Kennt Ihr diesen kleinen Satz? Kommt er euch bekannt vor? Oh, ich glaube, da gehen gerade einige Finger nach oben. 😉 In der heutigen Geschichte schauen wir auf Markus, der diese Worte zu gerne benutzt … als willkommene Ausrede und um sich dahinter zu verstecken. Denn … wenn wir halt so sind, können wir ja nichts ändern … oder etwas doch? Wenn Ihr mögt, lest gerne von den Erkenntnissen, die Markus diesbezüglich haben darf.
Das Abendlicht fiel blass durch das Fenster, als Markus am Küchentisch vor einer leeren Tasse saß. Sein Blick fiel in diesem Moment auf eine Schwarz-Weiß-Aufnahme, die ihn als kleinen Jungen mit ernstem Blick zeigte. Er war ein schüchterner Bub gewesen, der sich auf dem Foto hinter dem Bein seines Vaters versteckte und vorsichtig daran vorbei lugte.
„Ich bin halt so. Das weißt du doch“, hatte Markus vor einer knappen Stunde
zu Sandra gesagt. Seine Stimme war dabei laut geworden, wie immer in ähnlichen
Situationen.
Sandra war leise geblieben. Sie hatte nur traurig den Kopf geschüttelt,
ihre Tasche genommen und bevor sie die Tür ins Schloss gezogen hatte, hatte sie
gesagt: „Das ist deine Universalausrede, Markus. Ein Schutzschild, hinter
dem du dich versteckst, wie du es schon als Kind getan hast. Wenn du wolltest,
könntest du es ändern. Aber du willst einfach nicht.“
Nun saß er hier und die Worte hallten in ihm nach. Ich bin halt so
geworden. Er hatte diesen Satz hunderte Male benutzt. Es war bequem, diesen
Satz, den er wie ein Mantra ständig wiederholte, auszusprechen.
Wenn er bei der Arbeit cholerisch auf Kritik reagierte, lautete sein
Standartsatz: „Mein Vater war auch so, das liegt in den Genen.“ Und wenn
er sich in der Beziehung emotional zurückzog, lautete sein Satz: „Meine
Mutter war distanziert, ich habe nie gelernt, über Gefühle zu sprechen. Das hat
mich geprägt.“
Selten hinterfragte er sein Verhalten, denn es war ja eine ganz einfache
Rechnung: Vergangenheit + Verletzungen = Sein heutiges Verhalten.
Das Schöne daran war, dass Markus keine Verantwortung für sein Verhalten
trug, denn Schuld waren ja die Vergangenheit und andere Menschen. Er war
sozusagen das Produkt seiner Umstände. Ein Opfer seiner Biografie. Er fühlte
sich wohl in seinem Kokon, in dem er saß und seinen Eltern die Schuld für seine
Ecken und Kanten gab. Es entlastete sein eigenes Gewissen ungemein.
Doch an diesem Abend, in der Dunkelheit der leeren Küche, begann die
Fassade dieses Schutzschildes zu bröckeln. Markus blickte auf seine leere Tasse
und fragte sich zum ersten Mal im Leben eine unbequeme Frage: Ist das
wirklich die Wahrheit? Oder ist es einfach nur verdammt bequem?
Die Erkenntnis traf ihn wie ein Faustschlag direkt in den Magen. Er machte
es sich vielleicht doch zu einfach. Aber sich zu verändern, bedeutete harte
Arbeit. Es bedeutete, wirklich hinzuschauen und zuzugeben: Ich verhalte mich
gerade falsch und aus einer alten Prägung heraus. Es bedeutete, den Schmerz
zuzulassen, aber auch, alte Muster zu durchbrechen. Es war unendlich viel
einfacher zu sagen „Ich kann nicht anders“, als zu sagen: „Ich bin
nicht bereit, mich zu ändern“. Ihm wurde bewusst, dass er seine eigene
Verantwortung an andere abgetreten hatte.
Markus stand auf und trat an das Fenster. Er sah die Lichter der Stadt.
Millionen von Menschen, von denen jeder seine eigene Geschichte, seine eigenen
Wunden und seine eigenen Ausreden und Prägungen im Gepäck hatte.
„Wir können die Windrichtung nicht ändern, aber wir können die Segel neu
setzen“, hatte seine Großmutter immer gesagt. Der
abgedroschene Spruch eines Kalenderblattes, dachte er. Aber vielleicht steckte
ja doch ein Quäntchen Wahrheit dahinter.
Nein, er konnte seine Kindheit nicht ungeschehen machen und er konnte die vermeintlichen
Fehler, die seine Eltern begangen hatten, nicht korrigieren und ihm war auch
bewusst, dass sie ihn sehr geprägt hatten.
Doch Markus fragte sich in diesem Moment, wem er das Steuerrad seines
Lebens durch sein Verhalten übergeben hatte. Saß er überhaupt selbst am Steuer
oder war es seine Vergangenheit?
Vielleicht konnte er nicht verhindern, dass er in manchen Momenten aus
alten Impulsen heraus handelte – mit Wut, Rückzug oder Trotz. Das war dann wohl
die Prägung. Doch er war ja kein programmierter Roboter. Er war ein Mensch, der
seine Gedanken und den Blick auf die Dinge verändern konnte. Und einem
veränderten Blick folgte ganz automatisch ein verändertes Verhalten. Die Frage
war also nicht, ob er etwas verändern konnte. Die Frage war: Wollte er es?
Markus spürte, wie seine Ausrede „Ich bin halt so“ in diesem Moment seine
Macht über ihn verlor. Wenn er das Steuerrad seines Lebens wieder selbst in die
Hand nahm, verlor die Vergangenheit die Macht über ihn.
Ihm war bewusst, dass das anstrengend werden würde. Doch was war die
Alternative? Ein verbitterter Mensch zu bleiben?!
Er griff nach seinem Telefon. Seine Finger zögerten einen Moment über dem
Display. Der alte Impuls flüsterte ihm zu: ‚Lass es. Sie hat dich verletzt,
indem sie gegangen ist‘.
Doch Markus atmete tief durch. Er schloss die Augen und schob diese alten
Gedanken bewusst zur Seite. Er wählte stattdessen einen neuen Weg. Er tippte
eine Nachricht an Sandra.
„Du hast recht. Ich bin nicht ‚halt so‘. Ich habe mich nur hinter meiner
Vergangenheit versteckt, weil es einfacher war, als an mir zu arbeiten. Ich
will das nicht mehr. Wenn du morgen Zeit hast, würde ich dir gerne erzählen,
was ich gerade über mich verstanden habe … und … es tut mir leid.“
Er drückte auf Senden. Als das Telefon leise summte, um den Versand zu
bestätigen, fühlte Markus sich zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht mehr wie
ein Produkt seiner Vergangenheit – sondern wie der Gestalter seiner Zukunft.
© Martina
Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!