Freitag, 23. Oktober 2026

Ich bin halt so

Kennt Ihr diesen kleinen Satz? Kommt er euch bekannt vor? Oh, ich glaube, da gehen gerade einige Finger nach oben. 😉 In der heutigen Geschichte schauen wir auf Markus, der diese Worte zu gerne benutzt … als willkommene Ausrede und um sich dahinter zu verstecken. Denn … wenn wir halt so sind, können wir ja nichts ändern … oder etwas doch? Wenn Ihr mögt, lest gerne von den Erkenntnissen, die Markus diesbezüglich haben darf.

 

Das Abendlicht fiel blass durch das Fenster, als Markus am Küchentisch vor einer leeren Tasse saß. Sein Blick fiel in diesem Moment auf eine Schwarz-Weiß-Aufnahme, die ihn als kleinen Jungen mit ernstem Blick zeigte. Er war ein schüchterner Bub gewesen, der sich auf dem Foto hinter dem Bein seines Vaters versteckte und vorsichtig daran vorbei lugte.

„Ich bin halt so. Das weißt du doch“, hatte Markus vor einer knappen Stunde zu Sandra gesagt. Seine Stimme war dabei laut geworden, wie immer in ähnlichen Situationen.

Sandra war leise geblieben. Sie hatte nur traurig den Kopf geschüttelt, ihre Tasche genommen und bevor sie die Tür ins Schloss gezogen hatte, hatte sie gesagt: „Das ist deine Universalausrede, Markus. Ein Schutzschild, hinter dem du dich versteckst, wie du es schon als Kind getan hast. Wenn du wolltest, könntest du es ändern. Aber du willst einfach nicht.“

Nun saß er hier und die Worte hallten in ihm nach. Ich bin halt so geworden. Er hatte diesen Satz hunderte Male benutzt. Es war bequem, diesen Satz, den er wie ein Mantra ständig wiederholte, auszusprechen.

Wenn er bei der Arbeit cholerisch auf Kritik reagierte, lautete sein Standartsatz: „Mein Vater war auch so, das liegt in den Genen.“ Und wenn er sich in der Beziehung emotional zurückzog, lautete sein Satz: „Meine Mutter war distanziert, ich habe nie gelernt, über Gefühle zu sprechen. Das hat mich geprägt.“

Selten hinterfragte er sein Verhalten, denn es war ja eine ganz einfache Rechnung: Vergangenheit + Verletzungen = Sein heutiges Verhalten.

Das Schöne daran war, dass Markus keine Verantwortung für sein Verhalten trug, denn Schuld waren ja die Vergangenheit und andere Menschen. Er war sozusagen das Produkt seiner Umstände. Ein Opfer seiner Biografie. Er fühlte sich wohl in seinem Kokon, in dem er saß und seinen Eltern die Schuld für seine Ecken und Kanten gab. Es entlastete sein eigenes Gewissen ungemein.

Doch an diesem Abend, in der Dunkelheit der leeren Küche, begann die Fassade dieses Schutzschildes zu bröckeln. Markus blickte auf seine leere Tasse und fragte sich zum ersten Mal im Leben eine unbequeme Frage: Ist das wirklich die Wahrheit? Oder ist es einfach nur verdammt bequem?

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Faustschlag direkt in den Magen. Er machte es sich vielleicht doch zu einfach. Aber sich zu verändern, bedeutete harte Arbeit. Es bedeutete, wirklich hinzuschauen und zuzugeben: Ich verhalte mich gerade falsch und aus einer alten Prägung heraus. Es bedeutete, den Schmerz zuzulassen, aber auch, alte Muster zu durchbrechen. Es war unendlich viel einfacher zu sagen „Ich kann nicht anders“, als zu sagen: „Ich bin nicht bereit, mich zu ändern“. Ihm wurde bewusst, dass er seine eigene Verantwortung an andere abgetreten hatte.

Markus stand auf und trat an das Fenster. Er sah die Lichter der Stadt. Millionen von Menschen, von denen jeder seine eigene Geschichte, seine eigenen Wunden und seine eigenen Ausreden und Prägungen im Gepäck hatte.

„Wir können die Windrichtung nicht ändern, aber wir können die Segel neu setzen“, hatte seine Großmutter immer gesagt. Der abgedroschene Spruch eines Kalenderblattes, dachte er. Aber vielleicht steckte ja doch ein Quäntchen Wahrheit dahinter.

Nein, er konnte seine Kindheit nicht ungeschehen machen und er konnte die vermeintlichen Fehler, die seine Eltern begangen hatten, nicht korrigieren und ihm war auch bewusst, dass sie ihn sehr geprägt hatten.

Doch Markus fragte sich in diesem Moment, wem er das Steuerrad seines Lebens durch sein Verhalten übergeben hatte. Saß er überhaupt selbst am Steuer oder war es seine Vergangenheit?

Vielleicht konnte er nicht verhindern, dass er in manchen Momenten aus alten Impulsen heraus handelte – mit Wut, Rückzug oder Trotz. Das war dann wohl die Prägung. Doch er war ja kein programmierter Roboter. Er war ein Mensch, der seine Gedanken und den Blick auf die Dinge verändern konnte. Und einem veränderten Blick folgte ganz automatisch ein verändertes Verhalten. Die Frage war also nicht, ob er etwas verändern konnte. Die Frage war: Wollte er es?

Markus spürte, wie seine Ausrede „Ich bin halt so“ in diesem Moment seine Macht über ihn verlor. Wenn er das Steuerrad seines Lebens wieder selbst in die Hand nahm, verlor die Vergangenheit die Macht über ihn.

Ihm war bewusst, dass das anstrengend werden würde. Doch was war die Alternative? Ein verbitterter Mensch zu bleiben?!

Er griff nach seinem Telefon. Seine Finger zögerten einen Moment über dem Display. Der alte Impuls flüsterte ihm zu: ‚Lass es. Sie hat dich verletzt, indem sie gegangen ist‘.

Doch Markus atmete tief durch. Er schloss die Augen und schob diese alten Gedanken bewusst zur Seite. Er wählte stattdessen einen neuen Weg. Er tippte eine Nachricht an Sandra.

„Du hast recht. Ich bin nicht ‚halt so‘. Ich habe mich nur hinter meiner Vergangenheit versteckt, weil es einfacher war, als an mir zu arbeiten. Ich will das nicht mehr. Wenn du morgen Zeit hast, würde ich dir gerne erzählen, was ich gerade über mich verstanden habe … und … es tut mir leid.“

Er drückte auf Senden. Als das Telefon leise summte, um den Versand zu bestätigen, fühlte Markus sich zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht mehr wie ein Produkt seiner Vergangenheit – sondern wie der Gestalter seiner Zukunft.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

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