Montag, 9. April 2018

Frühlingserwachen (Gedicht)


Mensch, spürst du es auch?
Der Wind, so sanft wie ein Hauch,
rüttelt, wenn er so leise weht,
am kleinen Köpfchen des Tète à Tète.
Er läutet damit den Frühling ein -
mit bunten Farben und Sonnenschein.

Und auch der Tulipan ganz sacht
aus seinem Winterschlaf erwacht.
Der Blaustern fragt sich, ganz verschreckt:
„Wer hat mich aus dem Schlaf geweckt?“
Die Primel sagt: „Ich könnte schwören,
einen Glockenklang zu hören“.

Auch der Igel hat’s vernommen
und ist aus dem Versteck gekommen.
Die Meise baut jetzt ganz geschwind
an einem Nestchen für ihr Kind.
Und auf der Wiese nebenan
man kleine Lämmchen sehen kann.

Lässt du dich dann davon berühren,
kannst du die Zauberkraft verspüren.
Und du riechst den süßen Duft,
der jetzt liegt in der Frühlingsluft.
Dann wird auch dir das Herze weit,
und große Freude macht sich breit.

© Martina Pfannenschmidt

Samstag, 31. März 2018

Ungelegte Eier

Der blaue Himmel mit strahlendem Sonnenschein kündigte das nahende Frühjahr an, so dass die Tiere aus ihrem Winterschlaf erwachten und die Menschen ihre Mützen und Schals zurück in den Schrank legten. Überhaupt war allerorten ein Gewimmel und Gewusel zu vernehmen und noch etwas lag spürbar in der Luft: Frühlingsgefühle!

Und so hatte auch Roberta ihren Liebsten bereits gefunden, aber nicht nur das. Sie würden bald Eltern von drei zauberhaften kleinen Rabenkindern sein. Zum ersten Mal wurde sie Mutter und sie führte die Aufgabe, die ihr nun zukam, mit großer Hingabe und voller Stolz aus.

Während sie völlig entspannt und überaus glücklich auf ihren Eiern saß, hatte sie viel Zeit, um nachzudenken. Zum Beispiel darüber, ob sie eine gute Mutter sein würde. Sie wusste, dass Rabenmütter bei den Menschen einen schlechten Ruf genießen. Das empörte Roberta jedoch, weil es einfach nicht der Wahrheit entspricht. Rabenmütter schubsen ihre Kinder nicht aus dem Nest, wie manchmal vermutet wird, sondern die Jungvögel verlassen es freiwillig, und das, bevor sie fliegen können. Roberta musste sich allerdings eingestehen, dass die am Boden hockenden Jungtiere wirklich sehr verlassen wirken. Doch das ist nicht so. Rabeneltern versorgen ihre Kinder auch dann noch mit Nahrung und beschützen sie vor Feinden.
Während Roberta all diese Gedanken durch den Kopf gingen, geschah etwas Eigenartiges. Sie machte sich plötzlich Sorgen. Sorgen darum, wie es sein würde, wenn sie nicht genügend Futter fänden oder wenn sie ihre Kinder doch nicht beschützen könnten. Was wäre, wenn Robert, der Rabenvater in spe, gar nicht zu ihr zurückkäme, weil ihm etwas zugestoßen war und sie ihre Kinder alleine aufziehen müsste? Sie als alleinerziehende Mutter?! Ob sie das schaffen würde? Roberta wurde regelrecht übel!
Das Gedankenkarussell in ihrem Kopf ließ sich einfach nicht mehr anhalten, ganz im Gegenteil. Es schien, als würde es immer mehr an Fahrt aufnehmen und schneller und schneller werden. Roberta malte sich letztendlich rabenschwarze Szenarien aus.
In Gedanken sah sie sich völlig ausgemergelt unter einem kläglichen Baum sitzen; ihre Kinder, fast verhungert, neben sich.
Es war verrückt, doch es schien, als würde es in ihrem Nest immer enger, weil die Sorgen einen so großen Raum einnahmen. Ihr gerade noch empfundenes Glück hatte sich anscheinend unter das Nest verkrochen und war nicht gewillt, wieder hervorzukommen.
Eigentlich könnte sie glücklich sein, sagte sie sich, zufrieden mit dem Moment, doch stattdessen fütterte sie ihre Sorgen, die immer dicker wurden, so dass für das Glück dem Anschein nach gar kein Platz mehr war.
Just in dem Moment setzte sich ein junges Paar auf die Bank unter dem Baum, auf dem Roberta saß.
„Hätte ich mir doch nur einen anständigen Job gesucht“, sagte die männliche Person. „Weißt du, was Sicheres, wie eine Ausbildung bei einer Bank oder so. Manchmal denke ich, dass ich an jeder Gabelung einen falschen Weg gewählt habe.“
„Bei der Bank!“, rief die weibliche Person aus. „Als wenn du dort glücklich geworden wärst. Du interessierst dich doch überhaupt nicht für Zahlen, nicht einmal für meine Schuhgröße.“
Dabei lachte sie auf und meinte anschließend: „Hör auf, dich in ‚Hätte-ich-nurs’ zu verstricken. Das bringt doch nichts. Du bist durch und durch Musiker und kein Banker.“
„Werde ich denn auf Dauer wirklich genug damit verdienen? Also, ganz ehrlich, das macht mir schon Sorgen.“
„Das verstehe ich ja, doch vielleicht ist das jetzt gerade so eine Art Durststrecke, die es zu überwinden gilt.“
„Aber schau“, erwiderte der Mann, „nicht einmal meine Eltern glauben an meinen Erfolg. Ich sei ein Träumer, sagen sie.“
„Oh, das kenne ich“, meinte die Frau daraufhin, „es tut ganz schön weh, wenn andere über uns urteilen. Wie uns das verletzt, weiß ich aus eigener Erfahrung; doch wenn wir nicht auf unser Herz hören, sondern uns zu sehr von der Meinung anderer beeinflussen lassen, leben wir letztendlich nicht mehr unser Leben und unsere Träume, sondern die der anderen. Ja, ich weiß, es ist leicht, zu sagen, mach dein Ding und hör nicht auf andere. Aber bedenke bitte, dass niemand weiß, was die Zukunft für ihn bringen wird. Sie ist sozusagen wie ein ungelegtes Ei für uns. Also hör auf, darüber zu brüten, was möglicherweise, eventuell, irgendwann einmal passiert.“
Nach diesem kurzen Gespräch erhoben sich die beiden Menschen und setzten ihren Weg fort.
Im selben Moment kam Robert zurück und ließ sich auf einen Zweig direkt neben Roberta nieder. Sie sah ihn mit weit geöffneten Augen an, als sie tief beeindruckt sagte: „Das ist wirklich spektakulär!“
„Was denn, mein Liebes?“
„Dass die Menschen in der Lage sind, ungelegte Eier auszubrüten!“

© Martina Pfannenschmidt, 2018

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Allen Besuchern
meines
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wünsche ich 
von Herzen ein
frohes Osterfest!



Freitag, 23. März 2018

Glückskinder

Heimlich strickte Hanna an einem kleinen rosa Jäckchen, so, wie sie es früher schon für ihre Tochter getan hatte. Dazu gehörte noch eine passende Mütze und fertig war die Ausfahrgarnitur. Ob man diesen Ausdruck heute überhaupt noch benutzte? Egal! Hanna freute sich riesig auf ihr erstes Enkelkind und die zukünftige Mama hoffentlich über diese Handarbeiten.
Als die Haustür aufgeschlossen wurde, versteckte sie das Jäckchen rasch in ihrem Handarbeitskorb. Einen Moment später lugte Nadine durch die Tür. „Störe ich, oder trinkst du mit mir einen Kaffee?“
„Natürlich störst du nicht“, erwiderte Hanna und erhob sich aus ihrem Sessel. „Klar koche ich uns einen Kaffee. Ich freue mich doch über deinen Besuch.“
„Wie du weißt, bin ich jetzt im Mutterschutz und deshalb werde ich dich wohl häufiger besuchen, sonst fällt mir nämlich die Decke auf den Kopf.“

Hanna lachte: „Schon nach zwei Tagen?“ 
„Du weißt doch, dass mir schnell langweilig wird. Immer nur lesen ist nicht meins, ja und Handarbeiten schon gar nicht. Aber wem erzähle ich das?!“
Als die beiden Frauen später am Küchentisch saßen und über dies und das plauderten, waren deutliche Kindsbewegungen zu spüren. Nadine strich daraufhin beruhigend über ihren Babybauch und meinte: „Die Kleine wird uns auf Trab halten, ich sag’s dir. Die macht jetzt schon immer Radau.“
„Wenn sie nach ihrer Mutter schlägt, wird es so kommen!“, entgegnete die zukünftige Oma und konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen.
„Du willst doch wohl nicht behaupten, dass ich ein Rowdy bin“, erwiderte Nadine und tat ein bisschen beleidigt.
„Nein, natürlich nicht. Du weißt, wie ich es meine. Du bist halt gerne in Bewegung und dagegen ist wirklich nichts einzuwenden. Übrigens sollten wir uns nicht zanken. Du weißt ja, dass der kleine Wurm bereits mithört.“
„Oh ja, das weiß ich. Deshalb unterhalte ich mich ganz viel mit der Kleinen und erzähle ihr von ihrem zukünftigen Zuhause.“
„Hast du die Tasche fürs Krankenhaus schon gepackt?“, erkundigte sich Hanna nach einer Weile.
Nadine nickte: „Ganz ehrlich, so ein bisschen Bammel hab ich schon vor der Geburt. Aber dann sage ich mir immer, dass schon so viele Kinder geboren wurden. Da werde ich es wohl auch schaffen.“
„Ganz gewiss! - Weißt du, meine Erfahrung ist, dass die Mamis, die ihre Kinder im Moment der Geburt nicht loslassen können, es schwerer haben und dass es für die Mütter einfacher ist, die es gar nicht erwarten können, ihr Baby in ihren Armen zu halten.“
Nadine erwiderte daraufhin, dass sie gelesen habe, dass die Kinder, deren Mütter angstfrei in die Geburt gehen, bei späteren Prüfungen in ihrem Leben auch angstfreier seien.
„Das ist interessant und durchaus vorstellbar“, entgegnete Hanna.
Nach einer Weile des Schweigens meinte Nadine: „Weißt du, ich mache mir viel mehr Gedanken darüber, wie es sein wird, wenn das Kind da ist. Wie ich als Mutter sein werde und ob wir viele Fehler machen bei der Erziehung. Darüber mache ich mir im Moment mehr Gedanken, als über die Geburt.“
„Lass es auf dich zukommen, Kind. Du wirst ganz sicher Fehler machen, so wie wir es alle getan haben und immer noch tun.“
„Vielleicht lese ich im Moment ja auch zu viele von diesen Ratgebern“, meinte Nadine nachdenklich. „Aber man erfährt wirklich interessante Dinge. Ich habe zum Beispiel gelesen, dass man das Kind durchaus früh an die Hausarbeit heran führen soll. Wenn es nämlich niemals seinen Teller selbst abspülen muss, dann ist sein Fazit daraus, dass es wohl ein anderer machen wird. Wenn man das Kind aber mit einbezieht, macht es die Erfahrung, dass jeder einen Teil zum Ganzen beizutragen hat.“
„Das ist ja hoch interessant“, rief die künftige Oma aus. „Und wer hat immer gemeckert, wenn ich ihn zur Hausarbeit angehalten habe?“
„Ja, ich weiß“, antwortete Nadine schuldbewusst, „aber heute sehe ich das ganz anders. Wer früh mit anpacken darf, kann später besser mit anderen Menschen zusammen arbeiten. Auf jeden Fall wird man dadurch viel selbständiger. In dieser Beziehung hast du also alles richtig gemacht.“
„Dein Uropa sagte immer“, erinnerte sich Hanna, „dass die ersten Jahre bedeutend sind für die Entwicklung des Kindes. Ob dein Kind später im Knast landet oder mit beiden Beinen im Leben steht, sagte er gerne, hängt maßgeblich von seinen Erfahrungen in den ersten Lebensjahren ab.“
„Mama, mach mir keine Angst.“
„Ach Quatsch! Opa drückte sich halt gerne drastisch aus, aber da ist schon was dran. Die Entwicklung sozialer und emotionaler Fähigkeiten ist für Kinder enorm wichtig. Und ganz sicher auch, dass sich die Eltern verstehen. Denn wer trägt es aus, wenn die Erwachsenen keinen guten Umgang miteinander pflegen und sich streiten? Die Kinder, die dann später unter Verlustängsten leiden.“
„Lach mich jetzt bitte nicht aus, wenn ich schon wieder erwähne, dass ich dazu etwas gelesen habe, aber es gibt Studien, wonach Kinder, die bei einem Elternteil aufwachsen, sogar besser klar kommen, als die, die mit beiden Eltern aufwachsen, dafür aber viele Streits erleben.“
„Das kann ich mir durchaus vorstellen. Die Hauptsache ist, dass du Verständnis für dein Kind zeigst und es nicht einengst, wie eine Übermutter.“
Nadine lachte: „Nein, eine Helikopter-Mutter werde ich ganz sicher nicht. Das kann ich mir absolut nicht vorstellen, aber auch nicht, dass ich eine besonders strenge Mutter sein werde. – Hab ich übrigens schon erwähnt, dass ich gelesen habe, dass Eltern nicht zu streng mit ihren Kindern sein sollen, sondern dass die Kinder später viel erfolgreicher werden, wenn man ihnen Durchhaltevermögen beibringt.“
„Weißt du, Nadine“, erwiderte Hanna ernst, „ich glaube ganz fest, dass sich diese kleine Seele euch als Eltern erwählt hat, weil sie bei euch genau die Erfahrungen sammeln darf, die sie braucht, um zu wachsen. Und wenn ihr euer Kind bei allem unterstützt, macht ihr schon ganz viel richtig. Und wenn ihr immer zu ihm steht und es eure Liebe spürt, wird es ein glückliches Kind sein. Und Glückskinder gibt es wahrlich nicht viele auf dieser Welt.“

© Martina Pfannenschmidt, 2018


Samstag, 17. März 2018

Die große Reise


Bella, die gut gelaunte Marienkäfer-Mutter, freute sich über die Sonnenstrahlen, die ihr ins Gesicht fielen und entschied, dass heute der perfekte Tag für ihren Frühjahrsputz sei. Die Kinder spielten draußen und ihr Mann nahm im nahe gelegenen Beet sein Frühstück ein. Allerbeste Voraussetzungen dafür, nicht gestört zu werden.
Als sie bald darauf mit einem Liedchen auf den Lippen die Betten frisch bezog, hörte sie das kleine Tür-Glöckchen läuten und so schaute sie nach, wer sie bei der Arbeit störte.
Vor der Tür stand Oskar. Die beiden kannten sich gut, da der Bockkäfer im Erdgeschoss des Mietshauses wohnte.
„Hallo Oskar“, begrüßte Bella ihn freundlich, „was führt dich zu mir?“
„Darf ich vielleicht hereinkommen?“, fragte er daraufhin und es klang durchaus ein bisschen traurig.
Nachdem Bella sich für die Unordnung entschuldigt und zwei Gläser mit einem leckeren Blütensaft auf den Tisch gestellt hatte, begann Oskar zu erzählen: „Erinnerst du dich an Adelgard, die nette Weinbergschnecke, die sich vor einem guten Jahr aufgemacht hat, um nach Italien, dem Land ihrer Träume, auszuwandern?“
„Natürlich erinnere ich mich. Also das ist schon eine Verrückte. Hast du von ihr gehört?“, erkundigte sich Bella.
„Leider, muss ich sagen. - Sie war ja nicht mehr die Jüngste, als sie sich auf den Weg machte und so hat sie sich wohl total übernommen. Gerade als sie die Grenze nach Österreich passieren wollte, brach sie völlig erschöpft zusammen.“
Bella stand auf, zupfte ein kleines Tüchlein aus einer Box und schnäuzte kräftig hinein, bevor sie sagte: „Das tut mir wirklich Leid. Adelgard ist vielleicht ein bisschen verrückt, doch sie hat das Herz am rechten Fleck. Unsere Kinder mögen sie sehr, weil sie ihnen oft Geschichten aus ihrem Leben erzählt hat. Meistens waren diese sehr lehrreich, was wiederum mir gut gefiel.“ Dabei schmunzelte Bella.
Einige Tage später saß die Familie beisammen und erneut klingelte es an der Haustür. Rubin, der Jüngste der Marienkäfer-Familie, rannte sogleich los und kam bald darauf mit einem Brief in den Händen in die gute Stube zurück.
Papa reagierte erstaunt: „Post? Für uns?“
Der Umschlag war tatsächlich an die Familie gerichtet. „Er kommt von Adelgard“, entnahm er dem Absender. Anschließend öffnete er den Umschlag vorsichtig, ja fast schon würdevoll, und begann, den Brief, der sich darin befand, laut vorzulesen:
„Meine liebe Marienkäfer-Familie! Wenn euch diese Zeilen erreichen, bin ich vermutlich nicht mehr unter euch. Das soll euch jedoch nicht traurig machen. Ich hatte ein wunderbares Leben, auch wenn ich es nicht mehr geschafft habe, mein großes Ziel ‚Italien’ zu erreichen. Ich habe es zumindest versucht.
Benno, ein lieber Freund, dem ich auf meinem Weg begegnete, schreibt für mich diese Zeilen, da ich schon sehr schwach bin.
Es ist mir ein Bedürfnis, euch und besonders den beiden liebenswerten Kindern noch ein paar Dinge mit auf den Lebensweg zu geben, so wie ich es oft tat, als ich noch bei euch war.
Ihr Lieben, vergesst bitte nie, dass ihr ein Geschenk Gottes in dieser Welt seid. Ihr seid kostbar und wertvoll. Lasst euch niemals entmutigen und zweifelt nicht daran, dass ihr etwas Besonderes seid. Habt keine Angst und kostet euer Leben voll aus. Folgt euren Hoffnungen und Träumen, so wie ich es tat und hört nicht auf andere, die euch sagen, dass etwas unmöglich ist.
Schert euch nicht darum, was andere über euch denken und meidet den Kontakt zu Nörglern und Pessimisten. Ich glaube, es ist schlimm, wenn man am Ende seines Lebens zurückblickend sagt: ‚Ach, hätte ich doch nur ….’
Seid ehrlich, wahrhaftig und lebt im Einklang mit der Natur. Wenn ihr euren Kindern ein Versprechen gebt, so haltet es ein und sagt nicht ‚mal sehen’, wenn ihr ‚nein’ meint. Gebt ihnen eure Liebe, Fürsorge und Güte. Sie haben es verdient.
Lebt jeden Tag voller Dankbarkeit und in dem Wissen, dass er nicht wiederkehren wird. Jeder Tag ist einmalig. Vergesst dies bitte nicht.
Und noch etwas möchte ich euch allen mit auf euren Weg geben: Schaut euch die Welt an. Sie ist so wunderschön.
Und damit komme ich zu einer Entscheidung, die ich getroffen habe. Für meinen letzten Weg benötige ich mein Haus nicht mehr und es ist mein Wunsch, dass ihr es bekommt. Mein guter Freund Benno wird es für euch zu einem Wohnmobil umbauen und veranlassen, dass es euch so bald wie möglich erreicht und wenn ihr eines Tages Italien besucht, so trinkt einen Schluck des dunkelroten Weines auf mein Wohl und denkt dabei an mich.
Eure Adelgard“
Zwei Jahre später und etliche schroffe Berge und tiefe Schluchten später hatte die Marienkäfer-Familie die Stiefelspitze Italiens erreicht. Als sie am kristallklaren Meer der kalabrischen Küste standen, zog eine einzelne weiße Wolke am Himmel entlang. Darauf saß mit einem Lächeln auf den Lippen Adelgard; mit sich und der Welt im Reinen.

© Martina Pfannenschmidt, 2018

Samstag, 10. März 2018

Graufellchen (19) – Auszug


„Schau nur, Karl, die Sonne lacht und scheint zum Fenster herein, genau wie damals an dem Tag, als wir uns zum ersten Mal begegneten.“
Gerda öffnete das Fenster weit und ließ sich die wärmenden Sonnenstrahlen direkt ins Gesicht scheinen.
Karl trat hinter seine Frau: „Ist es nicht unglaublich, dass es heute auf den Tag genau 55 Jahre her ist, seit wir uns kennen lernten? Wenn ich ehrlich bin, kommt es mir gar nicht so vor, als wäre seither so viel Zeit vergangen.“
Während sich Gerda ihrem Mann zuwandte, sagte sie: „Ich möchte keinesfalls eine einzige Minute davon vermissen und wenn ich an unsere erste Zeit zurück denke, beginnen die Schmetterlinge in meinem Bauch erneut zu fliegen.“
Karl lächelte: „Es ist schon etwas Besonderes, verliebt zu sein, nicht wahr. Aber stell dir nur einen Moment vor, wir hätten den Sprung von der Verliebtheit zur Liebe nicht geschafft.“
„Ach Karl, das mag ich mir nicht vorstellen. Ich hätte mich niemals von dir trennen wollen.“
„Ich doch auch nicht, Gerda. Aber es ist zweifelsohne so, dass die Verliebtheit irgendwann endet und nicht immer wird Liebe daraus.“
„Ja, leider müssen viele diese Erfahrung machen“, erwiderte Gerda ernst und fragte ihren Mann: „Was denkst du, woran erkennt man, dass es Liebe ist?“
„O je, da stellst du mir eine Frage, der ich mich zuerst einmal nähern muss. Also, wenn wir verliebt sind, denken wir häufig an den Partner, aber es fehlt noch das Vertrauen. Das stellt sich erst später ein, denke ich. Ich weiß nicht, ob es schon Liebe ist, wenn man Freude am Zusammensein empfindet, gerne zärtlich ist. Das sind wohl alles Dinge, die wir auch schon während der Zeit des verliebt Seins fühlen.“
„Ich glaube, dass Liebe viel mit Ehrlichkeit zu tun hat und damit, dass wir sozusagen Verantwortung für die andere Person übernehmen“, entgegnete Gerda, „und ganz sicher gehört die Wertschätzung des Partners dazu und auch, seine Schwächen zu akzeptieren.“
Beide lachten, denn jeder kannte schon lange die kleinen Schwächen des anderen, die einfach zu ihm gehörten.
Vorsichtig lugte Graufellchen aus seiner kleinen Höhle hervor. Es war fast so, als tanzten seine Hormone bei all den Zärtlichkeiten, die diese beiden Menschen allein mit ihren Worten austauschten, Polka.
Dieses wahre Feuerwerk an Gefühlen wollte er unbedingt erleben. Es musste sich prickelnd anfühlen, verliebt zu sein. Das wollte er auch empfinden, doch noch nicht heute. Heute wollte er noch voll und ganz den Tag bei diesen beiden Menschen verbringen.
„Viele sagen“, meinte Karl in diesem Moment, „dass es der Alltag ist oder Geldsorgen, wenn eine Beziehung scheitert.“
„Oder schmutzige Wäsche vor dem Bett“, lachte Gerda. „Aber im Ernst, es ist doch wirklich schade, wenn Beziehungen an solchen Banalitäten scheitern.“
„Gewiss, das ist wirklich bedauerlich. Weißt du, Gerda, ich glaube, dass es ein kleines Mysterium bleibt, was wahre Liebe wirklich ausmacht“, philosophierte Karl. „Vielleicht ist es Liebe, wenn der Gedanke, den anderen nicht mehr an seiner Seite zu haben, dir die Luft zum Atmen nimmt.“
„Ach Karl, das hast du wunderbar gesagt“, schwärmte Gerda und sah ihren Mann voller Liebe an.
„Ich denke gerade“, fuhr Karl fort, „dass es auch wichtig ist, sich nicht selbst zu verlieren und es dem anderen ausschließlich recht machen zu wollen.“
„Wer so handelt, wird Angst vor der Einsamkeit haben“, vermutete Gerda, „aber ich denke, dass es für eine Beziehung wichtig ist, authentisch zu bleiben. Wenn sich einer der Partner ständig verbiegen muss, wird es schief gehen. Ja und ein Schönwetter-Gesicht aufzusetzen, wenn es innen drin brodelt, ist auf keinen Fall ein guter Weg.“
„Es ist nur oft so“, meinte Karl daraufhin, „dass man denkt, den Partner verschonen zu wollen. Allerdings muss ich sagen, dass es dir nach so vielen Jahren nicht mehr gelingen würde, mir etwas vorzuspielen. Dafür kenne ich dich viel zu gut, als dass du deine Gefühle vor mir verstecken könntest.“
„Ich merke auch, wenn mit dir etwas nicht stimmt“, erwiderte Gerda, „und unfair finde ich es außerdem und enorme Kraft kostet es zudem, wenn wir versuchen, uns zu verbiegen.“
Nachdem beide eine Weile geschwiegen hatten, sagte Gerda: „Wenn wir so darüber sprechen, scheint dieses Vortäuschen falscher Gefühle fast harmlos zu sein, doch ich denke, dass man in diesen Momenten den Partner regelrecht belügt.“
„Das ist so“, bestätigte Karl. „Lügen und Notlügen sind ein Thema, mit dem wir uns auch einmal auseinander setzen sollten.“
„Ach Karl“, erwiderte Gerda und zeigte vielsagend Richtung Mausehöhle, „wo du das gerade so sagst, fällt mir etwas ein.“
„Sooooooo?!“, fragte Karl und wusste in diesem Augenblick noch nicht, was Gerda im Schilde führte.
Als sie das Fenster schloss und die beiden Menschen diesen Platz verließen, zog Graufellchen sein Näschen ein Stückchen zurück. Seine Ohren waren allerdings weit aufgestellt. Auf keinen Fall wollte er verpassen, was Gerda noch zu sagen hatte.
„Das ist nämlich so, Karl, dass mich die Mia aus dem Nachbarhaus gefragt hat, ob wir ihr nicht eines ihrer kleinen Kätzchen abnehmen könnten. Du weißt doch, dass ihre Katze einige Junge bekommen hat. Also, mir gefällt dieser Gedanke. Es muss schön sein, wenn so ein süßer kleiner Stubentiger um die Beine schleicht.“
Graufellchen traute seinen Ohren kaum. Seine Nackenhaare stellten sich allein bei dem Gedanken an eine Katze in seinem Umfeld hoch.
Er schaute sich in seiner winzigen Höhle um. Mit einem Mal erschien sie ihm viel zu klein und eng und er wusste ganz sicher: Er musste hier weg und zwar so schnell wie möglich. In Windeseile packte er sein kleines Bündel und machte sich ohne einen Blick zurück auf den Weg Richtung Freiheit.
Gerda flüsterte Karl derweil ins Ohr: „Ich möchte unserem Mäuschen den Auszug ein bisschen erleichtern. Deshalb hab ich zu diesem kleinen Trick gegriffen. Es gibt nämlich gar keine kleinen Kätzchen in der Nachbarschaft“, kicherte sie, „aber psssssst.“ Dabei hielt sie einen Zeigefinger vor ihren Mund und sah ihren Mann verschmitzt an.
Karl war in diesem Moment voller Liebe für seine Frau. Selbst nach 55 Jahren überraschte sie ihn immer noch. Und diese kleine Notlüge musste man ihr einfach verzeihen.

© Martina Pfannenschmidt, 2018


Nun hat mich das 'Graufellchen' eine ganze Weile
zu Geschichten angeregt - doch mit seinem Auszug
endet diese kleine Reihe über das graue Mäuschen.

Danke euch fürs Lesen und
Danke dem Mäuschen (und natürlich Gerda und Karl)
für die Inspiration.
:-)


Montag, 26. Februar 2018

Graufellchen (18) – Erfahrungen


Graufellchen freute sich, als er die Haustür ins Schloss fallen hörte. Das war das Zeichen dafür, dass seine Lieblingsmenschen von einem ausgiebigen Spaziergang zurückkamen. Er musste sich eingestehen, dass sie ihm schon ein bisschen gefehlt hatten. Es war immer so still, wenn sie nicht da waren.
„Brrrr“, hörte er aus dem Flurbereich, „der Wind ist wirklich schneidend kalt, aber die Luft herrlich und der Himmel so wunderbar blau. Ach, wie habe ich das vermisst.“
„Ich auch, meine Liebe“, erwiderte Karl, „aber jetzt müssen wir uns zuerst einmal aufwärmen.“
„Ich werde uns einen Tee kochen. Der wird uns gut tun und wärmen.“
Als die beiden eine Weile später in ihren gemütlichen Sesseln saßen und ihren heißen Tee tranken, sagte Gerda: „Ist es nicht herrlich, dass man trotz der Kälte schon den nahenden Frühling erahnen kann. Ich freue mich so sehr auf die ersten Blumen und die Farbkleckse, die es dann wieder allerorten zu sehen gibt.“
„Geht mir wie dir, Gerda. Alle Jahreszeiten haben etwas Schönes, doch das Frühjahr mag ich am meisten.“
„Erstaunlich finde ich, dass sich die ersten Kraniche schon wieder auf den Weg zurück zu uns in den Norden machen. Es war so schön, ihre Rufe zu hören.“
Kraniche? Graufellchen wurde ganz kribbelig. War das Frühjahr so fassbar nahe? Bei dem Gedanken befiel ihn Freude und Traurigkeit zugleich. Wie schön würde es für ihn sein, wieder draußen in der Natur zu sein und wie traurig andererseits, weil er von den beiden Menschen Abschied nehmen musste.
„Gewiss wird uns unser kleines Mäuschen bald verlassen“, hörte er Gerda sagen. „Es will bestimmt Hochzeit feiern und eine Familie gründen.“
Graufellchen war baff! Konnte Gerda Gedanken lesen, oder woher wusste sie sonst von seinen Plänen?
„Weißt du Karl, ich wünsche allen Menschen und auch unserem Mäuschen ein glückliches Händchen bei der Partnerwahl. Es ist so wichtig, den passenden Partner an seiner Seite zu haben.“
„Da empfinde ich wie du, Gerda! Es ist das größte Glück auf Erden.“
Gerda nickte und meinte: „Es ist so eine Sache mit dem Glück. Jeder empfindet da anders. Aber wenn wir unser Glück bereits in kleinen alltäglichen Dingen und in den Menschen finden und sehen, ist es einfacher, ein glückliches Leben zu führen.“
„Für mich ist das größte Glück, wenn ich morgens erwache und du neben mir liegst.“
„Ach Karl“, entgegnete Gerda gerührt, „womit habe ich dich bloß verdient.“
Nicht nur Gerda wurde ganz warm ums Herz, sondern auch dem kleinen grauen Mäuschen. Es wollte sich auch eine Frau suchen, neben der es morgens gerne und glücklich erwachte.
„Weißt du, Gerda, ich denke einfach, dass es ganz wichtig ist, dass man sich in seinem häuslichen Umfeld wohl und geborgen fühlt. In der Welt ist soviel los, die Erde ist so wund und das, obwohl es so viele Menschen gibt, die ihr Herz am rechten Fleck haben.“
„Dennoch scheint die Welt aus den Fugen zu geraten.“
„Das Schlimmste sind die kriegerischen Auseinandersetzungen“, meinte Karl. „Manche Menschen denken einfach, ihnen gehöre ein bestimmter Teil unserer Erde und kämpfen darum.“
Gerda erwiderte sarkastisch: „Eines Tages kämpfen sie noch um das letzte bisschen Wasser oder die letzte gesunde Luft.“
„Das wollen wir bei Gott nicht hoffen. Irgendwann müssen die Menschen doch dazu lernen. Denkst du nicht?“
„O Karl, darauf hoffe ich sehr, doch solange den meisten Menschen Geld wichtiger ist als die Umwelt, unser Wasser, die Luft und alle Lebewesen, wird wohl noch viel Wasser den Rhein herunter fließen, bis es soweit ist.“
„Wir treten so vieles mit Füßen. Auch Werte wie Güte, Mitgefühl und Nachsicht. Manchmal habe ich den Eindruck, das Egoismus und Härte als Stärke verstanden werden und alles andere als Schwäche. Und wer möchte schon gerne als schwach angesehen werden.“
„Weißt du Karl, ich frage mich immer, wo der Fehler liegt. Warum herrscht soviel Gewalt und warum behandeln wir unsere Natur so schlecht? Warum töten wir jeden Tag Millionen von Tieren, um Massen an Fleisch zu haben, die uns vielleicht sogar krank machen?“
„Da wird man wirklich nachdenklich, Gerda. Wir können nur hoffen, dass weise Menschen Änderungen herbeiführen.“
„Das ist so eine Sache mit der Weisheit“, entgegnete seine Frau.
Nach einer Weile des Schweigens und Nachdenkens erwiderte Karl: „Wenn wir davon ausgehen, dass alles einen Sinn hat, dann ist es wohl so, dass wir Menschen schlimme Erfahrungen brauchen, um weiser zu werden.“
„Ja und leider lernen die Jüngeren nicht von den Älteren, weil jeder seine eigenen Erfahrungen machen muss. So manches Kind glaubt halt erst, dass man sich an einer heißen Herdplatte verbrennt, wenn es diese Erfahrung selbst gemacht hat. Das heißt doch, dass Kinder nicht automatisch durch gewonnene Erfahrungen älterer Menschen lernen.“
„Genau so ist es, Gerda. Außerdem macht ja nicht nur jeder Mensch seine Erfahrungen, sondern auch jede Generation. Da nützt es wenig, wenn die ältere Generation der jüngeren Ratschläge gibt. Irgendwie scheint dieses System niemals ein Ende zu finden.“
„Dabei könnten wir doch alle aus unserer Geschichte lernen, nicht wahr?“
„Könnten wir, aber ist es nicht so, dass sich eigentlich gar nichts wiederholt, weil sich sozusagen die Rahmenbedingungen ständig verändern?“
„Ach Karl, warum können wir Menschen nicht begreifen, dass uns diese Welt nicht gehört? Warum kämpfen wir um ein Stück Land? Das ist doch Wahnsinn. Niemand kann doch etwas mitnehmen, wenn er eines Tages von hier geht. Wird das alles denn niemals ein  Ende haben?“

© Martina Pfannenschmidt, 2018

Samstag, 27. Januar 2018

Graufellchen (17) – Stürmische Zeiten

Graufellchen hatte so einiges gelernt, seit er bei Karl und Gerda Unterschlupf gefunden hatte. So wusste er zum Beispiel, dass es dem Wetter möglich ist, Kapriolen zu schlagen. Karl hatte das neulich so gesagt.
Und noch etwas hatte er gelernt: Nachrichten mussten sehr wichtig sein. Zumindest schauten Karl und Gerda sie jeden Tag. Inzwischen war sogar das Mäuschen bestens informiert. Schließlich schaute es allabendlich gemeinsam mit seinen Lieblingsmenschen die Nachrichten im Fernsehen. Und so wusste Graufellchen, dass kürzlich ein verheerender Sturm über Deutschland hinweg gefegt war, dem die Menschen sogar einen Namen gegeben hatten. Friederike! Eigentlich ein schöner weiblicher Vorname, hinter dem man keinen Orkan vermutet.
Ja und nun schlug das Wetter weitere Kapriolen, weil der Januar nämlich frühlingshafte Temperaturen mit sich brachte, was nicht nur einigen Menschen, sondern auch den Tieren zu schaffen machte. Aber Graufellchen wusste genau, dass der Winter noch nicht vorüber war. Das spürte er instinktiv. Außerdem fühlte er sich so wohl bei den beiden Menschen, dass er noch gar nicht auf das Frühjahr hoffte, denn das würde seinen Auszug mit sich bringen.
Und so nahm Graufellchen seinen gewohnten Platz ein, um ja nichts von den Nachrichten zu verpassen und auch nichts von dem anschließenden Gespräch, das Gerda sofort begann, nachdem sie durch das Betätigen des Aus-Knopfes das Fernsehprogramm für beendet erklärt hatte.
„Weißt du Karl“, sagte sie, „ich frage mich manchmal, ob es wirklich sinnvoll ist, sich ständig die Nachrichten aus aller Welt anzusehen. Das meiste davon ist doch für mich persönlich irrelevant.“
„Manchmal denke ich das auch, Gerda. Auf der anderen Seite: Dürfen wir wirklich die Augen verschließen vor all dem Geschehen in der Welt?“
„Warum eigentlich nicht?“, erwiderte Gerda und es klang ein bisschen provokant. „Vielleicht ist eine im Hier und Jetzt mit meiner Familie verbrachte Zeit viel besser investiert?“
Weil Karl schwieg führte Gerda weiter aus: „Manchmal habe ich das Gefühl, dass mich all die vielen Nachrichten nicht nur passiv machen, sondern ich ihnen gegenüber abstumpfe.“
Karl stimmte zu: „Das geht mir genau so, Gerda. Du musst dabei eines bedenken: Im Gegensatz zu früher hören und lesen wir viel mehr von all den weltweiten Ereignissen. Und genau an denen können wir persönlich nichts ändern. Es steht einfach nicht in unserer Macht, Dinge, die in Asien oder den Vereinigten Staaten geschehen, zu beeinflussen. Da sind uns die Hände gebunden. Und genau das ist es, was uns passiv macht und den Nachrichten gegenüber abstumpfen lässt.“
„Du hast gewiss recht mit dem, was du sagst, Karl. Ich glaube sogar, dass die Nachrichten es vermögen, Angst zu schüren.“
„Viele Nachrichten wiederholen sich ja auch ständig“, erwiderte Karl, „und meistens wird uns ein negatives Bild von der Welt gezeigt, was natürlich dazu beiträgt, Angst zu schüren.“
„Und nicht nur das. Wenn du so willst, ist eine Meldung ja nicht mehr, als der winzige Funken einer großen Flamme. Die wirklichen Zusammenhänge bleiben für uns doch meistens im Verborgenen.“
„Da ist was dran, Gerda, und außerdem tun wir gut daran, nicht alles ungefiltert zu glauben, was uns erzählt wird“, erwiderte Karl.
„Oh ja! Und das trifft ganz sicher auch auf die Meldungen zu, die wir in einschlägigen Zeitschriften zu lesen bekommen.“
„Da seid ihr Frauen vielleicht sogar noch anfälliger, als wir Männer“, spöttelte Karl.
„Leider ist es so. Aber mal ehrlich, ist es wirklich interessant, dass sich X und Y getrennt haben? Ich kann auch nicht behaupten, dass es mich wirklich interessiert, wie schwer das Baby ist, das demnächst in England geboren wird.“
„Ich glaube, Gerda, dass unser Gehirn einfach überfordert ist mit der Menge an Informationen, die uns heute zur Verfügung stehen. Und um auf die so genannten Promi-News zurückzukommen: Was leisten diese Menschen denn wirklich für unsere Welt und vor allen Dingen frage ich mich, was macht dies mit uns und unseren Kindern, wenn man mit fragwürdigen Dingen Berühmtheit erlangt?“
„Weißt du, Karl, ich denke, so manche allein erziehende Mutter oder berufstätige Hausfrau leistet mehr, als irgendeine dieser Berühmtheiten und noch eines muss man bedenken. Vielleicht ist das mit den Mitteilungen, die uns erreichen auch so ein bisschen wie bei unserem Spiel aus Kindertagen. Wie nannten wir es noch?“, fragte Gerda.
„Du denkst bestimmt an die ‚Stille Post’ nicht wahr?“
„Ja genau. Bei jeder Weitergabe wird etwas dazu geschummelt oder man lässt etwas Wichtiges weg. Schon hat man nichts anderes, als Füllmaterial für eine Zeitschrift, die nun mal wöchentlich erscheinen muss.“
„Fakt ist auch“, entgegnete Karl, „dass wir Lügen besser entlarven, wenn wir dazu die Körpersprache haben. Das fällt beim Lesen einer Meldung natürlich weg.“
„Ich glaube, es besteht noch in anderer Hinsicht eine Gefahr“, äußerte Gerda. „Wenn wir uns nämlich permanent mit dem Leben anderer befassen, müssen wir uns nicht mit uns und unserem eigenen Leben auseinander setzen. Vielleicht ist es meine eigene Langeweile oder Neugier, die mich ständig diese Informationen lesen lässt.“
„Weißt du, Gerda, ich brauche nicht die Schicksalsschläge anderer Menschen, um mich glücklich zu fühlen.“
„Ich auch nicht, Karl. Und außerdem: Wichtige Informationen, die mich und mein Leben betreffen, die werden Wege finden, um mich zu erreichen.“


© Martina Pfannenschmidt, 2018