Manchmal sind die Geschichten, die ihr hier lesen könnt, fröhlicher Natur, manchmal sollen sie zum Nachdenken anregen. Dann gibt es noch Tier-Geschichten oder Geschichten für die Kleineren. Ein anderes Mal schreibe ich in der Ich-Form, wobei ich dann nicht von mir spreche, sondern einfach nur eine Geschichte erzähle. So ist es in diesem Fall. Und dieses Mal ist es eine Geschichte, von der ich hoffe, dass sie euch berührt. - Wie immer wünsche ich euch viel Freude beim Lesen!
Wenn ich den Flur des Pflegeheimes betrete, schlägt mir immer wieder derselbe Geruch von Desinfektionsmitteln entgegen. Seit meiner Ausbildung für den ehrenamtlichen Besuchsdienst vor einigen Jahren kenne ich diesen Geruch in- und auswendig. Er schreckt mich aber nicht mehr ab. Im Gegenteil, er führt mich hin zu den Menschen, die oft schon auf mich warten, wenn ich die schwere Eingangstür öffne. Irgendjemand freut sich immer, wenn ich hereintrete, weil ich nichts von ihnen will, außer ihnen zuzuhören.
Heute war so ein Tag. Schon von Weitem sah ich sie. Martha. Sie saß in
ihrem Rollstuhl direkt am Fenster des Gemeinschaftsraums. Die Hände lagen ruhig
in ihrem Schoß. Sie blickte Richtung Tür und als sich unsere Blicke trafen,
huschte ein kleines Lächeln über ihr Gesicht. Sie winkte mich zu sich.
„Schön, dass Sie da sind“, sagte sie. „Können wir zwei heute reden?“
„Das können wir. Sehr gerne sogar!“, antwortete ich leise. „Wissen Sie was?
Ich hole uns erst einmal zwei Tassen Kaffee. Und dann suchen wir uns ein
ruhiges Plätzchen.“
Sie nickte nur. Wenige Minuten später saßen wir in dem kleinen, etwas
abseits gelegenen Therapieraum. Die Geräusche des Flurs verstummten, als ich
die Tür hinter uns schloss. Ich stellte die dampfenden Tassen auf den kleinen
Holztisch und setzte mich Martha gegenüber.
Sie nahm die Tasse nicht hoch, sondern umschloss sie mit ihren schmalen,
von blauen Adern durchzogenen Händen. Sie blickte in den schwarzen Kaffee,
schwieg eine Weile und dann schaute sie mich direkt an.
„Wissen Sie“, begann sie, und ein bitteres, kleines Lächeln stahl sich auf
ihre Lippen, „mir ist vor ein paar Tagen etwas klar geworden. Und das hat mich
im ersten Moment zutiefst erschüttert.“
Ich sagte nichts, hielt einfach nur den Raum für ihre Geschichte.
„Mir wurde klar“, fuhr sie fort, und ihre Stimme zitterte ganz leicht,
„dass ich während meines ganzen langen Lebens … eigentlich nie ‚richtig‘ war.
Für niemanden.“
Sie hielt inne. Ich schluckte und spürte, wie sich mein Herz zusammenzog.
„Schon bei meiner Geburt fing es an“, erzählte sie, und ihr Blick wanderte
zurück in eine längst vergangene Zeit. „Ich war damals zu klein und zu dünn.
Die Sorge um mich war groß, also fütterte mich meine Mutter mit Lebertran.
Gott, wie ich das Zeug gehasst habe. Aber sie meinte es ja nur gut. Das Ende
vom Lied? Bei der Einschulung war ich plötzlich zu groß. Und zu dick. Verstehen
Sie? Erst zu wenig, dann zu viel.“
Ein leises, trauriges Schnauben entwich ihr.
„Und so zog sich das durch mein ganzes Leben. Wie ein roter Faden, der mich
immer enger einschnürte. Ich passte einfach nie in die Norm und ich war immer
die, die – zumindest in den Augen der anderen – ständig Fehler machte. Ich habe
den falschen Beruf gewählt, hieß es. Später habe ich den falschen Mann
geheiratet. Jedenfalls dachten das alle um mich herum. Und ich habe mein Leben
lang versucht, mich passend zu machen. Verstehen Sie das? Ich habe mich zeitlebens
verbogen und doch hat es nie gereicht.“
Marthas Augen glänzten jetzt von Tränen, die sie mühsam zurückhielt. Sie
ließ die Kaffeetasse los und legte die Hände flach auf den Tisch.
Sie erwartete keine Antwort von mir … nur meine Zeit und mein aufrichtiges
Zuhören.
„Und gestern“, flüsterte sie, während nun doch eine Träne über ihre Wange
lief, „gestern Abend saß ich in meinem Zimmer am Fenster. Es war schon dunkel.
Und ich dachte so bei mir: Wenn doch nur ein einziges Mal … wenn doch endlich
mal jemand käme, der sich vor mich hinstellt, mir in die Augen schaut und sagt:
‚Martha, alles ist in Ordnung mit dir. Du warst immer richtig. Du bist immer
richtig. Und du hast in deinem Leben immer die richtigen Entscheidungen
getroffen.‘“
Sie machte eine lange Pause. Nur das Ticken der Wanduhr war zu hören. Ich
spürte, wie mir selbst die Tränen in die Augen stiegen. Die Geschichte einer
fast 90-jährigen Frau zu hören, die ihr ganzes Leben lang auf die Erlaubnis
gewartet hatte, einfach sie selbst sein zu dürfen, schmerzte mich.
Ich wollte gerade ansetzen, um etwas zu sagen, als Martha die Hand leicht
hob. Sie brauchte meine Worte nicht. Sie war schon einen Schritt weiter.
„Und genau in dem Moment“, sagte sie, und ein echtes, tiefes Lächeln
breitete sich auf ihrem Gesicht aus, „da dachte ich plötzlich: Moment mal,
Martha. Der einzige Mensch, der dir das wirklich bestätigen kann … das bist
doch du selbst. Ist es nicht so?!“
Ich spürte eine Gänsehaut auf meinen Armen. „Ja, Martha“, sagte ich leise
und bewegt. „Genauso ist es.“
„Wissen Sie“, fuhr sie unbeirrt fort, „als ich mir das gestern Abend
eingestanden habe … da ist eine riesige Last von meinen Schultern gefallen.
Einfach so. Weg war sie.“
Sie nahm meine Hand, die auf dem Tisch lag. Ihre Finger waren warm.
„Und mir wurde im selben Augenblick noch etwas bewusst“, fügte sie hinzu und
ihre Stimme wurde ganz feierlich. „Für Gott … für Gott war ich auch immer
richtig. Genauso, wie ich war. Er hat mich ja schließlich so gemacht, nicht
wahr. Ist das nicht unglaublich?“
Sie schüttelte lachend den Kopf.
„Da muss ich erst fast 90 Jahre alt werden, um das endlich zu erkennen. Ein
ganzes Leben lang rennt man einem Phantom hinterher und die Wahrheit lag die
ganze Zeit in mir selbst.“
Ich drückte ihre Hand sanft. „Wissen Sie, Martha“, sagte ich, und meine
Stimme klang ein wenig belegt, „manche Menschen leben hundert Jahre und
verstehen es nie. Sie haben das größte Geschenk gefunden, das man sich selbst
machen kann. Ihren eigenen inneren Frieden.“
Und so saßen wir noch eine ganze Weile schweigend in dem kleinen Raum. Der
Kaffee war längst kalt geworden, aber das spielte keine Rolle.
„Martha“, sagte ich dann leise und durchbrach das friedliche Schweigen.
„Wissen Sie eigentlich, was Sie da gerade getan haben?“
Sie blickte mich fragend an.
„Sie haben nicht nur sich selbst geheilt“, fuhr ich fort und drückte ihre
warme Hand noch einmal fest. „Sie haben mir – und jedem, dem ich diese
Geschichte jemals erzählen werde – das kostbarste Geschenk überhaupt gemacht.
Sie haben mir gezeigt, dass es nie zu spät ist, mit sich selbst Frieden zu
schließen. Wir selbst sind die Erlöser, auf die wir unser ganzes Leben lang
warten, kein anderer Mensch ist es. Sondern wir selbst. Danke, dass Sie mir das
anvertraut haben. Es bedeutet mir viel.“
Martha schwieg für einen langen Moment. Dann strich sie mit ihrem Daumen
sanft über meinen Handrücken. Ein tiefes, weises Lächeln legte sich auf ihre
Lippen.
„Vielleicht“, flüsterte sie, „war das der eigentliche Grund, warum ich so
alt werden musste, um es am Ende nicht nur zu verstehen, sondern um es
weiterzugeben. Damit Sie es den Jüngeren erzählen können. Wartet nicht so lange
wie Martha.“
Als ich das Pflegeheim an diesem Abend verließ und die schwere Eingangstür hinter
mir ins Schloss fiel, atmete ich die kühle Abendluft tief ein, während Marthas
Worte noch in mir hallten. Ich blickte hoch zum Himmel, an dem die ersten
Sterne sichtbar wurden und spürte eine tiefe Gewissheit in mir aufsteigen: Wir
sind alle genau richtig, so wie wir sind. Vom ersten bis zum allerletzten
Atemzug.
© Martina
Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!
Liebe Martina,
AntwortenLöschendiese Geschichte hat mich sehr berührt. Es ist eine von diesen Geschichten, die nachklingen und man wünscht sich, dass viele Menschen sie lesen würden, besonders dann, wenn sie gerade genau das brauchen, was deine Geschichte ausdrückt.
Ich verlinke sie später bei mir, wenn du einverstanden bist!
Ganz herzliche Grüße zu dir
Regina
Darüber würde ich mich sehr freuen, liebe Regina!
LöschenDiese Geschichte hab ich schon vor ein paar Tagen geschrieben und bevor ich sie eben veröffentlicht habe, hab ich sie mir nochmal durchgelesen. Das mache ich immer so (und du vielleicht auch). Was ich aber eigentlich sagen möchte: Ich hatte tatsächlich eine Gänsehaut beim Lesen. Dabei ist es doch eine Geschichte von mir. Der Inhalt ist mir ja bekannt ... und dennoch.
Vielleicht ergeht es anderen Lesern ja auch so. Das würde ich mir wünschen.
Hab einen wundervollen Tag!
Martina