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Freitag, 7. November 2025

Opa, Emil und das Pilzabenteuer


An einem frischen Herbstmorgen stapfte Großvater Paul mit seinem Enkel Emil durch den bunten Laubwald. Die Luft roch nach feuchter Erde, die Vögel zwitscherten, und die Sonnenstrahlen blitzten hin und wieder durch die bunten Blätter. Der Junge hüpfte fröhlich neben seinem Opa her, während sein Körbchen bei jedem Schritt vergnüglich schaukelte.

„Opa, warum wachsen Pilze eigentlich im Wald?“, fragte Emil neugierig und blieb stehen, um eine Eichel aufzuheben.

„Pilze mögen es feucht und schattig“, erklärte Opa, „und sie helfen dem Wald, indem sie sozusagen aufräumen und ihn verwandeln. Alles, was herunterfällt, verwandeln sie in guten Waldboden.“

Emil überlegte. „Sind Pilze dann sowas wie Zauberer im Wald?“

„Ein bisschen schon“, antwortete Opa amüsiert. „Viele dieser Zauberpilze sind echt lecker und andere sind ganz schön gefährlich. Also immer zuerst Opa fragen, mein Junge!“

Beide hockten sich hin, als sie einen dicken braunen Pilz entdeckt hatten.

„Schau, Emil“, führte Opa weiter aus, „dies hier ist ein Maronenröhrling. Er hat einen braunen Hut, gelbe Röhren darunter und schmeckt gebraten ganz herrlich. Den kannst du in dein Körbchen legen. Und schau, der dort hinten mit dem weißen Stiel und den Lamellen, das ist ein Champignon. Der ist auch lecker. Den können wir auch mitnehmen!“

Emil streichelte vorsichtig über die weichen Pilzhüte.

„Kannst du mir auch einen giftigen Pilz zeigen?“, fragte Emil.

„Lass uns mal weitergehen. Wir werden sehen, ob wir einen entdecken.“

Nach einer Weile blieb Opa stehen und zeigte auf einen knallroten Pilz mit weißen Punkten.

„Schau dir den an!“, bat er seinen Enkel. „Das ist ein Fliegenpilz, der sieht zwar wunderschön aus, ist aber sehr giftig. Den lassen wir lieber stehen!“

Emil starrte den Fliegenpilz an und runzelte die Stirn, denn irgendetwas stimmte mit ihm nicht.

„Schau nur, Opa“, flüsterte er dann, "der Pilz bewegt sich!“

Beide schauten mit großen Augen in die Richtung. Tatsächlich! Der Pilz erhob sich ein wenig. Dann verneigte er sich stilvoll. Die beiden trauten ihren Augen kaum. Der Fliegenpilz war gar kein Pilz, sondern ein Gnom, der einen roten Hut mit weißen Punkten darauf trug! Es gab sie also wirklich und sie beide hatten ihn entdeckt.

Als der Gnom kicherte und ein fröhliches „Hohoho!“ von sich gab, waren die beiden Menschen sehr verwundert, doch als er freundlich weiter sprach, schmunzelten beide. „Großväterchen“, sagte er, „da hast du dich wohl geirrt. Ich bin nämlich gar kein Pilz, wie ihr hören und sehen könnt. Ich bin ein Gnom und mein Name ich Gnobertus. Ich bin ein Pilzgnom. Also passt immer schön auf, dass ihr nicht statt eines Pilzes Gnome sammelt.“ Dann lachte er herzhaft.

Als sich Opa und Emil von dem ersten Schreck erholt hatten, lachten sie auch und Opa rief: „In der Tat, einen solchen Pilz habe ich noch nie gesehen!“

Der Gnom hüpfte schelmisch um die beiden herum und folgte ihnen auf Schritt und Tritt. Während Opa sich bückte, um ein Steinchen aus seinem rechten Schuh zu holen, steckte Gnobertus heimlich ein kleines Steinchen in den linken Schuh, weshalb Paul einen komischen Hüpfer machte, als er wieder loslaufen wollte und bemerkte, dass es nun im anderen Schuh piekte.

Der Gnom kugelte sich vor Vergnügen und auch Emil musste lachen.

„So ist das mit den Pilzgnomen“, sagte Gnobertus und zwinkerte. „Wer glaubt, alles über den Wald zu wissen, muss manchmal eines Besseren belehrt werden!“

Am Ende des Waldspaziergangs winkte der Gnom den beiden Menschen freundlich nach und verschwand blitzschnell hinter einem Baumstumpf.

„Weißt du, Opa“, meinte Emil auf dem Heimweg, „jetzt glaube ich wirklich, dass Pilze Zauberer sind. Sie verzaubern sich selbst und werden zu kleinen Gnomen.“

Opa Paul lachte und legte seinen Arm um Emil. Mit einem vollen Körbchen und mit einer unglaublichen Geschichte im Gepäck kamen sie wieder zuhause an.

Ob ihnen irgendjemand diese abenteuerliche Begegnung glauben würde?

 

© Martina Pfannenschmidt


Freitag, 10. November 2017

Wenn die Bäume sterben

Unter einem dicken Laubhaufen an der Wurzel einer Tanne saß Krümel, der kleine Mäuserich, um sich vor Gott und der Welt zu verkriechen. Nur seine süße kleine Nase lugte hervor, während er Florentine, das Eichhörnchen, beim Sammeln von Vorräten für den bevorstehenden Winter beobachtete.
„Hatschi!“
Florentine fuhr verschreckt herum. „He Krümel“, rief sie ihm zu, „ich hatte dich gar nicht gesehen. Versteckst du dich dort unter dem Laubhaufen?“
„Mir ist kalt“, murmelte Krümel.
„Was sagst du?“, erkundigte sie sich und hüpfte dichter zu ihm. „Ich hab dich nicht verstanden. Warum sitzt du hier?“
„Weil mir kalt ist“, brüllte die Maus das Eichhörnchen an.
„Meine Güte, da hat aber einer schlechte Laune. Wenn dir kalt ist, musst du dich bewegen, damit dir warm wird.“
„Keine Lust“, maulte Krümel.
„Ja, was willst du nun, dass dir warm wird oder willst du weiter frieren?“
Die Frage konnte Krümel nicht beantworten. Er wusste nicht so genau, was mit ihm los war. Er fühlte sich nicht wirklich krank aber auch nicht gesund. Er hatte einfach keine Lust auf diesen blöden Herbst und das sagte er auch unumwunden: „Ich hab überhaupt keine Lust auf diesen blöden Herbst und dann kommt noch dieser eiskalte Winter. Daran darf ich gar nicht denken. Warum kann denn nicht immer die Sonne scheinen? Und warum kann es nicht immer schön warm sein. Das wäre mir recht.“
Florentine wurde sehr ärgerlich.
„So, du möchtest, dass immerzu die Sonne scheint?“
„Ja!“
„Und es soll nie regnen?“
„Nein, ich mag den Regen nicht und den Herbst mag ich auch nicht und den Winter schon gar nicht.“
„Aber denk nur, wenn es die unterschiedlichen Jahreszeiten nicht gäbe, wie trostlos unser Land aussehen würde. Es gäbe keine Bäume, nur Sand und Wüste. So ist das nämlich dort, wo immerzu die Sonne scheint. Dort kann nichts wachsen und was sollten wir dann fressen?“
„Warum würde dort nichts wachsen?“
„Na, weil die Bäume genauso das Wasser benötigen, wie wir. Ohne Wasser können wir alle nicht leben.“
Krümel wurde nachdenklich. Es konnte durchaus sein, dass Florentine recht hatte. Doch er konnte dem Herbst einfach nichts abgewinnen. Diese Stürme und das trockne Laub machten ihn geradezu depressiv.
„Aber schau, ist es nicht traurig, dass die Bäume sterben?“, gab er deshalb zu bedenken. „In jedem Herbst sterben sie.“
„Aber nein, sie sterben doch nicht wirklich, sonst könnten sie ja im Frühjahr nicht erneut Blätter und Früchte austreiben. Du solltest übrigens dankbar sein, dass wir ihre Früchte für den Winter sammeln dürfen und hier nicht herum maulen. Und denk nur, wie gemütlich es im Winter in unseren Höhlen ist. Ich finde, die Natur hat das gut eingerichtet. Alle Jahreszeiten haben etwas Schönes!“
Krümel überlegte. „Wenn die Bäume nicht sterben, schlafen sie dann etwa? Halten sie auch einen Winterschlaf, so wie wir? Aber sie sehen im Winter immer aus wie tot.“
„Da gebe ich dir recht. Im Winter, wenn die Bäume nicht mit Schnee bedeckt sind, sehen sie sehr bizarr aus. Kahle Äste ragen in den Himmel und die dunklen Stämme wirken ein bisschen mystisch.“
„Und überall liegen braune und matschige Blätter herum“, führte Krümel weiter aus.
„Das ist aber so bestimmt und der Lebenslauf der Bäume. Er schützt sich so vor dem Frost. Er fällt in eine Starre, wenn er seine Blätter verloren hat. Das ist fast so wie ein Winterschlaf bei uns Tieren.“
„Und im Frühjahr, was passiert, wenn die Blätter wieder da sind?“
„Dann versorgen sie den Baum erneut. Im Winter, wenn die Sonne nur noch wenig scheint, könnten die Blätter ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen und deshalb wirft der Baum sie ab. Er schläft einfach und hat vorher genügend Nährstoffe gesammelt, genau wie wir unsere Vorräte sammeln.“
„Es kann ja auch sein, dass die Bäume ihre Blätter verlieren“, überlegte Krümel unterdes, „damit sie sich wie eine Decke auf den Waldboden legen. So schützen sie einige Tiere und die Wurzeln der Bäume vor dem Frost.“
„Siehst du. Es ist gar nicht so schlecht, dass die Bäume ihr Laub verlieren. Alles hat seinen Sinn und das wir uns für den Winter bevorraten auch. Sag, willst du nicht endlich heraus kommen aus deiner Laubhöhle? Schau mal, wie die Sonne durch die Äste blinzelt und wie die Blätter im Sonnenlicht funkeln. Es sieht einfach herrlich aus.“
Florentine musste Krümel gar nicht lange überreden. Schnell kam er unter seinem Laubhaufen hervor gerochen und die beiden tobten durch das raschelnde Laub.
Wie gut war es, einen Freund zu haben, der einem die Augen öffnete.

© Martina Pfannenschmidt, 2015


 


Es ist mutig, zuzugeben, dass man feige ist!

Unter einem großen Stein inmitten einer riesigen Grünanlage wohnte Familie Käfer.
Mama Käfer rief ihre Rasselbande zusammen: „Sa, So, Mo, Di, Mi und Do, kommt bitte einmal her zu mir!“ Schon krochen fünf von ihnen unter dem Stein hervor und gesellten sich zu ihrer Mutter auf die Wiese.
„Wo steckt denn Mo schon wieder?“, fragte sie harsch. In dem Moment lugte der kleine Mo ganz vorsichtig mit seinem Köpfchen unter dem Stein hervor.
„Komm her!“, forderte ihn die Käfermama energisch auf. „Deine Geschwister warten schon auf dich. Ich möchte euch heute etwas zeigen, was sehr wichtig für euch ist. Auch für dich, Mo. Nun komm endlich.“
Seine Mutter hatte so streng gesprochen, dass er sich auf den Weg zu ihr machte, um sich ihren Unmut nicht noch mehr zuzuziehen. Dabei sah er möglichst unauffällig in alle Richtungen. Zu groß war seine Angst.
„Meine lieben Kinder“, begann die Mutter, „ihr müsst wissen, dass wir ganz besonders intelligente Käfer sind. Die Menschen versuchen schon lange, hinter unser Geheimnis zu kommen, doch sie haben es noch nicht gelüftet. Hört gut zu, wie sie uns nennen: Bombardierkäfer. Was sagt ihr jetzt?“
So, Bombardierkäfer waren sie. Toll! Doch was dies wirklich bedeutete, dass wussten sie noch nicht.
Dann sprach Mama Käfer weiter. „Wir beherrschen vermutlich den originellsten Trick des gesamten Tierreichs“, sagte sie nicht ohne Stolz in der Stimme.
Dann erhob sie sich, drehte ihr Hinterteil mal nach links, dann wieder nach rechts. Kurz darauf entwich eine ätzende Flüssigkeit ihrem Hinterleib - begleitet von einem unüberhörbaren Knall.“
Ihre Kinder zuckten zusammen. Was ihnen ihre Mutter gerade gezeigt hatte, war sensationell. Nur Mo fand das Ganze nicht so toll. Er saß wie versteinert da und zitterte wie Espenlaub. Seine Geschwister jedoch waren Feuer und Flamme und forderten ihre Mutter auf, sie in das Geheimnis dieser Explosion einzuführen. So probierten sie die unterschiedlichsten Schusstechniken aus, kicherten, als sie merkten, dass sie sogar um die Ecke schießen konnten und freuten sich an ihren Erfolgen. Alle, die ihnen nicht wohlgesinnt wären, würden sie mit diesem ätzenden und sehr heißen Gasgemisch, das sie aus ihren Hinterleibern katapultieren, verjagen. Alle beherrschten diese Technik sehr bald, nur Mo nicht. Er hatte es nicht einmal ausprobiert, denn bei jedem Knall, den seine Geschwister erzeugten, zuckte er zusammen. Niemals würde er auf andere schießen! Niemals!!!
So vergingen die Tage. Mo hielt sich immer in der unmittelbaren Nähe seines Steines auf, um sich schnell wieder darunter verstecken zu können, falls Gefahr drohte. Er wurde allerdings immer einsamer, denn seine Geschwister entfernten sich weiter und weiter von ihrem Stein. Sie suchten nach Nahrung und wurden sie von Feinden angegriffen, so schalteten sie diese kurzerhand aus. Mo wurde auch immer trauriger, denn wenn seine Geschwister wieder zurückkamen, prahlten sie mit ihren wagemutigen Taten. Mo musste sich in diesem Momenten eingestehen, dass er ein Feigling war.  
Als er wieder einmal sehr traurig war, beschloss er, an diesem besonders mutig zu sein und sich ein wenig mehr vom sicheren Stein zu entfernen, um ausgiebig zu fressen. Er schlich auf Zehenspitzen, um keinen Feind auf sich aufmerksam zu machen. Sein Herz klopfte dabei so laut, dass man hätte meinen können, die ganze Welt hätte es hören müssen. Plötzlich zeigte sich ein Schatten über ihm. Schlagartig erstarrte Mo und war weder in der Lage, nach vorn, noch nach hinten zu rennen. Er blieb einfach wie angewurzelt an seinem Platz stehen. Dass, was den Schatten machte, kam näher und näher. Jetzt hatte seine letzte Stunde geschlagen. Er wusste es! Wäre er doch bloß unter seinem Stein sitzen geblieben. Mo schloss die Augen und wartete auf sein Ende. Er wartete und wartete, doch nichts geschah. Ob er vielleicht schon tot war und gar nichts von seinem Ende mitbekommen hatte? Vorsichtig öffnete er ein Auge, um es ebenso schnell wieder zu schließen.
„Hallo, kleiner Käfer, was ist los mit dir? Du musst keine Angst vor mir haben!“
Noch einmal öffnete er ein Auge. Das Gesicht eines Kindes war direkt über ihm. Es war furcht erregend. Aber er lebte noch. Da war er sich ziemlich sicher.
„Was bist du denn für ein Käfer?“, ertönte es aus dem Mund seines Gegenübers. Sollte er es wagen, zu antworten? Gaaaaanz leise sprach er: „Ich bin ein Bombardierkäfer und wer bist du?“
„Ich bin Luisa“, stellte sich das Mädchen vor.
„Und ich heiße Mo!“
„Hallo Mo, was machst du denn hier so alleine?“
Es war so, als habe Mo nur auf diese Frage gewartet. Er erzählte Luisa von seiner Traurigkeit, weil er nicht so tapfer sei, wie seine Geschwister und sehr ängstlich. Das Mädchen hörte sich alles geduldig an.
„Wollen wir Freunde sein?“, fragte es dann rund heraus. Mo wusste vor Freude nicht, was er tun sollte. Er drehte und wendete sein Hinterteil und plötzlich schoss wie bei allen anderen Bombardierkäfern auch eine ätzende Flüssigkeit aus seinem Hinterleib und traf Luisas Finger.
„Au!“, schrie sie auf. „Na, du bist mir ja ein toller Freund.“
„Entschuldige bitte, es tut mir so leid. Ich hatte mir geschworen, niemals diese Flüssigkeit auszustoßen und jetzt ist es doch passiert. Wirklich, du musst mir glauben, ich wollte es nicht.“
„Aber Mo, so schlimm war es nun auch wieder nicht. Es brennt ein wenig, doch bedenke, ich bin ein Mensch und kein Frosch, den du getroffen hast. Aber jetzt weißt du doch, dass du eigentlich keine Angst haben musst, denn du bekamst von der Natur dieses Geschenk, um dich gegen deine Feinde wehren zu können. Nimm es doch einfach dankbar an und setz es ein, wenn es nötig ist.“
Ob das Mädchen Recht hatte?
„Jetzt muss ich nach Hause, Mo, aber in ein paar Tagen komme ich wieder und dann erzählst du mir, welche Abenteuer du mit deinen Geschwistern erlebt hast.“
Als Mo wieder unter seinem Stein saß, dachte er über sich und sein Leben nach und er erkannte: Nichts zu wagen konnte furchtbar langweilig sein und Angst war der schlechteste Ratgeber, den man sich denken konnte.  


© Martina Pfannenschmidt, 2015




Alles hat seine Zeit!

In diesem Winter hatte es wieder einmal ordentlich geschneit. Die Kinder waren alle aus dem Häuschen – und das war durchaus wörtlich zu nehmen. Niemanden hielt es bei diesem herrlichen Wetter im Haus. Gegen die Kälte konnte man sich ja mit warmer Kleidung wappnen. Amelie lief durch den Garten. Soooo lange hatte sie nicht mehr im Schnee herumtollen können. Die Kufen ihres Schlittens waren schon ganz verrostet, die musste Papa zunächst einmal einfetten, damit sie den Hang herunter sausen konnte.
Nach der Schneeballschlacht, die sie sich mit ihrer Mutter geliefert hatte, fragte diese: „Wollen wir einen Schneemann bauen?“
Das Mädchen war begeistert. „Oh ja, aber ich baue meinen eigenen!“
Dann begannen sie, den Schnee zu Kugeln zu formen. Mamas Kugeln waren größer, als die von Amelie und ließen sich auch schwerer rollen. Amelies Schneemann wurde kleiner, aber wunderschön. Er bekam den Kinderbesen in den Arm gelegt, eine lila Pudelmütze auf den Kopf, damit ihm nicht zu kalt wurde und eine Möhrennase.
„Du Mama, der Schneemann kann ja noch gar nicht gucken. Er braucht unbedingt noch zwei Augen.“
„Das stimmt, meine Süße! Früher, als ich klein war, haben wir immer zwei schwarze Kohlestückchen genommen, aber heute heizen wir ja nicht mehr damit. Lass mich überlegen, was wir stattdessen nehmen können?“
Während Mama noch darüber sinnierte, kam Amelie bereits eine Idee.
„Ich weiß, was wir nehmen können“, rief sie nur, rannte zur Küchentür, durch die man vom Garten ins Haus gelangte, zog vorher schnell ihre Stiefel aus und verschwand im Inneren des Hauses.
„Schau“, rief das Kind bald darauf, „wir nehmen Knete. Hilfst du mir, damit sie weicher wird und wir sie formen können?“ Mama nahm die grüne und die blaue Knete in jeweils eine Hand. Aus der roten Knete formte Amelie Lippen, denn die brauchte er ja auch, wie sollte er denn sonst sprechen können.
„Sooo einen bunten Schneemann habe ich noch nie gesehen“, kicherte Mama. Er sah mit seinen unterschiedlichen Augenfarben wirklich witzig auf. Amelie gefiel er so, wie er war. Inzwischen war sie jedoch so durchgefroren, dass sie lieber im Haus weiter spielen wollte. Als sie sich vom Schneemann verabschiedete, versprach sie, am kommenden Tag nach ihm zu schauen.
Die Nacht brach herein, Amelie lag in ihrem Bett und schlief. Der Schneemann jedoch war viel zu aufgeregt, um so früh schon zu schlafen. Er schaute staunend in den Himmel. So viele Sterne und der große helle Mond. Fantastisch sah das aus.
Früh am nächsten Morgen begrüßte Amelie ihn freundlich:
„Hallo, Schneemann!“
„Hallo, Amelie“, antwortete dieser. Das Kind staunte, denn es hatte nicht damit gerechnet, dass ihr Schneemann wirklich sprechen konnte.
„Nun schau nicht so. Du hast mir doch einen Mund gemacht, damit ich sprechen kann und Augen zum Schauen. Ich danke dir, denn so konnte ich heute Nacht die Sterne betrachten und auch den Mond!“
Amelie, die sich von dem Schreck schnell erholt hatte, verstand seine Gefühle sehr gut: „Sie sind wunderschön, nicht wahr. Ich habe sie auch schon oft gesehen und frage mich dann immer, ob dort oben wohl jemand wohnt.“
„Du Amelie“, sagte der Schneemann zögerlich, „ich hatte heute Nacht einen Traum. Du hast mich auf deinen Schlitten gesetzt und dann sind wir zwei zusammen den Hang herunter gerast. Das war ein Heidenspaß. Würdest du mich heute mitnehmen zum Schlitten fahren.“
Eine ungewöhnliche Bitte, die Amelie allerdings gerne erfüllte. Vorsichtig setzte sie den Schneemann auf den Schlitten, erzählte Mama von ihrem Vorhaben und zog mit ihm los. Die anderen Kinder schauten neidisch auf die zwei, denn noch nie zuvor hatte ein Kind einen sprechenden Schneemann auf einem Schlitten gesehen.
So vergingen einige Tage, an denen die beiden viel Spaß miteinander hatten. Doch eines Morgens, als Amelie nach ihrem Schneemann schauen wollte, stand er nicht mehr dort. Sofort stiegen Tränen in ihre Augen. Irgendjemand musste ihren Schneemann gestohlen haben.
Amelies Mutter, die ihr Kind hatte weinen hören, kam in den Garten, um ihre Tochter zu trösten.
„Schau, Amelie, es ist in den letzten Tagen viel wärmer geworden. Sieh meinen dicken Schneemann an, von ihm ist auch kaum noch etwas übrig geblieben. Sei nicht traurig. So ist das Leben der Schneemänner. Sobald es wärmer wird, verlassen sie uns.“
„Ich finde das total blöd“, motzte Amelie.
„Aber so ist es nun einmal. Finde dich damit ab.“
Das Telefon klingelte und Mama lief zurück ins Haus. „Amelie“, rief Mama eine kurze Zeit später, „Papa war das gerade am Telefon mit einer tollen Nachricht. Komm her, ich habe eine Überraschung für dich.“
Dann gingen beide hinunter in den Keller.
Mama öffnete die Gefriertruhe. „Schau“, sagte sie nur.
Das Mädchen konnte es nicht fassen. Ihr Papa hatte den kleinen Schneemann  gerettet, indem er ihn dort hinein gelegt hatte.
Amelie ging jeden Tag zu ihm, um mit ihm zu sprechen, doch lange war das nicht möglich, denn sonst wäre er ja geschmolzen. Als es Mai und draußen immer wärmer wurde, hatte der Schneemann nur noch einen Wunsch: „Amelie, kannst du mich bitte nach draußen in den Garten bringen?“
„Nein“, antwortete sie erschreckt, „das geht nicht. Du würdest sterben.“
„Schau, dass ist das Schicksal aller Schneemänner. Wir gehören nicht ins Frühjahr und auch nicht in den Sommer oder in den Herbst. Uns gibt es nur im Winter, wenn es richtig kalt ist. Dann fühlen wir uns am wohlsten. Ich bin so einsam hier unten und es ist ständig dunkel um mich herum. Das ist kein schönes Leben.“
Amelie bekam ein schlechtes Gewissen. Es war sehr eigennützig von ihr, den Schneemann bei sich behalten zu wollen.
„Es ist nicht so vorgesehen, dass wir im Frühjahr noch da sind. Bitte gib mir die Freiheit und lass mich hier heraus. Im nächsten Winter, wenn es wieder schneit, dann kannst du mich doch wieder zum Leben erwecken.“
Amelie nickte, brachte den Schneemann in den Garten und stellte ihn in das Blumenbeet. Dort schien die Sonne am stärksten. Der Schneemann freute sich, winkte Amelie ein letztes Mal aufmunternd zu und verschwand.
Amelies Mutter beobachtete die Szene vom Küchenfenster aus. Das Kind nahm die grüne, blaue und rote Knete an sich und ging zur Mutter in die Küche.
„Ich habe gesehen, dass du dich vom Schneemann verabschiedet hast“, sagte sie.
„Es war so sein Wunsch“, erwiderte Amelie traurig.
Es ist jetzt schwer für sie, dachte ihre Mutter, doch es ist eine wichtige Erkenntnis für mein Kind, dass alles seine Zeit hat!


© Martina Pfannenschmidt, 2015




Danke für alle guten Gaben

„Was denkt ihr“, flüsterte Stups seinen Geschwistern zu, „verdammt dunkel hier. Ob das der richtige Ort für uns ist?“ Pips, Sweety und Krümel sahen sich scheu um. Stups hatte Recht. Es war wirklich dunkel und auch ein bisschen unheimlich. Krümel, der Kleinste unter den Geschwistern, antwortete ängstlich: „Ich glaub, wir sollten lieber wieder gehen!“, doch die anderen waren mutiger und beschlossen, sich zunächst einmal genauer umzusehen.
Die vier Mäuse wohnten bisher auf einem Bauernhof, doch ein großer schwarzer Kater, der ihnen ständig auflauerte, hatte sie dort vergrault. Es glich überhaupt einem Wunder, dass sie noch lebten und ihm nicht bereits zum Opfer gefallen waren.  
Deshalb hatten sie sich auf den Weg gemacht, um sich ein neues Zuhause zu suchen. Als sie dieses riesige Gebäude mit dem gigantischen Turm gesehen hatten, war ihnen klar: dort müssen wir hinein. Da sind wir bestimmt sicher.
Schnell fanden sie einen kleinen Spalt im Mauerwerk, durch das sie sich ins Innere dieses großen Gebäudes begeben konnten.
„Schau mal“, scherzte Pips, um die Situation aufzulockern und zog dabei eine lustige Grimasse, „dort die Nase von der komischen Figur, die ist genau so schief, wie das kleines spitze Schnäuzchen unserer kleinen Sweety“. Krümel kicherte, doch Stups, der Älteste, herrschte Pips scharf an. „Rede keinen Unfug. Schau dir lieber deine eigene Nase an.“ Schon war Ruhe.
Die Vier rannten einen ziemlich langen Gang entlang, der zu einem wunderschönen Raum führte. Hier war es nicht mehr so dunkel, denn durch die herrlich bunten Fenster fiel das Licht direkt auf einen großen Tisch. Dort standen Blumen und Kerzen und ein Kreuz aus Holz, an dem ein Mann hing, der aus einigen Wunden blutete.
„Ich glaube“, stotterte Sweety, „wir sollten uns lieber verkrümeln, sonst enden wir genau, wie der Mann dort an dem Kreuz.“
„Aber das ist doch Jesus“, fuhr Stups seine Schwester an. „Unsere Mutter hat uns doch oft von ihm erzählt. Und jetzt weiß ich auch, wo wir sind. Wir sind in einer Kirche“.
„Aber sagt man nicht von den Mäusen, die hier leben, sie seien arm?“, erkundigte sich Pips, ‚arm wie eine Kirchenmaus?’
„Hier müssen wir bestimmt verhungern“, gab Krümel zu bedenken, bekam darauf jedoch keine Antwort, denn die anderen kannten das schon. Krümel hatte ständig Angst und sah immer alles nur schwarz.
Dann machten sie sich auf die Suche nach etwas Essbarem, da sich große Löcher in ihren Bäuchen auftaten. An einem Tischbein wurden sie fündig. Dort lag vom letzten Abendmahl ein kleines Stückchen trockenen Brots, das dem alten Hermann aus seiner zitternden Hand gefallen war. Ein großes Glück für die Mäuse, auch wenn es schon ziemlich trocken war, so schmeckte es ihnen doch sehr gut. In jedem Fall beschlossen sie, zunächst einmal in diesem Gemäuer zu bleiben.
Hin und wieder betrat ein Mensch die Kirche, setzte sich in eine der vielen Bankreihen und betete, oder zündete eine Kerze an. Das war ein Segen für die kleinen Spitzmäuse, denn dort konnten sie sich aufwärmen oder im Schein der Kerze Geschichten erzählen.
Stups war ein besonders guter Geschichtenerzähler und so bettelten seine Geschwister so lange, bis er sich erweichen ließ.
„Man erzählt sich“, so begann er, „dass Gott wütend war, weil die Menschen Krieg gegeneinander führten und böse waren. Deshalb beschloss er, den Menschen eine Sintflut zu schicken, also ganz viel Regen, der alles überfluten sollte. Doch Gott wollte, dass ein Mann, der Noah hieß, gemeinsam mit seiner Familie überlebte, denn Noah war ein guter Mensch und so erschien Gott Noah in seinen Träumen und sagte ihm, dass er ihn mit dem Bau eines sehr großen Schiffes, einer Arche, beauftragen würde. Und weil Noah sehr gläubig und gottesfürchtig war, begab er sich sogleich an die Arbeit. Es dauerte eine Weile, bis er damit fertig war. Dann ordnete Gott an, dass sich immer zwei Tiere von jeder Art auf den Weg zur Arche machen sollten, damit sie diese Sintflut überleben könnten. Alle Tiere folgten diesem Aufruf, nur die nicht, die im Meer lebten, die brauchten keinen Platz in der Arche. Zwei Flöhe kamen im Fell eines Hundes an Bord. Die anderen gingen oder flogen. Als das Schiff schon voll besetzt war, schaute Noah, bevor er die Luke schloss, noch einmal genau nach, ob auch wirklich alle Tiere ihren Platz eingenommen hatten. Und was denkt ihr, waren alle da?“, frage Stups seine Geschwister.
„Keine Ahnung“, meinte Sweety.
„Ich glaub schon“, war Pips sicher, „denn alle Arten wollten ja überleben.“
„Was denkst du“, sprach Stups Krümel an, „waren alle an Bord?“
„Bestimmt nicht. Bestimmt hat ein Tier verschlafen oder gar nicht davon gehört“, erwiderte er.
„Ganz genau so war es. Man hatte vergessen, uns Spitzmäuse zu benachrichtigen. Als Noah dies auffiel und er los laufen wollte, um unsere Vorfahren zu holen, hielten die anderen Tiere ihn auf, weil sie meinten, wir seien doch sowieso nicht nützlich. Doch da wurde Noah sehr böse und fragte sie, wer ihnen das Recht dazu gäbe, darüber zu urteilen, denn alles was Gott erschaffen habe, sei wertvoll, sinnvoll und auch nützlich. Da schämten sich die anderen, weil sie so schlecht von uns gesprochen und gedacht hatten. Schnell liefen einige los, um zwei unserer Vorfahren zu holen. Gerade noch rechtzeitig schafften sie es zurück. Dann schloss Noah die Luke und die Arche trieb davon. Genau wie Gott gesagt hatte, ließ er es 40 Tage lang sehr stark regnen. Als es aufgehört hatte zu regnen, schickte Noah eine Taube aus, um zu schauen, ob das Wasser bereits fort war. Als sie kurz darauf mit einem Ölzweig im Schnabel zurückkam, als Beweis dafür, dass es an Land wieder grün war, öffnete Noah das große Tor und die Tiere verließen die Arche. Zuerst durften die großen Tiere das Schiff verlassen, dann die kleineren und zuallerletzt verließen zwei Spitzmäuse die Arche. Am Himmel über ihnen stand dabei ein großer Regenbogen, das Zeichen Gottes, dass es einen neuen Anfang für alle Menschen und Tiere auf der Erde geben würde.“
Die drei Geschwister hatten ihrem großen Bruder aufmerksam zugehört und waren ganz angetan von seinen Ausführungen. Dann wurde die Kirchentür geöffnet und mehrere Männer trugen etwas in die Kirche, was sich als ein großer Schatz für die Spitzmäuse zeigte, denn es handelte sich um einen riesengroßen Erntekranz, den die Menschen als Dank für eine gute Ernte aus den unterschiedlichsten Getreidesorten gebunden hatten. Das war wie ein reichlich gedeckter Tisch für die Mäuse.
„Lasst uns auch Gott danken“, sagte Stups und seine Stimme klang bewegt, „dass er auch an uns denkt und uns so reichlich beschenkt.“
Als die Menschen die Kirche wieder verließen, hielten sie inne, denn sie hatten für einen kurzen Augenblick den Eindruck, als sei jemand im Altarraum, der leise Gott preiste und ein Dankgebet sprach.

© Martina Pfannenschmidt, 2014







Der Weihnachtsengel

Lisa und Fritzi wohnten in einem kleinen Dorf in den Bergen und kannten sich schon, solange sie denken konnten. Lisa war einen Monat älter als Fritzi. Sie besuchten die gleiche Klasse und eine sah man selten ohne die andere. Dicke Freundinnen halt.
Der Schnee knirschte unter ihren Füßen, als sie sich von der Krippenspiel-Probe wieder auf dem Weg nach Hause befanden.
„Der Xaver, der hat heute aber viel gemeckert, findest du nicht auch?“, fragte Lisa.
„Ja schon, aber es dauert ja auch nicht mehr lange bis zur Aufführung und er will halt, dass alles perfekt abläuft“, meinte Fritzi.
In diesem Jahr durfte Lisa den Part der Maria übernehmen und Fritzi war auserkoren, der Engel zu sein.
„Du Lisa“, fragte Fritzi weiter, „denkst du, es gibt wirklich Engel?“
„Na klar, gibt es Engel. Sie werden doch schon in der Bibel erwähnt. Immer wieder wird dort von Engeln erzählt.“
„Aber eigentlich sind das doch nur Geschichten oder meinst du nicht?“
„Was in der Bibel steht sind wahre Begebenheiten und keine Geschichten, die sich ein Mensch einfach nur ausgedacht hat. Oder denkst du, die Sache mit der Geburt von Jesus, die stimmt gar nicht?“
„Klar stimmt die, sonst würden wir ja nicht 2000 Jahre später immer noch davon erzählen und Weihnachten feiern.“
„Na siehst du und wenn die Sache mit Jesus stimmt, dann gibt es auch Engel, denn von beiden berichtet die Bibel.“
„Ich kenne nur niemanden, der schon einmal einen Engel gesehen hätte.“
„Das stimmt. - Einmal habe ich meine Mama gefragt, ob sie glaubt, dass Engel wirklich Flügel haben und damit fliegen können.“
„Und, was hat sie geantwortet?“, fragte Fritzi neugierig.
„Sie meinte, Engel bräuchten keine Flügel. Die Menschen würden sie nur so darstellen, weil sie sich nicht vorstellen könnten, dass es Engeln möglich ist, ohne Flügel zu uns auf die Erde zu kommen.“
„Das kann ich mir auch nicht vorstellen. Ohne Flügel kann doch niemand fliegen.“
„Engel schon, glaube ich“, meinte Lisa.
„Weißt du, ich würde gerne einmal einen echten Engel sehen.“
„Oh ja, ich auch!“
Die zwei kamen bei Lisa zuhause an.
„Kommst du noch kurz mit hinein?“, fragte sie.
Fritzi sah auf die Uhr.
„Ja, für eine halbe Stunde bleibe ich noch, aber dann muss ich nach Hause, sonst gibt’s wieder Ärger.“
Die beiden betraten das Haus. Es roch verführerisch gut.
„Kommt näher“, rief Lisas Mutter. „Ich habe Bratäpfel gemacht.“
Eine kurze Zeit später saßen sie zu dritt am Tisch und ließen sich die Äpfel schmecken.
„Ach“, meinte Lisas Mama, „jetzt hab ich ganz vergessen, die Kerzen am Adventskranz anzuzünden. Dann wird es doch noch gemütlicher.“
Schnell griff sie zu den Streichhölzern und zündete zwei Kerzen an.
„Wisst ihr eigentlich“, fragte sie dann die beiden Mädchen, „wer sich das mit dem Adventskranz hat einfallen lassen?“
„Nein“, meinte Fritzi. Auch Lisa schüttelte den Kopf.
„Na, dann werde ich euch davon erzählen. Den Brauch, in der Adventszeit einen Kranz aufzustellen, den gibt es noch gar nicht sooo lange. Die Idee kam einem Pfarrer, der ein Waisenhaus leitete. Was ein Waisenhaus ist, dass wisst ihr doch?“, fragte Mama.
„Ja“, sagte Fritzi, „dort leben Kinder, die kein Zuhause mehr haben, weil die Eltern gestorben sind - oder so.“
„Ganz genau, Fritzi. Und genau wie noch heute, warteten auch damals die Kinder ungeduldig auf das Weihnachtsfest. Und weil sich kleine Kinder nicht vorstellen können, wie lange es noch dauert, bis der Heilige Abend endlich da ist, ließ sich der Pfarrer die Sache mit dem Adventskranz einfallen. Er nahm ein altes Kutsch-Rad und stellte 24 kleine rote und außerdem noch 4 dicke weiße Kerzen darauf. Dieser Kerzenkranz wurde im Waisenhaus aufgehängt und jeden Abend durfte ein anderes Kind eine Kerze entzünden. Am Heiligabend brannten sie dann alle.“
„Aber wir haben heute nur noch 4 dicke Kerzen auf dem Adventskranz“, meinte Lisa.
„Ja, wisst ihr, dieser erste Adventskranz war viel zu groß, um ihn in einem Wohnzimmer aufzustellen und deshalb hat man ihn verkleinert. Und weil auf so einem kleinen Kranz nicht ganz so viele Kerzen Platz haben, beließ man es bei den vier dicken Kerzen für die 4 Adventssonntage.“
„Wisst ihr denn überhaupt, was das Wort ‚Advent’ bedeutet?“, fragte Lisas Mutter weiter.
Beide Kinder schüttelten den Kopf.
„Das Wort ‚Advent’ kommt aus der lateinischen Sprache und heißt übersetzt ‚Ankunft’. Aber auf wessen Ankunft wir warten, das wisst ihr?“
„Ja klar“, sagten beide, „auf die Ankunft Jesu.“
Dann läutete das Telefon. Fritzis Mutti rief an. Fritzi hatte ganz die Zeit vergessen. Sie wurde schon zu Hause erwartet.
„Deine Mutter wartet sozusagen auf deine Ankunft“, lachte Lisas Mutter. „Aber ich habe ihr schon gesagt, dass es meine Schuld ist, dass du dich verspätest und sie deshalb nicht mit dir schimpfen soll.“
„Na dann bis morgen“, sagte Fritzi und huschte schnell aus dem Haus.
Endlich war es so weit. Der Heiligabend war da. Im Haus herrschte eine große Betriebsamkeit. Alles wollte noch hergerichtet sein. Lisa half ihrem Vater, den Baum zu schmücken und Lisas Mutter bereitete das Essen für den Heiligabend vor.
Lisa war mächtig aufgeregt. Das lag auch an ihrer Rolle als Maria. Hoffentlich klappte es heute besser, als bei der Generalprobe.
„Wird schon werden“, meinte Lisas Mama.
Die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt. Der Weihnachtsbaum strahlte in seiner ganzen Pracht und selbst die kleinsten Kinder wohnten dem Geschehen andächtig bei.
Fritzi war ein wunderschöner Engel mit ihrem langen blonden Haar und dem goldenen Heiligenschein. Auf dem Rücken trug sie zwei Flügel aus Pappe, die mit weißen Federn beklebt und an ihrem weißen Gewand befestigt waren. Fritzi sprach mit ihrer piepsigen Stimme so ehrfurchtsvoll, wie es ihr eben möglich war: „Fürchtet euch nicht! Denn siehe, ich verkündige euch große Freude! - Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“
Geschafft – fehlerfrei! Auch die anderen Kinder machten ihre Sache hervorragend und alle erhielten einen tosenden Applaus.
Nachdem die ganze Gemeinde voller Inbrunst ‚O du fröhliche’ gesungen hatte, zog es die Kinder nach Hause. Endlich Bescherung! So lange mussten sie darauf warten.
Die Eltern von Lisa und Fritzi blieben jedoch noch eine Weile in der Kirche, um dort die aufgebaute alte Krippe zu betrachten.
Lisa und Fritzi warteten ungeduldig an der Kirchentür, als Lisa plötzlich flüsterte: „Schau, Fritzi. Was ist das denn dort für ein helles Licht?“
Wie gebannt starrten beide dort hin.
„Du, Lisa, ich glaub, das ist ein …“
„Fritzi, denkst du das gleiche wie ich?“
„Du, ich glaub, das ist ein Engel!“, flüsterte Fritzi.
Dann sprach der Engel zu den Kindern.
„Ich habe mir euer Krippenspiel angesehen und werde im Himmel davon berichten, wie beeindruckend ihr die Geburt des Herrn dargestellt habt. Dann wird dort große Freude herrschen.“
Als die Eltern aus der Kirche kamen, war der Engel bereits fort.
„Ihr schaut ja so erschrocken, wie damals die Hirten auf dem Feld, als ihnen der Engel erschienen ist“, meinte Lisas Mama scherzhaft.
„Genau“, flüsterte Fritzi, doch Lisa knuffte sie in die Seite.
Dann gingen sie gemeinsam nach Hause. Die beiden Freundinnen nahmen sich bei der Hand und folgten ihren Eltern schweigend. 
Dieses Ereignis am Heiligabend behielten beide für immer und ewig in ihrem Herzen.

© Martina Pfannenschmidt, 2014




Adventszeit

Als Finn das Wohnzimmer betrat, stand Mama auf einem Stuhl.
„Mama, was machst du da?“, fragte er.    
„Ich versuche, eine Schraube in die Decke zu bekommen“, antwortete Mama, „denn ich möchte den Adventskranz in diesem Jahr aufhängen. Das sieht besonders festlich aus.“
„Ist jetzt schon Advent?“, fragte Finn aufgeregt.
„Morgen ist der 1. Advent. Dann zünden wir die 1. Kerze an.“
„Bekomme ich dann auch einen Adventskalender, Mama?“
„Wir können ihn zwar schon aufhängen, aber öffnen darfst du ihn noch nicht.“
„Warum nicht? – Das ist gemein.“
„Nein, Finn, das ist nicht gemein. Pass auf, ich erkläre es dir. So ein Adventskalender hat 24 kleine Türchen. Am 1. Dezember beginnen wir damit, täglich eines zu öffnen. In diesem Jahr fängt die Adventszeit aber schon im November an. Und deshalb musst du noch 3 x schlafen, bis du das erste Türchen öffnen darfst.“
„War das auch schon so, als du noch ein Kind warst?“, wollte Finn wissen.
„Ja, leider war das auch damals schon so und ich war genau so traurig darüber, wie du jetzt.“
„Hattest du auch Ritterfiguren in deinem Kalender?“
„Nein, Finn. Das gab es noch nicht. Als ich Kind war, da war hinter jeder Tür ein kleines Stückchen Schokolade und ein hübsches Bild. Aber das kennst du ja, diese Kalender gibt es ja heute noch.“
Es klingelte an der Haustür und Finn rannte sogleich los.
„Es ist Opa“, rief er. Dann öffnete er ihm die Tür.
„Hallo Opa, hattest du auch einen Adventskalender, als du noch klein warst“, fragte Finn sogleich.
„Ja, ich hatte auch einen Adventskalender. Aber darf ich zuerst einmal reinkommen?“, fragte Opa schmunzelt.
Klar durfte er reinkommen.
Dann erzählte Opa von seinem Adventskalender und davon, dass es früher noch keinen gab und die Eltern sich etwas Anderes für die Kinder einfallen ließen.
Die Uroma von Opa backte Plätzchen und nähte 24 davon mit einem Faden an ein Stück Stoff. Der Papa von Opa durfte dann jeden Tag ein Plätzchen essen.
Bei manchen Familien machte man 24 Kreidestriche an die Tür und die Kinder durften jeden Tag einen Strich weg wischen.
„Striche an der Tür“, meinte Finn, „das finde ich doof. Dann hätte ich lieber die Plätzchen genommen. Aber noch besser finde ich die Ritterfiguren.“
„Ich kann dich gut verstehen“, sagte Opa, „doch weißt du, Finn, wir sollten nicht vergessen, weshalb wir Kerzen anzünden und schließlich Weihnachten feiern.“
„Na, wegen der Geschenke“, meinte Finn, „das ist doch ganz klar.“
„Eben nicht, Finn. Es geht nicht darum, dass wir riesig viele Geschenke bekommen und auch nicht darum, täglich Süßigkeiten im Adventskalender zu finden. Eigentlich sollen wir uns in der Adventszeit auf die Geburt von Jesus vorbereiten.“
„Weihnachten ohne Geschenke, das wäre aber ein echt blödes Fest“, meinte Finn.
„Da hast du Recht. Und weil Gott die Menschen mit der Geburt von Jesus beschenkt hat, beschenken wir uns noch heute an diesem Tag.“
„Das ist toll“, sagte Finn.
„Ja“, meinte Opa, „dass es Geschenke gibt, ist toll und dass Jesus geboren wurde, das ist auch toll.“
„Was ist denn eigentlich so besonders an Jesus?“, fragte Finn.
„Das ist gar nicht so einfach zu erklären“, meinte Opa. „Hier auf der Erde gibt es Menschen, die lieb und leider auch Menschen, die böse sind.“
„Ich bin aber nicht böse – oder?“
„Nein, mein Junge, du bist nicht böse.“
„Und Jesus“, fragte Finn weiter, „war Jesus böse?“
„Nein, Jesus war auch nicht böse. Ganz im Gegenteil. Jesus kam auf die Welt, um den Menschen zu zeigen, wie man sich verhalten soll, wenn man lieb sein möchte. Und das ist manchmal gar nicht so einfach.“
„Das stimmt. Wenn der Tim wieder mit mir streitet und ich das gar nicht will, dann ist dass gar nicht so einfach. Dann fängt er nämlich an, mich zu schupsen und wenn ich mich dann nicht wehre, dann sagen die anderen Kinder, ich sei ein Feigling. Ich will aber kein Feigling sein. Aber böse will ich auch nicht sein.“
„Siehst du, genau das meine ich. Es ist gar nicht so einfach, ein lieber Mensch zu sein. Doch wir wollen uns bemühen, nicht wahr, Finn.“
„Ja, Opa! Und zu Weihnachten da möchten wir Geschenke und im Advent einen Adventskalender und Plätzchen und Kerzen. Und auf den Weihnachtsmarkt, da gehen wir auch, oder?“
„Natürlich! Wir machen es uns recht gemütlich in der Adventszeit und zu Weihnachten, aber wir wollen auch an Jesus denken und zu Weihnachten lesen wir die Geschichte von seiner Geburt.“
„Ja, das machen wir, Opa. Und du bringst die Oma mit und dann singen wir Weihnachtslieder. Aber zuerst öffnen wir die Geschenke. Wollen wir es so machen?“
„Genau so machen wir es, Finn.“

© Martina Pfannenschmidt, 2014




Im Winterwald

Es war ruhig und still im Wald. Auf den Bäumen und Tannen lag dick der Schnee. Manchmal sah man den Förster, der den Tieren etwas zum Fressen brachte, denn sie fanden keine Nahrung mehr. Zu lange schon war der Boden gefroren.
Das Eichhörnchen huschte aus seinem Kobel heraus und scharrte das Laub an der Baumwurzel fort. Gott sei Dank fand es dort ein paar Nüsse, die es im Herbst verbuddelte, denn es hatte mächtig Hunger. Die Igel hielten ihren Winterschlaf. In ihren Höhlen war es gemütlich warm und zum Fressen brauchten sie nichts – sie schliefen ja.
Ein paar Rehe standen an der Futterkrippe und kauten genüsslich das Heu. Nur zwei kleine Schneehasen tollten umher.
Dann näherte sich der mächtige Hirsch dem Geschehen.
„He“, rief er den Hasenkindern zu, „nun seid mal etwas vorsichtiger. Wenn ihr so um unsere Beine saust, dann geraten wir noch ins Stolpern.“
„Wir hören aber nicht auf“, rief der vorlaute Felix.
„Na, na du frecher Kerl. Haben dir deine Eltern nicht beigebracht, wie man sich benimmt?“
„Er meint es nicht so!“, rief Flocke. Er war der Bruder von Felix und schämte sich oft für ihn.
„Klar hab ich das so gemeint“, sagte Felix trotzig. „Wenn der Hirsch meint, er ist hier der Chef, dann hat er sich aber getäuscht. Der hat mir gar nichts zu sagen.“
„Pass nur auf“, meinte der Hirsch zornig, „oft folgt die Strafe auf dem Fuße.“
„Welche Strafe auf welchem Fuße?“, lachte Felix übermütig.
Die Rehe schüttelten nur mit dem Kopf. Noch nie hatten sie einen solchen Frechdachs erlebt.
Dann trieb es Felix es auf die Spitze.
„Du, alter Mann“, fragte er den Hirsch, „wollen wir ein Wettrennen veranstalten?“
„Felix“, rief Flocke, „hör jetzt auf.“
Der Hirsch reagierte gar nicht auf den kleinen Schneehasen, der ihn provozieren wollte.
„Schaut nur, was ich kann“, rief Felix den anderen zu.
Zum Zeichen, was für ein toller Kerl er war, vollführte dieser mächtige Sprünge.
„Ja, ja, du bist ein toller Kerl“, sagte das Reh. „Und jetzt wäre es uns lieb, wenn ihr an einem anderen Ort spielen könntet.“
„Geht ihr doch weg, wenn es euch nicht passt. Wir bleiben hier“, sagte Felix patzig.
In dem Moment machte er einen mächtigen Sprung und übersah dabei die dicke Baumwurzel, die völlig vereist unter dem Schnee lag. Er landete so unglücklich mit der rechten Pfote auf ihr, dass sie gebrochen war.
 „Au“, schrie Felix, „dass tut so verflixt weh.“
„Hab ich es dir nicht gesagt“, schimpfte der Hirsch. „Wer nicht hören will, muss fühlen. Das hast du jetzt von deiner großen Klappe.“
Doch Felix hatte gar keine große Klappe mehr. Ganz im Gegenteil. Dicke Tränen kullerten aus seinen Augen, denn seine Pfote schmerzte ziemlich stark.
„Was machen wir denn jetzt nur?“, fragte Flocke panisch. „Wir können Felix doch nicht einfach hier liegen lassen. Dann erfriert er doch.“
„Wo sind denn eure Eltern?“, fragte das Reh. „Hol deine Mama, damit sie ihm hilft.“
„Unsere Eltern leben nicht mehr“, weinte Flocke, „und wenn mein Bruder jetzt auch noch stirbt, dann bin ich ganz alleine auf der Welt.“
„Lasst uns überlegen, was zu tun ist“, lenkte der Hirsch nun ein, denn die beiden kleinen Hasenkinder taten ihm nun doch leid.
„Mir ist so kalt und mein Bein schmerzt ganz doll“, jammerte Felix.
„Tragt Laub zusammen“, ordnete der Hirsch an, „wir wollen den Kleinen damit bedecken, sonst erfriert er uns.“
Sofort liefen alle auseinander, scharrten den Schnee beiseite und sammelten Laub. Bald lag Felix jammernd unter einem dicken Laubhaufen.
„Das Bein muss geschient werden“, meinte das Reh. „Der Hase braucht einen Arzt.“
„Aber wie soll das gehen?“, fragte der Hirsch.
Vielleicht kann ich euch helfen“, schlug das Eichhörnchen vor.
„Und wie?“, fragte das Reh.
„Ich könnte zum Haus des Försters laufen“, antwortete das Eichhörnchen, „sein Sohn spricht mit den Tieren im Wald. Dann könnte der Junge seinem Vater von Felix erzählen.“
„Weißt du denn, wo der Förster wohnt?“, fragte Flocke.
„Er wohnt in einem Haus am Waldrand. Aber es ist ein ganz schön weiter Weg bis dort hin. Alleine möchte ich nicht gehen.“
„Dann komme ich mit“, sagte Flocke sofort und an seinen Bruder gerichtet. „Felix hörst du, wir holen Hilfe.“
„Ja“, jammerte Felix. „Bitte lauft so schnell ihr könnt.“
Sogleich machten sich die beiden auf den Weg. Völlig erschöpft erreichten sie nach einiger Zeit ihr Ziel. Inzwischen war es dunkel geworden, doch man sah Licht hinter einem Fenster.
Schnell sprang das Eichhörnchen auf die Fensterbank und sah in den Raum hinein.
„Der Junge sitzt vor dem Fernseher“, rief das Eichhörnchen. „Ich werde jetzt an die Scheibe zu klopfen. Vielleicht hört er uns.“
„Ist gut“, meinte Flocke, „hoffentlich klappt es.“
Das Eichhörnchen klopfte so laut es konnte, doch der Junge hörte ihn nicht. Der Fernseher war einfach zu laut.
„Wir müssen Kieselsteinchen suchen“, rief das Eichhörnchen. „Wenn ich die gegen die Scheibe werfe, dann hört er mich vielleicht.“
Es klappte tatsächlich. Der Junge drehte sich zum Fenster um und kam dann nach draußen.
„Hallo“, rief er, „was macht ihr denn hier?“
„Du musst uns helfen“, sagte Flocke aufgeregt. „Mein Bruder hat sich die Pfote gebrochen. Er liegt im Wald bei der Futterkrippe und hat ganz furchtbare Schmerzen. Er muss dringend zu einem Tierarzt gebracht werden.“
„Ach herrje, dass ist ja eine Katastrophe“, rief der Junge. „Ich werde es gleich meinem Vater erzählen. Dann fahren wir in den Wald. An der Futterkrippe liegt er, sagt ihr.“
„Ja, an der Futterkrippe unter einem Laubhaufen.“
„Wollt ihr mit uns fahren?“, fragte der Junge.
Das Eichhörnchen und der Schneehase sahen sich an. Sie hatten Angst, in diese dröhnende Blechdose, die die Menschen Auto nennen, einzusteigen. Doch ihre Beinchen waren eine so lange Strecke gelaufen, dass die zwei doch einwilligten. Es war sehr bequem und schön warm in der Blechkiste.
Nach einiger Zeit trafen sie an der Futterkrippe ein. Sofort liefen die Rehe und der Hirsch fort. Sie versteckten sich im Unterholz, um die Rettungsaktion zu beobachten.
„Ach du armer kleiner Kerl“, sagte der Förster und nahm Felix auf seinen Arm. „Komm her, ich bringe dich zu einem Tierarzt.“
„Aber dann muss Flocke auch mitkommen“, sagte der Junge, „die Eltern der beiden leben nicht mehr und er wäre ganz allein.“
„Selbstverständlich nehmen wir ihn auch mit.“
So wurde Felix gerettet. Die beiden Schneehasen verbrachten den ganzen Winter beim Förster und seiner Familie. Als das Frühjahr kam, war die Pfote des kleinen Schneehasen wieder verheilt. Deshalb verabschiedeten sie sich von den Menschen und gingen zurück in ihren geliebten Wald.
Felix war nach diesem Geschehen wie ausgewechselt. Niemals wieder war er so frech und aufsässig wie an dem Tag, als er den Unfall erlitt.

© Martina Pfannenschmidt, 2014



Familie Dachs

Tief unten im Bau der Dachse war es ziemlich dunkel, denn kaum ein Sonnenstrahl gelangte dort hin.
Harry und Sally, das Dachsehepaar, bewohnten schon seit einiger Zeit diesen Erdbau.
Sie beendeten vor kurzem ihre Winterruhe und warteten in den kommenden Tagen auf ihren ersten Nachwuchs.
„Harry“, sagte Sally an diesem späten Nachmittag, „ich glaube, jetzt dauert es nicht mehr lange, bis unsere Kinder geboren werden.“
„Soll ich schon einmal loslaufen und nach einem Arzt Ausschau halten?“, fragte ihr Mann aufgeregt.
„Aber Harry“, lachte die Dachsfrau ihn aus. „Ich brauche dazu keinen Arzt. Unsere Kinder werden ganz natürlich zur Welt kommen, wie alle anderen Tierbabys auch.“
„Ach so“, erwiderte der Dachsmann ein wenig beleidigt. Er hatte es ja nur gut gemeint.
„Was denkst du, wollen wir zu Abend essen?“, fragte er etwas später.
„Ich denke“, antwortete Sally ruhig, „es wird besser sein, wenn du alleine gehst. Ich habe keinen Appetit. Vielleicht später.“
„Und ich darf dich wirklich alleine lassen?“, fragte der Dachs besorgt.
„Mach dir keine Sorgen“, antwortete Sally.
„Dann geh ich jetzt“, rief Harry und verschwand Richtung Ausgang. Dort angekommen rannte er nicht sofort weiter, obwohl sein Magen doch so laut knurrte, er ließ sich Zeit, sah sich ausgiebig um und schnupperte, ob sich auch keine Feinde in der Nähe befanden.
Nach einer Weile verließ er dann die sichere Höhle und ging auf Nahrungssuche. Mit seinen langen Krallen, die sich an seinen Vorderfüßen befanden und mit denen er sogar in der Lage war, tiefe Höhlen zu buddeln, scharrte er im Waldboden nach Nahrung.
Zuerst fand er einen Regenwurm. Anschließend verspeiste er noch eine Schnecke. Weil er noch nicht satt war, aß er auch noch leckere Beeren, die er an einem Strauch fand.
Als er satt war, lief er zurück zu seinem Bau.
Der Bau, in dem er und Sally wohnten, war über mehrere lange Röhren zu erreichen und lag in einer Tiefe von über 4 m. Das war ganz schön tief.
Harry wurde ganz unruhig, als er in die Nähe kam, denn irgendetwas stimmte nicht. Er nahm einen Geruch wahr, den er nicht kannte. Hoffentlich war alles in Ordnung mit Sally.
Als er die mit Blättern und Moosen ausgepolsterte Höhle betrat, traute er seinen Augen kaum. Zwei kleine weiße Dachse lagen neben Sally. Ganz alleine hatte seine tapfere kleine Frau ihre Kinder zur Welt gebracht. Harry war gerührt.
„Sally, meine Liebe“, sagte er. „Das sind die prachtvollsten Kinder, die ich jemals gesehen habe.“
„Nicht wahr, sie sind wunderhübsch“, antwortete Sally voller Stolz.
Harry kam näher und beschnupperte die Kleinen.
„Es sind zwei Jungs“, sagte Sally. „Wir müssen ihnen noch Namen geben.“
„Was hältst du davon“, schlug Harry vor, „wenn wir sie Max und Moritz nennen.“
„So machen wir es“, antwortete Sally. „Die Namen gefallen mir wirklich gut.“
Die Dachseltern waren den ganzen Sommer über mit der Aufzucht ihrer Kinder beschäftigt.
Heute wurden Max und Moritz von ihrem Vater unterrichtet, denn auch Dachskinder müssen viel lernen.
„Wisst ihr, Kinder“, meinte Papa Dachs, „so ein Dachsbau, wie der, in dem wir leben, kann über viele, viele Jahre benutzt werden. Jede Generation dehnt ihn weiter aus und fügt weitere Wohnkammern hinzu. Man erzählt sich, dass es in England einen Dachsbau gibt, der sagenhaft viele Kammern umfasst und noch mehr Eingänge hat als unsere Erdhöhle. Und alle sind mit ganz, ganz vielen Tunneln miteinander verbunden“.
„Ui“, rief Max, „da müssen wir aber noch ganz viel buddeln, bis unser Erdbau auch so groß ist“.
„Da hast du Recht“, sagte Papa.
Harry und Sally waren heute bei Freunden zum Geburtstag eingeladen. Die Kinder wollten sie nicht begleiten, sondern lieber in der Höhe bleiben und dort spielen.
„Nun gut“, sagte Sally. „Wir werden nicht lange fort bleiben. Ihr müsst mir aber versprechen, hier unten in der sicheren Höhle zu bleiben und sie nicht zu verlassen. Das ist viel zu gefährlich. Hört ihr?“
„Ja, Mama!“, riefen Max und Moritz. „Wir bleiben hier unten. Versprochen.“
„Dann gehen wir jetzt“, meinte Sally. „Bis gleich.“
„Tschüß Mama, Tschüß Papa“, riefen die beiden Kinder ihren Eltern nach.
Dann verbrachten die zwei eine ganze Zeit in der Höhle, bis es ihnen langweilig wurde.
„Komm Moritz“, forderte Max seinen Bruder auf. „Lass uns einmal oben schauen, ob es etwas zu entdecken gibt.“
Flugs machten sie sich durch einen Gang auf den Weg Richtung Ausgang. Sie blieben dort eine Weile stehen, sahen sich um und schnupperten, so, wie es ihre Eltern ihnen beigebracht hatten.
„Schau nur, Max“, rief Moritz. „Was ist das denn dort an dem Baum? Da haben die Menschen doch wieder etwas achtlos im Wald entsorgt. Wollen wir es uns einmal aus der Nähe anschauen?“
„Aber wir dürfen doch den Bau nicht verlassen. Wir haben es unserer Mutter versprochen“, mahnte Max seinen Bruder.
„Aber schau, dass ist doch gar nicht weit. Wenn Gefahr droht, dann können wir ganz schnell zurücklaufen“, meinte er.
Die Neugier war groß, denn das, was sie sahen, funkelte im Schein des Vollmondes.
Als die zwei näher kamen, schraken sie zurück. Wer waren denn die beiden, die ihnen direkt in ihre kleinen schwarzen Augen blickten. Das waren ja auch Dachse. Vorsichtig näherten sie sich. Sie betrachteten das eigenartige Ding, das dort am Baum gelehnt stand von allen Seiten und schnüffelten daran. Also - nach Dachs roch es nicht.
„Das verstehe ich nicht“, meinte Max. „Wenn ich hier vorne stehe, dann sehe ich einen Dachs, der genau aussieht, wie ich. Das Fell ist grau der Bauch ist schwarz und das Gesicht ist schwarz-weiß gestreift. Doch wenn ich dann zur Seite trete, dann ist er fort. Das ist komisch, oder?“
Das, was dort am Baum stand, nennen die Menschen Spiegel. Was ein Spiegel ist, dass wussten Max und Moritz nicht und das sie es selbst waren, die sich spiegelten, dass wussten sie natürlich auch nicht.
Moritz wurde wütend. „He, du komisches Ding“, rief er. „Was machst du hier. Warte nur, ich schups dich gleich.“
Dann nahm er seinen Vorderfuß und stieß den Spiegel an, so dass er umfiel – direkt auf einen Stein. Nun lagen ganz viele Glasscherben auf dem Waldboden.
„Ach herrje“, rief Max besorgt. „Was hast du nur gemacht?“
Moritz wurde ganz blass um die Nase.
„Wenn Mama und Papa das sehen, dann ahnen sie sofort, dass wir nicht auf sie gehört und die Höhle verlassen haben. Was machen wir jetzt nur?“ 
„Lass mich einmal überlegen. Mir wird schon etwas einfallen. - Aber dass ist doch ganz einfach“, rief Moritz dann aus. „Wir sammeln die kleinen Stückchen ein und bringen sie von hier fort. Dann bemerken unsere Eltern nichts.“
Das war eine gute Idee. Schnell nahm sich jeder eine Scherbe und schon war es passiert. Max und Moritz heulten laut auf, denn sie hatten sich an den Glasscherben geschnitten.
„O je, meine Pfote, sie blutet“, rief Max. „Meine Pfote blutet auch“, rief Moritz. „Wir haben uns an dem komischen Ding verletzt.“
„Wir müssen schnell zurück in unseren Bau“, jammerte Max. „Auweia, das gibt Ärger.“
Beide gingen humpelnd Richtung Bau, als sie ihre Mutter aus der Ferne rufen hörten: „Was macht ihr zwei denn hier draußen? Wir hatten doch gesagt, ihr sollt im Erdbau bleiben.“
Als Harry und Sally näher kamen, weinten ihre beiden Jungs bitterlich. Dann sahen die Eltern die Bescherung. Alle Vier gingen zurück in die Höhle. Sally holte für ihre Dachskinder ein Pflaster und während sie es aufklebte, erklärte sie ihnen, wie wichtig es ist, immer sehr vorsichtig und aufmerksam zu sein.
„Vielleicht war euch das heute eine Lehre“, meinte Mama „und ihr hört beim nächsten Mal auf das, was wir euch sagen.“
Max und Moritz nickten.
Dann erzählte sie ihren beiden Jungs eine Geschichte. Sie handelte von zwei kleinen Dachsen, die nicht auf ihre Eltern hörten und von Menschen, die achtlos ihren Müll im Wald entsorgen.


© Martina Pfannenschmidt, 2014