Ideen zu neuen Geschichten finden auf ganz unterschiedlichen Wegen zu mir. Oft ist es so, dass ich etwas sehe, so wie bei der letzten Geschichte. Manchmal schnappe ich irgendwo einen Satz auf oder irgendein Gedanke macht sich in mir breit. Ganz oft frage ich mich dann, woher der eigentlich kommt. – Die folgende Geschichte fand beim Bügeln zu mir, als ich darüber nachdachte, dass wir Menschen oftmals Gedanken pflegen, von denen wir denken, dass wir sie – aus den unterschiedlichsten Gründen heraus – nicht mit anderen teilen könnten. – Doch Clara nimmt uns heute ein klein wenig mit in die Welt ihrer Gedanken. – Ich wünsche euch viel Freude beim Lesen!
Clara stand an diesem Samstagmorgen am Fenster ihrer kleinen Altbauwohnung und blickte auf den Innenhof. Aus dem Badezimmer hörte man das Brummen der Waschmaschine, auf dem Küchentisch stand noch das Geschirr vom Frühstück, in ihrer Hand hielt sie eine Tasse Tee.
Clara war 29. Sie arbeitete als Grafikdesignerin in einer kleinen Agentur
und galt überall als der ‚Fels in der Brandung‘. Sie dachte immer rational, war
immer organisiert, immer diejenige, die bei Problemen einen kühlen Kopf
bewahrte – zumindest schien es für alle anderen so.
„Alles gut bei dir? Du bist so still“, fragte ihr Freund Leon aus dem
Wohnzimmer heraus, während er ein Videospiel spielte.
„Ja, alles super! Ich bin nur ein bisschen müde“, antwortete Clara. Ihre
Stimme klang dabei leicht und unbeschwert, doch so fühlte sie sich gar nicht.
Ihre Antwort war schlicht und ergreifend eine Lüge, die sie ständig
wiederholte, so dass sie ihr wie selbstverständlich über die Lippen kam. Die
Wahrheit sah ganz anders aus. Seit Monaten schon fühlte sie sich, als würde sie
eine Rolle in einem Theaterstück spielen, dessen Drehbuch sie weder kannte noch
mochte.
Sie schloss kurz die Augen und dachte: Ach könnte ich meine Mitmenschen
doch nur einmal mitnehmen in die Welt meiner Gedanken!
Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie eine ältere Frau unten im Hof,
die mühsam zwei schwere Einkaufstaschen trug und ihr kam der Gedanke, wie
flüchtig das alles hier doch ist. Diese Frau, Leon im Nebenzimmer, sie selbst –
alle waren sie wie wandelnde Geschichten auf zwei Beinen.
Eine gewisse Melancholie machte sich in ihrer Brust breit, als sie darüber
nachsann, dass die meisten dieser Geschichten ungelesen bleiben würden.
Sie fragte sich in diesem Moment, ob sich die Nachbarin von gegenüber, die
jeden Abend schweigend auf dem Balkon saß, einsam fühlte. Diese Einsamkeit, die
wohl viele, wenn nicht alle Menschen verband, während im Alltag jeder so tat,
als sei alles perfekt. Clara hatte ihre Gedanken noch nie mit jemandem geteilt.
In einer Welt, die scheinbar ständig eine Verbesserung und eine dauernde
Glückseligkeit forderte, sprach man nicht über melancholische Gedanken. Man
wollte ja nicht als depressiv oder kompliziert abgestempelt werden.
Claras Blick fiel auf ein Buch. Sie nahm es an sich und strich sehnsuchtsvoll
über den Einband. Das Buch zeigte Bilder aus Neuseeland – endlose, grüne Hügel,
auf denen Schafe weideten, umgeben von nichts als Weite. Ein schmerzhafter
Stich traf sie. Sie hatte der Welt nie erzählt, wie oft sie nachts wach lag und
das Gefühl hatte, am falschen Ort zu sein. Nicht falsch in dieser Wohnung oder
in dieser Stadt, sondern falsch in dieser gesamten, lauten Welt.
Sie sehnte sich nach einer Langsamkeit, die das moderne Leben gar nicht
mehr zuließ. Sie stellte sich eine Welt vor, in der der Wert eines Tages nicht
an Klicks gemessen wurde, sondern daran, wie viele Wolken man am Himmel
vorbeiziehen sah. Sie sehnte sich nach einer Welt, in denen Menschen einander
schweigend ansehen konnten, ohne dass diese Stille sofort mit Smalltalk oder
dem Griff zum Smartphone unterbunden werden musste.
Sie öffnete die unterste Schublade ihres Schreibtisches. Ganz hinten, unter
alten Steuerunterlagen, lag eine Mappe mit Kohlezeichnungen. Es waren wilde,
düstere, aber wunderschöne Landschaften, die Clara im echten Leben niemandem
zeigte. Vor ein paar Wochen hatte sie sogar einige davon im Waschbecken
verbrannt, aus Angst, Leon oder eine Freundin könnten sie zufällig finden und
Fragen stellen.
Clara hatte der Welt von sich immer nur die funktionierende Seite präsentiert. Niemand wusste, dass sie manchmal den unbändigen Drang verspürte,
laut zu schreien oder einfach alles hinzuschmeißen. Sie versteckte ihre kreativen Seite und ihren Freiheitsdrang, weil sie das Unverständnis ihres Umfeldes daraufhin
fürchtete. Die Angst vor Sätzen, wie: „Clara, was ist los mit dir? Drehst du jetzt
völlig durch?“, waren ihr ständiger Begleiter.
Sie blickte auf ihr Smartphone, das auf der Küchenzeile lag. In der
WhatsApp-Gruppe ihrer Freundinnen ploppten gerade Nachrichten auf:
Urlaubsfotos, Restaurant-Tipps. Das Schweigen über das, was die Menschen
wirklich bewegte, war für Clara in letzter Zeit kaum mehr zu ertragen. Sie
begriff, dass alle Menschen ihr Innerstes und ihre wahren Gefühle und Gedanken
wie in einem Tresor verschlossen hielten. War sie denn die Einzige, die sich
nach echter, ungeschönter Verbundenheit sehnte?
Clara setzte sich an ihren Schreibtisch, öffnete ihren Laptop und begann
mit zitternden Händen zu schreiben. Sie wollte die Tür zu ihrer Innenwelt nicht
länger vor anderen verschlossen halten. Sie wollte sie zumindest einen Spalt
breit öffnen.
Clara begann zu tippen: Ich nehme euch mal mit ... in die Welt meiner
Gedanken!
© Martina
Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!
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