Mittwoch, 25. Februar 2026

Das Licht in uns

Elena saß während ihrer Mittagspause auf einer Bank im Park und beobachtete die Passanten, als ihre Kollegin sich näherte. Sarah setzte sich schwerfällig neben Elena und hielt sich an ihrem Becher Tee fest, als wäre er ihr letzter Anker.

Seufzend meinte sie: „Schau sie dir an, Elena. Alle hasten durch den Park, den Kragen hochgeschlagen, die Augen auf den Boden gerichtet. Manchmal habe ich das Gefühl, die Welt ist nur noch ein grauer Ort voller müder Menschen, die einfach nur funktionieren.“

Elena erwiderte lächelnd: „Ja, es stimmt, sie wirken müde. Dennoch kann man das Licht in ihren Herzen erkennen, auch wenn sie es selbst vielleicht gar nicht mehr spüren können.“

„Ach, Elena, du nun wieder. Ich wünschte, ich könnte die Welt auch mal durch deine Augen sehen. Aber es tut mir leid, ich sehe nichts außer einer großen Erschöpfung. Wo soll da ein Licht sein? Schau dir die Frau dort drüben an, die, die ihre schweren Einkaufstüten schleppt oder da der Mann, der grimmig auf sein Handy starrt. - Also tut mir leid, aber ich sehe bei den beiden kein Licht.“

„Es gibt da so eine alte Legende“, sagte Elena nach einer Weile der Stille, „die besagt, dass Gott den Menschen ein Licht mitgegeben hat. Er hat dieses kostbare göttliche Licht in jedes menschliche Herz gelegt. Aber der Mensch hat es vergessen, ist aber unbewusst auf der Suche danach. Er sucht es irgendwo im Außen, aber eben nicht dort, wo er es finden könnte – in seinem Herzen.“

„Ach, Elena“, begann Sarah erneut, „das hört sich ja wirklich alles wunderschön an, was du da erzählst, aber ehrlich, für mich klingt das eher nach einem riesengroßen Pflaster, das du über die Realität klebst. - Also ehrlich, wenn da ein Licht wäre, dann würden wir uns doch gegenseitig nicht wehtun oder gleichgültig sein, oder?“

„Schau“, bat Elena ihre Kollegin, „die Frau dort mit den Einkaufstüten, von der du eben sprachst. Hast du gesehen, dass sie gerade angehalten hat? Sie hat ihre Tüten abgestellt, um einem Kind die Schnürsenkel der Schuhe neu zu binden. Das ist so ein Moment, wo du ihr Licht sehen kannst.“

Sarah betrachtete für eine Weile schweigend ihre Hände. Dann fragte sie: „Und was ist mit denen, die sich ganz verloren haben? Die nur noch Dunkelheit in sich spüren?“

„Schau, Sarah“, antwortete Elena, „ein Zimmer kann jahrelang dunkel sein, abgeschlossen und staubig. Aber in dem Moment, in dem du den Vorhang am Fenster nur einen Spalt breit öffnest, ist die Dunkelheit weg. Dunkelheit ist eigentlich nichts anderes als die Abwesenheit von Licht. Verstehst du?  Manchmal braucht es nur eine Begegnung, ein ehrliches Wort oder einen Moment der Stille, damit jemand sich wieder an sein eigenes Leuchten erinnert, sozusagen den Vorhang ein wenig zur Seite schiebt. – Ich weiß, dass du an dem zweifelst, was ich sage, und ich vermute, dass du auch an deinem eigenen Licht zweifelst, nicht wahr? Aber weißt du, es ist da. Ich kann es in den Momenten wahrnehmen, wo du dir wünscht, die Welt möge heller sein. In diesen Momenten scheint dein Licht aus deinem Herzen in die Welt und erhellt sie für einen kurzen Moment, auch wenn du dir dessen gar nicht bewusst bist.“

Sarah atmete schwer. „Es ist wirklich ein schöner Gedanke, dass wir alle einen Schatz in uns tragen, den wir nur vergessen haben ... es verändert den Blick auf die Menschheit, finde ich … und wenn es so ist, wie du sagst, sind wir doch alle irgendwie Suchende, oder? Suchende nach diesem Licht in uns!“

„Genau das sind wir. Ich glaube, dass wir alle hier sind, um uns gegenseitig daran zu erinnern, dass wir die Sonne nicht suchen müssen, sondern dass wir sie alle heimlich unter unseren dicken Mänteln tragen.“

Als die beiden zurück an ihren Arbeitsplatz gingen, erschien Sarah die Welt gar nicht mehr so dunkel, wie noch grad eben. Vielleicht lag der Schlüssel zur Veränderung der Welt ja tatsächlich nicht darin, die Finsternis zu bekämpfen, sondern darin, das Glimmen einer kleinen Flamme im anderen - und in sich selbst - zu erkennen.

 

Vielleicht sind wir ja alle kleine Lichter, die einander den Weg leuchten, damit wir wieder nach Hause finden.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!


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