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Donnerstag, 15. Januar 2026

Ein Winterspaziergang mit Opa

Es war frisch an diesem Nachmittag im Januar, als Elias seine kleine Hand in die große seines Opas legte und mit ihm einen Spaziergang durch die Felder machte. Die Luft war feucht und kalt und die Natur lag noch im Winterschlaf.

Elias, dessen Wissensdurst so groß war, wie der Ozean, blieb plötzlich stehen und zeigte auf den Schornstein eines alten Bauernhauses.

„Duhu, Opa, warum steigt der Rauch aus dem Schornstein heute nicht nach oben? Guck doch mal, der kommt ja gar nicht hoch bis zum Himmel.“

Opa blieb lächelnd stehen, rückte seine Mütze zurecht und meinte. „Das hast du ganz richtig beobachtet, mein Junge. Pass auf, ich erkläre es dir. Du musst wissen, dass die Natur manchmal einen kleinen Zaubertrick anwendet. Dann legt sie nämlich eine unsichtbare warme Decke über uns an den Himmel und dort, wo die Decke liegt, ist es warm. Kannst du das verstehen?“

Elias nickte heftig. „Na klar, wenn ich mich im Bett zudecke, dann wird mir auch ganz warm darunter.“

Opa schmunzelte. „Ganz richtig! Und nun stell dir vor, dass der Rauch nur bis zu dieser Decke kommt. Er schafft es einfach nicht, sie wegzuschieben. Er kommt nicht gegen diese Decke an und deshalb verteilt er sich darunter, also direkt über dem Dach sozusagen. Schau, und diesen kleinen Zaubertrick dürfen wir jetzt gerade beobachten und müssen gar nichts dafür bezahlen.“

Elias war begeistert und blieb ein paar Schritte weiter schon wieder staunend stehen, als er einen riesigen Erdhaufen auf der Wiese sah. „Und warum ist dieser Maulwurfshügel so hoch, Opa?“

„Was meinst du? Vielleicht wollte der Maulwurf seinen eigenen Aussichtsturm bauen!“

Doch Elias war nicht dumm und knuffte Opa in die Seite. „Das ist Quatsch, Opa!“

„Na klar ist das Quatsch, es ist nämlich so, dass der kleine Kerl im Winter besonders viel Arbeit hat. Da es oben frostig ist, graben sich die Regenwürmer tiefer in die Erde. Der Maulwurf muss also hinter ihnen her und viel tiefere Gänge graben als im Sommer. Und wohin soll er mit der ganzen Erde? Die schiebt er einfach mit seinen kräftigen Schaufelpfoten nach oben. Also kannst du dir eines merken: Je höher der Hügel ist, desto fleißiger war der kleine Baumeister in der Tiefe.“

Während sie weiterschlurften, sprudelten weitere Fragen aus Elias heraus:

„Opa, warum glitzern die Gräser heute so schön?“
„Das ist gefrorener Tau, Elias. Die Nacht heute war so kalt, dass die Wassertropfen vor Schreck zu winzigen Eiskristallen erstarrt sind. Und jetzt kitzelt die Sonne sie wieder wach und weil sie sich darüber so freuen, glitzern sie wie kleine Diamanten.“

„Die Bäume haben ja im Winter keine Blätter, nä Opa?“

„Das ist richtig und das können wir ja auch sehen“, bestätigte Opa.

„Aber es wäre doch besser, wenn sie welche hätten, oder? Jetzt müssen sie doch frieren, oder nicht?“
„Nein, sie müssen nicht frieren. Schau, die Bäume machen es ein bisschen so wie die Bären und halten einen Winterschlaf. Dafür zieht sich das Wasser in ihre Wurzeln zurück. Würden die Bäume ihre Blätter behalten, würden diese im Winter durch das Wasser, das sich darin befindet, erfrieren. Jetzt, so ganz ohne Blätter, schlafen die Bäume tief und fest, bis der Frühling sie wieder weckt.“

„Und im Frühling kommen die Vögel zurück, nä Opa! Aber woher wissen sie, wann sie zurückfliegen können?“, wollte Elias dann noch wissen.
„Ich glaub, die haben so etwas wie einen Kompass in ihrem Inneren und sie spüren eine innere Unruhe, wenn die Tage wieder heller und wärmer werden. Das Licht sagt ihnen wohl: ‚Jungs, es ist Zeit für die Heimreise!'“

„Und die Mädchen?“, fragte Elias entsetzt.

Opa lachte. „Du hast natürlich recht. Das Licht sagt: ‚Jungs und Mädels, auf geht’s nach Hause!“

Elias blickte mit großen, bewundernden Augen zu seinem Opa auf und drückte dessen große, raue Hand ganz fest. „Opa?“, sagte er leise.

„Ja, mein Junge?“

„Wenn ich groß bin, will ich auch so viel wissen, wie du!“

Opa drückte ein wenig berührt die kleine Hand sanft zurück, während die Sonne langsam rot hinter den Hügeln versank. „Ich weiß das alles nur, weil ich schon ein bisschen länger auf dieser schönen Welt spazieren gehe als du. Und das Beste daran ist, dass ich es dir alles erzählen darf, so wie mein Opa es mir erzählt hat.“

Zufrieden und mit einem Kopf voller neuer Wunder machten sich die beiden auf den Heimweg, wo Oma bereits mit heißem Kakao wartete.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!



Freitag, 2. Januar 2026

Oma erzählt eine kleine Geschichte von Clara, der Clementine

An einem kuscheligen Januar-Nachmittag saßen Oma und ihr Enkel Ben gemeinsam am Küchentisch. Vor Ben lag eine leuchtend orangefarbene Clementine. In diesem Moment schob er sie seiner Oma zu und fragte: „Kannst du mir bitte helfen, sie auszuziehen?“

Oma musste schmunzeln. „Na klar helfe ich dir dabei. Schließlich trägt sie einen dicken Mantel, nicht wahr!“

„Jaaa!“, rief Ben, „einen dicken orangenen Mantel. Orange ist meine Lieblingsfarbe!“

„Deshalb magst du die kleinen süßen Früchtchen auch besonders gern, nicht wahr?“

Ben nickte zustimmend.

„Soll ich dir, während ich der Clementine aus dem Mantel helfe, eine kleine Geschichte über eine Clementine namens Clara erzählen?“

„Oh, jaaaaa!“

Während Oma begann, die Clementine zu schälen, sprach sie mit geheimnisvoller Stimme: „Also, die Clementine, von der ich dir erzählen möchte und die den Namen Clara trug, lebte in einer Obstschale zusammen mit einigen sehr großen und runden Orangen und das machte Clara ein bisschen traurig.“

„Warum?“, möchte Ben wissen.

„Sie war ein wenig traurig“, erzählte Oma weiter, „weil sie so viel kleiner war als die Orangen. Sie hatte das Gefühl, in dieser Obstschale völlig übersehen zu werden. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass die meisten Menschen eher nach einer Orange griffen.“

„Oma, sie soll nicht mehr traurig sein“, meinte Ben ein wenig betrübt. „Kannst du bitte machen, dass sie nicht mehr traurig ist. Ich bin doch auch klein und ich bin auch nicht traurig darüber.“

Oma lächelte. „Da hast du vollkommen recht. Und so kam es auch, denn bald kam ein kleines Mädchen in die Küche und fischte Clara aus der Obstschale. Sie nahm sie mit an den Küchentisch und bat ihre Mutter, ihr beim Ausziehen der Clementine zu helfen.“

„Genau wie ich!“

„Ganz genau! Und die Mutter des kleinen Mädchens erzählte eine Geschichte über die Clementine. Sie erzählte dem Mädchen, das Clementinen lauter geheime Superkräfte besitzen, die den Menschen dabei helfen, gesund zu bleiben, auch wenn es draußen bitterkalt und Winter ist. Und sie erzählte ihr, dass es super ist, dass Clementinen so klein sind, weil sie dann in Papas Brotdose passen und dass es so großartig ist, dass man sie so schnell ausziehen kann und dass sie keine so große Sauerei beim Schälen verursachen, wie es oftmals eine Orange tut.“

Ben freute sich. „Das stimmt!“

„Und hast du schon mal gesehen, wie schnell sich so eine Clementine durch das Obstregal im Geschäft kugeln kann?“, wollte Oma wissen. „Die ist 1000-mal schneller als so eine dicke Orange. Und als Clara all das hörte, was die Mama über sie erzählte und das Mädchen sich die süße Frucht gut schmecken ließ, wusste die Clementine plötzlich, dass sie zwar klein war, aber dennoch kugelrund vor Glück sein konnte.“

„Ich finde Clara auch suuuuuper. Alle Claras sind superlecker!“, freute sich Ben.

„So ist es, mein Junge! Und schau, jetzt ist sie bereit, von dir gegessen zu werden.“

Ben freute sich über die süßen kleinen Stückchen und nahm sich vor, Oma beim nächsten Mal, wenn sie gemeinsam am Tisch saßen und Obst aßen, zu fragen, ob sie ihm eine kleine Geschichte über einen Apfel erzählen kann.

© Martina Pfannenschmidt, 2026