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Sonntag, 1. März 2026

Missverstehe ich dich richtig?

An diesem Sonntagmorgen floss die Zeit im Hause Lindemann besonders langsam. Während Erna am Küchentisch saß und Kreuzworträtsel löste, stand Alfons im Vorratsraum. Warum war er nochmal dorthin gegangen? Er wusste genau, dass es einen Grund dafür gab, aber es wollte ihm einfach nicht mehr einfallen.

Doch dann wusste er es wieder – nur das Name, der war ihm entfallen, weshalb er seine Frau fragte: „Erna, wo steht nochmal dieses gelbe Zeug. Du weißt schon, das, was ich so gerne mag.“

„Was suchst du, Alfons? Den gelben Beleg? Aber der liegt doch nicht im Vorratsraum. Den habe ich in die Küchenschublade gelegt.“

Alfons schüttelte mit dem Kopf und schlurfte zurück in die Küche. „Nicht der Beleg, Erna. Ich meine … wie heißt es noch, … diesen Dings, … diesen … Honig. Ich suche den Honig!“

Erna sah ihn prüfend an. „Honig? Den hast du doch gestern schon aufgegessen. Du vergisst auch wirklich alles, Alfons“, meinte sie und legte ihr Rätselheft beiseite.

„Und du?“, konterte Alfons. „Du hast deinen Termin beim Akustiker vergessen, dabei brauchst du dringend ein Hörgerät, meine Liebe.“

Erna schnaubte ein wenig. „Ich brauche gar nichts. Ich höre sogar, wie die Nachbarn drei Häuser weiter niesen. Du nuschelst nur so furchtbar. Das ist der Grund.“

„Ich nuschele nicht“, verteidigte sich Alfons. „Ich spreche deutlich. Apropos: Wollen wir gleich eine Runde in den Park? Das Wetter ist so herrlich.“

Erna hielt inne und sah ihn mit großen Augen an. „Quark? Alfons, wir haben doch gerade erst gefrühstückt! Und jetzt willst du auch noch Quark essen. Das wird dir nicht bekommen.“

Alfons seufzte. „Nicht Quark, Erna. Der Park! Mit den Enten und den alten Eichen.“

„Ach so, der Park“, sagte Erna und tat so, als wäre das absolut offensichtlich gewesen. „Warum sagst du das denn nicht gleich? Du verschluckst immer die halben Wörter.“

Und so machten sie sich fertig für ihren Spaziergang. Alfons suchte seine Jacke und fand sie nach einiger Zeit statt an der Garderobe in seinem Kleiderschrank. Er wunderte sich kurz, wie sie wohl dorthin gekommen war, bemaß dem Ganzen aber keine weitere Bedeutung bei.

Als sie an der Haustür standen, klopfte Alfons sich die Taschen ab. „Hast du den Schlüssel?“, fragte er.

„Rüssel? Nein, Alfons, der Weg bis zum Zoo ist mir zu weit. Ich mag zwar die Elefanten, aber nicht heute. Heute gehen wir nur in den Stadtpark.“

Alfons schüttelte kurz den Kopf, zog dann den Schlüssel aus seiner eigenen Hosentasche, nahm die Hand seiner Frau und schmunzelte.

„Ich hab ihn schon, Erna“, meinte er dann. „Komm, wir gehen jetzt – bevor ich vergesse, wohin ich mit dir wollte.“

Und so gingen sie Arm in Arm los.

Der Stadtpark war an diesem Sonntag gut besucht. Alfons und Erna schlenderten im Gleichschritt über die befestigten Wege. Alfons hielt die Augen offen – er genoss die Farben der ersten Krokusse, auch wenn er sich beim besten Willen nicht mehr an den Namen erinnern konnte. Für ihn waren es ‚die Gelben da und die Lilanen dort‘.

„Schau mal, Erna“, sagte er in diesem Moment und deutete auf eine Bank. „Da sitzt doch der Herr Krause aus unserer Straße. Wollen wir kurz hallo sagen?“

„Was sagst du? Ein Floh? Alfons, dann bleib bloß weg von den Sträuchern, wenn da Ungeziefer drinsitzt.“

Alfons schüttelte amüsiert den Kopf. „Kein Floh, Erna! Hallo! Zum Nachbarn, Herrn Krause!“

„Ach, ne Pause!“, erwiderte Erna zufrieden. „Ja, eine kleine Pause auf der Bank würde uns guttun.“

Bevor Alfons das Missverständnis aufklären konnte, hatten sie Herrn Krause bereits erreicht. Der alte Herr Krause war bekannt dafür, sehr ausschweifend über seine Krankheiten zu berichten.

„Guten Tag, Herr Krause!“, rief Alfons freundlich. „Genießen Sie auch die Sonne?“

Herr Krause sah auf und rückte seine Brille zurecht. „Na ja“, erwiderte er, „wie man es nimmt. Meine Frau sagt zwar immer, dass das Alter keine Wonne mehr ist, aber was soll man machen, nicht wahr?“

Erna setzte sich mit einem erleichterten Seufzer neben ihn. „Schrecklich, nicht wahr, Herr Krause? Mein Mann meinte eben, es gäbe hier überall Flöhe. Haben Sie auch schon welche gesehen?“

Herr Krause blinzelte verwirrt. „Rehe? Hier im Stadtpark? Nein, das glaube ich nicht. Die trauen sich nicht so nah an die Stadt ran. Aber ich habe gestern einen sehr großen Hund gesehen.“

Alfons stand daneben und beobachtete das Gespräch wie ein Tennisspiel und beschloss, das Thema zu wechseln. „Herr Krause, wie geht es eigentlich Ihrem Enkel? Er hat doch gerade die Lehre angefangen.“

Herr Krause legte die Stirn in Falten. „Meine Schenkel? Ja, da sagen Sie was, Herr Lindemann. Der Ischiasschmerz zieht sich über meinen Schenkel bis in den Fuß hinein.“

Erna nickte mitleidig, obwohl sie nur die Hälfte verstanden hatte.

Alfons sah von Erna zu Krause und wieder zurück. Es war wie ein Orchester, bei dem jeder ein anderes Lied spielte.

„Wisst ihr was?“, rief Alfons etwas lauter. „Ich glaube, wir brauchen alle ein Eis. Ich geh mal rüber zum Kiosk.“

Erna strahlte und hatte ihn sofort richtig verstanden. „Geh nur, Alfons. Aber bring mir eins mit Nüssen mit!“

„Küssen?“, rief Herr Krause entsetzt dazwischen. „In unserem Alter und mitten im Park?“

Alfons winkte ab und ging lachend Richtung Kiosk. Er vergaß zwar auf dem halben Weg fast, ob Erna nun ein Nuss- oder doch lieber ein Erdbeereis wollte, aber er wusste eines ganz sicher: Sie verstanden sich vielleicht nicht immer beim ersten Wort, aber sie verstanden sich im Herzen immer richtig.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!


Freitag, 20. Februar 2026

Du bist die Botschafterin?!

Dies ist eine Fortsetzung der vorherigen Geschichte 'Die Botschaft der Kiesel'.

 

Als Herr Baumann die Tür des Gemeindezentrums öffnete, in dem einmal wöchentlich der Seniorentreff stattfand, duftete es nach frischem Kaffee und Kuchen. Für ihn war dieser Schritt, den er vor ein paar Wochen gewagt hatte, ein erster bewusster Schritt zurück ins Leben gewesen.

Dort, zwischen den hohen Fenstern, war er zum ersten Mal Elisabeth begegnet; einer Frau, die den Malkurs leitete und mit der er sich von Anfang an gut verstanden hatte.

Als die beiden später gemeinsam halfen, die Tassen und Teller abzuräumen, kamen sie wieder einmal ins Gespräch. „Manchmal“, meinte Elisabeth in diesem Moment, „sind es die kleinen Dinge, die uns halten, wenn alles andere wegbricht, nicht wahr?“.

„Sie haben so recht“, antwortete Herr Baumann leise. „Sie müssen wissen, dass ich vor einigen Monaten meine Frau verloren habe und für mich gab es ab dem Tag gar keine Zukunft mehr. Es kam mir so vor, als sei die letzte Seite eines Buches geschrieben und das Buch nun zugeklappt worden.“

Elisabeth lächelte ihn an. Ein warmes, verständnisvolles Lächeln. Dann sagte sie: „Wer weiß, vielleicht gleicht Ihr weiteres Leben doch eher einem Notizbuch mit noch vielen weißen unbeschriebenen Seiten.“

In den folgenden Wochen wurden ihre Gespräche zum Anker für beide. Er erzählte ihr von der Leere in seinem Haus, sie ihm von ihrer Überzeugung, dass Hoffnung eine Entscheidung ist.

Schließlich traten sie gemeinsam den Weg vom Gemeindezentrum durch den Park nach Hause an. Nach einer Weile blieb Herr Baumann kurz stehen, griff in seine Jackentasche und holte einen glatten Kieselstein hervor. „Dieser Stein hier“, sagte er mit brüchiger Stimme, „lag dort auf der Mauer. Seine Botschaft ‚Jeder Tag verdient einen Neuanfang‘ hat mir das Licht zurückgebracht. Wer auch immer ihn dort hingelegt hat, hat mich und meine Seele gerettet.“

Elisabeth sah den Stein an, sie sah ihre eigene Handschrift, doch sie schwieg. Sie genoss den Moment und die große Freude, die sich in ihr ausbreitete. Vielleicht, eines Tages, würde sie es ihm erzählen. Aber nicht heute. Heute wollte sie sich still daran erfreuen.

Weitere Wochen später betrat Herr Baumann zum ersten Mal das lichtdurchflutete Wohnzimmer von Elisabeth. Während sie in der Küche den Kaffee kochte, ließ Herr Baumann seinen Blick schweifen. Plötzlich entdeckte er auf einer Anrichte ein großes Glasgefäß das randvoll gefüllt war mit Kieselsteinen. Einige davon waren exakt mit der Farbe bemalt, die auch sein Stein trug. Daneben lagen feine Pinsel und Acrylmarker.

Als Elisabeth mit dem Tablett hereinkam, stand er fassungslos da. Er sah vom Glas zu ihr und wieder zurück. „Du...“, flüsterte er, und zum ersten Mal nutzte er das vertraute Du. „Du bist die Botschafterin?!“

Elisabeth stellte das Tablett ab und trat zu ihm. „Ich wollte nur Hoffnung verbreiten“, sagte sie sanft.

Und zum ersten Mal nahm er ihre Hand und beide hatten das Gefühl, als wäre der Stein das Fundament für etwas Wunderschönes, das sich zart und leise zwischen ihnen entfaltete.

 © Martina Pfannenschmidt, 2026



Die Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!


Dienstag, 25. November 2025

Ein Nachmittag im Café

Ihr Lieben, wir kommen vom Ewigkeitssonntag und gehen Richtung Advent. Bereits jetzt brennt in den Häusern und Straßen die erste adventliche Beleuchtung. Es ist, als könnten wir es gar nicht erwarten. - Doch worauf warten wir eigentlich?

Der Frage möchte ich heute nicht nachgehen, sondern stattdessen eine erste adventliche Geschichte einstellen. Es werden in den kommenden Tagen noch weitere folgen UND: ab Samstag wird es eine fortlaufende 'Adventskalendergeschichte' geben. Dann erzähle ich euch von Joschua und seinen Erlebnissen in der Adventszeit. - In all den vergangenen Jahren habe ich das immer geplant, doch es haperte stets an der Umsetzung. Nicht so in diesem Jahr - und darüber freue ich mich riesig.

Vielleicht mache ich euch - meinen Lesern - damit eine vorweihnachtliche Freude. Das wäre wahrlich schön. Und jetzt folgt die Geschichte: Ein Nachmittag im Café. Viel Freude beim Lesen!


Es ist ein grauer Dezembernachmittag. Der Regen prasselt leise gegen die großen Fensterscheiben des kleinen Cafés am Ende der belebten Einkaufsstraße. Drinnen schimmert das Licht von Kerzen und der Duft nach frischem Gebäck mischt sich mit dem Aroma von starkem Kaffee. An einem der Fenster sitzt Elise. Ihren Mantel hat sie sorgfältig über einen Stuhl gelegt und ihre Hände umschließen eine dampfende Tasse Tee. Ihr Blick schweift hinaus zu den Menschen, die hastig durch die Straßen eilen.

Sie sieht, wie Familien schwere Taschen tragen, Kinder an den Händen der Eltern zerren und Paare diskutieren. Die Hektik der Vorweihnachtszeit spiegelt sich in ihren Gesichtern wider. Elise nimmt Eile, Sorge und Gereiztheit wahr.

Früher, denkt sie, lag in der Adventszeit mehr Vorfreude in der Luft und die Straßen waren nicht mit getriebenen Menschen gefüllt. In diesem Moment sieht sie sich als kleines Mädchen an der Hand ihrer Mutter durch die Stadt schlendern. Erste Schneeflocken fielen aus den Wolken und die Lichter in den Fenstern leuchteten bunt. – So wie es auch heute noch ist und dennoch fehlt etwas: das warme Gefühl von damals.

Während Elise auf ihre Freundin Margarete wartet, die sich wie so oft wieder einmal verspätet, schweifen ihre Gedanken weiter. Sie fragt sich, wann der Zauber von Weihnachten, den sie einst so deutlich spürte, verloren ging. War es, als die Geschenke größer und teurer wurden? Oder als die Zeit für gemeinsame Geschichten und Lieder immer knapper wurde?

Elise fühlt eine leise Sehnsucht nach den Weihnachtsfesten ihrer Kindheit, nach dem Duft von Tannenzweigen, dem Geräusch von knisterndem Feuer im Ofen und dem ehrlichen Lachen am festlich gedeckten Tisch.

Die Tür des Cafés öffnet sich, und Margarete betritt den Raum. Als sie ihre Freundin entdeckt, schickt sie ihr ein Lächeln. Nach einer herzlichen Umarmung und ein paar ersten Worten über das Wetter beginnt das Gespräch rasch, sich den tieferen Themen zuzuwenden.

„Weißt du, Margarete,“ sagt Elise nachdenklich, „mir kommt es so vor, als hätte sich Weihnachten verändert. Früher war es das Fest der Nähe und des gemeinsamen Wartens auf das Wunder. Heute scheint es mehr um Materielles zu gehen, um Listen und Erwartungen.“

Margarete nickt und erwidert: „Du hast recht. Früher waren die Geschenke klein, aber die Freude war groß. Es ging nicht darum, was unterm Baum lag, sondern darum, wer drumherum saß.“ Sie seufzt leise. „Manchmal frage ich mich, ob wir den Sinn von Weihnachten auf dem Weg verloren haben.“

Elise blickt auf ihre Hände, als sie ihre Freundin fragt: „Sag mir, was macht Weihnachten für dich aus? Denkst du wirklich, dass der Sinn von Weihnachten verloren gegangen ist?“

Margarete greift nachdenklich nach ihrer Tasse. Ihre Stimme ist ruhig, als sie antwortet: „Vielleicht ist der Sinn von Weihnachten nie wirklich verloren gegangen. Vielleicht hat er sich nur versteckt, zwischen all dem Lärm der Welt. Weihnachten ist für mich nicht das, was ich kaufen oder verschenken kann – es ist das, was ich mit anderen teilen kann: Zeit, Aufmerksamkeit, Hoffnung. Weihnachten ist dort, wo es das stille Versprechen gibt, dass wir füreinander da sein werden, gerade dann, wenn alles um uns herum laut und hektisch ist. Der wahre Sinn liegt in meinen Augen im Miteinander, im Zuhören, im Lachen, das aus tiefstem Herzen kommt.“

Sie hält kurz inne, bevor sie fortfährt: „Solange wir zwei uns diese Momente bewahren können, hier im Café, während draußen die Welt rast, solange lebt Weihnachten in unseren Herzen weiter. Vielleicht ist es heute wichtiger denn je, innezuhalten und das Gute zu sehen, das wir einander geben können.“

Die beiden Freundinnen verbringen noch einen schönen gemeinsamen Nachmittag miteinander. Sie erzählen von den Weihnachtsfesten, als ihre Kinder noch klein waren, von selbst gebackenen Keksen und Liedern, die sie am Weihnachtsbaum gesungen haben. Sie lachen über alte Missgeschicke beim Schmücken des Baumes und werden still bei Erinnerungen an Menschen, die nicht mehr dabei sind. Aber in all diesen Erinnerungen ist Wärme, Nähe und das Gefühl, gemeinsam Teil von etwas Größerem zu sein.

Als sie sich später herzlich voneinander verabschieden, wissen sie, dass für sie der Sinn von Weihnachten nicht verloren ist, solange er in den Begegnungen lebt, die berühren und in den Erinnerungen, die wir in uns tragen.

Das Fest ist dort, wo Menschen einander zuhören, sich ein Lächeln schenken und gemeinsam den Moment teilen – ganz gleich, wie laut die Welt da draußen ist.

© Martina Pfannenschmidt, 2025


Montag, 15. November 2021

Leben wir, um zu sterben?

 Reizwörter: Nebel, Gestalt, grau, gruselig, kichern

Regina setzt dieses Mal leider aus. Aber Lore hat auch eine Geschichte mit diesen Reizwörtern geschrieben!


Eingerollt wie ein Rollmops liege ich in meinem Bett. Da meine beiden Männer sich am Abend zuvor auf den Weg zu einem Vater-Sohn-Wochenende gemacht haben - und sie mir eigentlich jetzt schon fehlen -, möchte ich dennoch diese für mich ungewohnte Situation und auch die Stille im Haus zur eigenen Reflektion nutzen.

Ich drehe mich auf den Rücken, recke und strecke mich und nehme die wenigen hellen Strahlen wahr, die verhalten ins Zimmer fallen.

Langsam setze ich meine Füße auf den Boden, begebe mich zum Fenster und ziehe die Jalousie auf.

Draußen herrscht dichter, undurchdringlicher Nebel. Typisches Novemberwetter! Nicht einmal das Nachbarhaus kann ich erkennen. Unerwartet nehme ich inmitten dieser grauen Nebelsuppe eine dunkel gekleidete Gestalt wahr.

Wie gut, dass ich das Haus jetzt nicht verlassen muss, denke ich und gehe zufrieden mit mir und der Welt ins Bad, um meine Zähne zu putzen. Dabei fällt mein Blick auf unsere Badewanne, die sich hinter mir befindet und die sich vor mir im Spiegel zeigt.

Wie lange schon habe ich kein Wannenbad mehr genommen. Meistens reicht meine Zeit dafür nicht und ich springe schnell unter die Dusche. Aber jetzt, jetzt könnte ich mir die Zeit nehmen und das tue ich auch.

Spontan lasse ich mir ein Bad ein, stelle ein paar Kerzen auf und liege bald darauf im wohlig warmen Wasser.  

Als ich meine Augen schließe, überkommt mich das Gefühl eines Babys im Mutterleib. So muss es sich anfühlen: warm, geborgen, sicher, schwerelos.

Ob es wirklich stimmt, dass wir Menschen vom Affen abstammen, kommt mir in den Sinn. Nee, irgendwie kann ich das nicht glauben … obwohl … wenn ich da so an meinen Mann denke, könnte das durchaus sein. Aber dann könnten wir auch ebenso gut vom Bären abstammen, denke ich und muss ein bisschen kichern.

Doch dann nehmen meine Gedanken unerwartet ganz andere, ernstere Wege und mir kommen Fragen in den Sinn, die mich schon lange begleiten.

Ich denke daran, wie es ist, wenn wir auf diese Welt kommen. Wir können nicht verhindern, dass das Leben seinen Lauf nimmt. Wir müssen oder dürfen ganz viel lernen, schon bevor wir überhaupt eine Schule besuchen. Irgendwann sind wir Teenager, achten auf unser Aussehen, beginnen zu flirten, versuchen unseren Platz in der Gesellschaft zu finden, streben nach Wohlstand und Besitz. Vielleicht bekommen wir eigene Kinder, werden ganz nebenbei alt, bekommen graue Haare, tragen Brille und falsche Zähne und gehen vielleicht irgendwann am Rollator, bevor wir unseren letzten Atemzug tun.

Und das soll alles gewesen sein? Was ist der Sinn dahinter? Und sind wir nun eigentlich nur Körper, der einen Geist besitzt oder sind wir geistige Wesen mit einem Körper? Und was ist eigentlich mit unserer Seele? Bewohnt unsere Seele unseren Körper oder wo befindet sie sich? Also, was sind wir Menschen nun? Vielleicht sind wir ja geistige oder gar göttliche Wesen.

Puh, bei all den Fragen schwirrt mir direkt der Kopf.

Eines steht für mich jedoch fest: von unserer Essenz her sind wir Menschen alle gleich. Und doch unterscheiden wir uns: durch unsere Hautfarbe, unsere Herkunft, unser Gemüt, unser Temperament, unser Bewusstsein.

Und noch etwas steht fest: unser Körper untersteht Veränderungen und eines Tages werden wir ihn ablegen. Da führt kein Weg drum herum und ich finde, dass es gerade der November ist, der uns in jedem Jahr erneut daran erinnert.

Doch was ist der Tod? Beendet er wirklich alles? Gibt es da nichts von mir, das übrig bleibt? Den Gedanken finde ich geradezu gruselig.

Doch wenn es (m)eine Seele wirklich gibt, wird sie doch überleben, oder nicht? Sie ist doch unsterblich, auch – oder gerade - weil sie für unsere Augen unsichtbar ist. Aber wie leben wir ohne Körper weiter? Als rein geistige Wesen? Und was ist überhaupt mit Gott? Gibt es ihn nun oder nicht?

Von meinem Gefühl her muss es da etwas geben. Etwas, was dieses ganze Universum lenkt. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Doch welche Rolle spielt das Göttliche noch im Leben von uns Menschen? Wer verlässt sich noch darauf, dass Gott alles ‚in seinen Händen hält’? Wir Menschen sind doch intelligente Wesen, die keinen Gott (mehr) brauchen. Das war - wenn überhaupt - nur etwas für die Generationen vor uns. Oder nicht? Wir zivilisierten Menschen von heute brauchen doch keinen Gott mehr. Wir sind doch ‚Macher’. Was zu tun ist, machen wir selbst mit all unseren großartigen Errungenschaften.

Ja gut, wenn wir ehrlich sind, müssen wir erkennen, dass wir uns und das Schiff, das sich Erde nennt, in eine Sackgasse manövriert haben. Aber wir schaffen das! Ganz sicher! Wir brauchen keine Hilfe. Schon gar nicht von einem Gott, den es vielleicht gibt – vielleicht aber auch nicht.

Aber wenn es nun doch einen Gott gibt – einen Schöpfer, der das ganze Universum erschaffen hat, würde er zusehen, wie die Menschen – seine Kinder – seine Schöpfung - sein Werk – alles vernichten? Würde er zusehen, wie sich die Menschen mitsamt seiner Schöpfung zugrunde richten?

Was tun liebende Eltern, denke ich? Lassen sie ihre Kinder im Stich, wenn sie dringend benötigt werden? Das glaube ich nicht. Sie würden nicht tatenlos zusehen, wenn sich ihre Nachkommen um die Lebensgrundlage bringen. Sie würden – zunächst liebevoll, später vielleicht nachdrücklicher – eingreifen und ihre Abkömmlinge wieder auf den rechten Weg bringen. Oder ist das jetzt viel zu menschlich gedacht?

Ich glaube, dass ein göttlicher Plan hinter all dem, was ist, steht. Und dieser Plan wird umgesetzt werden, ob uns das nun gefällt oder nicht und wir dürfen und müssen uns entscheiden – heute und jetzt -, ob wir gegen oder mit dem göttlichen Plan gehen und leben wollen.

Unser Leben – es steht niemals still. Und ich frage mich: Leben wir nur, um irgendwann wieder zu sterben, oder leben wir, um zu lieben, zu lernen, unser ganzes Potential auszuleben und diese Schöpfung zu bewahren? Leben wir, um die Liebe Gottes hierher auf die Erde zu bringen oder dafür, dass die Dunkelheit die Oberhand gewinnt?

Vielleicht ist der Sinn unseres Lebens, zu erkennen, was gut ist und was böse, was Licht ist und was Schatten, um letztendlich auch erfassen zu können, wer WIR eigentlich sind. Sind wir nur Körper? Dann würden wir uns kaum von den Tieren unterscheiden. Auch sie haben einen Körper, auch sie bilden Gemeinschaften, erziehen ihre Kinder, können sich untereinander verständigen. Was unterscheidet uns also?

Das wir von Gott einen freien Willen geschenkt bekommen haben und uns entscheiden dürfen, das unterscheidet uns, und das wir Fragen stellen können; Fragen wie diese, die ich mir heute stelle.

© Martina Pfannenschmidt, 2021



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Freitag, 15. Oktober 2021

Warum ist Oma schrumpelig?

 Reizwörter: Feuerwehrauto, Bier, wachsen, schnappen, schrumpelig

 Meine 'Mitschreiberinnen': Lore und Regina

 

Heute bin ich bei Oma und Opa, weil Mama arbeiten muss und der Kindergarten geschlossen ist.

Ich gehe gerne in den Kindergarten, aber bei Oma und Opa ist es auch klasse. Ich mag die beiden. Besonders meinen Opa. Der kann mir nämlich nichts ausschlagen. Sagt Oma immer. Stimmt auch. Weil ich hab mir nämlich von Opas Dackel Purzel den Blick abgeschaut. Und wenn ich Schokolade möchte, setze ich meinen Purzel-Blick auf und frage Opa. Nicht Oma. Weil die kann auch ‚Nein‘ sagen.

„Hast du dem Jungen schon wieder Schokolade gegeben?“, hallt es durch die Küche.

Das verstehe ich nicht, ich hab doch nix verraten. Woher weiß sie, dass ich Schoki hatte?

„Komm mal her mein Junge. Du hast schon wieder einen Schokoladenbart.“

Ah, daher weht der Wind. Keine Ahnung, woher der immer kommt.

„Opa“, frage ich, „gehst du mit mir auf den Spielplatz?“

„Na klar, mein Junge“, antwortet er, „aber lass mich zuerst die Zeitung zu Ende lesen.“

Das ist auch so ein Ding. Opa und seine Zeitung.

„Na gut“, sage ich und spiele noch ein bisschen mit meinem Feuerwehrauto.

Nach einer Weile steht Opa von seinem Stuhl auf.

„So, mein Junge, jetzt können wir los. Wollen wir Oma auch mitnehmen?“

Bevor ich antworten kann, kommt mir Oma zuvor: „Na klar nehmt ihr mich mit. Ihr zwei macht doch sonst nur Blödsinn, nicht?“

Schade, denke ich, denn auf dem Rückweg vom Spielplatz gibt es bestimmt ein Eis. Wir kommen nämlich genau an einer Eisdiele vorbei. Und mit Opa alleine hätte ich vielleicht zwei Kugeln herausschlagen können. So bekomme ich bestimmt nur eine. Aber immerhin.

Purzel muss eine Weile alleine klar kommen und wir drei gehen Richtung Spielplatz.

Wir sind kaum ein paar Schritte gegangen, da bleiben wir schon wieder stehen. Opa hat nämlich seinen Nachbarn getroffen und die beiden sprechen über Fußball. Ich mag auch Fußball spielen, aber da zu stehen und den beiden zuzuhören ist echt langweilig. Deshalb zupfe ich an Opas Jacke, um ihm zu zeigen, dass ich weitergehen möchte. Doch der bleibt einfach stehen und ignoriert mich. Da muss ich schnellstens Stufe Zwei schalten.

„Du Opa“, quatsche ich einfach dazwischen, „warum hat der Mann so einen dicken Bauch? Ist da ein Baby drin?“

Oma lacht laut auf. Aber eigentlich ist ihr die Sache ganz schön peinlich. Das weiß ich genau. Und ich weiß auch, dass in dem Bauch gar kein Baby ist. Da ist höchstens Bier drin. Das hat mir mein Papa nämlich schon erklärt.

Aber egal, der Mann guckt ziemlich verdutzt. Dann lacht er auch. Und Opa? Ja, der drängt plötzlich zum Weitergehen. Na also. Geht doch!

Oma und Opa setzen sich auf eine Bank und ich gehe schaukeln und rutschen und dann spiele ich im Sand. Mit einem Mädchen. Ich spiele zwar lieber mit Jungs, aber Mädchen sind manchmal auch okay. Dieses hier ist ganz okay.

Die Mama von dem Mädchen sitzt auf der Bank neben Oma und Opa und schaut immerzu auf ihr Handy. Die passt gar kein bisschen auf uns auf. Oma schaut immer, was wir gerade machen. Das find ich gut.

In dem Moment sieht das Mädchen zu meiner Oma und fragt ziemlich laut: „Warum ist deine Oma eigentlich so schrumpelig?“

„Kindermund tut Wahrheit kund!“, lacht Opa, als Oma nach Luft schnappt. Doch dann kommt er zu uns und erklärt dem Mädchen, dass Omas Falten zeigen, dass sie schon viele schöne Dinge in ihrem Leben erlebt hat. „Und wenn sie in den Spiegel schaut“, führt er weiter aus, „kann sie sich immer an diese schönen Momente erinnern.“

Das ist ganz schön nett von meinem Opa, finde ich.

Als er wieder zurück geht zur Bank, weiß er noch nicht, dass das Mädchen auch ihn auf dem Kieker hat. Prompt platzt sie nämlich mit der nächsten Frage heraus: „Warum ist dein Opa so dick?“

Ich will gerade darauf antworten, dass es mit dem Bier zu tun hat, das Opa gerne trinkt, da dreht er sich um und kommt zu uns zurück. Natürlich hat er die Frage gehört und ich glaube, Oma ist auch schon ganz gespannt, was Opa daraufhin sagen wird. Sie sieht nämlich ziemlich amüsiert aus.

Opa antwortet mit einer Gegenfrage: „Warst du schon einmal in einem Wald?“

Das Mädchen nickt und Opa sagt: „Dann hast du bestimmt gesehen, dass es im Wald dicke und dünne Bäume gibt, nicht wahr?“

Wieder nickt das Mädchen.

„Siehst du und so ist das auch mit den Menschen. Es gibt dicke Menschen und dünne Menschen und das ist völlig okay so.“

Ich bin stolz auf meinen Opa. Der hat nämlich auf jede Frage eine Antwort.

Aber dann wird es mir zu langweilig. Außerdem bekomme ich Hunger. Auf die Nudeln, die Oma mir versprochen hat, aber ganz besonders auf das Eis.

In dem Moment ruft Oma auch schon, dass wir gehen müssen.

Als wir an der Eisdiele ankommen, fragt Opa: „Möchtest du wieder eine Kugel Erdbeer?“

Ich versuche es erst gar nicht, eine zweite Kugel herauszuschlagen und nicke.

Opa nimmt auch nur eine Kugel. Aber Himbeer. Und Oma nimmt gar kein Eis. „Wegen der Linie“, sagt sie und ich denke, dass ich irgendwann mal fragen muss, welche Linie sie meint. Aber jetzt interessiert mich gerade etwas anderes und ich frage: „Du Opa, warum heißen Erdbeeren eigentlich Erdbeeren?“ Ich bin so gespannt, ob er auch das weiß.

„Na das ist doch ganz einfach“, antwortet er prompt, „weil sie unten auf der Erde wachsen.“

Ich sag ja, mein Opa weiß einfach alles.

Und nun muss ich auch gar nicht mehr fragen, warum Himbeeren Himbeeren heißen, weil das ist ja jetzt klar, schließlich wachsen sie hoch oben – nahe am Himmel.

© Martina Pfannenschmidt, 2021



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Donnerstag, 30. September 2021

Wofür bist du dankbar?

 

Herbstlaub, Tanne, traurig, bunt, schnaufen

Diese Reizwörter findet ihr auch in den Geschichten von Lore und Regina.

Die Arme auf dem Rücken verschränkt schlendert der alte Pastor Huber durch den parkähnlichen Garten des Seniorenheimes. Das Herbstlaub raschelt dabei unter seinen Füßen und vom nahe gelegenen Kindergarten dringt das bunte Treiben der kleinen Knirpse an seine Ohren.

Für einen Moment bleibt er stehen und sein Blick wandert hoch zum Wald, der sich in unmittelbarer Nachbarschaft befindet. Ein alter Lanz-Traktor bahnt sich schnaufend den Weg nach oben.

Die Tannen, die dort stehen, geben ein wahrlich trauriges Bild ab. Trocken und braun sind sie und werden sicher bald gefällt werden müssen, wie so viele andere vom Borkenkäfer befallene Bäume auch.

„Pastor Huber“, ruft Beate, die Pflegedienstleiterin, in diesem Augenblick, „möchten Sie nicht zu uns kommen? Wir basteln gerade eifrig an der Herbstdeko für unser Haus.“

„Doch, doch“, antwortet er und geht gemütlichen Schrittes in die Richtung, aus der er gerufen wurde.

An zwei zusammen geschobenen Tischen des hellen und freundlich eingerichteten Raumes sitzen einige seiner Mitbewohner und basteln eifrig. Die Frauen schneiden Fliegenpilze aus roter und weißer Pappe aus. Andere sind damit beschäftigt, mit ihren von Arthrose gezeichneten Fingern, Kränze aus Blättern zu binden. Und der Älteste in der Runde bastelt aus Tannenzapfen Hirsche.

Pastor Huber schmunzelt bei dem Gedanken, dass es im Kindergarten ein paar Häuser weiter ein ähnliches Bild geben wird. Ganz sicher wird auch dort für das Herbstfest gebastelt.

„Was möchten Sie denn fertigen?“, wird er von Beate gefragt. Der alte Pastor winkt ab. „Das ist gut gemeint. Danke! Aber ich schaue den anderen lieber nur zu. Ich bin nicht so geschickt in solchen Dingen“.

Nach einer Weile fragt er interessiert in die Runde hinein: „Wir feiern ja in einigen Tagen das Erntedankfest und mir kam der Gedanke, dass wir für so vieles dankbar sein können, nicht wahr?“

Allgemeines stummes Nicken.

„Wenn ich darüber nachdenke, wofür ich dankbar bin“, spricht er weiter, „so kommt einiges beisammen. Darf ich vielleicht mal die Frage in die Runde geben, wofür Sie dankbar sind?“

Das eifrige Werkeln wird kurz unterbrochen und die älteren Menschen besinnen sich.

Frau Meier ist die Erste, die antwortet: „Wissen Sie, die meisten von uns haben ja den Krieg mitgemacht. Einige wurden vertrieben. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass meinen Kindern diese Erfahrung erspart blieb.“

„Ich stimme Ihnen zu“, wirft nun der alte Herr Schröder ein, „wir haben sehr oft einen Grund, dankbar zu sein und wenn ich es mir recht überlege, kann ich sagen, dass ich dankbar dafür bin, dass mich mein Beruf erfüllt hat und für das Talent, Mundharmonika spielen zu können.“

Als Nächste spricht die kleine Frau Kluge: „Wenn Sie mich so fragen, Herr Pastor, bin ich dankbar für mein Leben.“

Frau Gruber, die früher als Lehrerin an der hiesigen Grundschule unterrichtete, erzählt davon, dass sie dankbar ist für all die Kinder, deren Lebensweg sie ein Stück mitgehen durfte, aber ganz besonders für ihre beiden eigenen Kinder. Nicht ohne Stolz sagt sie: „Ich bin wirklich dankbar, dass ich dieser Welt zwei wertvolle Menschen schenken durfte.“

Nun ist Frau Mertens an der Reihe. „Wissen Sie“, beginnt sie leise, „wenn ich in den Nachrichten die Bilder sehe von bewaffneten Soldaten, die in den Straßen vor zerstörten Häusern patrouillieren, dann bin ich dankbar, dass ich in einem Land leben darf, in dem ich frei und sicher leben kann.“

Beate, die Pflegedienstleiterin, ist ganz begeistert von all den Antworten der Senioren. „Also ich kann sagen, dass ich dankbar bin, so liebenswerte und gleichzeitig lebenserfahrene Menschen wie sie um mich zu haben“, sagt sich, „ich bin aber auch dankbar für einen freien Nachmittag, an dem ich mit einer Freundin in einem Eiscafé sitzen darf oder für einen gemütlichen Grillabend bei Freunden.“

Nun traut sich auch die ansonsten eher zurückhaltende Frau Kleine zu Wort: „Ich hoffe, es ist nicht vermessen, wenn ich sage, dass ich überhaupt ein dankbarer Mensch bin. Ich bin dankbar für die vielen kleinen alltäglichen Dinge, an denen ich mich erfreuen kann. Und ich bin dankbar, dass ich in meinem Alter noch so rüstig sein darf.“ Nach einer Gedankenpause fügt sie an: „Ich denke, dass dankbare Menschen allgemein zufriedener sind.“

„Wissen Sie was“, spricht Beate bald darauf den Pastor an, „wollen wir am Sonntag nicht eine kleine Dankfeier ausrichten? Wir könnten Danklieder singen und Herr Schröder könnte uns mit seiner Mundharmonika dabei unterstützen. Und vielleicht möchten Sie zum Thema Dankbarkeit eine kleine Ansprache halten. Was meinen Sie dazu?“

Als hätte der alte Pastor nur darauf gewartet, erhebt er sich schwungvoll wie ein junger Bursche von seinem Stuhl und macht sich unvermittelt auf den Weg in sein Zimmer und an die Arbeit.

Nun ist es auch für ihn an der Zeit, sein Talent auszuleben und Vorbereitungen zu treffen.

 

Und - wofür bist DU dankbar?

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021



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Mittwoch, 30. Juni 2021

Glücksmomente zu verschenken

 

Für den heutigen Tag lauteten unsere Reizwörter:  Marienkäfer, Dachboden, wirbeln, nervig und witzig

Schaut doch bitte auch, welche Geschichten Lore und Regina dazu geschrieben haben.

Vor vielen Jahren von meinem Enkelkind gezeichnet. 😊 


„Ich bin glücklich, so glücklich, einfach nur sehr glücklich …“, sang Marie, das Marienkäfermädchen, in den schiefsten Tönen fröhlich vor sich hin. Dabei flog es von einem Gänseblümchen auf das andere.

„Guten Morgen, ihr Lieben. Geht es euch gut?“, fragte es in die Runde hinein.

„Geht so“, murmelte eines. Die anderen gaben ihr gar keine Antwort.

„Was ist los mit euch? Freut ihr euch nicht über den neuen Tag?“

„Ach, weißt du, Marie“, antwortete eines der Blümchen, „wir haben uns gerade darüber unterhalten, dass wir früher viel mehr Anerkennung durch die Menschen erfahren haben. Weißt du, wir waren eine richtige Kinderblume. Sie pflückten uns mit großer Freude und die Muttis oder Omis flochten mit geschickten Händen Kränze aus uns, die die Kinder dann stolz als Kopfschmuck trugen. So konnten wir viele Herzen glücklich machen.“

„Und manche Frauen haben uns zum Orakeln genutzt“, erinnerte sich ein anderes, „indem sie einzelne unserer Blütenblätter abgezupft und abwechselnd ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ gesagt haben.“

„Und heute“, ergänzte ein weiteres, „fährt man achtlos mit einem Rasenmäher über uns hinweg.“

„Ja, aber“, warf der Marienkäfer ein, „kaum eine andere Blume trotzt dem Rasenmäher so, wie ihr. Unermüdlich bildet ihr neue Blütenköpfe.“

„Das stimmt, wir lassen unsere Köpfchen nicht hängen.“

„Seht ihr, und deshalb ist heute ein schöner Tag, weil ihr ‚ewig schön‘ seid. Das ist doch die Übersetzung eures lateinischen Namens, nicht wahr.“

„Das stimmt“, erwiderte ein Gänseblümchen nicht ohne Stolz und fügte hinzu, „und man nennt uns auch Tausendschön …“

„und Himmelsblume …“

„und Augenblümchen …“, riefen sie durcheinander.

„Na seht ihr, so viele Gründe, um glücklich zu sein“, fand Marie und flog mit dem guten Gefühl weiter, den Gänseblümchen den Tag etwas verschönert zu haben.

„Ich bin glücklich, so glücklich, einfach nur sehr glücklich …“, sang sie weiterhin und schaute, wem sie noch einen glücklichen Tag bescheren konnte.

Da, eine Schnecke kroch schwerfällig über das Gras. 

„Guten Morgen, liebe Schnecke, ich wünsche dir einen glücklichen Tag!“

„Geh weg, glücklicher Tag.“

Marie ließ sich neben der Schnecke auf einem Grashalm nieder.

„Geht es dir heute nicht gut?“, fragte Marie besorgt.

„Ach geh, tagein, tagaus der gleiche Trott“, brummelte die Schnecke, „und immer muss ich mein Haus mit mir herumtragen. Denkst du, das ist witzig? Keineswegs ist es das. Es ist total nervig. Wie soll ich da bitte glücklich sein. Also zisch ab und lass mich in Ruhe.“

Die Schnecke war eindeutig ein weiterer Fall für Marie. Sie hatte sich nämlich fest vorgenommen, heute viele Glücksmomente zu verschenken.

Diese Schnecke war aber wirklich ein schwieriger Fall, das musste sie zugeben. Wie sollte sie ihr etwas Positives über ihr Leben sagen? Wie ihr eine Freude bereiten?

Sie konnte ja schlecht sagen: „Ja weißt du, Schnecke, du bist halt nützlich, weil du auf dem Speiseplan einiger anderer Lebewesen stehst.“

Also nein, das konnte sie ihr ja nun wirklich nicht sagen. Und dass sie ständig eine Schleimspur hinter sich herzog, war auch nicht so schön. Aber es musste doch etwas geben, womit sie der Schnecke eine Freude bereiten konnte.

Und dann wusste sie es. „Weißt du, liebe Schnecke, ich glaube, dass das Geheimnis des Glücks darin liegt, auch unsichtbare Dinge wahrzunehmen und sich daran zu erfreuen. Ich denke da an so etwas wie eine sanfte Berührung. Das kann ja durchaus ein Glücksmoment sein.“

Und schon erhob sich der Marienkäfer, wirbelte dabei voller Schwung ein paar Gräserpollen auf und landete sanft auf dem Gehäuse der Schnecke. Dann lief Marie mit ihren sechs Beinchen auf der Schnecke auf und ab. Das kitzelte natürlich und bald fing die knurrige Schnecke tatsächlich an zu lachen.

Fröhlich und völlig schief singend flog Marie zufrieden weiter.

„Ich bin glücklich, so glücklich, einfach nur sehr glücklich …“

Da, eine Wildbiene. Es hatte den Anschein, als säße sie auf dem Stein, um die Sonnenstrahlen zu genießen. Doch als Marie näher kam, sah sie, dass sie sich täuschte. Es war eindeutig: die Wildbiene weinte.

Elegant landete sie neben dem Bienchen und wurde nicht müde, auch ihr einen guten Tag zu wünschen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen.

„Ich bin traurig“, antwortete die Biene, „weil viele meiner Artgenossen bereits gestorben sind und nun frage ich mich, ob es überhaupt noch Sinn macht, dass ich meine Arbeit verrichte. Ich kann doch auch einfach hier auf diesem Stein sitzen bleiben.“

„Ob es Sinn macht?!“ Marie reagierte entsetzt. „Aber weißt du denn gar nicht, dass du der wichtigste Helfer in der Natur bist. Du und deine Artgenossen, ihr tragt die Pollen von Blüte zu Blüte, um deren Fortpflanzung zu sichern.“

„Ja, das tun wir“, erwiderte die Biene zustimmend, „doch unsere Arbeit wird immer schwieriger. Die Menschen setzen einfach zu viele Gifte ein, die uns so unglaublich schaden.“

„Ja, das tun sie“, entgegnete Marie, „ich weiß, aber es findet auch ein Umdenken statt. Schau dich um, es gibt wieder bunte Blumenwiesen. Du musst fest daran glauben, dass sich alles zum Guten wenden wird.“

Als das Marienkäfermädchen weiter flog, wusste es, dass es nun an der Biene lag, das Gute zu sehen und die Glücksmomente auch wirklich wahrzunehmen.

Sie konnte nicht mehr tun, als die Augen der anderen auf das Gute und auf glückliche Momente zu richten.

Als Marie am Abend auf Höhe des Dachbodens in die Mauerritze eines alten Hauses kroch, fielen ihr die Augen vor lauter Erschöpfung zu. Es war ganz schön anstrengend gewesen, Glücksmomente zu verteilen.

Als sie herzhaft gähnte, war es der Wind, der sanft um die Hausecke strich und ihr leise zuflüsterte: „Gut gemacht Marie! Und nun schlaf gut!“  

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021



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Dienstag, 15. Juni 2021

Gesichtspulli

Das waren unsere Reizwörter: 

Bart, Nasenspitze, vorwitzig, füllig, saugen

Und das sind die Namen meiner 'Mitschreiberinnen': Lore und Regina. 

Bitte lest auch ihre Geschichten. - Wir freuen uns über jeden, der uns besucht!

 

Als ich Omas Küche betrat, saß sie am Küchentisch. Sofort fielen mir ihre strahlenden Augen auf und auch das fröhliche Lächeln, das ihre Lippen umspielte. Was es wohl war, dass Oma so zum Strahlen brachte? Dem wollte ich unbedingt auf die Spur kommen.

Als ich zum Tisch kam, sah ich, dass Oma in einem Fotoalbum blätterte. Puh, die Bilder darin sahen schon ganz schön vergilbt aus und irgendwie roch es auch unangenehm. Alt eben.

„Was sind denn das für Fotos, die du dir da anschaust?“, fragte ich neugierig.

„Ach weißt du, gestern bekam ich von Hanne, meiner besten Freundin, eine Postkarte zugeschickt. Sie macht im Augenblick mit ihrem Mann Urlaub an der Ostsee. Da wurden sofort Erinnerungen in mir wach, denn genau in dem Ort haben dein Opa und ich unseren ersten gemeinsamen Urlaub verbracht. In einem winzigen Zelt.“

„Das war bestimmt kuschelig“, sagte ich und mir schien, als zöge eine leichte Röte über Omas Wangen, als sie entgegnete: „Ja, das war es!“

„Und wer ist dieser dünne Kerl da mit dem Bart?“, erkundigte ich mich.

Oma begann zu lachen. „Der Kerl, dem man das Halleluja durch die Backen blasen konnte, meinst du? Das ist dein Opa!“

„Waaas? Also heute ist er aber um einiges fülliger“, lachte ich. Und das war wirklich noch charmant ausgedrückt. „Ich wusste gar nicht, dass er mal einen Bart getragen hat.“

„Oh, diesen Gesichtspulli, wie ich immer gesagt habe, fand ich wirklich furchtbar. Aber er hatte eine Wette verloren und deshalb durfte er sich ein halbes Jahr lang nicht rasieren. – Ja, und wie das dann aussah, kannst du auf diesem Foto sehen.“

Oma blätterte um und der alte Geruch stieg umso mehr in meine Nase. Aber da musste ich durch. Schließlich war meine Neugierde geweckt.

„Schau nur“, meinte Oma, „da ist mir ein echter Schnappschuss gelungen.“

In der Tat. Auf dem Bild war Opa zu sehen. Das Besondere aber war eine vorwitzige Fliege, die direkt auf Opas Nasenspitze gelandet war.

„Du Oma“, sagte ich beeindruckt, „mit dem Foto hättest du auch einen Fotowettbewerb gewinnen können.“

„Ja, vielleicht. Aber ich hatte ja schon doppelt gewonnen“, erwiderte sie verschmitzt, „zum einen hatte ich mir deinen Opa geangelt und zum anderen meine kleine Fotokamera gewonnen.“

„Wirklich? Erzähl mir davon!“

„In unserem Ort gab es einen Fotoladen. Und dort fand damals eine besondere Aktion statt. Sie verschenkten nämlich eine Kamera an den Besitzer eines 10-DM-Scheines mit einer ganz bestimmten Nummer. Ja und was denkst du, in wessen Geldbörse sich genau dieser 10-DM-Schein befand?“

„Ne, das glaub ich jetzt nicht!“

„Doch, dass sauge ich mir nicht aus den Fingern. Es stimmt wirklich. Ich war wirklich im Besitz dieses 10-DM-Scheines.“

„Dinge gibt’s!“, erwiderte ich.

Wir wandten uns wieder dem Album zu und ich entdeckte auf einem Foto eine junge Frau mit einem ungewöhnlichen Kopfschmuck. „Bist du dass Oma? Aber was bitte trägst du da auf deinem Kopf?“

„Na klar bin ich das und das Ding da auf meinem Kopf ist eine Badekappe. Sie war hellblau mit himmelblauen Kunststoff-Haaren darauf. Das war damals der allerletzte Schrei. Ich war also modisch ganz vorne mit dabei.“

Auf dem nächsten Foto sah Opa ein bisschen bedrückt aus und ich erkundigte mich bei Oma nach dem Grund.

„Oh ja, wir waren beide deprimiert an dem Morgen. Wir hatten am Abend zuvor noch lange draußen unter dem Sternenhimmel gesessen und roten, aber sehr billigen Wein getrunken“, schmunzelte sie, „ja und als wir uns dann zum Schlafen in das Zelt verkrochen, haben wir unseren kleinen Campingtisch und die Klappstühle nicht mehr in den Kofferraum unseres Autos verfrachtet, sondern einfach vor dem Zelt stehen gelassen. Das war keine gute Idee, wie sich am nächsten Tag herausstellte. Man hatte uns nämlich bestohlen. Da die Dinge deinen Urgroßeltern gehörten, war das besonders blöd.“

„Hat man die Diebe gefunden?“

„Nein, und auch den Tisch und die Stühle haben wir trotz langen Suchens auf dem ganzen Campingplatz nicht mehr gefunden.“

So ein Zelturlaub schien mir trotz dieses Vorfalls wirklich erlebenswert, weshalb ich spontan äußerte: „Ich möchte mit meinem Freund auch mal einen Urlaub im Zelt verbringen."

„Das ist schon romantisch. Jedenfalls dann, wenn die Sonne scheint und es trocken bleibt“, meinte Oma, „doch damals gab es in einer Nacht einen furchtbaren Regenschauer. Da ich nie zuvor gezeltet hatte, war ich unbedarft und hab von innen an der Zeltwand mit dem Finger die Regentropfen nachgezeichnet. Dass man das tunlichst unterlassen sollte, hab ich dann gemerkt, denn ab da tropfte der Regen durch die Zeltplane nach innen. Dadurch wurde es dort nicht nur nass, sondern mir war erbärmlich kalt und ich habe mächtig gefroren. Wir sind dann auch recht bald abgereist, da es nicht aufhören wollte zu regnen und sich alle Sachen feucht anfühlten. Ja und das war dann auch unser erster und einziger Campingurlaub …“

„… von dem du damals noch nicht ahntest, dass du eines Tages deiner Enkelin davon erzählen würdest.“

„Das stimmt wohl, meine Große!“, erwiderte sie und strich mir liebevoll über die Haare, so wie sie es immer tat, auch wenn es in Anbetracht meines Alters so langsam aber sicher peinlich wurde. Aber solange es niemand sah …

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021



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