Mittwoch, 15. Juni 2022

Körpersprache

Reizwörter: Esel, Eis, empört, eilig, erfrischend

Schaut doch bitte auch, welche Geschichten Lore und Regina mit diesen Reizwörtern geschrieben haben!

 

An diesem Wochenende besuche ich meine Tochter und ich freue mich riesig darauf. Als ich aus dem Zug aussteige und mich die Energien der Großstadt empfangen, bleibe ich zuerst einmal stehen, um mich einzugewöhnen.

Empört schaut mich ein älterer Herr an, der durch mein abruptes stehen bleiben fast auf mich aufgelaufen wäre. Kichernd entschuldige ich mich, was das Unverständnis in seinen Augen noch verstärkt.

Zögerlich gehe ich weiter, während all die Menschen eilig an mir vorüber rennen. Heutzutage hat wirklich niemand mehr Zeit, denke ich, und begebe mich aus dem Bahnhofsgebäude heraus auf den Vorplatz.

Hab ich es mir doch gedacht. Weit und breit nichts zu sehen von meiner liebenswerten Tochter. Doch Moment! Mein Handy meldet den Eingang einer Nachricht: „Sorry, Ma! Werde es nicht pünktlich schaffen. Aber ich komme so schnell ich kann!“

Das ist wieder typisch, denke ich, muss aber schmunzeln. Der Apfel fällt halt nicht weit vom Stamm. Aber: von mir hat sie das nicht. Ich bin immer pünktlich – oder sagen wir: meistens!

Mein Blick fällt auf eine Eisdiele, die sich gegenüber des Bahnhofsgebäudes befindet. Dort werde ich hingehen und in aller Ruhe ein Eis essen, während ich auf meine Tochter warte und die Menschen beobachte.


Ich liebe es nämlich, Menschen zu beobachten! Ich finde, dass man dadurch durchaus seine Aufmerksamkeit schult. So erkenne ich zum Beispiel schneller, wenn jemand schwindelt. Ja wirklich! Menschen senden nämlich permanent Signale aus, die viel über die jeweilige Person aussagen. Körpersprache nennt man das wohl. Und da spielt auch die Mimik eine entscheidende Rolle.


Während ich in aller Seelenruhe mein Eis löffle, denke ich darüber nach, wie oft wir Menschen durch die Tage und von einer zur anderen Pflicht hetzen, ohne uns die Zeit zu nehmen, die erlebten Dinge zwischenzeitlich auch einmal sacken zu lassen.

Und da kommt das Beobachten von Menschen ins Spiel, denn es hat durchaus etwas mit Innehalten und Entschleunigen zu tun. Ja wirklich! Und man wird durchaus aufmerksamer für seine Mitmenschen.

Im Moment habe ich das Paar am Nachbartisch im Visier. Während er erzählt, hört sie nur mit einem Ohr hin. Woher ich das weiß? Sie schaut nebenbei auf ihr Handy und jetzt kramt sie sogar ihren Lippenstift aus ihrer Handtasche und zieht ihre Lippen nach. Wie kann sie ihm da aufmerksam zuhören?

Oder dort – ein Tisch weiter. An ihm sitzt eine junge Frau. Ein junger Mann stürmt mit einem kurzen ‚Hallo’ zu ihr an den Tisch. Er sieht ihr dabei nicht einmal in die Augen, bleibt nur kurz stehen, spricht zwei Sätze mit ihr – und schon ist er wieder in der Menge verschwunden. Was er ihr wohl zu sagen hatte?

Diese Aufmerksamkeitsübungen, wie ich es gerne nenne, kann man übrigens überall durchführen. Egal, ob man durch die Straßen der Stadt geht oder U-Bahn fährt. Das wichtigste, was man dabei trainiert, ist, dass man sich die Menschen genauer ansieht und nicht durch sie hindurch schaut. So nimmt man sie tatsächlich richtig wahr!

Ein toller Nebeneffekt ist dabei übrigens, dass sich deine Gedanken nicht um dich selbst und deine Sorgen oder Probleme kreisen können, weil das Gehirn ja anderweitig beschäftigt ist und sich die eigenen Sorgen hinten anstellen müssen.

Ja und dann hab ich noch einen Tipp: man sollte seine Mitmenschen nicht zu offensichtlich beobachten. Das ist nicht nur peinlich, wenn man dabei erwischt wird, sondern auch für den Beobachteten sehr unangenehm. Und außerdem: sobald Menschen bemerken, dass sie beobachtet werden, verändern sie zumindest unbewusst ihr Verhalten. Ja wirklich! Ist so!

Ich sag es euch: das mit dem Beobachten und der Körpersprache, dass ist eine Wissenschaft für sich. Wenn du also Menschen beobachten möchtest, mach es so, dass sie sich unbeobachtet fühlen.

Dort zum Beispiel, der Mann, der mit 1000 Taschen bepackt wie ein Esel neben seiner Frau herläuft, die unentwegt auf ihn einredet. Also der fühlt sich in diesem Moment nicht von mir beobachtet und zugleich zeigen seine Körperhaltung und sein Gesichtsausdruck sehr deutlich, wie unwohl er sich in dieser Gegebenheit fühlt.

Mir kommt in diesem Moment eine Situation bzw. eine Unterhaltung mit Kollegen vor ein paar Tagen in den Sinn. Es war so, dass wir in der Mittagspause gemeinsam draußen im Park waren, als eine Kollegin voller Freude davon berichtete, dass sie um eine Gehaltserhöhung gebeten und diese auch tatsächlich bekommen hätte.

Ihr glaubt nicht, wie interessant die Reaktionen meiner Kollegen darauf waren. Während dem einen komplett die Gesichtszüge entgleisten, dauerte die Gratulation des anderen eine Spur zu lange, was darauf schließen ließ, dass eine Menge Neid im Spiel war. Ja, so ist das mit uns Menschen. Nur wenige können sich noch mit anderen oder für andere freuen.

Es ist wirklich so, dass uns unser Gegenüber viel erzählen kann. Doch sein Körper spricht dabei oftmals eine ganz andere Sprache, als seine Worte.

Kennst du auch die Menschen, die dir bei einem Gespräch nicht in die Augen schauen können? Vielleicht haben sie es mit der Wahrheit in dem Moment nicht so ganz genau genommen.

Oder die Fraktion, die dir mit verschränkten Armen gegenübersitzt. Diese Menschen möchten sich dir nicht öffnen und sie fühlen sich in der Situation nicht wirklich wohl in ihrer Haut.

Interessant ist natürlich auch die Kleidung. Die kann genauso Aufschluss über einen Menschen geben: Maßanzug oder Jeans, Perlenkette oder Kreuzanhänger. Alles gibt uns Einblicke bezüglich des Menschen.

Oder dort, die junge Frau, die in einem erfrischend gelben Minikleid direkt auf mich zusteuert. Was sagt die Farbwahl wohl über sie aus? Das es sich um eine mutige junge Frau handelt, zum Beispiel, und das es sich … Moment … um meine Tochter handelt.

Abrupt springe ich von meinem Stuhl auf, um sie in meine Arme zu schließen. Jetzt kann das Mutter-Tochter-Wochenende beginnen!

 

© Martina Pfannenschmidt, 2022


Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.

Hier geht es zu Elke und ihrem 'Kleinen Blog'. KLICK!

 

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5 Kommentare:

  1. Ich stimme dir zu, liebe Martina, Leute zu beobachten kann sehr lehrreich sein, besonders für uns Schreiberlinge, denn beim Beobachten kommen einem doch eine Menge Ideen für eine Geschichte, da ist unserer Fantasie keine Grenze gesetzt.
    In dem Wort "beobachten" steckt ja auch das Wort "achten", es ist also gar nicht so negativ, wie man es im ersten Moment vermutet, nicht wahr?
    Liebe Grüße und danke für die Gedankenimpulse heute
    Regina

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    1. Liebe Regina, mache könnten denken, man ist neugierig! ;-) - Aber nein, wir be- 'achten'. - Sehr schön! Danke für deinen Besuch und den lieben Kommentar! Martina

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  2. Menschen beobachten, entschleunigt und übt Achtsamkeit, das stimmt. Wir sollten viel achtsamer sein.
    LG Elke

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    1. Hallo Elke! Dank dir für deinen Besuch! - Manchmal denke ich, 'Achtsamkeit' könnte ein Schulfach der Zukunft werden. - LG Martina

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