Mittwoch, 4. Februar 2026

Das Leben war damals langsamer

Sophie sah ziemlich durchgefroren aus, als sie das Wohnzimmer betrat, in dem Oma bereits mit einer Tasse Tee vor dem Kamin saß.

„Komm näher ans Feuer und wärm dich wieder auf!“, sagte Oma wohlwollend. Dann stand sie auf, ging in die Küche und kam mit einer weiteren Tasse Tee zurück.

„Hier, der wird dir guttun.“

„Danke, Oma!“

„Weißt du, Sophie, dir ist kalt, obwohl du eine dicke Daunenjacke getragen hast. Wenn ich da an die Winter in meiner Kindheit zurückdenke“, meinte Oma seufzend, „war doch vieles anders.“

„Was zum Beispiel?“

„Was zum Beispiel?“, wiederholte Oma die Frage ihrer Enkelin. „Na, unsere Kleidung zum Beispiel. Ich trug einen schweren Mantel aus Wolle und auch die dicken Fausthandschuhe, die Oma mir gestrickt hatte, waren aus kratziger Wolle. Wenn die nass waren, weil wir mit Schneebällen geworfen oder einen Schneemann gebaut hatten, wurden sie in der Nähe des Ofens zum Trocknen aufgehängt und glaub mir, der Geruch, der dabei entstand, war nicht wirklich schön. Man hatte das Gefühl, dass der ganze Raum nach feuchter Schafwolle roch.“

„Igitt. Das war bestimmt scheußlich.“

„Ja, das war es in der Tat. Wenn ich zurückblicke, dann hat sich wahrlich viel verändert. Und das ist gut so. – Schau, wenn ich früher aufwachte, war mein Zimmer eiskalt. Ich konnte im Bett liegend meinen Atem sehen. Nach dem Aufstehen ging ich zuerst zum Fenster. Es war vollständig übergefroren, musst du wissen. Die Eisblumen, die sich dort zeigten, waren zwar wunderschön, aber man konnte nicht durch sie hindurch nach draußen blicken. Dann hab ich meinen warmen Finger an eine Stelle gelegt und wenn dadurch das Eis schmolz, hatte ich ein kleines Guckloch, durch das ich nach draußen schauen konnte. Kannst du dir das alles überhaupt vorstellen?“

Sophie versuchte es, aber es war schwer vorstellbar für sie. Wenn sie aufwachte, war ihr Zimmer warm und gemütlich und das Fenster war auch nicht zugefroren.

„Was war früher noch anders?“, fragte Sophie.

„Was noch anders war? Dass es mehr Schnee gab als heute. Manchmal reichte er mir bis zu den Knien. – Anders war es natürlich auch in der Schule. Es gab noch keine Tablets, wie ihr sie heute habt. Wir schrieben, als ich eingeschult wurde, noch mit einem Griffel auf einer Tafel – und bevor du mich fragst, was das ist. Du kannst es später ja googeln“, schmunzelte Oma. 

„Das mach ich glatt“, entgegnete Sophie, „aber sag, war es wenigstens im Klassenraum warm?“

Oma lachte auf. „Ach, mein Kind. Es gab noch keine moderne Heizung. Weder zuhause noch in der Schule. In jeder Klasse stand ein großer, schwarzer Kanonenofen in der Ecke. Und weißt du, wer den angefeuert hat? Der Hausmeister, schon um fünf Uhr morgens. Wer am weitesten weg vom Ofen saß, dem froren trotzdem fast die Finger an der Schiefertafel fest. Ganz oft haben wir auch in der Klasse unsere dicken Wollmäntel anbehalten. Und wenn man Pech hatte und in der ersten Reihe direkt am Ofen saß, glühten einem die Wangen, während der Rücken eiskalt blieb.“

„Und wie war das nach der Schule? Hast du dich da mit deinen Freundinnen zum Schlittenfahren getroffen?“

„Ganz genau. Sobald die Glocke läutete, gab es kein Halten mehr. Wir sind nicht nach Hause gelaufen, wir sind gerannt, um unsere Holzschlitten aus dem Schuppen zu holen. Das waren schwere Dinger mit Eisenkufen, nicht so Plastikschalen wie ihr sie heute habt. Die Kufen haben wir immer mit einer Speckschwarte eingefettet, damit wir besonders schnell unterwegs sein konnten. Wir sind die Hügel hinuntergesaust, bis der Wind uns die Tränen in die Augen trieb. - Weißt du, wir hatten keine Skianzüge. Wir trugen diese selbstgestrickten Wollhosen, die sich im Schnee vollsogen, bis sie steifgefroren waren und schwer, wie Blei, an unseren Beinen hingen. Wenn wir den Berg wieder hochstapften, machte das bei jedem Schritt ein klackendes Geräusch, weil das Eis an der Wolle festgefroren war. Aber das war uns egal! Wir haben um die Wette geschrien und sind zu zweit oder dritt auf einem Schlitten den steilsten Hang hinuntergejagt, bis wir alle lachend im Tiefschnee landeten. Wir waren trotz der Kälte stundenlang draußen, bis unsere Wangen so rot waren, wie die Äpfel im Märchen von Schneewittchen.“

„Und wie ging es dann weiter, wenn du nach Hause kamst?“

„Abends saßen wir alle in der Küche, dem einzigen wirklich warmen Raum im Haus. Meine Mutter stellte Bratäpfel in die Röhre des Ofens, der mit Holz befeuert wurde. Dieser Duft nach Zimt und heißem Apfel – das war für mich das Gefühl von Geborgenheit schlechthin. Weißt du, wir hatten alle viel Zeit. Niemand musste nach Nachrichten auf seinem Handy schauen. Es gab auch keinen Fernseher. Manchmal lief das Radio. Aber meistens nur, um die Nachrichten zu hören. Ansonsten haben wir, meine Schwester und ich, Karten gespielt oder uns Geschichten erzählt. Mutter strickte oft Socken oder stopfte sie und unser Vater schnitzte Spielzeug aus Holz. Manchmal durfte ich Mutter helfen und habe Wolle gewickelt. In jedem Fall hat niemand von uns auf irgendeinen Bildschirm gestarrt, wir haben uns noch gegenseitig angeschaut und uns unterhalten. - Das Leben war damals langsamer, verstehst du? Es kommt mir beim Rückblick so vor, als hätte die Welt im Winter ein bisschen den Atem angehalten. - Weißt du, wir hatten nicht viel damals, aber wenn ich heute an das Knirschen des Schnees unter meinen Stiefeln und die gemeinsame Zeit in der warmen Küche zurückdenke, dann war es doch eine reiche Zeit. Reich an Gemeinsamkeit.“

„Weißt du, was mich noch interessieren würde? Was war dein Lieblingsessen? Auch Pizza oder Spaghetti Bolognese, so wie es bei den meisten Kindern heute ist?“

Oma lachte laut auf.

„Pizza? Nein! Die kannte ich damals noch gar nicht. Im Winter gab es das, was im Keller eingelagert war. Wir hatten keine Supermärkte, die im Januar Erdbeeren verkauften. Wir hatten Kartoffeln, Rüben, Äpfel und eingemachtes Gemüse aus dem Garten. Es gab fast jeden Tag Eintopf. Einen großen Topf voll mit Steckrüben, Möhren, Schnippelbohnen oder Graupen. Wenn wir Glück hatten, kochte ein Stückchen Speck mit darin – das war das Highlight! Und weißt du, was das Beste war? Wenn der Eintopf am zweiten Tag auf dem alten Herd aufgewärmt wurde. Dann schmeckte er mir noch viel besser.“

Oma sah, dass Sophie nicht sonderlich begeistert aussah, deshalb erzählte sie ihr schnell noch von den Besonderheiten, die es am Wochenende gab. „Am Sonntag machte Mama manchmal ‚Arme Ritter‘ oder es gab Pfannkuchen mit eingekochten Pflaumen. Oder, wenn wir von draußen reinkamen, völlig durchnässt vom Schlittenfahren, hat sie uns oft eine ‚Mehlsuppe‘ oder einen heißen Haferbrei gemacht. Das fühlte sich an, wie eine warme Umarmung im Bauch.“

Sophie wirkte sehr nachdenklich, so dass eine Stille zwischen den beiden entstand – eine angenehme Stille.

Dann sagte Oma: „Weißt du, Sophie, jetzt wird mir etwas bewusst. Nicht die Kälte ist das, was ich am meisten in Erinnerung behalten werde, sondern es ist die Wärme, die wir uns gegenseitig gegeben haben.“

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen