Heute lag
draußen ein dünner Hauch Schnee auf den Dächern der Häuser. Es sah so aus, als
habe die Natur ihnen eine weiße Mütze aufgesetzt. Thorsten war auf dem
Heimweg von seinem ersten Arbeitstag nach den Festtagen und hatte den Eindruck,
als habe ihn der graue Arbeitsalltag schon wieder eingesaugt. Deshalb freute er
sich sehr auf einen gemütlichen Abend am Weihnachtsbaum - gemeinsam mit seiner
Frau.
Als er jedoch
mit kalten Händen die Wohnungstür öffnete, wehte ihm ein Hauch von … Frühling
entgegen? Er blieb wie angewurzelt stehen. Kein leuchtender Stern war mehr zu
sehen, kein Tannenduft, keine Krippe, kein Jesuskind. Stattdessen prangte auf dem Esstisch
ein bunter Strauß Tulpen. Daneben standen zwei Sektgläser.
„Annabelle!“, rief Thorsten mit aufgerissenen
Augen, während er in die Küche spähte, „sag bitte, dass das hier ein Aprilscherz ist. Wo bitte ist die Krippe
hin? Die Heiligen Drei Könige sind doch noch nicht einmal eingetroffen. Sie
sind doch noch auf dem Weg – und du hast schon die Krippe abgebaut?“
Annabelle
steckte den Kopf in den Kühlschrank, fischte nach einer Sektflasche und
grinste. „Aprilscherz im Januar? Das wär doch aber verfrüht, oder nicht?“
Thorsten
stemmte die Hände in die Hüften. „Du weißt doch, Traditionsbewusstsein und so! Am 6. Januar,
da gehören die Weisen zu Jesus, und… und jetzt finden sie wahrscheinlich nicht
mal mehr den Weg. Stell dir das mal vor: Kaspar, Melchior und Balthasar irren
durch unser Wohnzimmer und finden … Tulpen!“
Annabelle
verdrehte die Augen und setzte sich mitsamt der Sektflasche, die von Silvester
übriggeblieben war, an den Esstisch. „Ach komm, dieses Jahr hatte ich einfach
schon Lust auf was Frisches! Außerdem lagen die Tannennadeln überall herum.
Vorhin beim Staubsaugen hätte ich fast einen Tannenzapfen mit eingesaugt.“
Thorsten
musste schmunzeln. Das war wieder typisch seine Frau. Sie war immer für eine
Überraschung gut. „Aber du weißt schon, dass der Frühling offiziell noch ein
paar Wochen braucht“, meinte er dann. „Und außerdem – die Tulpen, die frieren
sich doch bei diesem Wetter den Allerwertesten ab!“
Seine Frau
grinste. „Also, wenn es sein muss, hol ich den Heizlüfter aus dem Schrank. Und
übrigens: mach dir keine Sorgen um die Krippe, die Figuren habe ich in
Seidenpapier eingewickelt, gaaanz vorsichtig in den Karton gelegt und wieder im
Schrank verstaut. Du siehst, alles ist gut!“
„Na, das will
ich auch hoffen, nicht das die Krippenpolizei bei uns klingelt und ein Bußgeld
verhängt“, scherzte Thorsten.
Dann setzte er
sich zu seiner Frau an den Tisch. „Also ehrlich, ich kenne keine fröhlichere
Frühlingsbotin als dich. Selbst mitten im Winter.“
Annabelle
legte ihren Kopf auf seine Schulter und meinte scherzhaft: „Und du bist der
beste Weihnachtswächter von allen. Aber du weißt schon, dass du irgendwann das
Loslassen üben musst – sonst stehen wir im März noch mit Lebkuchen im
Wohnzimmer.“
Die beiden
lachten so herzhaft, dass sogar die Tulpen auf dem Tisch zu grinsen schienen.
„Weißt du,
Schatz“, sagte Annabelle, „die Vorfreude auf den Frühling macht das Grau
draußen doch ein bisschen heller, oder meinst du nicht?“
Er nickte und
deutete aufs Fenster. „Stimmt schon. Aber bis die Krokusse kommen, dauert’s noch – also decken
wir uns lieber noch ein bisschen mit Tee und Kerzen ein.“
Annabelle
erhob ihr Glas: „Auf den Frühling, der noch auf sich warten lässt – und auf
die Heiligen Drei Könige, die vielleicht nächstes
Jahr ein GPS bekommen.“
Und so
verbrachten die beiden einen wunderbar heiteren Abend – irgendwo zwischen
Weihnachtsnachklang und Frühlingsvorfreude.
© Martina
Pfannenschmidt, 2026
Die Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil.