In einem Stall, mitten im tiefen Stroh, lag Emil, ein erst wenige Wochen alter Esel. Sanft fiel das Licht durch die Ritzen der Balken und zauberte ein kleines Schattentheater an die Wände.
Für Emil war dieser Stall
alles, was er kannte. Der Duft des Strohs, das leise Muhen der Kühe nebenan,
das Gackern der Hühner – das alles war ihm bekannt - und seine kleine, heile
Welt.
Manchmal drangen
Geräusche von draußen an sein Ohr: das Zwitschern der Vögel oder das Rauschen
des Windes, doch für Emil war das nicht mehr als ein fernes Gemurmel, während
ihn die Mauern des schützenden Stalles umgaben.
Und so war Emil mit sich
und der Welt zufrieden. Hier drinnen war es gemütlich und warm. Er bekam jeden
Tag sein Futter. Er fühlte sich rundum geborgen. Nur manchmal blickte er
neugierig zu den beiden großen Türen, die fest verschlossen waren. Aber für
Emil war das Wort ‚Sehnsucht‘ ein Fremdwort. Er kannte es nicht und auch nicht
das damit verbundene Gefühl. Und eigentlich hatte er ja auch alles, was er
brauchte.
Eines Morgens, als die
Sonne ein paar helle Strahlen durch das kleine Fenster schickte, zitterte
plötzlich etwas im Stroh neben ihm. Er spitzte die Ohren und schaute
erwartungsvoll. In dem Moment huschte etwas Winziges und sehr Flinkes um seine
Hufe – es war eine kleine graue Maus!
Emil erschrak ein wenig,
doch als die Maus auf einen Strohhalm kletterte und ihn freundlich ansah,
beäugte er das fremde Wesen zunächst mit seinen großen, dunklen Augen, doch
dann fragte er mutig: „Wer bist du?“
Die Maus zuckte ein wenig
mit ihren feinen Schnurrhaaren, bevor sie ihm antwortete: „Ich bin Müsli, die
Stallmaus. Ich wohne hier schon viel länger als du und kenne jeden Winkel des
Stalls. Aber ich weiß auch ein bisschen von der Welt hinter diesen großen Türen.“
Während sie das sagte, funkelten ihre Augen freundlich – und Emil wurde neugierig.
„Draußen?“, fragte er
zaghaft. „Du weißt, was sich hinter den großen Türen verbirgt? Kannst du mir
davon erzählen? Ich kenne doch nur den Stall, verstehst du?“
„Ich weiß“,
antwortete Müsli mitfühlsam und schaute hinauf zum Licht. „Da draußen ist es
auch warm, so wie hier im Stall, aber eben nicht im Winter. Im Winter ist es
dort kalt“, erklärte sie dem kleinen Esel. „Aber im Frühling, wenn es draußen
warm wird, schmilzt der kalte Schnee, den der Winter gebracht hat. Die Sonne,
die du sehen kannst, wenn sie durch das kleine Fenster scheint, die wärmt dann
jedes Fell. Es gibt Wiesen da draußen, die sind grün und voller bunter Blumen.
Dort wächst der gelbe Löwenzahn, violette Krokusse und leuchtend weiße
Gänseblümchen. Die Luft ist mild, wenn der Frühling da ist, und bringt das
Gefühl von Freiheit in dein Herz und manchmal tanzen die Schmetterlinge über
die Felder, und die Vögel singen so laut, wie du es hier noch nie vernommen
hast.“
Emil hörte ihr
gebannt zu. In seinem Kopf malte er sich Bilder aus von bunten Blumenwiesen und
lachenden Sonnenstrahlen. Dann fragte er hoffnungsvoll: „Was denkst du, werde
ich das alles auch einmal sehen dürfen?“
Müsli nickte. „Ganz
gewiss, denn bald, wenn der Frühling kommt und der Bauer die großen Türen
öffnet, wirst du hinausgehen. Dann werden die Sonnenstrahlen deine Nase kitzeln
und du wirst das weiche Gras unter deinen Hufen spüren. – Du musst aber keine
Angst davor haben. Die Welt da draußen ist spannend und wunderschön! Du wirst es
sehen!“
In dieser Nacht
kuschelte sich Emil besonders tief ins Stroh. Er träumte von der Wärme der
Sonne, von bunten Blumen und dem Singen der Vögel, so dass sein Herz vor lauter
Vorfreude ein wenig schneller zu schlagen schien. Zum ersten Mal in seinem
Leben spürte er ein ihm bisher unbekanntes Gefühl. Er spürte eine zarte
Sehnsucht in sich – nach dem, was kommen würde.
Und so wartete
Emil Tag für Tag und seine Vorfreude stieg ins Unermessliche. Er lauschte auf
jeden Tropfen und nahm jedes Zwitschern der Vögel wahr.
Noch war der Stall
sein sicheres Zuhause, doch er ahnte, dass hinter den großen Türen etwas Wundervolles
auf ihn wartete: eine große, bunte Welt. Und so wusste er, dass der Tag kommen
würde, an dem der Bauer die großen Tore öffnen würde – und er war bereit dafür
– mit klopfendem Herzen und einer großen Portion Mut.
© Martina
Pfannenschmidt, 2026
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen