„Opa, warum liegt hier ein platter schwarzer Pfannkuchen aus Stoff im Schrank?“, fragte der kleine Phillip und hielt ein kreisrundes, flaches Etwas in die Höhe.
Opa fegte sich den unsichtbaren Staub von seinen
Knien, sah das Ding und grinste übers ganze Gesicht. „Ah, mein alter
Klappzylinder! Ich wusste gar nicht, dass ich den noch hab. Pass mal auf, mein
Junge.“ Opa nahm das schwarze Teil, hielt es locker in der Hand und gab dem
Rand mit dem Handballen der anderen Hand einen gezielten, lässigen Kick. Plopp! machte
es und der Hut wurde lebendig. Der Junge staunte nicht schlecht, als plötzlich
ein majestätisch anmutender Zylinder zum Vorschein kam. Ein solches Ding hatte
er noch nie gesehen.
„Wow!“, rief er deshalb begeistert und riss die
Augen weit auf. „Das ist ja ein schöner Hut?“
„Ein Hut?“, lachte Opa und setzte sich das
Prachtstück schief auf den Kopf. „Das ist nicht nur einfach ein Hut, mein
Junge. Das ist ein Zylinder! Ein edles Stück, das man nur zu ganz besonderen
Anlässen trägt.“
Phillip konnte es sich gar nicht vorstellen, dass
Opa so ein Ding tatsächlich getragen hatte.
„Natürlich hab ich den getragen!“, erzählte Opa
und man sah seinen Stolz darüber an dem Funkeln in seinen Augen. „Ich trug ihn
zum Beispiel bei einer sehr vornehmen Hochzeit im Freien. Ich spazierte gerade
stolz über den Rasen, als eine Taube im Tiefflug über mich hinwegsauste und
– patsch! – ein riesiges ‚Glückssignal‘ genau oben auf der
Seide hinterließ. Ich wollte den Klecks unauffällig mit dem Taschentuch
wegwischen, doch in meiner Hektik drückte ich versehentlich den Mechanismus aus.
Der Zylinder klappte blitzschnell zusammen. Da richteten sich gefühlt alle
Augen auf mich. Es war so peinlich, als ich hinterher mit meinem schwarz-weiß
gesprenkelten Kunstwerk vor der Braut stand. – Aber vielleicht dachten auch
einige, dass sei der neuste Modetrend aus Paris!“
„Ich hätte auch gelacht“, meinte Phillip und
hielt sich lachend den Mund zu. „Und was ist noch passiert?“
„Oh, ein anderes Mal war ich im Theater“,
erzählte Opa weiter. „Ich legte den Zylinder im zusammengeklappten Zustand auf
meinen Sitz, weil ich kurz aufgestanden war, um ein Taschentuch aus meiner
Hosentasche zu holen. Im selben Moment hatte ich den Zylinder schon wieder
vergessen und setzte mich darauf. Als ich es bemerkte und wieder aufstand,
machte es Plopp und wieder gab es einige im Publikum, die über mich und mein
Missgeschick schmunzeln mussten.“
„Wenn immer was Blödes passiert, wenn du ihn
trägst, ist es wohl besser, wenn er hier im Schrank liegen bleibt“, meinte Phillip
und fragte: „Trägt den heute überhaupt noch irgendeiner?“
„Aber sicher! Denk nur an die Zauberer, die ihn
benutzen, um Kaninchen oder endlose bunte Tücher daraus hervorzuzaubern. Also,
wenn ich zaubern könnte“, meinte Opa verschmitzt, „würde ich mir statt Tüchern
lieber Mettbrötchen zaubern. - Und im Reitsport, bei der Dressur, da gehört er
auch zum guten Ton. Da sieht man nämlich extrem elegant aus, während man auf
dem Pferd tänzelt.“
Opa nahm den Zylinder wieder ab und betrachtete
ihn mit einem Schmunzeln.
„Darf ich auch mal?“, fragte Phillip
hoffnungsvoll.
Opa setzte Phillip den Zylinder auf. Er war viel
zu groß und rutschte dem Jungen bis über die Nasenspitze. „Opa! Ich sehe gar
nichts mehr! Jetzt bin ich ein wandelnder Hut!“
„Perfekt!“, rief Opa. „Das ist die wichtigste
Funktion des Zylinders: Er macht dich unsichtbar, wenn es Zeit ist, sich vor
dem Aufräumen des Zimmers zu drücken!“
Phillip kicherte unter dem schwarzen Stoff. „Dann
behalte ich ihn am besten gleich auf!“ Und so marschierte ein kleiner Junge,
der nur aus zwei Beinen und einem riesigen schwarzen Zylinder zu bestehen
schien, kichernd in sein Zimmer, während Opa ihm vergnügt zuschaute.
© Martina
Pfannenschmidt, 2026
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