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Freitag, 4. September 2026

Der Zauberhut

„Opa, warum liegt hier ein platter schwarzer Pfannkuchen aus Stoff im Schrank?“, fragte der kleine Phillip und hielt ein kreisrundes, flaches Etwas in die Höhe.

Opa fegte sich den unsichtbaren Staub von seinen Knien, sah das Ding und grinste übers ganze Gesicht. „Ah, mein alter Klappzylinder! Ich wusste gar nicht, dass ich den noch hab. Pass mal auf, mein Junge.“ Opa nahm das schwarze Teil, hielt es locker in der Hand und gab dem Rand mit dem Handballen der anderen Hand einen gezielten, lässigen Kick. Plopp! machte es und der Hut wurde lebendig. Der Junge staunte nicht schlecht, als plötzlich ein majestätisch anmutender Zylinder zum Vorschein kam. Ein solches Ding hatte er noch nie gesehen.

„Wow!“, rief er deshalb begeistert und riss die Augen weit auf. „Das ist ja ein schöner Hut?“

„Ein Hut?“, lachte Opa und setzte sich das Prachtstück schief auf den Kopf. „Das ist nicht nur einfach ein Hut, mein Junge. Das ist ein Zylinder! Ein edles Stück, das man nur zu ganz besonderen Anlässen trägt.“

Phillip konnte es sich gar nicht vorstellen, dass Opa so ein Ding tatsächlich getragen hatte.

„Natürlich hab ich den getragen!“, erzählte Opa und man sah seinen Stolz darüber an dem Funkeln in seinen Augen. „Ich trug ihn zum Beispiel bei einer sehr vornehmen Hochzeit im Freien. Ich spazierte gerade stolz über den Rasen, als eine Taube im Tiefflug über mich hinwegsauste und – patsch! – ein riesiges ‚Glückssignal‘ genau oben auf der Seide hinterließ. Ich wollte den Klecks unauffällig mit dem Taschentuch wegwischen, doch in meiner Hektik drückte ich versehentlich den Mechanismus aus. Der Zylinder klappte blitzschnell zusammen. Da richteten sich gefühlt alle Augen auf mich. Es war so peinlich, als ich hinterher mit meinem schwarz-weiß gesprenkelten Kunstwerk vor der Braut stand. – Aber vielleicht dachten auch einige, dass sei der neuste Modetrend aus Paris!“

„Ich hätte auch gelacht“, meinte Phillip und hielt sich lachend den Mund zu. „Und was ist noch passiert?“

„Oh, ein anderes Mal war ich im Theater“, erzählte Opa weiter. „Ich legte den Zylinder im zusammengeklappten Zustand auf meinen Sitz, weil ich kurz aufgestanden war, um ein Taschentuch aus meiner Hosentasche zu holen. Im selben Moment hatte ich den Zylinder schon wieder vergessen und setzte mich darauf. Als ich es bemerkte und wieder aufstand, machte es Plopp und wieder gab es einige im Publikum, die über mich und mein Missgeschick schmunzeln mussten.“

„Wenn immer was Blödes passiert, wenn du ihn trägst, ist es wohl besser, wenn er hier im Schrank liegen bleibt“, meinte Phillip und fragte: „Trägt den heute überhaupt noch irgendeiner?“

„Aber sicher! Denk nur an die Zauberer, die ihn benutzen, um Kaninchen oder endlose bunte Tücher daraus hervorzuzaubern. Also, wenn ich zaubern könnte“, meinte Opa verschmitzt, „würde ich mir statt Tüchern lieber Mettbrötchen zaubern. - Und im Reitsport, bei der Dressur, da gehört er auch zum guten Ton. Da sieht man nämlich extrem elegant aus, während man auf dem Pferd tänzelt.“

Opa nahm den Zylinder wieder ab und betrachtete ihn mit einem Schmunzeln.

„Darf ich auch mal?“, fragte Phillip hoffnungsvoll.

Opa setzte Phillip den Zylinder auf. Er war viel zu groß und rutschte dem Jungen bis über die Nasenspitze. „Opa! Ich sehe gar nichts mehr! Jetzt bin ich ein wandelnder Hut!“

„Perfekt!“, rief Opa. „Das ist die wichtigste Funktion des Zylinders: Er macht dich unsichtbar, wenn es Zeit ist, sich vor dem Aufräumen des Zimmers zu drücken!“

Phillip kicherte unter dem schwarzen Stoff. „Dann behalte ich ihn am besten gleich auf!“ Und so marschierte ein kleiner Junge, der nur aus zwei Beinen und einem riesigen schwarzen Zylinder zu bestehen schien, kichernd in sein Zimmer, während Opa ihm vergnügt zuschaute.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

Freitag, 2. Januar 2026

Oma erzählt eine kleine Geschichte von Clara, der Clementine

An einem kuscheligen Januar-Nachmittag saßen Oma und ihr Enkel Ben gemeinsam am Küchentisch. Vor Ben lag eine leuchtend orangefarbene Clementine. In diesem Moment schob er sie seiner Oma zu und fragte: „Kannst du mir bitte helfen, sie auszuziehen?“

Oma musste schmunzeln. „Na klar helfe ich dir dabei. Schließlich trägt sie einen dicken Mantel, nicht wahr!“

„Jaaa!“, rief Ben, „einen dicken orangenen Mantel. Orange ist meine Lieblingsfarbe!“

„Deshalb magst du die kleinen süßen Früchtchen auch besonders gern, nicht wahr?“

Ben nickte zustimmend.

„Soll ich dir, während ich der Clementine aus dem Mantel helfe, eine kleine Geschichte über eine Clementine namens Clara erzählen?“

„Oh, jaaaaa!“

Während Oma begann, die Clementine zu schälen, sprach sie mit geheimnisvoller Stimme: „Also, die Clementine, von der ich dir erzählen möchte und die den Namen Clara trug, lebte in einer Obstschale zusammen mit einigen sehr großen und runden Orangen und das machte Clara ein bisschen traurig.“

„Warum?“, möchte Ben wissen.

„Sie war ein wenig traurig“, erzählte Oma weiter, „weil sie so viel kleiner war als die Orangen. Sie hatte das Gefühl, in dieser Obstschale völlig übersehen zu werden. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass die meisten Menschen eher nach einer Orange griffen.“

„Oma, sie soll nicht mehr traurig sein“, meinte Ben ein wenig betrübt. „Kannst du bitte machen, dass sie nicht mehr traurig ist. Ich bin doch auch klein und ich bin auch nicht traurig darüber.“

Oma lächelte. „Da hast du vollkommen recht. Und so kam es auch, denn bald kam ein kleines Mädchen in die Küche und fischte Clara aus der Obstschale. Sie nahm sie mit an den Küchentisch und bat ihre Mutter, ihr beim Ausziehen der Clementine zu helfen.“

„Genau wie ich!“

„Ganz genau! Und die Mutter des kleinen Mädchens erzählte eine Geschichte über die Clementine. Sie erzählte dem Mädchen, das Clementinen lauter geheime Superkräfte besitzen, die den Menschen dabei helfen, gesund zu bleiben, auch wenn es draußen bitterkalt und Winter ist. Und sie erzählte ihr, dass es super ist, dass Clementinen so klein sind, weil sie dann in Papas Brotdose passen und dass es so großartig ist, dass man sie so schnell ausziehen kann und dass sie keine so große Sauerei beim Schälen verursachen, wie es oftmals eine Orange tut.“

Ben freute sich. „Das stimmt!“

„Und hast du schon mal gesehen, wie schnell sich so eine Clementine durch das Obstregal im Geschäft kugeln kann?“, wollte Oma wissen. „Die ist 1000-mal schneller als so eine dicke Orange. Und als Clara all das hörte, was die Mama über sie erzählte und das Mädchen sich die süße Frucht gut schmecken ließ, wusste die Clementine plötzlich, dass sie zwar klein war, aber dennoch kugelrund vor Glück sein konnte.“

„Ich finde Clara auch suuuuuper. Alle Claras sind superlecker!“, freute sich Ben.

„So ist es, mein Junge! Und schau, jetzt ist sie bereit, von dir gegessen zu werden.“

Ben freute sich über die süßen kleinen Stückchen und nahm sich vor, Oma beim nächsten Mal, wenn sie gemeinsam am Tisch saßen und Obst aßen, zu fragen, ob sie ihm eine kleine Geschichte über einen Apfel erzählen kann.

© Martina Pfannenschmidt, 2026