Es war einmal ein Pinguin namens Knut, dem es in der Antarktis einfach zu kalt war. Während sich seine Artgenossen eng zusammenkuschelten, stand Knut etwas abseits.
Unter einem Flügel trug er ein kleines Köfferchen
und um den Hals einen rot-weiß gestreiften Schal.
Knuts Pinguin-Opa Olaf, dessen Gefieder bereits
ein leichtes Grau aufwies, fragte, als er seinen Enkel so dastehen sah,
schmunzelnd: „Na, mein Junge, bist du wieder einmal auf dem Weg nach
Australien? Da wolltest du doch beim letzten Mal hin, um dort zu surfen, nicht
wahr? Aber wenn ich mich recht erinnere, kamst du nur bis zur nächsten
Robbenbank und warst schneller zurück, als erwartet.“
Knut überhörte den Sarkasmus in Opas Stimme und
verkündete: „Nein, Opa! Ich wandere aus! Ich habe nämlich keine Lust mehr, mir bei
minus 40 Grad einen Fisch zu angeln und deshalb gehe ich nach Mallorca. Dort
muss man nämlich nicht in eiskaltem Wasser nach Fischen tauchen, sondern sie
liegen einfach dort und man kann sie sich holen. Die Menschen nennen das
Buffet. Und auf dieser Insel scheint die Sonne immer so doll, dass man seine
Augen schützen muss. Und was ich unbedingt auch sehen möchte, ist, dass man seine
Fettschicht nicht innen, sondern außen trägt. Weißt du, Opa, genauso möchte ich
leben und deshalb will ich da hin.“
„Na dann“, erwiderte Opa gelassen, „lass dich
nicht aufhalten!“
Knut hatte seinen Plan wirklich akribisch ausgearbeitet.
Sein wichtigstes Accessoire war eine selbstgebastelte Sonnenbrille aus zwei
dunklen Bierflaschendeckeln, die er mit einem Gummiband um seinen Kopf fixieren
konnte.
Der Plan war perfekt, oder wäre perfekt gewesen,
hätte nicht just in dem Moment der erste heftige Schneesturm des Jahres
eingesetzt. Normalerweise war das für Pinguine kein Problem; sie steckten
einfach den Kopf in den Nacken des Vordermanns und warteten den Sturm ab, aber
Knut war ja bereits auf dem Weg und leider trug er auch schon seine
Flaschendeckel-Sonnenbrille, weshalb er die Welt um sich herum nur sehr vage
wahrnehmen konnte.
Das war dann auch der Grund, weshalb er nach einigen
Metern Fußmarsch gegen etwas Hartes prallte. Er dachte, er sei gegen eine Palme
gestoßen, doch in Wahrheit war er gegen die Tür einer Forschungsstation gelaufen.
Die Männer dort schauten sich ein bisschen verwirrt
an. „Nanu, wer klopft denn da?“, fragten sie sich und öffneten gespannt die
Tür.
Davor stand Knut. Erwartungsvoll watschelte er
sogleich los, stolperte allerdings über die Türschwelle, kam auf dem frisch
gewachsten Linoleum ins Rutschen, fand mit seinen Schwimmfüßen keinen Halt und
schlitterte mit mindestens 20 Stundenkilometern Pinguin-Geschwindigkeit unkontrolliert
in den Speiseraum der Station.
Da es dort etwas zu feiern gab, hatten die
Forscher gerade ein leckeres Buffet aufgebaut, an dessen Tischkante Knut unsanft
zum Stehen kam. Die Schüssel mit dem Nudelsalat kam dabei mächtig ins Wanken
und wäre fast auf seinem Kopf gelandet.
Die Männer starrten Knut ungläubig an, während er
seine Flaschendeckel-Brille zurechtrückte.
Der Stationsleiter lachte laut und fragte dann:
„Na, du kleiner Abenteurer, hast du Hunger?“
Dabei nahm er einige riesige fangfrische
Riesengarnelen von einem Teller und hielt sie Knut hin. Gierig schnappte er zu
und schluckte die Luxus-Häppchen ohne vorher danach getaucht zu haben und ohne
sich schockgefrostet zu fühlen. Nur sitzen, Schnabel aufmachen und fressen. Genauso
hatte er sich das Leben auf Mallorca vorgestellt.
Zehn Minuten und einige Garnelen später wurde
Knut jedoch sanft wieder nach draußen manövriert.
Daraufhin watschelte er zurück zu seiner Kolonie,
wo Opa Olaf bereits auf ihn wartete.
„Und?“, fragte dieser ein wenig spöttisch. „Wie
war die große weite Welt?“
„Fantastisch!“, antwortete Knut. „Stell dir nur
vor, Opa, auf Mallorca werden die Garnelen auf silbernen Tabletts serviert und
niemand muss nach ihnen tauchen.“
Seit diesem Tag ist Knut der einzige Pinguin der
Antarktis, der im Winter nicht mehr mit den anderen Pinguinen zusammenrückt,
sondern mit einer Sonnenbrille aus Flaschendeckeln vor der Tür der
Forschungsstation wartet und auf das nächste „All-you-can-eat“-Buffet hofft.
© Martina Pfannenschmidt, 2026
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen