Freitag, 2. Januar 2026

Oma erzählt eine kleine Geschichte von Clara, der Clementine

An einem kuscheligen Januar-Nachmittag saßen Oma und ihr Enkel Ben gemeinsam am Küchentisch. Vor Ben lag eine leuchtend orangefarbene Clementine. In diesem Moment schob er sie seiner Oma zu und fragte: „Kannst du mir bitte helfen, sie auszuziehen?“

Oma musste schmunzeln. „Na klar helfe ich dir dabei. Schließlich trägt sie einen dicken Mantel, nicht wahr!“

„Jaaa!“, rief Ben, „einen dicken orangenen Mantel. Orange ist meine Lieblingsfarbe!“

„Deshalb magst du die kleinen süßen Früchtchen auch besonders gern, nicht wahr?“

Ben nickte zustimmend.

„Soll ich dir, während ich der Clementine aus dem Mantel helfe, eine kleine Geschichte über eine Clementine namens Clara erzählen?“

„Oh, jaaaaa!“

Während Oma begann, die Clementine zu schälen, sprach sie mit geheimnisvoller Stimme: „Also, die Clementine, von der ich dir erzählen möchte und die den Namen Clara trug, lebte in einer Obstschale zusammen mit einigen sehr großen und runden Orangen und das machte Clara ein bisschen traurig.“

„Warum?“, möchte Ben wissen.

„Sie war ein wenig traurig“, erzählte Oma weiter, „weil sie so viel kleiner war als die Orangen. Sie hatte das Gefühl, in dieser Obstschale völlig übersehen zu werden. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass die meisten Menschen eher nach einer Orange griffen.“

„Oma, sie soll nicht mehr traurig sein“, meinte Ben ein wenig betrübt. „Kannst du bitte machen, dass sie nicht mehr traurig ist. Ich bin doch auch klein und ich bin auch nicht traurig darüber.“

Oma lächelte. „Da hast du vollkommen recht. Und so kam es auch, denn bald kam ein kleines Mädchen in die Küche und fischte Clara aus der Obstschale. Sie nahm sie mit an den Küchentisch und bat ihre Mutter, ihr beim Ausziehen der Clementine zu helfen.“

„Genau wie ich!“

„Ganz genau! Und die Mutter des kleinen Mädchens erzählte eine Geschichte über die Clementine. Sie erzählte dem Mädchen, das Clementinen lauter geheime Superkräfte besitzen, die den Menschen dabei helfen, gesund zu bleiben, auch wenn es draußen bitterkalt und Winter ist. Und sie erzählte ihr, dass es super ist, dass Clementinen so klein sind, weil sie dann in Papas Brotdose passen und dass es so großartig ist, dass man sie so schnell ausziehen kann und dass sie keine so große Sauerei beim Schälen verursachen, wie es oftmals eine Orange tut.“

Ben freute sich. „Das stimmt!“

„Und hast du schon mal gesehen, wie schnell sich so eine Clementine durch das Obstregal im Geschäft kugeln kann?“, wollte Oma wissen. „Die ist 1000-mal schneller als so eine dicke Orange. Und als Clara all das hörte, was die Mama über sie erzählte und das Mädchen sich die süße Frucht gut schmecken ließ, wusste die Clementine plötzlich, dass sie zwar klein war, aber dennoch kugelrund vor Glück sein konnte.“

„Ich finde Clara auch suuuuuper. Alle Claras sind superlecker!“, freute sich Ben.

„So ist es, mein Junge! Und schau, jetzt ist sie bereit, von dir gegessen zu werden.“

Ben freute sich über die süßen kleinen Stückchen und nahm sich vor, Oma beim nächsten Mal, wenn sie gemeinsam am Tisch saßen und Obst aßen, zu fragen, ob sie ihm eine kleine Geschichte über einen Apfel erzählen kann.

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Donnerstag, 1. Januar 2026

Neuanfang (1.1.2026)

Stille lag über der Stadt, als erste Sonnenstrahlen über den Dächern der Häuser tanzten. Lautlos kringelte sich der Rauch aus den Schornsteinen der umliegenden Häuser. Frost lag in der Luft, als Melanie am Fenster ihrer kleinen Wohnung stand. Sie spürte, wie ihr Herz pochte. Tatam, Tatam. Es war ihr, als würde es den Takt für einen Aufbruch schlagen. Einen Neuanfang, den sie wagen wollte, wagen musste.

Das vergangene Jahr hatte ihr alles abverlangt. Der Verlust ihrer Oma lag wie ein Schatten auf ihrem Gemüt. Schwer wogen die Erinnerungen an gemeinsame Nachmittage, an das wärmende Lächeln und die Geborgenheit, die sie bei ihrer Oma gespürt hatte. Der Moment des Abschieds ging wie ein tiefer Riss durch ihr Herz und auch durch ihr gesamtes Leben. Er war so endgültig. Nicht zu begreifen.

Die Trauer hatte sich schwer und lähmend angefühlt. Es war ihr kaum mehr möglich gewesen, Freude oder Hoffnung zu spüren. Selbst kleine Aufgaben hatten sich zu riesigen scheinbar unüberwindbaren Bergen aufgetürmt. Sie war wie gefangen gewesen in ihrem eigenen Schmerz, wie in einem nicht enden wollenden kalten Winter.

Die Weihnachtstage hatte sie im Kreis ihrer Familie verbracht. Das hatte ihr gut getan. Die Trauer war zwar auch bei den anderen spürbar gewesen, doch sie hatte durchaus wahrgenommen, dass sie sich langsam wieder aufrichteten.

Heute, am ersten Tag des neuen Jahres, spürte Melanie zum ersten Mal wieder so etwas wie Vertrauen in die Zukunft. Die Trauer war immer noch da, doch sie war gewillt, sie anzunehmen und aus ihr neue Kraft zu schöpfen, so wie es sich ihre Oma für sie gewünscht hätte.

Sie vermisste ihr altes, buntes Leben. Die spontanen Treffen mit ihren Freundinnen und die gemeinsamen Filmabende. Diese Erkenntnis war wie ein zarter Funke der Hoffnung und sie wusste, dass nur sie selbst sich von den Fesseln der Vergangenheit und der Trauer lösen konnte und dass sie den Mut für einen Neuanfang finden musste.

Melanie zog sich warm an und trat hinaus in den klaren Januartag. Die Straßen waren leer, als gehörten sie nur ihr allein. Jeder Atemzug fühlte sich rein an und sie hoffe, dass die kalte Winterluft ihre Gedanken und alten Sorgen bereinigen würde, nicht, um etwas zu verdrängen oder zu vergessen, sondern um Platz für neue leichtere Gedanken zu schaffen.

Mit jedem Schritt spürte sie, wie sich ihr Herz ein wenig mehr öffnete und sie entschied, wieder zu malen. Sie wollte bunte Farben auf die Leinwand und in ihr Leben bringen und ihre Gefühle ausdrücken, statt sie zu verstecken.

Der Jahresbeginn! Er sollte für sie mehr sein, als ein Kalenderblatt – er sollte die Brücke zu einem neuen Leben sein.

Am Nachmittag holte Melanie ihre Malutensilien hervor, setzte sich ans Fenster und begann, noch etwas unsicher, den ersten Pinselstrich auf die Leinwand zu setzen, so dass sich diese mehr und mehr mit Farben füllte und sie immer mutiger wurde. 

Gefühle stiegen in ihr auf, die sie das ganze letzte Jahr nicht mehr gespürt hatte. Es war, als würde mit jedem Farbton ihr Innerstes heilen.

Von draußen drang das Lachen von Kindern an ihr Ohr und irgendwo schlug eine Kirchturmuhr – das Leben klang wieder vertraut. Melanie lächelte. Sie wusste, der Weg würde nicht immer leicht sein, aber sie hatte den ersten Schritt gewagt. Der Neuanfang fühlte sich an wie das Versprechen, dass auf jeden frostigen Januar wieder ein Frühling folgte.

Als der Tag dem Abend wich, blickte sie auf ihr erstes Bild des Jahres. Es war nicht perfekt, aber es war echt und es zeigte, wie sie sich fühlte.

Mit Tränen in den Augen – nicht mehr aus Schmerz, sondern aus Zuversicht – hob sie das Glas und flüsterte: „Auf das Leben, auf den Neuanfang, auf mich.“

Der Jahresbeginn war für sie nicht mehr nur ein Datum, sondern der Moment, in dem sie sich selbst wiedergefunden hatte.

(c) Martina Pfannenschmidt



Mittwoch, 31. Dezember 2025

Das Licht, das bleibt (Silvester)

In der klaren, frostigen Nacht des 31. Dezembers lagen die Felder und Wiesen des kleinen Dorfes schweigend im Licht der Sterne. Wie dunkler Samt mit glitzernden Punkten spannte sich der Himmel über die Dächer der Häuser. 

Die Sterne standen dort oben wie helle Wächter und schauten auf die Menschen herab. Sie sahen nicht nur die Handlungen der Menschen, sondern nahmen ebenso ihre Gefühle wahr.

Von ihrem himmlischen Aussichtspunkt aus blickten sie herab und begannen ein Gespräch über das, was sie wahrnehmen konnten.

„Schaut, wie schön die Lichter und Kerzen ausschauen, die hinter den Scheiben flackern“, erfreute sich der Lichtstern an dem, was er sehen konnte. Die Lichterketten, beleuchteten Tannenbäume und Kerzen zauberten ein Lächeln in sein Gesicht.

„Seht nur“, rief der Hoffnungsstern, „manche feiern ausgelassen, stoßen an, singen und hoffen auf ein besseres Jahr 2026.“

Sie vernahmen dort ein zu lautes Lachen, hier ein leise gesungenes Lied, aber auch ein stilles Seufzen und Kummer.

Der Stern der Weisen, dessen Licht auf ein Haus mit einem alten Apfelbaum fiel, sprach leise: „Schaut nur, manche Menschen sitzen still am Tisch. Ihre Gedanken sind schwer. Sie fürchten, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, wissen nicht, wie sie die nächste Miete bezahlen sollen. Und dort spüre ich die Angst um einen geliebten Menschen und manche tragen eine Traurigkeit in sich, die kein Fest der Welt vertreiben kann.“

Die Sterne beobachteten in der Stille, wie ein älterer Mann am Fenster saß. Seinen Blick richtete er verloren ins Dunkle, während aus dem Nachbarhaus das Lachen von Kindern zu ihm herüber wehte. In dem Haus daneben hielt eine Frau die Hand ihrer Mutter in der Hoffnung, dass das neue Jahr mehr Gesundheit bringen möge.

Die Sterne schwiegen für eine Weile. Dann brach der alte, ruhige Stern am nördlichen Firmament das Schweigen: „Es ist schon seltsam. Die Menschen sehnen sich nach Licht, sie entzünden Kerzen, schmücken ihre Häuser, und doch erhellt kein Licht ihrer Welt das Dunkle, das sich oft in ihrem Inneren befindet.“

„Meinst du, sie freuen sich deshalb so sehr auf das Feuerwerk“, fragte ein junger, funkelnder Stern daraufhin, „weil sie hoffen, dass das kurze, grelle Licht ihre Sorgen für einen Augenblick vertreibt?“

Die anderen nickten und ihre Lichter flackerten in sanfter Übereinstimmung.

Mitternacht rückte näher. Die ersten Böller knallten und bald war der Himmel über dem Dorf von Farben und Licht durchzogen. Goldene Funken, rote Kaskaden, blaue Schleier – für Momente schien alles in Farbe getaucht. Für einen kurzen Augenblick musste die Dunkelheit weichen, wurde übertönt von Licht und Lärm.

Die Sterne sahen zu, wie Kinder staunend dastanden, wie Paare sich umarmten, wie Tränen und Lächeln sich mischten.

Nachdem das Feuerwerk verebbt und die Menschen zurück in ihre Häuser und Wohnungen gegangen waren, meinte der Friedensstern nachdenklich: „Das Feuerwerk war wunderschön. Doch kaum ist es verklungen, kehrt die Nacht zurück. Das künstliche Licht vergeht und die Sehnsucht der Menschen nach Licht und Frieden kehrt zurück.“

„Vielleicht sollte das Licht der Menschen von innen kommen“, sagte der Stern der Weisen, „und nicht als kurzer bunter Funken, sondern als leiser, beständiger Schein und Begleiter.“

Die Sterne blieben hell und schweigend am Himmel zurück.

„Wir leuchten für euch, auch wenn ihr es manchmal nicht wahrnehmt“, sprach der Lichtstern nach einer Weile ins Dunkle hinein. „Unser Licht ist leise, unaufdringlich und bleibt, wenn der Lärm verstummt.“

Der älteste Stern unter ihnen dachte laut nach: „Das wahre Licht, das Licht der Hoffnung, des Mitgefühls und der Liebe ist leise und wächst in ihren Herzen und es ist immer da, auch wenn sie es nicht spüren.“

Die Sterne erkannten, dass menschliche Sorgen und Ängste zum Leben gehören wie die Dunkelheit zur Nacht. Ohne Dunkelheit kein Licht, ohne Sorgen kein Trost, ohne Abschied keine Hoffnung.

„Möge das neue Jahr den Menschen jene Art von Licht bringen, das nicht vergeht“, flüsterte der Hoffnungsstern in die Stille hinein. „Möge das Licht der Stille und der Hoffnung beständig bei ihnen bleiben, auch wenn der Himmel dunkel ist.“

Und so wachen die Sterne auch im neuen Jahr Nacht für Nacht über die Menschen. Sie sehen ihre Sorgen, Hoffnungen und stillen Wünsche und senden ihr leises Licht der Hoffnung, des Friedens und der Freude für diejenigen, die es suchen.

© Martina Pfannenschmidt, 2025



Ihr Lieben, mit dieser Geschichte verabschiede ich das Jahr 2025 und sage von ganzem Herzen Dankeschön dafür, dass DU hier bist, um meine Geschichten zu lesen. Das freut mich und berührt mich und ich wünsche dir, auch wenn ich dich - vielleicht - nicht persönlich kenne, von ganzem Herzen ein glückliches und erfülltes Jahr 2026! 

Schon morgen und in den folgenden Tagen wird es - vorerst - täglich eine weitere Geschichte geben und ich freue mich darauf, dich dann wieder hier begrüßen zu dürfen!

Kommt gut ins Neue Jahr!

Möge es viele lichtvolle Momente für uns bereithalten!

Martina



Dienstag, 30. Dezember 2025

Zwischen den Jahren


Im Wohnzimmer von Anna und Karl loderte das Feuer im Kamin und verbreitete eine wohlige Wärme. Draußen lag eine dünne Schneeschicht auf den Feldern und die Fenster waren ein wenig beschlagen. Die beiden saßen sich in ihren gemütlichen Lehnstühlen gegenüber, jeder mit einer dampfenden Tasse Tee in der Hand. Schweigend blickten sie in die Flamme der Kerze, die auf dem Tischchen vor ihnen brannte und ihr heimeliges Licht verbreitete. Diese Tage zwischen Weihnachten und Silvester, die Tage zwischen den Jahren, waren für das Paar eine ganz besondere, ja fast magische Zeit.

Anna seufzte leise und lächelte ihren Mann an. „Weißt du, Karl,“ begann sie das Gespräch, „früher habe ich diese Tage zwischen den Jahren immer als ein bisschen seltsam empfunden. Sie gehören nicht mehr ganz zum alten Jahr, aber das neue Jahr hat ja auch noch nicht begonnen, was mir immer das Gefühl gab, als hielte die Welt kurz inne.“

Karl nickte. „Ja, das stimmt. Aber früher, als die Kinder noch klein waren, war es immer laut und wuselig nach Weihnachten. Jetzt ist alles so ruhig, doch ich muss sagen, dass mir das durchaus gefällt. So hat man mehr Zeit und Muße zum Nachdenken über Vergangenes oder Zukünftiges.“

Anna erhob sich und legte einen Holzscheit nach. Während sie in die zündelnden Flammen schaute, meinte sie: „Weißt du noch, was meine Großmutter früher über die Raunächte erzählt hat? Über die Nächte zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag, in denen angeblich die Geister umgehen und in denen man in diesen Tagen keine weiße Wäsche aufhängen durfte? Vor allen Dingen keine Betttücher, weil sie sonst im kommenden Jahr zum Leichentuch für ihre Besitzer würden und dass es Unglück bringt, wenn man sich nicht an diese alte Regel hält? Ich habe mich als Kind immer ein wenig vor diesen Geistern gefürchtet und gleichzeitig fand ich es aufregend und geheimnisvoll. Die Raunächte waren für meine Großmutter eine Zeit voller Bräuche und Geschichten. Sie sagte, in diesen Nächten sei die Grenze zwischen unserer Welt und der der Geister besonders dünn. Man solle innehalten, Altes loslassen und sich auf das Neue vorbereiten.“

Karl lächelte. „Und du hast mir erzählt, dass du bereits ein paar Tage vor Silvester heimlich Blei gegossen hast, um zu sehen, was das neue Jahr bringt.“

Anna schmunzelte bei der Erinnerung. „Ja, das stimmt! Damals war ich noch ein Kind und habe mit großen Augen zugesehen, wie das flüssige Blei ins kalte Wasser tropfte. Einmal entstand daraus eine kleine Figur, die aussah wie ein Schiff. Ich habe mir damals gewünscht, dass wir im Sommer ans Meer fahren – und tatsächlich, ein paar Monate später standen wir gemeinsam am Strand und haben Muscheln gesammelt. Seitdem glaube ich ein bisschen daran, dass die Raunächte und ihre Zeichen einen eigenen Zauber haben.“

„Und weißt du noch, wie wir in den Raunächten immer kleine Wünsche aufgeschrieben und verbrannt haben, damit sie mit dem Rauch in den Himmel steigen?“

„Ja, ich erinnere mich. Heute mag ich es, in diesen Tagen das alte Jahr Revue passieren zu lassen,“ meinte Anna „und unser Ritual, zwischen den Jahren die Schränke aufzuräumen, Briefe und Fotos zu sortieren und einen kleinen Jahresrückblick zu schreiben, hilft mir dabei, das Jahr würdig abzuschließen.“

„Und du backst immer noch einmal einen Kuchen“, ergänzte Karl augenzwinkernd, „so, als möchtest du den süßen Geschmack des alten Jahres festhalten.“

„Ich mag auch die Spaziergänge, die wir in dieser Zeit unternehmen“, sagte Anna, „egal, wie das Wetter ist. Wenn die Luft klar ist und es nach Holz und Rauch riecht, steigt ein heimeliges Gefühl in mir auf. Und ich mag es, dass der Trubel vorbei ist, und die Menschen zuhause sind und eine kleine Pause vom normalen Alltag genießen können.“

Inzwischen war es Abend geworden und Anna und Karl schrieben, so wie sie es in jedem Jahr zu dieser Zeit handhabten, ihre Wünsche für das kommende Jahr auf kleine Zettel, aber nicht, um sie zu verbrennen, sondern um sie in eine Kiste zu legen und am Silvesterabend des kommenden Jahres zu schauen, welche Wünsche tatsächlich in Erfüllung gegangen waren.

„Ich glaube, diese Tage sind ein Geschenk“, meinte Anna leise. „Man darf einfach da sein, ohne Eile, ohne Erwartungen. Für mich ist es die Zeit der Besinnung, des Innehaltens und der Dankbarkeit. Und die Raunächte erinnern mich daran, dass jeder Neubeginn auch ein bisschen Zauber in sich trägt.“

Karl stimmte nickend zu. „Es ist wie ein langer, ruhiger Atemzug, bevor das Leben wieder schneller wird.“

Als sie später im Bett lagen, legte Anna liebevoll ihre Hand auf die von Karl. Draußen schneite es leise und es war unglaublich still.

Die Zeit zwischen den Jahren – sie hatte ihre eigene Magie, und Anna und Karl wussten, dass sie sie jedes Jahr aufs Neue genießen würden, solange es ihnen möglich war.

  

© Martina Pfannenschmidt, 2025


Montag, 29. Dezember 2025

Zwei Tage vor Silvester

Es war der 29. Dezember. Zwei Tage vor Silvester.

Manuela schälte sich recht früh aus dem Bett. Sie wusste, dass noch so viel zu erledigen war, bevor ihre Freunde zum jährlichen Raclette-Essen am Silvesterabend bei ihnen hereinschneien würden.

Bevor sie ins Bad ging, öffnete sie langsam die Wohnzimmertür und blieb wie angewurzelt stehen. Das reinste Chaos empfing sie dort. Der Teppich lag schief, die Sessel waren verrückt, auf dem Couchtisch standen noch die Gläser vom Vorabend, die Kissen lagen durcheinandergewürfelt herum und die Krümel von Chips und Keksen waren überall verstreut. Doch das schlimmste war der Tannenbaum. Er wirkte wahrlich zerrupft und seine Äste hingen etwas traurig herab. Die einst liebevoll aufgehängten Schokoladenanhänger und Zuckerstangen waren fast alle verschwunden. Die Enkelkinder hatten sie genascht. Heimlich und kichernd, wie sie bemerkt hatte.

Manuela seufzte. Die Last der Weihnachtstage lag wie ein schwerer Mantel auf ihren Schultern und eine bleierne Müdigkeit breitete sich in ihr aus.

Die vergangenen Tage waren voller Leben und Lachen gewesen, weil die ganze Familie zusammengekommen war: ihre Kinder und Enkelkinder, ihre Eltern und Schwager und Schwägerin.

Sie hatte gekocht, gebacken, serviert – immer bemüht, dass niemand zu kurz kam und dass sich jeder herzlich willkommen und wohl fühlte. Zwischendurch hatte sie Streit geschlichtet, kleine Missverständnisse aus der Welt geräumt und versucht, mitten im Chaos eine harmonische Stimmung zu bewahren. Nun war sie erschöpft, aber auch irgendwie erleichtert. Jetzt, wo alle abgereist waren, lag die Stille wie ein sanftes Tuch über allem.

Langsam ließ sie sich in einen Sessel sinken, der dabei leise knarzte. Sie war so müde und ihre Augenlider waren so schwer, dass sie, während draußen der Wind leise um die Hausecke pfiff, wieder einschlief - umgeben von all dem Durcheinander, das das Fest hinterlassen hatte.

Mitten in die Stille hinein begannen plötzlich die Dinge im Wohnzimmer zu flüstern. Die Kerzen auf dem Tisch, die Christbaumkugeln und der Tannenbaum.

„Schaut euch die Frau an“, murmelte eine silberne Kugel, „so müde und erschöpft. Ist das der Sinn von Weihnachten – dass die Menschen so ausgelaugt sind?“

Der Tannenbaum seufzte. „Mir wurden meine Wurzeln genommen“, stöhnte er auf, „nun stehe ich hier, geschmückt zwar und beim Fest bestaunt, aber jetzt – jetzt fühle ich mich nutzlos. Wofür das alles frage ich mich?“

Die Kerzen flackerten sanft und schienen nachzudenken. Dann sprach die älteste Kerze mit ruhiger Stimme: „Wisst ihr, ich glaube, dass wir alle zusammen für die Menschen Weihnachten bedeuten. Schaut, sie bringen uns in ihr Haus, schmücken uns, zünden uns Kerzen an, weil wir Licht und Wärme schenken. Und eines ist ebenso gewiss: Weihnachten ist viel mehr als nur Geschenke und festliches Essen.“

Die Kugel rollte ein kleines Stückchen näher. „Aber Weihnachten ist doch das Fest der Liebe. Warum ist die Frau dann so erschöpft?“, fragte sie.

Die Kerze lächelte und erwiderte weise: „Weil Liebe manchmal anstrengend ist und weil Familie bedeutet, einander zu helfen, zuzuhören, auch mal zu streiten und sich wieder zu versöhnen. Und schaut, der Tannenbaum ist ein Symbol: Er steht mitten in der Wohnung, grün und lebendig erinnert er alle an Hoffnung und Beständigkeit. Und ihr Kugeln bringt Glanz, Freude und ein wenig Zauber mit. Und wir Kerzen – wir spenden Licht in der Dunkelheit.“

„Ich glaube“, sprach der Stern, der hoch oben auf der Spitze des Tannenbaumes thronte, „dass der wahre Sinn von Weihnachten nicht in der Perfektion liegt, sondern im Miteinander und in der Dankbarkeit für jeden Moment. Sei er nun laut oder leise, fröhlich oder anstrengend.“

Stille kehrte in den Raum zurück, als Manuela erwachte. Irgendetwas musste geschehen sein. Sie fühlte sich plötzlich so anders. Ihr Herz quoll über vor Wärme und Liebe. Selbst der Tannenbaum wirkte in diesem Moment ganz anders auf sie. Sie sah ihn nicht mehr als zerrupftes Relikt eines turbulenten Festes, sondern als Zeichen dafür, dass Liebe manchmal chaotisch, aber immer lebendig ist. Sie lächelte, erhob sich und zündete die Kerzen am Baum an – ganz für sich allein.

Nein, das Wohnzimmer war in diesem Zustand nicht perfekt, aber es war voller liebevoller Erinnerungen an ein ganz besonderes Fest.

Und während die Kerzen leise flackerten und der Tannenbaum still im Licht glänzte, spürte Manuela: Weihnachten ist nicht das Ende der Kräfte, sondern der Anfang von Hoffnung, Gemeinschaft und Dankbarkeit – auch zwei Tage vor Silvester.

© Martina Pfannenschmidt, 2025

 


Sonntag, 28. Dezember 2025

Die Stille nach dem Fest

Karin saß noch immer am Esstisch. Die Hände um die kalte, leere Kaffeetasse gelegt. An diesem Sonntag nach Weihnachten fiel fahles graues Licht ins Esszimmer. Sie sah sich um. Das benutzte Geschirr und Essensreste standen ungeordnet auf dem Tisch, umringt von Brötchenkrümeln, Eierschalen und einem großen roten Fleck, den die Erdbeermarmelade auf der weißen Damast-Tischdecke hinterlassen hatte.

Es war nicht mehr die Unordnung einer eben noch fröhlichen Runde, sondern nur noch die stille Erinnerung an das Lachen, das bis eben noch den Raum erfüllt hatte. In diesem Moment hörte sie nur das laute Ticken der Uhr und – wie von fern -, das leise Surren des Druckers aus dem Büro ihres Mannes.

Karin schloss für einen Augenblick die Augen, um die vergangenen Tage im Geiste zu reflektieren. Ihre beide Kinder waren zu Hause gewesen. Sie hatten Unruhe mitgebracht, aber eben auch diese spezielle Freude der jungen Erwachsenen.

Im Flur hatten sich die Jacken, Schuhe und Taschen gestapelt, aber es hatte auch nach Weihnachten gerochen.

Karin dachte zurück an das gemeinsame Schmücken des Baumes, das Scherzen und Lachen und an die Geschichten, die sie aus ihren Leben erzählt hatten.

Jetzt war ihr, als ob die Zeit für einen Moment stillstand.

Sie erinnerte sich zurück an das Leuchten in den Augen ihrer inzwischen erwachsenen Kinder, als sie alle unter dem Weihnachtsbaum gesessen und Geschenke ausgepackt hatten, die sie vorher mit sehr viel Liebe ausgesucht hatte. Alles hatte sie bis ins Detail organisiert mit dem Wunsch, dass alle ein schönes Fest feiern könnten. Sie wollte ihre Lieben überraschen und das war ihr auch gelungen.

Dann wanderten ihre Gedanken zu den Geschenken, die sie bekommen hatte und die ihr einen leichten Stich versetzt hatten. Wie so oft hatte ihr Mann einen Gutschein einer bekannten Parfümerie besorgt und wie immer hatte er ihn ihr mit den Worten: „Damit du dir auch mal was gönnst!“ überreicht.

Ihre Kinder hatten ihr einen Büchergutschein geschenkt und Pralinen. Alles war so erwartbar für sie gewesen.

Karin schalt sich innerlich. Sie wollte nicht undankbar scheinen. Sie sollte glücklich sein über ihre intakte Familie – und das war sie auch. Aber tief in ihr nagte eine unerfüllte Sehnsucht nach etwas anderem. Etwas, das ihren grauen Alltag unterbrach, etwas, das ihr zeigte, dass sie wertvoll war.

Jetzt, an diesem Sonntag, waren die Kinder nach dem Frühstück aufgebrochen. Zurück in ihre Studentenwohnungen, um den Abend mit Freunden zu verbringen. Ihr Mann hatte sich nach dem Frühstück in sein Büro zurückgezogen, wie so oft, wenn das Haus ruhiger wurde. Und so blieb sie zurück. Allein am langen Tisch, zwischen den Spuren des Familienlebens.

Karin stand auf, nahm seufzend die Teller und Tassen und brachte sie in die Küche. Das vertraute Klappern des Geschirrs, das Plätschern des Wassers holten sie nur bedingt aus ihren Gedanken.

Später ging sie die Stufen hinauf in die früheren Kinderzimmer. Sie zog die Betten ab, ordnete zerknüllte Schlafanzüge und zupfte ein vergessenes Buch unter einem Kissen hervor. Ihr Blick blieb an den leeren Regalen hängen, wanderte weiter zu den Postern und Fotos, die noch von früher erzählten. In jedem Raum lag eine andere Stille, die noch schwerer wog als die Leere, die sie in der Küche verspürt hatte.

Karin wusste, was morgen zu tun war. Der Kühlschrank war fast leer, die Vorratskammer wie ausgeplündert. Gedanklich schrieb sie bereits eine Einkaufsliste, während sie die Betten frisch bezog. Der Alltag hatte sie zurück mit all seinen Forderungen und doch so nüchtern nach den erfüllten Tagen des Festes.

Beim Blick aus dem Fenster, in den grauen Nachmittag, stellte sie sich die alte Frage: War das schon alles? Wann hatte das Leben eigentlich aufgehört, sie zu überraschen? Wann war sie so abgestumpft geworden, dass die Tage einander glichen wie ein Dominostein dem anderen?

Karin fühlte sich wie in Watte gepackt. Zwar sicher, aber auch seltsam taub. Die Feste, die Routinen, die stets gleichen Abläufe – war sie in ihnen verloren gegangen oder gar gefangen? Sie spürte eine leise, aber dringende Sehnsucht nach Veränderung, nach einem Licht, einem Hoffnungsschimmer.

Draußen begann es zu dämmern. Sie betrachtete die Straße, die wie sie selbst leer und starr vor ihr lag. Und während sie so dastand, fasste sie einen Entschluss – keinen großen, alles Umwerfenden, sondern einen leisen, aber klaren: Im neuen Jahr, so versprach sie sich, wollte sie nicht länger auf Überraschungen warten, sondern selbst welche schaffen. Vielleicht einen Tanzkurs beginnen, einen alten Traum wieder aus der Schublade holen, oder … sie lächelte leise … vielleicht doch den Schritt zurück ins Berufsleben wagen?

Morgen würde sie einkaufen gehen. Aber heute, an diesem stillen Sonntag, begann für sie etwas Neues – und sei es nur der Gedanke daran, dass Veränderungen möglich sind, wenn man sie wagt.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2025

 

 


Samstag, 27. Dezember 2025

Eine märchenhafte Spekulatius-Geschichte

Es war sehr früh am Morgen, fast noch Nacht, als auf einem großen bunten Teller mitten auf dem Tisch die letzten 3 Spekulatius des vergangenen Weihnachtsfestes ihr Dasein fristeten.

Fast alle anderen Kekse wurden an den Festtagen von vielen Naschkatzen verschlungen. Doch diese drei besonderen Spekulatiusfiguren waren auf dem Keksteller übriggeblieben: eine Mühle, ein Elefant und ein Schiff.

Die Mühle reckte stolz ihre Flügel in die Höhe, der Elefant schwang seinen Rüssel und das Schiff schien bereit, jeden Moment in See zu stechen, als ein leiser Windhauch durch das Fenster strich und sie näher aneinanderrückte.

„Na, ihr beiden“, begann die Mühle, „wie fühlt ihr euch so nach dem Fest?“

„Ein bisschen einsam vielleicht“, antwortete der Elefant, „weil ich der letzte meiner Art auf dem Teller bin. Daher bin ich froh, euch hier zu sehen.“

Das Schiff schaukelte leicht, als es fragte: „Was meint ihr, wollen wir uns Geschichten erzählen? Wir könnten uns erzählen, warum wir so aussehen, wie wir aussehen!“

Das war eine großartige Idee und so räusperte sich die Mühle und sprach: „Ich bin die Mühlen-Spekulatiusfigur. In alten Zeiten waren Mühlen ein Zeichen für Reichtum und Wohlstand. Besonders in Belgien und den Niederlanden, wo Spekulatius besonders beliebt sind, standen Mühlen überall in der Landschaft. Deshalb sieht man mich so oft auf dem Spekulatius! Ich erinnere an die fleißigen Müller, die das Mehl für unsere Kekse mahlten. Ohne Mühlen gäbe es kein Mehl – und ohne Mehl keine Spekulatius.“

Der Elefant bewegte stolz seine großen Ohren. „Und ich, ich bin der exotische Vertreter der Spekulatius! Meine Form erinnert an die Gewürze, die von weit hergeholt werden müssen: Zimt, Nelken und Muskat zum Beispiel. Und ich wurde gewählt, weil ich Kraft und Weisheit symbolisiere“, verriet er voller Stolz.

„Das stimmt“, meinte das Schiff bestätigend, „aber ohne mich wären die Gewürze niemals hier angekommen!“ Danach fuhr es fort: „Und ich bin das Symbol für Abenteuer und Entdeckungen. Die großen Segelschiffe brachten die wertvollen Gewürze aus Indien, Indonesien und Afrika nach Europa. Ohne die Schiffe hätte es keine Spekulatius gegeben, denn der besondere Geschmack kommt erst durch Zimt, Kardamom und Anis. - Mein Anker steht übrigens für Hoffnung und meine Segel für Neugier und Weite. Und so bin ich auf vielen Spekulatius zu sehen und erinnere daran, dass die Zutaten eine weite Reise hinter sich haben.“

Da meldete sich plötzlich eine leise Stimme vom Rand des Tellers. Es war ein kleiner Spekulatiuskrümel, der den drei Formen aufmerksam zugehört hatte. Seine ehemalige Form war zwar nicht mehr erkennbar, doch der Krümel steckte voller Wissen, weshalb er die anderen fragte: „Wisst ihr denn auch, warum wir Spekulatius heißen?“

Die Mühle, der Elefant und das Schiff schüttelten den Kopf.

„Unser Name kommt vermutlich vom lateinischen Wort ‘speculum’ und bedeutet  Spiegel. Früher wurden die Teige in hölzerne Formen gedrückt, die wie ein Spiegelbild aussahen. Manche sagen aber auch, es kommt von ‘speculatio’, was so viel wie Überlegungen oder Betrachtungen bedeutet und ich finde, dass man beim Betrachten unserer Muster ins Träumen gerät. Uns Spekulatius gibt es schon seit vielen Jahrhunderten. Und sagt ehrlich: Weihnachten ohne uns ist einfach unvorstellbar.“

Da stimmten die drei anderen Figuren voller Stolz zu.

Gleichzeitig spürten sie, dass ihre Zeit auf dem Teller bald vorbei sein würde. Doch das machte ihnen keine Angst. „Wir sind zwar bald verschwunden, aber unsere Geschichten leben in den Erinnerungen weiter“, sagte die Mühle.

Der Elefant nickte. „Und jedes Jahr, wenn die ersten Spekulatius gebacken werden, beginnt das Abenteuer von Neuem.“

Das Schiff lächelte. „Vielleicht trifft man sich ja wieder auf einem weihnachtlichen Teller, irgendwo auf der Welt.“

Und so lagen sie noch ein Weilchen da, sprachen von alten Zeiten und neuen Abenteuern – bis die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster fielen und ein kleines Mädchen kam, das sich über die letzten, zauberhaften Spekulatius ganz besonders freute.

© Martina Pfannenschmidt, 2025