Stille lag über der Stadt, als erste Sonnenstrahlen über den Dächern der Häuser tanzten. Lautlos kringelte sich der Rauch aus den Schornsteinen der umliegenden Häuser. Frost lag in der Luft, als Melanie am Fenster ihrer kleinen Wohnung stand. Sie spürte, wie ihr Herz pochte. Tatam, Tatam. Es war ihr, als würde es den Takt für einen Aufbruch schlagen. Einen Neuanfang, den sie wagen wollte, wagen musste.
Das vergangene
Jahr hatte ihr alles abverlangt. Der Verlust ihrer Oma lag wie ein Schatten auf
ihrem Gemüt. Schwer wogen die Erinnerungen an gemeinsame Nachmittage, an das
wärmende Lächeln und die Geborgenheit, die sie bei ihrer Oma gespürt hatte. Der
Moment des Abschieds ging wie ein tiefer Riss durch ihr Herz und auch durch ihr
gesamtes Leben. Er war so endgültig. Nicht zu begreifen.
Die Trauer hatte
sich schwer und lähmend angefühlt. Es war ihr kaum mehr möglich gewesen, Freude
oder Hoffnung zu spüren. Selbst kleine Aufgaben hatten sich zu riesigen scheinbar unüberwindbaren Bergen aufgetürmt. Sie war wie gefangen gewesen in ihrem
eigenen Schmerz, wie in einem nicht enden wollenden kalten Winter.
Die Weihnachtstage
hatte sie im Kreis ihrer Familie verbracht. Das hatte ihr gut getan. Die Trauer
war zwar auch bei den anderen spürbar gewesen, doch sie hatte durchaus
wahrgenommen, dass sie sich langsam wieder aufrichteten.
Heute, am ersten
Tag des neuen Jahres, spürte Melanie zum ersten Mal wieder so etwas wie Vertrauen
in die Zukunft. Die Trauer war immer noch da, doch sie war gewillt, sie
anzunehmen und aus ihr neue Kraft zu schöpfen, so wie es sich ihre Oma für sie
gewünscht hätte.
Sie vermisste ihr
altes, buntes Leben. Die spontanen Treffen mit ihren Freundinnen und die
gemeinsamen Filmabende. Diese Erkenntnis war wie ein zarter Funke der Hoffnung
und sie wusste, dass nur sie selbst sich von den Fesseln der Vergangenheit und der Trauer lösen konnte und dass sie den Mut für einen Neuanfang finden musste.
Melanie zog sich warm
an und trat hinaus in den klaren Januartag. Die Straßen waren leer, als
gehörten sie nur ihr allein. Jeder Atemzug fühlte sich rein an und sie hoffe,
dass die kalte Winterluft ihre Gedanken und alten Sorgen bereinigen würde, nicht,
um etwas zu verdrängen oder zu vergessen, sondern um Platz für neue leichtere
Gedanken zu schaffen.
Mit jedem Schritt
spürte sie, wie sich ihr Herz ein wenig mehr öffnete und sie entschied, wieder
zu malen. Sie wollte bunte Farben auf die Leinwand und in ihr Leben bringen und
ihre Gefühle ausdrücken, statt sie zu verstecken.
Der Jahresbeginn!
Er sollte für sie mehr sein, als ein Kalenderblatt – er sollte die Brücke zu
einem neuen Leben sein.
Am Nachmittag holte Melanie ihre Malutensilien hervor, setzte sich ans Fenster und begann, noch etwas unsicher, den ersten Pinselstrich auf die Leinwand zu setzen, so dass sich diese mehr und mehr mit Farben füllte und sie immer mutiger wurde.
Gefühle
stiegen in ihr auf, die sie das ganze letzte Jahr nicht mehr gespürt hatte. Es
war, als würde mit jedem Farbton ihr Innerstes heilen.
Von draußen drang
das Lachen von Kindern an ihr Ohr und irgendwo schlug eine Kirchturmuhr – das
Leben klang wieder vertraut. Melanie lächelte. Sie wusste, der Weg würde nicht
immer leicht sein, aber sie hatte den ersten Schritt gewagt. Der Neuanfang
fühlte sich an wie das Versprechen, dass auf jeden frostigen Januar wieder ein
Frühling folgte.
Als der Tag dem
Abend wich, blickte sie auf ihr erstes Bild des Jahres. Es war nicht perfekt,
aber es war echt und es zeigte, wie sie sich fühlte.
Mit Tränen in den
Augen – nicht mehr aus Schmerz, sondern aus Zuversicht – hob sie das Glas und
flüsterte: „Auf das Leben, auf den Neuanfang, auf mich.“
Der Jahresbeginn
war für sie nicht mehr nur ein Datum, sondern der Moment, in dem sie sich
selbst wiedergefunden hatte.
(c) Martina Pfannenschmidt
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