Freitag, 19. Juni 2026

Geht nicht, gibt’s nicht

Nach einer kleinen Pause melde ich mich heute wieder bei euch, denn wisst ihr, manchmal wartet man auf einen Impuls für eine neue Geschichte, doch er kommt nicht … bis, ja bis jemand den Namen Melanie ruft … und sich das – etwas komisch ausgesprochen -, irgendwie nach Schaf anhört … 😉 … und als im selben Moment eine Hummel meinen Weg kreuzte, war die Idee für eine weitere Geschichte geboren. Und nun wünsche ich euch viel Freude beim Lesen!

 

Das Schaf mit den kuscheligen weißen Locken aus Wolle, dem der Bauer den Namen Mählanie gegeben hatte, stand an diesem Nachmittag im Schatten eines alten Obstbaumes auf der Streuobstwiese. Die Sonne schien besonders warm, aber es wehte ein sanfter Wind, in dem sich die bunten Blumen auf der Wiese wiegten.

In diesem Moment vernahm Mählanie ein bekanntes Brummen. Bssss … Bssss … Bssss … und ein kleiner, flauschiger Ball schwebte im Zickzackkurs direkt auf eine große, rote Kleeblüte zu. Es war die Hummel, die einige liebevoll „Pummelchen“ nannten, weil sie halt so herrlich dickbäuchig war.

„Hallo, Pummelchen!“, rief Mählanie erfreut.

Die Hummel landete weich auf dem Klee, putzte sich mit den Vorderbeinen die Fühler und schaute das Schaf aus kleinen, klugen Augen an. „Hallo Mählanie! Aber du weißt doch, dass ich eigentlich Hummelchen heiße!“, stellte sie klar, nahm die kleine Neckerei aber nicht persönlich, sondern kicherte so herzlich darüber, dass ihr ganzer pelziger Körper zu vibrieren schien.

Das Schaf legte den Kopf schief und betrachtete die winzigen, durchsichtigen Flügel, die im Sonnenlicht glänzten. Sie erinnerte sich an ein Gespräch, das sie einmal mitangehört hatte und von dem sie nun der Hummel erzählen wollte.

„Du, Hummelchen? Ich muss dir etwas Lustiges erzählen“, begann Mählanie. „Der Bauer hat neulich erzählt, dass schlaue Wissenschaftler berechnet haben, dass eine Hummel viel zu schwer ist für ihre kleinen Flügel und demnach nach menschlichen Berechnungen gar nicht fliegen kann.“

Hummelchen hielt mitten in der Bewegung inne. Sie schaute kurz an sich herab, blickte dann hoch zu den Wolken und fing laut an zu lachen.

„Ach, Mählanie!“, summte sie fröhlich. „Das ist ein Witz. Mich interessieren diese menschlichen Berechnungen nicht. Wir Hummeln sehen den blauen Himmel und die leckeren Blüten und fliegen einfach los!“

Das Schaf wackelte ein wenig mit seinen Ohren, bevor es antwortete: „Ich find’s wunderbar! Du tust es einfach, weil du darauf vertraust, dass du es kannst.“

„Genauso ist es!“, bestätigte Hummelchen und hüpfte auf die nächste Blüte. „Aber sag mal, Mählanie ... was denkst du, lassen sich die Menschen selbst durch die Berechnungen oder Worte anderer ausbremsen? Denkst du, dass sie denken könnten, etwas nicht zu können, nur weil es ihnen irgendwer gesagt hat?“

Mählanie legte sich gemütlich ins Gras, während Hummelchen im Schwebeflug über ihrem Kopf kreiste. „Oh, da fallen mir viele Dinge ein“, meinte das Schaf. „Der kleine Sohn des Bauern zum Beispiel. Er wollte letztens ein Bild von mir malen, aber sein älterer Bruder sagte: ‚Du malst nicht schön. Ich kann kein Schaf auf deinem Blatt erkennen.‘ Da hat der Kleine traurig seinen Stift zur Seite gelegt, das Blatt zerrissen und nie wieder versucht, mich zu zeichnen.“

Hummelchen schüttelte empört den Kopf. „Wie schade! Dabei hat es ihm gewiss Freude bereitet und er hat aus seinem Herzen heraus gemalt.“

„Ganz gewiss hat er das“, bestätigte das Schaf und fuhr fort, „und die Bäuerin singt schrecklich gerne, wenn sie backt. Aber der Bauer hat sie aufgezogen und gemeint, dass sie keinen einzigen Ton richtig treffen würde. Ja und nun singt sie nur noch, wenn sie ganz sicher ist, dass sie niemand hören kann. Dabei macht es ihr bestimmt auch viel Freude.“

„Es kommt mir so vor, als würden sich die Menschen selbst Zäune in ihre eigenen Köpfe bauen oder bauen lassen“, summte die Hummel nachdenklich. „Wenn ihnen jemand sagt ‚Das schaffst du nicht‘ oder ‚Dafür bist du nicht schlau, sportlich oder groß genug‘, schenken sie dem anderen mehr Glauben und Vertrauen als sich selbst und probieren es nicht einmal aus!“

„Mir scheint, man sollte viel öfter die Ohren auf Durchzug stellen, wenn jemand sagt, etwas sei unmöglich“, entgegnete das Schaf und war sich sicher, dass man stets alles ausprobieren und immer der eigenen Freude folgen sollte.

Die beiden verbrachten noch den ganzen Nachmittag zusammen auf der Wiese, lachten über dieses und philosophierten über jenes und sie fragten sich, wie die Welt wohl aussähe, wenn alle einfach das tun würden, was sie im Herzen spürten – ganz ohne Angst vor dem Scheitern oder den Zweifeln, die andere säen.

Als Hummelchen sich schließlich verabschiedete, wirbelte sie noch einmal elegant durch die Luft. Sie machte einen doppelten Looping, um zu zeigen, was ihr alles möglich war und rief: „Tschüss, Mählanie! Vergiss nie: Flieg einfach los!“

Das Schaf schaute seiner pummeligen Freundin so lange hinterher, bis der kleine gelb-schwarze Punkt im Abendrot verschwand und fragte sich, wie viele wunderbare Dinge die Menschen wohl nicht taten, nur weil irgendwer mal behauptet hatte, es ginge nicht?

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

Freitag, 5. Juni 2026

Die Sehnsucht nach Freiheit

Vor ein paar Tagen beobachtete ich die vielen kleinen Fallschirmchen einer Pusteblume, die der Wind durch unseren Garten trug. – Das war der Moment, in dem die folgende Geschichte ihren Anfang nahm … zunächst nur als kleine Gedankensplitter in meinem Kopf … und nun als Buchstaben auf dem Papier.

Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen!

 

Eigenes Foto


Zu Beginn des Frühlings, als die Sonne die Erde küsste, erwachte in einem Samen eine unbändige Sehnsucht nach dem Licht. Und so schob er eine zarte, grüne Wurzel in die Tiefe und zeitgleich zwei winzige Keimblätter durch die dunkle Krume nach oben. Er wuchs rasch. Seine Blätter wurden kräftig, waren tief gezackt und erinnerten an die Zähne eines Löwen.

Eines Morgens geschah es dann. Stolz öffnete sich eine leuchtend gelbe Blüte. Sie strahlte wie eine eigene kleine Sonne mitten auf der grünen Wiese. Der Löwenzahn war vollständig geboren.

Es dauerte nicht lange, bis sich Besuch einstellte. Mit einem leisen Summen landete ein kleiner Marienkäfer auf den goldenen Blütenblättern. Sein winziger roter Panzer glänzte im Sonnenlicht, und seine sieben schwarzen Punkte wirkten wie sorgsam aufgemalte Knöpfe.

„Guten Morgen, du schöner Stern“, grüßte der Marienkäfer mit feiner Stimme.
„Guten Morgen“, erwiderte der Löwenzahn erfreut und wiegte sich leicht im Wind. „Wer bist du?“
„Ich bin ein Marienkäfer und mein Name ist Punkte. Ich habe dich sogleich von dort oben entdeckt, weil du der hellste Fleck auf dieser ganzen Wiese bist!“

Aus dieser ersten Begegnung erwuchs rasch eine tiefe Freundschaft. Und so besuchte Punkte den Löwenzahn so oft er konnte. Der Marienkäfer erzählte von dem süßen Duft der Blüten, von dem glitzernden Bach am Ende des Waldes und von den Menschen, die auf den Wegen spazieren gingen. Er sprach von der grenzenlosen Freiheit, sich einfach vom Wind tragen zu lassen und die Welt von oben zu betrachten.

Doch je mehr Punkte erzählte, umso stiller wurde der Löwenzahn. Es war ihm, als legte sich ein dunkler, schwerer Schatten auf sein goldenes Gemüt.
„Was hast du denn?“, fragte Punkte eines Nachmittags besorgt, als der Löwenzahn gar nicht mehr strahlen wollte.

„Ach, Punkte“, seufzte der Löwenzahn, „ich werde ganz traurig, wenn ich dir zuhöre. Weißt du, du kannst überallhin, wo du möchtest. Du siehst die ganze Welt. Und ich? Ich bin hier fest verwurzelt. Ich muss für immer an diesem einen Platz bleiben und kann mich nicht bewegen. Ach, könnte ich doch auch fliegen, so wie du!“

Punkte setzte sich traurig auf die gelbe Blüte seines Freundes. Er wusste nicht, wie er ihn trösten sollte, denn er konnte ja nicht seine Wurzeln entfernen.

Einige Tage später veränderte sich etwas. Der Frühling neigte sich dem Ende zu, und dem Löwenzahn wurde ganz seltsam zumute. Seine gelbgoldenen Blütenblätter begannen zu schrumpfen und verblühten. Wie von selbst schloss sich anschließend sein Blütenkopf zu einer festen grünen Kapsel, während in seinem Inneren etwas Eigenartiges geschah. Es fühlte sich an, als würde sein altes Ich zerbersten.

Als sich die Kapsel nach einer Weile öffnete, war das vertraute Gold komplett verschwunden. Stattdessen trug er ein Kleid aus unzähligen, federleichten, weißen Schirmchen. Sie bildeten eine perfekte, zarte Kugel. Doch der Löwenzahn spürte eine tiefe, lähmende Angst, als er merkte, wie sich sein Körper nun anfühlte – so zerbrechlich, so flüchtig.

„Punkte!“, rief er panisch, als der Marienkäfer wieder auf einem nahegelegenen Grashalm landete. „Schau mich an! Mein schönes, gelbes Kleid ist weg. Ich glaube, das ist mein Ende. Das ist mein Tod.“

Schnell flog Punkte zu seinem Freund, setzte sich ganz vorsichtig auf den Stängel, um die zarte Pracht ja nicht zu zerstören, und flüsterte: „Hab keine Angst, mein Freund. Vertraue dem Wandel. Das ist nicht das Ende.“

In diesem Moment frischte der Wind auf. Ein sanfter Sommerwind erfasste die Wiese. Der Löwenzahn spürte einen leichten Ruck und im selben Moment eine ungeahnte Leichtigkeit. Seine Wurzel befand sich immer noch im Boden, aber sein Innerstes, seine Gedanken, seine Träume – sie lösten sich ab und flogen davon. Unzählige kleine Schirmchen erhoben sich in die Luft.

In diesem magischen Augenblick war die Verwandlung vollbracht und das Wunder geschah: Der Löwenzahn flog.

Punkte breitete sogleich seine Flügel aus und schwang sich gemeinsam mit seinem Freund in die Luft. Für einen kurzen, unendlich kostbaren Moment flogen sie Seite an Seite. Sie tanzten im Aufwind, höher und höher, über die Gräser hinweg, dem strahlend blauen Himmel entgegen. Der Löwenzahn sah zum ersten Mal den glitzernden Bach, von dem Punkte so oft erzählt hatte. Er jubelte im Wind und seine unendliche Sehnsucht war gestillt.

Der Wind trug die kleinen Fallschirme schließlich weiter. Sie trennten sich, tanzten über Felder, Straßen und Gärten. Jeder einzelne kleine Schirm trug einen winzigen Samen mit sich fort, der die Erinnerung an das warme Gold der Sonne und die Freiheit des Fluges in sich trug.

Punkte schaute ihnen mit einem lächelnden und einem weinenden Auge hinterher. Er wusste, dass sein Freund nicht gestorben war, denn wo vorher nur ein einziger Löwenzahn gestanden hatte, würden im nächsten Frühling unzählige neue, goldene Sonnen auf den Wiesen erblühen. Aus einem Leben waren hundert neue Leben geworden, unsterblich und für immer frei.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

Samstag, 30. Mai 2026

Eine Brücke sein

Die heutige Geschichte erzählt von Bella, einer Kuh mit braunem Fell, die uns Menschen keinen Kakao beschert, wie manche gerne scherzhaft sagen, sondern, genau wie die schwarz-weiße Rasse auch, Milch gibt. 😉 Habt ihr euch schon mal Gedanken darüber gemacht, ob die Kühe ihre Milch gerne und freiwillig abgeben? Ich kann mir gut vorstellen, dass nicht alle Kühe (und auch Menschen) wie Bella denken, aber vielleicht interessiert es euch, wie ihre Einstellung dazu ist.

Ich wünsche allen Lesern viel Freude mit der kleinen Geschichte!

 

Danke, lieber Walter, für die Zurverfügungstellung dieses schönen Fotos von 'Bella'. 😊

Bella, eine Kuh mit einem wunderschönen braunen Fell, stand wie an jedem Tag, so auch heute, auf der Weide, genoss die Sonne und ihr Leben. Das grüne, saftige Gras spiegelte sich dabei in ihren Augen. Mit einer fast meditativen Ruhe schwang sie ihren Kopf hin und her, bevor erneut ein rupfendes Geräusch zu vernehmen war.

Besonders gern fraß sie die kleinen, leuchtenden Farbtupfer, die Butterblumen. Sie liebte ihren würzigen Geschmack und ahnte instinktiv, dass sie ein besonderes Geheimnis bargen. Wenn die Menschen später aus ihrer Milch Butter machten, würde diese leuchten wie die Sonne selbst. Es war Bella, während sie graste, als würde sie das Licht der Wiese für sich und die Menschen einfangen.

„Isst du wieder die sonnengelben Butterblumen?“, fragte eine helle Stimme.

Bella hielt kurz inne und sah sich um, während ein langes Grasbüschel aus ihrem Maul hing. Dann nahm sie auf einem alten Pfosten des Weidezauns eine dicke Hummel wahr, sie behutsam ihre Fühler putzte.

„Ich mag sie besonders gerne“, antwortete Bella mit ihrer sanften, mahlenden Stimme, „und ich speichere dadurch das Licht der Sonne, damit sich die Menschen später daran erfreuen können. Denn weißt du: Der Regen lässt das Gras wachsen, das mich füttert, und ich … nun ja, ich gebe weiter, was ich kann. Das ist der natürliche Kreislauf der Natur.“

Die Hummel summte kurz. Dann fragte sie nachdenklich. „Was denkst du eigentlich über die Zweibeiner, Bella, wenn sie mit ihren klappernden Eimern kommen?“

Bella blickte hinüber zum alten Bauernhaus am Ende der Weide. Sie sah den kleinen Jungen, der dort im Garten spielte. „Was ich denke? Ich denke, die Menschen empfinden das Glück nicht wie wir Kühe. Für uns liegt es in der Ruhe und im Wiederkäuen. Die Menschen nehmen sich selten die Zeit, Dinge noch einmal zu reflektieren. Verstehst du?! Ich sehe sie immerzu rennen, es ist so, als hätten sie die Zeit verloren.“

„Da hast du wohl recht, aber ich wollte auf etwas anderes hinaus. Hast du nicht manchmal das Gefühl, dass sie dir deine Milch stehlen?“, bohrte die Hummel nach.

Bella schloss für einen Moment die Augen. Sie spürte das schwere Euter, das nach Erleichterung verlangte. „Manche sagen das“, meinte sie dann nachdenklich, „aber ich fühle es anders. Ich fühle, dass ich hierhergekommen bin, um dem Ganzen zu dienen. Wenn der Bauer morgens kommt, seine Hände warm sind und er leise mit mir spricht, dann ist das ein Austausch. Ich gebe ihm die Kraft der Wiese, und er gibt mir Schutz, einen trockenen Stall im Winter und dieses Stück Land, auf dem ich die Butterblumen finden darf.“

Bella hielt kurz inne und sah zu, wie eine Wolke langsam am blauen Himmel vorbeizog.

„Es ist kein Stehlen, wenn man es mit Liebe gibt“, fuhr sie fort. „Ich glaube, meine Bestimmung auf dieser Erde ist es, eine Brücke zu sein. Eine Brücke zwischen dem grünen Gras und den Menschen. Wenn sie meine Butter essen und das Gold der Blumen schmecken, erinnern sie sich vielleicht für einen kurzen Moment daran, dass auch sie ein Teil dieser wunderbaren Natur sind.“

Die Hummel schüttelte ihre Flügel und erhob sich in die Luft. „Du bist eine Philosophin, Bella“, summte sie und flog davon.

Bella lächelte und senkte den Kopf. Während die Sonne langsam tiefer sank, kaute Bella zufrieden weiter, bereit, am nächsten Morgen all die gesammelte Wärme der Wiese mit den Menschen zu teilen.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!


Donnerstag, 21. Mai 2026

Ein Waldspaziergang

Vor ein paar Tagen las ich bei Regina Meyer zu Verl eine Geschichte (ich verlinke sie dir HIER), durch die ich an einen Aufsatz erinnert wurde, den ich als Schulkind schreiben sollte. Sein Titel ‚Ein Waldspaziergang‘. – Mir fiel damals wenig – bis gar nichts 😉 - dazu ein und ich schrieb als Kommentar unter Reginas Blogbeitrag: Ich glaube, ich hole die Geschichte - jetzt als erwachsene Person - nach und veröffentliche sie in meinem Blog. Und so soll es nun sein.

Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen!

 

Ich verließ den harten Asphalt des Parkplatzes und mit jedem Schritt tiefer in den Wald hinein hatte ich das Gefühl, als ginge ich über eine dicke, weiche Matratze aus Moos. Das Rauschen der Autos der nahegelegenen Straße verebbte, bis mich nur noch die Stille des Waldes umgab, in der ich die Hektik des Alltags zurücklassen konnte.

Schon nach wenigen Metern veränderte sich die Luft. Sie war kühl, feucht und es roch nach Tannennadeln. Es war mir, als puste der Geruch sofort meinen Kopf frei. Ich setzte meinen Weg, der gesäumt war von Buchen und Fichten, fort.

Plötzlich knackte es rechts von mir im Unterholz. Ich hielt den Atem an und verharrte mitten in der Bewegung, als ich die feuchte, schwarze Nase eines Rehs wahrnahm. Große, dunkle Knopfaugen blickten mich sekundenlang an. In diesem flüchtigen Augenblick schien die Zeit stillzustehen und zwei unterschiedliche Welten aufeinanderzutreffen. Dann, mit einem eleganten Satz, verschwand das Tier lautlos im Schatten der Bäume, so, als sei es nie dagewesen.

Ich folgte einem schmalen, von Wurzeln durchzogenen Pfad. Dort lag ein riesiger, umgestürzter Eichenstamm, der über und über mit weichem Moos bewachsen war. Er wirkte wie ein schlafender, grüner Riese auf mich. Ich setzte mich auf das morsche Holz und lauschte dem Wind, der über mir in den Baumkronen flüsterte. Das Knarren der Äste klang dabei wie eine alte, vergessene Sprache. Ein winziger, glänzend blauer Mistkäfer bahnte sich unbeirrt seinen Weg über meine Schuhspitze.

Nach einer Weile setzte ich meinen Weg fort. Ein paar Meter abseits des Hauptweges fiel mein Blick auf eine besonders bizarre Baumwurzel. Sie wand sich wie eine schlafende Schlange über den Boden. Für einen kurzen Moment legte ich meine Hand auf die raue Rinde des Baumes und es war mir, als könne ich seinen Herzschlag vernehmen. – Es war mir, als würde der Baum, wie ich, tief und langsam atmen.

Ich ging immer tiefer in den Wald hinein, bis ich eine kleine Lichtung erreichte. Auf einem moosbedeckten Findling neben mir krabbelte ein prachtvoller Käfer, dessen Panzer im Sonnenlicht wie ein Edelstein schimmerte. Der Stein selbst wirkte auf mich wie ein Altar, den jemand dort mitten in dieser Wildnis platziert hatte.

Ich hielt für einen Wimpernschlag lag den Atem an, um diesen besonderen Moment nicht zu zerstören. Doch als sich der Käfer erhob und meinen Augen entschwand, machte auch ich mich auf den Rückweg. Meine Füße waren müde, aber mein Geist war hellwach und ich fühlte einen tiefen Frieden in mir. Der Wald hatte mir keine großen Geheimnisse verraten, und doch fühlte ich mich, als hätte ich für eine Stunde die Grenze in eine andere, magische Welt überschritten, in der eine besondere Art der Stille herrscht, die aber nicht leer ist, sondern sehr lebendig.

Als ich wieder am Parkplatz eintraf, waren meine Schuhe zwar schmutzig, aber mein Kopf war wieder frei und so nahm ich ein kleines Stück der Magie des Waldes mit hinein in meine Realität – mit hinein in meinen Alltag.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

Sonntag, 17. Mai 2026

Unerwarteter Nachwuchs

Der Frühling war mit voller Wucht eingezogen und auch die alte Eiche auf dem kleinen Hügel trug ein wunderschönes zartgrünes neues Blütenkleid. Um sie herum summte und wuselte es, doch tief in den Wurzeln des Baumes lag eine sanfte Melancholie.

Die Eiche beobachtete in diesem Moment die Eichhörnchenmutter, die emsig weiches Moos sammelte und es hoch in ihren Kobel schleppte, während der Vater dort stolz Wache hielt.

In der Höhle weiter oben betrachtete die Eule voller Zärtlichkeit ihre Eier, und das Vogelpaar in der Krone der Eiche stritt sich schon fast liebevoll um den besten Halm für ihr Nest.

„Jeder hier hat jemanden“, seufzte der Baum leise in sich hinein. „Nur ich stehe hier, groß und mächtig zwar, aber am Ende doch allein und ohne Nachwuchs.“

Die Eichhörnchenmutter hielt inne, als sie die leisen Worte vernommen hatte, und flitzte den Stamm wieder hinunter. „Aber liebster Baum“, rief sie und schmiegte sich liebevoll an seine Rinde, „schau doch bitte nicht so trübsinnig! Du bist doch das Zentrum von allem! Und du bietest uns und unserem Nachwuchs Schutz. Das ist sehr wertvoll für uns alle. DU bist sehr wertvoll für uns.“

„Stimmt genau“, krächzte die Eule im Halbschlaf. „Du bist für uns alle der Fels in der Brandung und du bist nicht allein. Du hast doch uns!“

Die Vögel stimmten ein freundliches Lied an, um die schweren Gedanken der Eiche zu vertreiben, doch es wollte ihnen nicht so recht gelingen. Der Baum gönnte seinen Bewohnern ihr Glück von ganzem Herzen, aber die Sehnsucht nach einem eigenen kleinen Spross blieb bestehen.

In dem Moment vernahmen sie Schritte. Ein Vater stapfte gemeinsam mit seinem Sohn den sanften Hügel hinauf. Der Junge trug einen kurzen Stock in seinen Händen und entdeckte in jedem Käfer ein kleines Wunder. Als sie bei dem Baum angekommen waren, setzten sie sich auf die Bank in seinen Schatten.

„Papa, schau mal, wie riesig der ist!“, sagte der Junge und legte den Kopf in den Nacken, um hoch in die Krone schauen zu können. Dann begann er, den Baum genauer zu untersuchen. Vorsichtig strich er über seine Rinde und schaute, ob er das ein oder andere Tier in dem dichten Laub erspähen konnte. Anschließend ging er ein paar Meter abseits der Bank, um den Baum von dort aus zu betrachten. Doch plötzlich kniete er sich ins hohe Gras und rief: „Papa! Guck mal! Hier ist ein winziger Stock, der aus der Erde wächst. Aber da sind Blätter dran! Ganz kleine Eichenblätter!“

Der Vater kam herüber und lächelte. „Das ist kein Stock, Timm. Das ist ein Baby-Baum. Eine Eichel von der großen alten Dame muss im Herbst genau hier in die Erde gefallen sein und Wurzeln geschlagen haben. Wie schön, dass der kleine Kerl den Winter überlebt hat. Schau nur, jetzt reckt er mutig seinen ersten Ast dem Licht entgegen.“

Der Junge staunte und fragte. „Dann ist das also das Kind von dem großen Baum dort?“

„Genauso ist es“, antwortete der Vater sanft. „In hundert Jahren wird er bestimmt genauso groß sein wie seine Mutter dort.“

In dem Moment erstarrte der Baum, doch bald darauf lief eine Welle puren Glücks durch seinen Stamm. Ein Kind? Sein Kind? Dort unten wuchs ein Teil von ihm und er hatte es nicht einmal bemerkt. Ein Schauer der Freude lief durch jeden Ast bis in die kleinste Blattspitze. Dann streckte die Eiche ihre Zweige noch ein bisschen weiter aus, so, als wolle sie den kleinen Schössling vor zu viel Wind schützen.

„Habt ihr das gehört?“, rief der Baum seinen Bewohnern voller Freude zu.
Die Eichhörnchen sprangen vor Begeisterung im Kreis und die Vögel flogen eine Ehrenrunde um den Winzling im Gras. Nun war auch für die Eiche die Einsamkeit wie weggeblasen. Nun fühlte sich der Baum nicht mehr nur wie ein Beobachter des Lebens – er war das Leben selbst.

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

Montag, 11. Mai 2026

Du hast dich verändert

Auch wenn du und ich früher nicht dieselbe Klasse besucht haben, kann ich mir dennoch gut vorstellen, dass es auch in deiner Klasse das eine Mädchen gab, das besonders hübsch war, oder den Jungen, der immer negativ auffiel. Und irgendwo dazwischen warst du. Vielleicht warst du der ‚Pausenclown‘ oder aber die Unscheinbare – eine dieser vielen Rollen fiel uns zu. Eines Tages haben wir diesen Klassenverbund verlassen und sind unseren eigenen Weg gegangen, der uns – vielleicht - hat aufblühen lassen. Alles ist möglich – auch, dass man sich ganz zufällig nach vielen Jahren auf einem Parkplatz wiedertrifft – und genau davon erzählt diese Geschichte.

Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen!

 

Elena balancierte eine Papiertüte mit frischen Brötchen und einen Strauß bunter Tulpen auf ihrem Arm, während sie den Einkaufswagen Richtung Auto schob und mit der anderen Hand nach dem Autoschlüssel in ihrer Jackentasche kramte.

Bruno, ihr Golden Retriever, stupste von innen erwartungsvoll mit der feuchten Nase gegen die Scheibe des Wagens. Elena lächelte unwillkürlich. Es war das Lächeln einer Frau, die ihren Platz in der Welt gefunden hatte.

Doch für einen kurzen Moment achtete sie nicht auf ihren Einkaufswagen, der sich selbständig machte und mit einem leichten Scheppern gegen einen anderen Einkaufswagen stieß.

„Oh, Verzeihung, ich war ganz in Gedanken“, sagte Elena sofort und nahm den Wagen wieder an sich. Doch die Frau gegenüber blieb stumm. Sie hielt sich so krampfhaft am Griff ihres Wagens fest, dass Elena genauer hinsah.

Die Jogginghose der Frau war an den Knien ausgebeult und sie wirkte unendlich farblos in ihrem weißen, übergroßen T-Shirt und den unordentlich hochgesteckten Haaren. Doch als sich die Blicke der beiden Frauen trafen, geschah etwas Unerwartetes. Da war plötzlich ein Erkennen. 

„Saskia?“, entfuhr es Elena fast erschrocken.

„Elena? Aus meiner früheren Klasse?“ Ein wehmütiges Lächeln stahl sich dabei auf ihre Lippen. „Du hast dich sehr verändert.“

Fast hätte Elena: „Du dich aber auch!“ geantwortet, doch sie hielt diese Worte zurück. Stattdessen fragte sie: „Hast du einen Moment? Dann würde ich gerne einen Kaffee mit dir trinken. Ich verstaue nur rasch meine Einkäufe. Also, wenn du möchtest …“

Wenig später saßen sie in der hintersten Ecke der Bäckerei des Supermarktes. Der Dampf ihrer Cappuccinos stieg in sanften Kringeln zwischen ihnen auf.

„Wenn ich dich ansehe“, begann Saskia leise und umschlang ihre Tasse mit ihren Händen, „stehst du voll im Leben, oder?“

Elena nickte langsam. „Ja, das kann man wohl so sagen. Aber es war ein weiter Weg. Du weißt, wie schüchtern ich früher war, um nicht zu sagen: eine graue Maus.“ Dabei schlich sich ein Lächeln auf ihre Lippen. „Weißt du, ich wollte damals einfach nicht gesehen werden. Ganz im Gegensatz zu dir. Du hast dich immer wohl gefühlt in deiner Haut. Zumindest schien es so.“

Ein dunkler Schatten legte sich auf Saskias Gesicht, als sie antwortete: „Ja, stimmt. Ich war laut, habe versucht, die ‚Discokugel‘ der Klasse zu sein: immer fröhlich, immer strahlend. Aber das war nur ein Schutz, Elena. Niemand sollte sehen, wie es in mir aussah. Verstehst du! Ich habe diese Fassade noch lange aufrechterhalten und einen Mann geheiratet, der mich verließ, als die Firma meines Vaters pleiteging und meine Erschöpfung überdeutlich sichtbar wurde. Weißt du, er wollte die alte Saskia, die Discokugel, zurück. Aber das ging und geht nicht mehr. Ich bin zu erschöpft, um dieses Spiel weiterzuspielen.“

Eine Träne ließ dabei über ihre Wange, die sie rasch mit dem Ärmel wegwischte.

Elena spürte einen dicken Kloß im Hals. Sie rutschte mit ihrem Stuhl ein Stück näher und legte ihre Hand auf Saskias zitternde Finger. „Ach, Saskia. Das tut mir unendlich leid. Aber weißt du, vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, in der du nur für dich selbst leuchten darfst. Ohne Publikum. Ganz echt.“

Sie unterhielten sich noch eine ganze Weile und saßen sich dann eine Zeitlang schweigend gegenüber. Aber dieses Schweigen war nicht schwer, sondern voller Verständnis für den jeweils anderen. Es war der Moment, in dem die alten Rollen – die Schöne und die Unscheinbare – endgültig zerbrachen und nur noch zwei Frauen übrigblieben, die einander im Herzen berührten.

„Weißt du“, sagte Elena schließlich weich, „die graue Maus von früher hätte nie gedacht, dass sie der Discokugel einmal zeigen darf, wie schön das leise Glück sein kann. Aber genau deshalb haben wir uns heute wohl getroffen.“

Draußen auf dem Parkplatz verabschiedeten sie sich mit einer langen, ehrlichen Umarmung. „Warte einen Moment“, sagte Elena, öffnete ihren Kofferraum und holte den Strauß Tulpen hervor. „Hier, die möchte ich dir schenken, damit du jeden Morgen daran erinnert wirst, dass die Sonne auch für dich aufgeht und der Frühling immer wiederkommt.“

Saskia nahm den Strauß fest in die Hand und ein winziger zarten Schimmer der Hoffnung kehrte in ihren Blick zurück. „Danke dir, Elena! Melde dich doch mal, ja?!“

„Das werde ich“, versprach Elena und meinte es in diesem Augenblick wirklich so.

Während Elena wenig später den Motor startete, beobachtete sie Bruno im Rückspiegel. Eine Mischung aus Demut und Erleichterung stieg in ihr auf. ‚Es ist schon seltsam‘, dachte sie, ‚da habe ich Saskia jahrelang bewundert, ja vielleicht sogar beneidet – und jetzt? Jetzt fühle ich mich fast schuldig, weil mein Leben perfekt ist, während ihres in Scherben liegt. Es ist fast so, als wäre mein unscheinbarer Weg mein größtes Glück gewesen. Schließlich musste ich keine Fassade aufrechterhalten, die irgendwann einstürzen konnte. Hoffentlich habe ich ihr mit den Tulpen eine kleine Freude gemacht.‘

Während Elena aus der Parklücke fuhr, umschloss Saskia ihr Lenkrad mit beiden Händen und schaute auf die Tulpen auf dem Beifahrersitz. ‚Die kleine, unscheinbare Elena‘, dachte sie, ‚wie konnte sie nur so … leuchten? Von innen heraus? Sie strahlte ganz anders als ich früher, nicht aufdringlich und grell, sondern authentisch. – Wie ist das nur möglich?!‘

Und so vergingen einige Wochen, in denen die beiden zwar immer mal wieder an diesen Moment in der Bäckerei zurückdachten, doch immer dann, wenn sie zum Handy greifen und der anderen schreiben wollten, war da ein innerer Widerstand und so kam es, wie es kommen musste: sie sahen sich nie wieder.

Was blieb, war nur die flüchtige Erinnerung an einen Nachmittag in einer Bäckerei und die Erkenntnis, dass manche Wege sich nur für einen winzigen Moment kreuzen, um einander etwas zu sagen, bevor man sich wieder in unterschiedliche Richtungen verliert.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!


Freitag, 1. Mai 2026

Höhenangst

In unserem Dorf hat sich vor Jahren ein Storchenpaar niedergelassen. Vor Jahren blieb einer sogar über den Winter hier und wurde von einigen Bewohnern liebevoll gefüttert. Im Jahr darauf kam zur Freude aller Nachwuchs auf die Welt. - Diese wahre Geschichte hat mich zu dieser Fantasiegeschichte geführt, von der ich hoffe, dass sie dir gefällt und du sie gerne liest. - Habt einen fantastischen 1. Maifeiertag!

Die Sonne schien herrlich an diesem Morgen im beschaulichen Dorf Klapperhausen. Die Wiesen leuchteten in einem satten Grün und die Schornsteine blitzten im Sonnenlicht. Alles war perfekt – nur nicht für Kalle, den ängstlichen Jungstorch.

Kalle saß nicht etwa stolz am Rand des riesigen Reisig-Nestes auf dem alten Kirchturm und beschaute von dort oben die Welt, nein, er drückte sich so flach in die Mitte des Nestes, dass er fast mit dem Nistmaterial verschmolz.

„Das ist eine absolute Fehlplanung!“, schimpfte er mit seinen Eltern, die er vorwurfsvoll und mit zu Schlitzen zusammengekniffenen Augen ansah. „Von allen Möglichkeiten hier im Ort musstet ihr ausgerechnet dieses Nest hier oben wählen? Warum konntet ihr mich nicht auf dem Boden unten am gemütlichen Ententeich ausbrüten? Oder in einer Garage? Versteht ihr? Unten … am Boden … wäre ich gerne geboren worden.

Mama Storch klapperte amüsiert. „Kalle, mein Schatz, du bist ein Storch, keine Ente. Störche lieben die Aussicht!“

„Ich aber nicht. Ich liebe es, am Boden zu sein und nicht in luftiger Höhe“, konterte Kalle. „Und überhaupt“, schimpfte er weiter, „diese ganze Sache mit dem Fliegen und so, die ist mir total suspekt. Die Luft hat keine Balken! Verstehst du, Mama! Die trägt mich nicht. Ich will hier sofort runter. Aber ich werde unter keinen Umständen … fliegen und diese … diese … Feder-Dinger da benutzen. Auf gar keinen Fall mache ich das.“ Dabei sah er auf seine Flügel, als handele es sich um defekte Regenschirme, die sich nicht zum Fliegen eignen.

Papa Storch hatte jedoch eine Idee. Er wusste, dass Kalle zwar ängstlich, aber auch furchtbar neugierig und ein kleiner Feinschmecker war. „Schade“, sagte er deshalb beiläufig und putzte sich eine Feder, „unten auf der Wiese, direkt am Bachlauf, hat der Bauer heute Morgen den großen Heuwender benutzt. Es wimmelt dort nur so von den dicksten, saftigsten Fröschen, die ich je gesehen habe. Aber na ja, wenn du nicht fliegen magst, musst du hier oben bleiben … ich fliege jetzt jedenfalls los und freue mich schon auf all die Delikatessen.“

Kalles Magen knurrte bei der Vorstellung so laut, dass das Nest zu vibrieren schien. Er robbte sich vorsichtig bis zum Rand und warf einen winzigen Blick über die Kante. Da sah er sie: die saftige Wiese. Und dort! War das nicht ein leckerer grüner Hüpfer?

„Ich muss da hin“, murmelte er, „aber ohne zu fliegen!“ Er stellte sich vor, am Blitzableiter herunterzuklettern oder vielleicht konnte er sich abseilen. Egal wie! Er musste nach unten. Das wurde ihm klar.

„Kalle“, sagte Mama sanft, „was wäre, wenn du gar nicht fliegst, sondern einfach losrennst? Weißt du, wie ich es meine? Du stellst dir einfach vor, dass du mit deinen langen Beinen zum gedeckten Tisch rennst. Oder noch anders. Du breitest deine Flügel aus und rutscht wie auf einer unsichtbaren Rutsche nach unten. Ich verspreche dir, dass es klappen wird und du auf diese Weise nach unten gleiten kannst.“

Schließlich war es der Hunger, der über seine Angst siegte. Kalle schloss vorsichtshalber die Augen, dachte währenddessen an den größten Frosch, den er jemals verspeist hatte, breitete seine Flügel aus und rannte los.

„Ich renne! Ich renne!“, rief er aufgeregt. „Ich renne in der Luuuuuuft!“

Und tatsächlich stürzte er nicht ab, sondern der Wind setzte sich unter seine großen Schwingen und trug ihn davon. Er glitt durch die Luft und die kühle Brise fühlte sich wie eine riesige weiche Hängematte an.

Mit einem etwas unsanften „Plopp“ landete er direkt neben einem verdutzten Frosch im weichen Gras. Kalle blinzelte. Er war unten. Er war tatsächlich unten auf dem Boden. Und: er lebte! Es war einfach herrlich!

Als seine Eltern neben ihm landeten, plusterte er sich stolz auf. „Na gut“, sagte er schmatzend, „das mit dem Runterrutschen war okay. Aber jetzt bleibe ich hier unten und werde niiieee wieder dort hinauffliegen!“

Nie wieder dauerte etwa zehn Minuten, denn ab da sah man Kalle, wie er begeistert Thermik-Kreise über dem Kirchturm drehte.

„Guckt mal“, rief er von dort oben seinen Eltern zu, ich kann fliegen wie ein Segelflieger!“

Seine Höhenangst war von einer Sekunde auf die andere verschwunden und eines war klar: von dort oben sah man die Leckerbissen einfach viel früher.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!