An diesem Sonntagmorgen floss die Zeit im Hause Lindemann besonders langsam. Während Erna am Küchentisch saß und Kreuzworträtsel löste, stand Alfons im Vorratsraum. Warum war er nochmal dorthin gegangen? Er wusste genau, dass es einen Grund dafür gab, aber es wollte ihm einfach nicht mehr einfallen.
Doch dann wusste er es wieder – nur das Name, der
war ihm entfallen, weshalb er seine Frau fragte: „Erna, wo steht nochmal dieses
gelbe Zeug. Du weißt schon, das, was ich so gerne mag.“
„Was suchst du, Alfons? Den gelben Beleg? Aber
der liegt doch nicht im Vorratsraum. Den habe ich in die Küchenschublade
gelegt.“
Alfons schüttelte mit dem Kopf und schlurfte
zurück in die Küche. „Nicht der Beleg, Erna. Ich meine … wie heißt es noch, …
diesen Dings, … diesen … Honig. Ich suche den Honig!“
Erna sah ihn prüfend an. „Honig? Den hast du doch
gestern schon aufgegessen. Du vergisst auch wirklich alles, Alfons“, meinte sie
und legte ihr Rätselheft beiseite.
„Und du?“, konterte Alfons. „Du hast deinen
Termin beim Akustiker vergessen, dabei brauchst du dringend ein Hörgerät, meine
Liebe.“
Erna schnaubte ein wenig. „Ich brauche gar
nichts. Ich höre sogar, wie die Nachbarn drei Häuser weiter niesen. Du
nuschelst nur so furchtbar. Das ist der Grund.“
„Ich nuschele nicht“, verteidigte sich Alfons.
„Ich spreche deutlich. Apropos: Wollen wir gleich eine Runde in den Park?
Das Wetter ist so herrlich.“
Erna hielt inne und sah ihn mit großen Augen an.
„Quark? Alfons, wir haben doch gerade erst gefrühstückt! Und jetzt willst du
auch noch Quark essen. Das wird dir nicht bekommen.“
Alfons seufzte. „Nicht Quark, Erna. Der Park!
Mit den Enten und den alten Eichen.“
„Ach so, der Park“, sagte Erna und tat so, als
wäre das absolut offensichtlich gewesen. „Warum sagst du das denn nicht gleich?
Du verschluckst immer die halben Wörter.“
Und so machten sie sich fertig für ihren
Spaziergang. Alfons suchte seine Jacke und fand sie nach einiger Zeit statt an
der Garderobe in seinem Kleiderschrank. Er wunderte sich kurz, wie sie wohl
dorthin gekommen war, bemaß dem Ganzen aber keine weitere Bedeutung bei.
Als sie an der Haustür standen, klopfte Alfons
sich die Taschen ab. „Hast du den Schlüssel?“, fragte er.
„Rüssel? Nein, Alfons, der Weg bis zum Zoo ist
mir zu weit. Ich mag zwar die Elefanten, aber nicht heute. Heute gehen wir nur
in den Stadtpark.“
Alfons schüttelte kurz den Kopf, zog dann den
Schlüssel aus seiner eigenen Hosentasche, nahm die Hand seiner Frau und
schmunzelte.
„Ich hab ihn schon, Erna“, meinte er dann. „Komm,
wir gehen jetzt – bevor ich vergesse, wohin ich mit dir wollte.“
Und so gingen sie Arm in Arm los.
Der Stadtpark war an diesem Sonntag gut besucht.
Alfons und Erna schlenderten im Gleichschritt über die befestigten Wege. Alfons
hielt die Augen offen – er genoss die Farben der ersten Krokusse, auch wenn er
sich beim besten Willen nicht mehr an den Namen erinnern konnte. Für ihn waren es
‚die Gelben da und die Lilanen dort‘.
„Schau mal, Erna“, sagte er in diesem Moment und
deutete auf eine Bank. „Da sitzt doch der Herr Krause aus unserer Straße.
Wollen wir kurz hallo sagen?“
„Was sagst du? Ein Floh? Alfons, dann bleib
bloß weg von den Sträuchern, wenn da Ungeziefer drinsitzt.“
Alfons schüttelte amüsiert den Kopf. „Kein Floh,
Erna! Hallo! Zum Nachbarn, Herrn Krause!“
„Ach, ne Pause!“, erwiderte Erna zufrieden. „Ja,
eine kleine Pause auf der Bank würde uns guttun.“
Bevor Alfons das Missverständnis aufklären
konnte, hatten sie Herrn Krause bereits erreicht. Der alte Herr Krause war
bekannt dafür, sehr ausschweifend über seine Krankheiten zu berichten.
„Guten Tag, Herr Krause!“, rief Alfons
freundlich. „Genießen Sie auch die Sonne?“
Herr Krause sah auf und rückte seine Brille
zurecht. „Na ja“, erwiderte er, „wie man es nimmt. Meine Frau sagt zwar immer, dass
das Alter keine Wonne mehr ist, aber was soll man machen, nicht wahr?“
Erna setzte sich mit einem erleichterten Seufzer
neben ihn. „Schrecklich, nicht wahr, Herr Krause? Mein Mann meinte eben, es
gäbe hier überall Flöhe. Haben Sie auch schon welche gesehen?“
Herr Krause blinzelte verwirrt. „Rehe? Hier im
Stadtpark? Nein, das glaube ich nicht. Die trauen sich nicht so nah an die
Stadt ran. Aber ich habe gestern einen sehr großen Hund gesehen.“
Alfons stand daneben und beobachtete das Gespräch
wie ein Tennisspiel und beschloss, das Thema zu wechseln. „Herr Krause, wie
geht es eigentlich Ihrem Enkel? Er hat doch gerade die Lehre angefangen.“
Herr Krause legte die Stirn in Falten. „Meine Schenkel?
Ja, da sagen Sie was, Herr Lindemann. Der Ischiasschmerz zieht sich über meinen
Schenkel bis in den Fuß hinein.“
Erna nickte mitleidig, obwohl sie nur die Hälfte verstanden
hatte.
Alfons sah von Erna zu Krause und wieder zurück.
Es war wie ein Orchester, bei dem jeder ein anderes Lied spielte.
„Wisst ihr was?“, rief Alfons etwas lauter. „Ich
glaube, wir brauchen alle ein Eis. Ich geh mal rüber zum Kiosk.“
Erna strahlte und hatte ihn sofort richtig
verstanden. „Geh nur, Alfons. Aber bring mir eins mit Nüssen mit!“
„Küssen?“, rief Herr Krause entsetzt dazwischen.
„In unserem Alter und mitten im Park?“
Alfons winkte ab und ging lachend Richtung Kiosk.
Er vergaß zwar auf dem halben Weg fast, ob Erna nun ein Nuss- oder doch lieber ein
Erdbeereis wollte, aber er wusste eines ganz sicher: Sie verstanden sich
vielleicht nicht immer beim ersten Wort, aber sie verstanden sich im Herzen immer
richtig.
© Martina
Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!
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