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Mittwoch, 30. November 2022

Fußspuren

 

Diese Reizwörter galt es, in einer Geschichte unterzubringen:

Igel, Illustrierte, ideal, intelligent, ignorieren

Regina und Lore haben diesmal leider nicht mitschreiben können, doch ihr wisst, dass ihr in ihren Blogs reichlich 'Lesefutter' findet.


Heute ist ein besonders grauer und trüber Tag. Dennoch gehe ich zum Fenster, um in den Garten zu schauen. Aber nicht, um den Novemberblues anzustimmen, sondern um die Tiere zu beobachten, die sich dort tummeln.

Als Erstes fällt mein Blick dabei auf das Vogelhäuschen, wo sich die Spatzen auf der Buchenhecke daneben in Reih und Glied aufstellen und geduldig warten, bis sie an der Reihe sind. – Sie scheinen ganz genau zu wissen, dass genügend Futter für alle da ist.

Ja und einige von ihnen trotzen der Witterung und nutzen die massive Vogeltränke, um zu baden. Klar, denke ich und muss schmunzeln, heute ist ja auch Samstag: Badetag.

Und schon huscht ein kleiner Igel hinter der Hecke hervor und nimmt zielsicher Fahrt auf Richtung Laubhaufen, den ich extra für ihn vorbereitet habe. Das ist wirklich ein idealer Ort, um es sich dort im Winter so gemütlich wie möglich zu machen.

Tiere sind schon tolle Wesen. So unterschiedlich in ihrer Art. – Aber das sind wir Menschen ja auch.

Wenn ich ein Tier wäre, würde ich gewiss auch einen Winterschlaf halten. Obwohl! Eigentlich wäre das schon schade, die kalte Jahreszeit komplett zu verschlafen. Sie birgt doch auch so manch schöne Momente.

Während ich so ins Weite schaue, frage ich mich, ob Tiere eigentlich auch Freude erfahren können und ob sie ihr Leben als lebenswert empfinden und es in vollen Zügen genießen können?

Und wie ist das eigentlich bei uns Menschen? Leben wir wirklich in der Freude? Wenn wir ehrlich sind, bleibt die doch sehr oft auf der Strecke, bei all dem, was wir so um die Ohren haben und Leben nennen: Arbeiten gehen, die Steuererklärung machen, Rechnungen bezahlen, obwohl das Geld mehr als knapp ist. Da ist die Last des Lebens oft größer, als die Freude.

Ich komme gedanklich noch einmal zurück zu den Tieren. Die meisten von ihnen sind sehr treue Wesen. Was ja nicht unbedingt auf alle Menschen zutrifft. Und wer freut sich schon so auf uns, wie unser Hund, wenn wir wieder nach Hause kommen.

Wer einen Hund hat, der weiß, wie loyal diese Tiere sind. Ihnen ist es schnurzpiepegal, ob unsere Handtasche von Gucci und unsere Schuhe von Christian Louboutin sind. Sie lieben uns, wenn wir morgens verschlafen ins Bad schlurfen und auch, wenn wir unfrisiert und im Bademantel mit ihnen nach draußen gehen. Und all seine Liebe und Treue schenkt uns ein Hund sein ganzes Leben lang und als einzige Gegenleistung erwartet er neben dem Futter ein bisschen Gegenliebe.

Gut, dass sich der Igel schon unter dem Laubhaufen versteckt hat, denke ich gerade. In diesem Moment schleicht nämlich die Katze meines Nachbarn durch den Garten. Ob man nun ein Katzenfan ist, oder nicht, diese Tiere sind für viele Menschen äußerst wertvolle Lebensbegleiter, auf die sie nicht verzichten möchten, weil sie so verspielt und verschmust sind.

Die Nachbarkatze ist jetzt allerdings auf Beute aus. Sie ist dabei voll konzentriert und lässt sich so schnell durch nichts ablenken. Aber ich hoffe natürlich, dass die Maus, die sie im Visier hat, rechtzeitig entkommt. 

Eigentlich können wir Menschen uns von so vielen Tieren eine Scheibe abschneiden. Oder? Wenn ich zum Beispiel an die winzigen Ameisen denke, ahne ich, wie intelligent sie sind. Sie wissen genau, dass sie nur im Kollektiv stark sind. Ganz schön schlau. Auf diese Weise können sie wahrlich Großes bewegen.

Aber das gilt ja genauso für uns Menschen, nicht wahr. Wir sagen so oft: „Ich allein kann sowieso nichts ändern“. Das mag so sein oder so scheinen. Auf der anderen Seite sind wir ganz schön viele! Warum nutzen wir das eigentlich nicht und schaffen gemeinsam Großes? – Vielleicht, weil wir eher gegeneinander, als miteinander unterwegs sind? Wobei doch der Fall der Mauer ein großartiges Beispiel dafür ist, was Zusammenhalt verändern und bewirken kann. Was ist – oder wäre – uns alles möglich, wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen würden? Aber wann tun wir das schon? Irgendwie ist jeder in seiner winzigen Welt gefangen; dabei macht Zusammenhalt richtig stark. Und das könnten wir uns von den Ameisen abschauen.

Ich denke noch mal an den Igel und den Winterschlaf zurück. Also, wenn das nicht das Richtige für mich ist, dann könnte ich es doch wie die Katzen halten und 12 bis 16 Stunden täglich schlafen. Also das würde mir richtig gut gefallen. Danach würde ich völlig unaufgeregt und entspannt den Tag beginnen. Aber auch das können wir Menschen uns nicht ‚leisten’. Dafür sind wir doch alle viel zu beschäftigt. Und außerdem schlafen wir oft sowieso schlecht, weil all die Dinge des Alltags uns bis in unsere Träume hinein begleiten. Ja und wenn wir endlich zur Ruhe kommen, klingelt auch schon wieder der Wecker.

In diesem Moment fliegen ein paar Krähen lautstark über mein Haus hinweg. Ich kann sie zwar nicht mehr sehen, aber ihr Krächzen immer noch hören. – Auch das sind übrigens unglaublich schlaue Tiere. Ich habe mal in einer Illustrierten gelesen, dass Krähen ganz bewusst Nüsse auf die Fahrbahn fallen lassen, damit sie von den Autos überfahren und geknackt werden. Doch die Tiere sind schlau genug, um zu wissen, dass sie dabei sehr achtsam sein müssen, damit sie später beim Fressen der Nuss nicht selbst überfahren werden. Eigentlich können wir doch auch davon lernen: Nicht über harte Nüsse jammern, sondern einen Ausweg finden.

Was wir uns nicht alles von den Tieren dieser Welt abschauen könnten. Dass man sich ausreichend Zeit gönnen sollte, um zu entspannen, zum Beispiel. Soviel Gelassenheit wie die Tiere legen wir Menschen eher selten an den Tag. Man hat wirklich den Eindruck, dass unsere Tiere im Hier und Jetzt leben – und der Mensch lebt gedanklich oft mehr in der Zukunft, als in der Gegenwart.

Ja, wir Menschen unterscheiden uns schon in vielen Dingen von den Tieren. Aber vielleicht haben wir eines gemeinsam. Vielleicht lieben Tiere wie die meisten Menschen auch Beständigkeit und wehren sich – wie wir – vehement gegen Veränderungen.  

Aber eines können Tiere im Gegensatz zu uns nicht: über den Tellerrand schauen. Aber das fällt uns Menschen ja auch oft sehr schwer. Doch eines werden wir sehr bald lernen müssen, ob wir wollen oder nicht: menschlicher, umweltfreundlicher und tierfreundlicher zu leben und zu werden. Sonst steht es echt schlecht um uns alle und um unsere Erde.

Wenn ich – bezogen auf die Erde - die Fußspuren der Tiere mit denen der Menschen vergleiche, würde ich sagen: Den Fußabdruck, den unsere Tiere hinterlassen, gleicht den Fußspuren im Sand.

Die Fußspuren, die wir Menschen hinterlassen, kommen eher denen eines Elefanten im Porzellanladen gleich. Das ist eine Tatsache, die wir nicht mehr länger ignorieren dürfen.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2022




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Mittwoch, 15. Dezember 2021

Keiner kann aus seiner Haut

Reizwörter: Angeber, Buch, radieren, wundern, braun

Bitte lest auch bei Lore und Regina


Nachdem Lisa den letzten Löffel Kaffeepulver in den Filter der Kaffeemaschine gefüllt hatte, klingelte es an der Wohnungstür.

„Nanu“, sagte sie mit einem Blick auf die Küchenuhr, „wer mag das sein zu dieser Uhrzeit?“

Eduard, ihr Mann, schaute kurz von dem Buch auf, in dem er las, und antwortete brummig: „Mach halt auf, dann weißt du’s.“

„Alter Knurrhahn!“, sagte Lisa in seine Richtung, meinte das aber gar nicht so böse, wie es vielleicht klang. Sie kannte ihren Mann ja lange genug und wusste nur zu gut, dass hinter dieser manchmal knurrigen Fassade ein lieber Karl steckte. Nur zeigen konnte er das halt nicht so gut.

„Hi, Oma, kann ich reinkommen?“, fragte Manuel, ihr Enkel, der mit einer gefütterten Winterjacke und einem dicken braunen Schal, den er sich wie eine Python um den Hals geschlungen hatte, vor der Tür stand.

„Na klar, meine Junge, komm rein!“, erwiderte Oma und öffnete die Tür weit, damit er eintreten konnte.

„Wie kommt es“, fragte Opa, während er sein Buch zur Seite legte, „dass du uns mit deinem Besuch beehrst?“

Manuel warf Jacke und Schal achtlos auf einen Stuhl, setzte sich auf einen anderen und maulte: „Mama wollte mich eigentlich mit in die Stadt schleifen, aber ich hab keinen Bock.“

„Dann schon lieber bei den Großeltern abhängen, was?!“, amüsierte sich Opa.

„Ich koch uns gerade einen Kaffee, soll ich dir eine heiße Schokolade machen?“, erkundigte sich Oma.

Manuel zögerte kurz. Eigentlich war er ja zu alt für einen Kakao, aber es sah ja keiner und lecker war er allemal, weshalb Manuel kurz nickte.

Oma schmunzelte, weil sie die Gedanken ihres Enkels erahnen konnte.

„Und, alles klar bei dir?“, wollte sie wissen.

Manuel nickte abermals.

So schnell gab Oma aber nicht auf: „Was macht die Schule, gab es vielleicht eine Arbeit zurück?“

„Ja, Mathe!“

Lisa kannte ihren einsilbigen Enkel und hakte nach: „Verrätst du uns auch deine Note?“

Plötzlich blitzte so etwas wie Wut in seinen Augen auf: „Voll unfair von der alten Meise. Ein Punkt mehr und ich hätte eine eins geschrieben. Nur weil ich aus Versehen einen Rechenweg ausradiert habe, hat sie mir einen Punkt abgezogen. Aber Patrick, dieser blöde Angeber, der hat natürlich eine eins bekommen.“

Oma und Opa wechselten einen Blick, bevor Opa fragte: „Welche alte Meise?“

„Na die Meise, meine Mathelehrerin!“

Jetzt war ihm alles klar.

„Aber ne zwei ist doch wirklich eine gute Note“, meinte Oma versöhnlich.

„Ne eins wäre aber besser!“

Ja, was sollte sie daraufhin antworten. Dieser Logik war einfach nichts entgegenzusetzen. Es war wohl besser, das Gesprächsthema zu wechseln und ihn nicht noch zu reizen, indem sie darauf hinwies, dass der Fehler nicht bei der Lehrerin, sondern bei ihm selber lag.

„Möchtest du meine Kekse probieren, die ich heute morgen gebacken habe?“, fragte sie einlenkend.

Jetzt leuchteten Manuels Augen und Oma freute sich, dass in diesem Moment der kleine Junge aufblitzte, den sie am liebsten immer noch auf den Schoß nehmen und knuddeln würde.

Lisa stellte die Kekse, den Kaffee und den Kakao auf den Tisch und zündete eine Kerze an. Doch gerade, als es so richtig gemütlich werden wollte, erkundigte sich Manuel, ob er mit seinem Kakao und den Keksen ins Wohnzimmer gehen und etwas im Fernsehen schauen dürfte.

Lisa nickte und verbarg ihre winzige Enttäuschung. Sie hätte halt gerne ein bisschen mehr von ihrem Enkel und seinen Sorgen, aber auch von seinen Freuden, erfahren. Aber so war es auch okay!

Eduard sah seiner Frau ihre Enttäuschung an der Nasenspitze an: „Du hast es schon nicht leicht mit deinen Männern, aber irgendwie stimmt wohl das bekannte Sprichwort, dass wir alle nicht aus unserer Haut können.“

Anstatt dem zuzustimmen, äußerte Lisa Bedenken.

„Weißt du“, begann sie, „es ist ganz schön einfach, zu sagen: Ich bin halt so, wie ich bin, oder - wie du sagst - man kann halt nicht aus seiner Haut. Manchmal schieben wir es auch auf die Gene. Ist halt vererbt. Aber ist es wirklich so einfach?“

„Wie meinst du das?“

„Ich meine, dass all diese Aussagen einerseits zwar logisch und nachvollziehbar klingen, aber dass es andererseits natürlich so ist, dass man sich gar nicht darum bemühen muss, etwas zu ändern, weil man halt nichts dagegen unternehmen kann, nicht wahr?“

Eduard schaute in seine Kaffeetasse und Lisa huschte ein Lächeln über das Gesicht. Ertappt, könnte man sagen!

„Wenn man mal darüber nachdenkt“, sprach sie weiter, „könnte man zu der Erkenntnis kommen, dass dies alles nur Ausreden sind, die die Menschen vielleicht sogar an ihrer Weiterentwicklung hindern.“

Nach einer Pause fuhr sie fort: „Ich denke, dass wir unseren Eigenarten nicht ausgeliefert sind. Klar haben wir durch unsere Kindheit und Erziehung und vielleicht auch über unsere Gene etwas von unseren Eltern mitbekommen oder übernommen, aber ….“

„… sag ich doch“, unterbrach Eduard sie trotzig, „man kann nicht aus seiner Haut.“

Lisa wurde ein bisschen sauer, als sie weiter sprach, „… aber ist das nicht eine perfekte Ausrede? Wenn ‚man’ es nicht ändern kann, steht es ja fest, dass es niemand kann. Was für ein Glück! Die perfekte Ausrede ist gefunden und ‚man’ muss sich gar nicht erst um eine Veränderung oder Verbesserung bemühen. Aber dann muss ‚man’ sich auch nicht wundern, dass ‚man’ zeitlebens in einer Art ‚Opferrolle’ verharrt.“

Wieder schwieg Lisa eine Weile, um ihrem Mann Gelegenheit zu geben, über das Gesagte nachzudenken. Erst dann sprach sie weiter.

„Weißt du, womit die erste Veränderung beginnen würde?“

Eduard sah sie fragend an.

„Damit, dass man das Wort ‚man’ durch das Wort ‚ICH’ ersetzt. Und ICH kann sehr wohl an mir arbeiten und dadurch Veränderungen herbeiführen.“

„Ach weißt du, Lisa“, meinte Eduard daraufhin etwas bedröppelt, „ich glaube, bei mir ist in dieser Hinsicht der Zug abgefahren. Ich bin zu alt, um mich und meine Eigenheiten noch zu ändern und du kommst doch auch so wie ich bin ganz wunderbar mit mir aus!“

„Ach, mein alter Brummelbär, bei dir scheint wirklich Hopfen und Malz verloren!“, lachte Lisa und rutschte etwas dichter an ihren Mann heran, um ihm einen Kuss zu geben.

In dem Moment erschien ihr Enkel im Türrahmen und konnte es nicht fassen. Oma küsste Opa! Wie peinlich war das denn?!

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021

 


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Freitag, 15. Oktober 2021

Warum ist Oma schrumpelig?

 Reizwörter: Feuerwehrauto, Bier, wachsen, schnappen, schrumpelig

 Meine 'Mitschreiberinnen': Lore und Regina

 

Heute bin ich bei Oma und Opa, weil Mama arbeiten muss und der Kindergarten geschlossen ist.

Ich gehe gerne in den Kindergarten, aber bei Oma und Opa ist es auch klasse. Ich mag die beiden. Besonders meinen Opa. Der kann mir nämlich nichts ausschlagen. Sagt Oma immer. Stimmt auch. Weil ich hab mir nämlich von Opas Dackel Purzel den Blick abgeschaut. Und wenn ich Schokolade möchte, setze ich meinen Purzel-Blick auf und frage Opa. Nicht Oma. Weil die kann auch ‚Nein‘ sagen.

„Hast du dem Jungen schon wieder Schokolade gegeben?“, hallt es durch die Küche.

Das verstehe ich nicht, ich hab doch nix verraten. Woher weiß sie, dass ich Schoki hatte?

„Komm mal her mein Junge. Du hast schon wieder einen Schokoladenbart.“

Ah, daher weht der Wind. Keine Ahnung, woher der immer kommt.

„Opa“, frage ich, „gehst du mit mir auf den Spielplatz?“

„Na klar, mein Junge“, antwortet er, „aber lass mich zuerst die Zeitung zu Ende lesen.“

Das ist auch so ein Ding. Opa und seine Zeitung.

„Na gut“, sage ich und spiele noch ein bisschen mit meinem Feuerwehrauto.

Nach einer Weile steht Opa von seinem Stuhl auf.

„So, mein Junge, jetzt können wir los. Wollen wir Oma auch mitnehmen?“

Bevor ich antworten kann, kommt mir Oma zuvor: „Na klar nehmt ihr mich mit. Ihr zwei macht doch sonst nur Blödsinn, nicht?“

Schade, denke ich, denn auf dem Rückweg vom Spielplatz gibt es bestimmt ein Eis. Wir kommen nämlich genau an einer Eisdiele vorbei. Und mit Opa alleine hätte ich vielleicht zwei Kugeln herausschlagen können. So bekomme ich bestimmt nur eine. Aber immerhin.

Purzel muss eine Weile alleine klar kommen und wir drei gehen Richtung Spielplatz.

Wir sind kaum ein paar Schritte gegangen, da bleiben wir schon wieder stehen. Opa hat nämlich seinen Nachbarn getroffen und die beiden sprechen über Fußball. Ich mag auch Fußball spielen, aber da zu stehen und den beiden zuzuhören ist echt langweilig. Deshalb zupfe ich an Opas Jacke, um ihm zu zeigen, dass ich weitergehen möchte. Doch der bleibt einfach stehen und ignoriert mich. Da muss ich schnellstens Stufe Zwei schalten.

„Du Opa“, quatsche ich einfach dazwischen, „warum hat der Mann so einen dicken Bauch? Ist da ein Baby drin?“

Oma lacht laut auf. Aber eigentlich ist ihr die Sache ganz schön peinlich. Das weiß ich genau. Und ich weiß auch, dass in dem Bauch gar kein Baby ist. Da ist höchstens Bier drin. Das hat mir mein Papa nämlich schon erklärt.

Aber egal, der Mann guckt ziemlich verdutzt. Dann lacht er auch. Und Opa? Ja, der drängt plötzlich zum Weitergehen. Na also. Geht doch!

Oma und Opa setzen sich auf eine Bank und ich gehe schaukeln und rutschen und dann spiele ich im Sand. Mit einem Mädchen. Ich spiele zwar lieber mit Jungs, aber Mädchen sind manchmal auch okay. Dieses hier ist ganz okay.

Die Mama von dem Mädchen sitzt auf der Bank neben Oma und Opa und schaut immerzu auf ihr Handy. Die passt gar kein bisschen auf uns auf. Oma schaut immer, was wir gerade machen. Das find ich gut.

In dem Moment sieht das Mädchen zu meiner Oma und fragt ziemlich laut: „Warum ist deine Oma eigentlich so schrumpelig?“

„Kindermund tut Wahrheit kund!“, lacht Opa, als Oma nach Luft schnappt. Doch dann kommt er zu uns und erklärt dem Mädchen, dass Omas Falten zeigen, dass sie schon viele schöne Dinge in ihrem Leben erlebt hat. „Und wenn sie in den Spiegel schaut“, führt er weiter aus, „kann sie sich immer an diese schönen Momente erinnern.“

Das ist ganz schön nett von meinem Opa, finde ich.

Als er wieder zurück geht zur Bank, weiß er noch nicht, dass das Mädchen auch ihn auf dem Kieker hat. Prompt platzt sie nämlich mit der nächsten Frage heraus: „Warum ist dein Opa so dick?“

Ich will gerade darauf antworten, dass es mit dem Bier zu tun hat, das Opa gerne trinkt, da dreht er sich um und kommt zu uns zurück. Natürlich hat er die Frage gehört und ich glaube, Oma ist auch schon ganz gespannt, was Opa daraufhin sagen wird. Sie sieht nämlich ziemlich amüsiert aus.

Opa antwortet mit einer Gegenfrage: „Warst du schon einmal in einem Wald?“

Das Mädchen nickt und Opa sagt: „Dann hast du bestimmt gesehen, dass es im Wald dicke und dünne Bäume gibt, nicht wahr?“

Wieder nickt das Mädchen.

„Siehst du und so ist das auch mit den Menschen. Es gibt dicke Menschen und dünne Menschen und das ist völlig okay so.“

Ich bin stolz auf meinen Opa. Der hat nämlich auf jede Frage eine Antwort.

Aber dann wird es mir zu langweilig. Außerdem bekomme ich Hunger. Auf die Nudeln, die Oma mir versprochen hat, aber ganz besonders auf das Eis.

In dem Moment ruft Oma auch schon, dass wir gehen müssen.

Als wir an der Eisdiele ankommen, fragt Opa: „Möchtest du wieder eine Kugel Erdbeer?“

Ich versuche es erst gar nicht, eine zweite Kugel herauszuschlagen und nicke.

Opa nimmt auch nur eine Kugel. Aber Himbeer. Und Oma nimmt gar kein Eis. „Wegen der Linie“, sagt sie und ich denke, dass ich irgendwann mal fragen muss, welche Linie sie meint. Aber jetzt interessiert mich gerade etwas anderes und ich frage: „Du Opa, warum heißen Erdbeeren eigentlich Erdbeeren?“ Ich bin so gespannt, ob er auch das weiß.

„Na das ist doch ganz einfach“, antwortet er prompt, „weil sie unten auf der Erde wachsen.“

Ich sag ja, mein Opa weiß einfach alles.

Und nun muss ich auch gar nicht mehr fragen, warum Himbeeren Himbeeren heißen, weil das ist ja jetzt klar, schließlich wachsen sie hoch oben – nahe am Himmel.

© Martina Pfannenschmidt, 2021



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Montag, 30. August 2021

Wolkenschloss

 

Reizwörter: Schatz, Kutsche, kratzen, maulen, steinreich

Auch bei Lore und Regina könnt ihr Geschichten mit diesen Reizwörtern lesen.


„Du, Opa …“, begann ich meine Frage, während ich bäuchlings auf dem Rasen lag und Ameisen bei ihrer Arbeit beobachtete.

„Jepp!“, kam bald darauf von Opa aus Richtung Hollywoodschaukelä<<<<<<<<<hähÄ, in der er saß und in einer Fußballzeitschrift las.

Ich mag meinen Opa sehr und ich glaube, er mag mich auch sehr, denn für niemand anderen hätte er in diesem Augenblick seine Zeitschrift aus der Hand gelegt. Nicht einmal für Oma.

„Du Opa“, wiederholte ich, „warum arbeiten Ameisen eigentlich den ganzen Tag?“

Opa kratzte sich hinter dem rechten Ohr und antwortete: „Du, frag sie doch?“

Was war das denn für ein Vorschlag?

„Opa“, rief ich, „das sind Ameisen!“

„Na und?“

„Nee, das ist mir zu blöd. Außerdem verstehen die mich doch sowieso nicht.“

„So, und woher willst du das wissen, du Schlaumeier, wenn du es nicht einmal versuchst?“

„Ich kann es mir einfach nicht vorstellen“, antwortete ich etwas genervt.

„Siehst du, genau das ist das Problem. Stell es dir doch einfach mal vor. Dann ist nämlich so einiges möglich“, meinte Opa und erzählte gleich darauf weiter: „Weißt du, als ich so jung war wie du jetzt, lag ich auch oft auf der Wiese. Aber anders herum.“ Opa machte mit der rechten Hand eine kreisende Bewegung. „Also ich lag auf dem Rücken und schaute Richtung Himmel. Ich habe es geliebt, in den Himmel zu schauen. Das mache ich heute übrigens auch noch gerne. Ja und da kann man sich so allerhand Spannendes ausmalen.“

„Und was soll das Spannendes sein?“, maulte ich ein bisschen herum, weil ich mir einfach nicht vorstellen konnte, was dort oben Interessantes zu sehen sein sollte, außer vielleicht einer Wolke oder einem Flugzeug – und das sagte ich Opa auch.

„Wie, dort oben ist nichts Interessantes zu sehen?“, fragte Opa daraufhin entsetzt zurück.

Dann erhob er sich und kam zu mir auf den Rasen. Wir legten uns beide auf den Rücken und sahen in den Himmel.

„Aber schau dir doch nur diese Wolke dort oben an“, bat er mich, „die hat doch einen Rüssel und vier dicke Beine, einen großen Kopf und einen riesigen Körper. Das ist doch eindeutig ein Elefant. Das sieht man doch ganz deutlich.“

„Hm“, machte ich, „mit ganz viel Fantasie ist es vielleicht ein Elefant.“

„Die Jugend von heute“, schmunzelte Opa, „euch fehlt es wirklich an Vorstellungsvermögen. Dabei ist es doch so aufregend, was man alles mithilfe der Fantasie erleben kann.“

„Und was soll das bitte Aufregendes sein?“, fragte ich, während ich gelangweilt die dicke Wolke betrachtete.

„Pass auf, wir stellen uns jetzt einfach mal vor, dass wir beide uns auf diesen Elefanten setzen und mit ihm weiterziehen. Wo möchtest du denn mal hin?“

Ich antwortete nicht sogleich, sondern überlegte zuerst. Schließlich hatte Opa mir gerade vorgeworfen, keine Fantasie zu haben. Das wollte ich auf keinen Fall auf mir sitzen lassen.

„Wir könnten zu meiner Schule fliegen“, antwortete ich verschmitzt, „und dann setzt sich der dicke Elefant aufs Dach und macht die ganze Schule platt.“

Ich grinste breit und war auf Opas Reaktion gespannt.

„Mensch Junge, du hast ja doch Fantasie“, lachte er, „aber wie wäre es, wenn wir stattdessen in den Orient reisen und Ali Baba beim Holzfällen beobachten oder zuschauen, wie es ihm gelingt, eine vierzigköpfige Räuberbande zu bezwingen …“

Ich fiel Opa ins Wort: „… oh ja, und dann holen wir uns den Schatz aus der Felsenhöhle und kommen steinreich zurück.“

„Siehste, mein Junge, geht doch!“ Opa freute sich. „Du hast ja doch Fantasie. Aber schau nur, unser Elefant ist gar nicht mehr da. Er hat sich in der Zwischenzeit verwandelt.“

Ich sah es auch ganz deutlich. Die Wolke hatte sich zu einer prächtigen Kutsche gewandelt.

„Komm, Junge, wir ziehen uns goldene Kleider an und schauen, wohin uns die Kutsche bringt.“

„Bestimmt bringt sie uns zu einem Wolkenschloss“, rief ich eifrig.

Es dauerte auch nur eine Sekunde und ich saß neben Opa in unserer prächtigen Wolkenkutsche. Wir rasten nur so dahin, denn unsere Kutsche wurde von tausend Pferden gezogen. Die konnte natürlich niemand sehen, außer mir. Nun, vielleicht mein Opa noch, aber sonst niemand.

Wir waren so schnell unterwegs, wie ein Überschallflugzeug und ich hielt mich auf der einen Seite an meinem Opa und auf der anderen an einem goldenen Griff fest. Doch dann passierte es dennoch. Ich konnte mich nicht mehr halten und fiel aus der Kutsche direkt auf eine dicke weiße Wattewolke unter mir, die mich behutsam zurück nach Hause brachte.

Ich sah von dort oben, dass Oma aus dem Haus kam und leckere Himbeertorte auf den Tisch stellte. Deshalb bat ich die Wolke, mich in Opas Garten abzusetzen. Schließlich ist es noch viel besser, als in der Fantasie mit einer Kutsche zu reisen oder einen Schatz zu heben, in der Wirklichkeit mit Oma und Opa zusammen Himbeertorte mit ganz viel Schlagsahne zu essen.

Aber Moment einmal, Opa war ja noch gar nicht zurück! Und dann sah ich ihn. Er saß immer noch hoch oben in der Wolkenkutsche und winkte mir zu.  

© Martina Pfannenschmidt, 2021

 


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Freitag, 15. Januar 2021

Das Treffen der Monate

Heute ist der 15. Januar und die erste Geschichte des neuen Jahres geht an den Start.

Ich hoffe sehr, dass ihr alle gesund seid und freue mich über euren Besuch. 

Wir (Lore, Regina und ich) haben vereinbart, dass wir in nächster Zeit zwei Geschichten pro Monat einstellen werden, und zwar wie gewohnt am 15. eines Monats und zusätzlich am 30..

Schaut doch bitte auch, welche Geschichten Lore und Regina zu den nachfolgenden Reizwörtern geschrieben haben!

Reizwörter: Trennung, Gemurmel, spürbar, überflüssig, wahrnehmen


Das Jahr 2020 hatte all seine Monate zu einem unerwarteten Zusammentreffen geladen. Das war ein Geraune und Gemurmel, als sie aufeinander trafen.

Doch als das Jahr seine Stimme erhob und um Stille bat, konnte man eine Stecknadel fallen hören.

„Ihr Lieben“, hob es an, „ich freue mich, dass Ihr meiner Einladung gefolgt seid. Sicher fragt Ihr Euch, weshalb wir heute hier zusammen gekommen sind.“

Niemand traute sich, darauf etwas zu erwidern, war doch die Anspannung des Jahres für alle spürbar.

„Wir sind hier zusammen gekommen“, fuhr es deshalb fort, „weil die Menschen sich über mich bzw. uns beklagt haben. Sie sagen, das Jahr 2020 wollen sie so schnell es geht vergessen, weil es ein furchtbares und schreckliches Jahr war. Ich muss sagen, das trifft mich hart. Und deshalb frage ich mich, was können wir alle in diesem gerade begonnenen neuen Jahr anders machen und verbessern?“

Zunächst herrschte betretenes Schweigen. Die Monate sahen sich gegenseitig etwas verlegen an. Doch dann erhob sich der frostige Januar.

„Also“, begann er mutig, „ich bin dem Gott des Anfangs und des Endes gewidmet und so kann ich mit meinen zwei Gesichtern sowohl in die Vergangenheit, als auch in die Zukunft schauen.“

„Und“, fragte das Jahr erwartungsvoll, „was siehst du für die Zukunft?“

„Nun, die Zukunft liegt wie immer hinter einem Schleier verborgen. Das mag daran liegen, dass es von den Entscheidungen der Menschen abhängt, wohin sich ihr eigener, aber auch der Zustand der Welt, entwickelt.“

„Soso, das ist sehr interessant, was du da sagst. Du meinst also, es liegt gar nicht an mir oder an uns, dass das vergangene Jahr für die Menschen nicht so lief, wie erhofft?“

„Das denke ich“, antwortete der Januar und setzte sich wieder.

„Möchtest du auch etwas sagen?“, fragte das Jahr den Kleinsten in der Runde.

„Also, ich glaube, mich haben die Menschen im vergangenen Jahr sehr gemocht, zumal ich ihnen ja einen Tag mehr geschenkt habe, als in den drei Jahren zuvor. All diejenigen, die am 29. Februar Geburtstag hatten, freuten sich über mein Erscheinen.“

„Soso“, erwiderte das Jahr abermals, „dann kann es ja nicht an dir gelegen haben, dass das Jahr 2020 einen solch schlechten Ruf hat.“

„Na, ich weiß nicht so recht“, entfuhr es dem März etwas schnippisch. „Ich glaube, manche Menschen finden den 29. Februar völlig überflüssig. Schließlich bedeutet er für sie noch einen Tag Arbeit mehr.“

So langsam dämmerte es dem Jahr. Es hatte den Anschein, als könne man es den Menschen schwerlich recht machen. Doch er wollte in jedem Fall noch hören, was die anderen Monate zu berichten hatten.

„Danke für deinen Einwand, März. Vielleicht möchtest du noch ein bisschen erzählen, wie es dir denn so ergangen ist.“

„Irgendwie scheine ich der Bösewicht des Jahres zu sein“, meinte er daraufhin verärgert. „Im März kam es nämlich zum ersten Lockdown des Jahres. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie sauer die Menschen waren? Ich habe das schon früh zu spüren bekommen.“

„Aber sonst freuen sich die Menschen doch immer auf dich. Es wird wieder heller und wärmer, die ersten Blümchen zeigen sich“, warf das Jahr ein.

„In anderen Jahren war es so“, entgegnete der März zustimmend, „aber im vergangenen Jahr war es ganz anders. Viele Menschen haben all dies aus Angst oder Ärger gar nicht wahrnehmen können.“

„Danke, März, für deine Einschätzung. Lieber April, wie ist es dir ergangen? Magst du uns davon erzählen?“

Der April machte eine abweisende Bewegung. „Mich mochten die Menschen schon gar nicht. Nicht nur, dass sie sich über das typische Wetter beklagten, dass ich in jedem Jahr im Gepäck habe. Nein, im Jahr 2020 kam die Maskenpflicht zu dieser Zeit. Ich kann also sagen: besonders beliebt war ich nicht.“

„O je, o je! Und du, lieber Mai, was hast du zu berichten?“

Und so erhob sich der Mai und verkündete mit stolz geschwellter Brust, dass sich die Menschen nichts sehnlicher gewünscht hatten, als das er auf der Bildfläche erschiene und den garstigen Monaten und dem Virus den Garaus machte.

„Wenn ich erscheine, freuen sich die Menschen immer, weil es wärmer wird und bunter und weil die Tage wieder länger werden“, jubilierte er selbstbewusst.

Das brachte natürlich den März und den April auf: „Wie kannst du so etwas sagen“, fuhren sie ihn an. „Auch wir gehören zu den Frühlingsmonaten.“

„Mag sein“, erwiderte der Mai von oben herab, „aber Ihr müsst schon zugeben, dass ich es bin, der dem Frühjahr seinen Glanz verleiht.“

„Eingebildeter Fatzke!“, entfuhr es dem März.

„Nun, wir sollten uns nicht streiten“, rief das Jahr energisch dazwischen, „dazu ist die Lage viel zu ernst.“

Der Mai schien jedoch den Eindruck gewonnen zu haben, dass man ihn noch nicht gebührend gewürdigt hatte, weshalb er ungeachtet des Einwurfes weiter redete.

„Mich bezeichnet man als Wonnemonat. Das zeigt doch schon, dass ich der wichtigste Monat im Frühjahr, wenn nicht im ganzen Jahr bin. Bei mir steht alles in Blüte und es gibt schon jede Menge Sonnentage!“

„Hör auf, du Angeber“, erzürnten sich nun die Sommermonate. „Zu keiner Zeit ist es schöner und wärmer, als im Juni, Juli und August!“

„Schluss!“, fuhr das Jahr dazwischen. „Wir sind nicht hier, um uns zu streiten, sondern um jeden zu Wort kommen zu lassen. Schließlich wollen wir ja im neuen Jahr vieles anders und besser machen.“

„Besser machen?“, begehrten die Herbstmonate auf. „Was sollen WIR denn besser machen? Wir tun doch nur unsere Arbeit. Wir tragen ganz gewiss nicht die Schuld daran, wenn ein Jahr für die Menschen nicht so lief, wie sie es sich erhofft haben. Und noch etwas: anstatt dass sie dankbar sind über die Unterschiede, die jeder von uns bei sich trägt, schimpfen sie oft über einen von uns. Keine Jahreszeit scheint es ihnen recht machen zu können.“

Die anderen nickten zustimmend. Dann ergriff der Dezember das Wort.

„Ich würde gerne noch etwas sagen“, hauchte er, um seine Kälte nicht im ganzen Raum zu verteilen. „Im Dezember feiern die Christen Weihnachten. Doch im vergangenen Jahr war alles anders, als in all den Jahren zuvor, weil die Menschen erkannten, dass die wichtigsten Geschenke nicht unter dem Baum lagen, sondern mit ihnen am Tisch saßen. Das Gefühl hat sehr vielen in den Jahren zuvor gefehlt. Außerdem hat ihnen die Trennung von lieben Menschen an den Weihnachtstagen gezeigt, wie wichtig Familie und Freunde doch sind.“

Nach den Ausführungen des Dezembers war es unter den Monaten sehr still geworden. Sie erkannten, dass auch sie zusammen gehören, wie eine große Familie. Niemand stritt mehr. Jeder freute sich an dem anderen.

„Nun, ich denke, es ist alles gesagt“, beendete das Jahr das Treffen, „nur noch eines möchte ich zu bedenken geben: ich habe den Eindruck, dass das Ende oder der Anfang eines Jahres eine gute Gelegenheit bieten, um über das Leben nachzudenken. Vielleicht ist es einigen Menschen am Silvesterabend klar geworden, dass ein ganzes neues Jahr vor ihnen liegt. Ein Jahr mit weiteren 12 Monaten, mit 365 Tagen, die es nicht nur zu überstehen, sondern zu (er)leben gilt!“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021

 


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Sonntag, 15. November 2020

Die Zeiten sind schwierig

Reizwörter: Wärmflasche, Stillstand, versorgen, weinrot, schräg

Bei Lore und Regina findet ihr weitere Geschichten zu diesen Reizwörtern.

 

Gestern habe ich meine Oma besucht. Ich dachte mir, bevor noch mehr zum Stillstand kommt und ich sie vielleicht für eine längere Zeit nicht sehen darf, mach ich das noch schnell. – Nee, so nicht. Also, ich besuche meine Oma nicht ‚schnell‘, sondern gerne und immer mit großer Freude.

Wenn ihr euch nun meine Oma vorstellt, so denkt nicht an eine alte,   grauhaarige und hagere Person. Das ist sie nämlich nicht. Sie kann sich noch sehr gut selbst versorgen und außer ihrer weinroten Wärmflasche gegen ihre kalten Füße benötigt Oma keine weiteren Hilfsmittel für ihr Wohlbefinden.

Sie ist auch nicht verschroben oder ‚schräg‘ drauf; aber eine Person mit eigener Meinung, das ist sie durchaus.

Nun, gestern war ich also bei ihr und Oma war echt in ‚Fahrt‘. Das sieht dann so aus, dass sie redet wie ein Wasserfall und man denkt, man bekommt sie gar nicht mehr gestoppt.

„Was ist los mit dir?“, fragte ich sofort nach der Begrüßung, da ich ihr an der Nasenspitze ansah, dass sie sich über etwas geärgert hatte.

„Schau dir das an“, bat sie mich und legte mir ihr Handy vor die Nase, damit ich mir ein Video ansehen konnte. Währenddessen legte sie schon los: „Jeder kennt momentan wirklich nur ein Thema und jeder scheint besser zu wissen, wie wir das Schiff durch diesen Sturm navigiert bekommen.“

Das fand ich schon mal einen guten Vergleich. Ja, es ist ziemlich stürmisch da draußen und das beziehe ich jetzt nicht nur auf das Wetter, sondern auch und besonders auf die allgemeine Lage.

„Weißt du, was mich echt aufregt?“, wollte sie von mir wissen, ohne natürlich auf meine Antwort darauf zu warten. „Der eine schiebt es auf den anderen. Weißt du, wie ich meine?“ Ich nickte nur, weil ich wusste, dass ich nicht dazwischenreden sollte. „Ja, also, wenn DIE sich nicht SO verhalten hätten und die anderen SO, also kurzum, wenn sich einfach ALLE anderen SO verhalten hätten, wie ICH, hätte dieses furchtbar schlimme Virus gar keinen Boden mehr und wäre längst weg oder erst gar nicht da - und … ?“, an dieser Stelle machte sie eine künstliche Pause und setzte ein großes Fragezeichen, „weshalb soll das Virus so schnell wieder gehen, wie es gekommen ist? Na, was denkst du, weshalb?“

Ich dachte mir schon etwas, doch Omas Gedanken nahmen eine ganz andere Richtung. Außerdem fand sie die Bremse wieder einmal nicht und fuhr schon fast bei Rot über die Ampel, weshalb ich lieber schwieg, während sie fortfuhr: „Weil alles bitte so bleiben soll, wie es war. Wir wollen uns und unser Verhalten nämlich nicht verändern. Wir wollen es genauso haben, wie es war. Wir alle. Und wir wollen schneller, weiter, höher und vor allen Dingen von allem noch ein bisschen mehr. Wir wollen uns keine Gedanken machen darüber, wie es unseren Mitmenschen, den Tieren, dem Meer, der Natur geht. Wir wollen weiterhin mehrmals im Jahr in den Urlaub fahren und uns nicht darum kümmern, wie wir die Welt für unsere Nachkommen hinterlassen. Wir wollen, dass alles so bleibt, weil es bequem ist und wir es uns in unserem Leben gerade so schön gemütlich eingerichtet haben. Etwas verändern? Das können ja die anderen tun, auf die wir mit dem Finger zeigen und uns damit eine weiße Weste verschaffen. Weißt du, wie ich meine?

Wahrscheinlich fragst du dich jetzt, was das denn alles mit dem Virus zu tun haben soll. Ich sage es dir: Was, wenn das Virus da ist, weil es uns etwas zu sagen hat? Was, wenn es uns wachrütteln soll und uns vor Augen führen soll, wohin wir das Schiff ‚Erde‘ und damit uns alle navigiert haben?“

Ich wusste genau, was sie mir sagen wollte und auch, dass das Gewitter noch nicht vorbei war und ich noch schweigen sollte.

„Der Mensch da in dem Video schimpft über die Politiker im Allgemeinen und unsere Kanzlerin im Besonderen. Gut, ich kann auch nicht alles nachvollziehen, was dort beschlossen wird. Doch weißt du, was ich mich noch frage? Was würde genau dieser Mensch an der Stelle eines Politikers im Bundestag tun? Er würde genauso Fehler machen und wäre ebenso überfordert mit dieser Situation. Aber dennoch denke ich, dass jeder doch zumindest bemüht sein wird, an seinem Platz und für uns alle sein Bestes zu geben und dass alle Verantwortlichen uns Menschen im Blick haben und dass sie dazu fähig und bereit sind, positive Veränderungen herbeizuführen.“

Oma legte eine Pause ein. Aber nicht, dass ihr denkt, das war es schon. Nee, Oma musste nur einen Schluck Wasser trinken. Ihre Kehle war wohl schon ganz trocken geworden.

„Weißt du, Melissa“, und ihre Stimme klang in diesem Moment fürsorglich und ich merkte, das Schlimmste war vorüber und Oma fände zu ihrer gewohnten Ruhe zurück, „ich weiß ja, dass es auch nicht richtig ist, dass ich mich jetzt so aufrege. Damit sage ich ja genau wie dieser Mann dort, dass ich etwas als nicht richtig empfinde – und genau das möchte ich gar nicht. Ich frage mich allerdings ernsthaft, warum ist das Virus da? Und das weltweit? Wir werden ganz schön in unsere Schranken gewiesen, wie ich finde und deshalb muss doch irgendwie ein tieferer Sinn hinter all dem stecken.

Sollen wir vielleicht alle einmal ‚herunterkommen‘ von unserem hohen Ross und innehalten? Sollen wir geradezu zur Ruhe ‚gezwungen‘ werden, um uns nicht mit allen möglichen Dingen abzulenken, sondern in uns hineinhören, ob wir überhaupt noch auf dem richtigen Weg sind? Jeder für sich auf seinem eigenen persönlichen Weg und wir alle weltweit?“

Kleine Pause.

„Es hat für mich den Anschein, als käme alles einmal auf den ‚Prüfstand‘“, fuhr sie fort, „und ich bin gespannt, was von dem, was für uns gang und gäbe war und ist, ‚nach Corona‘ noch seinen Platz haben wird. Und ich glaube, dass Angst unser größter Feind ist in dieser Zeit. Wäre es stattdessen nicht sinnvoll, wieder ins Vertrauen zu kommen? Vertrauen darin, dass alles seinen höheren Sinn hat und das wir erkennen dürfen, dass wir den ‚großen Plan‘, der hinter allem steht, eben nicht kennen.“

Nach einer Weile fuhr sie fort: „Uns ging es niemals so gut, wie in den letzten Jahrzehnten. Und wir sollten uns vielleicht mal fragen, ob wir das überhaupt noch zu schätzen gewusst haben. Wir haben vielleicht zu Vieles als gegeben hingenommen, ohne groß darüber nachzudenken. War uns eigentlich klar, dass wir alle dazu beitragen müssen, wenn sich etwas verbessern oder Gutes erhalten bleiben soll? Oder hat jeder nur an sein eigenes Wohl gedacht und sein eigenes Süppchen gekocht? – Und war und ist uns eigentlich gar nicht klar, dass wir zwar unseren freien Willen geschenkt bekommen haben, dass es aber dennoch Grenzen für uns gibt und uns ‚von oben‘ Einhalt geboten werden wird, wenn wir unseren Planeten an den Abgrund bringen?

Wir alle sollen zueinander Abstand halten in dieser Zeit. Das ist das oberste Gebot der Stunde. Aber ist es nicht so, dass der eigentliche Abstand zwischen uns viel größer ist, als der geforderte? Denken und empfinden wir uns überhaupt als Einheit, als weltweite menschliche Gemeinschaft? Sind wir uns eigentlich dessen bewusst, dass wir alle miteinander und untereinander verbunden sind und nur miteinander gute Veränderungen herbeiführen können?“

Oma stand auf und holte eine Zeitschrift. „Darf ich dir daraus etwas vorlesen?“

„Na klar“, antwortete ich, während Oma eine Seite aufschlug und vorzulesen begann *): „Jedes Jahr wieder bin ich beeindruckt von dem Schauspiel, das sich in diesen Wochen im Wald abspielt. Wie verabredet erscheinen tausende von Pilzen in allen Farben und Formen an der Oberfläche. Es sind die Fruchtkörper eines großen Organismus, der die meiste Zeit des Jahres im Verborgenen existiert. Wenn die Zeit dafür reif ist, drängen alle mit ihren Schirmchen ans Licht. Das Pilzmyzel ist das Überlebenskonzept des Waldes. Die zarten Hyphen verbinden sich mit den Würzelchen der Bäume, so dass sich die Bäume unterirdisch die Hand reichen und miteinander kommunizieren können. Der Wald hält zusammen. Jeder einzelne Baum weiß, dass sie nur gemeinsam ein Klima erschaffen können, das ihr Fortbestehen ermöglicht. Gerade in diesem heißen und trockenen Sommer war das überlebensnotwendig. Und genau das empfinde ich auch gerade in meinem Umfeld. Ich spüre deutlich ein Netzwerk von Menschen, die in die gleiche Richtung schauen und sich gegenseitig unterstützen. Die Zeiten sind schwierig, niemand kann voraussagen wie und was noch alles kommen wird. Es herrscht dieses mulmige Gefühl vor, dass man nicht weiß, wie das eigene Business und Leben von einer wie auch immer gearteten höheren Macht bestimmt wird. Und doch sitzen wir in dieser prekären Situation alle in einem Boot. Wir können zetern und schreien und Panik machen oder uns die Hand reichen, uns unterstützen, nacheinander schauen und uns unter die Arme greifen. Es ist eine typische Reaktion, dass der Zusammenhalt wächst, wenn eine Gemeinschaft unter Druck gerät. Auch wir wissen instinktiv, dass wir gemeinsam besser durch Krisen kommen als allein. Ich wünsche mir, dass mit den Pilzen auch ganz viele menschliche Netzwerke sichtbar und spürbar werden und wir die nächsten Monate gut überstehen, damit es im nächsten Frühjahr konsolidiert und mit neuen kreativen Ideen weitergehen kann.“

Oma legte die Zeitschrift wieder aus der Hand und ich nickte zustimmend.

„Die kommenden Wochen, Monate, ja vielleicht sogar Jahre werden zeigen, inwieweit wir bereit sind, die Veränderungen, die kommen müssen, auch wirklich umzusetzen. Hand in Hand und mit einem großen Vertrauen in das göttliche Wirken UND gemeinsam werden wir es schaffen, aber nicht einer gegen den anderen.“

Dem war von meiner Seite aus nichts mehr hinzuzufügen.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2020 

*) Es handelt sich dabei um Worte und Gedanken von Anita Maas.

 


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Montag, 10. Juni 2019

Nur ich und meine Gedanken!

Ich sitze in einem Strandkorb, spüre die Sonne auf meiner Haut, den warmen, weißen Sand unter meinen Füßen und lese ein Buch. – Stimmt gar nicht. Im Moment jedenfalls nicht, weil ich damit beschäftigt bin, die Menschen zu beobachten. Mein Buch liegt neben mir und wartet darauf, weiter gelesen zu werden.
Ich wurde durch das Quengeln eines kleinen Jungen, der mit seinen Eltern auf einer Decke dicht am Wasser liegt, abgelenkt. Er möchte unbedingt noch einmal ins Meer, doch seine Mutter verweigert es ihm. Verständlich, denn er zittert am ganzen Körper, kommt gerade aus dem kühlen Nass.
Meine Gedanken gehen zurück in meine Kindheit. Ich war, wie dieser Junge. Konnte nicht genug bekommen vom Baden. Auch meine Mutter sagte oft: „Nein, jetzt nicht, deine Lippen sind ja schon ganz blau!“ Doch ich wurde nicht müde, ihr zu erklären, dass mir gar nicht kalt ist.
Natürlich ließ sich meine Mutter nicht darauf ein, sondern lenkte mich ab. Sie schlug vor, mir etwas vor zu lesen. Dabei wurde ich in ein dickes Handtuch eingewickelt, um wieder warm zu werden. 
Oder wir gingen am Strand entlang, Muscheln und Steine sammeln. Ich weiß noch, dass wir beide einen Sonnenbrand an den Waden hatten, weil wir zu lange im Sand gehockt hatten, um die schönsten Exemplare zu finden.
Ich kann meinen Blick nicht von der Familie wenden. Bin neugierig, wie die Eltern die Situation lösen. In der Tat, ein paar Minuten später ist der Junge still. Er sitzt neben seinen Eltern auf der Decke. In der Hand ein Smartphone. Kopfhörer in den Ohren. So regelt man das heute. 
In der heutigen Zeit wäre mir der Sonnenbrand wohl erspart geblieben, weil ich unter einem Sonnenschirm hockend über ein Display gewischt hätte.
Wieder bin ich gedanklich in meiner Kindheit, wo sich abends vor den Telefonzellen lange Schlangen bildeten, weil man seine Lieben zuhause anrufen wollte. Man fasste sich kurz, weil zum einen alle Umstehenden das Gespräch mithörten, aber auch, weil das Telefonieren recht teuer war.
Und heute? Kaum sind wir am Urlaubsort angekommen, rufen wir unsere Familie nicht nur sofort an, nein wir bringen auch erste Fotos zu ihnen auf den Weg: Vom Hotel, vom Zimmer, vom Pool, vom Strand. Wir sind mit unseren Augen ständig auf der Suche nach einem grandiosen Motiv. Schließlich soll die Welt sehen, wo wir uns gerade aufhalten, was wir gerade treiben und vor allen Dingen, was wir an kulinarischen Köstlichkeiten und Drinks zu uns nehmen.
Hätten wir uns das vor 20 Jahren vorstellen können, dass wir Fotos von unserem Essen machen und es der Welt zeigen? Ich glaube nicht. Wir hätten es wohl für unmöglich gehalten.
Sehen wir die Schönheit unseres Urlaubsortes eigentlich nur noch nach dem Maßstab, ob es bei anderen gut ankommt? Was steckt dahinter? Das Bedürfnis, die anderen an unserem Leben teilhaben zu lassen, oder spielt der Faktor Neid dabei eine nicht unerhebliche Rolle? Nehmen wir die Schönheit unseres Urlaubsortes wirklich noch wahr und auf - nur für uns?
Früher war es normal, mehrere Bücher mit in den Urlaub zu nehmen. Und die las man auch durch. Liest man heute überhaupt noch oder ist man mehr damit beschäftigt, seine Freunde und die Familie über seinen Urlaub zu unterrichten?
Man ist natürlich auch damit beschäftigt, zu schauen, was die anderen so treiben. Die stellen nämlich auch Fotos ein und sind darauf bedacht, uns zu übertrumpfen. Ist das nicht ein Wahnsinn? 
Es kommt mir so vor, als würde ein regelrechter Wettkampf ausgetragen. Macht man im Urlaub überhaupt noch Fotos für sich selbst?
Früher hat man nach dem Urlaub seinen Film zum Entwickeln gebracht und konnte es kaum erwarten, die Bilder abzuholen. Man lud seine Lieben ein, um in einer gemütlichen Runde Urlaubsbilder zu betrachten und dabei Erinnerungen aufleben zu lassen. Dadurch reflektierte man diese wertvolle Zeit noch einmal für sich.
Das fällt heute komplett weg, denn alle werden ja schon während des Urlaubs über alles informiert.
Ich sitze hier, mein Buch neben mir, ohne jegliche Technik. Natürlich besitze ich ein Handy, doch ich habe es bewusst zuhause gelassen. Ganz nach dem Motto: Handy aus, Augen auf!
So ein Urlaub bietet doch eine hervorragende Gelegenheit, seinen Gedanken nachzuhängen; sich mit sich selbst und seinem Weg zu beschäftigen. Wo stehe ich? Wo möchte ich hin? Wo sehe ich mich in 5 Jahren oder in 10?
Während das Meer unentwegt seine Wellen zum Strand befördert und mich die Sonne an meiner Nase kitzelt, kann ich tiefer gehende Fragen wunderbar reflektieren. Kein Stress, kein Zeitdruck, keine Termine. – Nur ich und meine Gedanken!

© Martina Pfannenschmidt, 2019