Sonntag, 25. Januar 2026

All-you-can-eat

Es war einmal ein Pinguin namens Knut, dem es in der Antarktis einfach zu kalt war. Während sich seine Artgenossen eng zusammenkuschelten, stand Knut etwas abseits.

Unter einem Flügel trug er ein kleines Köfferchen und um den Hals einen rot-weiß gestreiften Schal.

Knuts Pinguin-Opa Olaf, dessen Gefieder bereits ein leichtes Grau aufwies, fragte, als er seinen Enkel so dastehen sah, schmunzelnd: „Na, mein Junge, bist du wieder einmal auf dem Weg nach Australien? Da wolltest du doch beim letzten Mal hin, um dort zu surfen, nicht wahr? Aber wenn ich mich recht erinnere, kamst du nur bis zur nächsten Robbenbank und warst schneller zurück, als erwartet.“

Knut überhörte den Sarkasmus in Opas Stimme und verkündete: „Nein, Opa! Ich wandere aus! Ich habe nämlich keine Lust mehr, mir bei minus 40 Grad einen Fisch zu angeln und deshalb gehe ich nach Mallorca. Dort muss man nämlich nicht in eiskaltem Wasser nach Fischen tauchen, sondern sie liegen einfach dort und man kann sie sich holen. Die Menschen nennen das Buffet. Und auf dieser Insel scheint die Sonne immer so doll, dass man seine Augen schützen muss. Und was ich unbedingt auch sehen möchte, ist, dass man seine Fettschicht nicht innen, sondern außen trägt. Weißt du, Opa, genauso möchte ich leben und deshalb will ich da hin.“

„Na dann“, erwiderte Opa gelassen, „lass dich nicht aufhalten!“

Knut hatte seinen Plan wirklich akribisch ausgearbeitet. Sein wichtigstes Accessoire war eine selbstgebastelte Sonnenbrille aus zwei dunklen Bierflaschendeckeln, die er mit einem Gummiband um seinen Kopf fixieren konnte.

Der Plan war perfekt, oder wäre perfekt gewesen, hätte nicht just in dem Moment der erste heftige Schneesturm des Jahres eingesetzt. Normalerweise war das für Pinguine kein Problem; sie steckten einfach den Kopf in den Nacken des Vordermanns und warteten den Sturm ab, aber Knut war ja bereits auf dem Weg und leider trug er auch schon seine Flaschendeckel-Sonnenbrille, weshalb er die Welt um sich herum nur sehr vage wahrnehmen konnte.

Das war dann auch der Grund, weshalb er nach einigen Metern Fußmarsch gegen etwas Hartes prallte. Er dachte, er sei gegen eine Palme gestoßen, doch in Wahrheit war er gegen die Tür einer Forschungsstation gelaufen.

Die Männer dort schauten sich ein bisschen verwirrt an. „Nanu, wer klopft denn da?“, fragten sie sich und öffneten gespannt die Tür.

Davor stand Knut. Erwartungsvoll watschelte er sogleich los, stolperte allerdings über die Türschwelle, kam auf dem frisch gewachsten Linoleum ins Rutschen, fand mit seinen Schwimmfüßen keinen Halt und schlitterte mit mindestens 20 Stundenkilometern Pinguin-Geschwindigkeit unkontrolliert in den Speiseraum der Station.

Da es dort etwas zu feiern gab, hatten die Forscher gerade ein leckeres Buffet aufgebaut, an dessen Tischkante Knut unsanft zum Stehen kam. Die Schüssel mit dem Nudelsalat kam dabei mächtig ins Wanken und wäre fast auf seinem Kopf gelandet.

Die Männer starrten Knut ungläubig an, während er seine Flaschendeckel-Brille zurechtrückte.

Der Stationsleiter lachte laut und fragte dann: „Na, du kleiner Abenteurer, hast du Hunger?“

Dabei nahm er einige riesige fangfrische Riesengarnelen von einem Teller und hielt sie Knut hin. Gierig schnappte er zu und schluckte die Luxus-Häppchen ohne vorher danach getaucht zu haben und ohne sich schockgefrostet zu fühlen. Nur sitzen, Schnabel aufmachen und fressen. Genauso hatte er sich das Leben auf Mallorca vorgestellt.

Zehn Minuten und einige Garnelen später wurde Knut jedoch sanft wieder nach draußen manövriert.

Daraufhin watschelte er zurück zu seiner Kolonie, wo Opa Olaf bereits auf ihn wartete.

„Und?“, fragte dieser ein wenig spöttisch. „Wie war die große weite Welt?“

„Fantastisch!“, antwortete Knut. „Stell dir nur vor, Opa, auf Mallorca werden die Garnelen auf silbernen Tabletts serviert und niemand muss nach ihnen tauchen.“

Seit diesem Tag ist Knut der einzige Pinguin der Antarktis, der im Winter nicht mehr mit den anderen Pinguinen zusammenrückt, sondern mit einer Sonnenbrille aus Flaschendeckeln vor der Tür der Forschungsstation wartet und auf das nächste „All-you-can-eat“-Buffet hofft.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

 Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

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