Dienstag, 21. Juli 2026

Ich nehme euch mal mit …

Ideen zu neuen Geschichten finden auf ganz unterschiedlichen Wegen zu mir. Oft ist es so, dass ich etwas sehe, so wie bei der letzten Geschichte. Manchmal schnappe ich irgendwo einen Satz auf oder irgendein Gedanke macht sich in mir breit. Ganz oft frage ich mich dann, woher der eigentlich kommt. – Die folgende Geschichte fand beim Bügeln zu mir, als ich darüber nachdachte, dass wir Menschen oftmals Gedanken pflegen, von denen wir denken, dass wir sie – aus den unterschiedlichsten Gründen heraus – nicht mit anderen teilen könnten. – Doch Clara nimmt uns heute ein klein wenig mit in die Welt ihrer Gedanken. – Ich wünsche euch viel Freude beim Lesen!

 

Clara stand an diesem Samstagmorgen am Fenster ihrer kleinen Altbauwohnung und blickte auf den Innenhof. Aus dem Badezimmer hörte man das Brummen der Waschmaschine, auf dem Küchentisch stand noch das Geschirr vom Frühstück, in ihrer Hand hielt sie eine Tasse Tee.

Clara war 29. Sie arbeitete als Grafikdesignerin in einer kleinen Agentur und galt überall als der ‚Fels in der Brandung‘. Sie dachte immer rational, war immer organisiert, immer diejenige, die bei Problemen einen kühlen Kopf bewahrte – zumindest schien es für alle anderen so.

„Alles gut bei dir? Du bist so still“, fragte ihr Freund Leon aus dem Wohnzimmer heraus, während er ein Videospiel spielte.

„Ja, alles super! Ich bin nur ein bisschen müde“, antwortete Clara. Ihre Stimme klang dabei leicht und unbeschwert, doch so fühlte sie sich gar nicht. Ihre Antwort war schlicht und ergreifend eine Lüge, die sie ständig wiederholte, so dass sie ihr wie selbstverständlich über die Lippen kam. Die Wahrheit sah ganz anders aus. Seit Monaten schon fühlte sie sich, als würde sie eine Rolle in einem Theaterstück spielen, dessen Drehbuch sie weder kannte noch mochte.

Sie schloss kurz die Augen und dachte: Ach könnte ich meine Mitmenschen doch nur einmal mitnehmen in die Welt meiner Gedanken!

Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie eine ältere Frau unten im Hof, die mühsam zwei schwere Einkaufstaschen trug und ihr kam der Gedanke, wie flüchtig das alles hier doch ist. Diese Frau, Leon im Nebenzimmer, sie selbst – alle waren sie wie wandelnde Geschichten auf zwei Beinen.

Eine gewisse Melancholie machte sich in ihrer Brust breit, als sie darüber nachsann, dass die meisten dieser Geschichten ungelesen bleiben würden.

Sie fragte sich in diesem Moment, ob sich die Nachbarin von gegenüber, die jeden Abend schweigend auf dem Balkon saß, einsam fühlte. Diese Einsamkeit, die wohl viele, wenn nicht alle Menschen verband, während im Alltag jeder so tat, als sei alles perfekt. Clara hatte ihre Gedanken noch nie mit jemandem geteilt. In einer Welt, die scheinbar ständig eine Verbesserung und eine dauernde Glückseligkeit forderte, sprach man nicht über melancholische Gedanken. Man wollte ja nicht als depressiv oder kompliziert abgestempelt werden.

Claras Blick fiel auf ein Buch. Sie nahm es an sich und strich sehnsuchtsvoll über den Einband. Das Buch zeigte Bilder aus Neuseeland – endlose, grüne Hügel, auf denen Schafe weideten, umgeben von nichts als Weite. Ein schmerzhafter Stich traf sie. Sie hatte der Welt nie erzählt, wie oft sie nachts wach lag und das Gefühl hatte, am falschen Ort zu sein. Nicht falsch in dieser Wohnung oder in dieser Stadt, sondern falsch in dieser gesamten, lauten Welt.

Sie sehnte sich nach einer Langsamkeit, die das moderne Leben gar nicht mehr zuließ. Sie stellte sich eine Welt vor, in der der Wert eines Tages nicht an Klicks gemessen wurde, sondern daran, wie viele Wolken man am Himmel vorbeiziehen sah. Sie sehnte sich nach einer Welt, in denen Menschen einander schweigend ansehen konnten, ohne dass diese Stille sofort mit Smalltalk oder dem Griff zum Smartphone unterbunden werden musste.

Sie öffnete die unterste Schublade ihres Schreibtisches. Ganz hinten, unter alten Steuerunterlagen, lag eine Mappe mit Kohlezeichnungen. Es waren wilde, düstere, aber wunderschöne Landschaften, die Clara im echten Leben niemandem zeigte. Vor ein paar Wochen hatte sie sogar einige davon im Waschbecken verbrannt, aus Angst, Leon oder eine Freundin könnten sie zufällig finden und Fragen stellen.

Clara hatte der Welt von sich immer nur die funktionierende Seite präsentiert. Niemand wusste, dass sie manchmal den unbändigen Drang verspürte, laut zu schreien oder einfach alles hinzuschmeißen. Sie versteckte ihre kreativen Seite und ihren Freiheitsdrang, weil sie das Unverständnis ihres Umfeldes daraufhin fürchtete. Die Angst vor Sätzen, wie: „Clara, was ist los mit dir? Drehst du jetzt völlig durch?“, waren ihr ständiger Begleiter.

Sie blickte auf ihr Smartphone, das auf der Küchenzeile lag. In der WhatsApp-Gruppe ihrer Freundinnen ploppten gerade Nachrichten auf: Urlaubsfotos, Restaurant-Tipps. Das Schweigen über das, was die Menschen wirklich bewegte, war für Clara in letzter Zeit kaum mehr zu ertragen. Sie begriff, dass alle Menschen ihr Innerstes und ihre wahren Gefühle und Gedanken wie in einem Tresor verschlossen hielten. War sie denn die Einzige, die sich nach echter, ungeschönter Verbundenheit sehnte?

Clara setzte sich an ihren Schreibtisch, öffnete ihren Laptop und begann mit zitternden Händen zu schreiben. Sie wollte die Tür zu ihrer Innenwelt nicht länger vor anderen verschlossen halten. Sie wollte sie zumindest einen Spalt breit öffnen.

Clara begann zu tippen: Ich nehme euch mal mit ... in die Welt meiner Gedanken!

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

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