Erik war kein gewöhnliches Rentier. Schließlich gehörte er zur stolzen Flotte des Weihnachtsmannes. Er hatte besonders kräftige Hufe und ein seidiges, kaffeebraunes Fell. Doch Erik hatte ein Problem: Er litt unter chronischem Aufmerksamkeitsmangel, weil es in jedem Jahr das gleiche war. Kaum leuchtete Rudolphs rote Nase am Horizont auf, zog er alle Blicke auf sich. Doch sobald der 26. Dezember verstrichen war, interessierte sich kein Mensch mehr für Rudolph und schon gar nicht mehr für ein ‚normales‘ Rentier, wie ihn, das keine eingebaute Nebelleuchte in seinem Gesicht trug.
„Immer heißt es nur Rudolph, Rudolph, Rudolph“,
brummelte Erik leise vor sich hin und kickte dabei frustriert gegen einen
Eiszapfen, „dabei schuften wir anderen uns auch die Hufe wund. Und den Rest des
Jahres bekommt keiner von uns mehr die Aufmerksamkeit der Menschen. Dann sind wir bloß
Huftiere mit einem dekorativen Geweih.“
Doch dann kam ihm ein Geistesblitz. Warum sollte
er für seinen Auftritt bis zum nächsten Dezember warten? Er brauchte nur einen
Plan und … ein Transportmittel. Und dann war der Moment gekommen. Der
Weihnachtsmann hielt gerade sein Mittagsschläfchen und brachte dabei lautstark
die Nordpol-Hütte zum Beben, als sich Erik zum Schuppen desselben schlich. Dort
stand sie: die goldene Prunkkutsche, poliert und flugbereit. „Eigentlich ist es
ja kein Diebstahl“, flüsterte Erik sich selbst zu, „ich leihe sie ja nur kurz
aus, damit sie sich nicht den Rest des Jahres nutzlos fühlt.“
Mit der Kutsche im Schlepptau – die dank einer
Prise Sternenstaub fast von selbst schwebte – machte Erik sich auf den Weg in
die nächste Stadt. Sein Ziel war das Reisebüro mit dem klangvollen Namen
„Sonne, Schnee & Sensationen“. Genau dort wollte er hin. Genau dort waren
er und seine Idee richtig.
Als die Glocke über der Tür bimmelte, traute der
Leiter des Reisebüros, Herr Schmidt, seinen Augen kaum. Völlig unerwartet stand
ein Rentier im Vorraum und hielt mit der Schnauze einen Flyer fest. Darauf
stand in krakeliger Schrift: „Eriks Rentier-Rundflüge!“
„Ein... ein Rentier-Rundflug?“, stammelte Herr Schmidt und Erik nickte eifrig und deutete mit dem Geweih auf die prächtige Kutsche, die draußen vor dem Schaufenster im Parkverbot schwebte.
Herr Schmidt sah die Kutsche, er sah das Rentier und den Flyer und plötzlich
sah er vor seinem geistigen Auge nur noch Dollarzeichen und goldene
Kreditkarten. „Das ist genial!“, rief er aus und schlug mit der flachen Hand
auf den Tresen. „Die Leute werden Schlange stehen!“
Binnen einer Stunde war die Marketingkampagne
fertig und die außergewöhnliche Reisemöglichkeit verbreitete sich in
Windeseile, so dass kurz darauf die erste Reisegruppe – eine Truppe
abenteuerlustiger Touristen in knallbunten Daunenjacken – zum Abflug bereitstand.
Sie kletterten kichernd in die goldene Kutsche, bewaffnet mit Decken, Kameras
und Thermoskannen voll heißem Tee.
„Festhalten, Leute!“, rief Erik. „Jetzt geht’s
los!“, wieherte er noch und nahm Anlauf. Er spürte das Adrenalin in seinem gesamten
Körper. Das hier war sein ganz großer Moment! Endlich Ruhm! Endlich Selfies mit
ihm im Mittelpunkt!
Er galoppierte los, die Hufe trommelten auf dem
spiegelglatten, vereisten Boden. „Und ... Abflug!“, dachte er und wollte sich
mit einem kräftigen Satz in die Lüfte schwingen, doch genau in diesem Moment
passierte es: Seine Hinterhufe verloren den Halt auf einer besonders tückischen
Eisplatte.
Erik schlitterte wie eine Comicfigur auf
Bananenschalen. Die Kutsche hinter ihm geriet ins Schleudern, schlingerte von
links nach rechts wie ein außer Kontrolle geratener Brummkreisel. „Ach du meine
Güte!“, schrien die Passagiere noch, bevor die Fliehkraft gnadenlos zuschlug
und sie wie buntes Konfetti im hohen Bogen aus der Kutsche flogen, um bald
darauf mit wedelnden Armen im weichen Tiefschnee zu landen.
„NEEEIN!“, brüllte Erik laut – und riss seine
Augen auf.
Um ihn herum: Stille. Nur das sanfte Knistern des
Kaminfeuers im Stall war zu hören. Neben ihm kaute Rudolph friedlich auf seinem
Heu herum. Seine Nase glimmte im Halbschlaf nur ganz schwach rötlich. Erik lag
ganz in seiner Nähe in seinem kuscheligen Strohbett und seine Beine zuckten
noch immer so, als würde er versuchen, auf Glatteis das Gleichgewicht zu
halten.
Erik atmete tief durch. Kein Reisebüro, keine
fliegenden Touristen, kein Ärger mit dem Weihnachtsmann wegen der entwendeten
Kutsche, nur ein breites Grinsen auf seinem Gesicht.
„Weißt du was?“, murmelte er und rückte etwas
näher an Rudolph heran. „Einmal im Jahr zu arbeiten ist völlig okay und im
Rampenlicht zu stehen wird einfach überbewertet. Es ist gut, dass ich den Rest
des Jahres meine Ruhe habe und vor allem festen Boden unter den Hufen.“
Zufrieden schloss er die Augen und träumte weiter
– aber dieses Mal von grünen Wiesen und extrasaftigem Moos.
© Martina Pfannenschmidt 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!
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