage vergessen; trug sie doch all die heimeligen Stunden tief in ihrem Herzen. Für immer hatte sie sie dort verwahrt.

In der Ecke, dort wo der alte Schaukelstuhl stand, tanzte der Staub im Schein des Lichtes der antiquarischen Lampe. Emma holte ein Taschentuch aus ihrer Jackentasche und strich damit über den Sitz des Schaukelstuhles, bevor sie sich darauf setzte.

Ausgiebig sah sie sich um. Noch immer wusste sie nicht, was es war, dass sie wie magisch hierher gezogen hatte.

Emma atmete tief durch. Sie wusste, sie hatte eine Entscheidung zu treffen. Vielleicht war das ja auch der Grund, weshalb sie noch einmal hierher wollte: um Abschied zu nehmen.

Wenn sie ehrlich war, wusste sie, dass ihre Tochter recht hatte, wenn sie sagte, dass es nicht gut wäre, wenn Emma noch länger alleine im Haus bliebe. Es stimmte insofern, als es ihr immer schwerer fiel, ihren Alltag alleine zu meistern. Bald wäre sie nicht mehr in der Lage, sich etwas zum Essen zu kochen. Das spürte sie. Ihre Kräfte ließen mehr und mehr nach. Und dann war da ja auch noch das Alleinsein, das oftmals schwer erträglich war.

„Was meinst du, Friedrich“, sprach sie laut in den Raum hinein, „ob ich in ein Altenheim umziehen soll?“

Allein bei der Frage zog sich ihr Magen schon zusammen. Ja, sie wäre dort wieder unter Menschen und mit ganz viel Glück fände sie vielleicht nette Gesprächspartner. Aber was, wenn nicht? Was, wenn sie alleine im Zimmer hocken würde - in einem fremden Zimmer unter fremden Menschen? Dieser Gedanke war schier unerträglich für sie. Aber welche Alternative gab es für sie?

Emma schloss ihre Augen und träumte sich in vergangene Zeiten zurück.

Jetzt, in der Adventszeit, erinnerte sie sich an die roten Wangen ihrer Kinder, wenn sie in der Küche halfen und gemeinsam Spritzgebäck machten. Das war das liebste Gebäck von ihnen allen und Emma musste immer eine große Dose davon verstecken, damit zum Weihnachtsfest überhaupt noch welche übrig blieben.

Es war ihr in dem Augenblick, als läge ihr der Duft von Bratäpfeln, der das ganze Haus erfüllte, in der Nase.

Ja, sie waren wirklich eine glückliche Familie. Nicht reich, aber glücklich.

Nachdem ihre Kinder das Haus verlassen hatten, war es stiller geworden. Doch damals hatte es ja immer noch Friedrich, ihren Mann, gegeben. Aber jetzt war er nicht mehr da und sie wünschte sich tief in ihrem Herzen, bald wieder bei ihm zu sein.

Ohne es zu bemerken, schlief Emma ein.

Einige Zeit später betrat ihre Tochter das Haus. Sie rief nach ihrer Mutter und machte sich große Sorgen, als sie sie nirgendwo entdecken konnte. Irgendwann betrat auch sie die Stiege und ging mit klopfendem Herzen hinauf zum Dachboden. Ihre Mutter, sie würde doch nicht alleine dort hinauf gestiegen sein?

Als sie die Tür öffnete, bemerkte Karin sofort das Licht im Raum und danach sah sie ihre Mutter. Schlafend saß sie in dem alten Schaukelstuhl. Von diesem Bild ging ein so großer Frieden aus, dass Karin lächeln musste und jegliche Sorge und auch jeglicher Unmut gegen ihre Mutter verflogen waren.

Auf Zehenspitzen ging sie zu dem Schaukelstuhl und berührte achtsam den Arm ihrer Mutter.

„Mama“, flüsterte sie, „wach auf, du bist eingeschlafen.“

Erst als sie keine Antwort bekam, bemerkte sie das fahle Gesicht ihrer Mutter, auf dem ein ganz besonderes Lächeln lag. Als ihr bewusst wurde, was geschehen war, liefen Tränen über Karins Wangen. – Ihre Mutter. Sie war in aller Stille nach Hause gegangen.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021


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Montag, 15. November 2021

Leben wir, um zu sterben?

 Reizwörter: Nebel, Gestalt, grau, gruselig, kichern

Regina setzt dieses Mal leider aus. Aber Lore hat auch eine Geschichte mit diesen Reizwörtern geschrieben!


Eingerollt wie ein Rollmops liege ich in meinem Bett. Da meine beiden Männer sich am Abend zuvor auf den Weg zu einem Vater-Sohn-Wochenende gemacht haben - und sie mir eigentlich jetzt schon fehlen -, möchte ich dennoch diese für mich ungewohnte Situation und auch die Stille im Haus zur eigenen Reflektion nutzen.

Ich drehe mich auf den Rücken, recke und strecke mich und nehme die wenigen hellen Strahlen wahr, die verhalten ins Zimmer fallen.

Langsam setze ich meine Füße auf den Boden, begebe mich zum Fenster und ziehe die Jalousie auf.

Draußen herrscht dichter, undurchdringlicher Nebel. Typisches Novemberwetter! Nicht einmal das Nachbarhaus kann ich erkennen. Unerwartet nehme ich inmitten dieser grauen Nebelsuppe eine dunkel gekleidete Gestalt wahr.

Wie gut, dass ich das Haus jetzt nicht verlassen muss, denke ich und gehe zufrieden mit mir und der Welt ins Bad, um meine Zähne zu putzen. Dabei fällt mein Blick auf unsere Badewanne, die sich hinter mir befindet und die sich vor mir im Spiegel zeigt.

Wie lange schon habe ich kein Wannenbad mehr genommen. Meistens reicht meine Zeit dafür nicht und ich springe schnell unter die Dusche. Aber jetzt, jetzt könnte ich mir die Zeit nehmen und das tue ich auch.

Spontan lasse ich mir ein Bad ein, stelle ein paar Kerzen auf und liege bald darauf im wohlig warmen Wasser.  

Als ich meine Augen schließe, überkommt mich das Gefühl eines Babys im Mutterleib. So muss es sich anfühlen: warm, geborgen, sicher, schwerelos.

Ob es wirklich stimmt, dass wir Menschen vom Affen abstammen, kommt mir in den Sinn. Nee, irgendwie kann ich das nicht glauben … obwohl … wenn ich da so an meinen Mann denke, könnte das durchaus sein. Aber dann könnten wir auch ebenso gut vom Bären abstammen, denke ich und muss ein bisschen kichern.

Doch dann nehmen meine Gedanken unerwartet ganz andere, ernstere Wege und mir kommen Fragen in den Sinn, die mich schon lange begleiten.

Ich denke daran, wie es ist, wenn wir auf diese Welt kommen. Wir können nicht verhindern, dass das Leben seinen Lauf nimmt. Wir müssen oder dürfen ganz viel lernen, schon bevor wir überhaupt eine Schule besuchen. Irgendwann sind wir Teenager, achten auf unser Aussehen, beginnen zu flirten, versuchen unseren Platz in der Gesellschaft zu finden, streben nach Wohlstand und Besitz. Vielleicht bekommen wir eigene Kinder, werden ganz nebenbei alt, bekommen graue Haare, tragen Brille und falsche Zähne und gehen vielleicht irgendwann am Rollator, bevor wir unseren letzten Atemzug tun.

Und das soll alles gewesen sein? Was ist der Sinn dahinter? Und sind wir nun eigentlich nur Körper, der einen Geist besitzt oder sind wir geistige Wesen mit einem Körper? Und was ist eigentlich mit unserer Seele? Bewohnt unsere Seele unseren Körper oder wo befindet sie sich? Also, was sind wir Menschen nun? Vielleicht sind wir ja geistige oder gar göttliche Wesen.

Puh, bei all den Fragen schwirrt mir direkt der Kopf.

Eines steht für mich jedoch fest: von unserer Essenz her sind wir Menschen alle gleich. Und doch unterscheiden wir uns: durch unsere Hautfarbe, unsere Herkunft, unser Gemüt, unser Temperament, unser Bewusstsein.

Und noch etwas steht fest: unser Körper untersteht Veränderungen und eines Tages werden wir ihn ablegen. Da führt kein Weg drum herum und ich finde, dass es gerade der November ist, der uns in jedem Jahr erneut daran erinnert.

Doch was ist der Tod? Beendet er wirklich alles? Gibt es da nichts von mir, das übrig bleibt? Den Gedanken finde ich geradezu gruselig.

Doch wenn es (m)eine Seele wirklich gibt, wird sie doch überleben, oder nicht? Sie ist doch unsterblich, auch – oder gerade - weil sie für unsere Augen unsichtbar ist. Aber wie leben wir ohne Körper weiter? Als rein geistige Wesen? Und was ist überhaupt mit Gott? Gibt es ihn nun oder nicht?

Von meinem Gefühl her muss es da etwas geben. Etwas, was dieses ganze Universum lenkt. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Doch welche Rolle spielt das Göttliche noch im Leben von uns Menschen? Wer verlässt sich noch darauf, dass Gott alles ‚in seinen Händen hält’? Wir Menschen sind doch intelligente Wesen, die keinen Gott (mehr) brauchen. Das war - wenn überhaupt - nur etwas für die Generationen vor uns. Oder nicht? Wir zivilisierten Menschen von heute brauchen doch keinen Gott mehr. Wir sind doch ‚Macher’. Was zu tun ist, machen wir selbst mit all unseren großartigen Errungenschaften.

Ja gut, wenn wir ehrlich sind, müssen wir erkennen, dass wir uns und das Schiff, das sich Erde nennt, in eine Sackgasse manövriert haben. Aber wir schaffen das! Ganz sicher! Wir brauchen keine Hilfe. Schon gar nicht von einem Gott, den es vielleicht gibt – vielleicht aber auch nicht.

Aber wenn es nun doch einen Gott gibt – einen Schöpfer, der das ganze Universum erschaffen hat, würde er zusehen, wie die Menschen – seine Kinder – seine Schöpfung - sein Werk – alles vernichten? Würde er zusehen, wie sich die Menschen mitsamt seiner Schöpfung zugrunde richten?

Was tun liebende Eltern, denke ich? Lassen sie ihre Kinder im Stich, wenn sie dringend benötigt werden? Das glaube ich nicht. Sie würden nicht tatenlos zusehen, wenn sich ihre Nachkommen um die Lebensgrundlage bringen. Sie würden – zunächst liebevoll, später vielleicht nachdrücklicher – eingreifen und ihre Abkömmlinge wieder auf den rechten Weg bringen. Oder ist das jetzt viel zu menschlich gedacht?

Ich glaube, dass ein göttlicher Plan hinter all dem, was ist, steht. Und dieser Plan wird umgesetzt werden, ob uns das nun gefällt oder nicht und wir dürfen und müssen uns entscheiden – heute und jetzt -, ob wir gegen oder mit dem göttlichen Plan gehen und leben wollen.

Unser Leben – es steht niemals still. Und ich frage mich: Leben wir nur, um irgendwann wieder zu sterben, oder leben wir, um zu lieben, zu lernen, unser ganzes Potential auszuleben und diese Schöpfung zu bewahren? Leben wir, um die Liebe Gottes hierher auf die Erde zu bringen oder dafür, dass die Dunkelheit die Oberhand gewinnt?

Vielleicht ist der Sinn unseres Lebens, zu erkennen, was gut ist und was böse, was Licht ist und was Schatten, um letztendlich auch erfassen zu können, wer WIR eigentlich sind. Sind wir nur Körper? Dann würden wir uns kaum von den Tieren unterscheiden. Auch sie haben einen Körper, auch sie bilden Gemeinschaften, erziehen ihre Kinder, können sich untereinander verständigen. Was unterscheidet uns also?

Das wir von Gott einen freien Willen geschenkt bekommen haben und uns entscheiden dürfen, das unterscheidet uns, und das wir Fragen stellen können; Fragen wie diese, die ich mir heute stelle.

© Martina Pfannenschmidt, 2021


In eigener Sache: Diese Zeit ist für uns alle sehr herausfordernd und nach meinem Empfinden sind wir alle aufgefordert hinzuschauen, wohin wir Menschen das 'Schiff das sich Erde nennt' und uns selbst manövriert haben. 

Aus diesem Grund habe ich ein neues Blog ins Leben gerufen, in dem ich die Frage stelle: "Und das soll alles so bleiben?". 

Ich möchte gerne schauen, wo etwas 'schief läuft' und diese Dinge beim Namen nennen und in dem Blog veröffentlichen.

Nach meinem Empfinden ist es überdeutlich, dass es ein 'weiter so' nicht geben kann.

Der Beitrag, den ich dazu leisten kann, ist winzig und höchstens ein Tropfen auf den heißen Stein. Das ist mir durchaus bewusst. Aber die Vergangenheit zeigt, dass durch viele kleine Tropfen große Veränderungen möglich sind. 

Ich würde mich freuen, wenn ihr meinem neuen Bloghaus einen Besuch abstattet. Noch gibt es nur drei kleine Posts. Aber das soll sich natürlich nach und nach ändern und mehr werden:

https://unddassollallessobleiben.blogspot.com/

Danke fürs 'Zuhören' und auch für deinen Besuch! - Und wenn es da etwas gibt, von dem du sagst: "Schau doch da mal hin!" - dann lass es mich bitte wissen.

 


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Samstag, 30. Oktober 2021

Hühnersuppe

Reizwörter: Anzug, Schaf, zittern, schnäuzen, blind

Schaut doch bitte auch bei Lore und Regina herein, welche Geschichten ihnen eingefallen sind.


Jana öffnete die Augen und hangelte mit einer Hand nach ihrer Brille, die direkt neben ihr auf dem Nachttisch lag. Ohne diese war sie blind wie ein Maulwurf und konnte nicht einmal die Uhrzeit auf ihrem Wecker erkennen. 5.31 Uhr. Viel zu früh, um aufzustehen. Zumindest an einem Samstag.

Dennoch schälte sie sich aus dem Bett. Sie brauchte dringend eine Kopfschmerztablette und Nasenspray für ihre verstopfte Nase.

Bevor sie dies nutzte, schnäuzte sie ausgiebig und legte anschließend ihren schmerzenden Kopf wieder zurück auf das weiche Kissen. So ein Mist. Sie hatte sich eine fette Erkältung eingefangen.

Als die Turmuhr 10 schlug, wurde Jana erneut wach. Auch wenn die Kopfschmerzen erträglicher waren, fühlte sie sich dennoch etwas zerschlagen.

Früher, als sie noch klein gewesen war, hatte sich ihre Mama in einer solchen Situation an ihr Bett gesetzt und sich um sie gekümmert. Doch erstens war sie inzwischen erwachsen, wohnte zweitens seit ein paar Monaten in ihrer ersten eigenen Wohnung und wusste drittens, dass ihre Eltern über dieses Wochenende verreist waren. Manno! Da brauchte man seine Eltern ein einziges Mal und sie waren nicht da.

Es half nichts. Sie musste alleine klar kommen. Obwohl … Gedankenblitz: Oma! Die würde sie anrufen. Oma käme bestimmt und würde ihr eine Hühnersuppe kochen. Jana liebte Hühnersuppe und ganz besonders die von ihrer Oma mit Blumenkohl, Buchstabennudeln und Eierstich.

Auch wenn Großeltern manchmal ganz schön anstrengend sein können, weil man ihnen zig Mal zeigen muss, wie man die Fernbedienung für den Fernseher richtig nutzt oder das Handy; das von Oma gekochte Essen ist einfach das Beste auf der ganzen Welt.

Die Aussicht darauf ließ Jana zügig aus dem Bett steigen. Noch bevor sie ins Bad ging, griff sie zum Telefon und rief ihre Oma an. Nach dem Gespräch ging es ihr schon deutlich besser. Die Aussicht auf Fürsorge, Unterhaltung und leckeres Essen hatte eine enorm heilende Wirkung auf sie.

Als Jana im Bad vor dem Spiegel stand, um sich die Zähne zu putzen, dachte sie darüber nach, wie sehr ihre Großeltern sie ihre Liebe spüren ließen. Sie dachte dabei nicht nur daran, dass sie ihr als Kind viel mehr erlaubt hatten, als ihre Eltern, sondern daran, dass sie das Gefühl hatte, dass sie von ihnen wirklich bedingungslos geliebt wurde. Das war eine tolle Empfindung.

Auch wenn ihre Großeltern keine Ahnung von Facebook oder TikTok hatten, so hatte Jana längst erkannt, dass diese allein aufgrund ihres Alters eine große Lebenserfahrung und einen enormen Wissensschatz besaßen.

Nachdem es an ihrer Wohnungstür geklingelt hatte, öffnete Jana voller Vorfreude die Tür. Doch es war gar nicht, wie erwartet, ihre Oma, die vor der Tür stand, sondern ihr bester Freund und Nachbar. Er stand etwas steif aber in einem schnieken dunkelblauen Anzug vor ihr.

„Wow, du hast dich aber in Schale geworfen“, meinte Jana mit krächzender Stimme.

„Du weißt doch, heute Abend …“, stammelte er, drehte sich kurz um seine eigene Achse, damit sein Gegenüber sich ein noch besseres Bild von ihm machen konnte und nahm anschließend Janas warme Worte dankbar entgegen: „Na klar, weiß ich. Dein Date. Siehst gut aus. Kannst dich sehen lassen. Nur …“

„Was?“

„Also die Socken, die ich letztens auf deinem Wäscheständer gesehen habe … du weißt schon … die mit den Schäfchen drauf …, die solltest du heute Abend nicht unbedingt tragen“, äußerte Jana augenzwinkernd.

„Also dafür, dass du erkältet bist, bist du ganz schön frech!“, entgegnete ihr Nachbar daraufhin, „und nein, die werde ich definitiv nicht tragen.“

„Dann sollte einem schönen Abend nichts mehr im Wege stehen“, grinste Jana.

„Und du?“

„Meine Oma kommt gleich und kocht mir eine Hühnersuppe. Danach werde ich fit sein wie ein Turnschuh.“

„Na dann, mach es gut …“, sagte er, hob noch kurz die Hand Richtung Oma, die in diesem Moment schwer beladen die Treppe herauf kam, und verschwand wieder in seiner Wohnung.

„Was schleppst du denn da alles an?“, fragte Jana fassungslos, als sie ihre bepackte Oma sah.

„Lass mich mal vorbei“, meinte diese nur und schob Jana liebevoll beiseite. „Du kannst doch nicht einkaufen in deinem Zustand. Da hab ich das für dich gemacht. Schließlich brauchst du jetzt jede Menge Vitamine. Ja und Hühnersuppe habe ich auch mitgebracht. Ich hatte Gott sei Dank noch welche eingefroren.“

„Ach, Omilein, du bist einfach die Beste!“

„Na, das weiß ich doch“, scherzte sie, „und, wie geht es dir?“

„Schon besser!“, erwiderte Jana.

„Hat dein Nachbar mit dieser Wunderheilung zu tun?“, fragte Oma verschmitzt.

„Nein, Omilein. Und falls du mich wieder einmal verkuppeln möchtest, muss ich dich enttäuschen. Mein Nachbar ist stockschwul und heute Abend hat er ein Date mit seinem neuen Freund.“

Das nahm Oma kommentarlos zur Kenntnis, räumte schnell das Eingekaufte in den Kühlschrank und in die Obstschale und kochte anschließend einen Tee für sich und ihre Enkelin, die sich inzwischen mit einer warmen Decke auf das Sofa verkrochen hatte.

„Früher hast du mir immer eine Geschichte erzählt, wenn ich krank war“, stellte Jana fest.

„Ja, ich erinnere mich genau, aber auch daran, wie es war, als ich dich das allererste Mal sah. Du warst nur ein winzig kleiner schwarzer Punkt auf einem Ultraschallbild, aber du hast dich sofort mitten in mein Herz gebeamt. Als ich dich dann als winziges Menschenbündel das erste Mal auf meinen Armen hielt, war ich schockverliebt. Aber wer kann schon einem so süßen Baby, wie du es warst, widerstehen? Und wie stolz wir waren, Opa und ich, als du zum Schuldkind gereift warst. Und dann, in der Pubertät hast du oft unseren Rat gesucht und du hast in schwierigen Situationen eher auf uns gehört, als auf deine Eltern.“

Jana nickte. Sie wusste, dass es genau so gewesen war.

„Weißt du, Liebes, zuerst sind die Kinder klein und brauchen die Hilfe ihrer Eltern und Großeltern, aber irgendwann kommt es zu einem Rollentausch. Dann sind die Kinder zu verantwortungsvollen erwachsenen Menschen geworden und die Großeltern werden gebrechlicher.  Aber solange wir können, werden wir für dich da sein. – So und bevor ich jetzt wehmütig werde“, sagte Oma mit leicht zittriger Stimme, „gehe ich lieber in die Küche und mache die Hühnersuppe für dich warm.“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021

 


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Freitag, 15. Oktober 2021

Warum ist Oma schrumpelig?

 Reizwörter: Feuerwehrauto, Bier, wachsen, schnappen, schrumpelig

 Meine 'Mitschreiberinnen': Lore und Regina

 

Heute bin ich bei Oma und Opa, weil Mama arbeiten muss und der Kindergarten geschlossen ist.

Ich gehe gerne in den Kindergarten, aber bei Oma und Opa ist es auch klasse. Ich mag die beiden. Besonders meinen Opa. Der kann mir nämlich nichts ausschlagen. Sagt Oma immer. Stimmt auch. Weil ich hab mir nämlich von Opas Dackel Purzel den Blick abgeschaut. Und wenn ich Schokolade möchte, setze ich meinen Purzel-Blick auf und frage Opa. Nicht Oma. Weil die kann auch ‚Nein‘ sagen.

„Hast du dem Jungen schon wieder Schokolade gegeben?“, hallt es durch die Küche.

Das verstehe ich nicht, ich hab doch nix verraten. Woher weiß sie, dass ich Schoki hatte?

„Komm mal her mein Junge. Du hast schon wieder einen Schokoladenbart.“

Ah, daher weht der Wind. Keine Ahnung, woher der immer kommt.

„Opa“, frage ich, „gehst du mit mir auf den Spielplatz?“

„Na klar, mein Junge“, antwortet er, „aber lass mich zuerst die Zeitung zu Ende lesen.“

Das ist auch so ein Ding. Opa und seine Zeitung.

„Na gut“, sage ich und spiele noch ein bisschen mit meinem Feuerwehrauto.

Nach einer Weile steht Opa von seinem Stuhl auf.

„So, mein Junge, jetzt können wir los. Wollen wir Oma auch mitnehmen?“

Bevor ich antworten kann, kommt mir Oma zuvor: „Na klar nehmt ihr mich mit. Ihr zwei macht doch sonst nur Blödsinn, nicht?“

Schade, denke ich, denn auf dem Rückweg vom Spielplatz gibt es bestimmt ein Eis. Wir kommen nämlich genau an einer Eisdiele vorbei. Und mit Opa alleine hätte ich vielleicht zwei Kugeln herausschlagen können. So bekomme ich bestimmt nur eine. Aber immerhin.

Purzel muss eine Weile alleine klar kommen und wir drei gehen Richtung Spielplatz.

Wir sind kaum ein paar Schritte gegangen, da bleiben wir schon wieder stehen. Opa hat nämlich seinen Nachbarn getroffen und die beiden sprechen über Fußball. Ich mag auch Fußball spielen, aber da zu stehen und den beiden zuzuhören ist echt langweilig. Deshalb zupfe ich an Opas Jacke, um ihm zu zeigen, dass ich weitergehen möchte. Doch der bleibt einfach stehen und ignoriert mich. Da muss ich schnellstens Stufe Zwei schalten.

„Du Opa“, quatsche ich einfach dazwischen, „warum hat der Mann so einen dicken Bauch? Ist da ein Baby drin?“

Oma lacht laut auf. Aber eigentlich ist ihr die Sache ganz schön peinlich. Das weiß ich genau. Und ich weiß auch, dass in dem Bauch gar kein Baby ist. Da ist höchstens Bier drin. Das hat mir mein Papa nämlich schon erklärt.

Aber egal, der Mann guckt ziemlich verdutzt. Dann lacht er auch. Und Opa? Ja, der drängt plötzlich zum Weitergehen. Na also. Geht doch!

Oma und Opa setzen sich auf eine Bank und ich gehe schaukeln und rutschen und dann spiele ich im Sand. Mit einem Mädchen. Ich spiele zwar lieber mit Jungs, aber Mädchen sind manchmal auch okay. Dieses hier ist ganz okay.

Die Mama von dem Mädchen sitzt auf der Bank neben Oma und Opa und schaut immerzu auf ihr Handy. Die passt gar kein bisschen auf uns auf. Oma schaut immer, was wir gerade machen. Das find ich gut.

In dem Moment sieht das Mädchen zu meiner Oma und fragt ziemlich laut: „Warum ist deine Oma eigentlich so schrumpelig?“

„Kindermund tut Wahrheit kund!“, lacht Opa, als Oma nach Luft schnappt. Doch dann kommt er zu uns und erklärt dem Mädchen, dass Omas Falten zeigen, dass sie schon viele schöne Dinge in ihrem Leben erlebt hat. „Und wenn sie in den Spiegel schaut“, führt er weiter aus, „kann sie sich immer an diese schönen Momente erinnern.“

Das ist ganz schön nett von meinem Opa, finde ich.

Als er wieder zurück geht zur Bank, weiß er noch nicht, dass das Mädchen auch ihn auf dem Kieker hat. Prompt platzt sie nämlich mit der nächsten Frage heraus: „Warum ist dein Opa so dick?“

Ich will gerade darauf antworten, dass es mit dem Bier zu tun hat, das Opa gerne trinkt, da dreht er sich um und kommt zu uns zurück. Natürlich hat er die Frage gehört und ich glaube, Oma ist auch schon ganz gespannt, was Opa daraufhin sagen wird. Sie sieht nämlich ziemlich amüsiert aus.

Opa antwortet mit einer Gegenfrage: „Warst du schon einmal in einem Wald?“

Das Mädchen nickt und Opa sagt: „Dann hast du bestimmt gesehen, dass es im Wald dicke und dünne Bäume gibt, nicht wahr?“

Wieder nickt das Mädchen.

„Siehst du und so ist das auch mit den Menschen. Es gibt dicke Menschen und dünne Menschen und das ist völlig okay so.“

Ich bin stolz auf meinen Opa. Der hat nämlich auf jede Frage eine Antwort.

Aber dann wird es mir zu langweilig. Außerdem bekomme ich Hunger. Auf die Nudeln, die Oma mir versprochen hat, aber ganz besonders auf das Eis.

In dem Moment ruft Oma auch schon, dass wir gehen müssen.

Als wir an der Eisdiele ankommen, fragt Opa: „Möchtest du wieder eine Kugel Erdbeer?“

Ich versuche es erst gar nicht, eine zweite Kugel herauszuschlagen und nicke.

Opa nimmt auch nur eine Kugel. Aber Himbeer. Und Oma nimmt gar kein Eis. „Wegen der Linie“, sagt sie und ich denke, dass ich irgendwann mal fragen muss, welche Linie sie meint. Aber jetzt interessiert mich gerade etwas anderes und ich frage: „Du Opa, warum heißen Erdbeeren eigentlich Erdbeeren?“ Ich bin so gespannt, ob er auch das weiß.

„Na das ist doch ganz einfach“, antwortet er prompt, „weil sie unten auf der Erde wachsen.“

Ich sag ja, mein Opa weiß einfach alles.

Und nun muss ich auch gar nicht mehr fragen, warum Himbeeren Himbeeren heißen, weil das ist ja jetzt klar, schließlich wachsen sie hoch oben – nahe am Himmel.

© Martina Pfannenschmidt, 2021


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Donnerstag, 30. September 2021

Wofür bist du dankbar?

 

Herbstlaub, Tanne, traurig, bunt, schnaufen

Diese Reizwörter findet ihr auch in den Geschichten von Lore und Regina.

Die Arme auf dem Rücken verschränkt schlendert der alte Pastor Huber durch den parkähnlichen Garten des Seniorenheimes. Das Herbstlaub raschelt dabei unter seinen Füßen und vom nahe gelegenen Kindergarten dringt das bunte Treiben der kleinen Knirpse an seine Ohren.

Für einen Moment bleibt er stehen und sein Blick wandert hoch zum Wald, der sich in unmittelbarer Nachbarschaft befindet. Ein alter Lanz-Traktor bahnt sich schnaufend den Weg nach oben.

Die Tannen, die dort stehen, geben ein wahrlich trauriges Bild ab. Trocken und braun sind sie und werden sicher bald gefällt werden müssen, wie so viele andere vom Borkenkäfer befallene Bäume auch.

„Pastor Huber“, ruft Beate, die Pflegedienstleiterin, in diesem Augenblick, „möchten Sie nicht zu uns kommen? Wir basteln gerade eifrig an der Herbstdeko für unser Haus.“

„Doch, doch“, antwortet er und geht gemütlichen Schrittes in die Richtung, aus der er gerufen wurde.

An zwei zusammen geschobenen Tischen des hellen und freundlich eingerichteten Raumes sitzen einige seiner Mitbewohner und basteln eifrig. Die Frauen schneiden Fliegenpilze aus roter und weißer Pappe aus. Andere sind damit beschäftigt, mit ihren von Arthrose gezeichneten Fingern, Kränze aus Blättern zu binden. Und der Älteste in der Runde bastelt aus Tannenzapfen Hirsche.

Pastor Huber schmunzelt bei dem Gedanken, dass es im Kindergarten ein paar Häuser weiter ein ähnliches Bild geben wird. Ganz sicher wird auch dort für das Herbstfest gebastelt.

„Was möchten Sie denn fertigen?“, wird er von Beate gefragt. Der alte Pastor winkt ab. „Das ist gut gemeint. Danke! Aber ich schaue den anderen lieber nur zu. Ich bin nicht so geschickt in solchen Dingen“.

Nach einer Weile fragt er interessiert in die Runde hinein: „Wir feiern ja in einigen Tagen das Erntedankfest und mir kam der Gedanke, dass wir für so vieles dankbar sein können, nicht wahr?“

Allgemeines stummes Nicken.

„Wenn ich darüber nachdenke, wofür ich dankbar bin“, spricht er weiter, „so kommt einiges beisammen. Darf ich vielleicht mal die Frage in die Runde geben, wofür Sie dankbar sind?“

Das eifrige Werkeln wird kurz unterbrochen und die älteren Menschen besinnen sich.

Frau Meier ist die Erste, die antwortet: „Wissen Sie, die meisten von uns haben ja den Krieg mitgemacht. Einige wurden vertrieben. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass meinen Kindern diese Erfahrung erspart blieb.“

„Ich stimme Ihnen zu“, wirft nun der alte Herr Schröder ein, „wir haben sehr oft einen Grund, dankbar zu sein und wenn ich es mir recht überlege, kann ich sagen, dass ich dankbar dafür bin, dass mich mein Beruf erfüllt hat und für das Talent, Mundharmonika spielen zu können.“

Als Nächste spricht die kleine Frau Kluge: „Wenn Sie mich so fragen, Herr Pastor, bin ich dankbar für mein Leben.“

Frau Gruber, die früher als Lehrerin an der hiesigen Grundschule unterrichtete, erzählt davon, dass sie dankbar ist für all die Kinder, deren Lebensweg sie ein Stück mitgehen durfte, aber ganz besonders für ihre beiden eigenen Kinder. Nicht ohne Stolz sagt sie: „Ich bin wirklich dankbar, dass ich dieser Welt zwei wertvolle Menschen schenken durfte.“

Nun ist Frau Mertens an der Reihe. „Wissen Sie“, beginnt sie leise, „wenn ich in den Nachrichten die Bilder sehe von bewaffneten Soldaten, die in den Straßen vor zerstörten Häusern patrouillieren, dann bin ich dankbar, dass ich in einem Land leben darf, in dem ich frei und sicher leben kann.“

Beate, die Pflegedienstleiterin, ist ganz begeistert von all den Antworten der Senioren. „Also ich kann sagen, dass ich dankbar bin, so liebenswerte und gleichzeitig lebenserfahrene Menschen wie sie um mich zu haben“, sagt sich, „ich bin aber auch dankbar für einen freien Nachmittag, an dem ich mit einer Freundin in einem Eiscafé sitzen darf oder für einen gemütlichen Grillabend bei Freunden.“

Nun traut sich auch die ansonsten eher zurückhaltende Frau Kleine zu Wort: „Ich hoffe, es ist nicht vermessen, wenn ich sage, dass ich überhaupt ein dankbarer Mensch bin. Ich bin dankbar für die vielen kleinen alltäglichen Dinge, an denen ich mich erfreuen kann. Und ich bin dankbar, dass ich in meinem Alter noch so rüstig sein darf.“ Nach einer Gedankenpause fügt sie an: „Ich denke, dass dankbare Menschen allgemein zufriedener sind.“

„Wissen Sie was“, spricht Beate bald darauf den Pastor an, „wollen wir am Sonntag nicht eine kleine Dankfeier ausrichten? Wir könnten Danklieder singen und Herr Schröder könnte uns mit seiner Mundharmonika dabei unterstützen. Und vielleicht möchten Sie zum Thema Dankbarkeit eine kleine Ansprache halten. Was meinen Sie dazu?“

Als hätte der alte Pastor nur darauf gewartet, erhebt er sich schwungvoll wie ein junger Bursche von seinem Stuhl und macht sich unvermittelt auf den Weg in sein Zimmer und an die Arbeit.

Nun ist es auch für ihn an der Zeit, sein Talent auszuleben und Vorbereitungen zu treffen.

 

Und - wofür bist DU dankbar?

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021


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Mittwoch, 15. September 2021

Stille

 

Reizwörter: Geraschel, Knall, muffig, rot, flüstern

Bitte lest auch bei Regina und Lore!


„Könntest du später meinen Anzug aus der Reinigung holen? Und warte heute Abend nicht auf mich. Keine Ahnung, wie lange die Sitzung dauert.“

Ohne meine Antwort darauf abzuwarten und mit einem hektischen Blick auf seine Armbanduhr verlässt mein Mann schnellen Schrittes die Küche. Obwohl ich weiß, was jetzt kommt, zucke ich zusammen. Wieder einmal fällt die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss. Wieder einmal ist er spät dran und wieder einmal hat er keine Zeit für einen Abschiedskuss oder eine liebevolle Umarmung. Was bleibt, ist Stille. Keine unerträgliche Stille, sondern eine schöne, ruhige Stille.

Für einen Moment schließe ich die Augen und lausche: dem Ticken der Uhr, dem Surren des Kühlschranks. Anschließend greife ich nach meinem roten Kaffeebecher und trete aus der Terrassentür hinaus in den Garten. Auch hier umgibt mich eine gewisse Stille. Nur die leisen Töne der Natur nehme ich wahr: das Geraschel der Blätter eines Baumes, den Ruf eines Falken über mir.

Eine Schnecke bahnt sich ihren Weg durch das noch feuchte Gras und es scheint mir, als flüstere sie mir zu: halte inne, mach langsam, schließe dich dem Rhythmus der Natur an, dem Flügelschlag des Falken, dem Fließen des Wassers. Folge dem Rhythmus der Jahreszeiten.

Ich sehe mich weiter um und erkenne deutliche Anzeichen für den nahenden Herbst. Der schwarze Holunder ist reif für die Ernte, die Birnen, Zwetschgen. Die Natur weiß, wann es Zeit ist, Früchte zu bilden und reifen zu lassen und sie bereitet sich zur rechten Zeit auf die Winterruhe vor. – Und das alles ganz ohne Kalender. Sie braucht auch kein Handy, das sie an einen Termin erinnert und keine To-do-Liste. Die Zugvögel wissen aus ihrem Instinkt heraus, wann es Zeit ist, die Reise in den Süden anzutreten.

Wieder schließe ich für einen Moment meine Augen, achte auf den Schlag meines Herzens. Ja, auch wir Menschen folgen einem ganz natürlichen Rhythmus. Auch wir wachsen, blühen, tragen Früchte und kommen zur Ruhe. Doch in unserem Alltag scheint nicht mehr viel von diesem Rhythmus übrig geblieben zu sein. Wir werden viel zu oft abgelenkt, sind ständig erreichbar, nehmen uns kaum Auszeiten, um innezuhalten und zur Ruhe zu kommen. Vielleicht ist gar nicht unser Hab und Gut unser größter Luxus, sondern die Stille.

Als ich zu frösteln beginne, gehe ich zurück ins Haus. Heute habe ich frei, muss nicht ins Büro und nicht über muffig riechenden Akten brüten. Dieses Geschenk nehme ich gerne und dankbar an.

Anstatt, wie sonst, das Radio anzustellen und meiner Hausarbeit nachzugehen, suche ich mir ein gemütliches Plätzchen, nehme mir eine Wolldecke und kuschele mich ein. Heute möchte ich mir den Luxus der Stille gönnen.

Ich lausche wieder dem Rhythmus meines Herzens, nehme meinen Atem bewusst wahr und komme nach einer Weile auch im Inneren zur Ruhe. Doch diese Ruhe währt nicht lange: ist es in Ordnung, jetzt hier zu sitzen und nur zu ‚sein‘? Ich muss doch noch … Nein, beruhige ich meinen Geist, ich muss nicht. Es ist genug Zeit da, um meine Aufgaben zu erledigen. Jetzt darf ich die Stille genießen.

Doch es gelingt mir nur für einen kurzen Moment. Meine Gedanken melden sich immer lauter zu Wort. Sie kreisen um viele Themen, wollen mich wegbringen von der Stille, mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Doch ich versuche, ihnen nicht nachzugeben, versuche so still wie möglich nur einfach dazusitzen. Nicht mehr. Nur das.

Mein Handy meldet den Eingang einer Nachricht. Könnte dringend sein. Vielleicht meine Mutter. Sie weiß, dass ich heute einen freien Tag habe. Bestimmt macht sie sich Sorgen, wenn ich nicht gleich reagiere.

Schon will ich aufstehen, verharre jedoch in der Bewegung und setze mich wieder hin. Nein, jetzt nicht. Jetzt bleibe ich in der Stille.

Und wenn es doch wichtig ist?

In meinem Geiste sehe ich meine Mutter blutüberströmt auf einer Bahre liegen. Die letzten Worte, die sie an mich richten wollte, werden mich nicht mehr erreichen, weil ich ihre Nachricht nicht rechtzeitig gelesen habe.

Ich springe auf und greife hastig nach meinem Handy. Die Nachricht ist belanglos. - Aber es hätte ja etwas Wichtiges sein können.

Mechanisch lege ich meine Wolldecke zusammen, nehme ein Glas vom Tisch, das von gestern Abend dort noch stehen geblieben ist und wende mich meiner Hausarbeit zu.

Das Radio stelle ich nicht an. So bleibt es wenigstens im Außen still. Doch in meinem Inneren kann ich diese Stille an diesem Morgen nicht mehr finden.

©  Martina Pfannenschmidt, 2021



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