Freitag, 27. Februar 2026

Die große, bunte Welt

In einem Stall, mitten im tiefen Stroh, lag Emil, ein erst wenige Wochen alter Esel. Sanft fiel das Licht durch die Ritzen der Balken und zauberte ein kleines Schattentheater an die Wände.

Für Emil war dieser Stall alles, was er kannte. Der Duft des Strohs, das leise Muhen der Kühe nebenan, das Gackern der Hühner – das alles war ihm bekannt - und seine kleine, heile Welt.

Manchmal drangen Geräusche von draußen an sein Ohr: das Zwitschern der Vögel oder das Rauschen des Windes, doch für Emil war das nicht mehr als ein fernes Gemurmel, während ihn die Mauern des schützenden Stalles umgaben.

Und so war Emil mit sich und der Welt zufrieden. Hier drinnen war es gemütlich und warm. Er bekam jeden Tag sein Futter. Er fühlte sich rundum geborgen. Nur manchmal blickte er neugierig zu den beiden großen Türen, die fest verschlossen waren. Aber für Emil war das Wort ‚Sehnsucht‘ ein Fremdwort. Er kannte es nicht und auch nicht das damit verbundene Gefühl. Und eigentlich hatte er ja auch alles, was er brauchte.

Eines Morgens, als die Sonne ein paar helle Strahlen durch das kleine Fenster schickte, zitterte plötzlich etwas im Stroh neben ihm. Er spitzte die Ohren und schaute erwartungsvoll. In dem Moment huschte etwas Winziges und sehr Flinkes um seine Hufe – es war eine kleine graue Maus!

Emil erschrak ein wenig, doch als die Maus auf einen Strohhalm kletterte und ihn freundlich ansah, beäugte er das fremde Wesen zunächst mit seinen großen, dunklen Augen, doch dann fragte er mutig: „Wer bist du?“

Die Maus zuckte ein wenig mit ihren feinen Schnurrhaaren, bevor sie ihm antwortete: „Ich bin Müsli, die Stallmaus. Ich wohne hier schon viel länger als du und kenne jeden Winkel des Stalls. Aber ich weiß auch ein bisschen von der Welt hinter diesen großen Türen.“ Während sie das sagte, funkelten ihre Augen freundlich – und Emil wurde neugierig.

„Draußen?“, fragte er zaghaft. „Du weißt, was sich hinter den großen Türen verbirgt? Kannst du mir davon erzählen? Ich kenne doch nur den Stall, verstehst du?“

„Ich weiß“, antwortete Müsli mitfühlsam und schaute hinauf zum Licht. „Da draußen ist es auch warm, so wie hier im Stall, aber eben nicht im Winter. Im Winter ist es dort kalt“, erklärte sie dem kleinen Esel. „Aber im Frühling, wenn es draußen warm wird, schmilzt der kalte Schnee, den der Winter gebracht hat. Die Sonne, die du sehen kannst, wenn sie durch das kleine Fenster scheint, die wärmt dann jedes Fell. Es gibt Wiesen da draußen, die sind grün und voller bunter Blumen. Dort wächst der gelbe Löwenzahn, violette Krokusse und leuchtend weiße Gänseblümchen. Die Luft ist mild, wenn der Frühling da ist, und bringt das Gefühl von Freiheit in dein Herz und manchmal tanzen die Schmetterlinge über die Felder, und die Vögel singen so laut, wie du es hier noch nie vernommen hast.“

Emil hörte ihr gebannt zu. In seinem Kopf malte er sich Bilder aus von bunten Blumenwiesen und lachenden Sonnenstrahlen. Dann fragte er hoffnungsvoll: „Was denkst du, werde ich das alles auch einmal sehen dürfen?“

Müsli nickte. „Ganz gewiss, denn bald, wenn der Frühling kommt und der Bauer die großen Türen öffnet, wirst du hinausgehen. Dann werden die Sonnenstrahlen deine Nase kitzeln und du wirst das weiche Gras unter deinen Hufen spüren. – Du musst aber keine Angst davor haben. Die Welt da draußen ist spannend und wunderschön! Du wirst es sehen!“

In dieser Nacht kuschelte sich Emil besonders tief ins Stroh. Er träumte von der Wärme der Sonne, von bunten Blumen und dem Singen der Vögel, so dass sein Herz vor lauter Vorfreude ein wenig schneller zu schlagen schien. Zum ersten Mal in seinem Leben spürte er ein ihm bisher unbekanntes Gefühl. Er spürte eine zarte Sehnsucht in sich – nach dem, was kommen würde.

Und so wartete Emil Tag für Tag und seine Vorfreude stieg ins Unermessliche. Er lauschte auf jeden Tropfen und nahm jedes Zwitschern der Vögel wahr.

Noch war der Stall sein sicheres Zuhause, doch er ahnte, dass hinter den großen Türen etwas Wundervolles auf ihn wartete: eine große, bunte Welt. Und so wusste er, dass der Tag kommen würde, an dem der Bauer die großen Tore öffnen würde – und er war bereit dafür – mit klopfendem Herzen und einer großen Portion Mut.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil! 



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