Posts mit dem Label Geschichten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Geschichten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 15. Juni 2022

Körpersprache

Reizwörter: Esel, Eis, empört, eilig, erfrischend

Schaut doch bitte auch, welche Geschichten Lore und Regina mit diesen Reizwörtern geschrieben haben!

 

An diesem Wochenende besuche ich meine Tochter und ich freue mich riesig darauf. Als ich aus dem Zug aussteige und mich die Energien der Großstadt empfangen, bleibe ich zuerst einmal stehen, um mich einzugewöhnen.

Empört schaut mich ein älterer Herr an, der durch mein abruptes stehen bleiben fast auf mich aufgelaufen wäre. Kichernd entschuldige ich mich, was das Unverständnis in seinen Augen noch verstärkt.

Zögerlich gehe ich weiter, während all die Menschen eilig an mir vorüber rennen. Heutzutage hat wirklich niemand mehr Zeit, denke ich, und begebe mich aus dem Bahnhofsgebäude heraus auf den Vorplatz.

Hab ich es mir doch gedacht. Weit und breit nichts zu sehen von meiner liebenswerten Tochter. Doch Moment! Mein Handy meldet den Eingang einer Nachricht: „Sorry, Ma! Werde es nicht pünktlich schaffen. Aber ich komme so schnell ich kann!“

Das ist wieder typisch, denke ich, muss aber schmunzeln. Der Apfel fällt halt nicht weit vom Stamm. Aber: von mir hat sie das nicht. Ich bin immer pünktlich – oder sagen wir: meistens!

Mein Blick fällt auf eine Eisdiele, die sich gegenüber des Bahnhofsgebäudes befindet. Dort werde ich hingehen und in aller Ruhe ein Eis essen, während ich auf meine Tochter warte und die Menschen beobachte.


Ich liebe es nämlich, Menschen zu beobachten! Ich finde, dass man dadurch durchaus seine Aufmerksamkeit schult. So erkenne ich zum Beispiel schneller, wenn jemand schwindelt. Ja wirklich! Menschen senden nämlich permanent Signale aus, die viel über die jeweilige Person aussagen. Körpersprache nennt man das wohl. Und da spielt auch die Mimik eine entscheidende Rolle.


Während ich in aller Seelenruhe mein Eis löffle, denke ich darüber nach, wie oft wir Menschen durch die Tage und von einer zur anderen Pflicht hetzen, ohne uns die Zeit zu nehmen, die erlebten Dinge zwischenzeitlich auch einmal sacken zu lassen.

Und da kommt das Beobachten von Menschen ins Spiel, denn es hat durchaus etwas mit Innehalten und Entschleunigen zu tun. Ja wirklich! Und man wird durchaus aufmerksamer für seine Mitmenschen.

Im Moment habe ich das Paar am Nachbartisch im Visier. Während er erzählt, hört sie nur mit einem Ohr hin. Woher ich das weiß? Sie schaut nebenbei auf ihr Handy und jetzt kramt sie sogar ihren Lippenstift aus ihrer Handtasche und zieht ihre Lippen nach. Wie kann sie ihm da aufmerksam zuhören?

Oder dort – ein Tisch weiter. An ihm sitzt eine junge Frau. Ein junger Mann stürmt mit einem kurzen ‚Hallo’ zu ihr an den Tisch. Er sieht ihr dabei nicht einmal in die Augen, bleibt nur kurz stehen, spricht zwei Sätze mit ihr – und schon ist er wieder in der Menge verschwunden. Was er ihr wohl zu sagen hatte?

Diese Aufmerksamkeitsübungen, wie ich es gerne nenne, kann man übrigens überall durchführen. Egal, ob man durch die Straßen der Stadt geht oder U-Bahn fährt. Das wichtigste, was man dabei trainiert, ist, dass man sich die Menschen genauer ansieht und nicht durch sie hindurch schaut. So nimmt man sie tatsächlich richtig wahr!

Ein toller Nebeneffekt ist dabei übrigens, dass sich deine Gedanken nicht um dich selbst und deine Sorgen oder Probleme kreisen können, weil das Gehirn ja anderweitig beschäftigt ist und sich die eigenen Sorgen hinten anstellen müssen.

Ja und dann hab ich noch einen Tipp: man sollte seine Mitmenschen nicht zu offensichtlich beobachten. Das ist nicht nur peinlich, wenn man dabei erwischt wird, sondern auch für den Beobachteten sehr unangenehm. Und außerdem: sobald Menschen bemerken, dass sie beobachtet werden, verändern sie zumindest unbewusst ihr Verhalten. Ja wirklich! Ist so!

Ich sag es euch: das mit dem Beobachten und der Körpersprache, dass ist eine Wissenschaft für sich. Wenn du also Menschen beobachten möchtest, mach es so, dass sie sich unbeobachtet fühlen.

Dort zum Beispiel, der Mann, der mit 1000 Taschen bepackt wie ein Esel neben seiner Frau herläuft, die unentwegt auf ihn einredet. Also der fühlt sich in diesem Moment nicht von mir beobachtet und zugleich zeigen seine Körperhaltung und sein Gesichtsausdruck sehr deutlich, wie unwohl er sich in dieser Gegebenheit fühlt.

Mir kommt in diesem Moment eine Situation bzw. eine Unterhaltung mit Kollegen vor ein paar Tagen in den Sinn. Es war so, dass wir in der Mittagspause gemeinsam draußen im Park waren, als eine Kollegin voller Freude davon berichtete, dass sie um eine Gehaltserhöhung gebeten und diese auch tatsächlich bekommen hätte.

Ihr glaubt nicht, wie interessant die Reaktionen meiner Kollegen darauf waren. Während dem einen komplett die Gesichtszüge entgleisten, dauerte die Gratulation des anderen eine Spur zu lange, was darauf schließen ließ, dass eine Menge Neid im Spiel war. Ja, so ist das mit uns Menschen. Nur wenige können sich noch mit anderen oder für andere freuen.

Es ist wirklich so, dass uns unser Gegenüber viel erzählen kann. Doch sein Körper spricht dabei oftmals eine ganz andere Sprache, als seine Worte.

Kennst du auch die Menschen, die dir bei einem Gespräch nicht in die Augen schauen können? Vielleicht haben sie es mit der Wahrheit in dem Moment nicht so ganz genau genommen.

Oder die Fraktion, die dir mit verschränkten Armen gegenübersitzt. Diese Menschen möchten sich dir nicht öffnen und sie fühlen sich in der Situation nicht wirklich wohl in ihrer Haut.

Interessant ist natürlich auch die Kleidung. Die kann genauso Aufschluss über einen Menschen geben: Maßanzug oder Jeans, Perlenkette oder Kreuzanhänger. Alles gibt uns Einblicke bezüglich des Menschen.

Oder dort, die junge Frau, die in einem erfrischend gelben Minikleid direkt auf mich zusteuert. Was sagt die Farbwahl wohl über sie aus? Das es sich um eine mutige junge Frau handelt, zum Beispiel, und das es sich … Moment … um meine Tochter handelt.

Abrupt springe ich von meinem Stuhl auf, um sie in meine Arme zu schließen. Jetzt kann das Mutter-Tochter-Wochenende beginnen!

 

© Martina Pfannenschmidt, 2022



Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.

Hier geht es zu Elke und ihrem 'Kleinen Blog'. KLICK!

 

Ein kleiner Hinweis: 

Mit der Nutzung des Kommentar- Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.



Donnerstag, 30. September 2021

Wofür bist du dankbar?

 

Herbstlaub, Tanne, traurig, bunt, schnaufen

Diese Reizwörter findet ihr auch in den Geschichten von Lore und Regina.

Die Arme auf dem Rücken verschränkt schlendert der alte Pastor Huber durch den parkähnlichen Garten des Seniorenheimes. Das Herbstlaub raschelt dabei unter seinen Füßen und vom nahe gelegenen Kindergarten dringt das bunte Treiben der kleinen Knirpse an seine Ohren.

Für einen Moment bleibt er stehen und sein Blick wandert hoch zum Wald, der sich in unmittelbarer Nachbarschaft befindet. Ein alter Lanz-Traktor bahnt sich schnaufend den Weg nach oben.

Die Tannen, die dort stehen, geben ein wahrlich trauriges Bild ab. Trocken und braun sind sie und werden sicher bald gefällt werden müssen, wie so viele andere vom Borkenkäfer befallene Bäume auch.

„Pastor Huber“, ruft Beate, die Pflegedienstleiterin, in diesem Augenblick, „möchten Sie nicht zu uns kommen? Wir basteln gerade eifrig an der Herbstdeko für unser Haus.“

„Doch, doch“, antwortet er und geht gemütlichen Schrittes in die Richtung, aus der er gerufen wurde.

An zwei zusammen geschobenen Tischen des hellen und freundlich eingerichteten Raumes sitzen einige seiner Mitbewohner und basteln eifrig. Die Frauen schneiden Fliegenpilze aus roter und weißer Pappe aus. Andere sind damit beschäftigt, mit ihren von Arthrose gezeichneten Fingern, Kränze aus Blättern zu binden. Und der Älteste in der Runde bastelt aus Tannenzapfen Hirsche.

Pastor Huber schmunzelt bei dem Gedanken, dass es im Kindergarten ein paar Häuser weiter ein ähnliches Bild geben wird. Ganz sicher wird auch dort für das Herbstfest gebastelt.

„Was möchten Sie denn fertigen?“, wird er von Beate gefragt. Der alte Pastor winkt ab. „Das ist gut gemeint. Danke! Aber ich schaue den anderen lieber nur zu. Ich bin nicht so geschickt in solchen Dingen“.

Nach einer Weile fragt er interessiert in die Runde hinein: „Wir feiern ja in einigen Tagen das Erntedankfest und mir kam der Gedanke, dass wir für so vieles dankbar sein können, nicht wahr?“

Allgemeines stummes Nicken.

„Wenn ich darüber nachdenke, wofür ich dankbar bin“, spricht er weiter, „so kommt einiges beisammen. Darf ich vielleicht mal die Frage in die Runde geben, wofür Sie dankbar sind?“

Das eifrige Werkeln wird kurz unterbrochen und die älteren Menschen besinnen sich.

Frau Meier ist die Erste, die antwortet: „Wissen Sie, die meisten von uns haben ja den Krieg mitgemacht. Einige wurden vertrieben. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass meinen Kindern diese Erfahrung erspart blieb.“

„Ich stimme Ihnen zu“, wirft nun der alte Herr Schröder ein, „wir haben sehr oft einen Grund, dankbar zu sein und wenn ich es mir recht überlege, kann ich sagen, dass ich dankbar dafür bin, dass mich mein Beruf erfüllt hat und für das Talent, Mundharmonika spielen zu können.“

Als Nächste spricht die kleine Frau Kluge: „Wenn Sie mich so fragen, Herr Pastor, bin ich dankbar für mein Leben.“

Frau Gruber, die früher als Lehrerin an der hiesigen Grundschule unterrichtete, erzählt davon, dass sie dankbar ist für all die Kinder, deren Lebensweg sie ein Stück mitgehen durfte, aber ganz besonders für ihre beiden eigenen Kinder. Nicht ohne Stolz sagt sie: „Ich bin wirklich dankbar, dass ich dieser Welt zwei wertvolle Menschen schenken durfte.“

Nun ist Frau Mertens an der Reihe. „Wissen Sie“, beginnt sie leise, „wenn ich in den Nachrichten die Bilder sehe von bewaffneten Soldaten, die in den Straßen vor zerstörten Häusern patrouillieren, dann bin ich dankbar, dass ich in einem Land leben darf, in dem ich frei und sicher leben kann.“

Beate, die Pflegedienstleiterin, ist ganz begeistert von all den Antworten der Senioren. „Also ich kann sagen, dass ich dankbar bin, so liebenswerte und gleichzeitig lebenserfahrene Menschen wie sie um mich zu haben“, sagt sich, „ich bin aber auch dankbar für einen freien Nachmittag, an dem ich mit einer Freundin in einem Eiscafé sitzen darf oder für einen gemütlichen Grillabend bei Freunden.“

Nun traut sich auch die ansonsten eher zurückhaltende Frau Kleine zu Wort: „Ich hoffe, es ist nicht vermessen, wenn ich sage, dass ich überhaupt ein dankbarer Mensch bin. Ich bin dankbar für die vielen kleinen alltäglichen Dinge, an denen ich mich erfreuen kann. Und ich bin dankbar, dass ich in meinem Alter noch so rüstig sein darf.“ Nach einer Gedankenpause fügt sie an: „Ich denke, dass dankbare Menschen allgemein zufriedener sind.“

„Wissen Sie was“, spricht Beate bald darauf den Pastor an, „wollen wir am Sonntag nicht eine kleine Dankfeier ausrichten? Wir könnten Danklieder singen und Herr Schröder könnte uns mit seiner Mundharmonika dabei unterstützen. Und vielleicht möchten Sie zum Thema Dankbarkeit eine kleine Ansprache halten. Was meinen Sie dazu?“

Als hätte der alte Pastor nur darauf gewartet, erhebt er sich schwungvoll wie ein junger Bursche von seinem Stuhl und macht sich unvermittelt auf den Weg in sein Zimmer und an die Arbeit.

Nun ist es auch für ihn an der Zeit, sein Talent auszuleben und Vorbereitungen zu treffen.

 

Und - wofür bist DU dankbar?

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021



Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.

Hier geht es zu Elke und ihrem 'Kleinen Blog'. KLICK!

 

Ein kleiner Hinweis: 

Mit der Nutzung des Kommentar- Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.


Donnerstag, 15. Juli 2021

Als Aussichtsturm geboren

 Reizwörter: Lulatsch, Aussichtsturm, aufwachen, gefährlich, zornig

Bitte schaut, welche Geschichte Regina mit diesen Reizwörtern geschrieben hat. - Lore setzt diesmal leider aus. 

(Foto: privat)

„Mama, warum bin ich so ein langer Lulatsch?“

„Wie bitte? Wie kommst du denn nur darauf?“

„Ich habe gehört, dass sich die Springmäuse über mich unterhalten haben und eine hat gesagt, ich sei riesig. Ein richtiger Lulatsch.“ Naima machte eine kleine Pause. „Dabei weiß ich nicht einmal, was ein Lulatsch überhaupt ist.“

Mandola, die Giraffenmutter, musste sich das Lachen verkneifen.

„Weißt du, meine Große, ich denke, dass die Mäuse vielleicht sogar neidisch auf dich sind. Vielleicht wären sie ja auch gerne so groß wie du. Mach dir also bitte keine weiteren Gedanken darüber.“

Naima druckste herum: „Und dann haben sie noch gesagt, dass ich gar keinen Vater hätte und dass meine Beine so dünn seien wie Stricknadeln. Stimmt das Mama?“

„Natürlich hast auch du einen Papa“, empörte sich Mandola über die frechen Mäuse, „er lebt nur nicht immer bei uns. So ist das in einer Giraffenherde. Da leben nur die Frauen mit ihren Kindern zusammen. Aber es wird nicht mehr lange dauern, dann wird er uns wieder einmal besuchen kommen. Und schau, unsere Beine sind zwar dünn und lang und wirken vielleicht zerbrechlich. Aber das sind sie nicht. Sie sind genau richtig, so wie sie sind.“

Nach einer Weile fragte das Giraffenmädchen vorsichtig: „Sag, Mama, findest du nicht auch, dass unser Hals ziemlich lang geraten ist?“

„Durchaus. Aber schau. Auf der ganzen Welt gibt es kein weiteres Tier mit diesem Merkmal. Und auch unsere Zeichnung ist etwas ganz Besonderes. Das sind doch wirklich alles Dinge, auf die wir stolz sein können, nicht wahr. Und sieh nur“, Mandola zupfte ein paar Blätter von einem hohen Baum, „wer kann schon so hoch ragen, wie wir.“

„Niemand“, freute sich Naima und wurde sich darüber bewusst, dass es großartig war, als ‚Aussichtsturm‘ auf die Welt gekommen zu sein.

Während die beiden gemächlich mit ihrer Herde weiterzogen, heulte in der Ferne ein Jeep auf. Dieses Geräusch war Naima unbekannt und so wurde sie etwas unruhig.

„Das Heulen eines Motors zeigt uns, dass Menschen in unserer Nähe sind“, erklärte die Giraffenmutter und auch ihr merkte man eine gewisse Unruhe an.

„Menschen?“, fragte das Giraffenmädchen. „Was sind Menschen?“

„Menschen sind die schlimmsten Raubtiere, die es auf dieser Erde gibt.“

„Sind sie noch gefährlicher, als Löwen?“, wollte Naima sogleich wissen.

„Gewiss.“

„Haben sie scharfe Zähne, wie sie, oder besitzen sie giftige Pfeile?“

„Sie haben die schlimmsten Waffen, die du dir nur vorstellen kannst. Manche von ihnen jagen friedliche Tiere wie zum Beispiel Elefanten, nur wegen ihrer Stoßzähne.“

„Das ist schlimm.“

„Ja, das ist es. Weißt du, Naima, den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass sie auch ein Teil der Natur sind. Ebenso wie wir Tiere und die Pflanzen. Und so töten sie nicht nur unsere Art, sie zerstören die Welt auf der wir alle leben mit vielerlei Dingen und … - Mandola legte eine kleine Pause ein - … sie töten sich sogar gegenseitig.“

Naima war fassungslos und zornig. Hoffentlich würde sie nie in ihrem Leben einem Menschen begegnen.

„Wo leben die Menschen?“, wollte sie wissen.

„Sie leben überall auf diesem Planeten und die Spur der Verwüstung, die sie hinterlassen, ist groß.“

„Kann man denn gar nichts dagegen tun?“

„Weißt du, Naima, der Mensch ist das einzige Lebewesen auf dieser Welt mit einem freien Willen. Er kann selbst entscheiden, ob er etwas verändern möchte oder nicht.“

„Aber warum verändert er dann nichts? Weiß er gar nicht, wie abscheulich das ist, was er tut?“

„Einige scheinen es tatsächlich nicht zu wissen. Aber es gibt inzwischen viele Menschen, denen klar ist, dass sich etwas verändern muss. Und so hoffe ich, dass es immer mehr werden, die aufwachen, aufstehen und alles zum Guten wenden.“

„Das hoffe ich auch, Mama.“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021

 


Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.

Hier geht es zu Elke und ihrem 'Kleinen Blog'. KLICK!

 

Ein kleiner Hinweis: 

Mit der Nutzung des Kommentar- Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.


Mittwoch, 30. Juni 2021

Glücksmomente zu verschenken

 

Für den heutigen Tag lauteten unsere Reizwörter:  Marienkäfer, Dachboden, wirbeln, nervig und witzig

Schaut doch bitte auch, welche Geschichten Lore und Regina dazu geschrieben haben.

Vor vielen Jahren von meinem Enkelkind gezeichnet. 😊 


„Ich bin glücklich, so glücklich, einfach nur sehr glücklich …“, sang Marie, das Marienkäfermädchen, in den schiefsten Tönen fröhlich vor sich hin. Dabei flog es von einem Gänseblümchen auf das andere.

„Guten Morgen, ihr Lieben. Geht es euch gut?“, fragte es in die Runde hinein.

„Geht so“, murmelte eines. Die anderen gaben ihr gar keine Antwort.

„Was ist los mit euch? Freut ihr euch nicht über den neuen Tag?“

„Ach, weißt du, Marie“, antwortete eines der Blümchen, „wir haben uns gerade darüber unterhalten, dass wir früher viel mehr Anerkennung durch die Menschen erfahren haben. Weißt du, wir waren eine richtige Kinderblume. Sie pflückten uns mit großer Freude und die Muttis oder Omis flochten mit geschickten Händen Kränze aus uns, die die Kinder dann stolz als Kopfschmuck trugen. So konnten wir viele Herzen glücklich machen.“

„Und manche Frauen haben uns zum Orakeln genutzt“, erinnerte sich ein anderes, „indem sie einzelne unserer Blütenblätter abgezupft und abwechselnd ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ gesagt haben.“

„Und heute“, ergänzte ein weiteres, „fährt man achtlos mit einem Rasenmäher über uns hinweg.“

„Ja, aber“, warf der Marienkäfer ein, „kaum eine andere Blume trotzt dem Rasenmäher so, wie ihr. Unermüdlich bildet ihr neue Blütenköpfe.“

„Das stimmt, wir lassen unsere Köpfchen nicht hängen.“

„Seht ihr, und deshalb ist heute ein schöner Tag, weil ihr ‚ewig schön‘ seid. Das ist doch die Übersetzung eures lateinischen Namens, nicht wahr.“

„Das stimmt“, erwiderte ein Gänseblümchen nicht ohne Stolz und fügte hinzu, „und man nennt uns auch Tausendschön …“

„und Himmelsblume …“

„und Augenblümchen …“, riefen sie durcheinander.

„Na seht ihr, so viele Gründe, um glücklich zu sein“, fand Marie und flog mit dem guten Gefühl weiter, den Gänseblümchen den Tag etwas verschönert zu haben.

„Ich bin glücklich, so glücklich, einfach nur sehr glücklich …“, sang sie weiterhin und schaute, wem sie noch einen glücklichen Tag bescheren konnte.

Da, eine Schnecke kroch schwerfällig über das Gras. 

„Guten Morgen, liebe Schnecke, ich wünsche dir einen glücklichen Tag!“

„Geh weg, glücklicher Tag.“

Marie ließ sich neben der Schnecke auf einem Grashalm nieder.

„Geht es dir heute nicht gut?“, fragte Marie besorgt.

„Ach geh, tagein, tagaus der gleiche Trott“, brummelte die Schnecke, „und immer muss ich mein Haus mit mir herumtragen. Denkst du, das ist witzig? Keineswegs ist es das. Es ist total nervig. Wie soll ich da bitte glücklich sein. Also zisch ab und lass mich in Ruhe.“

Die Schnecke war eindeutig ein weiterer Fall für Marie. Sie hatte sich nämlich fest vorgenommen, heute viele Glücksmomente zu verschenken.

Diese Schnecke war aber wirklich ein schwieriger Fall, das musste sie zugeben. Wie sollte sie ihr etwas Positives über ihr Leben sagen? Wie ihr eine Freude bereiten?

Sie konnte ja schlecht sagen: „Ja weißt du, Schnecke, du bist halt nützlich, weil du auf dem Speiseplan einiger anderer Lebewesen stehst.“

Also nein, das konnte sie ihr ja nun wirklich nicht sagen. Und dass sie ständig eine Schleimspur hinter sich herzog, war auch nicht so schön. Aber es musste doch etwas geben, womit sie der Schnecke eine Freude bereiten konnte.

Und dann wusste sie es. „Weißt du, liebe Schnecke, ich glaube, dass das Geheimnis des Glücks darin liegt, auch unsichtbare Dinge wahrzunehmen und sich daran zu erfreuen. Ich denke da an so etwas wie eine sanfte Berührung. Das kann ja durchaus ein Glücksmoment sein.“

Und schon erhob sich der Marienkäfer, wirbelte dabei voller Schwung ein paar Gräserpollen auf und landete sanft auf dem Gehäuse der Schnecke. Dann lief Marie mit ihren sechs Beinchen auf der Schnecke auf und ab. Das kitzelte natürlich und bald fing die knurrige Schnecke tatsächlich an zu lachen.

Fröhlich und völlig schief singend flog Marie zufrieden weiter.

„Ich bin glücklich, so glücklich, einfach nur sehr glücklich …“

Da, eine Wildbiene. Es hatte den Anschein, als säße sie auf dem Stein, um die Sonnenstrahlen zu genießen. Doch als Marie näher kam, sah sie, dass sie sich täuschte. Es war eindeutig: die Wildbiene weinte.

Elegant landete sie neben dem Bienchen und wurde nicht müde, auch ihr einen guten Tag zu wünschen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen.

„Ich bin traurig“, antwortete die Biene, „weil viele meiner Artgenossen bereits gestorben sind und nun frage ich mich, ob es überhaupt noch Sinn macht, dass ich meine Arbeit verrichte. Ich kann doch auch einfach hier auf diesem Stein sitzen bleiben.“

„Ob es Sinn macht?!“ Marie reagierte entsetzt. „Aber weißt du denn gar nicht, dass du der wichtigste Helfer in der Natur bist. Du und deine Artgenossen, ihr tragt die Pollen von Blüte zu Blüte, um deren Fortpflanzung zu sichern.“

„Ja, das tun wir“, erwiderte die Biene zustimmend, „doch unsere Arbeit wird immer schwieriger. Die Menschen setzen einfach zu viele Gifte ein, die uns so unglaublich schaden.“

„Ja, das tun sie“, entgegnete Marie, „ich weiß, aber es findet auch ein Umdenken statt. Schau dich um, es gibt wieder bunte Blumenwiesen. Du musst fest daran glauben, dass sich alles zum Guten wenden wird.“

Als das Marienkäfermädchen weiter flog, wusste es, dass es nun an der Biene lag, das Gute zu sehen und die Glücksmomente auch wirklich wahrzunehmen.

Sie konnte nicht mehr tun, als die Augen der anderen auf das Gute und auf glückliche Momente zu richten.

Als Marie am Abend auf Höhe des Dachbodens in die Mauerritze eines alten Hauses kroch, fielen ihr die Augen vor lauter Erschöpfung zu. Es war ganz schön anstrengend gewesen, Glücksmomente zu verteilen.

Als sie herzhaft gähnte, war es der Wind, der sanft um die Hausecke strich und ihr leise zuflüsterte: „Gut gemacht Marie! Und nun schlaf gut!“  

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021



Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.

Hier geht es zu Elke und ihrem 'Kleinen Blog'. KLICK!

 

Ein kleiner Hinweis: 

Mit der Nutzung des Kommentar- Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.


Dienstag, 15. Juni 2021

Gesichtspulli

Das waren unsere Reizwörter: 

Bart, Nasenspitze, vorwitzig, füllig, saugen

Und das sind die Namen meiner 'Mitschreiberinnen': Lore und Regina

Bitte lest auch ihre Geschichten. - Wir freuen uns über jeden, der uns besucht!

 

Als ich Omas Küche betrat, saß sie am Küchentisch. Sofort fielen mir ihre strahlenden Augen auf und auch das fröhliche Lächeln, das ihre Lippen umspielte. Was es wohl war, dass Oma so zum Strahlen brachte? Dem wollte ich unbedingt auf die Spur kommen.

Als ich zum Tisch kam, sah ich, dass Oma in einem Fotoalbum blätterte. Puh, die Bilder darin sahen schon ganz schön vergilbt aus und irgendwie roch es auch unangenehm. Alt eben.

„Was sind denn das für Fotos, die du dir da anschaust?“, fragte ich neugierig.

„Ach weißt du, gestern bekam ich von Hanne, meiner besten Freundin, eine Postkarte zugeschickt. Sie macht im Augenblick mit ihrem Mann Urlaub an der Ostsee. Da wurden sofort Erinnerungen in mir wach, denn genau in dem Ort haben dein Opa und ich unseren ersten gemeinsamen Urlaub verbracht. In einem winzigen Zelt.“

„Das war bestimmt kuschelig“, sagte ich und mir schien, als zöge eine leichte Röte über Omas Wangen, als sie entgegnete: „Ja, das war es!“

„Und wer ist dieser dünne Kerl da mit dem Bart?“, erkundigte ich mich.

Oma begann zu lachen. „Der Kerl, dem man das Halleluja durch die Backen blasen konnte, meinst du? Das ist dein Opa!“

„Waaas? Also heute ist er aber um einiges fülliger“, lachte ich. Und das war wirklich noch charmant ausgedrückt. „Ich wusste gar nicht, dass er mal einen Bart getragen hat.“

„Oh, diesen Gesichtspulli, wie ich immer gesagt habe, fand ich wirklich furchtbar. Aber er hatte eine Wette verloren und deshalb durfte er sich ein halbes Jahr lang nicht rasieren. – Ja, und wie das dann aussah, kannst du auf diesem Foto sehen.“

Oma blätterte um und der alte Geruch stieg umso mehr in meine Nase. Aber da musste ich durch. Schließlich war meine Neugierde geweckt.

„Schau nur“, meinte Oma, „da ist mir ein echter Schnappschuss gelungen.“

In der Tat. Auf dem Bild war Opa zu sehen. Das Besondere aber war eine vorwitzige Fliege, die direkt auf Opas Nasenspitze gelandet war.

„Du Oma“, sagte ich beeindruckt, „mit dem Foto hättest du auch einen Fotowettbewerb gewinnen können.“

„Ja, vielleicht. Aber ich hatte ja schon doppelt gewonnen“, erwiderte sie verschmitzt, „zum einen hatte ich mir deinen Opa geangelt und zum anderen meine kleine Fotokamera gewonnen.“

„Wirklich? Erzähl mir davon!“

„In unserem Ort gab es einen Fotoladen. Und dort fand damals eine besondere Aktion statt. Sie verschenkten nämlich eine Kamera an den Besitzer eines 10-DM-Scheines mit einer ganz bestimmten Nummer. Ja und was denkst du, in wessen Geldbörse sich genau dieser 10-DM-Schein befand?“

„Ne, das glaub ich jetzt nicht!“

„Doch, dass sauge ich mir nicht aus den Fingern. Es stimmt wirklich. Ich war wirklich im Besitz dieses 10-DM-Scheines.“

„Dinge gibt’s!“, erwiderte ich.

Wir wandten uns wieder dem Album zu und ich entdeckte auf einem Foto eine junge Frau mit einem ungewöhnlichen Kopfschmuck. „Bist du dass Oma? Aber was bitte trägst du da auf deinem Kopf?“

„Na klar bin ich das und das Ding da auf meinem Kopf ist eine Badekappe. Sie war hellblau mit himmelblauen Kunststoff-Haaren darauf. Das war damals der allerletzte Schrei. Ich war also modisch ganz vorne mit dabei.“

Auf dem nächsten Foto sah Opa ein bisschen bedrückt aus und ich erkundigte mich bei Oma nach dem Grund.

„Oh ja, wir waren beide deprimiert an dem Morgen. Wir hatten am Abend zuvor noch lange draußen unter dem Sternenhimmel gesessen und roten, aber sehr billigen Wein getrunken“, schmunzelte sie, „ja und als wir uns dann zum Schlafen in das Zelt verkrochen, haben wir unseren kleinen Campingtisch und die Klappstühle nicht mehr in den Kofferraum unseres Autos verfrachtet, sondern einfach vor dem Zelt stehen gelassen. Das war keine gute Idee, wie sich am nächsten Tag herausstellte. Man hatte uns nämlich bestohlen. Da die Dinge deinen Urgroßeltern gehörten, war das besonders blöd.“

„Hat man die Diebe gefunden?“

„Nein, und auch den Tisch und die Stühle haben wir trotz langen Suchens auf dem ganzen Campingplatz nicht mehr gefunden.“

So ein Zelturlaub schien mir trotz dieses Vorfalls wirklich erlebenswert, weshalb ich spontan äußerte: „Ich möchte mit meinem Freund auch mal einen Urlaub im Zelt verbringen."

„Das ist schon romantisch. Jedenfalls dann, wenn die Sonne scheint und es trocken bleibt“, meinte Oma, „doch damals gab es in einer Nacht einen furchtbaren Regenschauer. Da ich nie zuvor gezeltet hatte, war ich unbedarft und hab von innen an der Zeltwand mit dem Finger die Regentropfen nachgezeichnet. Dass man das tunlichst unterlassen sollte, hab ich dann gemerkt, denn ab da tropfte der Regen durch die Zeltplane nach innen. Dadurch wurde es dort nicht nur nass, sondern mir war erbärmlich kalt und ich habe mächtig gefroren. Wir sind dann auch recht bald abgereist, da es nicht aufhören wollte zu regnen und sich alle Sachen feucht anfühlten. Ja und das war dann auch unser erster und einziger Campingurlaub …“

„… von dem du damals noch nicht ahntest, dass du eines Tages deiner Enkelin davon erzählen würdest.“

„Das stimmt wohl, meine Große!“, erwiderte sie und strich mir liebevoll über die Haare, so wie sie es immer tat, auch wenn es in Anbetracht meines Alters so langsam aber sicher peinlich wurde. Aber solange es niemand sah …

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021



Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.

Hier geht es zu Elke und ihrem 'Kleinen Blog'. KLICK!

 

 

Ein kleiner Hinweis: 

Mit der Nutzung des Kommentar- Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.


Montag, 29. Juni 2020

Schwarze Katze von links

Gerade habe ich mich von meiner besten Freundin verabschiedet und nun schwinge ich mich auf mein Rad, um vom Freibad aus den Weg nach Hause anzutreten. Das Gute daran ist, dass ich dabei am Haus meiner Großeltern vorbei komme, die einen tollen großen Garten ihr Eigen nennen.

Zu dieser Jahreszeit gibt es dort immer etwas Leckeres zu naschen und mit ganz viel Glück darf ich nicht nur Himbeeren und Kirschen probieren, sondern bekomme auch noch ein Eis spendiert. Mal schauen.

Die Aussicht darauf lässt mich ein wenig schneller in die Pedalen treten, doch dann geschieht es. Von links überquert eine schwarze Katze die Fahrbahn und läuft mir fast ins Rad. Gott sei Dank kann ich noch rechtzeitig bremsen. Es ist nichts passiert – der Katze nicht und auch mir nicht, doch ich merke, dass mir ein kleiner Schock in den Gliedern sitzt. Schließlich kam die Katze von links und sie war pechschwarz. Sagt man nicht, dass das Unglück bringt?

Eine Weile später gehe ich zielsicher in den Garten meiner Großeltern. Ich weiß, dass ich meine Großmutter dort antreffen werde. Im Sommer und bei Sonnenschein lebt sie quasi draußen in ihrem Garten.

„Hi, Oma!“, rufe ich, als ich sie beim Himbeerpflücken entdecke und füge an: „Lass für mich noch welche übrig!“

Oma lacht. „Es sind noch genug da. Keine Angst.“

In diesem Moment ist die erste Beere bereits in meinem Mund verschwunden. Hmmm. So lecker! Da stopfe ich gleich noch ein paar mehr hinein.

„Kommst du aus dem Freibad?“, erkundigt sich Oma.

Ich kann nur nicken, weil mein Mund so vollgestopft ist mit den leckeren Beeren.

„Du Oma“, erzähle ich, als es mir wieder möglich ist, zu sprechen, „vorhin ist mir fast eine Katze ins Rad gelaufen.“.

Weiter komme ich nicht, weil sich Oma sofort Sorgen macht und an mir herauf und herunter schaut, ob sie irgendwo einen blauen Fleck oder Abschürfungen entdeckt.

„Nein Oma, es ist mir nichts passiert“, beruhige ich sie, „und auch der Katze nicht, ich mache mir nur Sorgen, weil sie schwarz war und von links kam.“

Oma schlägt mit einer Hand vor ihre Stirn: „Das glaube ich jetzt nicht! Sag nicht, dass du abergläubisch bist!“

„Nein!“, erwidere ich vehement. „Natürlich nicht! Aber vielleicht kannst du mir erzählen, woher dieser Glaube kommt.“

„In der Tat habe ich darüber mal etwas gelesen“, meint Oma und kramt offenbar in ihrem Gedächtnis, um zu schauen, was davon noch hängen geblieben ist. „Ganz sicher weiß ich, dass schwarz für Macht steht und eine Katze für Weiblichkeit. Es war wohl in früheren Zeiten die Angst vor der Macht der Frauen, dass es zu diesem Aberglauben kam. Es gab ja leider Zeiten, in denen Frauen als böse, minderwertig und unrein gebrandmarkt wurden. So wurden Ängste geschürt, die zur Folge hatten, dass es ein schlechtes Omen sei, wenn eine schwarze Katze den Weg kreuzt oder wenn ein Freitag auf einen 13. fällt.“

„Puh, bin ich froh, dass ich heute lebe“, rufe ich ehrlich aus.

„Übrigens gibt es diesen Aberglauben mit der schwarzen Katze nicht überall“, führt Oma weiter aus. „Im alten Ägypten galten sie sogar als heilige Tiere.“

Von den Himbeeren habe ich jetzt genug und gehe zielsicher zum Kirschbaum, an dem eine Leiter steht. Behände gehe ich ein paar Stufen hoch, bis ich an die dunkelsten und süßesten Kirschen heranreichen kann.

Oma stellt sich unten an die Leiter und hält sie fest. So steht sie sicher und ich kann mich satt essen.

„Kennst du auch den Glauben, dass es Unglück bringt, unter einer Leiter hindurch zu gehen?“, erkundigt sie sich nach einer Weile.

„Klar, hab ich davon schon gehört. Woher kommt das denn?“

„Vielleicht daher“, fährt Oma fort, „dass man beim Durchschreiten einer Leiter zum Beispiel in Resonanz mit negativen Erinnerungen kommt, wie beispielsweise einem Sturz aus der Höhe. Dann wird man in diesem Moment natürlich mit seinen eigenen Ängsten, zu fallen, konfrontiert.“

Oma macht eine kleine Pause, in der ich mir zwei aneinander hängende Kirschen über meine Ohren hänge.

„Das hast du schon als kleines Mädchen gemacht“, lacht Oma und macht mich darauf aufmerksam, dass sich unter einer Leiter immer ein Dreieck bildet. „So eine Dreiecksform wie wir sie beispielsweise von einer Pyramide kennen, ist sehr harmonisch. Doch unter einer Leiter bildet sich ein unsymmetrisches Dreieck, von dem man sagt, dass es die Menschen aus der Balance werfen kann.“

„Das klingt echt interessant“, erwidere ich und erkundige mich, ob sie auch weiß, woher der Glaube kommt, dass Scherben Glück bringen.

„Wenn etwas zerspringt“, sagt sie daraufhin, „muss vorher eine hohe Spannung dagewesen sein. Glück bringt das nun dadurch, dass diese Spannung durch das Zerspringen aufgelöst wird. Ein weiterer Grund zeigt sich zum Beispiel bei einer Hochzeit. Man zerdeppert Porzellan, um im übertragenen Sinn zu sagen: Das Paar muss alte Dinge loslassen, quasi ‚zerspringen lassen‘, damit etwas Neues kommen kann.“

„Omilein“, sage ich, als ich von der Leiter herunter steige, „ich habe mir im Bauch noch etwas Platz gelassen.“

„Ist schon klar“, entgegnet sie und zerzaust mir mit einer Hand mein Haar, „und in diese Lücke hinein passt sicher noch ein Eis!“

„Wie gut, dass du Gedanken lesen kannst“, foppe ich sie und sie kontert: „Und wie gut, dass du ein Sonntagskind bist, dass mehr Glück hat, als andere Menschen.“

„Ist das wirklich so?“, will ich wissen.

„Ich weiß nicht genau“, antwortet Oma, „aber wenn ich es mir recht überlege, so ist doch die Atmosphäre an Sonntagen eine andere, als an Wochentagen. Vielleicht hat es damit zu tun. An Sonntagen sind die Menschen in der Regel lockerer und besser drauf, als an Wochentagen. Und wenn sich das auf den Säugling überträgt, dann nimmt er das Leben vielleicht leichter und das trifft auf Sonntags- und Glückskinder, wie du eins bist, ganz sicher zu.“

„Und noch glücklicher werde ich sein“, sage ich und lasse mich bei meinen Worten auf einen bequemen Sessel plumpsen, „wenn ich jetzt ein Eis bekomme.“

 

Martina Pfannenschmidt, 2020



Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.
Hier geht es zu Elke und ihrem 'Kleinen Blog'. KLICK!

Ein kleiner Hinweis: Mit der Nutzung des Kommentar- Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.



Dienstag, 25. Juni 2019

Kinkerlitzchen


Maximilian kam in die Küche.
„Schau mal, Uropa, was mir die Uroma gekauft hat!“
Stolz hielt er zwei kleine Figuren hoch, damit sein Uropa sie bewundern konnte.
Der schüttelte den Kopf: „Deine Uroma! Hat wieder für Kinkerlitzchen unsere schwer verdiente Rente auf den Kopf gehauen.“
Das Wort fand Max witzig: „Was ist Kinkerlitzchen?“
„Kinkerlitzchen ist irgendein Blödsinn, unnützes Zeug. Aber ich weiß ja, dass deine Uroma weich wird, sobald du sie um etwas bittest. Bist halt ein kleiner Schlawiner!“
Dabei kniff er seinem Urenkel liebevoll in die Wange.
„Das hat er dann wohl von dir!“, unkte Uroma, als sie zu den beiden in die Küche kam.
„Uropa“, begann Max, „kannst du mir noch mal eine Geschichte erzählen? So eine wie beim letzten Mal, mit den alten Wörtern von früher drin?“
Da musste er seinen Uropa nicht zweimal bitten.
„Nichts lieber als das!“, freute sich dieser.
„Hab ich dir eigentlich schon mal erzählt, wie das war, damals, als ich mit deiner Uroma zusammen kam?“
„Ne, die Geschichte kenne ich noch gar nicht“, antwortete Maximilian erwartungsvoll.
„Also das war so: Deine Uroma und ich, wir kannten uns ja schon aus der Schulzeit. Damals trug sie noch Zöpfe, musst du wissen. Ich glaube, man nannte sie ‚Affenschaukeln’.“
„Und du“, warf diese belustigt ein, „du hattest einen Pisspottschnitt und warst eine echte Trantüte.“
Max begann laut zu lachen, als Uropa eine Drohgebärde machte: „Pass nur auf“, krakeelte er, „sonst wird es hier gleich zappenduster und ich erzähle deinem Urenkel, dass du ein Fräulein Rührmichnichtan warst. Und überhaupt“, Uropa tat beleidigt, „ich war gar keine Trantüte. Ich war eher ein Hans Dampf in allen Gassen.“
„Genau das warst du eben nicht. Aber gut, wenn du meinst, dann warst du eben keine Trantüte, dann warst du eine Tranfunzel.
Uropa kniff ein Auge zu und sagte leise an Max gerichtet: „Sie kennt halt ihre Pappenheimer!“
Maximilian fand den Schlagabtausch zwischen seinen Urgroßeltern echt lustig.
„Nicht“, meinte Uropa, „dass wir jetzt von Höcksken auf Stöcksken kommen und ich vergesse, dir zu erzählen, wie das damals war.  Also, pass auf, mein Junge, immer am 1. Mai gab es bei uns im Dorf ein großes Fest: Den Tanz in den Mai. Dahin ging man zum Feiern und zur Brautschau. Ich also im Sonntagsstaat per pedes da hin. Den Leukoplastbomber meines Vaters durfte ich damals noch nicht fahren. Außerdem wusste ich ja auch, dass ich ein paar Bierchen zischen würde.“
„Was ist ein Sonntagsstaat und was ist ein Leukoplastbomber?“, wollte Max wissen.
„Ein Leukoplastbomber war ein ziemlich kleines Auto“, antwortete Uroma, „und mit Sonntagsstaat meint Uropa die schicksten Klamotten, die er in seinem Schrank finden konnte. Er war aber gar nicht zu Fuß da, wie er meint, sondern mit seinem Drahtesel. Das hat er wohl ganz vergessen.“
„Mit dem Drahtesel, du hast Recht. Du musst wissen, Max, ich war zu der Zeit beim Kommiss und hatte deshalb meinen Freund ausbaldowern lassen, ob deine Uroma auch wirklich zu dem Fest kommt.“
„Und ich hatte mich immer schon gefragt, warum dieser Kerl mich ausfragt und ständig um mich herum scharwenzelt“, erinnerte sich Uroma.
„Ich wusste also, dass sie kommen würde. Deshalb war ich ganz schön aufgeregt.“
„Aufgeregt?!“, lachte Uroma. „Gib es ruhig zu. Du hattest regelrecht Fracksausen.“ Und an Max gerichtet sagte sie: „Er hatte nämlich Angst, dass ich ihn abblitzen ließ und deshalb hätte er sich fast in die Hose gemacht.“
Seine Urgroßeltern waren echt der Knaller.
„Ja, es stimmt. Mir war die Aufregung auf den Darm geschlagen und deshalb suchte ich zuhause lieber noch mal den Donnerbalken auf, bevor mir auf dem Fest noch ein Malheur passierte“, gab Uropa unumwunden zu.
„Donnerbalken kenne ich“, freute sich Max. „Das ist eine Toilette.“
„Mein lieber Scholli, du bist ein kluger Kerl.“
„Ich gebe es ja zu“, fuhr nun Uroma fort, „dass ich auch ein Auge auf deinen Uropa geworfen hatte. Deshalb hielt ich heimlich nach ihm Ausschau. Als er in das Festzelt kam, dachte ich: Mein lieber Herr Gesangsverein, der hat sich aber schick gemacht.“
„Ich fühlte mich eher wie Graf Koks von der Gasanstalt“, lachte er. „Zuerst hab ich mich ja nicht getraut, deine Uroma anzusprechen“, fuhr er fort, „sie war ja inzwischen ein Tippfräulein beim Amt geworden und wenn sie mir einen Korb gegeben hätte, wäre ich der Gelackmeierte gewesen. Deshalb habe ich mir zuerst mit ein paar Körnchen Mut angetrunken.“
„Und während er sich Mut antrank“, fuhr Uroma fort, „kam ein anderer junger Mann auf mich zu.“
Uropa nickte. „Ich kann dir sagen, dass war ein Schrank von einem Mann, so ein richtiger Kaventsmann war das. Der hätte mich kurzerhand am Schlafittchen gepackt und vor die Tür gesetzt, wenn ich dem gesagt hätte, dass er von Uroma Abstand nehmen soll.“
„Und ich fand es unter aller Kanone, das dein Uropa an der Theke stand, anstatt mit mir zu tanzen“, erinnerte sich Uroma. „Eigentlich hab ich nur mit dem anderen getanzt, um ihn eifersüchtig zu machen. Doch das musste ich teuer bezahlen, denn bald hatte ich blaue Zehen, weil mir der Riese mit seinen Quadratlatschen ständig auf meine Füße trat. Da hatte ich echt die Nase voll und wollte nach Hause.“
„Gerade noch rechtzeitig hab ich all meinen Mut zusammen genommen, bin zu deiner Uroma gegangen und hab sie zum Tanzen aufgefordert.“
„Der Kaventsmann war darüber so ärgerlich“, erzählte nun wiederum Uroma, „dass er einen Stuhl nahm und damit auf deinen Uropa eindreschen wollte. Gott sei Dank haben andere ihn davon abgehalten.“
„Und kurze Zeit später fuhr dann die Polizei mit ihrer grünen Minna vor und nahm den Riesen mit zum Tüten kleben“, feixte Uropa.
Daraufhin meinte Uroma spitzbübisch: „Seit diesem Abend sind wir ein Paar, dein Uropa und ich, obwohl ich mich manchmal frage, weshalb ich diesen alten Pfennigfuchser überhaupt geheiratet habe.“

© Martina Pfannenschmidt, 2019




Donnerstag, 9. November 2017

Guter Mond, du stehst so stille

Wie eine große silbrige Scheibe stand er hoch oben am Himmel, der gute alte Mond, und erhellte das kleine verschlafene Dorf, das malerisch zwischen Hügeln eingebettet lag. Die Turmuhr schlug 3 x Bomm, Bomm, Bomm, als der kleine Pascal erwachte und sich über die Helligkeit im Zimmer wunderte. Er griff nach seinem Teddybären, der immer mit ihm im Bett schlafen durfte.
„Du, Teddy“, flüsterte er dann in dessen Ohr „ist es wohl schon Zeit aufzustehen? Es ist so hell. Denkst du, ich darf zu Mama ins Bett hinüber schleichen?“
Es schien Pascal, als habe Teddy mit dem Kopf geschüttelt. Dann war es wohl doch noch Nacht. Doch der Junge konnte nicht wieder einschlafen. Es war einfach zu hell im Zimmer. Deshalb stand er auf und ging zum Fenster, um nachzuschauen, was der Grund dafür war. Seinen Teddy hatte er dabei fest in seinem Arm.
Dem Stoffbären fehlte ein Auge, doch das war nicht so schlimm, denn Mama hatte an die Stelle einen silbernen Knopf genäht. Das machte den Teddy einzigartig. Er war sowieso etwas Besonderes, fand Pascal.
Nachdem der Junge eine Weile mit seinen nackten Füßen vor dem Fenster gestanden und den Mond am Himmel beobachtet hatte, sagte er zu seinem Teddy:  
„Warte, ich drehe dich um. So, nun kannst du den Mond auch sehen. Weißt du, Teddy, wenn ich abends in mein Zimmer komme und es ist dunkel, dann mache ich das Licht an und Mama macht es wieder aus, wenn sie aus dem Zimmer geht …“
Der Teddy hörte aufmerksam zu. Nach einer Weile sprach Pascal weiter: „Aber wer macht eigentlich das Licht auf dem Mond an und wieder aus? Ich glaube nämlich, jemand hat das vergessen.“
Da war auch Teddy überfragt.  
Plötzlich drehte sich der Junge um, schmiss seinen Bären kurzerhand auf das Bett und verkündete entschlossen: „Ich ziehe mich jetzt an und dann fahren wir hoch zum Mond und machen das Licht aus und du kommst mit.“
Aber das geht doch nicht, wird der Teddy erschrocken gedacht haben, dass ist doch viel zu gefährlich. Doch er konnte Pascal leider nicht aufhalten, der dann auch schon fragte: „Teddy, wir nehmen mein Rutsche-Auto, oder?“ Eine Antwort wartete er gar nicht ab.
Pascal zog seine Schuhe an und nahm seine Jacke vom Haken. Dann schob er einen Hocker zum Fenster, denn dort sollte die abenteuerliche Tour beginnen.  
Genau in dem Moment öffnete Pascals Mutter, die vom Schieben des Hockers wach geworden war, die Zimmertür. Als sie ihren Sohn sah, rief sie erschrocken: „Pascal, was machst du da? Schlafwandelst du?“
„Nein, ich wollte zum Mond und das Licht ausmachen. Ich kann nämlich nicht mehr schlafen, weil er so hell in mein Zimmer scheint. Jemand muss vergessen haben, das Licht auf dem Mond zu löschen“, erklärte er seiner Mama.
„Na, da bin ich ja gerade noch rechtzeitig gekommen. Weißt du, wie gefährlich es ist, aus dem Fenster zu klettern? Nicht auszudenken!“, rief Mama entsetzt. „Komm mal her, kleiner Mann.“ Schnell  hob sie ihr Kind von der Fensterbank herunter und sprach sehr ernst weiter: „Pascal, hör zu. So etwas darfst du nicht noch einmal machen. Das musst du mir versprechen. Stell dir bloß vor, was alles hätte passieren können. Du hättest aus dem Fenster fallen und dir das Bein brechen können oder es wäre gar noch etwas viel Schlimmeres passiert.“
Dies alles hatte Pascal gar nicht bedacht.
Doch wenn  e r  nicht zum Mond konnte, um das Licht auszumachen, wer sollte es dann tun? Vielleicht Mama? Deshalb fragte er, als er wieder in seinem Bett lag: „Mama, kannst  d u  zum Mond gehen und das Licht ausmachen?“
„Nein“, antwortete Mama etwas gereizt, „dass kann ich leider nicht. Doch morgen nach dem Frühstück erkläre ich dir, wieso der Mond hell ist. Aber jetzt wird zuerst einmal weiter geschlafen.“
Sie gab Pascal einen Kuss auf die Stirn und sagte zum Teddy: „Pass bloß gut auf meinen kleinen Jungen auf.“
Nachdem Pascal aufgestanden war, musste er zunächst diese furchtbar bittere Medizin schlucken. Heute klappte das ohne Widerworte, denn er wollte zügig frühstücken, damit Mama ihm die Sache mit dem Mond erklären konnte.
Dann war es endlich so weit.
„Der Mond“, erklärte Mama, „hat gar kein eigenes Licht. Er ist ganz grau, hat hier und da tiefe Mulden und auch kleine Berge. Doch es gibt kein Licht auf dem Mond.“
„Doch, Mama, es muss dort Licht geben“, beharrte der Junge. „Ich habe den Mond doch ganz genau gesehen. Er war ganz hell – nicht grau.“
„Genau! Er war ganz hell, aber nicht von sich aus. Man könnte sagen, dass die Sonne auf dem Mond das Licht angemacht hat. Wenn die Sonne bei uns auf der Erde untergegangen ist, fallen ihre Strahlen auf den Mond, den wir bei Vollmond als große Scheibe am Himmel sehen und von dort aus fallen sie dann zurück zu uns auf die Erde. Dafür gibt es ein schwieriges Wort - es heißt reflektieren. Und wir Menschen auf der Erde denken dann, der Mond habe sein Licht angemacht. Und morgens, wenn die Sonne bei uns auf der Erde wieder zu sehen ist, dann strahlt ihr Licht Richtung Erde und nicht mehr Richtung Mond.“
Dann stand Mama auf, denn sie hatte etwas vorbereitet. Sie hängte einen Luftballon auf und dann schaltete sie das Licht in der Küche aus, so dass es dunkel wurde. Danach nahm sie eine Taschenlampe zur Hand und leuchtete von unten den Luftballon an. Im selben Moment erstrahlte er ganz hell. „Siehst du Pascal. Die Taschenlampe ist die Sonne und der Ballon dort oben, dass soll der Mond sein. Der Ballon kann auch nicht leuchten und dennoch ist er jetzt ganz hell.“
 „Ach so ist das“, freute sich der Junge. „Das ist ja pippi-einfach. Das hab ich verstanden.“
„Na, da bin ich aber froh“, antwortete Mama und musste schmunzeln. „Und beim nächsten Mal, da fragst du mich gleich und machst keine Experimente – versprochen, mein kleiner Forscher?“
„Versprochen“, antwortete Pascal.
„So und jetzt ab in den Kindergarten“, ordnete Mama an „aber Zackzack!“

© Martina Pfannenschmidt, 2014