Dienstag, 13. Januar 2026

Der kleine Ausreißerteddy

An einem Morgen, als der Frost die Gräser mit einer glitzernden Zuckerschicht überzogen hatte, hüpfte im tiefen Tannenwald das rote Eichhörnchen Puschel von Ast zu Ast.

Es verspürte einen leichten Hunger in seinem kleinen Magen, weshalb es sich auf den Weg zu seinem Winterversteck gemacht hatte.

„Da unten muss es sein“, murmelte es und landete geschickt auf dem weichen Waldboden neben einer alten Tanne.

Doch gerade, als es mit seinen flinken Pfoten im Laub zu scharren begann, nahm es etwas aus seinem Augenwinkel wahr. Dort lag ein Wesen, das das Eichhörnchen noch nie zuvor gesehen hatte und sogleich begann sein kleines Herz, wie wild zu schlagen.

Das Ding sah braun und pelzig aus und es schien tot zu sein, jedenfalls bewegte es sich nicht. Seine großen dunklen Knopfaugen, die starr in den Himmel blickten, machten Puschel richtig Angst, weshalb er lieber zwei Schritte zurückwich und seine Ohren aufstellte, um hören zu können, ob das Wesen vielleicht doch noch atmete. Vielleicht hielt dieses Ding auch einen Winterschlaf? Aber was, wenn es das gefährlichste Tier dieses Waldes war?

„Hallo, du kleiner Angsthase!“, krächzte es in dem Moment von oben. Puschel zuckte verschreckt zusammen und blickte hinauf. Dort saß ein Eichelhäher auf einem Ast und putzte sich die blau schimmernden Federn.

„Das ist ein Teddybär, du Dummchen. Die Menschenkinder schleppen sie oft mit sich herum. Der beißt nicht, der will nur geknuddelt werden“, sagte er und lachte sein krächzendes Lachen.

Zunächst traute Puschel der Aussage des Eichelhähers nicht, aber dann wurde seine Neugier größer als seine Angst. Vorsichtig schlich er näher heran und traute sich sogar, das Wesen mit seiner kleinen Nase anzustupsen. Es fühlte sich weich an. Und tatsächlich: das Ding schien völlig harmlos zu sein.

Neugierig umrundete Puschel das Objekt und sah ein kleines Schild, das jemand dem Teddy mit einem roten Band um den Hals gehängt hatte.

Aufmerksam und den Kopf drehend und wendend schaute er auf all die schwarzen Schnörkel, die darauf zu sehen waren. Doch er konnte nicht lesen. Das war ein Dilemma! Zu gerne hätte er gewusst, was dort stand.

Der Eichelhäher hatte die Szene genau beobachtet und meinte: „Leider kann ich auch nicht lesen. Aber die weise Eule kann es. Warte einen Moment. Ich werde zu ihr fliegen und sie bitten, mit mir zu kommen. Dann wissen wir bald, was dort steht. Warte hier!“

Puschel nutzte derweil die Zeit, um ein paar Nüsse aus seinem Vorrat zu verspeisen.

Wenig später hörte das Eichhörnchen das lautlose Rauschen von Flügeln. Die weise Eule landete majestätisch auf einer Wurzel ganz in seiner Nähe.

Die Eule hüpfte näher, beugte sich über das Schild und las mit tiefer, ruhiger Stimme vor: "Ich bin ein heiß geliebter Ausreißerteddy und unternehme gerne Abenteuerreisen. Aber eigentlich gehöre ich dem kleinen Linus, der im ersten Stock in der Mozartstraße 6 wohnt. Bitte bring mich nach Hause, wenn du mich findest.“

Puschel sah den Teddy an und dachte darüber nach, wie traurig er wäre, wenn er sein zuhause nicht mehr fände. Darum entschied er mutig: „Ich bringe ihn zurück!“

Vorsichtig und unter Beobachtung der Eule und des Eichelhähers packte er den Teddy am Ohr, warf ihn sich über die Schulter, was gar nicht so einfach war, da der Bär fast so groß war wie er selbst, und machte sich auf den Weg zum Waldrand.

Die Mozartstraße lag in einem ruhigen Wohngebiet ganz in der Nähe des Waldes, so dass Puschel nur eine einzige Straße mit klopfendem Herzen überqueren musste.

Bald kam er in der Mozartstraße 6 an, kletterte flink am Regenrohr empor, bis er den Balkon im ersten Stock erreicht hatte. Dort legte er den verlorenen Freund behutsam auf den Holztisch.

Danke, liebe Anita, für die Zurverfügungstellung des zauberhaften Videos. 😊

Hinter der Glasscheibe sah er eine Frau stehen, die gerade den Frühstückstisch deckte. Sie staunte, als sie das kleine Eichhörnchen sah, das den geliebten Teddy ihres Sohnes zurückbrachte und Puschel blieb starr vor Schreck mitten auf dem Tisch stehen. Nun klopfte sein Herz noch lauter, doch als er das Lächeln im Gesicht der Frau sah, wusste er, dass alles gut werden würde.

Gerade als Puschel verschwinden wollte, öffnete die Frau die Tür und legte eine Handvoll prachtvoller Nüsse auf den Tisch.

„Danke schön, du kleiner Helfer“, flüsterte die Frau, bevor sie die Tür wieder hinter sich schloss.

Puschel schnappte sich blitzschnell so viele Nüsse, wie er tragen konnte und flitzte zurück in den Wald, wo der Eichelhäher und die Eule geduldig auf ihn warteten und denen das Eichhörnchen zu gerne und voller Stolz von seiner mutigen Tat und der Belohnung berichtete.

Als der Abend dämmerte, saß Puschel in seinem Kobel. Vor ihm lagen sorgfältig aufgereiht die geschenkten Nüsse. Er blickte durch die dunklen Zweige hinauf zu den ersten Sternen und spürte eine ganz besondere Wärme in seiner Brust. Es war nicht nur der Pelz oder das gemütliche Nest, das ihn diese Wärme spüren ließ. Es war das wohlige Gefühl, jemandem geholfen zu haben.

Und als der Mond über dem Wald aufging, kuschelte sich Puschel in sein weiches Moosbett. In dieser Nacht träumte das Eichhörnchen nicht von Nüssen, sondern von dem Lächeln der Frau und davon, dass irgendwo in der Mozartstraße ein kleiner Junge seinen Teddy ganz fest im Arm hielt.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

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