Donnerstag, 14. Juni 2018

‚Da brat mir doch einer ′nen Storch’


Nach einem langen und Kräfte zehrenden Flug kam Spotty völlig ausgemergelt und hungrig in seinem Heimatort an - und dann das!
Schon von weitem sah er, dass es sich irgendein Hallodri in seinem Nest gemütlich gemacht hatte. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Dem Kerl würde er die Leviten lesen und wenn es sein müsste, ihn mit kräftigen Hieben seines Schnabels vertreiben. Genau so und nicht anders galt es, mit Hausbesetzern umzugehen.
Als er näher kam, hätte ihn fast der Schlag getroffen. Den Kerl, der dort in seinem Nest hockte und ihm spöttisch entgegen blickte, kannte er nur zu gut. Das war eindeutig Eddie, dieser Nichtsnutz. Hatte der denn immer noch nicht genug?
Schon in Afrika hatten sie sich heftige Duelle geliefert, als sie um Stella, die hübscheste aller Storchenmädchen, gebuhlt hatten. Doch ER war als Sieger vom Platz gegangen und nicht Eddie.
Schon in ein paar Tagen würde Stella nachkommen. So hatten sie es vereinbart. Bis dahin wollte Spotty sich nicht nur satt essen und zu Kräften kommen, sondern nebenher auch das Nest renovieren.
Noch ein paar kräftige Flügelschläge, dann landete er zielsicher auf seinem Horst.
„Hallo, mein Freund, auch schon da?“, fragte Eddie provozierend und grinste dabei breit.  
Das brachte Spotty noch mehr in Rage und gegen seinen Nebenbuhler auf: „Von wegen Freund. Hau bloß ab! Dies ist mein Nest und nicht deins. Also: Zieh Leine und zwar schnell!“
Doch so einfach ließ sich der Störenfried nicht vertreiben. Es kam wieder einmal zu einem heftigen Duell und Spotty war wirklich am Ende seiner Kräfte, als Eddie ziemlich lädiert resignierte und sich davon machte. Erschöpft aber glücklich fiel der Sieger bald darauf in einen tiefen und erholsamen Schlaf.
Als Stella eine Woche später im Anflug war, waren all die Schmerzen und Entbehrungen der letzten Zeit vergessen. Stolz präsentierte Spotty seiner Liebsten das liebevoll hergerichtete Nest. Dann flogen sie auf die nahe gelegene Wiese und labten sich an all den Leckereien, die ihnen dort wie auf einem gedeckten Tisch serviert wurden.
Als sich Stella wieder frisch und erholt fühlte, begannen sie mit ihrem Hochzeitstanz und klapperten mit ihren Schnäbeln, dass es eine wahre Freude war.
„Schau nur!“ Stolz erhob sich Stella und gab für ihren Liebsten den Blick auf 5 Eier frei, die wie riesige Perlen im Nest lagen.
Spotty konnte sein Glück kaum fassen. Mit einer so großen Nachkommenschaft hatte er gar nicht gerechnet.
In den kommenden Wochen kümmerten sich die werdenden Eltern liebevoll und abwechselnd darum, dass es für ihren Nachwuchs jederzeit schön warm und trocken blieb.
Eines Tages war es dann soweit. Die kleinen Störche schlüpften und das junge Paar hatte fortan keine ruhige Minute mehr. Es war ganz schön anstrengend, diese große Kinderschar zu verköstigen. Besonders Stella stieß dabei bald an ihre Grenzen. Sie wirkte schon sehr abgemagert, als sie auf wackligen Beinen über die Wiese schritt und nach Futter suchte.
„Ist das nicht Stella dort unten?“, fragte sich Eddie, als er im Anflug auf die Wiese war. Bald darauf war er sich sicher, auch wenn ihr Gefieder stumpf und ihr Gang wenig graziös wirkten.
Eddie überlegte kurz, ob er weiter fliegen oder neben ihr landen und sie ansprechen sollte. Er entschied sich für Letzteres.
„Hallo, Stella, schön, dich zu sehen. Wie geht es dir?“
„Ach Eddie, wenn ich ehrlich sein soll, nicht gut. Wir haben 5 Kinder, Spotty und ich, und die Nahrung wird langsam knapp. Für uns bleibt kaum noch etwas übrig, weil die Kinderchen einen großen Appetit entwickelt haben. Aber ich möchte mich nicht beklagen. Die Kleinen sind wirklich wundervoll.“
Eddie ging eine Weile schweigend neben Stella her. Hier war wirklich nicht mehr viel Essbares zu finden und das bedeutete weite Wege zu anderen Futterplätzen. Welche Auswirkungen das wiederum für die Familie hatte, wusste er nur zu gut – und Stella gewiss auch.
„Hast du keine Gefährtin gefunden?“, fragte sie nach einer Weile und Eddie schüttelte mit dem Kopf. Am liebsten hätte er geantwortet: „Ich wollte dich und sonst keine!“ Aber das verkniff er sich lieber. Er wollte die junge Mutter nicht noch mehr belasten und durcheinander bringen.
Eddie verabschiedete sich bald darauf und flog mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend davon. Auch wenn Spotty nicht sein Freund war, so beneidete er ihn nicht um die Aufgabe, die unausweichlich auf ihn zukommen würde.
In der darauf folgenden Nacht bekamen die jungen Eltern kaum ein Auge zu. Niemals hätten sie erwartet, dass sie eines Tages in eine derartige Situation kämen. Doch die Stunde der Entscheidung nahte. Das spürten sie.
Als Stella am darauf folgenden Tag zur Wiese flog, hoffte sie inständig, Eddie dort zu treffen. Sie wollte ihn dringend um etwas bitten. Bereits im Anflug sah sie ihn. Ob er bereits etwas ahnte?
Einige Tage später saßen Hein und Fiete wieder einmal auf ihrer Bank neben dem Horst. Sie trafen sich dort täglich und beobachteten dabei wortlos das Storchenpaar. Dass an diesem Tag etwas nicht stimmte, bemerkten sie sogleich: „Da brat mir doch einer ΄nen Storch!“, sagte Fiete nach einer Weile.
„Jau!“, erwiderte Hein. „So was hab ich auch noch nicht gesehen!“
Was war geschehen?
Der Tag, an dem Spotty zwei seiner schwächsten Kinder hätte töten müssen, um die stärksten am Leben zu erhalten, wäre unausweichlich gekommen. Deshalb hatte Stella sich ein Herz gefasst und Eddie um Hilfe gebeten.
Auch wenn Spotty zunächst nicht begeistert reagiert hatte, so nahm er mit Blick auf seine Frau und die Kinder doch die Hilfe von Eddie in Anspruch. Jetzt fütterten sie zu dritt den Nachwuchs und Eddie mauserte sich in den kommenden Wochen zu einem hilfsbereiten Onkel und wertvollen Lehrer für die Kleinen.

© Martina Pfannenschmidt, 2018


Nachtrag:
Diese Geschichte entstand nach einem Artikel in unserer Zeitung. Auf einem Foto war ein Storchenvater zu sehen, der eines seiner winzigen Kinder getötet und ein anderes damit gefüttert hatte. So ist es in der Natur. Ein Storchenvater muss zur Erhaltung seiner Art so handeln. – In einer Geschichte, so dachte ich mir, darf es aber durchaus anders sein. J

Montag, 11. Juni 2018

Nadel im Heuhaufen



Wie gerne hätte Mirja jetzt den Hörer auf die Gabel geknallt, aber leider geht das ja in heutiger Zeit nicht mehr. Ihre Mutter ging ihr mit ihren ewigen Schuldzuweisungen gehörig auf die Nerven. Immer waren es die anderen, die an einer misslichen Situation die Schuld trugen. Niemals lag es an ihrer Mutter! Niemals!

Mirja trat auf den Balkon hinaus, um eine Zigarette zu rauchen. Vielleicht half ihr das, wieder herunter zu kommen. Eigentlich wollte sie sich ja nicht mehr darüber aufregen. Eigentlich!

Als sie den ersten Zug inhaliert hatte, hörte sie zwei kleine Mädchen, die offenbar in Streit geraten waren.

„Du bist Schuld!“

„Nein, bin ich gar nicht!“

„Doch, weil du mir meine Sachen aus der Hand reißen wolltest, sind sie mir herunter gefallen.“

„Gar nicht. Ich wollte dir nur beim Zusammenbauen helfen.“

Doch dieses Argument verhallte und erneut kam die Beschuldigung: „Das ist alles deine Schuld!“

„Das gibt es doch nicht“, sagte Mirja zu sich selbst.

Dieses System der Schuldzuweisung klappt sogar schon bei Kindern. Aber so ist es wohl, wenn die Erwachsenen nicht vorleben, dass man die Schuld lieber bei sich selbst suchen sollte.

Mirja lebte alleine in einer kleinen Wohnung direkt über dem Friseursalon, in dem sie arbeitete. Das war ein großes Glück für sie. Erstens liebte sie ihren Beruf und zweitens war sie ein aufgeschlossener Mensch, der sich gerne mit anderen unterhielt.

Gerade jetzt in den Sommermonaten kamen viele Urlauber in den Salon und so freute sie sich, fremde Menschen durch Gespräche näher kennen zu lernen. Es war keine Neugier ihrerseits, sondern echtes Interesse an den Lebensgeschichten der anderen. Auch wenn sich viele Lebensmodelle ähneln, so ist doch jedes Leben einzigartig und genau das ist es, was sie daran fasziniert.

Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass ihre Pause beendet war. Mirja drückte ihre Zigarette aus und lief hinunter in den Salon.

„Gut, dass du kommst“, wurde sie sogleich von ihrer Chefin begrüßt. „Deine Kundin wartet schon seit einer Viertelstunde auf dich.“

Mirja blickte erneut auf ihre Armbanduhr: „Aber …“.

„Ja, ich weiß. Du bist pünktlich. Die ältere Dame dort hinten war viel zu früh dran.“

Dabei zwinkerte die Chefin ihr zu. Das kannten sie schon. Während jüngere Kundinnen gerne etwas später eintrafen, kamen ältere oft vor der Zeit.

„Guten Tag, mein Name ist Mirja“, begrüßte sie die Kundin freundlich. „Was darf ich für Sie tun?“

Die ältere Dame blickte sie mit warmen Augen an: „Sie dürfen mich hübsch machen“, erwiderte sie und strahlte, als sie fortfuhr, „für einen ganz besonderen Anlass.“

„Oh, das klingt ja spannend. Vielleicht mögen Sie mir ein bisschen erzählen, während ich versuche, ihren Wunsch zu erfüllen.“

„Wir feiern heute unsere Goldene Hochzeit und mein Mann will mich heute Abend groß ausführen", erzählte die Kundin bereitwillig.

„Herzlichen Glückwunsch! Das ist aber wirklich ein Grund, sich fein zu machen.“

„Nicht wahr! 50 Jahre! Ich kann es gar nicht glauben. Wissen Sie, wir haben damals unsere Hochzeitsreise hierher gemacht. Seither kommen wir immer mal wieder hier auf diese bezaubernde Insel. Leben Sie hier?“, erkundigte sich die Dame interessiert.

„Ja, ich kam, wie Sie, als Urlauberin her und bin dann wegen der Liebe geblieben.“

„Vielleicht erleben Sie ja auch eines Tages ihre Goldene Hochzeit.“

Mirja lachte auf: „Eher nicht. Die Liebe ging – aber ich blieb.“

„Oh je! Aber ich kann gut verstehen, dass sie blieben. Doch ich kann mir denken, dass es in den Wintermonaten ziemlich einsam ist, oder nicht?“

„Ach wissen Sie“, erwiderte Mirja, „vielleicht ist es gerade dieser Kontrast zwischen der quirligen Sommer- und der ruhigen Winterzeit, die mich hier hält.“

Die Kundin schwieg daraufhin eine Weile. Als sich bald darauf ihre Blicke im Spiegel trafen, hatte Mirja den Eindruck, als sei ein Anflug von Traurigkeit in den Augen der Kundin erkennbar.

Mirja täuschte sich nicht.

„Wir führen eine wirklich harmonische Ehe“, begann die Dame daraufhin zu erzählen, „doch es gibt da etwas, das kann ich mir bis heute nicht verzeihen.“

„Oh nein, bitte nicht“, dachte Mirja in diesem Augenblick. „Bitte keine Lebensbeichte dieser Form. Soviel Privates möchte ich dann doch nicht hören.“

Es kam jedoch ganz anders, als erwartet.

„Ich habe Ihnen ja vorhin schon erzählt, dass uns unsere Hochzeitsreise hierher führte. Wir waren zu der Zeit nicht nur sehr verliebt, sondern auch sehr sportlich. Ich weiß bis heute nicht, wann und wie es passiert ist, doch ich habe meinen Ehering damals verloren. So kurz nach der Hochzeit. Das kann ich mir einfach nicht verzeihen.“

Die Kundin drehte dabei einen Ring an ihrem Finger. „Wir haben lange im Sand gesucht. Doch das ist ja so, als würde man eine Nadel im Heuhaufen suchen.“

„Vielleicht sogar noch etwas schwieriger“, entgegnete Mirja mitfühlend.

„Wir haben ihn nicht gefunden, sondern einen anderen gekauft, aber es ist halt nicht der, den mir mein Mann bei der Trauung angesteckt hat“, erzählte die Frau traurig, während sie auf ihre Hand schaute.

Mirja nickte verständnisvoll.

„Sie werden es nicht glauben“, fuhr die Kundin schmunzelnd fort, „aber wir suchen ihn immer noch. Jedes Mal, wenn wir hier Urlaub machen, hoffen wir, dass wir ihn doch noch finden.“

Mirja lächelte der Dame zu, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte. Dass es sich dabei um ein aussichtsloses Unterfangen handelte, wusste die Kundin sicher auch.

Als die ältere Dame den Salon einige Zeit später frisch frisiert verlassen wollte, stürmte eine junge Frau hinein. Sie war völlig außer Atem, als sie die Kundin ansprach: „Wie gut, dass Sie noch da sind! Ich wurde vorhin ungewollt Zeugin ihres Gespräches. Wissen Sie, es ist mein Hobby, in den Wintermonaten den Strand mit einem Detektor abzusuchen. Und so habe ich schon manchen Schatz gefunden. Schauen Sie doch bitte mal, vielleicht ist ja Ihr Ehering dabei.“

Während sie das sagte, öffnete sie eine alte Keksdose.

Die ältere Dame sah die junge Frau an. Als sie anschließend in die kleine Schatzkiste schaute, griff sie zielsicher hinein. Völlig fassungslos hielt sie ihren Ehering in Händen! Nach 50 Jahren!

 

© Martina Pfannenschmidt, 2018

 


Samstag, 19. Mai 2018

Oma, Kathrin und das Pfingstfest


Kathrin kam gut gelaunt aus der Schule heim. Kein Wunder, dass sie gut drauf war. Das Pfingstfest stand vor der Tür und außerdem noch eine Woche Ferien.
Natürlich bemerkte Oma die gute Laune ihrer Enkelin sogleich: „Schau mal an. So ein paar freie Tage können einem schon mal ein Lächeln ins Gesicht zaubern, nicht wahr?!“
„So ist es Omilein. Außerdem soll das Wetter gut werden. Das ist doch einfach nur klasse.“
Dem konnte Oma nur zustimmen.
„Wir haben heute in der Schule über Pfingsten gesprochen und darüber, dass viele gar nicht mehr den Grund kennen, warum wir dieses Fest feiern“, erzählte Kathrin. „Also, wenn ich ehrlich bin, hat es mich bisher auch nicht interessiert. Hauptsache frei!“
„Ach Kind, das kann ich gut verstehen. In der heutigen hektischen Zeit sehnt sich die Menschheit einfach nur nach Ruhe.“
„Naja“, warf Kathrin ein, „bei all den Aktivitäten, die viele stattdessen auf dem Plan haben, kann von Ruhe auch nicht die Rede sein. Aber ein Ausgleich zum Alltag ist es allemal.“
Oma schmunzelte. Ihre Kathrin war den Kinderschuhen entwachsen und machte sich ihre eigenen Gedanken. Und das war gut so!
Kathrin kam noch einmal auf das Pfingstfest zu sprechen: „Also, wenn ich ehrlich bin, hatte ich zwar auf dem Schirm, dass Pfingsten 50 Tage nach Ostern gefeiert wird. Doch viel mehr wusste ich nicht. Als wir heute darüber sprachen, dachte ich, dass ich mir das durchaus vorstellen kann, dass die Jünger den Tod von Jesus und seine Auferstehung noch gar nicht richtig verarbeitet hatten. Er wird ihnen ganz schön gefehlt haben und Angst hatten sie bestimmt auch, weil sie nicht wussten, ob auch sie verfolgt werden. Der Gedanke, ebenfalls gekreuzigt zu werden, muss schrecklich für sie gewesen sein.“
Oma nickte. „Man kann sich schwer in die damalige Situation der Jünger hinein versetzen. Doch wenn man es versucht, kann man sich vorstellen, dass sie es vermieden haben, über Jesus und die Auferstehung zu sprechen. Sie gingen zwar zum Erntefest, das 50 Tage nach Ostern stattfand, doch sie waren ängstlich und feierten nicht so fröhlich, wie der Rest. Das kann man sich wirklich gut vorstellen.“
„Aber dann wird es mit der Vorstellung schon wieder schwierig“, warf Kathrin ein. „Ich meine den Moment, wo sie beisammen sind und ein großes Brausen hören.“ Kathrin kicherte: „Also quasi ein Sturm im Haus!“
Oma bestätigte Kathrins Aussage mit einem Lächeln.
„Ja, so wird der Heilige Geist in der Bibel beschrieben. Vorstellen kann man es sich wahrlich schwer. Doch er bewirkt etwas. Er nimmt den Jüngern die Angst.“
„Und dann wird es noch verrückter“, meinte Kathrin, „ als plötzlich über jedem Kopf eine kleine Flamme steht.“
„Vielleicht war das die Flamme der Weisheit“, meinte Oma. „Auf jeden Fall waren die Jünger anschließend nicht mehr verzagt, sondern mutig.“
„Die Flamme der Weisheit könnte ruhig noch einmal zu uns Menschen kommen. Meinst du nicht auch?“
„Gewiss. Besonders zu manchen Menschen, nicht wahr!“
„Also, ich möchte ja keine Namen nennen“, meinte Kathrin verschwörerisch, „aber so einigen Mächtigen dieser Welt täte Weisheit ganz gut.“
Dem war wirklich nichts hinzuzufügen.
„Warum läuft eigentlich so vieles schief?“, wollte Kathrin wissen. „Und warum greift Gott nicht ein und lässt all die Männer, die Kriege anzetteln, einfach von der Bildfläche verschwinden?“
Kathrins Ausdrucksweise ließ hier und da vielleicht noch zu wünschen übrig. Doch sie traf schon den Kern der Sache. Das musste Oma zugeben.
„Dass er dazu in der Lage wäre, steht außer Frage“, erwiderte Oma. „Du musst aber bedenken, dass Gott den Menschen einen freien Willen gegeben hat.“
„Also, ich finde, die Lösung des Problems ist eigentlich ganz einfach“, meinte Kathrin selbstbewusst. „Wenn jeder Mensch einen anderen Menschen so behandeln würde, wie er selbst behandelt werden möchte, wäre doch alles gut.“
Kathrins Aussage war vielleicht kindlich, doch auch hier stimmte die Kernaussage. Aber ein Wort gab es in diesem Satz, das zeigte, dass die Angelegenheit doch nicht ganz so einfach ist.
„Es stimmt im großen und ganzen, was du sagst“, entgegnete Oma. „Doch da ist das kleine Wörtchen ‚eigentlich’ in deinem Satz. Eigentlich ja, aber einige Menschen, die denken und handeln anders.“
„Da läuft doch was schief in deren Köpfen, oder, Omi!“
„Es hat zumindest den Anschein, dass es so ist. Weißt du, manchen Menschen bekommt es nicht, mächtig zu sein. Sie wollen zeigen, wie wichtig sie sind und spielen mit ihrer Macht und das kann ganz schön gefährlich werden.“
„Und wie kann man sie stoppen? Was können wir tun?“
Oma schwieg eine ganze Weile, was Kathrin zeigte, dass die Antwort darauf nicht einfach ist.
„Nicht beängstigen lassen, denke ich. Fest daran glauben, dass alles gut wird. Selbst keine kriegerischen Gedanken hegen. Auch nicht gegen diese Menschen. Wer weiß, vielleicht sind sie tief in ihren Herzen verletzbar und ängstlich und wollen dies mit ihren Drohgebärden überspielen. Wir können nur hoffen und darum bitten, dass Gottes Geist über sie hinweg fegt und sich wie damals zu Jesu Zeiten eine kleine Flamme der Weisheit auf ihre Köpfe setzt, damit sie mutige, aber friedvolle Entscheidungen treffen. Wir dürfen nicht aufhören, darauf zu hoffen und darum zu bitten.“

© Martina Pfannenschmidt, 2018


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Dienstag, 15. Mai 2018

Die Frage aller Fragen


„Hey, Kai, schön dich zu sehen. Komm rein!“
„Bist du alleine?“, fragte dieser und es klang ziemlich geheimnisumwittert.
„Klar! Weshalb fragst du?“
Das würde er seinem besten Freund und Kumpel Sven in aller Ruhe erklären, nachdem er die Tür geschlossen hatte.
Außerdem war es überhaupt nicht so klar, dass sein Freund alleine war. Schließlich gab es Bea, seine Freundin. Doch die war in diesem Moment tatsächlich nicht bei ihm und das war auch gut so!
„Willste ein Bier?“, fragte Sven.
„Gerne!“
Nachdem die beiden den ersten Schluck getrunken hatten, ließ Kai die Katze aus dem Sack.
„Pass auf“, meinte er und sah sich verschwörerisch um, so als könne doch noch jemand mithören. „Ich plane, Nicole einen Heiratsantrag zu machen.“ 
Weiter kam er nicht, da Sven begeistert ausrief: „Mensch, mein Freund. Das sind ja mal Neuigkeiten.“
Dabei schlug er seinem Kumpel anerkennend auf die Schulter.
„Also pass auf. Du sollst mir dabei helfen.“
„Jederzeit! Du weißt, für meinen besten Freund tue ich alles. Also fast alles“, schränkte er lieber noch ein.
Zwei Wochen später packten Kai und Nicole ihre Koffer. Sie planten ein verlängertes Wochenende in einem Wellnesshotel auf Rügen. Dass Kai noch mehr, als nur ein paar Tage Erholung bezweckte, ahnte seine Freundin natürlich nicht. Sie fand nur, dass er dringend zur Ruhe kommen müsste. In den letzten Tagen wirkte er irgendwie fahrig und nervös.
Als die beiden in ihrem Hotel angekommen waren, zog sich Kai für einen Moment zurück. Er musste letzte Absprachen mit seinem Freund Sven treffen. Dieser war mit seiner Freundin ebenfalls auf der Insel und es durfte auf keinen Fall zu einem Zusammentreffen kommen. Jedenfalls nicht, bevor Kai seine Frage gestellt hatte.
„Hey, Sven“, flüsterte Kai ins Handy. „Seid ihr auch schon angekommen?“
„Ja, Bea schwimmt schon die erste Runde im Pool. Ich hab halt noch auf deinen Anruf gewartet. Also, wie besprochen. Alles scheint nach Plan zu laufen. Ich habe mich gerade erkundigt. Die Windverhältnisse sollen morgen hervorragend sein. Ihr zwei solltet euch so zwischen 14 und 15 Uhr am Strand aufhalten. Du musst halt nach mir Ausschau halten und ich werde das Banner wie besprochen ausbreiten.“
Kai bekam seine Nervosität kaum noch in den Griff. Seine Hände begannen zu zittern. Hoffentlich klappte auch wirklich alles, wie besprochen und hoffentlich sagte seine Freundin ‚Ja’.
Am nächsten Tag bereitete Sven alles für seinen Gleitflug vor. Seine Freundin, die wenig Interesse an seinem Hobby zeigte, würde in der Zeit shoppen gehen oder den Wellnessbereich des Hotels nutzen. So war es zumindest besprochen. Mit einem Kuss verabschiedete sich Sven und zog mit all seinen Utensilien los. Auch er verspürte eine gewisse Anspannung. Schließlich lag eine große Verantwortung auf seinen Schultern.
Nachdem Sven gegangen war, empfand Bea weder Lust, shoppen zu gehen, noch wollte sie sich alleine in den Wellnessbereich begeben. Das Wetter war so herrlich. Sie würde sich ein Buch schnappen und zum Strand gehen.
Zur selben Zeit machten sich auch Nicole und Kai auf den Weg. Sie suchten sich einen schönen Platz am Strand. Von hier aus hatten sie einen guten Blick zur Steilküste. Von dort würde Sven starten. Aber das wusste natürlich nur Kai.
Sven bereitete sich zeitgleich auf seinen Flug vor. Er legte seine winddichte Kleidung an, hakte die Karabiner ein, legte das Banner so zurecht, dass er es zur rechten Zeit zücken konnte und überprüfte noch kurz, ob alle Gurte und Schnallen geschlossen waren. Dann wartete er mit dem ausgebreiteten Gleitschirm, bis die Windbedingungen passten, und lief los.
Genau zu diesem Zeitpunkt breitete seine Freundin ihr Strandtuch aus, cremte sich ein und sah sich um, ob sie jemanden fände, der ihr den Rücken eincremen würde.
„Das gibt es doch nicht!“, rief sie aus und begann, auf sich aufmerksam zu machen, indem sie mit beiden Armen winkte.
„Das gibt es doch nicht!“, rief nun auch Nicole, die darauf aufmerksam wurde. „Das ist doch Bea dort hinten. Was macht die denn hier?“
Beide Frauen liefen aufeinander zu, um diese Frage zu klären. Kai allerdings blieb wie angewurzelt stehen. Dass Bea hier auftauchte, das war nun wirklich nicht geplant.
Nachdem sich die beiden Frauen ausgetauscht hatten, legten sie sich nebeneinander in den Sand und konnten gar nicht glauben, dass ihre beiden Männer nicht über dieses verlängerte Wochenende und ihre jeweilige Kurzreise auf diese Insel gesprochen hatten. Aber so waren sie halt, die Männer!
Unruhig lief Kai am Strand auf und ab. Keine Spur von romantischer Stimmung. Aber er hatte auch keine Chance, das Ganze abzubrechen. Sven wusste ja von nichts und würde sicher bald auftauchen. Und dann war es Bea, die rief: „Schau, dort, die Drachenflieger. Da muss Sven dabei sein.“ Und bald darauf: „Da ist er. Ich erkenne ihn an seinem Fallschirm in den schönen Regenbogenfarben.“
Auch Nicole sprang auf und schaute sich das Schauspiel am Himmel an. Sven kam immer näher und näher auf sie zu und damit auch das Banner mit der Frage: ‚Willst du mich heiraten?’
Bea wurde blass, dann rot, dann wieder blass. Dann schrie sie, in der Hoffnung, dass Sven sie hören konnte: „Ja, mein Liebling, ja, ja, ja!“
Kai war weiß wie die Wand. Hier lief etwas aus dem Ruder und zwar gewaltig. Das war SEIN Heiratsantrag an Nicole und nicht der von Sven an Bea.
Kai musste jetzt die Wahrheit sagen, sonst würde sein Freund ihm den Kopf abreißen. „Aber das war doch gar nicht so geplant“, sagte er panisch, und an Bea gerichtet: „Du solltest gar nicht hier sein, zu diesem Zeitpunkt. Sven ist nur der Überbringer der Frage. Gemeint bist du, Nicole. ICH möchte DICH fragen, ob du mich heiratest.“
Am Abend saßen die vier gemeinsam beim Italiener. Nicole strahlte mit ihrem Verlobungsring, den sie stolz am Finger trug, um die Wette. Bea hatte sich inzwischen wieder beruhigt, auch wenn sie immer noch nicht über die Situation lachen konnte. Sie hätte sich halt auch sehr über einen Heiratsantrag gefreut.
Als sie ihr Tiramisu löffelten, griff Sven plötzlich in seine Jackentasche und begann, rote Rosenblätter auf dem Tisch zu verteilen. Alle Blicke waren von dem Moment an auf ihn gerichtet.
Er nahm die Hand seiner Freundin und sagte: „Dass du so enttäuscht wurdest, war von mir wirklich nicht geplant. Aber heute läuft eben nichts nach Plan. Vielleicht aber doch. Nämlich dann, wenn auch du ‚Ja’ auf meine Frage sagst.“
Dabei holte er ein kleines Schächtelchen aus seiner anderen Jackentasche, kniete vor seiner Freundin nieder und stellte die Frage aller Fragen.
Ein halbes Jahr später wurde eine romantische Doppelhochzeit gefeiert.

© Martina Pfannenschmidt, 2018

Dienstag, 8. Mai 2018

Ein Rollator kommt mir nicht ins Haus


„Hallo, ich bin’s“, rief Astrid, nachdem sie die Tür zur Wohnung ihrer Mutter geöffnet hatte. Schlagartig blieb Astrid stehen: „Ach du meine Güte, wonach riecht es denn hier?“
Ohne Umschweife ging sie direkt in die Küche, da der beißende Geruch von dort zu kommen schien.
„Ach Kind“, gestand Martha sogleich, „so etwas ist mir wirklich noch nie passiert. Ich war doch nur kurz gegenüber bei Elfriede. Und dann das!“
Astrid hatte den Eindruck, als sei ihre Mutter den Tränen nahe.
„Nun lass mal, Mutti“, erwiderte sie deshalb und nahm ihr den Putzschwamm aus der Hand. „Jetzt bin ich ja da. Setz dich in deinen gemütlichen Sessel ins Wohnzimmer. Ich mach das hier schon und du erzählst mir gleich, wie das passieren konnte.“
„Also das war so“, berichtete Martha eine Weile später, „ich wollte mir Milchreis kochen und dachte, dass ich die Herdplatte ausgestellt hätte. Aber das habe ich wohl vergessen. Als ich zurückkam, war der Reis komplett angebrannt. Meine Güte, was da alles hätte passieren können, wenn ich nicht rechtzeitig zurückgekehrt wäre.“
Einfühlsam nahm Astrid das Wort. „Da haben wir noch einmal Glück gehabt, nicht wahr. Aber weißt du, so etwas kann immer mal passieren.“
„… wenn man alt wird und tüdelig“, warf Martha deprimiert ein.
„Weißt du, ich denke, dass es auch Jüngeren passieren kann, doch vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, wo du mein Angebot, dass ich für dich mitkoche, annehmen solltest.“
Martha sah Astrid traurig an: „Aber du hast doch mit deiner Familie schon genug Arbeit.“
„Ich würde ja nur eine etwas größere Portion kochen. Das ist gar keine zusätzliche Arbeit und noch eins: DU bist auch ein Teil meiner Familie. Ein sehr wichtiger sogar.“
Martha freute sich über die Aussage ihrer Tochter und erwiderte: „Du hast sicher recht mit dem, was du sagst. Also gut. Dann nehme ich dein Angebot gerne an.“
Astrid nickte.
„Du, Mutti“, begann sie bald darauf mit einem Thema, von dem sie wusste, dass es bisher ebenfalls nicht gut ankommen war, „wo wir schon mal über das Älterwerden sprechen. Wie wäre es denn, wenn du die Sache mit dem Rollator doch noch einmal überdenkst. Weißt du, er gäbe dir Halt und Stütze, wenn du spazieren gehst und mir das gute Gefühl, dass du sicher unterwegs bist.“
Martha sah ihre Tochter mit blitzenden Augen an. „Soooo alt bin ich nun auch noch nicht. So ein Ding kommt mir nicht ins Haus.“
Damit war dieses Thema wieder einmal vom Tisch.
Nachmittags ging Martha wie so oft im nahe gelegenen Park spazieren.
In der Nähe des kleinen Teiches, auf dem vergnügt ein paar Enten und Schwäne schwammen, setzte sie sich nieder, um die Ruhe und Idylle des Augenblicks zu genießen und auch, um sich vor dem Heimweg ein bisschen auszuruhen.
Als sie eine kleine Weile gedankenverloren dort gesessen hatte, wurde sie unerwartet angesprochen: „Entschuldigung! Wäre es Ihnen recht, wenn ich mich zu Ihnen setze?“
Martha sah hoch und direkt in zwei sehr warmherzige rehbraune Augen. Sie gehörten zu einem älteren, dynamisch wirkenden Herrn mit grauen Haaren, der auf Anhieb einen sehr sympathischen Eindruck auf sie machte. Deshalb nickte Martha und antwortete auf seine Frage: „Sehr gerne!“
In dem Moment sah sie ihn! Das Objekt des Schreckens!
Behände stellte der Mann seinen Rollator direkt neben der Parkbank ab, entnahm diesem zwei Kissen und bot ihr eines davon an.
„Nehmen Sie nur“, meinte er freundlich, „man sitzt so viel bequemer und dank meines neuen Mobiles war es überhaupt kein Problem, diese zu transportieren.“
Gerne nahm Martha das Kissen an und der Mann fuhr fort: „Wissen Sie, zuerst habe ich mich ja vehement dagegen gesträubt. Doch das Ding ist wirklich nützlich. Man kann sich sogar darauf ausruhen, wenn man möchte. Allerdings ziehe ich den Platz neben einer so charmanten Dame in jedem Fall vor.“
Martha genoss die Zeit, denn wie sich herausstellte, war sie an einen Charmeur der alten Schule geraten. Die beiden älteren Menschen unterhielten sich lange und verabredeten sich sogar für den kommenden Tag in einem Café.
Als Martha am Abend über den zurückliegenden Tag nachsann, griff sie ohne zu zögern zum Telefon: „Hallo Astrid, Mutti hier! Du, ich habe mir das noch mal überlegt. Von mir aus kannst du mir so einen Rollator besorgen!“

© Martina Pfannenschmidt, 2018

Mittwoch, 2. Mai 2018

Das Vogelkind


Lilly, ein süßes kleines Mädchen mit blonden Haaren und niedlichen Zöpfen, spielte draußen im Garten. Die Sonne schien und die Kleine trug ihr Lieblingskleid. Es hat Rüschen am Halsausschnitt und am Saum und ist übersät mit unzähligen kleinen und kunterbunten Punkten.
Ohne Unterlass bemühte sie sich, ihren nagelneuen und quietschgelben Hula-Hoop-Reifen um ihre Hüften kreisen zu lassen. Gar nicht so einfach, diese so zu schwingen, dass der Reifen nicht zu Boden fiel. Leider passierte ihr das immer und immer wieder. Doch Lilly gab nicht auf. Sie gab niemals auf. Tapfer übte sie weiter.
Während sie zum xten Mal ihren Reifen vom Boden aufnahm, sah sie, wie eine Amsel aufgeregt umher hüpfte und dabei warnende Rufe ausstieß. Lilly war sofort klar, dass dort etwas nicht stimmte. Spontan warf sie den Reifen zur Seite und machte sich langsam auf den Weg Richtung Gebüsch. Schließlich wollte sie den Vogel nicht vertreiben, sondern nur schauen, was ihn derart in Aufregung versetzte. Leise und einfühlsam sprach sie auf ihn ein: „Was ist denn los mit dir? Warum zeterst du hier so herum?“
Vorsichtig bog das Mädchen einen Zweig zur Seite und schon sah es die Bescherung. Ein Vogelkind war aus dem Nest gefallen. Kein Wunder, dass die Mama derart reagierte. Was war zu tun? Der kleine Vogel konnte noch nicht fliegen, saß verschreckt und zusammen gekauert dort. Er gab wirklich ein trauriges Bild ab. Lilly musste eingreifen, und zwar, bevor die Nachbarkatze etwas mitbekam und sich das Vogelbaby schnappte. – Ein schauerlicher Gedanke.
Während das Mädchen versuchte, das Kleine vorsichtig zu greifen, flog die Vogelmama aufgeregt um Lilly herum.
„Ich will dir und deinem Kind doch nur helfen“, rief sie ihr zu. „Schau, ich glaube, dein Kleines hat sich am Bein verletzt. Das muss ich meiner Mama zeigen. Die wird es schienen und dann behalten wir dein Kind bei uns im Haus. Hörst du! Wir werden uns ab jetzt darum kümmern. Mach dir bitte keine Sorgen und achte auf deine anderen Kinder!“
Behutsam ging das Mädchen mit dem kleinen Patienten in ihrer Hand Richtung Haus. „Mama, komm schnell“, rief Lilly, als sie die Küche betrat, „wir müssen ein Vogelbaby retten.“
Mama musste schmunzeln. Sie wusste schon gar nicht mehr, wie viele verletzte Tiere ihre Tochter schon nach Hause gebracht hatte. Diesmal war es nun ein Vogel und wie es schien, hatte er sich am Bein verletzt.
„Mama, du musst dem Vogel das Bein schienen. Er hat sich beim Sturz aus dem Nest verletzt“, meinte Lilly besorgt.
„Aber wie stellst du dir das vor?“, fragte Mama. „So ein kleines Beinchen. Wie sollen wir das schienen?“
„Dir muss etwas einfallen! Dir fällt doch immer etwas ein!“
Bald darauf brach Mama ein Streichhölzchen auf die Länge des Vogelbeinchens. Achtsam legte sie es an und fixierte es mit einem schmalen Klebestreifen, während Lilly den kleinen Vogel vorsichtig in ihren Händen hielt.
„Sieht doch gut aus, oder?“, fragte Mama und war recht stolz auf das Ergebnis.
„Sieht super aus“, bestätigte Lilly und fragte sogleich: „Und nun, was machen wir jetzt mit ihm?“
Mama holte ein weiches Kissen und boxte mit ihrer Hand eine Kuhle in die Mitte.
„Leg ihn dort hinein“, meinte sie, „und dann ab Marsch mit dir in den Garten und Regenwürmer suchen. Wenn der Kleine überleben soll, braucht er Futter.“
Dass Lilly da nicht selber drauf gekommen war. Klar, sie musste Futter suchen. Jetzt war sie ja quasi die Vogelmama. Doch so leicht, wie es bei den Vögeln aussah, war die Regenwürmersuche für Lilly nicht. Dennoch gab sie nicht auf. Wie so oft schon, zeigte das Mädchen auch in dieser Beziehung Durchhaltevermögen - und das sogar über viele Tage.
Der kleine Vogel wuchs prächtig und auch sein Bein war bald geheilt. Er würde überleben und eines Tages das Fliegen erlernen.
Zwar wusste Lilly noch nicht, wie sie ihrem Schützling dies beibringen sollte, doch sie würde es schaffen. Da war sie sich sicher. Sie müsste nur die anderen Vögel beobachten und es ihnen gleichtun. Und wenn sie darin erfolgreich wäre, würde sie vielleicht eines Tages eine Fliegeschule eröffnen.
Wie es nicht anders zu erwarten war, gelang es Lilly tatsächlich, dem Vogel nicht nur das Suchen nach Futter beizubringen, sondern auch das Fliegen. Bald schaffte das herangewachsene Vogelkind ein paar Flügelschläge und irgendwann hielt es sich tapfer in der Luft. Lilly war so stolz auf ihren Schützling – aber ein kleines bisschen auch auf sich selbst.
Gerade als ein paar Abschiedstränchen kullern wollten, kam der Vogel zurück und setzte sich auf Lillys Schulter.
Sie drehte ihren Kopf zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr: „Mach es gut, mein Kleiner und wenn du magst, dann komm mich doch mal wieder besuchen.“
Von da an sah man täglich, wie ein kleiner Vogel auf der Fensterbank unter Lillys Zimmerfenster hockte und mit seinem Schnabel an die Scheibe pickte. Das machte er so lange, bis das Fenster geöffnet wurde und ein kleines Mädchen mit blonden Haaren und niedlichen Zöpfen heraus schaute, die Hand ausstreckte und den Vogel für ein paar Minuten an ihr Herz drückte.

© Martina Pfannenschmidt, 2018

Montag, 9. April 2018

Frühlingserwachen (Gedicht)


Mensch, spürst du es auch?
Der Wind, so sanft wie ein Hauch,
rüttelt, wenn er so leise weht,
am kleinen Köpfchen des Tète à Tète.
Er läutet damit den Frühling ein -
mit bunten Farben und Sonnenschein.

Und auch der Tulipan ganz sacht
aus seinem Winterschlaf erwacht.
Der Blaustern fragt sich, ganz verschreckt:
„Wer hat mich aus dem Schlaf geweckt?“
Die Primel sagt: „Ich könnte schwören,
einen Glockenklang zu hören“.

Auch der Igel hat’s vernommen
und ist aus dem Versteck gekommen.
Die Meise baut jetzt ganz geschwind
an einem Nestchen für ihr Kind.
Und auf der Wiese nebenan
man kleine Lämmchen sehen kann.

Lässt du dich dann davon berühren,
kannst du die Zauberkraft verspüren.
Und du riechst den süßen Duft,
der jetzt liegt in der Frühlingsluft.
Dann wird auch dir das Herze weit,
und große Freude macht sich breit.

© Martina Pfannenschmidt