Sonntag, 15. November 2020

Die Zeiten sind schwierig

Reizwörter: Wärmflasche, Stillstand, versorgen, weinrot, schräg

Bei Lore und Regina findet ihr weitere Geschichten zu diesen Reizwörtern.

 

Gestern habe ich meine Oma besucht. Ich dachte mir, bevor noch mehr zum Stillstand kommt und ich sie vielleicht für eine längere Zeit nicht sehen darf, mach ich das noch schnell. – Nee, so nicht. Also, ich besuche meine Oma nicht ‚schnell‘, sondern gerne und immer mit großer Freude.

Wenn ihr euch nun meine Oma vorstellt, so denkt nicht an eine alte,   grauhaarige und hagere Person. Das ist sie nämlich nicht. Sie kann sich noch sehr gut selbst versorgen und außer ihrer weinroten Wärmflasche gegen ihre kalten Füße benötigt Oma keine weiteren Hilfsmittel für ihr Wohlbefinden.

Sie ist auch nicht verschroben oder ‚schräg‘ drauf; aber eine Person mit eigener Meinung, das ist sie durchaus.

Nun, gestern war ich also bei ihr und Oma war echt in ‚Fahrt‘. Das sieht dann so aus, dass sie redet wie ein Wasserfall und man denkt, man bekommt sie gar nicht mehr gestoppt.

„Was ist los mit dir?“, fragte ich sofort nach der Begrüßung, da ich ihr an der Nasenspitze ansah, dass sie sich über etwas geärgert hatte.

„Schau dir das an“, bat sie mich und legte mir ihr Handy vor die Nase, damit ich mir ein Video ansehen konnte. Währenddessen legte sie schon los: „Jeder kennt momentan wirklich nur ein Thema und jeder scheint besser zu wissen, wie wir das Schiff durch diesen Sturm navigiert bekommen.“

Das fand ich schon mal einen guten Vergleich. Ja, es ist ziemlich stürmisch da draußen und das beziehe ich jetzt nicht nur auf das Wetter, sondern auch und besonders auf die allgemeine Lage.

„Weißt du, was mich echt aufregt?“, wollte sie von mir wissen, ohne natürlich auf meine Antwort darauf zu warten. „Der eine schiebt es auf den anderen. Weißt du, wie ich meine?“ Ich nickte nur, weil ich wusste, dass ich nicht dazwischenreden sollte. „Ja, also, wenn DIE sich nicht SO verhalten hätten und die anderen SO, also kurzum, wenn sich einfach ALLE anderen SO verhalten hätten, wie ICH, hätte dieses furchtbar schlimme Virus gar keinen Boden mehr und wäre längst weg oder erst gar nicht da - und … ?“, an dieser Stelle machte sie eine künstliche Pause und setzte ein großes Fragezeichen, „weshalb soll das Virus so schnell wieder gehen, wie es gekommen ist? Na, was denkst du, weshalb?“

Ich dachte mir schon etwas, doch Omas Gedanken nahmen eine ganz andere Richtung. Außerdem fand sie die Bremse wieder einmal nicht und fuhr schon fast bei Rot über die Ampel, weshalb ich lieber schwieg, während sie fortfuhr: „Weil alles bitte so bleiben soll, wie es war. Wir wollen uns und unser Verhalten nämlich nicht verändern. Wir wollen es genauso haben, wie es war. Wir alle. Und wir wollen schneller, weiter, höher und vor allen Dingen von allem noch ein bisschen mehr. Wir wollen uns keine Gedanken machen darüber, wie es unseren Mitmenschen, den Tieren, dem Meer, der Natur geht. Wir wollen weiterhin mehrmals im Jahr in den Urlaub fahren und uns nicht darum kümmern, wie wir die Welt für unsere Nachkommen hinterlassen. Wir wollen, dass alles so bleibt, weil es bequem ist und wir es uns in unserem Leben gerade so schön gemütlich eingerichtet haben. Etwas verändern? Das können ja die anderen tun, auf die wir mit dem Finger zeigen und uns damit eine weiße Weste verschaffen. Weißt du, wie ich meine?

Wahrscheinlich fragst du dich jetzt, was das denn alles mit dem Virus zu tun haben soll. Ich sage es dir: Was, wenn das Virus da ist, weil es uns etwas zu sagen hat? Was, wenn es uns wachrütteln soll und uns vor Augen führen soll, wohin wir das Schiff ‚Erde‘ und damit uns alle navigiert haben?“

Ich wusste genau, was sie mir sagen wollte und auch, dass das Gewitter noch nicht vorbei war und ich noch schweigen sollte.

„Der Mensch da in dem Video schimpft über die Politiker im Allgemeinen und unsere Kanzlerin im Besonderen. Gut, ich kann auch nicht alles nachvollziehen, was dort beschlossen wird. Doch weißt du, was ich mich noch frage? Was würde genau dieser Mensch an der Stelle eines Politikers im Bundestag tun? Er würde genauso Fehler machen und wäre ebenso überfordert mit dieser Situation. Aber dennoch denke ich, dass jeder doch zumindest bemüht sein wird, an seinem Platz und für uns alle sein Bestes zu geben und dass alle Verantwortlichen uns Menschen im Blick haben und dass sie dazu fähig und bereit sind, positive Veränderungen herbeizuführen.“

Oma legte eine Pause ein. Aber nicht, dass ihr denkt, das war es schon. Nee, Oma musste nur einen Schluck Wasser trinken. Ihre Kehle war wohl schon ganz trocken geworden.

„Weißt du, Melissa“, und ihre Stimme klang in diesem Moment fürsorglich und ich merkte, das Schlimmste war vorüber und Oma fände zu ihrer gewohnten Ruhe zurück, „ich weiß ja, dass es auch nicht richtig ist, dass ich mich jetzt so aufrege. Damit sage ich ja genau wie dieser Mann dort, dass ich etwas als nicht richtig empfinde – und genau das möchte ich gar nicht. Ich frage mich allerdings ernsthaft, warum ist das Virus da? Und das weltweit? Wir werden ganz schön in unsere Schranken gewiesen, wie ich finde und deshalb muss doch irgendwie ein tieferer Sinn hinter all dem stecken.

Sollen wir vielleicht alle einmal ‚herunterkommen‘ von unserem hohen Ross und innehalten? Sollen wir geradezu zur Ruhe ‚gezwungen‘ werden, um uns nicht mit allen möglichen Dingen abzulenken, sondern in uns hineinhören, ob wir überhaupt noch auf dem richtigen Weg sind? Jeder für sich auf seinem eigenen persönlichen Weg und wir alle weltweit?“

Kleine Pause.

„Es hat für mich den Anschein, als käme alles einmal auf den ‚Prüfstand‘“, fuhr sie fort, „und ich bin gespannt, was von dem, was für uns gang und gäbe war und ist, ‚nach Corona‘ noch seinen Platz haben wird. Und ich glaube, dass Angst unser größter Feind ist in dieser Zeit. Wäre es stattdessen nicht sinnvoll, wieder ins Vertrauen zu kommen? Vertrauen darin, dass alles seinen höheren Sinn hat und das wir erkennen dürfen, dass wir den ‚großen Plan‘, der hinter allem steht, eben nicht kennen.“

Nach einer Weile fuhr sie fort: „Uns ging es niemals so gut, wie in den letzten Jahrzehnten. Und wir sollten uns vielleicht mal fragen, ob wir das überhaupt noch zu schätzen gewusst haben. Wir haben vielleicht zu Vieles als gegeben hingenommen, ohne groß darüber nachzudenken. War uns eigentlich klar, dass wir alle dazu beitragen müssen, wenn sich etwas verbessern oder Gutes erhalten bleiben soll? Oder hat jeder nur an sein eigenes Wohl gedacht und sein eigenes Süppchen gekocht? – Und war und ist uns eigentlich gar nicht klar, dass wir zwar unseren freien Willen geschenkt bekommen haben, dass es aber dennoch Grenzen für uns gibt und uns ‚von oben‘ Einhalt geboten werden wird, wenn wir unseren Planeten an den Abgrund bringen?

Wir alle sollen zueinander Abstand halten in dieser Zeit. Das ist das oberste Gebot der Stunde. Aber ist es nicht so, dass der eigentliche Abstand zwischen uns viel größer ist, als der geforderte? Denken und empfinden wir uns überhaupt als Einheit, als weltweite menschliche Gemeinschaft? Sind wir uns eigentlich dessen bewusst, dass wir alle miteinander und untereinander verbunden sind und nur miteinander gute Veränderungen herbeiführen können?“

Oma stand auf und holte eine Zeitschrift. „Darf ich dir daraus etwas vorlesen?“

„Na klar“, antwortete ich, während Oma eine Seite aufschlug und vorzulesen begann *): „Jedes Jahr wieder bin ich beeindruckt von dem Schauspiel, das sich in diesen Wochen im Wald abspielt. Wie verabredet erscheinen tausende von Pilzen in allen Farben und Formen an der Oberfläche. Es sind die Fruchtkörper eines großen Organismus, der die meiste Zeit des Jahres im Verborgenen existiert. Wenn die Zeit dafür reif ist, drängen alle mit ihren Schirmchen ans Licht. Das Pilzmyzel ist das Überlebenskonzept des Waldes. Die zarten Hyphen verbinden sich mit den Würzelchen der Bäume, so dass sich die Bäume unterirdisch die Hand reichen und miteinander kommunizieren können. Der Wald hält zusammen. Jeder einzelne Baum weiß, dass sie nur gemeinsam ein Klima erschaffen können, das ihr Fortbestehen ermöglicht. Gerade in diesem heißen und trockenen Sommer war das überlebensnotwendig. Und genau das empfinde ich auch gerade in meinem Umfeld. Ich spüre deutlich ein Netzwerk von Menschen, die in die gleiche Richtung schauen und sich gegenseitig unterstützen. Die Zeiten sind schwierig, niemand kann voraussagen wie und was noch alles kommen wird. Es herrscht dieses mulmige Gefühl vor, dass man nicht weiß, wie das eigene Business und Leben von einer wie auch immer gearteten höheren Macht bestimmt wird. Und doch sitzen wir in dieser prekären Situation alle in einem Boot. Wir können zetern und schreien und Panik machen oder uns die Hand reichen, uns unterstützen, nacheinander schauen und uns unter die Arme greifen. Es ist eine typische Reaktion, dass der Zusammenhalt wächst, wenn eine Gemeinschaft unter Druck gerät. Auch wir wissen instinktiv, dass wir gemeinsam besser durch Krisen kommen als allein. Ich wünsche mir, dass mit den Pilzen auch ganz viele menschliche Netzwerke sichtbar und spürbar werden und wir die nächsten Monate gut überstehen, damit es im nächsten Frühjahr konsolidiert und mit neuen kreativen Ideen weitergehen kann.“

Oma legte die Zeitschrift wieder aus der Hand und ich nickte zustimmend.

„Die kommenden Wochen, Monate, ja vielleicht sogar Jahre werden zeigen, inwieweit wir bereit sind, die Veränderungen, die kommen müssen, auch wirklich umzusetzen. Hand in Hand und mit einem großen Vertrauen in das göttliche Wirken UND gemeinsam werden wir es schaffen, aber nicht einer gegen den anderen.“

Dem war von meiner Seite aus nichts mehr hinzuzufügen.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2020 

*) Es handelt sich dabei um Worte und Gedanken von Anita Maas.

 

 Diese Geschichte nimmt an Elkes 'froher und kreativer Linkparty' teil.

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Kommentare:

  1. Gute Gedanken in eine kluge Unterhaltung verpackt. Das mit der roten Ampel hat mir gefallen, aber eine Frage am Rande: Bei dem Wasserfall hast du nicht zufällig an eine bestimmte Person in deinem Freundeskreis gedacht?
    Wünsche dir einen schönen Sonntag. LGLore

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    1. Ich kann dir nicht sagen, wer mir da vor Augen stand. - Könnte sein, dass es eine dir gut bekannte Person ist. - Kicher! - Danke dir für den Besuch und den Kommentar! LG

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  2. Liebe Martina,
    viele Gedanken zur derzeitigen Lage hast du in deine Geschichte gepackt, ich kann viele von ihnen nachvollziehen, die mir ähnlich begegnet sind, aber es sind auch neue dabei, die meine Zustimmung finden. Sehr gut gemacht!
    Den Wasserfall kenne ich übrigens auch :)
    Herzliche Grüße
    Regina

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    1. Aber es ist schon ein netter, 'unser' Wasserfall! :-) - Danke für Besuch und Kommentar und noch einen ganz schönen Restsonntag für dich! Martina

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  3. kluge Gedanken..schön verpackt
    wohl dem der so eine Großmutter hat ;)

    liebe Grüße
    Rosi

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    1. Liebe Rosi, hab Dank für deinen Besuch und auch für den liebenswerten Kommentar. LG Martina

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