Dies ist eine Fortsetzung der vorherigen Geschichte 'Die Botschaft der Kiesel'.
Als Herr Baumann die Tür des Gemeindezentrums
öffnete, in dem einmal wöchentlich der Seniorentreff stattfand, duftete es nach
frischem Kaffee und Kuchen. Für ihn war dieser Schritt, den er vor ein paar
Wochen gewagt hatte, ein erster bewusster Schritt zurück ins Leben gewesen.
Dort, zwischen den hohen Fenstern, war er zum
ersten Mal Elisabeth begegnet; einer Frau, die den Malkurs leitete und mit der
er sich von Anfang an gut verstanden hatte.
Als die beiden später gemeinsam halfen, die
Tassen und Teller abzuräumen, kamen sie wieder einmal ins Gespräch. „Manchmal“,
meinte Elisabeth in diesem Moment, „sind es die kleinen Dinge, die uns halten,
wenn alles andere wegbricht, nicht wahr?“.
„Sie haben so recht“, antwortete Herr Baumann
leise. „Sie müssen wissen, dass ich vor einigen Monaten meine Frau verloren
habe und für mich gab es ab dem Tag gar keine Zukunft mehr. Es kam mir so vor,
als sei die letzte Seite eines Buches geschrieben und das Buch nun zugeklappt
worden.“
Elisabeth lächelte ihn an. Ein warmes, verständnisvolles
Lächeln. Dann sagte sie: „Wer weiß, vielleicht gleicht Ihr weiteres Leben doch
eher einem Notizbuch mit noch vielen weißen unbeschriebenen Seiten.“
In den folgenden Wochen wurden ihre Gespräche zum
Anker für beide. Er erzählte ihr von der Leere in seinem Haus, sie ihm von
ihrer Überzeugung, dass Hoffnung eine Entscheidung ist.
Schließlich traten sie gemeinsam den Weg vom
Gemeindezentrum durch den Park nach Hause an. Nach einer Weile blieb Herr
Baumann kurz stehen, griff in seine Jackentasche und holte einen glatten
Kieselstein hervor. „Dieser Stein hier“, sagte er mit brüchiger Stimme, „lag
dort auf der Mauer. Seine Botschaft ‚Jeder Tag verdient einen Neuanfang‘ hat mir
das Licht zurückgebracht. Wer auch immer ihn dort hingelegt hat, hat mich und meine
Seele gerettet.“
Elisabeth sah den Stein an, sie sah ihre eigene
Handschrift, doch sie schwieg. Sie genoss den Moment und die große Freude, die
sich in ihr ausbreitete. Vielleicht, eines Tages, würde sie es ihm erzählen.
Aber nicht heute. Heute wollte sie sich still daran erfreuen.
Weitere Wochen später betrat Herr Baumann zum
ersten Mal das lichtdurchflutete Wohnzimmer von Elisabeth. Während sie in der
Küche den Kaffee kochte, ließ Herr Baumann seinen Blick schweifen. Plötzlich
entdeckte er auf einer Anrichte ein großes Glasgefäß das randvoll gefüllt war
mit Kieselsteinen. Einige davon waren exakt mit der Farbe bemalt, die auch sein
Stein trug. Daneben lagen feine Pinsel und Acrylmarker.
Als Elisabeth mit dem Tablett hereinkam, stand er
fassungslos da. Er sah vom Glas zu ihr und wieder zurück. „Du...“, flüsterte
er, und zum ersten Mal nutzte er das vertraute Du. „Du bist die Botschafterin?!“
Elisabeth stellte das Tablett ab und trat zu ihm.
„Ich wollte nur Hoffnung verbreiten“, sagte sie sanft.
Und zum ersten Mal nahm er ihre Hand und beide
hatten das Gefühl, als wäre der Stein das Fundament für etwas Wunderschönes,
das sich zart und leise zwischen ihnen entfaltete.
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