Freitag, 6. März 2026

Die Standuhr in der Ecke

Arthur war mit Leib und Seele ein Uhrmacher, auch wenn er sich inzwischen im Ruhestand befand. In jeder Ecke seiner kleinen Wohnung in der zweiten Etage eines Mehrfamilienhauses konnte man eine andere Uhr entdecken. Es gab Wanduhren, Kuckucksuhren, Taschenuhren und eine alte Standuhr. Doch nicht alle tickten, einige standen still und zeigten zudem unterschiedliche Uhrzeiten. - Dass es so war, hatte für ihn eine tiefere Bedeutung. Jede dieser Uhren hielt einen ganz besonderen Moment seines Lebens fest.

Vor ein paar Wochen war in die Wohnung gegenüber eine junge Kunststudentin namens Pia eingezogen. Sie war der exakte Gegenpol zu Arthur. Sie polterte durch das Treppenhaus, vergaß ihr Handy, verlor ihre Schlüssel und hörte oft zu laut Musik.

Doch eines Abends, als Pia wieder einmal vor ihrer verschlossenen Tür stand, bot Arthur ihr an, in seiner Wohnung auf den Schlüsseldienst zu warten, was die junge Frau gerne annahm.

In seinem Wohnzimmer verstummte sie: „Warum gehen die Uhren alle anders, Arthur?“, fragte sie nach einer Weile.
„Das ist so gewollt“, antwortete er, während er mit einer Pinzette an einer winzigen Spiralfeder arbeitete. „Es ist so, dass sie besondere Momente für mich bewahren. Verstehst du? Die da“, sagte er und zeigte auf die Standuhr in der Ecke, „habe ich angehalten, als Isabel, meine einzige Tochter, mich verlassen hat.“

Pia erhob sich und sah sich die Uhr aus der Nähe an. Hinter der Glasscheibe – im Bauch der Uhr - entdeckte sie etwas Ungewöhnliches: einen großen Stapel Briefe, fein säuberlich beschriftet mit: ‚Für Isabel‘.

„Krass“, sagte sie, „hast du die alle geschrieben? Das sind ja mindestens hundert.“

Arthur legte die Pinzette zur Seite und rieb sich die Augen. Er wirkte plötzlich müde.

Pia setzte sich aufs Sofa ihm gegenüber und ließ die Beine baumeln. „Und du glaubst echt, dass das was bringt?“, fragte sie. „Ich meine, du sitzt hier den ganzen Tag und fummelst an diesen winzigen Rädchen rum, als könntest du die Zeit damit irgendwie ... keine Ahnung, … zurückdrehen oder … heilen?“

Arthur starrte auf das Uhrwerk vor sich. „Ich fummle nicht rum, Pia. Ich sorge dafür, dass sie nicht stehen bleiben. Stillstand ist das Schlimmste, weißt du. Eine Uhr, die nicht tickt, erinnert dich jede Sekunde daran, dass du gerade einen Moment verpasst.“

„Aber genau das passiert doch hier!“, empörte sie sich. „Du hältst bewusst Uhren an, schreibst unzählige Briefe, aber schickst sie nicht ab. Das ist doch wie … wie … Selbstgespräche auf Papier. Du musst sie abschicken, Arthur, sondern ändert sich ja nie was zwischen dir und deiner Tochter.“

Arthur lachte kurz auf. „Das ist nicht so einfach, wie du dir das vorstellst. Nach so vielen Jahren kannst du nicht einfach einen Brief schicken und so tun, als wäre nichts. Und was soll ich ihr schreiben? ‚Sorry, war mein Fehler‘?“

„Zum Beispiel!“, antwortete Pia prompt. „Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, dass du einfach nur Schiss hast.“

Anschließend sprang sie auf und sah ihn direkt an. „Diese Briefe da drin … wenn du sie nicht abschickst, kannst du sie auch gleich … verbrennen. Das Ergebnis ist das gleiche: Du wirst nie erfahren, wie es deiner Tochter jetzt geht und wirst ewig einsam bleiben.“

Nachdem Pia gegangen war, arbeitete das Gespräch in Arthur noch lange nach.

Dann tat er, was er schon so oft getan hatte. Er griff zu Stift und Papier und verfasste einen weiteren Brief.

„Liebe Isabel, ich habe heute eine Weile am Fenster gesessen und einer jungen Frau zugesehen, die draußen im strömenden Regen durch die Pfützen lief und der es völlig egal war, ob die Schuhe dabei nass wurden. In dem Moment musste ich – wie so oft - an dich denken. Genauso warst du auch. In diesem Moment wurde mir klar, was ich in den letzten Jahren verpasst habe. Und alles nur, weil ich Recht haben wollte.

Ich möchte mich nicht weiter hinter meinem Stolz verstecken, sondern dir die Hand zur Versöhnung reichen. Ich möchte mich entschuldigen für alles, was ich damals gesagt habe und auch dafür, dass ich mit meiner Entschuldigung so lange gewartet habe.

Liebe Isabel, es ist so unglaublich leise in meinem Leben – ohne dich! Ich vermisse dich und möchte keine Sekunde meines weiteren Lebens mehr ohne dich sein. Ich würde mich sehr freuen, wenn du meine Entschuldigung annimmst.

Ich werde mich ab morgen jeden Abend um 17 Uhr an mein Fenster setzen und auf die Straße schauen in der Hoffnung, dass du vorbeischaust.

Wenn nicht, kann ich das auch verstehen – aber ich werde dort sein und auf dich warten.

Dein Papa

Am nächsten Tag trug er gemeinsam mit Pia den Brief zum Postkasten an der Ecke. Es schien ihm der schwerste Gang seines Lebens zu sein.

Am Abend darauf saß er pünktlich um 17 Uhr am Fenster.

Draußen begann es bereits zu dämmern. Die Straßenlaterne vor seinem Fenster flackerte, während Arthur gebannt auf den Gehweg sah. Sein Herz pochte so laut, dass es all die Uhrwerke um ihn herum übertönte.

Plötzlich erschien eine Gestalt im fahlen Licht der Lampe. Arthur hielt für einen Moment den Atem an.

Er wusste nicht, ob es Isabel war. Er wusste nicht einmal, ob sie den Brief schon erhalten hatte und auch nicht, ob sie jemals kommen würde.

Aber während er dort saß und in die Dunkelheit schaute, geschah etwas Seltsames: Die Unruhe in ihm wich einer tiefen, warmen Stille. Zum ersten Mal seit langem hatte er das Gefühl, auf den Beginn von etwas Neuem zu warten und so stahl sich nach langer Zeit ein Lächeln auf sein Gesicht.

In dem Moment nahm er wahr, dass die Gestalt stehen blieb und zu seinem beleuchteten Fenster hinaufsah. Arthur hob die Hand, ganz langsam, und legte seine flache Handfläche gegen die kühle Scheibe.

Er wusste nicht, was die nächsten Minuten bringen würden, aber er hoffte inständig, dass die Standuhr in der Ecke bald wieder die korrekte Uhrzeit anzeigen dürfte.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil.



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