Freitag, 24. November 2017

Klümpchen für die Seele

In der letzten Zeit erreichte mich sehr oft diese Frage:

Warum hast du deinen Blog gelöscht?

Heute kam mir die Idee, eine kleine Geschichte darüber zu schreiben :-):

Es war einmal ein Bloghaus. Die Besitzerin hatte ihm den Namen ‚Klümpchen für die Seele’ gegeben. – Als diesem Bloghaus an einem Augusttag vor ein paar Jahren Leben eingehaucht wurde, kamen zaghaft erste Besucher, sahen sich um und gingen. – Doch sie kamen zurück, brachten ihrerseits wieder neue Besucher mit und so kam es, dass sich in diesem Bloghaus viele Besucher tummelten.
Viele davon gingen nur still durch all die Räume, andere hinterließen liebe Kommentare. – Dies alles gefiel der Besitzerin und so machte sie sich auf den Weg zu all den Menschen, die in ihrem Bloghaus einen Kommentar hinterlassen hatten und sie überlegte sich neue Themen, um ihr Bloghaus weiterhin attraktiv zu gestalten. Doch eines Tages bemerkte sie: Das nimmt überhand. Es wird mir zu viel. Ich muss die Notbremse ziehen.
Ihre Gedanken gingen in viele Richtungen: Soll sie den Blog einfach ‚stilllegen’, damit all die Dinge, die sich in den Räumen befanden, erhalten blieben? Doch das schien ihr nicht der richtige Weg, da dieses Bloghaus ja ein ‚lebhaftes’ war.
Außerdem ging sie davon aus, dass es zwar den einen oder anderen geben würde, der bemerkt, wenn ihr Bloghaus nicht mehr da wäre, doch dass niemandem ihre Geschichten etc. pp. fehlen würden.
Aber da hatte sie sich ganz gewaltig geirrt. Das bemerkte sie allerdings erst, als es schon zu spät war und das Bloghaus in sich zusammengestürzt war.
Kein Bloghaus mehr – auch kein Platz mehr für neue Geschichten.

Dumm gelaufen!
Und nun?

Die Besucher des alten Bloghauses schrieben entsetzte Mails: Wo ist dein Bloghaus? Wo kann ich jetzt deine Geschichten lesen?
Und die Besitzerin musste antworten: Nicht mehr da und nirgendwo!
Das war einerseits frustrierend für sie, andererseits aber aufbauend. Eine Idee musste her! Und dieser Einfall kam:

Ein neues Bloghaus musste entstehen 
und zwar schnell.

Dem alten sehr ähnlich wurde in zwei Tagen und Nächten einem neuen Bloghaus Leben eingehaucht – und einen Namen erhielt es auch:

Von-Herz-zu-Herz-Geschichten!

Dieses Bloghaus bietet nun die Möglichkeit, alte Geschichten nachzulesen, denn sie sind alle ‚umgezogen’ – und neue Geschichten wissen nun auch, wo ihr Platz ist.

                                                -.-.-.-.-.-.-

Mit dieser kleinen Geschichte bedanke ich mich bei euch von Herzen! Im Traum wäre ich nicht darauf gekommen, dass es solche Wellen schlägt, wenn ich meinen Blog lösche.
Mein neues Bloghaus soll ein ‚stilles’ sein, damit ich nicht ‚auf alte Schienen auffahre’. 
In diesem Blog gibt es keine Kommentarfunktion mehr – es gibt keine offiziellen Follower mehr und keine Leseliste.
Auf Anregung eines Besuchers hin gibt es aber ein Gästebuch und wenn man möchte jederzeit die Möglichkeit, mir über das Kontaktformular etwas zu hinterlassen.
Ich muss sagen, dass es sich ‚richtig gut anfühlt’, zu sehen, dass meine früheren Leser mich so nach und nach wieder finden und auch, wieder ein Bloghaus zu haben!
Danke an all diejenigen, die mir ‚den Kopf gewaschen haben’! – Grins!!! - Natürlich schaue ich auch weiterhin bei euch vorbei - aber auf leisen Sohlen!


Schön, dass ihr (wieder) da seid!


Dienstag, 21. November 2017

Unverhofft

„Oma, kennen wir Töseli?“
Dieser Satz riss Annemarie aus ihren Gedanken.
„Nein, Töseli kenne ich nicht“, antwortete sie ihrer Enkeltochter schmunzelnd.
„Na gut!“
Lena saß am Küchentisch und erledigte ihre Hausaufgaben. Sie musste die Wörter ankreuzen, die sie kennt. Töseli kannte sie nicht. Wenn Oma das Wort auch nicht kannte, handelte es sich offensichtlich um ein erfundenes Wort, das sie nicht ankreuzen durfte.
Annemarie dachte an ihre eigene Schulzeit zurück. Auch wenn sich die Bücher und die Art des Lernens verändert hatten, so gilt es bis heute, den Kindern in der Grundschule das Rechnen und Schreiben beizubringen. Heute geht das im Gegensatz zu früher viel mehr über Bilder. Was sich noch sehr verändert hat, ist der Umgang mit den Lehrern. Nur sehr wenige sind noch eine Respektsperson für die Kinder. Bestenfalls macht den Schülern dadurch das Lernen mehr Freude und sie gehen angstfreier zur Schule.
Wie so oft, so flogen auch in diesem Moment Annemaries Gedanken zu ihrem Bruder, mit dem sie viele Jahre gemeinsam den Weg zur Schule gegangen war. Nun lag es aber bereits Jahrzehnte zurück, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Er war damals nach einem Streit mit ihrem Vater gegangen und niemals zurückgekehrt.
Zu Anfang war sie stinksauer auf ihn gewesen. Annemarie wusste noch, dass sie sich immer ausgemalt hatte, dass er plötzlich wieder auftauchen würde. „Entweder falle ich ihm dann um den Hals, oder ich vermöbele ihn.“ So hatte sie sich einmal gegenüber ihrer besten Freundin Inge geäußert, die natürlich wusste, dass das nicht ernst zu nehmen war. 
Wie gut, dass es sie gegeben hatte und immer noch gab. Mit ihr sprach Annemarie viel über ihren Bruder und konnte so den tiefen Schmerz verarbeiten. Zumindest dachte sie das. In letzter Zeit war sie sich da nicht mehr ganz so sicher, denn ihre Gedanken gingen sehr oft zu ihm.
Was wohl aus ihm geworden war? Wie er jetzt wohl aussah? Ob er eine Familie gegründet hatte? So viele Fragen, die ihr niemand beantworten konnte. Schon so oft hatte sie versucht, seine Adresse über das Internet ausfindig zu machen, doch bisher leider ohne Erfolg. Vielleicht lebte ihr Bruder ja auch im Ausland. Er hatte immer den Traum gehabt, einmal nach Amerika zu reisen: „Und dich nehme ich mit!“, hatte er oft gesagt, wenn der Vater wieder einmal betrunken gewesen war und sie sich zusammen ins Bett verkrochen hatten, um seiner Aggression zu entgehen. Leider hatte ihr Bruder sein Versprechen nicht gehalten und sie zurück gelassen.
„Fertig!“, verkündete Lena, „darf ich vor dem Mittagessen noch ein bisschen nach draußen?“
Annemarie nickte und wünschte sich, dass das vor Lebensfreude sprühende Kind es schaffte, ihre trüben Gedanken fortzuschicken.
Sie schaute Lena und Tobi, dem Jungen, der ein Haus weiter wohnte, eine Weile beim Radfahren zu. Und schon wieder passierte es. Annemarie war gedanklich bei ihrem Bruder, mit dem sie einmal in einer selbst gebauten Seifenkiste die Straße hinunter gesaust war. Doch dann hatte sich die Kiste gedreht und sie wurden aus ihren Sitzen geschleudert. Schlimme Schürfwunden waren das Ergebnis gewesen und später noch Schläge vom Vater. Annemarie versuchte, den dicken Kloß, der sich bei diesen Erinnerungen in ihrem Hals bildete, herunter zu schlucken, doch so recht wollte ihr das nicht gelingen.
Im selben Moment begann es vor ihr zu zischen. Verflixt noch mal. Sie hatte Milch auf die Herdplatte gestellt, um für sich und ihr Enkelkind Milchreis zu machen. Jetzt kochte die Milch über und gab beim Aufkommen auf die heiße Herdplatte wütende Geräusche von sich. Annemarie riss den Topf von der Platte. Dass sie dazu besser Topflappen benutzt hätte, wusste sie im selben Moment. Mist, der Topf war ziemlich heiß. Außerdem schwappte dabei noch ein größerer Schwall Milch über den Topfrand und brannte sich stinkend in die Herdplatte ein. Gott sei Dank hatte sie sich bei dieser Aktion keine größeren Verbrennungen zugezogen. Dennoch schimpfte sie über sich und ihre eigene Dummheit wie ein Rohrspatz. Völlig unpassend klingelte in diesem Augenblick das Telefon.
„Ja, Hallo!“, meldete sie sich knapp.
„Hallo, meine Liebe, Inge hier! Du, ich habe gerade mit Margot telefoniert und nun rate mal, was sie Neues wusste?“
„Inge, wie soll ich das wissen und du, im Moment passt es leider grad gar nicht. Mir ist die Milch über gekocht. Ich ruf dich nachher zurück, ja.“
„Nee, lass man. Ich muss auch gleich weg. Nur ganz kurz. Die Margot wusste ….“.
„Inge, jetzt nicht. Erzähl es mir bitte später!“
Abrupt beendete Annemarie das Gespräch, was ihr sogleich leid tat. Das hatte Inge nicht verdient, aber nun war es so. Annemarie würde ihr später alles erklären und sich für ihr Verhalten entschuldigen.
Gerade als sie die Bescherung auf dem Herd beseitigen wollte, erschien ihre Enkeltochter am Küchenfenster: „Oma, ist der Milchreis schon fertig? Ich bekomme jetzt doch ein bisschen Hunger.“
„Leider nicht, mein Schatz. Schau, mir ist die Milch über gekocht. Ich muss den Schaden jetzt zuerst etwas beheben und dann starte ich einen neuen Versuch. Ich mache, so schnell ich kann, versprochen!“, rief sie Lena zu.
"Okay!"
Jetzt klingelte es auch noch an der Haustür. Verflixt, wer konnte das nun wieder sein. Bestimmt der Postbote. Annemarie ging schnellen Schrittes Richtung Haustür. Davor stand jedoch nicht der erwartete Postbote, sondern eine Frau mit langen blonden Haaren. Irgendwie kam sie Annemarie bekannt vor, doch der Groschen wollte nicht sogleich fallen.
„Entschuldigen Sie bitte meinen Überfall!“, meinte die Frau freundlich, „sind sie Annemarie Burmeister?“
„Das ist mein Mädchenname“, erwiderte Annemarie und entdeckte einen Mann mit einer Kamera auf der Schulter, der etwas abseits stand und offensichtlich die Szene an der Haustür filmte.
„Sie haben doch einen Bruder, der Edgar heißt, nicht wahr.“
Annemarie schaute die Frau mit großen Augen an. Dann nickte sie.
„Er würde sehr gerne mit Ihnen in Kontakt treten und hat mich beauftragt, Ihnen eine Videobotschaft zu überbringen. Darf ich vielleicht herein kommen?“

© Martina Pfannenschmidt, 2017




Mittwoch, 15. November 2017

Das Geheimnis des 100jährigen

Julian betrat schnellen Schrittes das Altenheim. Sein Chef hatte ihm den Auftrag erteilt, hier einen Mann zu interviewen, der in ein paar Tagen seinen 100. Geburtstag feiern würde.
Dem Reporter schlug beim Betreten des Hauses ein ihm unbekannter Geruch entgegen und er war froh, nur kurz hier zu tun zu haben. Er würde dieses Interview flott hinter sich bringen, einen netten kleinen Artikel darüber schreiben und dies alles schnell hinter sich lassen. Das Leben, das sich hinter diesen Mauern abspielte, hatte so gar nichts mit seinem eigenen zu tun.
Beherzt klopfte er an die Tür. Von drinnen kam ein leises „Herein!“ Schwungvoll betrat er daraufhin das Zimmer. Sogleich fiel sein Blick auf den alten Mann mit schlohweißen Haaren, der in einem roten Ohrensessel vor dem Fenster saß und die Schneeflocken auf ihrem Weg zur Erde zu beobachten schien.
„Guten Tag, Herr Schneider, mein Name ist Julian Specht. Ich bin hier, weil Sie in ein paar Tagen ihren 100. Geburtstag feiern. Darf ich Ihnen dazu ein paar Fragen stellen?“
Der Alte zeigte auf einen weiteren Sessel, der sich in dem karg eingerichteten Zimmer befand, und sprach mit leiser Stimme: „Nehmen Sie doch bitte Platz.“
Julian bedankte sich, öffnete seine Mappe, um das Gespräch, das er führen wollte, in Stichpunkten festzuhalten. Als er jedoch seine erste Frage stellen wollte, kam ihm der Alte zuvor: „Sie möchten sicher wissen, was das Geheimnis eines 100jährigen ist, nicht wahr?“
„Ja, durchaus!“
„Nun, dann werde ich Ihnen ein wenig von mir und meinem Leben erzählen. Darf ich Sie zunächst fragen, wie alt Sie sind?“
„27“, antwortete Julian und schaute währenddessen auf die Uhr, so als würde die Zeit dadurch schneller vergehen.
„27“, wiederholte der alte Herr und ein Lächeln huschte dabei über sein faltiges Gesicht. „In dem Alter hab ich noch versucht, vieles mit der Brechstange zu erreichen. Meine To-Do-Liste, wie ihr jungen Leute wohl heute sagt, war lang. Wenn ich etwas noch nicht erreicht hatte, so war mein Fazit daraus, dass ich wohl noch mehr leisten muss, mich noch mehr anstrengen muss. Und so kam es, wie es kommen musste: Ich fiel dabei oftmals auf die Nase. Im Nachhinein muss ich sagen, dass diese schmerzlichen Erfahrungen wichtig für mich waren, weil ich dadurch erkannte, dass man Dinge nicht erzwingen kann. Wissen Sie, junger Mann, manches braucht eben seine Zeit und einige Dinge kommen gar nicht erst auf uns zu und so lehrte mich das Leben, dass das, was kommen soll, auch kommen wird. - Wissen sie, wenn man jung ist, rennt man oft irgendwelchen Wünschen hinterher und erkennt nicht, dass das, was wir nicht bekommen, gar nicht für uns gedacht ist. Nachdem ich dies jedoch erkannt hatte, wusste ich, dass ich gar nicht suchen muss, sondern mich einfach finden lassen darf. Diese Einstellung gab mir Gelassenheit. Ich konnte mich dadurch zurücklehnen und das Leben einfach geschehen lassen. Und noch etwas fiel mir auf: Ich konnte zwar eine kurze Wegstrecke überschauen, meinen gesamten Weg, den Fahrplan und die Endstation, die kenne ich allerdings nicht.“
An dieser Stelle legte der Mann eine Pause ein. Offensichtlich strengte ihn das Gespräch an, doch bald darauf fuhr er mit seiner weichen und sehr warmherzigen Stimme fort: „Entschuldigen Sie! Ich rede unaufhörlich. Das ist unhöflich. Sie haben sicher ein paar Fragen notiert, die Sie mir stellen möchten.“
Der Reporter hatte die Worte sehr aufmerksam verfolgt. Ja, er hatte Fragen vorbereitet, doch er ermunterte den alten Herrn, zunächst einfach fortzufahren.
„Ich glaube“, meinte dieser daraufhin, „dass meine Frau nicht ganz unschuldig ist an meinem Umdenken. Wissen Sie, sie war eine sehr liebenswerte und geduldige Person.“ Dabei zeigte er auf ein Foto, das auf einem kleinen runden Tisch neben ihm stand. „Leider ist sie schon lange nicht mehr bei mir, weshalb ich hier dieses Zimmer bezog. Sie war ein Mensch, der nicht nur anderen, sondern auch sich selbst Fehler verzieh. Von ihr habe ich viel gelernt. Zum Beispiel, mit sich und seinem Leben Frieden zu schließen. Das heißt nichts anderes, als dass wir das annehmen, was wir sind und haben.“
Julian musste sich eingestehen, dass er sich das Gespräch mit einem 100jährigen anders vorgestellt hatte. Der alte Herr war zwar körperlich schwach, doch geistig wirkte er frisch und alles, was er bisher gesagt hatte, zeugte davon, dass nicht nur ein langes, sondern auch erkenntnisreiches Leben hinter ihm lag. Still und mit aufrichtigem Interesse hörte Julian weiterhin zu.
„Wir Menschen neigen leider dazu, uns mit anderen zu vergleichen. Ein wahrlich sinnloses Unterfangen. Wir sind genau so, wie wir gedacht sind. Wir sind genug, müssen nicht mehr sein und mehr haben. Wir dürfen uns erlauben, dass zu sein, was wir sind. – Meine Frau und ich, wir haben ein einfaches aber glückliches Leben geführt und wir hatten nie das Gefühl, mehr zu wollen. Es mag sein, das andere den Eindruck von uns hatten, dass wir nichts aus unserem Leben gemacht haben. Ja, es stimmt, wir haben weder die Weltmeere besegelt, noch etwas unternommen, um tiefe Spuren zu hinterlassen. Vielleicht führten wir in den Augen anderer ein eher langweiliges Leben. Wir waren jedoch zufrieden mit dem, was wir hatten und wir haben unsere Aufgaben immer mit großer Sorgfalt erfüllt. Wir waren mit uns und unserem Leben im Reinen.“ Der alte Mann sah Julian direkt in die Augen, als er fragte: „Ist das nicht genug?“
Julian nickte, obwohl er noch nicht sicher wusste, ob er wirklich allem zustimmen konnte, was er gehört hatte. Doch eines war gewiss: Dieser Mensch würde, wenn er eines Tages diese Welt verlassen durfte, in Frieden mit sich und der Welt gehen.


© Martina Pfannenschmidt, 2017

Freitag, 10. November 2017

Großtante Gertrud (2)

„Kannst wieder heraus kommen“, flüsterte Pia. Nachdem sie die Stufe hatte knarren hören, fügte sie an: „Die Luft ist wieder rein!“
Tante Gertrud fand die Situation sehr amüsant. Nie hätte sie es für möglich gehalten, dass sich für sie in der materiellen Welt noch einmal solche Szenen abspielen würden.
„Du wolltest mir noch erzählen, was knickern ist“, erinnerte Pia die Tante.
„Ja, das wollte ich. Du kennst doch sicher bunte Glaskugeln und nennst sie Murmeln, nicht wahr?“
Pia nickte.
„Wir sagten nicht Murmeln, sondern nannten die Kugeln Knicker. Und das Spiel hieß: Knickern.“
„Ich hab noch nie mit Murmeln gespielt. Was soll das überhaupt für ein Spiel sein?“, fragte Pia und es klang ganz schön überheblich.
„Wenn du dabei gewesen wärst, würdest du anders darüber denken“, erwiderte die Tante daraufhin. „Es war ein schönes Spiel. Zuerst machte jemand mit dem Hacken seiner Schuhe ein faustgroßes Loch in einen möglichst weichen Boden. Später bekamen wir deshalb Ärger mit der Mutter, weil noch Erde am Schuh klebte oder auch, weil wir das gute Leder lädiert hatten. Die anderen Kinder stampften anschließend mit ihren Schuhen die Erde um das entstandene Loch wieder fest. Vom Loch aus machten wir ein paar Schritte und zogen dort – wieder mit den Schuhen – eine Linie. Hinter der standen die Spieler. Gewonnen hatte derjenige, der zuerst all seine Knicker in dem Loch versenkt hatte. Vorher hatten wir übrigens einen Preis für den Sieger ausgemacht. Manchmal gewann man dabei die beste Murmel eines anderen Spielers und das gab oftmals sogar Tränen.“
„Echt?“ Pia konnte es nicht glauben. Eine Murmel mehr oder weniger zu besitzen, war für sie kein Drama.
„Das musst du verstehen“, versuchte Tante Gertrud zu erklären, „wir waren stolz auf unseren Besitz und wir wussten genau, dass wir so schnell keine neue Murmel bekamen. Die einzige Möglichkeit, sie zurück zu erobern, bot eine Revanche. Und dabei musste man halt das Glück haben, zu gewinnen. Der Druck war oft ganz schön groß, denn die Knicker waren für uns wahre Schätze.“
„Heute ist das irgendwie anders“, meinte Pia lapidar.
„Ja, ich weiß! – Übrigens müssten noch ein paar meiner schönsten Knicker in dem Koffer zu finden sein. Wenn du mal schauen magst.“
„Vielleicht später.“
Wie gut, dass Tante Gertrud inzwischen einen anderen Blick auf die Dinge hatte, sonst wäre sie vielleicht enttäuscht gewesen. So nahm sie es schmunzelnd hin.
„Was ist das denn da eigentlich für ein komisches Ding?“, wollte Pia wissen.
„Das komische Ding ist ein Plattenspieler.“
„Und was macht man damit?“
„Schau, in dem Schrank dort drüben liegen noch Schallplatten. Die legt man auf den Plattenspieler, setzt vorsichtig den Ton-Arm darauf und schon erklingen die ersten Töne.“
Pia nahm eine Schallplatte aus dem Schrank. ‚Schlager des Jahres 1950’ stand darauf. Von den Liedern, die auf dem Cover standen, hatte sie noch nie im Leben gehört: ‚Im Hafen von Adano’ und ‚Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär’.
„Vielleicht funktioniert der Plattenspieler ja noch“. Tante Gertrud klang ein wenig euphorisch. „Wollen wir es einmal ausprobieren?“
Nee, lieber nicht, dachte Pia. Ich mag keine Schlager und die hier schon gar nicht.
Das Kind hatte ganz vergessen, dass Tante Gertrud ihre Gedanken wahrnehmen konnte. Hoffentlich war sie jetzt nicht beleidigt. Aber auch das registrierte die Tante mit einem Lächeln.
„Nein, mein Kind, ich bin nicht beleidigt. Alles verändert sich und das ist gut so. Ich werde jetzt auch wieder gehen. Wer weiß, vielleicht treffen wir uns noch einmal wieder. Mach es gut, Pia.“
Bevor das Mädchen widersprechen konnte, war die Gestalt fort. Pia war selbst überrascht, dass sie etwas traurig darüber war. Sie hätte die Tante noch so viele Dinge fragen können. Sie hatte es vermasselt. Mit hängendem Kopf ging sie die Treppe hinunter.
Ob sie Mama und Papa von ihrer Begegnung mit Tante Gertrud erzählen sollte, oder lieber nicht? Irgendwie hatte sie plötzlich das Gefühl, etwas erlebt zu haben, was ihr niemand glauben würde. Auch Mama und Papa nicht. Ihr kamen Zweifel, ob sie überhaupt jemals irgendjemandem diese brisante Geschichte mit Tante Gertrud erzählen könnte. Würde sie für immer und alle Zeiten ein Geheimnis bei sich tragen müssen, weil die Geschichte dahinter einfach zu unglaubwürdig war? Ob sie das aushalten konnte?
„Mensch Pia, warum schaust du nur so traurig?“, wurde sie von Papa angesprochen. „Kann ich etwas tun, um dich aufzuheitern?“
Als er keine Antwort erhielt, meinte er: „Wir machen so schnell wir können, Pia. Aber du siehst selbst. Es ist noch viel zu tun. Ein paar Tage werden wir noch hier bleiben müssen. Geh doch mal raus auf die Straße, vielleicht siehst du ja andere – Papa machte eine Pause, fast hätte er ‚Kinder’ gesagt, doch gerade noch rechtzeitig besann er sich und sagte stattdessen – Jugendliche, mit denen du die Zeit verbringen könntest. Du bist doch nicht scheu und auf den Mund gefallen. Wer weiß, vielleicht findest du hier sogar eine Freundin.“
„Und was soll ich mit der anfangen, wenn wir nach ein paar Tagen wieder fahren?“
Da hatte Pia auch wieder recht. Gerne hätte er seiner Tochter einen attraktiven Urlaub gegönnt, aber in diesem Sommer war es nun mal so. Doch dann fiel ihm etwas ein, das sie aufmuntern könnte: „Weißt du was, ich verspreche dir, dass wir in den Herbstferien in den Süden fliegen. Das können wir uns nämlich leisten, wenn der Käufer das Geld für das Haus überwiesen hat. Wie findest du das? Das sind doch tolle Aussichten – oder nicht.“
Pia nickte und trollte sich Richtung Garten. Papa sah ihr noch eine Weile hinterher. Das Verhalten seiner Tochter ließ darauf schließen, dass sie mitten in der Pubertät sein musste – und das mit gerade mal 12 Jahren!
In der Nacht wurde Mama wach, weil Pia im Schlaf laut redete.
„Pia, was ist los?“, fragte Mama und setzte sich auf die Bettkante.
Schlaftrunken murmelte das Kind: “Tante Gertrud, sie ist hier. Auf dem Dachboden. Ich habe sie gesehen.“
Mama strich Pia beruhigend über den Kopf: „Du hast geträumt, meine kleine Pia. Tante Gertrud kann nicht auf dem Dachboden sein. Sie lebt nicht mehr.“
Jetzt wusste Pia ganz sicher, dass ihr niemals jemand ihre unglaubliche Geschichte abnehmen würde.


© Martina Pfannenschmidt, 2017 

Großtante Gertrud (1)

„Mensch, Pia, wenn jemand dein Gesicht sieht, könnte er denken, du hättest ein schlechtes Zeugnis bekommen.“
„Hab ich aber nicht“, maulte Pia ihre Mutter an.
„Ja, weiß ich doch. Ich weiß nur nicht, warum du schaust, wie 7 Tage Regenwetter?“
Darauf antwortete Pia nicht. Das konnte sich Mama ja wohl denken. Anstatt in den Urlaub, fuhren sie in dieses öde Kaff. Pia wollte sich nicht einmal den Namen dieses Ortes merken.
Vorhin auf dem Pausenhof war sie ständig gefragt worden: „Und, Pia, wohin fährst du in diesem Jahr in den Urlaub?“
Sie konnte einfach nicht die Wahrheit sagen. Das wäre ihr zu peinlich gewesen. Deshalb hatte sie behauptet, sie wollten ganz spontan entscheiden, wohin die Reise gehen solle. Dabei stand längst fest, dass sie das Haus von Mamas Großtante Gertrud ausräumen mussten. Mama hatte es ganz unerwartet geerbt und nun hatte sich ein Käufer dafür gefunden.
„Weißt du, ich habe so viele schöne Sommermonate bei meiner Großtante verbracht“, versuchte Mama, ihre Tochter aufzumuntern, „und ich bin ganz sicher, dass es auch dir dort gefallen wird.“
Pia warf ihrer Mutter einen viel sagenden Blick zu. Das würde niemals geschehen! Was sollte sie überhaupt machen in dieser Einöde, wo sie keinen Menschen kannte?
Einen Tag später standen sie vor dem kleinen Häuschen. Es war wirklich in die Jahre gekommen, doch es schien, als hätte der Käufer erkannt, dass sich hinter der maroden Fassade ein liebevolles Zuhause befand.
Papa öffnete die Haustür und Pia wich einen Schritt zurück.
„Hier bleibe ich nicht. Hier stinkt’s“, verkündete sie und stapfte Richtung Auto.
„Pia, bitte, komm zurück. Es riecht hier so eigenartig, weil lange nicht gelüftet wurde. Wir öffnen schnell alle Fenster und du wirst sehen, bald hat sich das Problem wie von selbst gelöst“, meinte Mama.
„Nee, ganz sicher nicht“, erwiderte Pia patzig, „es riecht nach alt und das lässt sich durch Lüften bestimmt nicht ändern.“
Mama und Papa wechselten einen Blick und gingen ohne einen weiteren Kommentar ins Haus. Bald darauf standen alle Fenster weit offen. Pia setzte sich derweil auf die Treppenstufen, die zum Haus führten. Es war einfach nicht zu fassen, dass sie jetzt hier herum saß und all ihre Freundinnen sich irgendwo in der Sonne aalten. Warum musste ausgerechnet ihre Mutter dieses blöde Haus erben? Vielleicht spukte es sogar darin! – Ein kalter Schauer lief ihr bei diesem Gedanken über den Rücken.
Bald darauf verspürte Pia Hunger. Doch zum Essen würde sie ins Haus gehen müssen und das wollte sie ja eigentlich nicht, doch gerade in dem Augenblick rief Mama: „Pia, es gibt Kartoffelsalat und Würstchen. Papa und ich, wir essen jetzt. Wenn du auch Hunger hast, müsstest du herein kommen.“
Pia schlich in die Küche und ließ ihren Blick schweifen. Wie das hier aussah! Alles war uralt und richtig schäbig. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, dass die alte Tante und auch ihre Mutter es hier schön fanden. Sie fand einfach alles grauenhaft. Doch irgendwie begriff sie, dass aller Widerstand nichts nutzte. Für ein paar Tage saß sie hier fest.
Da es keine Spülmaschine gab, musste Pia nach dem Essen sogar das Geschirr abtrocknen. Es fühlte sich wirklich so an, als sei in diesem Haus die Zeit stehen geblieben.
Bald darauf begannen Mama und Papa mit den ersten Aufräumarbeiten. Das Kind entschied, das Haus einmal genauer in Augenschein zu nehmen. Irgendwann gelangte Pia über eine schmale und knarrende Holztreppe in den Bodenraum. Duster war es hier und stickig. Sie zog einen alten Hocker unter das kleine Dachfenster, um es öffnen zu können. Anschließend sah sie sich in dem staubigen Raum um. Was hier alles herumstand! Unfassbar! Einige Dinge kannte sie überhaupt nicht. Es würde bestimmt Wochen dauern, bis ihre Eltern das alles entsorgt hätten.
Vorsichtig öffnete Pia den Deckel eines alten Koffers. Einige vergilbte Spiele und eine Puppe kamen darin zum Vorschein. Die Puppe trug ein braunes Kleid mit einer hellen Schürze. Als Pia sie aus dem Koffer nahm, öffneten sich ihre Augen. Das Mädchen fragte sich in diesem Moment, wie lange die Puppe wohl schon hier oben gelegen haben mochte.
„Es werden wohl bald 70 Jahre sein“, sagte daraufhin eine Stimme. Pia drehte sich abrupt um und erschrak. Sie erkannte es nicht deutlich, doch sie nahm eine helle Gestalt wahr, bei der es sich um eine alte Frau handeln musste.
„Entschuldige bitte, wenn ich dich erschreckt habe“, meinte die alte Dame. „Du musst Pia sein, die Tochter meiner Großnichte. Ich habe dich als ganz kleines Mädchen einmal gesehen. Außerdem hat mir deine Mutter in jedem Jahr zum Weihnachtsfest geschrieben und ein Foto von dir beigelegt. Daher kenne ich dich. Aber du kannst dich gewiss nicht mehr an mich erinnern. Ich bin Tante Gertrud.“
Pia hatte es gewusst: Hier spukt es! Starr vor Schreck war sie weder in der Lage, zu schreien, noch, sich zu bewegen und diesen Raum zu verlassen.
„Es ist bestimmt komisch für dich, mich hier zu sehen. Weißt du, Pia, ich wollte gerne noch eine Weile in diesem Haus sein, bevor es der Käufer umbaut und es sich verändert. Ich dachte, hier auf dem Dachboden wird mich niemand finden. Das war, wie es scheint, wohl dumm von mir. Kinder sehen halt Dinge, die Erwachsene nicht mehr wahrnehmen können.“
Pia war immer noch nicht in der Lage, zu reagieren. Aber ganz so schaurig fand sie die Situation jetzt nicht mehr. Außerdem wurde die Gestalt immer deutlicher für Pia, je länger sie hinschaute.
„Das ist Marie“, sagte die Tante und zeigte auf die Puppe, die Pia noch immer in ihren Händen trug. „Ich habe sie so sehr geliebt. Du musst wissen, dass wir früher nicht so viele Spielsachen hatten, wie ihr heute. Nach dem Krieg hatten die Menschen wenig Geld. Aber wir Kinder hatten viel Fantasie und fanden immer etwas, was und womit wir spielen konnten. Weißt du, was ‚knickern’ bedeutet?“, fragte die Tante. Das Mädchen schüttelte mit dem Kopf.
„Pia, wo bist du?“, rief Mama in diesem Augenblick und eine Treppenstufe knarrte. 
„Wenn du möchtest, erzähle ich dir später mehr davon“, flüsterte Tante Gertrud noch schnell, bevor sie in einer dunklen Ecke verschwand.
 „Was machst du denn hier oben?“, fragte Mama, als sie den Raum betrat.
„Ich? Ich hab diese Puppe hier gefunden“, antwortete Pia schnell und hielt sie ihrer Mutter entgegen. Mit glühenden Wangen füge sie hinzu: „Sie hat bestimmt deiner Tante Gertrud gehört.“
„Ja, ganz sicher sogar“, entgegnete Mama. „Weißt du was, die nehmen wir mit nach Hause, als Erinnerung an meine Tante.“
Mama sah sich um und seufzte. Es gab wirklich noch viel zu tun. „Kommst du wieder mit runter?“, wollte sie von Pia wissen.
„Nee, ich bleib noch ein bisschen hier oben und schau mich weiter um. Irgendwie find ich es doch ziemlich cool hier.“
Mama grinste. Schade, dass sie nicht sehen konnte, dass auch über Tante Gertruds Gesicht ein Lächeln huschte.


© Martina Pfannenschmidt, 2017

Des Lebens müde

Hanne saß am Fenster ihres Zimmers. Sie konnte von hier aus das Treiben im Eingangsbereich des Altenheimes beobachten. Das war das einzig Spannende in ihrem Leben, seit sie vor ein paar Wochen hier eingezogen war. Sie konnte sich noch gar nicht damit abfinden, dass sie nun hier war. Wie gerne wäre sie in ihren eigenen 4 Wänden geblieben, doch sie musste sich eingestehen, dass sie ihren Alltag alleine nicht mehr meistern konnte.
Leise klopfte jemand an ihre Tür.
„Herein“, rief Hanne und wischte heimlich eine Träne fort. Es war Henriette. Sie wohnte im Zimmer nebenan und sie war eine wirklich liebenswerte Person. Die einzige, mit der Hanne bisher ein bisschen Kontakt hatte.
„Ich wollte dich nur erinnern“, sagte Henriette fürsorglich, „es gibt jetzt Mittagessen.“
Hanne sah auf die Uhr. Sie konnte sich einfach noch nicht daran gewöhnen, so früh zu Mittag zu essen. Zuhause hatte sie frühestens um halb zwei gegessen. Hier stand das Essen um Punkt 12 Uhr auf dem Tisch.
Hanne erhob sich. „Danke, Henriette, ich hätte es wohl wieder vergessen.“ Sie griff nach ihrem Rollator und die beiden gingen in Richtung Fahrstuhl, um in den Essenssaal zu gelangen.
„Früher“, erzählte Hanne, „habe ich immer die Treppe genommen. Ich bin nie mit einem Fahrstuhl gefahren oder sehr selten. So habe ich mich fit gehalten. Aber heute wollen die alten Knochen nicht mehr.“
Henriette nickte zustimmend.
Die beiden Frauen setzten sich zu zwei anderen Bewohnerinnen an den Tisch. Das Essen wurde aufgetragen und bald darauf löffelten alle stumm ihre Suppe. Hanne hatte einen dicken Kloß im Hals. Es schmeckte einfach nicht wie zu Hause. Aber sie wollte nicht jammern. Das passte einfach gar nicht zu ihr und sie ärgerte sich über sich selbst, weil sie in den letzten Wochen so ein Jammerlappen geworden war. Aber in ein Altenheim zu ziehen war so, als würde man in eine Wartehalle geschoben, um auf seinen Tod zu warten.
Später saß sie wieder am Fenster ihres Zimmers und blickte nach draußen. Sie dachte an ihren Mann, der vor ein paar Jahren verstorben war. Er hatte es jetzt leichter als sie. Er hatte dieses Leben schon hinter sich gebracht. Sie schüttelte mit dem Kopf. „Sag mal, Hanne, bist du noch bei Trost?“, fragte sie sich selbst. Es geht doch nicht darum, das Leben hinter sich zu bringen. Wie hatte eine weise Frau einmal gesagt? ‚Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.’ Genau so war es!
Hanne ging ein Gespräch durch den Kopf, das sie vor ein paar Tagen unverfreiwillig belauscht hatte. Zwei Frauen am Nachbartisch hatten sich nach dem Essen darüber unterhalten, dass sie nun einen Mittagsschlaf halten wollten. „So geht der Tag schneller um“, hatte die eine zur anderen gesagt. Das war ganz traurig und zeugte davon, wie lebensmüde diese Frauen sein mussten. Möglichst schnell den Tag hinter sich bringen und dann? Der nächste Tag würde auch keine Freude bringen und der übernächste auch nicht. Sie aßen, schliefen und warteten anscheinend auf den Tod. Das war einfach nur schrecklich und hatte mit einem sinnvoll geführten Leben so gar nichts zu tun. Auch wenn man im Alter nicht mehr so aktiv sein konnte, so konnte man doch Freude am Leben empfinden.
Hanne schloss die Augen: „Ach Fritz, was soll ich denn bloß machen?“, fragte sie in die Stille des Raumes hinein.
Nach einer Weile wurde ihr ganz warm zumute. Es war ihr, als wäre ihr Fritz bei ihr und würde ihr über den Kopf streichen und sie fragen: „Ist das die Hanne, wie ich sie kenne? Was ist denn mit dir los? Wo ist deine Lebensfreude geblieben?“
Ihre Lebensfreude? In der Tat, die war irgendwo auf der Strecke geblieben. Sie hatte sie wohl in ihrer Wohnung zurück gelassen und gar nicht mit hierher gebracht. Das war nicht gut. Sie brauchte ihre Lebensfreude zurück!
Hanne erhob sich, griff erneut nach ihrem Rollator und ging zielstrebig über den Flur, bis sie Marion gefunden hatte, die Leiterin des Hauses.
„Wissen Sie“, begann Hanne, „die Menschen hier benötigen dringend ein bisschen Aufmunterung.“
„Da haben Sie sicher recht“, erwiderte Marion, „doch wissen Sie, uns bleibt so wenig Zeit neben aller Arbeit ...“
Hanne winkte ab und ließ sie gar nicht ausreden. „Ich weiß, ich weiß und es wird ja auch schon einiges angeboten. Doch ich denke, da ist noch mehr möglich. Wenn ich darf, würde ich das gerne in die Hand nehmen. Ich kenne so viele Menschen, die ein ganz besonderes Talent besitzen. Wenn es Ihnen recht wäre, könnte ich fragen, ob jemand bereit wäre, hier den einen oder anderen Nachmittag zu gestalten. In jedem Fall müssen wir auch mal Kinder zu uns einladen. Die haben die Lebensfreude noch in sich. Das wirkt auf ältere Menschen bestimmt ansteckend.“ Hanne war voller Ideen und spürte vor Elan. Erwartungsvoll sah sie Marion an.
„Machen Sie nur. Es ist in unserem Sinn, wenn sich die Bewohner hier wohl und wirklich zuhause fühlen“, entgegnete die Leiterin und freute sich über so viel Engagement.
Hocherhobenen Hauptes ging Hanne zurück in ihr Zimmer. Sie würde ein paar Telefonate führen und zwar sofort.
Abrupt blieb sie stehen und drehte sich um. Hatte da jemand mit ihr gesprochen? Sie hätte geschworen, dass sie gehört hatte: „Da ist sie ja wieder, meine Hanne!“


© Martina Pfannenschmidt, 2015 

Der 30. Geburtstag

Umsichtig befuhr Nina die alte Landstraße. Inzwischen war es dunkel geworden und es hatte zu regnen begonnen. Eigentlich brauchte sie ihre ganze Konzentration zum Autofahren, doch sie konnte nicht verhindern, dass der blöde Streit mit ihrer Mutter ihr nachging.
Es war nicht das erste Mal, dass die beiden Frauen aneinander geraten waren. Immer wieder mischte sich ihre Mutter in ihr Leben ein und immer wieder ärgerte sie sich darüber. Heute war Ninas bevorstehender Geburtstag der Grund für einen Streit gewesen. Ihre Mutter war der Auffassung, sie müsse ihn in einem großen Rahmen feiern, mit Hans und Franz und Onkel und Tante. Nina war daraufhin explodiert: „Ich werde 30 Mama und kann meine Entscheidungen alleine treffen!“ Und dann hatte sie ihr klar gemacht, dass sie kein großes Brimborium um diesen Tag machen möchte.
Anschließend hatte ihre Mutter ihre größte Waffe eingesetzt und Sätze wie diese waren gefallen: „Ich meine es doch nur gut mit dir“ und „Niemand ist mir so wichtig, wie du“ und „Du musst mir versprechen, dass du den Tag nicht irgendwo alleine verbringst.“
Aber eigentlich würde sie das am liebsten tun. Einfach verreisen und ihren Geburtstag irgendwo auf der Welt in einem Liegestuhl mit einem Buch in der Hand verbringen. Doch wenn ihre Mutter ihr Ziel erführe, wäre die Gefahr groß, dass sie ihr nachreisen oder zumindest das Hotel aufmerksam machen würde. Nina hörte im Geiste schon alle anderen Gästen im Frühstückssaal ‚Happy birthday’ singen.
Natürlich ahnte sie, dass ihre Mutter enttäuscht war von ihr und ihrem Leben. Ihre Mama wünschte sich einen Schwiegersohn und Enkelkinder. Aber das Leben lief nun mal nicht für jeden nach dem gleichen Plan und Muster ab. Bisher waren all ihre Beziehungen nach kurzer Zeit gescheitert. – Klar, auch das lag in den Augen ihrer Mutter an ihr. Vielleicht stimmte es sogar.
Es war ja nicht so, dass sie gerne alleine war. Aber was sollte sie machen, wenn der richtige Partner nicht in Sicht war?
Wild um sich schlagend wachte Nina am nächsten Morgen auf. Ihr Geburtstag hatte sie bis in ihren Traum hinein verfolgt. Sie war ganz alleine auf dem Meer getrieben in einem Boot, das nicht größer war, als eine Nussschale. Sie hatte sich einsam und allein gefühlt und war sehr durstig gewesen. Plötzlich war am Himmel ein riesiges Flugzeug aufgetaucht und Menschen waren an Fallschirmen direkt auf sie zu gesprungen. Alle hielten Geschenkpäckchen in Händen. Sie hatte ihre Mutter erkannt, doch deren Fallschirm wollte sich nicht öffnen.
Es war ein schrecklicher Traum gewesen und Nina war noch völlig verwirrt. Hilfe suchend schaute sie auf den Wecker. War es Zeit, aufzustehen? Doch dann wurde ihr klar, dass Sonntag war. Während dieser Tag für die meisten Menschen der schönste der Woche war, fand sie ihn einfach nur schrecklich. Die meisten ihrer Freundinnen hatten an diesem Tag keine Zeit, weil sie irgendwelchen Pärchenaktiviäten nachgingen, irgendwo gemeinsam zum Brunch einkehrten, einen Spaziergang um den See machten oder sich irgendwelche Liebesbekundungen ins Ohr flüsterten.
Ihr Sonntag sah hingegen anders aus. Sie verließ ungern das Haus, verbrachte den Tag damit, sich eine Gesichtsmaske zu machen und mit einer Kuscheldecke auf dem Sofa Filme anzuschauen. So würde wohl auch dieser Sonntag für sie aussehen.
Mit einer Packung Papiertaschentücher neben sich und eingekuschelt in ihre Lieblingsdecke saß sie am Nachmittag vor dem Fernseher. Zum xten Mal sah sie sich eine Liebesschnulze an und obwohl sie wusste, dass die beiden Hauptdarsteller später ein Liebespaar wurden, weinte sie an manchen Stellen Rotz und Wasser. Zwar war sie ungeschminkt, doch die Tränen hinterließen kuriose Spuren auf ihrer grünen Gesichtsmaske. Das war Nina aber egal. Es sah sie ja niemand.
Unerwartet klingelte es jedoch an der Wohnungstür. Wer könnte das sein am Sonntagnachmittag? Bestimmt stand ihre Mutter vor der Tür und sah genau so tränenüberströmt aus, wie sie. Das könnte sie jetzt einfach nicht ertragen. Vielleicht sollte sie gar nicht öffnen. Doch ihr wurde klar, dass man ihren Fernseher auf dem Hausflur hören konnte. Während Nina noch darüber nachsann, wie sie sich verhalten sollte, pochte jemand an die Tür und eine ihr bekannte Stimme rief: „Nina, mach auf. Ich hör doch, dass du zuhause bist. Ich bins, Karoline.“
Gott sei Dank. Nicht ihre Mutter. Es war eine Kollegin, mit der Nina gut befreundet war und die sie auch in diesem Aufzug sehen durfte. Behände sprang sie vom Sofa und lief auf dicken Socken und in ihrer verschlissenen Jogginghose über den Flur Richtung Tür, die sie sogleich schwungvoll öffnete.
Im selben Moment wäre sie am liebsten im Erdboden versunken, denn vor ihr stand nicht nur ihre Kollegin, sondern auch ein junger Mann.
„Oh“, stotterte Karoline, „ich wusste ja nicht, dass du … ich wollte dir eigentlich nur …“.
Und dann war es der junge Mann, der diese diffuse Situation rettete: „Karoline wollte mich dir vorstellen. Ich darf doch Du sagen, oder? Also, wenn ich ehrlich bin, mache ich es mir am Sonntag auch am liebsten zuhause bequem. Wir können doch einen Moment in deinem Wohnzimmer warten, während du dich … herrichtest“, flachste er und hielt Nina seine Hand hin. „Mensch, bin ich unhöflich. Ich bin Timo.“
„Ich weiß“, stotterte Nina, „Timo Hühnerbein.“
Nun war es an Timo, dumm aus der Wäsche zu schauen.

An ihrem 30. Geburtstag saß sie nicht alleine am Tisch eines Restaurants, sondern mit Timo, dem Mann, den sie aus dem Kindergarten kannte. Sie waren damals unzertrennlich gewesen, doch dass Leben hatte sie bereits als Kinder auseinander gerissen. Nie zuvor war Nina so klar wie an diesem Tag, dass sie in all den Jahren immer nur auf ihn gewartet hatte.


© Martina Pfannenschmidt, 2017