In unserem Dorf hat sich vor Jahren ein Storchenpaar niedergelassen. Vor Jahren blieb einer sogar über den Winter hier und wurde von einigen Bewohnern liebevoll gefüttert. Im Jahr darauf kam zur Freude aller Nachwuchs auf die Welt. - Diese wahre Geschichte hat mich zu dieser Fantasiegeschichte geführt, von der ich hoffe, dass sie dir gefällt und du sie gerne liest. - Habt einen fantastischen 1. Maifeiertag!
Die Sonne schien herrlich an diesem Morgen im
beschaulichen Dorf Klapperhausen. Die Wiesen leuchteten in einem satten Grün
und die Schornsteine blitzten im Sonnenlicht. Alles war perfekt – nur nicht für
Kalle, den ängstlichen Jungstorch.
Kalle saß nicht etwa stolz am Rand des riesigen Reisig-Nestes
auf dem alten Kirchturm und beschaute von dort oben die Welt, nein, er drückte
sich so flach in die Mitte des Nestes, dass er fast mit dem Nistmaterial
verschmolz.
„Das ist eine absolute Fehlplanung!“, schimpfte
er mit seinen Eltern, die er vorwurfsvoll und mit zu Schlitzen zusammengekniffenen
Augen ansah. „Von allen Möglichkeiten hier im Ort musstet ihr ausgerechnet
dieses Nest hier oben wählen? Warum konntet ihr mich nicht auf dem Boden unten
am gemütlichen Ententeich ausbrüten? Oder in einer Garage? Versteht ihr? Unten …
am Boden … wäre ich gerne geboren worden.
Mama Storch klapperte amüsiert. „Kalle, mein Schatz,
du bist ein Storch, keine Ente. Störche lieben die Aussicht!“
„Ich aber nicht. Ich liebe es, am Boden zu sein
und nicht in luftiger Höhe“, konterte Kalle. „Und überhaupt“, schimpfte er
weiter, „diese ganze Sache mit dem Fliegen und so, die ist mir total suspekt. Die
Luft hat keine Balken! Verstehst du, Mama! Die trägt mich nicht. Ich will hier sofort
runter. Aber ich werde unter keinen Umständen … fliegen und diese … diese … Feder-Dinger
da benutzen. Auf gar keinen Fall mache ich das.“ Dabei sah er auf seine Flügel,
als handele es sich um defekte Regenschirme, die sich nicht zum Fliegen eignen.
Papa Storch hatte jedoch eine Idee. Er wusste,
dass Kalle zwar ängstlich, aber auch furchtbar neugierig und ein kleiner
Feinschmecker war. „Schade“, sagte er deshalb beiläufig und putzte sich eine
Feder, „unten auf der Wiese, direkt am Bachlauf, hat der Bauer heute Morgen den
großen Heuwender benutzt. Es wimmelt dort nur so von den dicksten, saftigsten
Fröschen, die ich je gesehen habe. Aber na ja, wenn du nicht fliegen magst,
musst du hier oben bleiben … ich fliege jetzt jedenfalls los und freue mich
schon auf all die Delikatessen.“
Kalles Magen knurrte bei der Vorstellung so laut,
dass das Nest zu vibrieren schien. Er robbte sich vorsichtig bis zum Rand und
warf einen winzigen Blick über die Kante. Da sah er sie: die saftige Wiese. Und
dort! War das nicht ein leckerer grüner Hüpfer?
„Ich muss da hin“, murmelte er, „aber ohne zu
fliegen!“ Er stellte sich vor, am Blitzableiter herunterzuklettern oder
vielleicht konnte er sich abseilen. Egal wie! Er musste nach unten. Das wurde
ihm klar.
„Kalle“, sagte Mama sanft, „was wäre, wenn du gar
nicht fliegst, sondern einfach losrennst? Weißt du, wie ich es meine? Du
stellst dir einfach vor, dass du mit deinen langen Beinen zum gedeckten Tisch
rennst. Oder noch anders. Du breitest deine Flügel aus und rutscht wie auf
einer unsichtbaren Rutsche nach unten. Ich verspreche dir, dass es klappen wird
und du auf diese Weise nach unten gleiten kannst.“
Schließlich war es der Hunger, der über seine Angst
siegte. Kalle schloss vorsichtshalber die Augen, dachte währenddessen an den
größten Frosch, den er jemals verspeist hatte, breitete seine Flügel aus und
rannte los.
„Ich renne! Ich renne!“, rief er aufgeregt. „Ich
renne in der Luuuuuuft!“
Und tatsächlich stürzte er nicht ab, sondern der
Wind setzte sich unter seine großen Schwingen und trug ihn davon. Er glitt
durch die Luft und die kühle Brise fühlte sich wie eine riesige weiche
Hängematte an.
Mit einem etwas unsanften „Plopp“ landete er
direkt neben einem verdutzten Frosch im weichen Gras. Kalle blinzelte. Er war
unten. Er war tatsächlich unten auf dem Boden. Und: er lebte! Es war einfach
herrlich!
Als seine Eltern neben ihm landeten, plusterte er
sich stolz auf. „Na gut“, sagte er schmatzend, „das mit dem Runterrutschen war
okay. Aber jetzt bleibe ich hier unten und werde niiieee wieder dort hinauffliegen!“
Nie wieder dauerte etwa zehn Minuten, denn ab da
sah man Kalle, wie er begeistert Thermik-Kreise über dem Kirchturm drehte.
„Guckt mal“, rief er von dort oben seinen Eltern
zu, ich kann fliegen wie ein Segelflieger!“
Seine Höhenangst war von einer Sekunde auf die
andere verschwunden und eines war klar: von dort oben sah man die Leckerbissen
einfach viel früher.
© Martina Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!