Freitag, 20. Februar 2026

Du bist die Botschafterin?!

Dies ist eine Fortsetzung der vorherigen Geschichte 'Die Botschaft der Kiesel'.

 

Als Herr Baumann die Tür des Gemeindezentrums öffnete, in dem einmal wöchentlich der Seniorentreff stattfand, duftete es nach frischem Kaffee und Kuchen. Für ihn war dieser Schritt, den er vor ein paar Wochen gewagt hatte, ein erster bewusster Schritt zurück ins Leben gewesen.

Dort, zwischen den hohen Fenstern, war er zum ersten Mal Elisabeth begegnet; einer Frau, die den Malkurs leitete und mit der er sich von Anfang an gut verstanden hatte.

Als die beiden später gemeinsam halfen, die Tassen und Teller abzuräumen, kamen sie wieder einmal ins Gespräch. „Manchmal“, meinte Elisabeth in diesem Moment, „sind es die kleinen Dinge, die uns halten, wenn alles andere wegbricht, nicht wahr?“.

„Sie haben so recht“, antwortete Herr Baumann leise. „Sie müssen wissen, dass ich vor einigen Monaten meine Frau verloren habe und für mich gab es ab dem Tag gar keine Zukunft mehr. Es kam mir so vor, als sei die letzte Seite eines Buches geschrieben und das Buch nun zugeklappt worden.“

Elisabeth lächelte ihn an. Ein warmes, verständnisvolles Lächeln. Dann sagte sie: „Wer weiß, vielleicht gleicht Ihr weiteres Leben doch eher einem Notizbuch mit noch vielen weißen unbeschriebenen Seiten.“

In den folgenden Wochen wurden ihre Gespräche zum Anker für beide. Er erzählte ihr von der Leere in seinem Haus, sie ihm von ihrer Überzeugung, dass Hoffnung eine Entscheidung ist.

Schließlich traten sie gemeinsam den Weg vom Gemeindezentrum durch den Park nach Hause an. Nach einer Weile blieb Herr Baumann kurz stehen, griff in seine Jackentasche und holte einen glatten Kieselstein hervor. „Dieser Stein hier“, sagte er mit brüchiger Stimme, „lag dort auf der Mauer. Seine Botschaft ‚Jeder Tag verdient einen Neuanfang‘ hat mir das Licht zurückgebracht. Wer auch immer ihn dort hingelegt hat, hat mich und meine Seele gerettet.“

Elisabeth sah den Stein an, sie sah ihre eigene Handschrift, doch sie schwieg. Sie genoss den Moment und die große Freude, die sich in ihr ausbreitete. Vielleicht, eines Tages, würde sie es ihm erzählen. Aber nicht heute. Heute wollte sie sich still daran erfreuen.

Weitere Wochen später betrat Herr Baumann zum ersten Mal das lichtdurchflutete Wohnzimmer von Elisabeth. Während sie in der Küche den Kaffee kochte, ließ Herr Baumann seinen Blick schweifen. Plötzlich entdeckte er auf einer Anrichte ein großes Glasgefäß das randvoll gefüllt war mit Kieselsteinen. Einige davon waren exakt mit der Farbe bemalt, die auch sein Stein trug. Daneben lagen feine Pinsel und Acrylmarker.

Als Elisabeth mit dem Tablett hereinkam, stand er fassungslos da. Er sah vom Glas zu ihr und wieder zurück. „Du...“, flüsterte er, und zum ersten Mal nutzte er das vertraute Du. „Du bist die Botschafterin?!“

Elisabeth stellte das Tablett ab und trat zu ihm. „Ich wollte nur Hoffnung verbreiten“, sagte sie sanft.

Und zum ersten Mal nahm er ihre Hand und beide hatten das Gefühl, als wäre der Stein das Fundament für etwas Wunderschönes, das sich zart und leise zwischen ihnen entfaltete.

 © Martina Pfannenschmidt, 2026



Die Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!


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