Sonntag, 22. Februar 2026

Die weiße Feder

Der Wind trug die frostige Kälte des Februars in sich, als Michaela und ihre Tochter Emma den schmalen Pfad am Waldrand entlangspazierten. Auch wenn die Welt an diesem Tag ein wenig farblos erschien, so wurde sie doch durch Emma und ihre Schilderungen über die Erlebnisse ihres Kindergartentages erhellt.

Plötzlich blieb das Mädchen abrupt stehen: „Mama, bleib stehen!“, flüsterte sie, so als gäbe es da einen heiligen Moment, den man nicht stören durfte.

Direkt vor Emmas schlammbespritzten Gummistiefeln lag etwas, das so gar nicht in das Grau des Tages passen wollte: eine schneeweiße Feder. Sie war so weiß und rein wie frisch gefallener Neuschnee an einem Wintertag. Selbst der Schmutz des Bodens hatte ihr nichts anhaben können.

Langsam ging Emma in die Knie und nahm den filigranen Fund behutsam an sich.

„Schau nur, Mami!“

Die Mutter blickte kurz auf die Feder, dann in die kahlen Baumkronen. „Sieh dort oben“, forderte sie ihre Tochter auf und zeigte mit dem Finger Richtung Himmel, „da fliegt ein kleiner Falke. Der wird sie wohl verloren haben, als er sich geputzt hat.“

Doch Emma schüttelte heftig den Kopf, während sie die Feder voller Ehrfurcht in ihren Händen hielt. „Nein, Mama, die Feder kommt nicht von dem Vogel da. Diese Feder gehört meinem Schutzengel. Der hat sie hierhergelegt, damit ich weiß, dass er da ist.“

Michaela schaute ihre Tochter verblüfft an und trotz der Kühle, die im Außen herrschte, wurde der Mutter ganz warm ums Herz. „Dein Schutzengel?“, fragte sie leise und strich ihrer Tochter eine widerspenstige Locke aus der Stirn. „Wie sieht er denn aus, dein Engel?“

Emma schloss für einen Moment die Augen, so als würde sie das Bild nur in ihrem Inneren sehen können. „Er ist ganz schön groß, Mama. Und wenn er seine Flügel ausbreitet“, sagte Emma und breitete ihrerseits ihre Arme auch weit aus, „passt der gaaanze Himmel darunter. Aber wenn ich traurig bin, macht er sich sooo winzig klein“, und auch das zeigte das Mädchen mit seiner Körperhaltung, „so dass er sich auf meine Schulter setzen und mir ins Ohr flüstern kann, dass alles wieder gut wird. Und wenn er mich berührt, dann fühlt sich das an wie, wie … das Zerplatzen von Seifenblasen auf meiner Haut. Verstehst du das? Und riechen tut er“, Emma machte eine kleine Pause und suchte nach einem Vergleich, „wie der Rosenbusch bei Oma im Garten.“

Stille legte sich zwischen die beiden und Michaela schluckte schwer. Die Worte ihrer Tochter wirkten wie ein Schlüssel zu einer längst verschlossenen Tür in ihrem eigenen Herzen. Plötzlich erinnerte sie sich an das kleine Mädchen, das sie selbst einmal war. An die Nächte, in denen sie flüsternd mit der Dunkelheit gesprochen hatte, in der Gewissheit, dass jemand zuhörte. Wann war dieser Glaube verblasst? Wann hatte sie angefangen, nur noch Vögel zu sehen, wo früher Boten des Himmels flogen? Ein Gefühl von Verlust mischte sich mit tiefer Sehnsucht. Hatte sie das Vertrauen verloren, oder war sie nur zu ‚vernünftig‘ geworden, um das Unsichtbare noch zu spüren?

Zuhause angekommen suchte Emma eifrig ein kleines, durchsichtiges Kästchen. Sie legte ein wenig Watte hinein und bettete die Feder darauf, so als wäre sie sehr kostbar und zerbrechlich. Das Kästchen stellte sie auf ihre Fensterbank, genau dorthin, wo später das Mondlicht hineinfallen würde.

Als die Dämmerung das Zimmer in blaues Licht tauchte, schlich Emma zu ihrem Schatz. Sie nahm die Feder heraus, hielt sie vorsichtig in ihren Händen und flüsterte mit geschlossenen Augen: „Duhu, Engel? Bist du jetzt da? Ich hab nämlich deine Feder gefunden.“

Im selben Moment veränderte sich die Atmosphäre im Zimmer und füllte sich mit dem Gefühl vollkommener Geborgenheit. Emma spürte es deutlich. „Danke“, flüsterte sie leise und strahlte über das ganze Gesicht, als ihre Mutter den Raum betrat, um Emma Gute Nacht zu sagen.

Michaela sah ihre Tochter am Fenster stehen, die Feder in ihren Händen, und strahlend vor innerem Glück.

Sie selbst nahm nur das vertraute Kinderzimmer wahr, das Spielzeug im Regal und das fahle Mondlicht, das durch das Fenster fiel. Von einem Engel war für sie nichts zu spüren.

Eigentlich wollte sie gerade sagen: „Komm Schatz, leg die Feder weg, es wird Zeit für das Bett.“ Doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie sah den unerschütterlichen Glauben an den Schutzengel in Emmas Augen und ein leises Schaudern lief über ihren Rücken. Wer war sie, zu behaupten, dass es keine Engel gibt? Vielleicht war das Universum doch viel größer, als ihr Verstand es zulassen wollte oder konnte.

Michaela ging langsam zu ihrem Kind, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und flüsterte: „Schlaf gut, Emma. Und sag deinem Engel danke, dass er so gut auf dich aufpasst.“

Dann ging sie zurück zur Tür, öffnete diese und blickte noch einmal zurück zu ihrer Tochter und für einen winzigen, flüchtigen Moment bildete sie sich ein, auch sie könne den Geruch des Rosenbusches aus dem Garten ihrer Mutter erahnen.“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!


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