Dienstag, 27. Januar 2026

Erlebnisreise der besonderen Art

Erik war kein gewöhnliches Rentier. Schließlich gehörte er zur stolzen Flotte des Weihnachtsmannes. Er hatte besonders kräftige Hufe und ein seidiges, kaffeebraunes Fell. Doch Erik hatte ein Problem: Er litt unter chronischem Aufmerksamkeitsmangel, weil es in jedem Jahr das gleiche war. Kaum leuchtete Rudolphs rote Nase am Horizont auf, zog er alle Blicke auf sich. Doch sobald der 26. Dezember verstrichen war, interessierte sich kein Mensch mehr für Rudolph und schon gar nicht mehr für ein ‚normales‘ Rentier, wie ihn, das keine eingebaute Nebelleuchte in seinem Gesicht trug.

„Immer heißt es nur Rudolph, Rudolph, Rudolph“, brummelte Erik leise vor sich hin und kickte dabei frustriert gegen einen Eiszapfen, „dabei schuften wir anderen uns auch die Hufe wund. Und den Rest des Jahres bekommt keiner von uns mehr die Aufmerksamkeit der Menschen. Dann sind wir bloß Huftiere mit einem dekorativen Geweih.“

Doch dann kam ihm ein Geistesblitz. Warum sollte er für seinen Auftritt bis zum nächsten Dezember warten? Er brauchte nur einen Plan und … ein Transportmittel. Und dann war der Moment gekommen. Der Weihnachtsmann hielt gerade sein Mittagsschläfchen und brachte dabei lautstark die Nordpol-Hütte zum Beben, als sich Erik zum Schuppen desselben schlich. Dort stand sie: die goldene Prunkkutsche, poliert und flugbereit. „Eigentlich ist es ja kein Diebstahl“, flüsterte Erik sich selbst zu, „ich leihe sie ja nur kurz aus, damit sie sich nicht den Rest des Jahres nutzlos fühlt.“

Mit der Kutsche im Schlepptau – die dank einer Prise Sternenstaub fast von selbst schwebte – machte Erik sich auf den Weg in die nächste Stadt. Sein Ziel war das Reisebüro mit dem klangvollen Namen „Sonne, Schnee & Sensationen“. Genau dort wollte er hin. Genau dort waren er und seine Idee richtig.

Als die Glocke über der Tür bimmelte, traute der Leiter des Reisebüros, Herr Schmidt, seinen Augen kaum. Völlig unerwartet stand ein Rentier im Vorraum und hielt mit der Schnauze einen Flyer fest. Darauf stand in krakeliger Schrift: „Eriks Rentier-Rundflüge!“

„Ein... ein Rentier-Rundflug?“, stammelte Herr Schmidt und Erik nickte eifrig und deutete mit dem Geweih auf die prächtige Kutsche, die draußen vor dem Schaufenster im Parkverbot schwebte.

Herr Schmidt sah die Kutsche, er sah das Rentier und den Flyer und plötzlich sah er vor seinem geistigen Auge nur noch Dollarzeichen und goldene Kreditkarten. „Das ist genial!“, rief er aus und schlug mit der flachen Hand auf den Tresen. „Die Leute werden Schlange stehen!“

Binnen einer Stunde war die Marketingkampagne fertig und die außergewöhnliche Reisemöglichkeit verbreitete sich in Windeseile, so dass kurz darauf die erste Reisegruppe – eine Truppe abenteuerlustiger Touristen in knallbunten Daunenjacken – zum Abflug bereitstand. Sie kletterten kichernd in die goldene Kutsche, bewaffnet mit Decken, Kameras und Thermoskannen voll heißem Tee.

„Festhalten, Leute!“, rief Erik. „Jetzt geht’s los!“, wieherte er noch und nahm Anlauf. Er spürte das Adrenalin in seinem gesamten Körper. Das hier war sein ganz großer Moment! Endlich Ruhm! Endlich Selfies mit ihm im Mittelpunkt!

Er galoppierte los, die Hufe trommelten auf dem spiegelglatten, vereisten Boden. „Und ... Abflug!“, dachte er und wollte sich mit einem kräftigen Satz in die Lüfte schwingen, doch genau in diesem Moment passierte es: Seine Hinterhufe verloren den Halt auf einer besonders tückischen Eisplatte.

Erik schlitterte wie eine Comicfigur auf Bananenschalen. Die Kutsche hinter ihm geriet ins Schleudern, schlingerte von links nach rechts wie ein außer Kontrolle geratener Brummkreisel. „Ach du meine Güte!“, schrien die Passagiere noch, bevor die Fliehkraft gnadenlos zuschlug und sie wie buntes Konfetti im hohen Bogen aus der Kutsche flogen, um bald darauf mit wedelnden Armen im weichen Tiefschnee zu landen.

„NEEEIN!“, brüllte Erik laut – und riss seine Augen auf.

Um ihn herum: Stille. Nur das sanfte Knistern des Kaminfeuers im Stall war zu hören. Neben ihm kaute Rudolph friedlich auf seinem Heu herum. Seine Nase glimmte im Halbschlaf nur ganz schwach rötlich. Erik lag ganz in seiner Nähe in seinem kuscheligen Strohbett und seine Beine zuckten noch immer so, als würde er versuchen, auf Glatteis das Gleichgewicht zu halten.

Erik atmete tief durch. Kein Reisebüro, keine fliegenden Touristen, kein Ärger mit dem Weihnachtsmann wegen der entwendeten Kutsche, nur ein breites Grinsen auf seinem Gesicht.

„Weißt du was?“, murmelte er und rückte etwas näher an Rudolph heran. „Einmal im Jahr zu arbeiten ist völlig okay und im Rampenlicht zu stehen wird einfach überbewertet. Es ist gut, dass ich den Rest des Jahres meine Ruhe habe und vor allem festen Boden unter den Hufen.“

Zufrieden schloss er die Augen und träumte weiter – aber dieses Mal von grünen Wiesen und extrasaftigem Moos.

 

© Martina Pfannenschmidt 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!


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