An einem Morgen, als der Frost die Gräser mit einer glitzernden Zuckerschicht überzogen hatte, hüpfte im tiefen Tannenwald das rote Eichhörnchen Puschel von Ast zu Ast.
Es verspürte
einen leichten Hunger in seinem kleinen Magen, weshalb es sich auf den Weg zu
seinem Winterversteck gemacht hatte.
„Da unten muss
es sein“, murmelte es und landete geschickt auf dem weichen Waldboden neben
einer alten Tanne.
Doch gerade,
als es mit seinen flinken Pfoten im Laub zu scharren begann, nahm es etwas aus
seinem Augenwinkel wahr. Dort lag ein Wesen, das das Eichhörnchen noch nie
zuvor gesehen hatte und sogleich begann sein kleines Herz, wie wild zu
schlagen.
Das Ding sah
braun und pelzig aus und es schien tot zu sein, jedenfalls bewegte es sich
nicht. Seine großen dunklen Knopfaugen, die starr in den Himmel blickten,
machten Puschel richtig Angst, weshalb er lieber zwei Schritte zurückwich und
seine Ohren aufstellte, um hören zu können, ob das Wesen vielleicht doch noch
atmete. Vielleicht hielt dieses Ding auch einen Winterschlaf? Aber was, wenn es
das gefährlichste Tier dieses Waldes war?
„Hallo, du
kleiner Angsthase!“, krächzte es in dem Moment von oben. Puschel zuckte
verschreckt zusammen und blickte hinauf. Dort saß ein Eichelhäher auf einem Ast und putzte sich
die blau schimmernden Federn.
„Das ist
ein Teddybär, du Dummchen. Die Menschenkinder
schleppen sie oft mit sich herum. Der beißt nicht, der will nur geknuddelt
werden“, sagte er und lachte sein krächzendes Lachen.
Zunächst
traute Puschel der Aussage des Eichelhähers nicht, aber dann wurde seine
Neugier größer als seine Angst. Vorsichtig schlich er näher heran und traute
sich sogar, das Wesen mit seiner kleinen Nase anzustupsen. Es fühlte sich weich
an. Und tatsächlich: das Ding schien völlig harmlos zu sein.
Neugierig
umrundete Puschel das Objekt und sah ein kleines Schild, das jemand dem Teddy
mit einem roten Band um den Hals gehängt hatte.
Aufmerksam und
den Kopf drehend und wendend schaute er auf all die schwarzen Schnörkel, die
darauf zu sehen waren. Doch er konnte nicht lesen. Das war ein Dilemma! Zu
gerne hätte er gewusst, was dort stand.
Der
Eichelhäher hatte die Szene genau beobachtet und meinte: „Leider kann ich auch
nicht lesen. Aber die weise Eule kann es. Warte einen Moment. Ich werde zu ihr
fliegen und sie bitten, mit mir zu kommen. Dann wissen wir bald, was dort
steht. Warte hier!“
Puschel nutzte
derweil die Zeit, um ein paar Nüsse aus seinem Vorrat zu verspeisen.
Wenig später
hörte das Eichhörnchen das lautlose Rauschen von Flügeln. Die weise Eule
landete majestätisch auf einer Wurzel ganz in seiner Nähe.
Die Eule
hüpfte näher, beugte sich über das Schild und las mit tiefer, ruhiger Stimme
vor: "Ich bin ein heiß geliebter Ausreißerteddy und unternehme
gerne Abenteuerreisen. Aber eigentlich gehöre ich dem kleinen Linus, der im ersten Stock in der Mozartstraße 6 wohnt. Bitte bring mich nach
Hause, wenn du mich findest.“
Puschel sah
den Teddy an und dachte darüber nach, wie traurig er wäre, wenn er sein zuhause
nicht mehr fände. Darum entschied er mutig: „Ich bringe ihn zurück!“
Vorsichtig und
unter Beobachtung der Eule und des Eichelhähers packte er den Teddy am Ohr,
warf ihn sich über die Schulter, was gar nicht so einfach war, da der Bär fast
so groß war wie er selbst, und machte sich auf den Weg zum Waldrand.
Die
Mozartstraße lag in einem ruhigen Wohngebiet ganz in der Nähe des Waldes, so
dass Puschel nur eine einzige Straße mit klopfendem Herzen überqueren musste.
Bald kam er in
der Mozartstraße 6 an, kletterte flink am Regenrohr empor, bis er den Balkon im
ersten Stock erreicht hatte. Dort legte er den verlorenen Freund behutsam auf
den Holztisch.
Hinter der
Glasscheibe sah er eine Frau stehen, die gerade den Frühstückstisch deckte. Sie
staunte, als sie das kleine Eichhörnchen sah, das den geliebten Teddy ihres
Sohnes zurückbrachte und Puschel blieb starr vor Schreck mitten auf dem Tisch
stehen. Nun klopfte sein Herz noch lauter, doch als er das Lächeln im Gesicht
der Frau sah, wusste er, dass alles gut werden würde.
Gerade als
Puschel verschwinden wollte, öffnete die Frau die Tür und legte eine Handvoll
prachtvoller Nüsse auf den Tisch.
„Danke schön,
du kleiner Helfer“, flüsterte die Frau, bevor sie die Tür wieder hinter sich
schloss.
Puschel
schnappte sich blitzschnell so viele Nüsse, wie er tragen konnte und flitzte
zurück in den Wald, wo der Eichelhäher und die Eule geduldig auf ihn warteten
und denen das Eichhörnchen zu gerne und voller Stolz von seiner mutigen Tat und
der Belohnung berichtete.
Als der Abend
dämmerte, saß Puschel in seinem Kobel. Vor ihm lagen sorgfältig
aufgereiht die geschenkten Nüsse. Er blickte durch die dunklen Zweige hinauf zu
den ersten Sternen und spürte eine ganz besondere Wärme in seiner Brust. Es war
nicht nur der Pelz oder das gemütliche Nest, das ihn diese Wärme spüren ließ.
Es war das wohlige Gefühl, jemandem geholfen zu haben.
Und als der
Mond über dem Wald aufging, kuschelte sich Puschel in sein weiches Moosbett. In
dieser Nacht träumte das Eichhörnchen nicht von Nüssen, sondern von dem Lächeln
der Frau und davon, dass irgendwo in der Mozartstraße ein kleiner Junge seinen
Teddy ganz fest im Arm hielt.
© Martina
Pfannenschmidt, 2026
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen