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Samstag, 10. Januar 2026

Den Frieden wahren

Nachdem vor einiger Zeit der Deckel mit einem unsanften Ruck zugefallen war, war es in der Kiste dunkel und stickig geworden. Anschließend hatten sie dumpfe Schritte auf der Treppe wahrgenommen und wussten: jetzt wurden sie auf den Dachboden zurückgebracht, weil ihre Aufgabe für dieses Jahr beendet war. Die Weihnachtszeit war vorbei.

„Da liegen wir nun wieder“, brummte der Esel und versuchte vergeblich, seine hölzernen Beine zu sortieren. „Kaum ist der 6. Januar vorbei, sind wir nur noch alter Plunder, der im Weg rumsteht.“

„Es ist jedes Jahr dasselbe“, pflichtete ihm einer der Hirten bei, der mit dem Gesicht nach unten auf einem Strohstern lag. „Unten im Wohnzimmer haben sie gesungen und von Frieden auf Erden gesprochen. Aber kaum hatten sie den Baum abgeschmückt, hörte ich schon wieder, wie der Hausherr über die Nachbarn herzog und die Mutter mit den Kindern schimpfte.“

Der kleine Engel pflichtete dem Hirten bei: „Du hast recht. Die Botschaft der Liebe hält bei ihnen nicht länger als der Glanz der Christbaumkugeln.“

„Die Menschen scheinen vergesslich zu sein“, seufzte König Kaspar. „Sie stellen uns auf, weil es Tradition ist, aber sie nehmen unsere Botschaft nicht mit in ihren Alltag.“

Während die Figuren so über die Lieblosigkeit der Menschen klagten, bemerkten sie gar nicht, wie der Unmut auch unter ihnen wuchs.

„Aua!“ herrschte der Ochse den Esel an. „Nimm sofort deinen hölzernen Huf aus meinem Auge! Du trampelst auf mir herum, du störrisches Langohr, und merkst es nicht einmal!“
„Weil ich mich kaum bewegen kann, du Hornochse!“, gab der Esel bissig zurück. „Du nimmst mit deinem dicken Bauch den ganzen Platz ein. Wenn du schlanker wärst, könnten wir alle bequemer liegen.“

„Mäh! Ruhe jetzt!“, blökte ein Schaf dazwischen, das unter dem schweren Mantel eines Königs eingequetscht war. „Ihr denkt gerade nur an euch. Aber schaut mich an. Ich verliere hier bald meine gesamte weiße Farbe, weil ihr mich ständig gegen die raue Kistenwand drückt. Aber Hauptsache, ihr Großen habt es bequem!“

„Und was ist mit mir?“, rief der kleine Engel, der Angst um seine Flügel hatte. „Gerade hat ein Hirte seinen Hirtenstab direkt in meine Harfe gesteckt! Und was geschieht, wenn ihr mir einen Flügel abknickt?“

Der Streit wurde immer lauter. Vorwürfe flogen hin und her und es dauerte nicht lange, da wurden sogar alte Kränkungen aus den vergangenen Jahrzehnten hervorgeholt. Und so war auch in der dunklen Kiste nichts mehr von weihnachtlicher Harmonie zu spüren.

Doch dann durchbrach eine ruhige Stimme den Tumult. Es war Maria, die in ihrer weisen und sanften Art zu ihnen sprach: „Sagt, hört ihr euch eigentlich zu? Wir beklagen uns darüber, dass die Menschen den Frieden vergessen, sobald sie uns wegpacken. Aber schaut uns an: Kaum sind wir unter uns, tun wir genau dasselbe. Wir urteilen, wir schimpfen und wir vergessen, warum wir überhaupt hier sind.“

Betretenes Schweigen folgte ihren Worten. Dann fuhr sie fort: „Die Menschen sind wahrlich nicht perfekt und ja, sie verlieren das Licht manchmal aus den Augen; gerade dann, wenn ihr Leben laut und schwer ist. Aber genau deshalb gibt es uns. Wir haben eine wichtige Aufgabe! Wir sind die ‚Hüter der Erinnerung‘. Versteht ihr?! Deshalb frage ich euch, wie sollen wir in ihrer Welt als Zeichen des Friedens leuchten, wenn wir uns hier oben streiten? Wir müssen mehr Geduld mit ihnen haben - und vor allem mit uns selbst.“

Beschämt rückten der Ochse und der Esel ein Stück beiseite. Das Schaf hörte auf zu meckern, und der Engel versuchte vorsichtig, seine Harfe ein bisschen dichter an sich heranzuziehen.

„Sie hat recht“, flüsterte der Esel. „Wir sollten nicht nur darauf warten, dass die Menschen sich ändern. Wir müssen selbst das Licht bewahren.“

Augenblicklich veränderte sich die Stimmung in der Kiste und der Ochse hatte eine Idee. „Was denkt ihr“, fragte er, „sollen wir ein bisschen Licht in die Kiste bringen? Kennt ihr das Märchen von den Stadtmusikanten? Esel, komm her, spring auf meinen Rücken. Und dann du Schaf. Klettere auf den Rücken des Esels. Dann werde ich von unten schieben und wir heben mit vereinten Kräften den Deckel an.

Bald darauf stellte sich der Ochse stabil auf den Boden der Kiste. Der Esel wiederum stand auf seinen kräftigen Schultern und das kleine Schaf kletterte vorsichtig ganz nach oben.

Gemeinsam drückten sie mit ihren Rücken gegen den schweren Holzdeckel, der nicht fest verriegelt war und sich bald darauf mit einem leichten Knarzen öffnen ließ. Sogleich fiel ein strahlender Streifen Licht direkt aus dem Dachfenster in die Kiste hinein.

Zeitgleich hob sich die Stimmung unter ihnen, denn sie wussten, dass das Licht die Welt niemals verlassen wird.

Und so nahmen sie sich vor, aufeinander achtzugeben, bis es wieder Zeit war, den Menschen unten im Wohnzimmer von der großen Liebe zu erzählen.

Sie nahmen sich fest vor, untereinander den Frieden wahren - das ganze Jahr über.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

Nachwort: Es gibt in meinem Blog eine Geschichte, die mehr als alle anderen immer wieder aufgerufen wird und das ist diese hier: „Frieden ist wie Watte!“. Sie wurde inzwischen doppelt so oft aufgerufen, wie die Geschichte: „Glücksmomente zu verschenken“. Frieden und Glück sind Themen, die immer wieder einen Platz in meinen Geschichten erhalten werden. Ein bisschen auch deshalb, weil ich mich selbst immer wieder daran erinnern möchte, wie wichtig es ist, IN SICH den Frieden zu wahren und glückliche Momente wahrzunehmen. - Auch in die Geschichte „Echt jetzt?!“ sind Friedensgedanken eingeflossen. - Lasst uns nicht müde werden darin, den Frieden zu wahren und auch zu fordern, wo man ihn aus Machtgründen heraus gefährdet, denn: Glücklich zu sein ist unser Geburtsrecht! Das dürfen wir nicht vergessen!


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

Dienstag, 6. Januar 2026

Zwischen Weihnachtskrippe und Tulpenstrauß

Heute lag draußen ein dünner Hauch Schnee auf den Dächern der Häuser. Es sah so aus, als habe die Natur ihnen eine weiße Mütze aufgesetzt. Thorsten war auf dem Heimweg von seinem ersten Arbeitstag nach den Festtagen und hatte den Eindruck, als habe ihn der graue Arbeitsalltag schon wieder eingesaugt. Deshalb freute er sich sehr auf einen gemütlichen Abend am Weihnachtsbaum - gemeinsam mit seiner Frau.

Als er jedoch mit kalten Händen die Wohnungstür öffnete, wehte ihm ein Hauch von … Frühling entgegen? Er blieb wie angewurzelt stehen. Kein leuchtender Stern war mehr zu sehen, kein Tannenduft, keine Krippe, kein Jesuskind. Stattdessen prangte auf dem Esstisch ein bunter Strauß Tulpen. Daneben standen zwei Sektgläser.

Annabelle!“, rief Thorsten mit aufgerissenen Augen, während er in die Küche spähte, „sag bitte, dass das hier ein Aprilscherz ist. Wo bitte ist die Krippe hin? Die Heiligen Drei Könige sind doch noch nicht einmal eingetroffen. Sie sind doch noch auf dem Weg – und du hast schon die Krippe abgebaut?“

Annabelle steckte den Kopf in den Kühlschrank, fischte nach einer Sektflasche und grinste. „Aprilscherz im Januar? Das wär doch aber verfrüht, oder nicht?“

Thorsten stemmte die Hände in die Hüften. „Du weißt doch, Traditionsbewusstsein und so! Am 6. Januar, da gehören die Weisen zu Jesus, und… und jetzt finden sie wahrscheinlich nicht mal mehr den Weg. Stell dir das mal vor: Kaspar, Melchior und Balthasar irren durch unser Wohnzimmer und finden … Tulpen!“

Annabelle verdrehte die Augen und setzte sich mitsamt der Sektflasche, die von Silvester übriggeblieben war, an den Esstisch. „Ach komm, dieses Jahr hatte ich einfach schon Lust auf was Frisches! Außerdem lagen die Tannennadeln überall herum. Vorhin beim Staubsaugen hätte ich fast einen Tannenzapfen mit eingesaugt.“

Thorsten musste schmunzeln. Das war wieder typisch seine Frau. Sie war immer für eine Überraschung gut. „Aber du weißt schon, dass der Frühling offiziell noch ein paar Wochen braucht“, meinte er dann. „Und außerdem – die Tulpen, die frieren sich doch bei diesem Wetter den Allerwertesten ab!“

Seine Frau grinste. „Also, wenn es sein muss, hol ich den Heizlüfter aus dem Schrank. Und übrigens: mach dir keine Sorgen um die Krippe, die Figuren habe ich in Seidenpapier eingewickelt, gaaanz vorsichtig in den Karton gelegt und wieder im Schrank verstaut. Du siehst, alles ist gut!“

„Na, das will ich auch hoffen, nicht das die Krippenpolizei bei uns klingelt und ein Bußgeld verhängt“, scherzte Thorsten.

Dann setzte er sich zu seiner Frau an den Tisch. „Also ehrlich, ich kenne keine fröhlichere Frühlingsbotin als dich. Selbst mitten im Winter.“

Annabelle legte ihren Kopf auf seine Schulter und meinte scherzhaft: „Und du bist der beste Weihnachtswächter von allen. Aber du weißt schon, dass du irgendwann das Loslassen üben musst – sonst stehen wir im März noch mit Lebkuchen im Wohnzimmer.“

Die beiden lachten so herzhaft, dass sogar die Tulpen auf dem Tisch zu grinsen schienen.

„Weißt du, Schatz“, sagte Annabelle, „die Vorfreude auf den Frühling macht das Grau draußen doch ein bisschen heller, oder meinst du nicht?“

Er nickte und deutete aufs Fenster. „Stimmt schon. Aber bis die Krokusse kommen, dauert’s noch – also decken wir uns lieber noch ein bisschen mit Tee und Kerzen ein.“

Annabelle erhob ihr Glas: „Auf den Frühling, der noch auf sich warten lässt – und auf die Heiligen Drei Könige, die vielleicht nächstes Jahr ein GPS bekommen.“

Und so verbrachten die beiden einen wunderbar heiteren Abend – irgendwo zwischen Weihnachtsnachklang und Frühlingsvorfreude.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

 

 Die Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil.