Sonntag, 8. Februar 2026

Was wäre, wenn …

Vor ihr lag der Wald in einem tiefen Schlummer. Eingehüllt in ein makelloses weißes Kleid. Elena stapfte langsam, aber sicher voran. Der Schnee knirschte bei jedem Schritt unter ihren Stiefeln. Es war scheinbar das einzige Geräusch, das die fast unwirkliche Stille, von der sie umgeben war, durchbrach.

Hin und wieder vernahm sie in der Ferne das Krächzen eines Raben oder ein leises Rascheln im Unterholz, das darauf hindeutete, dass sie sich doch nicht allein im Wald befand. - Es war manchmal sogar so still, dass sie das weiche Plopp-Geräusch vernehmen konnte, wenn eine Schneelast zu schwer für einen Fichtenzweig wurde und fast lautlos zu Boden sank.

Doch je leiser die Welt um sie herum wurde, desto lauter wurde die Stimme in ihrem Kopf; dabei hatte sie gehofft, dass ein Spaziergang ihren Geist klären könnte, doch momentan schien das Gegenteil der Fall zu sein.

Ihre Gedanken wirbelten in ihrem Kopf, wie die vereinzelten Flocken in der Luft.

Warum konnte sie diese EINE Frage nicht abschalten? Diese eine schmerzhafte immer wiederkehrende Frage: Was wäre gewesen, wenn ich damals Nein gesagt hätte?

Vor ihrem inneren Auge erschien das Bild von damals. Der Moment, als sie den Heiratsantrag angenommen und kurz darauf die Zusage für den Job in Paris erhalten hatte? Jene Stelle, von der sie immer geträumt hatte. Sie hatte sich damals für die Sicherheit, die Liebe und die Familie entschieden und gegen das lukrative Job-Angebot.

Bald darauf waren ihre Kinder geboren worden und ihr Leben wurde zu einem bunten Durcheinander aus Organisation, Fürsorge und häuslichem Glück.

In dem Moment huschte ein rotes Eichhörnchen über den Weg, hielt kurz inne und fixierte sie mit seinen schwarzen Knopfaugen, bevor es blitzschnell einen Baumstamm emporjagte. Elena blieb stehen. Kennt ein Tier das auch, fragte sie sich bitter. Hockt dieses Eichhörnchen manchmal auf einem Ast und fragt sich, ob es im Nachbarwald bessere Nüsse gegeben hätte?

Sofort schalt sie sich selbst. Wie konnte sie nur so undankbar sein? Die Frage bezüglich des Jobs zu bejahen, hätte bedeutet, Nein zu ihren Kindern zu sagen. Zu Leon, der ihr jeden Morgen die wildesten Geschichten erzählte, und zu Malin, deren Lachen ihr Herz erwärmte. Sie waren doch das Wertvollste in ihrem Leben. Warum blieb dann dieses bohrende Gefühl, evtl. eine falsche Entscheidung getroffen zu haben?

Wieder blieb sie stehen und legte ihre Hand auf die raue Rinde einer alten, knorrigen Eiche. Der Baum wirkte unerschütterlich, trotz der Last des Schnees, der auf ihm lag und trotz der Kälte.

Während sie ihren Atem beobachtete, der kleine Wolken in die Frostluft malte, überkam sie eine Erkenntnis. Es war, als erzähle ihr der Baum, dass ihr Hadern auf einem Trugschluss beruhe. Er beruhte auf der Annahme, dass es ein ‚richtiges‘ und ein ‚falsches‘ Leben geben könnte. Er beruhte auf der Annahme, dass es ein völlig anderes Leben hätte geben können.

Elena erkannte, dass sich das Leben eines Menschen ständig und in jedem Augenblick neu entfaltet - durch jede Entscheidung, die der Mensch trifft. Und diese Entscheidung beruhte immer darauf, was sich zu dem Zeitpunkt richtig anfühlte.

Hätte sie damals Paris gewählt, wäre sie heute eine andere Frau. Vielleicht säße sie jetzt in diesem Augenblick in einer schicken Wohnung mit Blick auf den Eiffelturm und würde sich fragen: Was wäre gewesen, wenn ich damals Ja zu der Liebe meines Lebens gesagt hätte?

Ein Lächeln umspielte ihre Lippen und die Frage nach dem ‚Was-Wäre-Wenn‘ verlor irgendwie ihre Macht.

Es kam Elena so vor, als würde ihr der Wald erzählen, dass es keine falschen Entscheidungen gibt, sondern dass überhaupt erst durch eine Entscheidung der Weg entsteht. Der Mensch erschafft durch seine Wahl erst die Realität. Ihr wurde bewusst, dass jeder Weg erst dadurch entsteht, dass man ihn geht.

Elena bedankte sich leise beim Baum: „Danke, dass ich erkennen durfte, dass das Leben ein stetiger Wandel mit neuen Erfahrungen ist und dass es keine falschen Entscheidungen gibt, sondern nur Entscheidungen, die sich in dem Moment richtig anfühlen und daher auch richtig sind.“

Elena atmete tief ein, drehte sich um und folgte ihren eigenen Spuren im Schnee. Sie wollte zurück nach Hause. Aber sie ging nicht als jemand, der etwas verpasst hatte, sondern als eine Frau, die genau dort war, wo sie hingehörte und wo der Lebensweg sie hingeführt hatte.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026

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