Sonntag, 4. Januar 2026

Echt jetzt?!

Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee hing in der Luft, aber er vermochte es leider nicht, die geladene Stimmung in der Küche zu vertreiben.

„Du hast den letzten Rest ausgekratzt!“, schrie Lukas und hielt seiner Schwester ein fast leeres Glas Nussnugatcreme entgegen.

„Echt jetzt?! Du weißt genau, dass das nicht stimmt. DU hast es gestern Abend vor dem Fernseher ausgekratzt“, wetterte Sophie. „Und deshalb gehst DU jetzt auch in den Vorratskeller und holst ein neues Glas und nicht ich.“

Maria, die Mutter der beiden, seufzte leise. War das Ganze wirklich einen Streit wert? Ein leeres Glas? Ein Klecks Schokoladencreme? Echt jetzt?!

Gedankenverloren sah sie aus dem Küchenfenster in den verschneiten Vorgarten. Doch anstatt die winterliche Stille genießen zu können, sah sie das nächste Drama, das sich vor ihren Augen abspielte.

Herr Meier von gegenüber stand in seiner dicken Winterjacke am Gartenzaun und fuchtelte wild mit einer Schneeschaufel herum. Sein direkter Nachbar, Herr Schulze, baute sich drohend vor ihm auf.

„Hier beginnt mein Gehweg!“, brüllte Meier. „Schieben Sie Ihren verfluchten Schnee nicht immer zu mir rüber!“

„Dann schauen Sie sich mal bitte IHRE Sträucher an, wie weit DIE auf MEIN Grundstück ragen“, konterte der Nachbar. „Halten Sie mal lieber Ihren Gehweg sauber und ansonsten ihren Mund.“

„Das wollen wir mal sehen, wer hier recht hat“, tobte Meier. „Wir sehen uns vor Gericht wieder, Sie, Sie …“. Wütend stapfte er davon.

Zwei Männer, dachte Maria, die sich seit 20 Jahren kannten und genauso lange stritten. Mal um dies, mal um das und heute um ein paar Krümel Schnee auf dem Gehweg.

Sie schüttelte den Kopf, verließ die Küche und die miese Stimmung dort, um ihren Mann Thomas zu suchen. Sie fand ihn in seinem Arbeitszimmer. Er hielt das Telefon so fest umklammert, dass seine Knöchel weiß hervortraten.

„Nein, Helga, ich sehe das nicht ein!“, rief er in den Hörer. „Ich habe letzte Woche schon den Großeinkauf für unsere Eltern gemacht. Diese Woche bist du dran. Immer hast du Ausreden, warum du keine Zeit hast. Die habe ich auch nicht. Aber es ist genauso DEINE Pflicht, dich zu kümmern, wie es meine ist!“

Nach diesen Worten knallte er das Telefon auf die Station. Er hatte sich nicht einmal von seiner Schwester verabschiedet. Der Zorn auf sie stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Am Abend saßen alle gemeinsam auf dem Sofa. Im Fernsehen liefen die Nachrichten. Die Bilder waren grausam: Panzer, die durch rauchende Trümmer rollten, weinende Menschen, zerbombte Städte. Es ging um Grenzen, um Macht und darum, wer im Recht war.

Maria blickte von den flackernden Bildern zu ihren Kindern, die sich immer noch schweigend anschmollten, und zu ihrem Mann, dessen Kiefer noch immer angespannt war.

In dem Moment begriff sie etwas. Die Kriege auf dem Bildschirm waren wie ein Echo. Ein Echo darauf, wie die Menschen Tag für Tag miteinander umgingen. Der Streit der Kinder um das leere Glas Nussnugatcreme, der Zank am Gartenzaun, das bittere Telefonat. Lag dort sozusagen der Ursprung aller Kriege? War es das Beharren der Menschen auf ihrem Recht? Der Egoismus und die Unfähigkeit, einen Schritt auf den anderen zuzugehen?

„Wir warten immer darauf, dass die Weltpolitiker Frieden schließen“, sagte sie schließlich leise, „aber wie sollen sie das tun, wenn wir es nicht einmal ‚im Kleinen‘ schaffen, friedlich das Frühstück zu teilen oder dem Nachbarn ein paar Schaufeln Schnee zu verzeihen?“

Alle Augenpaare waren auf Maria gerichtet, die ruhig weitersprach: „Wisst ihr, wir Menschen wünschen uns alle Frieden. Doch er fällt nicht einfach vom Himmel. Ich glaube ganz sicher, dass er das Ergebnis von tausend kleinen Friedensschlüssen im ganz normalen Alltag von uns allen wäre.“

Um sie herum herrschte nachdenkliche Stille. Dann fuhr sie fort: „Wir wollen immer recht haben, oder? Wir versuchen nicht einmal zu verstehen, warum der andere wütend ist, sondern gehen sofort in Abwehrhaltung. Vielleicht müssen wir lernen, den ersten Schritt auf den anderen zuzugehen. Nicht der andere sollte sich entschuldigen, sondern wir sollten ihm die Hand reichen. Warum schaffen wir es nicht, auch mal fünfe grade sein zu lassen?“, fragte sie in die Runde hinein. Auch wenn sie darauf keine Antwort erhielt, spürte Maria, dass ihre Gedanken in den anderen arbeiteten.

„Ich glaube ganz gewiss, dass wir, wenn wir im Kleinen lernen, Konflikte mit Sanftmut zu lösen, den Samen für eine Welt ohne Krieg legen würden oder werden, denn Frieden fängt bei mir an – und bei dir.“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 


2 Kommentare:

  1. Deine Geschichte spricht mir aus dem Herzen, liebe Martina,
    genauso sollte es sein, viele Schritte im Kleinen aufeinander zu, sich zu verstehen, zu respektieren und, wie der Bibelspruch (mein Konfirmationsspruch und der Hochzeitsspruch auf unserer Heiratsurkunde sagt: Galube, Hoffnung, Liebe - aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
    Ich wünsche dir einen schönen Sonntag
    Regina

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    1. Genauso ist es, liebe Regina! Doch es ist nicht immer leicht, den Weg der Liebe und des Lichtes zu gehen. Wie heißt es in dem Lied von Xavier Naidoo: "Dieser Weg wird kein leichter sein!". Aber wir können uns ja bemühen, ihn zu gehen, auch wenn es nicht immer gelingt.
      Ich schicke liebe Grüße zu dir und eine Umarmung - du weißt, warum!
      Martina

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