In dem kleinen Backsteinhaus von Martha und Alfons war es wirklich gemütlich. Ein paar wenige Sonnenstrahlen tanzten auf dem Teppich, während Alfons hinter seiner weit aufgeschlagenen Zeitung verschwunden war und gelegentlich ein zufriedenes Brummen von sich gab. Seine Ehefrau saß ihm gegenüber im Ohrensessel; das rhythmische Klappern ihrer Stricknadeln war neben dem Ticken der Uhr das einzige Geräusch im Raum. Die Wollsocken, die Martha für ihren Mann strickte, nahmen mehr und mehr Gestalt an.
Plötzlich durchbrach ein deutliches Klopf-Klopf-Klopf die
Idylle.
Beide hielten inne. Martha schaute über den Rand
ihrer Brille. „Nanu? Besuch? Um diese Zeit?“, wunderte sie sich. Alfons legte
die Zeitung beiseite, hievte sich aus dem Sessel und stapfte zur Haustür. Doch
als er sie schwungvoll öffnete, blickte er nur in die leere Einfahrt. Kein
Postbote, kein Nachbar – nur der kalte Wind, der ihm ins Gesicht schlug.
Kopfschüttelnd setzte er sich wieder. Doch gerade,
als er die nächste Schlagzeile in Augenschein nahm, hörten sie es wieder: Pock-pock-pock.
„Na, jetzt reicht’s aber!“, rief Alfons
verärgert. „Das können doch nur die Nachbarsjungen sein, die uns einen Streich spielen
wollen!“
Martha lächelte milde. „Ach Alfons, die Kinder sind doch um diese Zeit längst
in der Schule.“
Dann lauschten sie beide genau hin. Das Geräusch
kam gar nicht von der Haustür, sondern von hinten, von der Terrasse. Gemeinsam
traten sie an die große Glasscheibe und trauten ihren Augen kaum: Dort stand
eine einsame Ente auf den kalten Fliesen, trat von einem Bein aufs andere und
pickte beharrlich mit ihrem Schnabel gegen das Glas.
Als Martha die Tür einen Spaltbreit öffnete,
watschelte das Tier nicht weg, sondern blieb mit schiefem Kopf von ihnen
stehen. „Schau nur, wie sie friert“, rief Martha mitleidig aus, „die Ärmste
zittert ja am ganzen Körper!“
Alfons, der seine Frau und ihr riesiges Herz für
alles, was Fell oder Federn hatte, nur zu gut kannte, ahnte Schlimmes. Er
verschränkte die Arme vor der Brust und meinte streng: „Nein, Martha! Ich weiß
genau, was du denkst. Aber wir fangen jetzt nicht an, Enten im Wohnzimmer
einzuquartieren. Und wer weiß, ob es bei der einen bleibt? Vielleicht folgt ihr
gleich ein ganzes Rudel!“
Martha korrigierte ihn prompt mit einem
Augenzwinkern: „Bei Enten heißt das nicht Rudel, sondern Schar.“
„Ist mir egal“, erwiderte Alfons, „die kommt mir
jedenfalls nicht ins Haus.“
Unbeeindruckt von dieser Aussage trat Martha einen
Schritt näher an den zitternden Gast heran. „Aber wir können sie doch nicht
einfach hier draußen lassen“, meinte sie mitfühlend.
„Die Natur hat das im Griff, Martha! Diese
Viecher haben Daunen, die kommen mit der Witterung klar“, versuchte Alfons die
Stimme der Vernunft walten zu lassen, doch er ahnte bereits, dass er gegen
Martha und ihren entschlossenen Blick keine Chance hatte.
„Gut, gut“, gab er schließlich nach. „Aber nicht
im Haus! Der Schuppen muss reichen. Da ist genug Platz und es zieht nicht.“
Zufrieden watschelte die Ente – so, als habe sie
die Verhandlung verstanden – hinter den beiden her zum Gartenschuppen. Martha
bereitete dort aus alten Decken und etwas Stroh ein herrlich weiches, rundes
Nest vor. Alfons beobachtete das Ganze mit einer Mischung aus Skepsis und
heimlicher Rührung. „Aber wehe, du kommst jetzt auf die Idee, der Ente den
Heizlüfter in den Schuppen zu stellen!“, brummte er mahnend. Nachdem Martha es hoch
und heilig versprochen hatte, gingen beide zurück ins Haus.
Als Martha später in der Küche stand und das
Mittagessen zubereitete, wanderten ihre Gedanken immer wieder hin zur Ente. Sie
hatte so einsam gewirkt in dem großen Schuppen. „Ein Tier braucht
Gesellschaft“, murmelte sie vor sich hin.
Nach dem Essen, als Alfons gerade ein Nickerchen
machte, stahl sich Martha heimlich zum nahegelegenen Dorfteich. Mit einer Tüte
voller Haferflocken bewaffnet entdeckte sie schnell zwei weitere Enten, die
etwas verloren am Ufer saßen. Ein paar leise Lockrufe und eine Spur aus Futter
später, marschierte Martha - mit zwei schnatternden Anhängern im Schlepptau -
wie eine Entenmutter zurück zu ihrem Garten.
Als Alfons wenig später aus dem Fenster sah und
seine Frau beobachtete, wie sie zwei weitere Gäste in den Schuppen
komplimentierte, schüttelte er nur resigniert den Kopf. Er sagte nichts – er
wusste, dass Widerstand zwecklos war.
Am Abend kehrte die gewohnte Ruhe bei den beiden ein.
Alfons sah fern und Martha klapperte wieder mit ihren Stricknadeln. Dennoch
bemerkte Alfons, das etwas anders war als noch am Morgen, denn das bunte Garn
für seine Socken lag unberührt neben seiner Frau im Korb. Stattdessen arbeitete
sie an etwas anderem und nach einer Weile wusste er genau, was sie plante. Mit
sehr feinen Nadeln waren aus flauschig weichem gelben Garn ein paar beutelförmige
Strickstücke entstanden. Er sagte nichts, schmunzelte nur und wusste: In diesem
Winter würden drei Enten keine kalten Füße mehr haben.
© Martina Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen