Posts mit dem Label kurze Geschichten für Senioren werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label kurze Geschichten für Senioren werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 27. November 2025

Das Interview

Oma Emma hat es sich an diesem kalten Novembertag in ihrem Lehnstuhl gemütlich gemacht. Vor ihr auf dem Tisch brennt eine Kerze und über allem liegt der Duft frisch gebackener Plätzchen.

Laura, ihre Enkeltochter, sitzt etwas angespannt auf einem Sessel neben ihr.

„Oma, pass auf“, sagt sie, „ich mache jetzt eine Aufnahme von dem, was du auf meine Fragen antwortest. Das heißt, ich mache jetzt ein richtiges Interview mit dir. Ich brauche das für die Schule.“

„Okay“, sagt Oma, „dann schieß mal los.“

„Oma“, beginnt Laura etwas nervös, „erzähl mir bitte von früher. Wie war die Adventszeit für dich, als du noch klein warst?“

Omas Gesicht verklärt sich ein wenig, als sie antwortet: „Weißt du, Laura, die Adventszeit war damals ganz anders als heute. Ich erinnere mich an einen Advent, als draußen der Wind eisig durch die dunklen Straßen pfiff und wir die Fenster verdunkeln mussten, weil Krieg war. Es gab damals kaum Licht, keine bunten Schaufenster und oft auch wenig zu essen.“

„Hattest du manchmal Angst?“, möchte die Enkelin wissen.

„Oh ja, sehr oft sogar“, erwidert Oma ehrlich, „aber weißt du, gerade in dieser Zeit war die Hoffnung besonders wichtig. Wir saßen zusammen und gaben uns gegenseitig Halt. Meine Mutter erzählte uns Geschichten oder wir sangen leise weihnachtliche Lieder. Ich erinnere mich noch, dass mein größter Wunsch damals gar kein Spielzeug war. Mein größter Wunsch war es, dass mein Vater heil und gesund aus dem Krieg heimkommt.“

Laura kann sich in diese Situation gar nicht hineinversetzen. Heute denken die Kinder nur an Geschenke. Deshalb möchte sie wissen, ob Oma damals auch Geschenke bekommen hat.

„Ja, es gab auch Geschenke. Aber nur sehr wenige. Weißt du, Laura, wie ich eben schon sagte, war die Hoffnung in dieser Zeit wichtiger, als irgendwelche Geschenke. Aber ich weiß noch wie heute, dass ich eine große Orange geschenkt bekam. Das war etwas ganz Besonderes für mich. Meine Mutter hatte sie auf dem Schwarzmarkt getauscht, was eigentlich verboten war. Ich habe diese Orange wie einen Schatz gehütet. Diesen Duft, die Farbe und das Gefühl, sie in den Händen zu halten, habe ich mir bis heute bewahrt.“

Laura kann es gar nicht glauben. „Nur eine Orange? War das alles?“, fragt sie ungläubig. „Hast du keine richtigen Geschenke bekommen?“

Emma schmunzelt. Zum einen, weil sie weiß, dass ihre Enkelin ihr damaliges Gefühl nicht nachvollziehen kann, aber auch, weil sie sich an die Geschenke zurückerinnert. „Mein Großvater hat mir damals ein kleines Pferd aus Holz geschnitzt“, erzählt sie. „Es war schlicht und sicherlich in deinen Augen auch nicht schön, aber für mich war es das. Ich habe es geliebt. Und meine Mutter hatte aus Wollresten einen bunten Schal für mich gestrickt. Diese Dinge waren voller Liebe, und sie haben mir gezeigt, dass das Wertvollste nicht gekauft werden kann.“

„Als der Krieg dann vorbei war“, fragt Laura, „was hat sich da verändert? Wie war es dann in der Advents- und Weihnachtszeit?“

„Dann wurde alles langsam heller. Es gab wieder mehr zu essen. Mandarinen und Schokolade waren keine Träume mehr. Die Adventszeit wurde bunter, lauter, fröhlicher. Aber weißt du, die Freude über das Zusammensein blieb dennoch das Schönste für mich – bis heute. Und später, als dein Papa geboren wurde und ich selbst Mutter war, wollte ich ihm all das schenken, was ich entbehrt hatte. Wir haben zusammen einen Adventskalender gebastelt, Plätzchen gebacken, das Haus geschmückt und zu Weihnachten als Familie ein festliches Mahl genossen. Jeden Abend habe ich ihm eine Geschichte vorgelesen, und seine Augen haben dabei gestrahlt.“

„Heute gibt es so viele Spielsachen für die Kinder. Wie findest du das?“, will Laura dann noch wissen.

„Weißt du, erwidert Emma daraufhin, „ich freue mich von Herzen darüber, dass es euch heutzutage an nichts fehlt. Aber manchmal frage ich mich, ob wir nicht das Wesentliche aus den Augen verlieren. Früher war die Freude am Beisammensein das Größte. Wir haben gemeinsam gebastelt, gebacken und gesungen. Diese kleinen Rituale – das erste Licht am Adventskranz, das Warten auf das Christkind – das hat uns verbunden. Und das fehlt heute in meinen Augen.“

„Was ist für dich das Wichtigste im Advent, Oma?“

„Das kann ich leicht beantworten. Die Familie und die Zeit, die wir miteinander verbringen ist für mich das Wichtigste im Advent. Aber ebenso stille Momente, Zeit zum Nachdenken und Innehalten. Und wenn ich mich frage, was mich wirklich glücklich macht, ist die Antwort, dass es die Momente sind, in denen wir füreinander da sind, in denen wir einander zuhören, gemeinsam lachen oder auch mal traurig sind. Ich finde, die Adventszeit zeigt uns, was im Leben wirklich zählt.

„Und heute? Wie ist die Adventszeit heute für dich?“

Oma Emma blickt versonnen aus dem Fenster: „Heute sehe ich, wie viel sich verändert hat. Wie wir eben schon sagten, sind die Wünsche der Kinder immer größer geworden, manchmal zu groß. Es gibt so viel Spielzeug, aber oft fehlt die Zeit, gemeinsam zur Ruhe zu kommen. Doch wenn ich mit euch Plätzchen backe oder eine Kerze anzünde, spüre ich, dass das Wesentliche bleibt: die Vorfreude, das Miteinander, die kleinen Momente des Glücks.“

Laura wirkt nachdenklich. „Auch heute gibt es noch Krieg in der Welt“, sagt sie betroffen. „Denkst du manchmal an die Kinder, denen es nicht so gut geht?“

„Oh, ja! Sehr oft sogar. Weißt du, immer wenn ich die Nachrichten sehe, denke ich an die Kinder, die heute noch Angst haben müssen, so wie ich damals. Die sich Frieden wünschen, Geborgenheit, ein warmes Zuhause. Ich glaube, die Sehnsucht nach Frieden ist etwas, das uns alle verbindet – damals wie heute.“

„Eine letzte Frage habe ich noch: Was wünscht du dir für die Zukunft?“

Emma greift nach der Hand ihrer Enkelin, als sie antwortet: „Ich wünsche mir, dass kein Kind den Advent und Weihnachten mit Krieg verbinden muss und dass wir nie vergessen, wie wertvoll Frieden ist. Und dass wir immer wieder innehalten, um zu spüren, was uns wirklich glücklich macht.“

„Danke, Oma, für dieses Interview. Ich glaube, ich verstehe jetzt besser, warum der Advent so besonders ist.“

„Das freut mich von Herzen - und wenn ich mir etwas wünschen darf, ist es, dass das Licht der Hoffnung immer in deinem Herzen leuchten möge – und in allen Kinderherzen, überall auf der Welt.“

© Martina Pfannenschmidt, 2025


Dienstag, 30. November 2021

Zuhause

Reizwörter: Hut, Schachtel, magisch, ehrfürchtig, knarzen

Bitte lest auch bei Lore und Regina!


Schwerfällig nahm Emma jede einzelne Stufe der schmalen Stiege, die hinauf auf den Dachboden führte. Dorthin wollte sie.

Als sie die letzte Stufe erreicht hatte, blieb sie stehen und holte tief Luft. Das Atmen fiel ihr in letzter Zeit zunehmend schwerer. Dennoch war es ihr größter Wunsch, noch einmal zum Dachboden hinauf zu gehen.

Vorsichtig, ja fast schon ehrfürchtig, öffnete sie die alte Holztür. Das Gefühl, das Emma dabei überkam, konnte sie weder beschreiben, noch konnte sie es sich erklären. Es war irgendwie seltsam, ja fast schon befremdlich.

‚Eigentlich dürfte ich gar nicht hier sein’, dachte sie. Ihre Tochter Karin hatte es ihr strengstens untersagt, weil sie die Treppe als zu gefährlich ansah. Dennoch hatte sich Emma darüber hinweg gesetzt. Sie wollte – sie musste – noch einmal hierher. Was sie antrieb? Sie wusste es selbst nicht so genau.

Emma betätigte den schwarzen Drehschalter und eine an einem Dachbalken befestigte Lampe beleuchtete den Raum mit fahlem Licht.

Auf einem ausrangierten Kleiderständer hing eine abgewetzte braune Lederjacke. Sie hatte einmal ihrem Mann gehört. Emma konnte und wollte sich nicht von ihr trennen, war es doch das liebste Kleidungsstück, das ihr Mann jemals besessen hatte.

Oben auf einem alten Schrank lag noch immer der dazu passende Hut. Prompt sah sie vor ihrem inneren Auge ihren Mann, der diese Sachen trug. „Ach Friedrich“, seufzte sie, während sie mit einer Hand über einen Ärmel der Jacke strich.

Als sie behutsam die Tür des alten Schrankes öffnete, gab diese ein knarzendes Geräusch von sich. Im Schrank selbst befand sich noch altes Leinen, das sie von ihrer Mutter geschenkt bekommen hatte und das inzwischen schon vergilbt war.

Im linken Teil des Schrankes standen Kartons, in denen Emma ihre Weihnachtsdekoration aufbewahrte. Karin hatte Emmas Haus in der letzten Woche adventlich geschmückt, weshalb einige Kartons leer waren. Doch ein Karton war noch voll mit roten und silbernen Kugeln und mit Lametta.

Sie nahm es an sich und roch daran, so als könne sie über den Geruch vergangene Zeiten wahrnehmen. Als sie die kleine Schachtel mit den roten Kugeln öffnete, war ihr, als begännen die Kugeln zu flüstern: „Weißt du noch, Emma, wie es war, früher, als die Kinder noch klein waren und du mit so viel Liebe den Weihnachtsbaum geschmückt hast?“

Natürlich konnte sie sich erinnern. Wie könnte sie jemals diese Tage vergessen; trug sie doch all die heimeligen Stunden tief in ihrem Herzen. Für immer hatte sie sie dort verwahrt.

In der Ecke, dort wo der alte Schaukelstuhl stand, tanzte der Staub im Schein des Lichtes der antiquarischen Lampe. Emma holte ein Taschentuch aus ihrer Jackentasche und strich damit über den Sitz des Schaukelstuhles, bevor sie sich darauf setzte.

Ausgiebig sah sie sich um. Noch immer wusste sie nicht, was es war, dass sie wie magisch hierher gezogen hatte.

Emma atmete tief durch. Sie wusste, sie hatte eine Entscheidung zu treffen. Vielleicht war das ja auch der Grund, weshalb sie noch einmal hierher wollte: um Abschied zu nehmen.

Wenn sie ehrlich war, wusste sie, dass ihre Tochter recht hatte, wenn sie sagte, dass es nicht gut wäre, wenn Emma noch länger alleine im Haus bliebe. Es stimmte insofern, als es ihr immer schwerer fiel, ihren Alltag alleine zu meistern. Bald wäre sie nicht mehr in der Lage, sich etwas zum Essen zu kochen. Das spürte sie. Ihre Kräfte ließen mehr und mehr nach. Und dann war da ja auch noch das Alleinsein, das oftmals schwer erträglich war.

„Was meinst du, Friedrich“, sprach sie laut in den Raum hinein, „ob ich in ein Altenheim umziehen soll?“

Allein bei der Frage zog sich ihr Magen schon zusammen. Ja, sie wäre dort wieder unter Menschen und mit ganz viel Glück fände sie vielleicht nette Gesprächspartner. Aber was, wenn nicht? Was, wenn sie alleine im Zimmer hocken würde - in einem fremden Zimmer unter fremden Menschen? Dieser Gedanke war schier unerträglich für sie. Aber welche Alternative gab es für sie?

Emma schloss ihre Augen und träumte sich in vergangene Zeiten zurück.

Jetzt, in der Adventszeit, erinnerte sie sich an die roten Wangen ihrer Kinder, wenn sie in der Küche halfen und gemeinsam Spritzgebäck machten. Das war das liebste Gebäck von ihnen allen und Emma musste immer eine große Dose davon verstecken, damit zum Weihnachtsfest überhaupt noch welche übrig blieben.

Es war ihr in dem Augenblick, als läge ihr der Duft von Bratäpfeln, der das ganze Haus erfüllte, in der Nase.

Ja, sie waren wirklich eine glückliche Familie. Nicht reich, aber glücklich.

Nachdem ihre Kinder das Haus verlassen hatten, war es stiller geworden. Doch damals hatte es ja immer noch Friedrich, ihren Mann, gegeben. Aber jetzt war er nicht mehr da und sie wünschte sich tief in ihrem Herzen, bald wieder bei ihm zu sein.

Ohne es zu bemerken, schlief Emma ein.

Einige Zeit später betrat ihre Tochter das Haus. Sie rief nach ihrer Mutter und machte sich große Sorgen, als sie sie nirgendwo entdecken konnte. Irgendwann betrat auch sie die Stiege und ging mit klopfendem Herzen hinauf zum Dachboden. Ihre Mutter, sie würde doch nicht alleine dort hinauf gestiegen sein?

Als sie die Tür öffnete, bemerkte Karin sofort das Licht im Raum und danach sah sie ihre Mutter. Schlafend saß sie in dem alten Schaukelstuhl. Von diesem Bild ging ein so großer Frieden aus, dass Karin lächeln musste und jegliche Sorge und auch jeglicher Unmut gegen ihre Mutter verflogen waren.

Auf Zehenspitzen ging sie zu dem Schaukelstuhl und berührte achtsam den Arm ihrer Mutter.

„Mama“, flüsterte sie, „wach auf, du bist eingeschlafen.“

Erst als sie keine Antwort bekam, bemerkte sie das fahle Gesicht ihrer Mutter, auf dem ein ganz besonderes Lächeln lag. Als ihr bewusst wurde, was geschehen war, liefen Tränen über Karins Wangen. – Ihre Mutter. Sie war in aller Stille nach Hause gegangen.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2021




Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.

Hier geht es zu Elke und ihrem 'Kleinen Blog'. KLICK!

 

Ein kleiner Hinweis: 

Mit der Nutzung des Kommentar- Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.


Dienstag, 25. Juni 2019

Kinkerlitzchen


Maximilian kam in die Küche.
„Schau mal, Uropa, was mir die Uroma gekauft hat!“
Stolz hielt er zwei kleine Figuren hoch, damit sein Uropa sie bewundern konnte.
Der schüttelte den Kopf: „Deine Uroma! Hat wieder für Kinkerlitzchen unsere schwer verdiente Rente auf den Kopf gehauen.“
Das Wort fand Max witzig: „Was ist Kinkerlitzchen?“
„Kinkerlitzchen ist irgendein Blödsinn, unnützes Zeug. Aber ich weiß ja, dass deine Uroma weich wird, sobald du sie um etwas bittest. Bist halt ein kleiner Schlawiner!“
Dabei kniff er seinem Urenkel liebevoll in die Wange.
„Das hat er dann wohl von dir!“, unkte Uroma, als sie zu den beiden in die Küche kam.
„Uropa“, begann Max, „kannst du mir noch mal eine Geschichte erzählen? So eine wie beim letzten Mal, mit den alten Wörtern von früher drin?“
Da musste er seinen Uropa nicht zweimal bitten.
„Nichts lieber als das!“, freute sich dieser.
„Hab ich dir eigentlich schon mal erzählt, wie das war, damals, als ich mit deiner Uroma zusammen kam?“
„Ne, die Geschichte kenne ich noch gar nicht“, antwortete Maximilian erwartungsvoll.
„Also das war so: Deine Uroma und ich, wir kannten uns ja schon aus der Schulzeit. Damals trug sie noch Zöpfe, musst du wissen. Ich glaube, man nannte sie ‚Affenschaukeln’.“
„Und du“, warf diese belustigt ein, „du hattest einen Pisspottschnitt und warst eine echte Trantüte.“
Max begann laut zu lachen, als Uropa eine Drohgebärde machte: „Pass nur auf“, krakeelte er, „sonst wird es hier gleich zappenduster und ich erzähle deinem Urenkel, dass du ein Fräulein Rührmichnichtan warst. Und überhaupt“, Uropa tat beleidigt, „ich war gar keine Trantüte. Ich war eher ein Hans Dampf in allen Gassen.“
„Genau das warst du eben nicht. Aber gut, wenn du meinst, dann warst du eben keine Trantüte, dann warst du eine Tranfunzel.“
Uropa kniff ein Auge zu und sagte leise an Max gerichtet: „Sie kennt halt ihre Pappenheimer!“
Maximilian fand den Schlagabtausch zwischen seinen Urgroßeltern echt lustig.
„Nicht“, meinte Uropa, „dass wir jetzt von Höcksken auf Stöcksken kommen und ich vergesse, dir zu erzählen, wie das damals war.  Also, pass auf, mein Junge, immer am 1. Mai gab es bei uns im Dorf ein großes Fest: Den Tanz in den Mai. Dahin ging man zum Feiern und zur Brautschau. Ich also im Sonntagsstaat per pedes da hin. Den Leukoplastbomber meines Vaters durfte ich damals noch nicht fahren. Außerdem wusste ich ja auch, dass ich ein paar Bierchen zischen würde.“
„Was ist ein Sonntagsstaat und was ist ein Leukoplastbomber?“, wollte Max wissen.
„Ein Leukoplastbomber war ein ziemlich kleines Auto“, antwortete Uroma, „und mit Sonntagsstaat meint Uropa die schicksten Klamotten, die er in seinem Schrank finden konnte. Er war aber gar nicht zu Fuß da, wie er meint, sondern mit seinem Drahtesel. Das hat er wohl ganz vergessen.“
„Mit dem Drahtesel, du hast Recht. Du musst wissen, Max, ich war zu der Zeit beim Kommiss und hatte deshalb meinen Freund ausbaldowern lassen, ob deine Uroma auch wirklich zu dem Fest kommt.“
„Und ich hatte mich immer schon gefragt, warum dieser Kerl mich ausfragt und ständig um mich herum scharwenzelt“, erinnerte sich Uroma.
„Ich wusste also, dass sie kommen würde. Deshalb war ich ganz schön aufgeregt.“
„Aufgeregt?!“, lachte Uroma. „Gib es ruhig zu. Du hattest regelrecht Fracksausen.“ Und an Max gerichtet sagte sie: „Er hatte nämlich Angst, dass ich ihn abblitzen ließ und deshalb hätte er sich fast in die Hose gemacht.“
Seine Urgroßeltern waren echt der Knaller.
„Ja, es stimmt. Mir war die Aufregung auf den Darm geschlagen und deshalb suchte ich zuhause lieber noch mal den Donnerbalken auf, bevor mir auf dem Fest noch ein Malheur passierte“, gab Uropa unumwunden zu.
„Donnerbalken kenne ich“, freute sich Max. „Das ist eine Toilette.“
„Mein lieber Scholli, du bist ein kluger Kerl.“
„Ich gebe es ja zu“, fuhr nun Uroma fort, „dass ich auch ein Auge auf deinen Uropa geworfen hatte. Deshalb hielt ich heimlich nach ihm Ausschau. Als er in das Festzelt kam, dachte ich: Mein lieber Herr Gesangsverein, der hat sich aber schick gemacht.“
„Ich fühlte mich eher wie Graf Koks von der Gasanstalt“, lachte er. „Zuerst hab ich mich ja nicht getraut, deine Uroma anzusprechen“, fuhr er fort, „sie war ja inzwischen ein Tippfräulein beim Amt geworden und wenn sie mir einen Korb gegeben hätte, wäre ich der Gelackmeierte gewesen. Deshalb habe ich mir zuerst mit ein paar Körnchen Mut angetrunken.“
„Und während er sich Mut antrank“, fuhr Uroma fort, „kam ein anderer junger Mann auf mich zu.“
Uropa nickte. „Ich kann dir sagen, dass war ein Schrank von einem Mann, so ein richtiger Kaventsmann war das. Der hätte mich kurzerhand am Schlafittchen gepackt und vor die Tür gesetzt, wenn ich dem gesagt hätte, dass er von Uroma Abstand nehmen soll.“
„Und ich fand es unter aller Kanone, das dein Uropa an der Theke stand, anstatt mit mir zu tanzen“, erinnerte sich Uroma. „Eigentlich hab ich nur mit dem anderen getanzt, um ihn eifersüchtig zu machen. Doch das musste ich teuer bezahlen, denn bald hatte ich blaue Zehen, weil mir der Riese mit seinen Quadratlatschen ständig auf meine Füße trat. Da hatte ich echt die Nase voll und wollte nach Hause.“
„Gerade noch rechtzeitig hab ich all meinen Mut zusammen genommen, bin zu deiner Uroma gegangen und hab sie zum Tanzen aufgefordert.“
„Der Kaventsmann war darüber so ärgerlich“, erzählte nun wiederum Uroma, „dass er einen Stuhl nahm und damit auf deinen Uropa eindreschen wollte. Gott sei Dank haben andere ihn davon abgehalten.“
„Und kurze Zeit später fuhr dann die Polizei mit ihrer grünen Minna vor und nahm den Riesen mit zum Tüten kleben“, feixte Uropa.
Daraufhin meinte Uroma spitzbübisch: „Seit diesem Abend sind wir ein Paar, dein Uropa und ich, obwohl ich mich manchmal frage, weshalb ich diesen alten Pfennigfuchser überhaupt geheiratet habe.“

© Martina Pfannenschmidt, 2019




Samstag, 22. September 2018

Himmelwärts


Es war schon dunkel, als ich von meiner Freundin nach Hause kam. Als ich sah, dass Oma auf ihrem Balkon saß, beschloss ich, sie noch kurz zu besuchen.
„Es ist für mich immer etwas Besonderes, in einer sternenklaren Nacht das Firmament anzuschauen“, meinte sie, als ich den Balkon betrat.
Anschließend fragte sie mich, ob ich eine Vorstellung von der Größe des Universums hätte und wie viele Sterne es meiner Meinung nach gäbe.
„Keine Ahnung“, hab ich gesagt, „es werden wohl einige Millionen sein.“
„Ein paar mehr sind es schon“, erwiderte sie und musste schmunzeln. „Ich habe mal gelesen, dass es allein in unserer Galaxie über 6 Trillionen sind und dass es geschätzt 100 Milliarden Galaxien gibt.“
„Boah ey, Oma. Das ist echt krass.“
„Ja, das finde ich auch. Man kommt sich ganz schön klein vor, gegenüber dieser Größe, nicht wahr?“
Ich nickte zustimmend.
Nachdem wir eine Weile schweigend in den Himmel geschaut hatten, sagte ich: „Als ich noch klein war, hab ich mich oft gefragt, warum ich all die Menschen gar nicht sehen kann, die verstorben sind. Weißt du, wie ich meine? Den Kindern wird immer erzählt, die Verstorbenen kommen in den Himmel, aber wo da oben sind sie denn? Also, wenn ich ehrlich bin, hab ich bis heute darauf keine vernünftige Antwort gefunden.“
Oma schwieg. Sie schweigt immer, bevor sie auf eine knifflige Frage antwortet. Ist ja auch klar, schließlich soll man vor dem Reden sein Gehirn einschalten.
Also, sie schwieg, dann meinte sie: „Es wäre vielleicht hilfreich, wenn es in unserer Sprache nicht nur die Bezeichnung ‚Himmel’ gäbe, sondern zur besseren Unterscheidung, so wie im Englischen, die Bezeichnungen ‚Sky’ und ‚Heaven’. Das macht es ein klein wenig einfacher, wie ich finde.“
Das macht die Sache etwas einfacher, okay. Aber wirklich nur etwas und so fragte ich Oma: „Was denkst du, was nach dem Tod kommt?“
Wieder kam zunächst nichts, als Schweigen.
Nach einer Weile antwortete Oma: „Es ist sehr schwierig, dir darauf eine Antwort zu geben, denn irgendwie bleibt es Spekulation, nicht wahr. Während ein Teil der Menschheit davon ausgeht, dass gar nichts mehr kommt, stelle ich mir vor, dass ich ohne Körper weiter lebe. Reines Bewusstsein ist für mich das, was bleibt.
Vielleicht braucht das reine Bewusstsein gar keinen Ort, so wie wir ihn hier auf der Erde kennen, sondern es ist ein besonderer Zustand, den wir erreichen. Schwerelos, lichtvoll und voller Liebe. So stelle ich es mir vor.“
„Das klingt so schön, Oma. Wenn es wirklich so ist, müssten wir ja gar keine Angst haben. Aber die meisten Menschen fürchten sich vor dem Tod, weil sie eben keine Vorstellung davon haben, was dann auf sie wartet …“
„… oder sich keine Gedanken darüber machen“, beendete sie meinen Satz.
„Genau!“, erwiderte ich.
„Es gibt so eine wundervolle Geschichte von Zwillingen“, fuhr Oma fort, „die sich im Bauch der Mutter unterhalten. Sie möchten gerne dort bleiben, wo sie sind. Dort ist es so schön. Alles ist bekannt. Sie fühlen sich wohl und wissen nicht, was auf sie wartet, wenn sie geboren werden. Auch sie haben Angst vor dem Neuen und Unbekannten. Und um die ganze Sache noch ein bisschen komplizierter zu machen“, meinte Oma und schaute mich mit ihren klugen Augen schelmisch an, „wo war denn das Bewusstsein der Babys, bevor sie in den Bauch der Mutter kamen?“
„Mensch, Oma! Ich habe keine Ahnung!“
„Vielleicht“, sagte sie mit einem Blick gen Himmel, „gehen wir ja wieder dorthin zurück, woher wir kamen. Wäre doch möglich, oder?“
„Ja, das wäre möglich!“, erwidere ich.

© Martina Pfannenschmidt, 2018






Dienstag, 8. Mai 2018

Ein Rollator kommt mir nicht ins Haus


„Hallo, ich bin’s“, rief Astrid, nachdem sie die Tür zur Wohnung ihrer Mutter geöffnet hatte. Schlagartig blieb Astrid stehen: „Ach du meine Güte, wonach riecht es denn hier?“
Ohne Umschweife ging sie direkt in die Küche, da der beißende Geruch von dort zu kommen schien.
„Ach Kind“, gestand Martha sogleich, „so etwas ist mir wirklich noch nie passiert. Ich war doch nur kurz gegenüber bei Elfriede. Und dann das!“
Astrid hatte den Eindruck, als sei ihre Mutter den Tränen nahe.
„Nun lass mal, Mutti“, erwiderte sie deshalb und nahm ihr den Putzschwamm aus der Hand. „Jetzt bin ich ja da. Setz dich in deinen gemütlichen Sessel ins Wohnzimmer. Ich mach das hier schon und du erzählst mir gleich, wie das passieren konnte.“
„Also das war so“, berichtete Martha eine Weile später, „ich wollte mir Milchreis kochen und dachte, dass ich die Herdplatte ausgestellt hätte. Aber das habe ich wohl vergessen. Als ich zurückkam, war der Reis komplett angebrannt. Meine Güte, was da alles hätte passieren können, wenn ich nicht rechtzeitig zurückgekehrt wäre.“
Einfühlsam nahm Astrid das Wort. „Da haben wir noch einmal Glück gehabt, nicht wahr. Aber weißt du, so etwas kann immer mal passieren.“
„… wenn man alt wird und tüdelig“, warf Martha deprimiert ein.
„Weißt du, ich denke, dass es auch Jüngeren passieren kann, doch vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, wo du mein Angebot, dass ich für dich mitkoche, annehmen solltest.“
Martha sah Astrid traurig an: „Aber du hast doch mit deiner Familie schon genug Arbeit.“
„Ich würde ja nur eine etwas größere Portion kochen. Das ist gar keine zusätzliche Arbeit und noch eins: DU bist auch ein Teil meiner Familie. Ein sehr wichtiger sogar.“
Martha freute sich über die Aussage ihrer Tochter und erwiderte: „Du hast sicher recht mit dem, was du sagst. Also gut. Dann nehme ich dein Angebot gerne an.“
Astrid nickte.
„Du, Mutti“, begann sie bald darauf mit einem Thema, von dem sie wusste, dass es bisher ebenfalls nicht gut ankommen war, „wo wir schon mal über das Älterwerden sprechen. Wie wäre es denn, wenn du die Sache mit dem Rollator doch noch einmal überdenkst. Weißt du, er gäbe dir Halt und Stütze, wenn du spazieren gehst und mir das gute Gefühl, dass du sicher unterwegs bist.“
Martha sah ihre Tochter mit blitzenden Augen an. „Soooo alt bin ich nun auch noch nicht. So ein Ding kommt mir nicht ins Haus.“
Damit war dieses Thema wieder einmal vom Tisch.
Nachmittags ging Martha wie so oft im nahe gelegenen Park spazieren.
In der Nähe des kleinen Teiches, auf dem vergnügt ein paar Enten und Schwäne schwammen, setzte sie sich nieder, um die Ruhe und Idylle des Augenblicks zu genießen und auch, um sich vor dem Heimweg ein bisschen auszuruhen.
Als sie eine kleine Weile gedankenverloren dort gesessen hatte, wurde sie unerwartet angesprochen: „Entschuldigung! Wäre es Ihnen recht, wenn ich mich zu Ihnen setze?“
Martha sah hoch und direkt in zwei sehr warmherzige rehbraune Augen. Sie gehörten zu einem älteren, dynamisch wirkenden Herrn mit grauen Haaren, der auf Anhieb einen sehr sympathischen Eindruck auf sie machte. Deshalb nickte Martha und antwortete auf seine Frage: „Sehr gerne!“
In dem Moment sah sie ihn! Das Objekt des Schreckens!
Behände stellte der Mann seinen Rollator direkt neben der Parkbank ab, entnahm diesem zwei Kissen und bot ihr eines davon an.
„Nehmen Sie nur“, meinte er freundlich, „man sitzt so viel bequemer und dank meines neuen Mobiles war es überhaupt kein Problem, diese zu transportieren.“
Gerne nahm Martha das Kissen an und der Mann fuhr fort: „Wissen Sie, zuerst habe ich mich ja vehement dagegen gesträubt. Doch das Ding ist wirklich nützlich. Man kann sich sogar darauf ausruhen, wenn man möchte. Allerdings ziehe ich den Platz neben einer so charmanten Dame in jedem Fall vor.“
Martha genoss die Zeit, denn wie sich herausstellte, war sie an einen Charmeur der alten Schule geraten. Die beiden älteren Menschen unterhielten sich lange und verabredeten sich sogar für den kommenden Tag in einem Café.
Als Martha am Abend über den zurückliegenden Tag nachsann, griff sie ohne zu zögern zum Telefon: „Hallo Astrid, Mutti hier! Du, ich habe mir das noch mal überlegt. Von mir aus kannst du mir so einen Rollator besorgen!“

© Martina Pfannenschmidt, 2018




Samstag, 10. März 2018

Graufellchen (19) – Auszug


„Schau nur, Karl, die Sonne lacht und scheint zum Fenster herein, genau wie damals an dem Tag, als wir uns zum ersten Mal begegneten.“
Gerda öffnete das Fenster weit und ließ sich die wärmenden Sonnenstrahlen direkt ins Gesicht scheinen.
Karl trat hinter seine Frau: „Ist es nicht unglaublich, dass es heute auf den Tag genau 55 Jahre her ist, seit wir uns kennen lernten? Wenn ich ehrlich bin, kommt es mir gar nicht so vor, als wäre seither so viel Zeit vergangen.“
Während sich Gerda ihrem Mann zuwandte, sagte sie: „Ich möchte keinesfalls eine einzige Minute davon vermissen und wenn ich an unsere erste Zeit zurück denke, beginnen die Schmetterlinge in meinem Bauch erneut zu fliegen.“
Karl lächelte: „Es ist schon etwas Besonderes, verliebt zu sein, nicht wahr. Aber stell dir nur einen Moment vor, wir hätten den Sprung von der Verliebtheit zur Liebe nicht geschafft.“
„Ach Karl, das mag ich mir nicht vorstellen. Ich hätte mich niemals von dir trennen wollen.“
„Ich doch auch nicht, Gerda. Aber es ist zweifelsohne so, dass die Verliebtheit irgendwann endet und nicht immer wird Liebe daraus.“
„Ja, leider müssen viele diese Erfahrung machen“, erwiderte Gerda ernst und fragte ihren Mann: „Was denkst du, woran erkennt man, dass es Liebe ist?“
„O je, da stellst du mir eine Frage, der ich mich zuerst einmal nähern muss. Also, wenn wir verliebt sind, denken wir häufig an den Partner, aber es fehlt noch das Vertrauen. Das stellt sich erst später ein, denke ich. Ich weiß nicht, ob es schon Liebe ist, wenn man Freude am Zusammensein empfindet, gerne zärtlich ist. Das sind wohl alles Dinge, die wir auch schon während der Zeit des verliebt Seins fühlen.“
„Ich glaube, dass Liebe viel mit Ehrlichkeit zu tun hat und damit, dass wir sozusagen Verantwortung für die andere Person übernehmen“, entgegnete Gerda, „und ganz sicher gehört die Wertschätzung des Partners dazu und auch, seine Schwächen zu akzeptieren.“
Beide lachten, denn jeder kannte schon lange die kleinen Schwächen des anderen, die einfach zu ihm gehörten.
Vorsichtig lugte Graufellchen aus seiner kleinen Höhle hervor. Es war fast so, als tanzten seine Hormone bei all den Zärtlichkeiten, die diese beiden Menschen allein mit ihren Worten austauschten, Polka.
Dieses wahre Feuerwerk an Gefühlen wollte er unbedingt erleben. Es musste sich prickelnd anfühlen, verliebt zu sein. Das wollte er auch empfinden, doch noch nicht heute. Heute wollte er noch voll und ganz den Tag bei diesen beiden Menschen verbringen.
„Viele sagen“, meinte Karl in diesem Moment, „dass es der Alltag ist oder Geldsorgen, wenn eine Beziehung scheitert.“
„Oder schmutzige Wäsche vor dem Bett“, lachte Gerda. „Aber im Ernst, es ist doch wirklich schade, wenn Beziehungen an solchen Banalitäten scheitern.“
„Gewiss, das ist wirklich bedauerlich. Weißt du, Gerda, ich glaube, dass es ein kleines Mysterium bleibt, was wahre Liebe wirklich ausmacht“, philosophierte Karl. „Vielleicht ist es Liebe, wenn der Gedanke, den anderen nicht mehr an seiner Seite zu haben, dir die Luft zum Atmen nimmt.“
„Ach Karl, das hast du wunderbar gesagt“, schwärmte Gerda und sah ihren Mann voller Liebe an.
„Ich denke gerade“, fuhr Karl fort, „dass es auch wichtig ist, sich nicht selbst zu verlieren und es dem anderen ausschließlich recht machen zu wollen.“
„Wer so handelt, wird Angst vor der Einsamkeit haben“, vermutete Gerda, „aber ich denke, dass es für eine Beziehung wichtig ist, authentisch zu bleiben. Wenn sich einer der Partner ständig verbiegen muss, wird es schief gehen. Ja und ein Schönwetter-Gesicht aufzusetzen, wenn es innen drin brodelt, ist auf keinen Fall ein guter Weg.“
„Es ist nur oft so“, meinte Karl daraufhin, „dass man denkt, den Partner verschonen zu wollen. Allerdings muss ich sagen, dass es dir nach so vielen Jahren nicht mehr gelingen würde, mir etwas vorzuspielen. Dafür kenne ich dich viel zu gut, als dass du deine Gefühle vor mir verstecken könntest.“
„Ich merke auch, wenn mit dir etwas nicht stimmt“, erwiderte Gerda, „und unfair finde ich es außerdem und enorme Kraft kostet es zudem, wenn wir versuchen, uns zu verbiegen.“
Nachdem beide eine Weile geschwiegen hatten, sagte Gerda: „Wenn wir so darüber sprechen, scheint dieses Vortäuschen falscher Gefühle fast harmlos zu sein, doch ich denke, dass man in diesen Momenten den Partner regelrecht belügt.“
„Das ist so“, bestätigte Karl. „Lügen und Notlügen sind ein Thema, mit dem wir uns auch einmal auseinander setzen sollten.“
„Ach Karl“, erwiderte Gerda und zeigte vielsagend Richtung Mausehöhle, „wo du das gerade so sagst, fällt mir etwas ein.“
„Sooooooo?!“, fragte Karl und wusste in diesem Augenblick noch nicht, was Gerda im Schilde führte.
Als sie das Fenster schloss und die beiden Menschen diesen Platz verließen, zog Graufellchen sein Näschen ein Stückchen zurück. Seine Ohren waren allerdings weit aufgestellt. Auf keinen Fall wollte er verpassen, was Gerda noch zu sagen hatte.
„Das ist nämlich so, Karl, dass mich die Mia aus dem Nachbarhaus gefragt hat, ob wir ihr nicht eines ihrer kleinen Kätzchen abnehmen könnten. Du weißt doch, dass ihre Katze einige Junge bekommen hat. Also, mir gefällt dieser Gedanke. Es muss schön sein, wenn so ein süßer kleiner Stubentiger um die Beine schleicht.“
Graufellchen traute seinen Ohren kaum. Seine Nackenhaare stellten sich allein bei dem Gedanken an eine Katze in seinem Umfeld hoch.
Er schaute sich in seiner winzigen Höhle um. Mit einem Mal erschien sie ihm viel zu klein und eng und er wusste ganz sicher: Er musste hier weg und zwar so schnell wie möglich. In Windeseile packte er sein kleines Bündel und machte sich ohne einen Blick zurück auf den Weg Richtung Freiheit.
Gerda flüsterte Karl derweil ins Ohr: „Ich möchte unserem Mäuschen den Auszug ein bisschen erleichtern. Deshalb hab ich zu diesem kleinen Trick gegriffen. Es gibt nämlich gar keine kleinen Kätzchen in der Nachbarschaft“, kicherte sie, „aber psssssst.“ Dabei hielt sie einen Zeigefinger vor ihren Mund und sah ihren Mann verschmitzt an.
Karl war in diesem Moment voller Liebe für seine Frau. Selbst nach 55 Jahren überraschte sie ihn immer noch. Und diese kleine Notlüge musste man ihr einfach verzeihen.

© Martina Pfannenschmidt, 2018


Nun hat mich das 'Graufellchen' eine ganze Weile
zu Geschichten angeregt - doch mit seinem Auszug
endet diese kleine Reihe über das graue Mäuschen.

Danke euch fürs Lesen und
Danke dem Mäuschen (und natürlich Gerda und Karl)
für die Inspiration.
:-)



Montag, 26. Februar 2018

Graufellchen (18) – Erfahrungen


Graufellchen freute sich, als er die Haustür ins Schloss fallen hörte. Das war das Zeichen dafür, dass seine Lieblingsmenschen von einem ausgiebigen Spaziergang zurückkamen. Er musste sich eingestehen, dass sie ihm schon ein bisschen gefehlt hatten. Es war immer so still, wenn sie nicht da waren.
„Brrrr“, hörte er aus dem Flurbereich, „der Wind ist wirklich schneidend kalt, aber die Luft herrlich und der Himmel so wunderbar blau. Ach, wie habe ich das vermisst.“
„Ich auch, meine Liebe“, erwiderte Karl, „aber jetzt müssen wir uns zuerst einmal aufwärmen.“
„Ich werde uns einen Tee kochen. Der wird uns gut tun und wärmen.“
Als die beiden eine Weile später in ihren gemütlichen Sesseln saßen und ihren heißen Tee tranken, sagte Gerda: „Ist es nicht herrlich, dass man trotz der Kälte schon den nahenden Frühling erahnen kann. Ich freue mich so sehr auf die ersten Blumen und die Farbkleckse, die es dann wieder allerorten zu sehen gibt.“
„Geht mir wie dir, Gerda. Alle Jahreszeiten haben etwas Schönes, doch das Frühjahr mag ich am meisten.“
„Erstaunlich finde ich, dass sich die ersten Kraniche schon wieder auf den Weg zurück zu uns in den Norden machen. Es war so schön, ihre Rufe zu hören.“
Kraniche? Graufellchen wurde ganz kribbelig. War das Frühjahr so fassbar nahe? Bei dem Gedanken befiel ihn Freude und Traurigkeit zugleich. Wie schön würde es für ihn sein, wieder draußen in der Natur zu sein und wie traurig andererseits, weil er von den beiden Menschen Abschied nehmen musste.
„Gewiss wird uns unser kleines Mäuschen bald verlassen“, hörte er Gerda sagen. „Es will bestimmt Hochzeit feiern und eine Familie gründen.“
Graufellchen war baff! Konnte Gerda Gedanken lesen, oder woher wusste sie sonst von seinen Plänen?
„Weißt du Karl, ich wünsche allen Menschen und auch unserem Mäuschen ein glückliches Händchen bei der Partnerwahl. Es ist so wichtig, den passenden Partner an seiner Seite zu haben.“
„Da empfinde ich wie du, Gerda! Es ist das größte Glück auf Erden.“
Gerda nickte und meinte: „Es ist so eine Sache mit dem Glück. Jeder empfindet da anders. Aber wenn wir unser Glück bereits in kleinen alltäglichen Dingen und in den Menschen finden und sehen, ist es einfacher, ein glückliches Leben zu führen.“
„Für mich ist das größte Glück, wenn ich morgens erwache und du neben mir liegst.“
„Ach Karl“, entgegnete Gerda gerührt, „womit habe ich dich bloß verdient.“
Nicht nur Gerda wurde ganz warm ums Herz, sondern auch dem kleinen grauen Mäuschen. Es wollte sich auch eine Frau suchen, neben der es morgens gerne und glücklich erwachte.
„Weißt du, Gerda, ich denke einfach, dass es ganz wichtig ist, dass man sich in seinem häuslichen Umfeld wohl und geborgen fühlt. In der Welt ist soviel los, die Erde ist so wund und das, obwohl es so viele Menschen gibt, die ihr Herz am rechten Fleck haben.“
„Dennoch scheint die Welt aus den Fugen zu geraten.“
„Das Schlimmste sind die kriegerischen Auseinandersetzungen“, meinte Karl. „Manche Menschen denken einfach, ihnen gehöre ein bestimmter Teil unserer Erde und kämpfen darum.“
Gerda erwiderte sarkastisch: „Eines Tages kämpfen sie noch um das letzte bisschen Wasser oder die letzte gesunde Luft.“
„Das wollen wir bei Gott nicht hoffen. Irgendwann müssen die Menschen doch dazu lernen. Denkst du nicht?“
„O Karl, darauf hoffe ich sehr, doch solange den meisten Menschen Geld wichtiger ist als die Umwelt, unser Wasser, die Luft und alle Lebewesen, wird wohl noch viel Wasser den Rhein herunter fließen, bis es soweit ist.“
„Wir treten so vieles mit Füßen. Auch Werte wie Güte, Mitgefühl und Nachsicht. Manchmal habe ich den Eindruck, das Egoismus und Härte als Stärke verstanden werden und alles andere als Schwäche. Und wer möchte schon gerne als schwach angesehen werden.“
„Weißt du Karl, ich frage mich immer, wo der Fehler liegt. Warum herrscht soviel Gewalt und warum behandeln wir unsere Natur so schlecht? Warum töten wir jeden Tag Millionen von Tieren, um Massen an Fleisch zu haben, die uns vielleicht sogar krank machen?“
„Da wird man wirklich nachdenklich, Gerda. Wir können nur hoffen, dass weise Menschen Änderungen herbeiführen.“
„Das ist so eine Sache mit der Weisheit“, entgegnete seine Frau.
Nach einer Weile des Schweigens und Nachdenkens erwiderte Karl: „Wenn wir davon ausgehen, dass alles einen Sinn hat, dann ist es wohl so, dass wir Menschen schlimme Erfahrungen brauchen, um weiser zu werden.“
„Ja und leider lernen die Jüngeren nicht von den Älteren, weil jeder seine eigenen Erfahrungen machen muss. So manches Kind glaubt halt erst, dass man sich an einer heißen Herdplatte verbrennt, wenn es diese Erfahrung selbst gemacht hat. Das heißt doch, dass Kinder nicht automatisch durch gewonnene Erfahrungen älterer Menschen lernen.“
„Genau so ist es, Gerda. Außerdem macht ja nicht nur jeder Mensch seine Erfahrungen, sondern auch jede Generation. Da nützt es wenig, wenn die ältere Generation der jüngeren Ratschläge gibt. Irgendwie scheint dieses System niemals ein Ende zu finden.“
„Dabei könnten wir doch alle aus unserer Geschichte lernen, nicht wahr?“
„Könnten wir, aber ist es nicht so, dass sich eigentlich gar nichts wiederholt, weil sich sozusagen die Rahmenbedingungen ständig verändern?“
„Ach Karl, warum können wir Menschen nicht begreifen, dass uns diese Welt nicht gehört? Warum kämpfen wir um ein Stück Land? Das ist doch Wahnsinn. Niemand kann doch etwas mitnehmen, wenn er eines Tages von hier geht. Wird das alles denn niemals ein  Ende haben?“

© Martina Pfannenschmidt, 2018




Samstag, 27. Januar 2018

Graufellchen (17) – Stürmische Zeiten

Graufellchen hatte so einiges gelernt, seit er bei Karl und Gerda Unterschlupf gefunden hatte. So wusste er zum Beispiel, dass es dem Wetter möglich ist, Kapriolen zu schlagen. Karl hatte das neulich so gesagt.
Und noch etwas hatte er gelernt: Nachrichten mussten sehr wichtig sein. Zumindest schauten Karl und Gerda sie jeden Tag. Inzwischen war sogar das Mäuschen bestens informiert. Schließlich schaute es allabendlich gemeinsam mit seinen Lieblingsmenschen die Nachrichten im Fernsehen. Und so wusste Graufellchen, dass kürzlich ein verheerender Sturm über Deutschland hinweg gefegt war, dem die Menschen sogar einen Namen gegeben hatten. Friederike! Eigentlich ein schöner weiblicher Vorname, hinter dem man keinen Orkan vermutet.
Ja und nun schlug das Wetter weitere Kapriolen, weil der Januar nämlich frühlingshafte Temperaturen mit sich brachte, was nicht nur einigen Menschen, sondern auch den Tieren zu schaffen machte. Aber Graufellchen wusste genau, dass der Winter noch nicht vorüber war. Das spürte er instinktiv. Außerdem fühlte er sich so wohl bei den beiden Menschen, dass er noch gar nicht auf das Frühjahr hoffte, denn das würde seinen Auszug mit sich bringen.
Und so nahm Graufellchen seinen gewohnten Platz ein, um ja nichts von den Nachrichten zu verpassen und auch nichts von dem anschließenden Gespräch, das Gerda sofort begann, nachdem sie durch das Betätigen des Aus-Knopfes das Fernsehprogramm für beendet erklärt hatte.
„Weißt du Karl“, sagte sie, „ich frage mich manchmal, ob es wirklich sinnvoll ist, sich ständig die Nachrichten aus aller Welt anzusehen. Das meiste davon ist doch für mich persönlich irrelevant.“
„Manchmal denke ich das auch, Gerda. Auf der anderen Seite: Dürfen wir wirklich die Augen verschließen vor all dem Geschehen in der Welt?“
„Warum eigentlich nicht?“, erwiderte Gerda und es klang ein bisschen provokant. „Vielleicht ist eine im Hier und Jetzt mit meiner Familie verbrachte Zeit viel besser investiert?“
Weil Karl schwieg führte Gerda weiter aus: „Manchmal habe ich das Gefühl, dass mich all die vielen Nachrichten nicht nur passiv machen, sondern ich ihnen gegenüber abstumpfe.“
Karl stimmte zu: „Das geht mir genau so, Gerda. Du musst dabei eines bedenken: Im Gegensatz zu früher hören und lesen wir viel mehr von all den weltweiten Ereignissen. Und genau an denen können wir persönlich nichts ändern. Es steht einfach nicht in unserer Macht, Dinge, die in Asien oder den Vereinigten Staaten geschehen, zu beeinflussen. Da sind uns die Hände gebunden. Und genau das ist es, was uns passiv macht und den Nachrichten gegenüber abstumpfen lässt.“
„Du hast gewiss recht mit dem, was du sagst, Karl. Ich glaube sogar, dass die Nachrichten es vermögen, Angst zu schüren.“
„Viele Nachrichten wiederholen sich ja auch ständig“, erwiderte Karl, „und meistens wird uns ein negatives Bild von der Welt gezeigt, was natürlich dazu beiträgt, Angst zu schüren.“
„Und nicht nur das. Wenn du so willst, ist eine Meldung ja nicht mehr, als der winzige Funken einer großen Flamme. Die wirklichen Zusammenhänge bleiben für uns doch meistens im Verborgenen.“
„Da ist was dran, Gerda, und außerdem tun wir gut daran, nicht alles ungefiltert zu glauben, was uns erzählt wird“, erwiderte Karl.
„Oh ja! Und das trifft ganz sicher auch auf die Meldungen zu, die wir in einschlägigen Zeitschriften zu lesen bekommen.“
„Da seid ihr Frauen vielleicht sogar noch anfälliger, als wir Männer“, spöttelte Karl.
„Leider ist es so. Aber mal ehrlich, ist es wirklich interessant, dass sich X und Y getrennt haben? Ich kann auch nicht behaupten, dass es mich wirklich interessiert, wie schwer das Baby ist, das demnächst in England geboren wird.“
„Ich glaube, Gerda, dass unser Gehirn einfach überfordert ist mit der Menge an Informationen, die uns heute zur Verfügung stehen. Und um auf die so genannten Promi-News zurückzukommen: Was leisten diese Menschen denn wirklich für unsere Welt und vor allen Dingen frage ich mich, was macht dies mit uns und unseren Kindern, wenn man mit fragwürdigen Dingen Berühmtheit erlangt?“
„Weißt du, Karl, ich denke, so manche allein erziehende Mutter oder berufstätige Hausfrau leistet mehr, als irgendeine dieser Berühmtheiten und noch eines muss man bedenken. Vielleicht ist das mit den Mitteilungen, die uns erreichen auch so ein bisschen wie bei unserem Spiel aus Kindertagen. Wie nannten wir es noch?“, fragte Gerda.
„Du denkst bestimmt an die ‚Stille Post’ nicht wahr?“
„Ja genau. Bei jeder Weitergabe wird etwas dazu geschummelt oder man lässt etwas Wichtiges weg. Schon hat man nichts anderes, als Füllmaterial für eine Zeitschrift, die nun mal wöchentlich erscheinen muss.“
„Fakt ist auch“, entgegnete Karl, „dass wir Lügen besser entlarven, wenn wir dazu die Körpersprache haben. Das fällt beim Lesen einer Meldung natürlich weg.“
„Ich glaube, es besteht noch in anderer Hinsicht eine Gefahr“, äußerte Gerda. „Wenn wir uns nämlich permanent mit dem Leben anderer befassen, müssen wir uns nicht mit uns und unserem eigenen Leben auseinander setzen. Vielleicht ist es meine eigene Langeweile oder Neugier, die mich ständig diese Informationen lesen lässt.“
„Weißt du, Gerda, ich brauche nicht die Schicksalsschläge anderer Menschen, um mich glücklich zu fühlen.“
„Ich auch nicht, Karl. Und außerdem: Wichtige Informationen, die mich und mein Leben betreffen, die werden Wege finden, um mich zu erreichen.“


© Martina Pfannenschmidt, 2018