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Montag, 29. Juni 2020

Schwarze Katze von links

Gerade habe ich mich von meiner besten Freundin verabschiedet und nun schwinge ich mich auf mein Rad, um vom Freibad aus den Weg nach Hause anzutreten. Das Gute daran ist, dass ich dabei am Haus meiner Großeltern vorbei komme, die einen tollen großen Garten ihr Eigen nennen.

Zu dieser Jahreszeit gibt es dort immer etwas Leckeres zu naschen und mit ganz viel Glück darf ich nicht nur Himbeeren und Kirschen probieren, sondern bekomme auch noch ein Eis spendiert. Mal schauen.

Die Aussicht darauf lässt mich ein wenig schneller in die Pedalen treten, doch dann geschieht es. Von links überquert eine schwarze Katze die Fahrbahn und läuft mir fast ins Rad. Gott sei Dank kann ich noch rechtzeitig bremsen. Es ist nichts passiert – der Katze nicht und auch mir nicht, doch ich merke, dass mir ein kleiner Schock in den Gliedern sitzt. Schließlich kam die Katze von links und sie war pechschwarz. Sagt man nicht, dass das Unglück bringt?

Eine Weile später gehe ich zielsicher in den Garten meiner Großeltern. Ich weiß, dass ich meine Großmutter dort antreffen werde. Im Sommer und bei Sonnenschein lebt sie quasi draußen in ihrem Garten.

„Hi, Oma!“, rufe ich, als ich sie beim Himbeerpflücken entdecke und füge an: „Lass für mich noch welche übrig!“

Oma lacht. „Es sind noch genug da. Keine Angst.“

In diesem Moment ist die erste Beere bereits in meinem Mund verschwunden. Hmmm. So lecker! Da stopfe ich gleich noch ein paar mehr hinein.

„Kommst du aus dem Freibad?“, erkundigt sich Oma.

Ich kann nur nicken, weil mein Mund so vollgestopft ist mit den leckeren Beeren.

„Du Oma“, erzähle ich, als es mir wieder möglich ist, zu sprechen, „vorhin ist mir fast eine Katze ins Rad gelaufen.“.

Weiter komme ich nicht, weil sich Oma sofort Sorgen macht und an mir herauf und herunter schaut, ob sie irgendwo einen blauen Fleck oder Abschürfungen entdeckt.

„Nein Oma, es ist mir nichts passiert“, beruhige ich sie, „und auch der Katze nicht, ich mache mir nur Sorgen, weil sie schwarz war und von links kam.“

Oma schlägt mit einer Hand vor ihre Stirn: „Das glaube ich jetzt nicht! Sag nicht, dass du abergläubisch bist!“

„Nein!“, erwidere ich vehement. „Natürlich nicht! Aber vielleicht kannst du mir erzählen, woher dieser Glaube kommt.“

„In der Tat habe ich darüber mal etwas gelesen“, meint Oma und kramt offenbar in ihrem Gedächtnis, um zu schauen, was davon noch hängen geblieben ist. „Ganz sicher weiß ich, dass schwarz für Macht steht und eine Katze für Weiblichkeit. Es war wohl in früheren Zeiten die Angst vor der Macht der Frauen, dass es zu diesem Aberglauben kam. Es gab ja leider Zeiten, in denen Frauen als böse, minderwertig und unrein gebrandmarkt wurden. So wurden Ängste geschürt, die zur Folge hatten, dass es ein schlechtes Omen sei, wenn eine schwarze Katze den Weg kreuzt oder wenn ein Freitag auf einen 13. fällt.“

„Puh, bin ich froh, dass ich heute lebe“, rufe ich ehrlich aus.

„Übrigens gibt es diesen Aberglauben mit der schwarzen Katze nicht überall“, führt Oma weiter aus. „Im alten Ägypten galten sie sogar als heilige Tiere.“

Von den Himbeeren habe ich jetzt genug und gehe zielsicher zum Kirschbaum, an dem eine Leiter steht. Behände gehe ich ein paar Stufen hoch, bis ich an die dunkelsten und süßesten Kirschen heranreichen kann.

Oma stellt sich unten an die Leiter und hält sie fest. So steht sie sicher und ich kann mich satt essen.

„Kennst du auch den Glauben, dass es Unglück bringt, unter einer Leiter hindurch zu gehen?“, erkundigt sie sich nach einer Weile.

„Klar, hab ich davon schon gehört. Woher kommt das denn?“

„Vielleicht daher“, fährt Oma fort, „dass man beim Durchschreiten einer Leiter zum Beispiel in Resonanz mit negativen Erinnerungen kommt, wie beispielsweise einem Sturz aus der Höhe. Dann wird man in diesem Moment natürlich mit seinen eigenen Ängsten, zu fallen, konfrontiert.“

Oma macht eine kleine Pause, in der ich mir zwei aneinander hängende Kirschen über meine Ohren hänge.

„Das hast du schon als kleines Mädchen gemacht“, lacht Oma und macht mich darauf aufmerksam, dass sich unter einer Leiter immer ein Dreieck bildet. „So eine Dreiecksform wie wir sie beispielsweise von einer Pyramide kennen, ist sehr harmonisch. Doch unter einer Leiter bildet sich ein unsymmetrisches Dreieck, von dem man sagt, dass es die Menschen aus der Balance werfen kann.“

„Das klingt echt interessant“, erwidere ich und erkundige mich, ob sie auch weiß, woher der Glaube kommt, dass Scherben Glück bringen.

„Wenn etwas zerspringt“, sagt sie daraufhin, „muss vorher eine hohe Spannung dagewesen sein. Glück bringt das nun dadurch, dass diese Spannung durch das Zerspringen aufgelöst wird. Ein weiterer Grund zeigt sich zum Beispiel bei einer Hochzeit. Man zerdeppert Porzellan, um im übertragenen Sinn zu sagen: Das Paar muss alte Dinge loslassen, quasi ‚zerspringen lassen‘, damit etwas Neues kommen kann.“

„Omilein“, sage ich, als ich von der Leiter herunter steige, „ich habe mir im Bauch noch etwas Platz gelassen.“

„Ist schon klar“, entgegnet sie und zerzaust mir mit einer Hand mein Haar, „und in diese Lücke hinein passt sicher noch ein Eis!“

„Wie gut, dass du Gedanken lesen kannst“, foppe ich sie und sie kontert: „Und wie gut, dass du ein Sonntagskind bist, dass mehr Glück hat, als andere Menschen.“

„Ist das wirklich so?“, will ich wissen.

„Ich weiß nicht genau“, antwortet Oma, „aber wenn ich es mir recht überlege, so ist doch die Atmosphäre an Sonntagen eine andere, als an Wochentagen. Vielleicht hat es damit zu tun. An Sonntagen sind die Menschen in der Regel lockerer und besser drauf, als an Wochentagen. Und wenn sich das auf den Säugling überträgt, dann nimmt er das Leben vielleicht leichter und das trifft auf Sonntags- und Glückskinder, wie du eins bist, ganz sicher zu.“

„Und noch glücklicher werde ich sein“, sage ich und lasse mich bei meinen Worten auf einen bequemen Sessel plumpsen, „wenn ich jetzt ein Eis bekomme.“

 

Martina Pfannenschmidt, 2020



Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.
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Donnerstag, 9. November 2017

Wie war das damals, als Jesus geboren wurde

Man schrieb den 23. Dezember. Da war in allen Familien viel los. Auch bei Kathrin und ihren Eltern ging es hoch her. Mama stand in der Küche und war mit den Vorbereitungen für das Weihnachtsessen beschäftigt. Papa stellte den Tannenbaum auf und wollte beim Schmücken nicht gestört werden. Im letzten Jahr hatte Kathrin geholfen, doch leider war dabei der Baum umgekippt und deshalb war ihre Hilfe in diesem Jahr nicht sonderlich gefragt. Das war zwar ein bisschen gemein fand sie, doch Kathrin beschäftigte sich auch so. Sie war in ihrem Zimmer und ihr fiel ein altes Bilderbuch in die Hände. Es zeigte Tiere und wenn man sie berührte, gaben sie Laute von sich. Das fand sie als kleines Kind sehr lustig. Jetzt würde sie es aussortieren und auf den Dachboden bringen zu den anderen Spielsachen, für die sie inzwischen zu alt geworden war.
Kathrin sah aus dem Fenster. Es begann tatsächlich zu schneien. Weiße Weihnachten! Wer wünschte sich das nicht.
Kathrin nahm ihren alten Teddy aus der Ecke. Er war längst nicht mehr so flauschig wie zu Beginn als sie ihn geschenkt bekommen hatte. Sie nahm ihn früher jeden Abend mit ins Bett und erzählte ihm, was sie an dem Tag erlebt hatte. Manchmal musste Teddy auch ihre Tränen trocknen. Darin war er wirklich gut. Nein, entschied sie: Er bleibt noch hier.
Morgen war nun Heiligabend und das war besonders für alle Kinder immer wieder ein freudiges Ereignis. Mit glänzenden Augen würden sie vor dem geschmückten Baum stehen und sich über ihre Geschenke freuen. Sie würde sich auch freuen, dachte Kathrin, auch wenn sie kein ganz kleines Kind mehr war. Ihr kam die Frage in den Sinn, wie es damals genau zuging bei Jesu Geburt. Spontan entschied sie, zu Oma zu gehen und mit ihr darüber zu sprechen.
„Omi, schläfst du?“, erkundigte sich Kathrin zaghaft, als sie sah, dass ihre Oma sich auf das Sofa gelegt hatte.
„Nein, nein, mein Kind, komm nur herein ich schlafe nicht. Ich konnte nur nicht mehr sitzen. Mein Rücken schmerzte und so habe ich mich ein wenig hingelegt.“
„Du Omi, ich habe gerade darüber nachgedacht, wie das wohl damals war vor über 2.000 Jahren, als Jesus geboren wurde. In Bethlehem wird es bestimmt nicht geschneit haben, oder?“
Oma überlegte kurz. „Ich glaube, das wurde nicht überliefert, Kathrin. Genau so wenig ist das genaue Geburtsdatum von Jesus bekannt. Das wird in der Bibel auch nicht erwähnt.“
Kathrin riss die Augen auf. „Was sagst du da?“
„Dass Jesus geboren wurde steht außer Frage“, entgegnete Oma schnell, als sie Kathrins Reaktion vernahm, „doch wie gesagt, man kennt das genaue Datum seiner Geburt nicht. Die Menschen damals waren noch Heiden. Das bedeutet, sie glaubten nicht an einen Gott, so wie wir heute, sondern für sie gab es noch viele Götter. Die Menschen feierten am 24. Dezember das Fest des Sonnengottes. Dieser Feiertag war für das Volk der damaligen Zeit sehr wichtig. Und so legten die Kirchenväter wohl kurzerhand die Geburt Jesu dort hin mit der Begründung, dass Jesus ‚Die Sonne der Gerechtigkeit’ und ‚Das Licht der Welt’ sei.“
Kathrin wurde misstrauisch. „Und stimmt es vielleicht auch nicht, dass Jesus in einem Stall geboren wurde?“
„Davon gehe ich mal aus. In der Bibel wird berichtet, dass kein Zimmer frei war in der gesamten Stadt und so waren Maria und Joseph froh, eine Unterkunft bei den Tieren zu bekommen. Einige Historiker gehen davon aus, dass dies Geschehen, also die Geburt Jesu, Ende September oder Anfang Oktober gewesen sein muss. Zu dieser Zeit wurden ‚Herbstfeste’ gefeiert und die Zahl der Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt in Jerusalem und Bethlehem aufhielten, stieg um ein Vielfaches an. Deshalb war wohl kein Zimmer mehr zu bekommen. Was auch noch für eine Geburt im Herbst spricht, ist die Erwähnung der Volkszählung. Man glaubt heute nicht, dass man diese Zählung in den Winter gelegt hätte. Da wären die Straßen matschig und unpassierbar gewesen.“
„Na, Gott sei Dank! Ich dachte schon, die Geschichte mit der Krippe im Stall stimmt gar nicht. Und wie war das mit den Hirten? Weißt du dazu auch etwas, Omi?“
„Ein wenig weiß ich auch darüber, Kathrin. Dies ist noch ein weiterer Beleg dafür, dass Jesus nicht im Dezember geboren worden sein kann. Erinnerst du dich an die Bibelstelle: ‚Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde?“
Kathrin erinnerte sich genau.
„Siehst du, die Hirten brachten damals ihre Herden von April bis Oktober auf die Weiden. In den kalten und nassen Wintermonaten hingegen blieben die Schafe zu Hause in den Ställen.“
„Das ist ja unglaublich“, stellte Kathrin fest. „Und der Stern, was ist mit dem Stern?“
„Ja der Stern, er gibt den Himmelsforschern bis heute Rätsel auf. Die einen meinen, es könne sich um einen Kometen gehandelt haben. Andere wiederum sagen, es käme sehr selten vor, dass sich die Planeten Jupiter und Saturn sehr nahe kommen – oder sagen wir lieber: Es sieht von der Erde so aus, als ob. Sie bilden dann eine Linie am Himmel und scheinen für den Beobachter zu einem einzigen hellen Lichtpunkt zu verschmelzen. Dies geschah wohl im Jahre sechs vor Christi Geburt. Du siehst also: Die Menschheit ist bis heute nicht in der Lage, genau zu klären, was damals geschah und auch nicht, wann. Aber die Hauptsache ist doch, das Jesus geboren wurde.“
„Weihnachten ist einfach toll“, brachte es Kathrin auf den Punkt. „Nicht nur wegen der Geschenke, sondern weil wir alle zusammen sind und es immer so urgemütlich ist und natürlich, weil Jesus geboren wurde.“
„Besser kann man es nicht ausdrücken“, freute sich Oma. „Und überleg nur einmal, wie viele Menschen die Geburt – also den Geburtstag – von Christus bis heute feiern. Das zeigt, wie einzigartig dieser Mensch und sein Leben waren. Bei aller Freude über die Geschenke sollten wir das nicht vergessen.“


© Martina Pfannenschmidt, 2015



Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort

Oma, Mama und Kathrin saßen gemeinsam vor dem Adventskranz, auf dem bereits die 3. Kerze brannte. Sie genossen die Ruhe dieses Nachmittags, tranken Kaffee und Kakao, aßen selbst gebackene Plätzchen und plauderten miteinander. Leider wurde diese seltene Mußestunde durch das Telefon unterbrochen. Eine kurze Zeit später saßen Oma und Kathrin nur noch alleine im Esszimmer. Mama musste den Wagen ihrer Freundin abschleppen. Er sprang nicht mehr an.
Kathrin war ein bisschen traurig darüber, doch sie war alt genug um zu verstehen, dass es Situationen gab, die es erforderten, auch solch schöne Momente abrupt zu beenden. So unterhielten sich Kathrin und Oma alleine weiter.
„Du Omi, eigentlich ist die Weihnachtszeit doch eine fröhliche Zeit und gar kein bisschen traurig.“
„Weshalb sollte es denn eine bekümmerte Zeit sein?“, erkundigte sich Oma und fand die Frage ein bisschen merkwürdig.
„Na, weil es doch ‚Weinachten’ heißt. Und wenn wir weinen, sind wir doch traurig.“
„Oh nein, Kathrin, das Wort hat nichts mit dem ‚Weinen’ und mit Tränen zu tun. Weihnachten schreibt man doch mit einem ‚h’ in der Mitte. Diese Tage, an denen wir die Geburt Jesu feiern, wurden als heilig, als geweiht – also einfach als etwas ganz Besonderes angesehen. Deshalb gab man ihnen den Namen ‚Weihnachten’ – was geweihte Nächte bedeutet. Und den Geburtstag von Jesus, den 24. Dezember, bezeichnen wir als den ‚Heiligen Abend’ oder die ‚Heilige Nacht’. Es ist eben etwas ganz Besonderes geschehen und das möchte man damit zum Ausdruck bringen.“
„Ach so!“, erwiderte Kathrin. „So ist das! Weißt du noch Omi, als ich ganz klein war? Damals habe ich noch geglaubt, das Christkind brächte die Geschenke und würde sie  heimlich unter den Tannenbaum legen. Heute weiß ich es ja besser. Es sind die Erwachsenen, die den Kindern etwas schenken.“
„Ich kann mich noch gut an dein erstes Weihnachtsfest erinnern. Du schautest mit deinen großen Augen auf den glitzernden Baum. Und auch meine Kindheit und das Weihnachtsfest stehen mir vor Augen, als sei es gestern gewesen.“
„Hattet ihr auch einen Weihnachtsbaum?“
„Na klar hatten wir auch einen. Aber es gab auch Zeiten, da holten sich die Menschen nur grüne Zweige ins Haus, weil sie sich einen Baum nicht leisten konnten oder weil es diese Tradition noch gar nicht gab.“
„Aber warum machen wir das überhaupt? Warum stellen wir einen Weihnachtsbaum auf?“
„Schau Kind, die Weihnachtstage fallen in eine sehr dunkle Zeit. Da hatten die Menschen das Bedürfnis, sich etwas Grünes ins Haus zu holen. Und zu dieser Zeit haben alle anderen Bäume keine Blätter. Aber die Tanne, die trägt ihr grünes Nadelkleid auch im Winter.“
Kathrins Fragestunde war damit noch nicht beendet: „Und weshalb stehen Kerzen darauf und warum behängen wir ihn mit goldenen Kugeln und Strohsternen?“
„Wir sagen doch von Jesus, er sei das Licht der Welt. Und die Kerzen sind das Symbol dafür. Sie bringen Helligkeit in unsere dunkle Welt – genau wie es Jesus getan hat. Die Strohsterne wiederum erinnern uns an das Stroh im Stall, in dem Jesus geboren wurde und das Gold der Kugeln ist ein Symbol für den Himmel. Dort herrscht keine Dunkelheit, sondern alles erstrahlt hell. Es mag uns wie reines Gold erscheinen. Manchmal sieht man auch rote Äpfel am Weihnachtsbaum. Sie erinnern uns an das Paradies. Du kennst ja die Geschichte mit dem Apfel, von dem Eva aß.“
„Ja klar! Du Omi, manchmal sagt Mama, dass sie nicht viel von dieser besinnlichen Zeit spürt.“
„Ja, das ist so bei uns Erwachsenen. Wir sprechen viel von Besinnlichkeit und Ruhe, die wir uns für die Vorweihnachtszeit wünschen. Gerne  wollen wir auch mit viel Liebe schenken. Doch wir verzetteln uns in zu vielen Aktivitäten und Dingen, die vielleicht gar nicht so wichtig und notwendig wären. Mir scheint, diese Vorfreude auf Weihnachten, dieses Warten und Staunen, ist den Kindern vorbehalten.“
„Warst du als Kind auch so sehr aufgeregt und konntest es gar nicht erwarten?“
„Oh ja, ich war sehr aufgeregt und die Zeit bis zur Bescherung, die zog sich wie Kaugummi. Man durfte die gute Stube nicht betreten. Dort war ja das Christkind am Werk. Einmal habe ich versucht, durch das Schlüsselloch zu schauen und das war gar nicht gut.“
Oma schmunzelte bei der Erinnerung.
„Ich weiß gar nicht mehr, wie alt ich war, vielleicht fünf, denke ich. Leise schlich ich über den Flur und schaute durch das Schlüsselloch. Da sah ich ihn, den wunderschönen Tannenbaum. Behängt war er mit silbrigem Lametta und ganz viele echte Kerzen standen auf den Zweigen. Unter dem Baum sah ich eine Puppe. Mein Herz machte einen Freudensprung. Ich wusste auch schon genau, wie ich sie nennen wollte“, erinnerte sich Oma. „Irgendwann war es so weit. Meine Schwester Alma und ich wir mussten, wenn wir die Weihnachtsstube betraten, zunächst ein Gedicht aufsagen, ein Lied singen oder etwas auf der Blockflöte spielen. Das fand ich immer ganz furchtbar. Die Geschenke lagen unter dem Baum und wir durften uns nicht darauf stürzen und sie öffnen. Ich hatte nur Augen für  meine  Puppe, während ich ein kleines Gedicht aufsagte. Als wir endlich zu den Geschenken gehen durften, nahm Tante Alma die Puppe auf den Arm. Ich wurde ganz wütend und sagte: ‚Gib sie her, sie ist für mich!’. Doch ich hatte mich geirrt. Sie trug ein Kleid mit einer Schürze. In der Schürze lag ein Zettel und darauf stand: ‚Ich heiße Mimmi und bin für Alma bestimmt!’. Kannst du dir vorstellen, wie traurig ich damals war. Ich habe sofort begonnen, ganz bitterlich zu weinen. Vor lauter Tränen in den Augen konnte ich gar nicht sehen, dass in der anderen Ecke auf einem kleinen Puppenstuhl noch eine Puppe saß. Sie war etwas kleiner. Auch diese Puppe hatte ein Schildchen dabei. Und darauf stand: ‚Ich heiße Monika und bin für Sophie bestimmt!’. Da war ich wirklich glücklich.“
„Oje!“ Kathrin zeigte viel Verständnis für die damalige Lage ihrer Oma.
„Aber das war noch gar nicht der Schluss der Geschichte. Als ich nämlich am nächsten Morgen wach wurde, konnte ich ein Auge nicht mehr öffnen. Es war genau das, mit dem ich am Vortag durch das Schlüsselloch geschaut hatte. Und nun zeigte sich genau an dem Auge eine Bindehautentzündung. Und da dachte ich mir, das Christkind wollte mich bestrafen, weil ich es gestört hatte mit meinem Blick durch das Schlüsselloch. Deshalb habe ich es niemals wieder getan“.
Kathrin lachte über Omas Aussage, stopfte sich ein weiteres Plätzchen in den Mund und nuschelte: „Kleine Sünden bestraft der liebe Gott eben sofort!“ 


© Martina Pfannenschmidt, 2015




Gedanken

Oma saß alleine auf der Terrasse und betrachtete ehrfürchtig die Abendröte, die sich am Horizont zeigte. Sie dachte zurück an die Zeit, als ihr Mann noch bei ihr war und an die herrlichen Sonnenuntergänge, die sie gemeinsam genossen.
Am Schönsten waren die, die sie am Meer erleben durften. Beeindruckend war es, wenn der Feuerplanet glutrot im Meer versank und sich die Farben, die sich dabei am Himmel zeigten, im Wasser spiegelten. Wie viele Abenddämmerungen sie wohl noch erleben dürfte, fragte sie sich an diesem lauen Sommerabend.
Als sie noch jung war, hatte sie über diese Dinge gar nicht nachgedacht. Der Tod war noch so weit entfernt und damit auch der Gedanke daran. Doch heute war ihr Haar grau und im Gesicht zeigten sich viele Falten. Jede einzelne von ihnen hätte eine Geschichte zu erzählen gewusst.
Manchmal war sie schon ein wenig traurig, weil ihr Walter nicht mehr bei ihr war. Doch sie wollte nicht undankbar sein. Sie hatte ein schönes Leben – auch jetzt noch im Alter und ihnen beiden waren viele wundervolle gemeinsame Jahre vergönnt gewesen.
Doch manchmal kamen melancholische Gedanken über sie, wenn sie an ihren Ehemann dachte. Wo er jetzt wohl war?
Vielleicht war es dort sehr schön und er dachte gar nicht mehr an sie. Eventuell konnte man sich aber auch nicht mehr an das Leben auf der Erde zurück erinnern. Alles war möglich.
Oma konnte sich aber keinesfalls vorstellen, dass alles einfach so vorüber war. Da gab es ja noch die Seele. Doch wohin sie ging, wenn der Körper nicht mehr lebensfähig war, blieb ein großes Mysterium.
Ob ihr Mann auf der anderen Seite auf sie wartete? So viele Fragen, die ihr niemand beantworten konnte.
Sie hatten sich sehr geliebt und der Gedanke daran, wieder zusammen zu sein, zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht.
Bestimmt hätte Walter auch gerne sein Enkelkind noch weiter aufwachsen sehen, so wie es ihr vergönnt war.
Oma wusste, auch sie würde irgendwann ihre Familie zurücklassen müssen. Das würde ihr sicherlich schwer fallen.
Seinen Körper abzulegen, der alt und gebrechlich war, um irgendwo ohne diesen weiterleben zu können, war zwar unvorstellbar doch bestimmt befreiend.
Sie glaubte ganz fest an ein Weiterleben nach dem Tod. Nicht, weil die Denkweise tröstlich war, sondern weil das ganze Leben für sie sonst einfach keinen Sinn machte.
Würde der Mensch nur ein einziges Mal leben, hätte der eine der gesund und reich war, eben einfach nur ‚Glück’ gehabt und der andere, der krank, vielleicht behindert oder arm war, eben einfach nur ‚Pech’. So simpel konnte es nicht sein. Das hatte das Leben sie gelehrt.
Oma konnte nicht glauben, dass es einfach Zufall oder Schicksal war, was wir hier erlebten. Sie glaubte vielmehr, alles habe einen Sinn.
Die Seele, so konnte sie sich vorstellen, hatte sich diesen Körper zugelegt, um hier auf der Erde Aufgaben zu erfüllen und Erfahrungen zu sammeln. Diese Aufgaben zu finden und den Weg zu gehen, musste der Sinn des Lebens sein. Vielleicht kam nach dem Tod die Auswertung des Ganzen.
Sie konnte sich vorstellen, dass das Leben noch einmal an einem vorüber zog, quasi im Schnelldurchlauf, um zu erkennen, was man falsch oder auch richtig gemacht hatte in seinem Leben.
Vielleicht empfand man dabei die Gefühle der Menschen, die man mit Worten oder auch Taten verletzt hatte.
Möglicherweise musste man in einem nächsten Leben diese Fehler noch einmal durchleben, und erhielt so die Möglichkeit, es besser zu machen.
 Bestimmt hatte auch sie in ihrem jetzigen Leben wieder Fehler gemacht, die sie in einem nächsten Leben beheben könnte.
Wenn es so war, gäbe es ein immerwährendes Leben und wieder Sterben, bis alle Aufgaben erfüllt waren und die Seele einen anderen, besseren Ort zum Leben suchen durfte. Dies alles, um letztendlich den Zustand zu erreichen, den die Menschen als Himmel bezeichneten.
Oma sah zum selbigen hinauf: Langsam zeigten sich die ersten Sterne. Unendlich war das Universum, einfach unendlich. Und der Mensch war ein winziger Teil dieses großen Ganzen.
Im Vergleich zur Größe des Universums war er vielleicht kleiner als ein Sandkorn am Meer und doch empfand sich der Mensch als einzigartig und rechnete sich aus, das klügste Wesen des gesamten Universums zu sein.
Ob ihr Walter jetzt auf dem Stern dort oben lebte, der ihr gerade zugeblinzelt hatte? Den Gedanken nahm sie mit hinein in ihre gute Stube, als sie zu frösteln begann.


© Martina Pfannenschmidt, 2015




Die Sache mit dem Aberglauben

Kathrin kam aus der Schule nach Hause und betrat die Küche. Mama sah sofort: Ihre Tochter hatte sich über etwas geärgert. Da war es wohl besser, sie zuerst einmal nicht zu fragen was los war.
Die Tür öffnete sich ein zweites Mal und Oma kam herein. Sie ahnte nichts von Kathrins Ärger und fragte wie so oft: „Hallo Kathrin, wie war es denn heute in der Schule?“
Kathrins Miene verfinsterte sich.
„Frag nicht!“
Oma merkte nun auch, dass es besser war, keine weiteren Fragen zu stellen.
Kurz darauf sprudelte es jedoch aus Kathrin heraus: „Die Maren, die spinnt! Echt! Sie hat in der Mathearbeit eine fünf bekommen und der Lehrer hat gesagt, sie habe zu viele Flüchtigkeitsfehler gemacht. Da hat sie behauptet, dass sei nicht ihre Schuld. An dem Morgen sei ihr eine schwarze Katze über den Weg gelaufen. Was hat denn die schwarze Katze mit Marens schlechter Zensur zu tun?“
„Wie ist denn deine Arbeit ausgefallen“, fragte Oma zunächst, bevor sie auf Kathrins Frage einging.
„Ausreichend“, maulte Kathrin.
„Hattest du mit einer besseren Note gerechnet?“
„Ich nicht“, schaltete sich Mama ungefragt ein. „Für eine bessere Note muss man sich vielleicht noch ein bisschen mehr auf den Hosenboden setzen.“
Jetzt war Kathrin richtig sauer. Das war gemein von Mama. Mit der würde sie heute kein Wort mehr sprechen.
„Was ist nun, Omi, was hat die schwarze Katze mit Marens schlechter Note zu tun? Das ist doch nur eine Ausrede, oder nicht?“
Oma schluckte kurz. Man merkte, Kathrin kam bald in die Pubertät.
„Das mit der schwarzen Katze ist reiner Aberglaube!“
„Und was ist das genau?“
„Der Begriff stammt aus dem Mittelalter und ist sozusagen das Gegenstück zu unserem christlichen Glauben. Damals hatte der Aberglaube seine Blütezeit. Von daher stammt auch die Annahme, dass eine schwarze Katze, die von links nach rechts über die Straße läuft oder gar stehen bleibt, Unglück verheißt.“
„Aber so eine Katze ist doch niedlich. Warum dachte man, sie bringt Unglück? Das verstehe ich nicht.“
„Ich auch nicht, Kathrin. In einigen Ländern, zum Beispiel in Ägypten, wurden die Katzen sogar ganz besonders verehrt. Man sah in ihnen heilige Wesen und baute ihnen zu Ehren Statuen.“
„Du sag mal, die Sache mit Freitag, dem 13., kommt die auch daher?“
„Ja genau!“
„Kennst du noch mehr so Sachen, also so Aberglaubensachen?“, fragte Kathrin.
„Ja, da gibt es einiges: Man darf nicht unter einer Leiter hindurch gehen, zum Beispiel!“
„Und warum nicht?“
„Der Grund dafür ist das Dreieck, das durch die Leiter, die Wand und den Boden gebildet wird. Dreiecke hatten eine heilige Bedeutung und ging man nun dort hindurch, verletzte man den heiligen Raum und zog damit das Unglück an.“
„Echt?“
Oma tat ziemlich geheimnisvoll als sie weiter sprach. „Eine Sache weiß ich noch, aber die ist ganz schön schauderhaft. Willst du sie trotzdem hören?“
„Ja klar!“
„Wenn ich von deiner Mathearbeit gewusst hätte, hätte ich vielleicht gesagt: ‚Kathrin, ich drücke dir die Daumen’!“
„Ja, das wäre gut gewesen!“
„Wenn uns aber immer bewusst wäre, woher diese Bräuche kommen“, entgegnete Oma, „würden wir sie vielleicht nicht verwenden. Pass auf, ich erzähle dir, was es damit auf sich hat. Früher ging man davon aus, dass die Körperteile von Menschen die man erhängt hatte, den Lebenden Glück bringen. Eine besondere Kraft wurde dabei den Daumen zugesprochen. Wer also den Daumen eines Gehängten bei sich trug, hatte angeblich besonders viel Glück.“
Kathrin war ganz blass geworden. So etwas glaubten die Menschen früher? Grauenhaft!
„Aber es gibt ja auch viele Glückssymbole“, lenkte Oma ein. „Sich denen zu widmen, ist doch viel schöner. Der Marienkäfer zum Beispiel ist so ein Glücksbringer. Man sagt über ihn, er sei der Bote der Gottesmutter Maria. Daher hat er ja auch seinen Namen. Oder denk an das Hufeisen. Da ein Pferd für Kraft und Stärke steht, gilt auch das Hufeisen als Glücksbringer.“
„Aber eigentlich ist das doch alles quatsch, oder nicht?“
„Ich denke, ja! Doch so schnell wird der Aberglaube, in welche Richtung er auch immer geht, wohl nicht aufhören.“
„Das glaube ich auch“, schaltete sich nun Mama wieder in das Gespräch ein. „Und eines ist auch klar, ein vierblättriges Kleeblatt in sein Mathebuch zu legen, ersetzt nicht das Lernen!“
Kathrin verdrehte ihre Augen, sagte aber nichts. Heute sprach sie ja nicht mehr mit Mama.


© Martina Pfannenschmidt, 2015





Enttäuschungen

„Maren hat heute ganz doll geweint“, erzählte Kathrin, „und sie hat gesagt, ihr Vater sei ein Lügner!“
Oma war ganz bestürzt über die Aussage ihrer Enkelin.
„Was macht Maren denn so traurig und wie kommt sie zu diesem harten Urteil?“
„Na, weil er sie angelogen hat!“
„Magst du mir ein bisschen mehr davon erzählen?“
„Das ist so: Die Mama von Maren liegt im Krankenhaus und wurde operiert. Ihr Vater hat gesagt, es sei alles nicht so schlimm und ihre Mama werde bald wieder gesund.“
„Aber das war noch nicht alles, oder?“
„Nein, pass auf. Der Pascal aus meiner Klasse hat eine Unterhaltung zwischen seinen Eltern belauscht und Maren heute davon erzählt. In dem Gespräch hat die Mama von Pascal ihrem Mann von einer Frau erzählt, die immer starke Bauchschmerzen hatte. Nun wurde im Krankenhaus ein Tumor in ihrem Bauch entdeckt und deshalb musste sie sofort operiert werden.“
Oma war Kathrins Worten aufmerksam gefolgt. „Verstehe. Aber ob wirklich die Rede von Marens Mutter war, weiß Pascal nicht, oder? Maren vermutet es nur, richtig?“
„Ja, genau. Maren glaubt das, weil ihre Mutter auch immer heftige Bauchschmerzen hatte. Und sie denkt, ihr Vater belügt sie und ihre Mama ist doch schwer krank und deshalb ist sie so enttäuscht von ihm.“
„Ach, dass ist eine ganz verzwickte Situation. Also, wenn Marens Vater ihr nicht die Wahrheit gesagt haben sollte, so darf sie ihn nicht gleich als ‚Lügner’ bezeichnen. Wenn es wirklich so ist, hat er ihr eine schwere Krankheit nur verschwiegen, um Maren nicht noch trauriger zu machen. Wir sollten mit unseren Urteilen stets vorsichtig sein. Das ist nämlich sehr anmaßend, das Handeln eines anderen als ‚falsch’ zu bezeichnen, wenn man die Beweggründe dafür nicht kennt.“
Kathrin schaute skeptisch, als sie antwortete: „Ich weiß nicht, ob es richtig war, wenn er gelogen hat oder falsch.“
„Siehst du, ich auch nicht. Genau das meine ich. Wir dürfen es uns nicht anmaßen, das Verhalten eines anderen zu beurteilen. Er wird seine Gründe haben.“
„Omi?“
„Ja?“
„Warst du auch schon einmal enttäuscht?“
„Ob ich enttäuscht war? O ja, mehr als einmal.“
„Weshalb warst du enttäuscht?“
„Teilweise wegen ganz banaler Dinge. Ich war von einem Buch enttäuscht oder von einem Film, weil ich mir mehr davon versprochen hatte. Oder ich war von einer Creme enttäuscht, weil sie doch nicht so gegen meine Falten wirkte, wie es die Werbung versprach“, lachte Oma.
„Nein, Oma, dass meine ich nicht. Ich meine, ob du von anderen Menschen enttäuscht wurdest.“
„Ja, auch das. Weißt du, Kathrin, Enttäuschungen gehören zum Leben dazu. Sie sind unvermeidbar. Eine Enttäuschung wird auch immer von Gefühlen begleitet. Wenn wir maßlos enttäuscht sind, ärgern wir uns vielleicht über einen anderen Menschen und sind manchmal richtig wütend. Oder es zeigen sich noch stärkere Gefühle. Wir können durch Enttäuschungen frustriert sein, deprimiert oder gar verbittert.“
Oma legte eine kleine Pause ein.
„Lass uns überlegen, woher Enttäuschungen kommen“, schlug sie vor.
Kathrin schaute erwartungsvoll.
„Es ist eigentlich ganz einfach. Andere Menschen haben sich anders verhalten, als wir es erwartet oder erhofft haben. Dass heißt, wir sind enttäuscht durch eine Erwartungshaltung die andere Menschen nicht erfüllen.“
„Du Omi, die Sache mit der Enttäuschung ist aber ganz schön schwierig zu verstehen.“
Liebevoll strich Oma über Kathrins Arm.
„Ja, ich weiß. Auch wir Erwachsenen begreifen oft nicht, dass es nicht die anderen sind, die uns enttäuschen. Wenn wir enttäuscht wurden heißt das eigentlich, wir haben uns vorher ge-täuscht und deshalb mussten wir wieder ent-täuscht werden.“
„Omi, manchmal bin ich sogar von mir selbst enttäuscht“, verriet Kathrin.
„Soooo?! Wann denn?“
„Na im letzten Sommer zum Beispiel. Da stand ich auf dem 3-Meter-Turm aber ich habe mich einfach nicht getraut, herunter zu springen. Da war ich von mir sehr enttäuscht.“
„Aber auch hier gilt, dass Enttäuschungen hausgemacht sind. Bevor wir enttäuscht werden können, ob nun von anderen oder uns selbst, müssen wir eine bestimmte Erwartung gehabt haben. Wenn die nicht erfüllt wurde, ist sie da, die Enttäuschung.“
„Das heißt, ich hatte an mich die Erwartung, dass ich springe und als ich mich doch nicht getraut habe, war ich von mir enttäuscht.“
„Genau! Enttäuschungen entstehen, wenn wir uns etwas erhoffen, das nicht eintritt. Zum Beispiel dein Sprung. Und wenn wir ehrlich sind, ist so eine Täuschung gar nichts Negatives, sondern eher etwas Positives. Wir erkennen die Wahrheit und die war in deinem Fall: Du bist eine Bangebüchse¹.“
„He, Omi, das ist gemein. Ich bin gar keine Bangebüchse!“, ereiferte sich Kathrin.
„Nein, bist du nicht. Weiß ich doch! Aber in dem Moment warst du es so ein ganz klein wenig. Weißt du, jede Enttäuschung hilft uns im Leben weiter. Wir können aus diesen Erfahrungen lernen. Ganz vermeiden lassen sich Enttäuschungen wohl nicht. Wir sollten einfach weniger von anderen Menschen und uns selbst erwarten. Das wäre schon mal ein guter Anfang.“
„Du Omi, ich glaube, ich fahre jetzt zu Maren und erzähle ihr von unserem Gespräch. Sie soll ihren Papa noch mal genau fragen, woran ihre Mutter nun wirklich erkrankt ist.“
„Das ist eine gute Idee! Vielleicht hat ihr Vater ja wirklich die Wahrheit gesagt. Das wünsche ich ihr.“
„Ich auch, Omi, und ich wünsche mir noch etwas.“
„Was denn?“
„Na, dass ich mich im nächsten Sommer traue, vom 3-Meter-Brett zu springen.“

© Martina Pfannenschmidt, 2015

Erklärung des Wortes
Bangebüchse¹ =  ängstliche Person




Wertschätzung

Heute hatte Oma einen Termin bei ihrem Friseur. Sie war schon als Kind in diesen kleinen Frisiersalon gegangen. Die Enkelin des früheren Inhabers, die ihr so freundlich aus dem Mantel half, kannte sie schon von Geburt an. Oma ging zu dem Sessel, in dem sie immer saß und wie so oft war sie auch heute viel zu früh dran. Sie lächelte darüber. Noch vor ein paar Jahren hatte sie sich stets über die älteren Menschen amüsiert die ständig zu früh erschienen. Vielleicht lag es einfach daran, dass man eigentlich keine Termine mehr hatte und wenn doch, brachten sie einen ein wenig in Unruhe.
Um Oma die Wartezeit zu verkürzen, gab ihr die junge Frau eine Zeitschrift in die Hand, in der Oma uninteressiert blätterte. Was in den Königshäusern der Welt so vor sich ging, interessierte sie nicht sonderlich.
Doch nun fiel ihr Blick auf einen Artikel mit einer anziehenden Überschrift. Sie begann zu lesen: ‚Eine wertschätzende Führung von Mitarbeitern beginnt mit der eigenen Wertschätzung. Wer sich selbst nicht wertschätzt, dem wird es auch nicht gelingen, den Wert eines anderen Menschen zu erkennen.’ Donnerwetter! Oma blätterte zurück zur Titelseite. Eine solche Aussage hatte sie in diesem Schmökerblatt nicht erwartet. Hoffentlich wurde dieser Artikel von vielen Vorgesetzten gelesen und beachtet.
Bereits nach kurzer Zeit wurde sie von Frau Müller bedient. Oma kannte sie schon lange und wusste, dass nun die Frage käme, was es Neues gäbe. Doch sie hielt sich wie immer zurück und lauschte lieber dem, was die Friseurin zu erzählen hatte.
Als Oma wieder zu Hause war und ihren Mantel ablegte, öffnete Kathrin die Haustür. Gemeinsam gingen sie zu Kathrins Mutter, die bereits mit dem Mittagessen auf sie wartete.
Oma dachte über das, was sie beim Friseur gelesen hatte, nach. Sie wusste es zu würdigen, jetzt eine warme Mahlzeit serviert zu bekommen und auch die Gemeinschaft mit ihrer Familie schätzte sie sehr. Dies sagte sie ihrer Tochter und so waren die beiden Frauen sehr schnell in ein Gespräch über das Thema ‚Wertschätzung’ vertieft.
„Wenn die Menschen die Erde mehr wertschätzen würden“, meinte Kathrins Mutter, „gäbe es nicht so viele Katastrophen. Die sind doch alle von uns Menschen gemacht. Wir denken auch gar nicht mehr darüber nach, wie wertvoll es ist, frisches Trinkwasser zu haben. Das wird uns erst wieder bewusst, wenn es uns einmal nicht zur Verfügung steht.“
„Wir nutzen es ja nicht nur zum Trinken und Kochen“, gab Oma zu bedenken, „wir nutzen das gute Trinkwasser ja auch zum Duschen, Baden, Putzen und Wäschewaschen und nehmen dies alles wie selbstverständlich hin.“
„Was mich noch aufregt“, empörte sich Kathrins Mama, „ist die Tatsache, dass die meisten Menschen so tun, als sei unsere Erde tot“.
Kathrin horchte auf. „Wieso? Denkst du sie lebt?“
„Natürlich lebt sie. Könnte denn etwas Totes Leben gebären?“
„Wie meinst du das?“, hakte Kathrin nach.
„Schau dich um. Das Gras, die Blumen, die Bäume, das Getreide, einfach alles, was aus der Erde wächst, lebt. Wäre die Erde tot, wäre dies nicht möglich. Aus toter Materie kann kein neues Leben entstehen. Auch die Steine sind nicht tot. Nimm einen Stein in die Hand und du wirst seine Energie spüren. Und überleg nur, wie viele Tiere unter der Erde leben. Wir alle: Menschen, Tiere, Pflanzen existieren von der Erde und dem, was sie hervorbringt. Doch wir tun vieles dafür, dass es eines Tages nicht mehr so sein wird. Wenn unser Planet stirbt, stirbt auch alles was auf, in und unter ihm vorhanden ist.“
Kathrin wurde ganz mulmig zumute. Ihre Mutter hatte sich jetzt richtig in Rage geredet.
„Was nützt es uns, wenn die Politiker die Katastrophengebiete der Welt besichtigen und den Handlungsbedarf erkennen, dann jedoch wieder nichts ändern? Alle verheddern sich in den Gesetzen und Paragraphen die sie selbst gemacht haben. Manchmal finde ich das Ganze – Entschuldigung – zum Kotzen.“
O weh, jetzt hatte Mama aber wirklich in die unterste Schublade ihres Vokabulars gegriffen.
„Du hast ja recht, mein Kind“, versuchte Oma ihre Tochter zu beruhigen, „aber nur zu schimpfen und nichts zu ändern, das hilft auch niemandem“.
„Da stimme ich dir zu. Doch wenn wir von Wertschätzung sprechen, sollten wir auch daran denken, wie wertvoll es ist, dass wir hier im Frieden leben. Wir wissen doch gar nicht, was es wirklich bedeutet, im Kriegszustand zu leben. Ich bin immer ganz erschüttert, wenn Menschen von Kriegen berichten. Wie viel Leid und Not mussten sie ertragen. Alle: Männer, Frauen, Kinder. Manchmal spielen wir zu sehr mit dem Feuer, denke ich. Wie schnell entzündet sich so ein Krieg. Jeden Tag berichten die Medien darüber. Und weshalb bekriegen sich die Menschen überhaupt? Weil sie einen anderen Glauben haben, wegen eines Stückchens Land oder weil ein Irrsinniger es schafft, ein ganzes Volk aufzuhetzen. Wie leichtsinnig gehen wir miteinander und mit unserer Welt und dem Frieden um.“
„Frieden beinhaltet noch mehr, als nur den Frieden zwischen den Völkern“, gab Oma zu bedenken. „Denk an die Kleinkriege, die wir führen, in unseren Familien, mit den Nachbarn, am Arbeitsplatz. Und da schließt sich wieder der Kreis. Wir sollten unseren Mitmenschen mehr Wertschätzung entgegen bringen.“
„Ja, das sollten wir, da gebe ich dir durchaus Recht. Doch andererseits: Bei manchen Menschen fällt es wirklich nicht leicht.“
Oma ließ den Satz im Raum stehen und dachte darüber nach. Unsere Lebensaufgaben waren vielfältig und dazu gehörte sicher auch, andere Menschen so anzunehmen, wie sie nun mal waren. Was hatte sie zornig, aggressiv oder gar gewalttätig werden lassen? Die Erziehung, das Umfeld, ihre Weltanschauung, falsch verstandene Religiosität?


© Martina Pfannenschmidt, 2015




Das Paradies auf Erden

Von der Schule nach Hause kommend sah Kathrin aus, wie ein begossener Pudel. Draußen herrschte ein schreckliches Wetter.
Es war ein regnerischer und stürmischer Tag, an dem man nicht einmal den Hund vor die Tür schicken mochte. Und so nieste sie herzhaft, als sie das Zimmer betrat.
„Gesundheit!“, rief Oma. Sie hatte es besser als Kathrin. Sie konnte in der warmen Stube sitzen, doch ihre Enkelin musste bei jedem Wetter aus dem Haus. Aber natürlich hatte auch Oma all dies mitgemacht, als sie noch ein Kind war und zur Schule ging.
„Danke!“, antwortete Kathrin.
„Wie war es heute im Unterricht?“
„Eigentlich war alles okay. Das Diktat ist gut ausgefallen. Ich habe sogar eine zwei bekommen.“
„Na, dazu gratuliere ich dir herzlich“, erwiderte Oma und wartete geduldig ab. Sie bemerkte nämlich, dass Kathrin noch etwas auf dem Herzen hatte.
„Du Omi, du kennst doch Maren, meine beste Freundin“, fuhr Kathrin fort. „Marens Hamster ist gestorben und nun ist sie ganz traurig und ich bin es auch ein wenig. Ich habe versucht sie zu trösten, doch ich wusste gar nicht was ich ihr sagen sollte, damit die Traurigkeit wegging. Warum passieren immer wieder Sachen die uns traurig machen?“
„Eine Frage, liebe Kathrin, die gar nicht so leicht zu beantworten ist. Ich will es versuchen. Du sagst, es passieren immer wieder Sachen die uns traurig machen. Ja, das stimmt wohl. Aber es geschehen auch immer wieder Dinge die uns fröhlich machen, nicht wahr.“
Kathrin stimmte zu.
„Weißt du, wenn es keine Traurigkeit gäbe, könnten wir die Fröhlichkeit gar nicht als solche erkennen. Unser Zustand wäre immer gleich bleibend - neutral, könnte man sagen. Verstehst du mich?“
„Ich versuche es“, antwortete die Enkelin.
„Pass auf, ich werde es dir noch anders erklären. Wir hier auf der Erde leben in der Dualität. Das Wort musst du dir noch nicht merken. Wir Erwachsenen benutzen es um zu sagen, dass alles ein Gegenstück hat. Die Fröhlichkeit hat als Gegenpart die Traurigkeit, die Dunkelheit die Helligkeit, das Gute hat das Böse als Gegenstück und so könnte ich dir noch ganz viele Dinge aufzählen. Alles bedingt einander, verstehst du? Das eine ist ohne das andere gar nicht möglich.“
„Du meinst, wir könnten nie fröhlich sein, wenn wir nie traurig wären?“
„Genau“, freute sich Oma und war stolz auf ihre kluge Enkelin.
„Okay, das verstehe ich irgendwie. Doch weißt du, was mich noch viel doller traurig macht?“
„Nein, wie sollte ich das wissen können?“.
„Es macht mich traurig, wenn ich daran denke, dass wir alle irgendwann einmal sterben müssen. So wie jetzt der Hamster von Maren“.
Oma überlegte eine Weile, bevor sie darauf antwortete.
„Ja, es wird eines Tages so sein. Schau Kind, alles kommt und geht hier auf der Erde. Die Blumen zum Beispiel, wachsen aus der Erde, blühen für eine Weile, verwelken und vergehen. Doch im kommenden Jahr wird die Blume neu austreiben. Wir Menschen sind ein Teil dieser Natur. Auch wir kommen hierher, bleiben eine Weile und gehen wieder.“
Oma machte eine kleine Pause und schaute Kathrin an, als sie weiter sprach: „Dass du dir darum Gedanken machst, erstaunt mich. Es ist in deinem Alter eher ungewöhnlich. Weißt du, unser wahres Zuhause ist in meinen Augen gar nicht hier auf der Erde, sondern ganz woanders.“
„Vielleicht im Paradies?“, warf Kathrin ein. „Kannst du mir dazu auch etwas erzählen?“
„Ich kann es dir nur mit meinen einfachen Worten und so, wie ich es verstehe, erklären. Ob es wirklich so ist wie ich denke, weiß ich natürlich nicht. Pass auf: In der Bibel wird der Garten Eden als Paradies bezeichnet. Doch vielleicht ist das Paradies gar kein Ort in dem Sinn. Eventuell empfinden wir ein paradiesisch schönes Gefühl dort, wo wir uns dann befinden.“
„Ein Gefühl? Ich dachte, es sei ein schöner Garten mit Bäumen und Früchten. So steht es doch in der Bibel.“
„Ja“, bestätigte Oma, „so steht es dort. Die Sprache der Bibel ist jedoch sehr bildhaft, damit die Menschen der damaligen Zeit es verstehen konnten. Wir haben heute eine andere Sprache und ein anderes Verständnis. Schau, man darf die Bibel nicht unbedingt wörtlich nehmen. Man muss überlegen, was es im übertragenen Sinne bedeuten könnte. Deshalb glaube ich, wenn unsere Seele den Körper verlässt, darf sie in einem Gefühl leben, das paradiesisch schön ist. Doch ich denke auch, dass es nicht jeder Seele gegeben ist, so zu fühlen. Die Seelen der Menschen die bösartig waren, weil sie vielleicht andere bestohlen, gequält oder getötet haben, die werden dieses Gefühl wohl nicht erreichen. Auch das Paradies hat ein Gegenstück – und das ist die Hölle. Auch die Hölle ist für mich kein Ort, sondern ein qualvoller Zustand den die Seele durchleben muss bis der Mensch seine Taten bereut. Deshalb ist es sehr wichtig, wie wir unser Leben führen.“
Kathrin schwieg eine Weile, bevor sie nachdenklich sagte: „Ich finde, ich habe ganz viel Glück gehabt, weil Mama und Papa mich so doll lieb haben und du und Oma Grete – ihr habt mich auch lieb. Und ich habe euch auch alle ganz doll lieb – für immer!“
„Ich werde euch auch von ganzem Herzen und für immer lieben und ebenso deinen Opa Walter, der nicht mehr bei uns ist. Ich liebe ihn trotzdem noch. Es ist der Liebe egal, wo wir uns gerade befinden. Sie kann auch über eine große Distanz hinweg bestehen und das ist schön. Wir sollten auch nicht traurig sein, sondern fröhlich. So erreichen wir bereits hier auf der Welt einen paradiesischen Zustand.“
„Ja, Omi, lass uns einfach fröhlich sein!“

© Martina Pfannenschmidt 2015




Schlüsselerlebnis

Kathrin fiel völlig erschöpft in Omas Sessel. „Du Omi, ich komme gerade vom Sport und jetzt muss ich auch noch meine Hausaufgaben machen und für die musst du mir jetzt Rede und Antwort stehen.“
„Jawoll, Frau General“, scherzte Oma,  „schießen sie mal los. Um was geht es denn?“
„Pass auf. Die Meinert, meine Lehrerin, hat uns eine Aufgabe gestellt. Wir sollen morgen von einem Schlüsselerlebnis berichten oder ein Beispiel davon bringen. Wenn uns gar nichts einfällt, hat sie gesagt, sollen wir einen Erwachsenen dazu befragen. Zuerst dachte ich, ich wollte davon schreiben, dass Mama ständig ihren Autoschlüssel sucht, doch das ist wohl nicht gemeint“, scherzte Kathrin.
„Das ist zwar auch ein Erlebnis, deine Mama beim Suchen ihres Schlüssels zu beobachten, doch das ist in der Tat nicht gemeint.“
„Ich weiß“, antwortete Kathrin etwas zu pampig. Manchmal nervte Oma ganz schön wenn sie ständig so tat, als sei Kathrin noch ein kleines Kind dem man andauernd etwas erklären musste. Auf der anderen Seite gab es da schon das ein oder andere, was man von Oma lernen konnte und deshalb erkundigte sich Kathrin dann doch, welcher Sinn für ihre Großmutter hinter dem Wort ‚Schlüsselerlebnis’ steckte.
„Für mich bedeutet es ein Erlebnis oder ein Ereignis, das mir eine neue Erkenntnis bringt. Quasi einen  Schlüssel  zu einer bisher verschlossenen Tür, die ich dann aufschließen kann.“
„Okay Omi, leg los.“
„Wenn ich darüber nachdenke, fallen mir als allererstes Kinder ein, deren Eltern sich scheiden lassen. Das ist etwas sehr Einschneidendes für sie. Die Kinder denken oft sie seien schuld daran, wenn die Eltern sich trennen. Doch so ist es ja nicht. Manchmal wird im Laufe der Jahre die Liebe zwischen den Eheleuten einfach weniger oder sie vergeht ganz. Das hat nur mit den Eltern zu tun und nichts mit den Kindern. Für die Kinder ändert sich das Leben jedoch schlagartig. Sie leben oft nur noch bei der Mutter, sehen den Vater selten. Damit kommen sie schwer zurecht.“
„Das ist wirklich nicht schön“, stimmte Kathrin zu. „In meiner Klasse sind mehrere Kinder, deren Eltern geschieden sind. Bestimmt schreiben sie auch von diesem Schlüsselerlebnis.“
„Möglich!“
„Du Omi, was ist aber bei diesem Erlebnis der Schlüssel zu der Tür, von der du gesprochen hast?“
„Zum Beispiel die Erkenntnis, dass sich alles von heute auf morgen verändern kann und nichts ewig Bestand hat. Auch nicht die größte Liebe.“
„Was denkst du, werden Mama und Papa sich auch eines Tages scheiden lassen?“
„Das kann dir niemand voraussagen, Kathrin. Alles ist möglich. Doch sie lieben sich schon sehr. Man sieht es ihnen an. Deshalb denke ich nicht, dass es eines Tages so kommen wird.“
„Gott sei Dank! Ich könnte es nämlich nicht ertragen, sie nicht mehr beide bei mir zu haben. Wenn ich es mir nur vorstelle, bekomme ich schon Bauchweh.“
„Ich mag es mir auch nicht vorstellen.“
„Du, Omi, ich glaube, das reicht schon für morgen zum Thema Schlüsselerlebnis. Dankeschön! Übrigens, kennst du den Unterschied zwischen Gott und den Lehrern?“
„Wie kommst du denn jetzt darauf? Nein, den kenne ich nicht!“
Kathrin grinste breit, als sie antwortete: „Gott weiß alles, Lehrer wissen alles besser.“
„Ja, manchmal hat es den Anschein als sei es so, obwohl das ja niemand erwarten kann.“
„Aber warum tun Lehrer manchmal so, als ob?“
„Wenn ich an meine Schulzeit zurück denke, waren nicht alle Pauker, wie du wohl heute sagen würdest, Besserwisser. Viele gehen jedoch davon aus, dass Lehrer, weil sie ja andere unterrichten, viel mehr wissen müssen, als alle anderen.“
Kathrin kam ein sonderbarer Gedanke. „Stell dir mal vor, Frau Meinert käme zu ‚Wer wird Millionär’ und würde an der Frage scheitern: Wie sagt man: Klappe zu, … A: Nase voll, B: Affe tot, C: Ofen aus oder D: Finger weg. Die würde sich doch am nächsten Tag nicht mehr in der Schule blicken lassen können.“
„Und es wäre ein wahres Schlüsselerlebnis für sie. Nämlich die Erkenntnis, dass Lehrer eben nicht alles wissen.“
Kathrin zog daraus ihr eigenes Fazit. „Ich glaube, eigentlich bräuchten wir gar keine Lehrer mehr. Es steht doch sowieso alles in Lexika oder im Internet. Lehrer sind bestimmt Auslaufmodelle.“
Während sie das sagte, stand sie auf und wandte sich zur Tür.
„Du bist mir vielleicht eine Marke“, amüsierte sich Oma.
„Mag sein“, entgegnete Kathrin forsch, „aber eine, die man weder durch ein Lexikon noch durch das Internet ersetzen kann.“


© Martina Pfannenschmidt, 2015