Donnerstag, 1. Januar 2026

Neuanfang (1.1.2026)

Stille lag über der Stadt, als erste Sonnenstrahlen über den Dächern der Häuser tanzten. Lautlos kringelte sich der Rauch aus den Schornsteinen der umliegenden Häuser. Frost lag in der Luft, als Melanie am Fenster ihrer kleinen Wohnung stand. Sie spürte, wie ihr Herz pochte. Tatam, Tatam. Es war ihr, als würde es den Takt für einen Aufbruch schlagen. Einen Neuanfang, den sie wagen wollte, wagen musste.

Das vergangene Jahr hatte ihr alles abverlangt. Der Verlust ihrer Oma lag wie ein Schatten auf ihrem Gemüt. Schwer wogen die Erinnerungen an gemeinsame Nachmittage, an das wärmende Lächeln und die Geborgenheit, die sie bei ihrer Oma gespürt hatte. Der Moment des Abschieds ging wie ein tiefer Riss durch ihr Herz und auch durch ihr gesamtes Leben. Er war so endgültig. Nicht zu begreifen.

Die Trauer hatte sich schwer und lähmend angefühlt. Es war ihr kaum mehr möglich gewesen, Freude oder Hoffnung zu spüren. Selbst kleine Aufgaben hatten sich zu riesigen scheinbar unüberwindbaren Bergen aufgetürmt. Sie war wie gefangen gewesen in ihrem eigenen Schmerz, wie in einem nicht enden wollenden kalten Winter.

Die Weihnachtstage hatte sie im Kreis ihrer Familie verbracht. Das hatte ihr gut getan. Die Trauer war zwar auch bei den anderen spürbar gewesen, doch sie hatte durchaus wahrgenommen, dass sie sich langsam wieder aufrichteten.

Heute, am ersten Tag des neuen Jahres, spürte Melanie zum ersten Mal wieder so etwas wie Vertrauen in die Zukunft. Die Trauer war immer noch da, doch sie war gewillt, sie anzunehmen und aus ihr neue Kraft zu schöpfen, so wie es sich ihre Oma für sie gewünscht hätte.

Sie vermisste ihr altes, buntes Leben. Die spontanen Treffen mit ihren Freundinnen und die gemeinsamen Filmabende. Diese Erkenntnis war wie ein zarter Funke der Hoffnung und sie wusste, dass nur sie selbst sich von den Fesseln der Vergangenheit und der Trauer lösen konnte und dass sie den Mut für einen Neuanfang finden musste.

Melanie zog sich warm an und trat hinaus in den klaren Januartag. Die Straßen waren leer, als gehörten sie nur ihr allein. Jeder Atemzug fühlte sich rein an und sie hoffe, dass die kalte Winterluft ihre Gedanken und alten Sorgen bereinigen würde, nicht, um etwas zu verdrängen oder zu vergessen, sondern um Platz für neue leichtere Gedanken zu schaffen.

Mit jedem Schritt spürte sie, wie sich ihr Herz ein wenig mehr öffnete und sie entschied, wieder zu malen. Sie wollte bunte Farben auf die Leinwand und in ihr Leben bringen und ihre Gefühle ausdrücken, statt sie zu verstecken.

Der Jahresbeginn! Er sollte für sie mehr sein, als ein Kalenderblatt – er sollte die Brücke zu einem neuen Leben sein.

Am Nachmittag holte Melanie ihre Malutensilien hervor, setzte sich ans Fenster und begann, noch etwas unsicher, den ersten Pinselstrich auf die Leinwand zu setzen, so dass sich diese mehr und mehr mit Farben füllte und sie immer mutiger wurde. 

Gefühle stiegen in ihr auf, die sie das ganze letzte Jahr nicht mehr gespürt hatte. Es war, als würde mit jedem Farbton ihr Innerstes heilen.

Von draußen drang das Lachen von Kindern an ihr Ohr und irgendwo schlug eine Kirchturmuhr – das Leben klang wieder vertraut. Melanie lächelte. Sie wusste, der Weg würde nicht immer leicht sein, aber sie hatte den ersten Schritt gewagt. Der Neuanfang fühlte sich an wie das Versprechen, dass auf jeden frostigen Januar wieder ein Frühling folgte.

Als der Tag dem Abend wich, blickte sie auf ihr erstes Bild des Jahres. Es war nicht perfekt, aber es war echt und es zeigte, wie sie sich fühlte.

Mit Tränen in den Augen – nicht mehr aus Schmerz, sondern aus Zuversicht – hob sie das Glas und flüsterte: „Auf das Leben, auf den Neuanfang, auf mich.“

Der Jahresbeginn war für sie nicht mehr nur ein Datum, sondern der Moment, in dem sie sich selbst wiedergefunden hatte.

(c) Martina Pfannenschmidt



4 Kommentare:

  1. Liebe Martina, ich kann Melanie so gut verstehen. Der Verlust eines geliebten Menschen kann einen ganz schön aus der Kurve hauen - du weißt, dass ich das gerade selbst erlebt habe und ich vermisse meine Mutter jeden Tag. Sie ist morgens mein erster Gedanke und am Abend der letzte. Ich erinnere mich, dass sie in den letzten Monaten immer mal wieder gesagt hat: Denkst du manchmal an mich? Natürlich tu ist das, war meine Antwort und so ist es auch, nur, dass aus dem manchmal ein großes IMMER geworden ist.
    Schön, dass die Hoffnung am Schluss deiner schönen Geschichte auftaucht, auch bei mir ist das Malen ein Ventil, genau wie das Schreiben.
    Ein schöner Jahresauftakt, liebe Martina, danke
    liebe Grüße
    Regina

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    1. Ja, liebe Regina, wenn die Mutter 'geht', ist das für die meisten Menschen mit sehr viel Emotionen und Traurigkeit verbunden. Ich habe das auch erlebt. Aber irgendwann wird aus der Traurigkeit ein Annehmen und Loslassen. - Das ist ein wichtiger Prozess für den Hinterbliebenen, aber vielleicht sogar für den, der gegangen ist. - Danke dir für deinen lieben Kommentar! Martina

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  2. ich habe in den letzten Jahren viele gehen lassen müssen
    am schlimmsten war der Verlust meiner Tochter
    aber man muss sich immer wieder aufrappeln
    denn das Leben geht weiter
    es fragt nicht danach
    und das ist vielleicht auch gut so
    LG
    Rosi

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    1. Ich mag es mir gar nicht vorstellen, wie groß der Schmerz ist, wenn das eigene Kind geht und ich hab wirklich großen Respekt dafür, dass du es immer wieder schaffst, dich aufzurappeln. - Fühl dich gedrückt! Martina

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