Der Schnee lag an diesem klirrend kalten Februartag dick auf den Wiesen und Feldern, als sich Blausternchen, die kleine Blaumeise, an ein Versprechen erinnerte, das sie jemandem im späten Herbst gegeben hatte.
Zielsicher flog sie deshalb zu einem dicken
Laubhaufen. Sie wusste, dass sich darunter Snow, der kleine weiße Igel, befand.
Snow war zwar weiß wie der Schnee, doch er hatte
beklagt, dass er noch nie in seinem Leben Schnee zu Gesicht bekommen hatte und
daher rührte die Abmachung zwischen ihm und der Meise, ihn aus seinem
Winterschlaf zu wecken, sobald sich die Landschaft in ein Winterwunderland
verwandelt hatte.
Und so landete Blausternchen sacht auf dem
vereisten Laubhaufen. Mit ihrem Schnabel schob die Meise einen hervorstehenden
Zweig zur Seite und rief mit ihrer hellen Stimme: „Snow! Wach auf! Es ist so
weit!“
Doch im Inneren rührte sich nichts. Die Blaumeise
flatterte aufgeregt mit den Flügeln und pickte erneut, um sich einen kleinen
Spalt zu schaffen, durch den sie den Igel sehen konnte. „Snow!“, rief sie
erneut. „Du bist echt eine Schlafmütze! Wach auf, der Winter ist da!“
Doch nichts rührte sich. Enttäuscht wollte sie
gerade ihre Flügel ausbreiten und davonfliegen, als sie ein leises Rascheln vernahm.
Ein Häufchen Blätter bewegte sich und eine staubige, feuchte Nase schob sich
ins Freie.
„Was ist los? Wer stört mich?“, brummte der Igel
schlaftrunken. Etwas verwirrt blinzelte er gegen das grelle Licht an. Doch dann
erkannte er die Meise und erinnerte sich: „Blausternchen! Hat es geschneit?“
„Und wie!“, antwortete die Meise. „Komm heraus
aus deinem Winterquartier. Dann wirst du es sehen.“
Die Knochen des Igels waren noch ein wenig steif,
weshalb er mühsam aus seinem warmen Nest krabbelte. Als er den ersten Schritt
ins Freie tat, stockte ihm der Atem. „Was ist das? Alles ist… weiß!“
Vor ihm erstreckte sich eine Welt, wie er sie
noch nie zuvor gesehen hatte. Die vertrauten Gräser waren unter einer
glitzernden, weichen Decke verschwunden. Jeder Ast der Bäume trug ein weißes
Kleid und die Luft war so rein und frisch, wie er es noch nie zuvor erfahren
hatte.
„Es sieht aus wie Puderzucker“, flüsterte er
ergriffen. „Und es glitzert auf dem Boden wie tausend Sterne.“
Vorsichtig setzte er eine Pfote in das Weiß.
„Huch! Es ist… nass … und es ist … weich … und es beißt ein wenig an meinen
Pfoten!“
„Das ist die Kälte, Snow“, erkannte die Meise sogleich und hüpfte vor Aufregung
von einem Bein aufs andere.
Es dauerte nicht lange und der Igel zitterte am ganzen Körper. „Mir schlottern
die Stacheln und meine Zähne klappern und mein Bauch knurrt“, sagte er ziemlich
verzweifelt.
„Komm mit!“, zwitscherte Blausternchen und lockte
den Igel zum nahen Vogelhaus. Die Meise flog in das Häuschen und schob
geschickt einige fette Sonnenblumenkerne und Haferflocken über den Rand, so dass
sie direkt vor Snows Nase in den Schnee fielen.
Dankbar fraß der Igel die Körner. „Danke, Blausternchen! Aber sag … warum
frierst DU eigentlich nicht in deinem dünnen Federkleidchen? Das verstehe ich
nicht.“
Sofort plusterte sich die Meise auf und sah bald
darauf aus wie ein kleiner runder Ball. „Schau!“, erwiderte sie. „Das ist mein
Trick! Dadurch kommt Luft zwischen meine Federn, die mich wärmt. Außerdem schlägt
mein kleines Herz viel schneller als deines, damit ich warm bleibe. Allerdings
muss ich im Winter besonders viel essen, damit meine innere Heizung funktioniert“,
antwortete sie mit einem Augenzwinkern und war den Menschen für das Futter, das
sie ihr zur Verfügung stellten, sehr dankbar.
Nachdem der Igel den letzten Kern verspeist hatte,
verspürte er ein wenig Durst. Doch das Wasser, das er sonst im Garten fand, war
festgefroren. Wie gut, dass die kluge Meise wusste, wie sie ihm helfen konnte. Mutig
hockte sie sich auf den Schnee, der durch die Wärme des kleinen Körpers ein
wenig zu schmelzen begann. Bald darauf zeigten sich in einer kleinen Kuhle einige
kostbare Wassertropfen, die der Igel dankbar zu sich nahm.
Völlig unvorbereitet nahmen sie in dem Moment eine
tiefe, eiskalte Stimme wahr: „Was für einen Unfug macht ihr da?! Ein Igel im Februar?
Das ist gegen jede Ordnung!“
Die beiden drehten sich abrupt um und nahmen erst da den Schneemann mit seiner
Karottennase wahr. „Du solltest schlafen!“, empörte sich dieser. „Du bringst ja
den ganzen Winterplan durcheinander!“
Blausternchen und Snow ignorierten seine Worte und würdigten ihn keines
weiteren Blickes. Sie wollten sich nicht durch einen schlecht gelaunten
Schneemann von ihrem Abenteuer abbringen lassen. Allerdings erkannten sie bald
darauf, dass er nicht ganz unrecht hatte mit seinen Worten.
„Weißt du, Blausternchen“, sagte der Igel
schlotternd, „die Kälte krabbelt bis in meine Knochen hinein.“ „Dann solltest
du rasch zu deinem Nest zurückkehren“, schlug die Meise vor. Und so trotteten sie
zurück zu Snows Winterquartier.
Der Igel rollte sich ein, zitterte aber immer
noch am ganzen Körper und meinte: „Ich weiß gar nicht, ob das Laub noch
ausreichen wird, um mich wieder aufzuwärmen.“
„Warte Snow“, zwitscherte Blausternchen
daraufhin, „ich werde etwas finden, das dich wärmt!“
Schon schwang sich die Meise in die Lüfte und
nahm bald darauf über dem benachbarten Kinderspielplatz mitten in all dem Weiß
einen Farbtupfer wahr. Etwas leuchtend Rotes lag dort einsam auf einer
Holzbank. Ein Kind musste seinen Wollschal dort vergessen haben.
Umgehend stürzte die Meise darauf zu und packte den Schal mit ihrem Schnabel. Doch
der war viel schwerer als so mancher Zweig, den sie sonst transportierte. Deshalb
schlug sie besonders kraftvoll mit ihren Flügeln und kämpfte sich mit leichtem
Rückenwind zurück in den Garten.
Als die Meise erschöpft bei dem Igel eintraf, war
dieser bereits in einen leichten Halbschlaf gefallen. Deshalb ließ Blausternchen
den roten Schal wortlos und äußerst vorsichtig über Snow gleiten und schob die
Enden mit seinem Schnabel unter seinen Bauch, so dass er ganz eingemummelt war.
Bald darauf ließ das Zittern nach und als sich eine
wohlige Wärme in dem Igel ausgebreitet hatte, schlief er schnell und mit vielen
neuen Eindrücken wieder ein.
Die Meise betrachtete den schlafenden Freund noch eine kleine Weile und
flüsterte leise: „Schlaf gut, Snow! Im Frühling sehen wir uns wieder.“
Dann erhob sie sich und flog leise hinaus in den
blauen Winterhimmel.
© Martina
Pfannenschmidt, 2026
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