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Dienstag, 21. Juli 2026

Ich nehme euch mal mit …

Ideen zu neuen Geschichten finden auf ganz unterschiedlichen Wegen zu mir. Oft ist es so, dass ich etwas sehe, so wie bei der letzten Geschichte. Manchmal schnappe ich irgendwo einen Satz auf oder irgendein Gedanke macht sich in mir breit. Ganz oft frage ich mich dann, woher der eigentlich kommt. – Die folgende Geschichte fand beim Bügeln zu mir, als ich darüber nachdachte, dass wir Menschen oftmals Gedanken pflegen, von denen wir denken, dass wir sie – aus den unterschiedlichsten Gründen heraus – nicht mit anderen teilen könnten. – Doch Clara nimmt uns heute ein klein wenig mit in die Welt ihrer Gedanken. – Ich wünsche euch viel Freude beim Lesen!

 

Clara stand an diesem Samstagmorgen am Fenster ihrer kleinen Altbauwohnung und blickte auf den Innenhof. Aus dem Badezimmer hörte man das Brummen der Waschmaschine, auf dem Küchentisch stand noch das Geschirr vom Frühstück, in ihrer Hand hielt sie eine Tasse Tee.

Clara war 29. Sie arbeitete als Grafikdesignerin in einer kleinen Agentur und galt überall als der ‚Fels in der Brandung‘. Sie dachte immer rational, war immer organisiert, immer diejenige, die bei Problemen einen kühlen Kopf bewahrte – zumindest schien es für alle anderen so.

„Alles gut bei dir? Du bist so still“, fragte ihr Freund Leon aus dem Wohnzimmer heraus, während er ein Videospiel spielte.

„Ja, alles super! Ich bin nur ein bisschen müde“, antwortete Clara. Ihre Stimme klang dabei leicht und unbeschwert, doch so fühlte sie sich gar nicht. Ihre Antwort war schlicht und ergreifend eine Lüge, die sie ständig wiederholte, so dass sie ihr wie selbstverständlich über die Lippen kam. Die Wahrheit sah ganz anders aus. Seit Monaten schon fühlte sie sich, als würde sie eine Rolle in einem Theaterstück spielen, dessen Drehbuch sie weder kannte noch mochte.

Sie schloss kurz die Augen und dachte: Ach könnte ich meine Mitmenschen doch nur einmal mitnehmen in die Welt meiner Gedanken!

Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie eine ältere Frau unten im Hof, die mühsam zwei schwere Einkaufstaschen trug und ihr kam der Gedanke, wie flüchtig das alles hier doch ist. Diese Frau, Leon im Nebenzimmer, sie selbst – alle waren sie wie wandelnde Geschichten auf zwei Beinen.

Eine gewisse Melancholie machte sich in ihrer Brust breit, als sie darüber nachsann, dass die meisten dieser Geschichten ungelesen bleiben würden.

Sie fragte sich in diesem Moment, ob sich die Nachbarin von gegenüber, die jeden Abend schweigend auf dem Balkon saß, einsam fühlte. Diese Einsamkeit, die wohl viele, wenn nicht alle Menschen verband, während im Alltag jeder so tat, als sei alles perfekt. Clara hatte ihre Gedanken noch nie mit jemandem geteilt. In einer Welt, die scheinbar ständig eine Verbesserung und eine dauernde Glückseligkeit forderte, sprach man nicht über melancholische Gedanken. Man wollte ja nicht als depressiv oder kompliziert abgestempelt werden.

Claras Blick fiel auf ein Buch. Sie nahm es an sich und strich sehnsuchtsvoll über den Einband. Das Buch zeigte Bilder aus Neuseeland – endlose, grüne Hügel, auf denen Schafe weideten, umgeben von nichts als Weite. Ein schmerzhafter Stich traf sie. Sie hatte der Welt nie erzählt, wie oft sie nachts wach lag und das Gefühl hatte, am falschen Ort zu sein. Nicht falsch in dieser Wohnung oder in dieser Stadt, sondern falsch in dieser gesamten, lauten Welt.

Sie sehnte sich nach einer Langsamkeit, die das moderne Leben gar nicht mehr zuließ. Sie stellte sich eine Welt vor, in der der Wert eines Tages nicht an Klicks gemessen wurde, sondern daran, wie viele Wolken man am Himmel vorbeiziehen sah. Sie sehnte sich nach einer Welt, in denen Menschen einander schweigend ansehen konnten, ohne dass diese Stille sofort mit Smalltalk oder dem Griff zum Smartphone unterbunden werden musste.

Sie öffnete die unterste Schublade ihres Schreibtisches. Ganz hinten, unter alten Steuerunterlagen, lag eine Mappe mit Kohlezeichnungen. Es waren wilde, düstere, aber wunderschöne Landschaften, die Clara im echten Leben niemandem zeigte. Vor ein paar Wochen hatte sie sogar einige davon im Waschbecken verbrannt, aus Angst, Leon oder eine Freundin könnten sie zufällig finden und Fragen stellen.

Clara hatte der Welt von sich immer nur die funktionierende Seite präsentiert. Niemand wusste, dass sie manchmal den unbändigen Drang verspürte, laut zu schreien oder einfach alles hinzuschmeißen. Sie versteckte ihre kreativen Seite und ihren Freiheitsdrang, weil sie das Unverständnis ihres Umfeldes daraufhin fürchtete. Die Angst vor Sätzen, wie: „Clara, was ist los mit dir? Drehst du jetzt völlig durch?“, waren ihr ständiger Begleiter.

Sie blickte auf ihr Smartphone, das auf der Küchenzeile lag. In der WhatsApp-Gruppe ihrer Freundinnen ploppten gerade Nachrichten auf: Urlaubsfotos, Restaurant-Tipps. Das Schweigen über das, was die Menschen wirklich bewegte, war für Clara in letzter Zeit kaum mehr zu ertragen. Sie begriff, dass alle Menschen ihr Innerstes und ihre wahren Gefühle und Gedanken wie in einem Tresor verschlossen hielten. War sie denn die Einzige, die sich nach echter, ungeschönter Verbundenheit sehnte?

Clara setzte sich an ihren Schreibtisch, öffnete ihren Laptop und begann mit zitternden Händen zu schreiben. Sie wollte die Tür zu ihrer Innenwelt nicht länger vor anderen verschlossen halten. Sie wollte sie zumindest einen Spalt breit öffnen.

Clara begann zu tippen: Ich nehme euch mal mit ... in die Welt meiner Gedanken!

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

Freitag, 20. März 2026

Negative Glaubenssätze (Nachgedacht)

In meinem letzten (bzw. ersten) Postbeitrag der Kategorie ‚Nachgedacht‘ habe ich darüber gesprochen, dass wir alle ‚Geschichtenerzähler‘ sind und dass wir vieles denken, was uns nicht wirklich guttut.

Dazu gehören auch sogenannte ‚Negative Glaubenssätze‘, über die ich heute nachdenken möchte. Auch sie haben eine große Auswirkung auf uns, ohne dass wir uns dessen im ersten Moment bewusst sind. Und doch bestimmen sie vielleicht, welchen Weg wir einschlagen und wie wir die Welt sehen.

Die meisten dieser Sätze hören wir in der frühen Kindheit - durch die Erziehung und das direkte Umfeld. Als Kinder haben wir die Aussagen unserer Bezugspersonen oft ungefiltert und als absolute Wahrheit angenommen bzw. übernommen.

Viele dieser Sätze stammen aus der Zeit, in der Disziplin, Gehorsam, Schmerztoleranz und produktive Leistung im Vordergrund standen.

Ich komme heute auf dieses Thema, weil mir in einer Fernsehsendung vor ein paar Tagen der Satz ‚Wer schön sein will muss leiden‘, auffiel. Die Hauptdarstellerin antwortete daraufhin: „Ich will aber schön sein, ohne vorher leiden zu müssen.“

Neben „Wer schön sein will, muss leiden“, gibt es viele weitere Klassiker, die oft unbewusst unser Handeln steuern. Drei davon möchte ich mir gerne näher ansehen, denn wenn wir diesen Sätzen Glauben schenken, kann das wahrlich große Auswirkungen auf uns und unsere psychische Gesundheit haben. Deshalb möchte ich sie gerne näher beleuchten:

„Ohne Fleiß kein Preis“

Das liegt auf der Hand: Wir denken, nur dann erfolgreich sein zu können, wenn wir uns diesen Erfolg hart erarbeiten bzw. dass ein Erfolg nur mit größter Anstrengung erreichbar ist. Wenn wir das wirklich verinnerlichen, werden wir Erfolge, die uns leichtgefallen sind, gar nicht genießen, anerkennen oder wertschätzen können. (Das war zu einfach, das zählt nicht.) Und das führt uns in einen Teufelskreis aus ständiger Überarbeitung. Ruhepausen haben wir uns nicht verdient, wenn wir auf der ‚Erfolgsspur‘ unterwegs sind. – Dieses Denken kann fatale Auswirkungen auf uns und unsere Gesundheit haben!

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz“

Diesen Satz kenne ich noch aus meiner Kindheit. Ich selbst habe ihn zwar nicht gehört, aber viele Jungs in meinem Alter. Männern sagt man oft nach, dass sie Emotionen nicht zeigen können. Kein Wunder, wenn sie als Kind diesen Satz gehört haben. Sie hören nicht mehr auf ihre eigenen Grenzen, suchen sich bei Erschöpfungsanzeichen keine Hilfe, denn schließlich wollen sie tapfer und ein Indianer sein. Irgendwann könnte der Körper so laut rufen, dass ignorieren nicht mehr möglich ist. – Und dass dieser kleine Satz etwas damit zu tun haben könnte, kommt uns vielleicht gar nicht in den Sinn.

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“

Den Satz finde ich auch schlimm, da er uns ausbremst. Er raubt den Menschen im Erwachsenenalter den Mut, Neues zu beginnen oder sich beruflich umzuorientieren. Man fühlt sich zu alt für Veränderungen und verharrt vielleicht in unglücklichen Situationen. Man glaubt, dass das ‚Zeitfenster‘, in dem man neu beginnt oder etwas Neues lernt, bereits geschlossen ist.

Doch wenn es negative Glaubenssätze gibt, muss es zwangsläufig auf der anderen Seite der Medaille ‚positive Glaubenssätze‘ geben. Und die finden wir, indem wir die negativen Sätze umformulieren. Das setzt aber voraus, dass wir uns diese Sätze, die in uns wirken, mal bewusst machen.

So könnten wir den Satz ‚Ohne Fleiß keinen Preis‘ zum Beispiel mit ‚Erfolg darf leichtgehen und Freude machen‘ umändern. – So erlaubst du dir, effizient‘ statt ‚hart‘ zu arbeiten. Das senkt u. a. dein Stresslevel, steigert aber auch deine Kreativität und lässt dich einfach erreichte Erfolge genießen – ganz ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

Das Gegenstück zu ‚Ein Indianer kennt keinen Schmerz‘ könnte ‚Ich achte meine Gefühle und setze achtsam Grenzen‘ lauten. Ich glaube, es ist ganz wichtig für uns und unser System, dass wir auf unseren Körper hören. Gerade dann, wenn er Schmerz oder Erschöpfung signalisiert, ist es wichtig, dass wir es wahrnehmen, dem ganzen Raum geben und emphatisch mit uns selbst umgehen.

‚Ich lerne und wachse mein ganzes Leben lang‘ könnte das Gegenstück zu ‚Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr‘ sein. So bleibt man – oder erlaubt es sich – auch im Alter geistig und körperlich beweglich (zu sein) und so traut man sich auch im Alter noch zu, neue Projekte zu beginnen.

Das Wichtigste ist in meinen Augen – oder es ist meine Überzeugung -, dass wir unsere getönte Brille absetzen und hinschauen müssen oder sollten, damit nicht unterbewusst Dinge ablaufen, die uns wahrlich nicht guttun.

(c) Martina Pfannenschmidt, 2026

Donnerstag, 1. Januar 2026

Neuanfang (1.1.2026)

Stille lag über der Stadt, als erste Sonnenstrahlen über den Dächern der Häuser tanzten. Lautlos kringelte sich der Rauch aus den Schornsteinen der umliegenden Häuser. Frost lag in der Luft, als Melanie am Fenster ihrer kleinen Wohnung stand. Sie spürte, wie ihr Herz pochte. Tatam, Tatam. Es war ihr, als würde es den Takt für einen Aufbruch schlagen. Einen Neuanfang, den sie wagen wollte, wagen musste.

Das vergangene Jahr hatte ihr alles abverlangt. Der Verlust ihrer Oma lag wie ein Schatten auf ihrem Gemüt. Schwer wogen die Erinnerungen an gemeinsame Nachmittage, an das wärmende Lächeln und die Geborgenheit, die sie bei ihrer Oma gespürt hatte. Der Moment des Abschieds ging wie ein tiefer Riss durch ihr Herz und auch durch ihr gesamtes Leben. Er war so endgültig. Nicht zu begreifen.

Die Trauer hatte sich schwer und lähmend angefühlt. Es war ihr kaum mehr möglich gewesen, Freude oder Hoffnung zu spüren. Selbst kleine Aufgaben hatten sich zu riesigen scheinbar unüberwindbaren Bergen aufgetürmt. Sie war wie gefangen gewesen in ihrem eigenen Schmerz, wie in einem nicht enden wollenden kalten Winter.

Die Weihnachtstage hatte sie im Kreis ihrer Familie verbracht. Das hatte ihr gut getan. Die Trauer war zwar auch bei den anderen spürbar gewesen, doch sie hatte durchaus wahrgenommen, dass sie sich langsam wieder aufrichteten.

Heute, am ersten Tag des neuen Jahres, spürte Melanie zum ersten Mal wieder so etwas wie Vertrauen in die Zukunft. Die Trauer war immer noch da, doch sie war gewillt, sie anzunehmen und aus ihr neue Kraft zu schöpfen, so wie es sich ihre Oma für sie gewünscht hätte.

Sie vermisste ihr altes, buntes Leben. Die spontanen Treffen mit ihren Freundinnen und die gemeinsamen Filmabende. Diese Erkenntnis war wie ein zarter Funke der Hoffnung und sie wusste, dass nur sie selbst sich von den Fesseln der Vergangenheit und der Trauer lösen konnte und dass sie den Mut für einen Neuanfang finden musste.

Melanie zog sich warm an und trat hinaus in den klaren Januartag. Die Straßen waren leer, als gehörten sie nur ihr allein. Jeder Atemzug fühlte sich rein an und sie hoffe, dass die kalte Winterluft ihre Gedanken und alten Sorgen bereinigen würde, nicht, um etwas zu verdrängen oder zu vergessen, sondern um Platz für neue leichtere Gedanken zu schaffen.

Mit jedem Schritt spürte sie, wie sich ihr Herz ein wenig mehr öffnete und sie entschied, wieder zu malen. Sie wollte bunte Farben auf die Leinwand und in ihr Leben bringen und ihre Gefühle ausdrücken, statt sie zu verstecken.

Der Jahresbeginn! Er sollte für sie mehr sein, als ein Kalenderblatt – er sollte die Brücke zu einem neuen Leben sein.

Am Nachmittag holte Melanie ihre Malutensilien hervor, setzte sich ans Fenster und begann, noch etwas unsicher, den ersten Pinselstrich auf die Leinwand zu setzen, so dass sich diese mehr und mehr mit Farben füllte und sie immer mutiger wurde. 

Gefühle stiegen in ihr auf, die sie das ganze letzte Jahr nicht mehr gespürt hatte. Es war, als würde mit jedem Farbton ihr Innerstes heilen.

Von draußen drang das Lachen von Kindern an ihr Ohr und irgendwo schlug eine Kirchturmuhr – das Leben klang wieder vertraut. Melanie lächelte. Sie wusste, der Weg würde nicht immer leicht sein, aber sie hatte den ersten Schritt gewagt. Der Neuanfang fühlte sich an wie das Versprechen, dass auf jeden frostigen Januar wieder ein Frühling folgte.

Als der Tag dem Abend wich, blickte sie auf ihr erstes Bild des Jahres. Es war nicht perfekt, aber es war echt und es zeigte, wie sie sich fühlte.

Mit Tränen in den Augen – nicht mehr aus Schmerz, sondern aus Zuversicht – hob sie das Glas und flüsterte: „Auf das Leben, auf den Neuanfang, auf mich.“

Der Jahresbeginn war für sie nicht mehr nur ein Datum, sondern der Moment, in dem sie sich selbst wiedergefunden hatte.

(c) Martina Pfannenschmidt



Sonntag, 28. Dezember 2025

Die Stille nach dem Fest

Karin saß noch immer am Esstisch. Die Hände um die kalte, leere Kaffeetasse gelegt. An diesem Sonntag nach Weihnachten fiel fahles graues Licht ins Esszimmer. Sie sah sich um. Das benutzte Geschirr und Essensreste standen ungeordnet auf dem Tisch, umringt von Brötchenkrümeln, Eierschalen und einem großen roten Fleck, den die Erdbeermarmelade auf der weißen Damast-Tischdecke hinterlassen hatte.

Es war nicht mehr die Unordnung einer eben noch fröhlichen Runde, sondern nur noch die stille Erinnerung an das Lachen, das bis eben noch den Raum erfüllt hatte. In diesem Moment hörte sie nur das laute Ticken der Uhr und – wie von fern -, das leise Surren des Druckers aus dem Büro ihres Mannes.

Karin schloss für einen Augenblick die Augen, um die vergangenen Tage im Geiste zu reflektieren. Ihre beide Kinder waren zu Hause gewesen. Sie hatten Unruhe mitgebracht, aber eben auch diese spezielle Freude der jungen Erwachsenen.

Im Flur hatten sich die Jacken, Schuhe und Taschen gestapelt, aber es hatte auch nach Weihnachten gerochen.

Karin dachte zurück an das gemeinsame Schmücken des Baumes, das Scherzen und Lachen und an die Geschichten, die sie aus ihren Leben erzählt hatten.

Jetzt war ihr, als ob die Zeit für einen Moment stillstand.

Sie erinnerte sich zurück an das Leuchten in den Augen ihrer inzwischen erwachsenen Kinder, als sie alle unter dem Weihnachtsbaum gesessen und Geschenke ausgepackt hatten, die sie vorher mit sehr viel Liebe ausgesucht hatte. Alles hatte sie bis ins Detail organisiert mit dem Wunsch, dass alle ein schönes Fest feiern könnten. Sie wollte ihre Lieben überraschen und das war ihr auch gelungen.

Dann wanderten ihre Gedanken zu den Geschenken, die sie bekommen hatte und die ihr einen leichten Stich versetzt hatten. Wie so oft hatte ihr Mann einen Gutschein einer bekannten Parfümerie besorgt und wie immer hatte er ihn ihr mit den Worten: „Damit du dir auch mal was gönnst!“ überreicht.

Ihre Kinder hatten ihr einen Büchergutschein geschenkt und Pralinen. Alles war so erwartbar für sie gewesen.

Karin schalt sich innerlich. Sie wollte nicht undankbar scheinen. Sie sollte glücklich sein über ihre intakte Familie – und das war sie auch. Aber tief in ihr nagte eine unerfüllte Sehnsucht nach etwas anderem. Etwas, das ihren grauen Alltag unterbrach, etwas, das ihr zeigte, dass sie wertvoll war.

Jetzt, an diesem Sonntag, waren die Kinder nach dem Frühstück aufgebrochen. Zurück in ihre Studentenwohnungen, um den Abend mit Freunden zu verbringen. Ihr Mann hatte sich nach dem Frühstück in sein Büro zurückgezogen, wie so oft, wenn das Haus ruhiger wurde. Und so blieb sie zurück. Allein am langen Tisch, zwischen den Spuren des Familienlebens.

Karin stand auf, nahm seufzend die Teller und Tassen und brachte sie in die Küche. Das vertraute Klappern des Geschirrs, das Plätschern des Wassers holten sie nur bedingt aus ihren Gedanken.

Später ging sie die Stufen hinauf in die früheren Kinderzimmer. Sie zog die Betten ab, ordnete zerknüllte Schlafanzüge und zupfte ein vergessenes Buch unter einem Kissen hervor. Ihr Blick blieb an den leeren Regalen hängen, wanderte weiter zu den Postern und Fotos, die noch von früher erzählten. In jedem Raum lag eine andere Stille, die noch schwerer wog als die Leere, die sie in der Küche verspürt hatte.

Karin wusste, was morgen zu tun war. Der Kühlschrank war fast leer, die Vorratskammer wie ausgeplündert. Gedanklich schrieb sie bereits eine Einkaufsliste, während sie die Betten frisch bezog. Der Alltag hatte sie zurück mit all seinen Forderungen und doch so nüchtern nach den erfüllten Tagen des Festes.

Beim Blick aus dem Fenster, in den grauen Nachmittag, stellte sie sich die alte Frage: War das schon alles? Wann hatte das Leben eigentlich aufgehört, sie zu überraschen? Wann war sie so abgestumpft geworden, dass die Tage einander glichen wie ein Dominostein dem anderen?

Karin fühlte sich wie in Watte gepackt. Zwar sicher, aber auch seltsam taub. Die Feste, die Routinen, die stets gleichen Abläufe – war sie in ihnen verloren gegangen oder gar gefangen? Sie spürte eine leise, aber dringende Sehnsucht nach Veränderung, nach einem Licht, einem Hoffnungsschimmer.

Draußen begann es zu dämmern. Sie betrachtete die Straße, die wie sie selbst leer und starr vor ihr lag. Und während sie so dastand, fasste sie einen Entschluss – keinen großen, alles Umwerfenden, sondern einen leisen, aber klaren: Im neuen Jahr, so versprach sie sich, wollte sie nicht länger auf Überraschungen warten, sondern selbst welche schaffen. Vielleicht einen Tanzkurs beginnen, einen alten Traum wieder aus der Schublade holen, oder … sie lächelte leise … vielleicht doch den Schritt zurück ins Berufsleben wagen?

Morgen würde sie einkaufen gehen. Aber heute, an diesem stillen Sonntag, begann für sie etwas Neues – und sei es nur der Gedanke daran, dass Veränderungen möglich sind, wenn man sie wagt.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2025

 

 



Freitag, 28. November 2025

Gedanken zum Warten im Advent

Irgendwie spüren wir es doch alle, dass im Advent etwas Besonderes in der Luft liegt. Die Tage werden kürzer, das Licht scheint gedämpft durch die Fenster. In unseren Wohnungen duftet es nach Gebäck und Tannenzweigen. Trotz aller Hektik im Außen scheint die Welt langsamer zu werden und in unseren Herzen spüren wir etwas: ein leises, sehnsüchtiges Warten.

Doch worauf warten wir eigentlich?

Vielleicht darauf, dass die Freude zu uns zurückkehrt oder auf das harmonische Zusammensein mit Familie und Freunden. Auf ein warmes Wort oder auf ein Lächeln, das uns sagt: Du bist nicht allein.

Manche warten auf einen Moment der Ruhe, in dem die Hektik des Alltags für einen Augenblick vergessen ist. Andere hoffen auf Frieden, auf Versöhnung, auf einen Neuanfang. Nur wenige warten auf die Ankunft Jesu.

Im Advent warten wir darauf, dass die Welt ein Stück heller wird – nicht nur draußen, sondern auch in uns selbst. Wir halten inne, lauschen dem Klang der Weihnachtslieder, schauen in die Flammen der Kerzen und lassen Hoffnung wachsen.

Worauf ich warte? Ich warte darauf, dass Liebe und Menschlichkeit den Weg zu uns finden, dass wir einander wieder sehen und die Herzen ein wenig weiter werden.

Vielleicht ist das Warten im Advent nicht nur Vorfreude auf Weihnachten, sondern auch die stille Sehnsucht nach Sinn, Geborgenheit und einem Ort, an dem wir ganz wir selbst sein dürfen.

In dieser Zeit wird uns bewusst, wie wertvoll das Hoffen ist – und dass das Schönste oft in den kleinen Augenblicken des Wartens liegt.

 

P.S.: Bereits morgen startet meine ‚Adventskalendergeschichte‘. Ich hoffe und wünsche, dass ich dir die Adventszeit mit dieser fortlaufenden Geschichte ein wenig erhellen darf.

 


Mittwoch, 30. November 2022

Fußspuren

 

Diese Reizwörter galt es, in einer Geschichte unterzubringen:

Igel, Illustrierte, ideal, intelligent, ignorieren

Regina und Lore haben diesmal leider nicht mitschreiben können, doch ihr wisst, dass ihr in ihren Blogs reichlich 'Lesefutter' findet.


Heute ist ein besonders grauer und trüber Tag. Dennoch gehe ich zum Fenster, um in den Garten zu schauen. Aber nicht, um den Novemberblues anzustimmen, sondern um die Tiere zu beobachten, die sich dort tummeln.

Als Erstes fällt mein Blick dabei auf das Vogelhäuschen, wo sich die Spatzen auf der Buchenhecke daneben in Reih und Glied aufstellen und geduldig warten, bis sie an der Reihe sind. – Sie scheinen ganz genau zu wissen, dass genügend Futter für alle da ist.

Ja und einige von ihnen trotzen der Witterung und nutzen die massive Vogeltränke, um zu baden. Klar, denke ich und muss schmunzeln, heute ist ja auch Samstag: Badetag.

Und schon huscht ein kleiner Igel hinter der Hecke hervor und nimmt zielsicher Fahrt auf Richtung Laubhaufen, den ich extra für ihn vorbereitet habe. Das ist wirklich ein idealer Ort, um es sich dort im Winter so gemütlich wie möglich zu machen.

Tiere sind schon tolle Wesen. So unterschiedlich in ihrer Art. – Aber das sind wir Menschen ja auch.

Wenn ich ein Tier wäre, würde ich gewiss auch einen Winterschlaf halten. Obwohl! Eigentlich wäre das schon schade, die kalte Jahreszeit komplett zu verschlafen. Sie birgt doch auch so manch schöne Momente.

Während ich so ins Weite schaue, frage ich mich, ob Tiere eigentlich auch Freude erfahren können und ob sie ihr Leben als lebenswert empfinden und es in vollen Zügen genießen können?

Und wie ist das eigentlich bei uns Menschen? Leben wir wirklich in der Freude? Wenn wir ehrlich sind, bleibt die doch sehr oft auf der Strecke, bei all dem, was wir so um die Ohren haben und Leben nennen: Arbeiten gehen, die Steuererklärung machen, Rechnungen bezahlen, obwohl das Geld mehr als knapp ist. Da ist die Last des Lebens oft größer, als die Freude.

Ich komme gedanklich noch einmal zurück zu den Tieren. Die meisten von ihnen sind sehr treue Wesen. Was ja nicht unbedingt auf alle Menschen zutrifft. Und wer freut sich schon so auf uns, wie unser Hund, wenn wir wieder nach Hause kommen.

Wer einen Hund hat, der weiß, wie loyal diese Tiere sind. Ihnen ist es schnurzpiepegal, ob unsere Handtasche von Gucci und unsere Schuhe von Christian Louboutin sind. Sie lieben uns, wenn wir morgens verschlafen ins Bad schlurfen und auch, wenn wir unfrisiert und im Bademantel mit ihnen nach draußen gehen. Und all seine Liebe und Treue schenkt uns ein Hund sein ganzes Leben lang und als einzige Gegenleistung erwartet er neben dem Futter ein bisschen Gegenliebe.

Gut, dass sich der Igel schon unter dem Laubhaufen versteckt hat, denke ich gerade. In diesem Moment schleicht nämlich die Katze meines Nachbarn durch den Garten. Ob man nun ein Katzenfan ist, oder nicht, diese Tiere sind für viele Menschen äußerst wertvolle Lebensbegleiter, auf die sie nicht verzichten möchten, weil sie so verspielt und verschmust sind.

Die Nachbarkatze ist jetzt allerdings auf Beute aus. Sie ist dabei voll konzentriert und lässt sich so schnell durch nichts ablenken. Aber ich hoffe natürlich, dass die Maus, die sie im Visier hat, rechtzeitig entkommt. 

Eigentlich können wir Menschen uns von so vielen Tieren eine Scheibe abschneiden. Oder? Wenn ich zum Beispiel an die winzigen Ameisen denke, ahne ich, wie intelligent sie sind. Sie wissen genau, dass sie nur im Kollektiv stark sind. Ganz schön schlau. Auf diese Weise können sie wahrlich Großes bewegen.

Aber das gilt ja genauso für uns Menschen, nicht wahr. Wir sagen so oft: „Ich allein kann sowieso nichts ändern“. Das mag so sein oder so scheinen. Auf der anderen Seite sind wir ganz schön viele! Warum nutzen wir das eigentlich nicht und schaffen gemeinsam Großes? – Vielleicht, weil wir eher gegeneinander, als miteinander unterwegs sind? Wobei doch der Fall der Mauer ein großartiges Beispiel dafür ist, was Zusammenhalt verändern und bewirken kann. Was ist – oder wäre – uns alles möglich, wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen würden? Aber wann tun wir das schon? Irgendwie ist jeder in seiner winzigen Welt gefangen; dabei macht Zusammenhalt richtig stark. Und das könnten wir uns von den Ameisen abschauen.

Ich denke noch mal an den Igel und den Winterschlaf zurück. Also, wenn das nicht das Richtige für mich ist, dann könnte ich es doch wie die Katzen halten und 12 bis 16 Stunden täglich schlafen. Also das würde mir richtig gut gefallen. Danach würde ich völlig unaufgeregt und entspannt den Tag beginnen. Aber auch das können wir Menschen uns nicht ‚leisten’. Dafür sind wir doch alle viel zu beschäftigt. Und außerdem schlafen wir oft sowieso schlecht, weil all die Dinge des Alltags uns bis in unsere Träume hinein begleiten. Ja und wenn wir endlich zur Ruhe kommen, klingelt auch schon wieder der Wecker.

In diesem Moment fliegen ein paar Krähen lautstark über mein Haus hinweg. Ich kann sie zwar nicht mehr sehen, aber ihr Krächzen immer noch hören. – Auch das sind übrigens unglaublich schlaue Tiere. Ich habe mal in einer Illustrierten gelesen, dass Krähen ganz bewusst Nüsse auf die Fahrbahn fallen lassen, damit sie von den Autos überfahren und geknackt werden. Doch die Tiere sind schlau genug, um zu wissen, dass sie dabei sehr achtsam sein müssen, damit sie später beim Fressen der Nuss nicht selbst überfahren werden. Eigentlich können wir doch auch davon lernen: Nicht über harte Nüsse jammern, sondern einen Ausweg finden.

Was wir uns nicht alles von den Tieren dieser Welt abschauen könnten. Dass man sich ausreichend Zeit gönnen sollte, um zu entspannen, zum Beispiel. Soviel Gelassenheit wie die Tiere legen wir Menschen eher selten an den Tag. Man hat wirklich den Eindruck, dass unsere Tiere im Hier und Jetzt leben – und der Mensch lebt gedanklich oft mehr in der Zukunft, als in der Gegenwart.

Ja, wir Menschen unterscheiden uns schon in vielen Dingen von den Tieren. Aber vielleicht haben wir eines gemeinsam. Vielleicht lieben Tiere wie die meisten Menschen auch Beständigkeit und wehren sich – wie wir – vehement gegen Veränderungen.  

Aber eines können Tiere im Gegensatz zu uns nicht: über den Tellerrand schauen. Aber das fällt uns Menschen ja auch oft sehr schwer. Doch eines werden wir sehr bald lernen müssen, ob wir wollen oder nicht: menschlicher, umweltfreundlicher und tierfreundlicher zu leben und zu werden. Sonst steht es echt schlecht um uns alle und um unsere Erde.

Wenn ich – bezogen auf die Erde - die Fußspuren der Tiere mit denen der Menschen vergleiche, würde ich sagen: Den Fußabdruck, den unsere Tiere hinterlassen, gleicht den Fußspuren im Sand.

Die Fußspuren, die wir Menschen hinterlassen, kommen eher denen eines Elefanten im Porzellanladen gleich. Das ist eine Tatsache, die wir nicht mehr länger ignorieren dürfen.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2022




Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.

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Samstag, 1. Dezember 2018

Nur Gedanken



In meinem alten Blog ‚Klümpchen für die Seele’ habe ich mir oft Gedanken über dies und das gemacht. Vielleicht sollte ich dies wieder aufleben lassen. Zumindest in den Momenten, in denen mir keine Geschichten zufallen möchten. J

Heute ist der 1. Dezember. Unsere Enkelkinder kamen schon in aller Frühe zu uns. Sie waren voller Vorfreude und sicher, dass es auch bei Oma und Opa einen Adventskalender geben würde. So, wie es schon immer war und vielleicht auch noch ein Weilchen bleiben wird.

Kinder haben die wunderbare Gabe, sich an kleinen Dingen zu erfreuen. Das geht uns Erwachsenen oft verloren. Schade eigentlich.

In den letzten Jahren beobachte ich mehr und mehr, dass nicht nur in den Geschäften die Adventszeit viel früher beginnt, sondern auch die Gärten und Häuser werden schon eine Woche vor Beginn der Adventszeit erleuchtet. Wenn ich ehrlich bin, finde ich das ein bisschen schade, denn so ‚verschwimmt’ der Sinn, der hinter den Lichtern steht, ein bisschen.

Auch wenn ich kein Kind mehr bin, so muss ich sagen, ist das Entzünden der 1. Kerze zum Advent für mich immer noch etwas Besonderes. Ich kann es gar nicht genau sagen, was es ist, das mich da berührt. Aber es ist da. Ein kleines Fünkchen Freude - Vorfreude auf eine besondere Zeit. Eine Zeit der Stille und des Friedens.

Gibt es etwas Schöneres, als den Duft von Keksen und Kaffee oder Tee? Bratäpfeln? Und dazu all die vielen kleinen Heimlichkeiten. Das ist es doch, was diese Zeit zu etwas Besonderem macht.

Ich dachte vorhin an meine Kindheit zurück. Genau wie unsere Enkel, so hatte auch ich schon das große Glück, Großeltern mit im Haus wohnen zu haben. Wir waren schon immer eine Großfamilie. Gerade in der heutigen Zeit etwas sehr, sehr Wertvolles. Wir wissen das alle zu schätzen.

Doch heute ist so vieles anders, gegenüber früher. Ich möchte das auch gar nicht miteinander vergleichen, oder bewerten. Zeiten ändern sich – und wir ändern uns mit ihr.

Doch eines ist ganz sicher geblieben. Wir Menschen wünschen uns, damals, wie heute, im Frieden zu leben. Doch er ist heute mehr denn je ein sehr hohes Gut, das es zu bewahren gilt.

Gerade las ich ganz wunderbare Gedanken zu diesem Thema. Sie stammen von John Strelecky, dem Autor des Buches ‚Das Café am Rande der Welt’.

Er fragt: „Hast du schon ein Neugeborenes schlafen gesehen?“ und schreibt weiter: „Ist das nicht der Inbegriff des Friedens?“

Diese Worte haben mich sehr berührt, weil er recht hat.

Wer jemals ein Baby beim Schlaf beobachtet hat, kann seiner Erkenntnis nur zustimmen. Sie können weder sprechen, noch sich wehren. Eigentlich sind sie völlig hilflos. Woher nehmen sie also diese Ruhe und diesen Frieden, den sie ausstrahlen, dieses Vertrauen?

Der Autor schreibt weiter: „Es ist gerade erst hier angekommen, um seine menschlichen Erfahrungen zu beginnen“ und fügt an: „Besteht da etwa noch eine Verbindung woanders hin?“

Haben wir Erwachsenen diese Verbindung nach dort verloren? Sind wir deswegen oft ängstlich? Fehlt es uns deswegen an dem genügenden Vertrauen darin, dass alles gut ist, so wie es ist? ALLes?

Er schreibt weiter: „Frieden ist ruhig. Es ist ein tiefes Wissen, das weit über Hoffen oder Glauben hinausgeht. Es ist die Gewissheit, dass alles in Ordnung ist und auch weiterhin sein wird. Es ist Vertrauen. Das Gegenteil davon ist Angst. Ungewissheit.

Ob wir in Frieden leben, hängt im Wesentlichen von der Entscheidung ab, ob wir in Vertrauen oder in Angst leben, denn es ist unmöglich, beides gleichzeitig zu leben.“

Und so wünsche ich uns zum morgigen 1. Advent die Erkenntnis und das Vertrauen darin, dass alles gut ist!






Donnerstag, 9. November 2017

Advent 2014

Lasst uns die erste Kerze entzünden für alle


Aus-
gebrannten
Bekümmerten
Cholerischen Depressiven
Einsamen Fassungslosen Gebrechlichen
Hoffnungslosen Intoleranten Jähzornigen
Kranken Leidenden Missmutigen Niedergeschlagenen
Obdachlosen Pflegebedürftigen Rauschgiftsüchtigen Schuldlosen Trauernden Umtriebigen Verbitterten Wankelmütigen
und
Zornentbrannten.


Lasst uns die zweite Kerze entzünden,
für mehr Frieden in dieser Welt.

Lasst uns die dritte Kerze entzünden,
für mehr Liebe in dieser Welt.

Lasst uns die vierte Kerze entzünden,
damit es hell wird in unseren Herzen und
wir ein Licht sind für diese Welt!
  

© Martina Pfannenschmidt, Advent 2014




Freiheit

Ich ging durch einen Zoo,
sah die Tiere in ihren Käfigen.
Ich fragte:
Spürt ihr eure Freiheit?
Sie sahen mich mit großen Augen fragend an.
Ich sah einen Jungen,
der an seinem Laptop Krieg spielte.
Ich fragte:
Spürst du deine Freiheit?
Er sah mich mit großen Augen fragend an.
Ich sah einen Bettler.
Er kniete in einer Einkaufsstraße.
Ich fragte:
Spürst du deine Freiheit?
Er sah mich mit großen Augen fragend an.
Ich war im Zirkus,
sah Elefanten Kunststückchen vorführen.
Ich fragte:
Spürt ihr eure Freiheit?
Sie sahen mich mit großen Augen fragend an.
Ich sah einige Menschen,
sie waren aus Furcht aus ihrem Land geflohen.
Ich fragte:
Spürt ihr eure Freiheit?
Sie sahen mich mit großen Augen fragend an.
Ich sah eine alte Frau.
Sie tat ihren letzten Atemzug.
Ich fragte:
Spürst du deine Freiheit?
Sie sah mich an und lächelte.


© Martina Pfannenschmidt, 2015



Wurzeln

Mein Baum,
jedem Wind und Sturm trotzt du.
Deine Äste streckst du
dem Himmel entgegen,
so, als möchtest du dem Allmächtigen
dafür danken,
dass er dich an diesen Platz gestellt hat.
Du jammerst nicht über den Regen,
du bist dankbar für ihn.
Ich hörte dich auch niemals
über zu große Hitze stöhnen.
Stattdessen erfreust du dich an der
kühle der Nacht.
Woher nimmst du nur deine Kraft?

Ich kenne die Antwort:

Weil du tief verwurzelt bist!

Warum bin ich nicht wie du?
Warum bin ich nicht standhaft an meinem Platz und in meinem Reden und Tun?
Warum bin ich unsicher?
Warum zweifle ich,
ein Teil des Großen und Ganzen zu sein?
Warum bringen mich manche Situationen
ins Straucheln?
Warum schaffen es andere Menschen,
mich zu beeinflussen?
Warum lasse ich zu,
dass sie mir meine Lebensfreude rauben?
Warum fülle ich meinen Platz
an dem ich stehe, nicht aus?

Ich kenne die Antwort:

Weil ich nicht fest verwurzelt bin!

Kann ich als Mensch
überhaupt Wurzeln schlagen?

Versuchs,
sagt der Baum
und lächelt.


© Martina Pfannenschmidt, 2015




Zeit

Kaum war ich geboren,
bekam ich ein Geschenk.
Man beglückte mich mit:
der Zeit!

Sie sprach zu mir:
‚Mein liebes Kind,
geh behutsam mit mir um
und nutze mich sinnvoll.’

Ich schaute sie mir genau an, meine Zeit,
da sprach sie weiter:

‚Die meisten Menschen haben zu wenig von mir,
andere zu viel.
Einige geraten in meinen Strudel
oder schlagen mich gar tot.
Angeblich soll es gute und auch schlechte
von mir geben.
Manche verlieren mich oder
warten gar auf meinen Rat.
Außerdem sagt man mir nach,
ich könne Wunden heilen.
Es gibt auch Menschen,
die laufen mir ständig hinterher.
Wieder andere vertreiben sich mit mir
oder vertrödeln mich.

Mir wurde bewusst,
dass ich einen wahren Schatz
in meinen Händen hielt und fragte:
„Sag mir, wie viel Zeit wurde mir gegeben?“

Da lächelte die Zeit und antwortete:
„Das bleibt mein Geheimnis!“


© Martina Pfannenschmidt, 2015




Meer

Wenn ich an deinem Ufer stehe,
bin ich ergriffen.
Das Wort ‚ewig’ bekommt eine andere
Bedeutung.
Du reichst bis zum Horizont,
vereinst dich mit dem Himmel -
wirst von der Sonne geküsst.
Still ruhst du vor mir;
doch du kannst auch
wütend werden, aufbrausend.
Du forderst von den Menschen das Land zurück,
von dem sie behaupten, es gehöre ihnen.
Mit einem Schlag deiner Pranke 
ist es wieder dein.
Wenn du willst, treibst du Schiffe
wie Streichholzschachteln vor dir her.
Du wurdest zum Grab 
und doch bist du Lebensraum für viele.
Ungezählt die Lebewesen,
die sich in dir tummeln.
Staunend stehe ich da!
Groß und gewaltig bist du.
In deiner Gegenwart fühle ich mich
unbedeutend und klein.
Doch ich weiß,
wir sind miteinander verbunden,
du und ich.
Wir sind ein Teil des großen Ganzen.
Wenn wir Menschen das vergessen,
werden wir auf grausame Weise daran erinnert.
Du bist das Meer – aus dem alles kam –
ich bin der Mensch – 
und doch sind wir nicht zwei -
wir sind EINS!

© Martina Pfannenschmidt, 2015