Sonntag, 25. Oktober 2026

Was sollen denn die Leute denken?!

Kennt Ihr Ottilie Krause? Nein?! Ich auch nicht. 😊 Aber irgendwie kenne ich sie doch … also Menschen, die ein wenig so ticken, wie sie. – Ticken! Genau das richtige Stichwort. Als ich gestern an die Zeitumstellung dachte, schlich sich Ottilie plötzlich in meine Gedanken. Ja, da kannst du nichts machen … manche Geschichten wollen einfach geschrieben werden. 😉 Ich wünsche euch viel Freude beim Leben … wie witzig … den Verschreiber lasse ich mal so … und für alle, die gerne ein ‚S‘ kaufen möchten. Bitteschön: S

 

Dieser stürmische Samstag im Oktober hatte für Ottilie Krause bereits mit wenig Freude begonnen, denn wie so oft, so waren ihr die Brötchen beim Bäcker auch an diesem Tag wieder einmal viel zu ‚unförmig‘, was sie auch lautstark kundtat.

Wenig später hatte sie der Nachbarin im Treppenhaus zugerufen, dass die Fensterbänke auch mal wieder eine ‚Abreibung‘ vertragen könnten.

Nun ja, Ottilie fand wirklich in jeder Suppe ein Haar. Unpünktlichkeit, Schlamperei und mangelnde Disziplin waren ihr ein Dorn im Auge.

In der Nacht wurden nun die Uhren umgestellt und Ottilie murmelte, während sie in ihrer Küche saß und einen Kamillentee trank: „Bin ja mal gespannt, wie viele morgen wieder zu spät kommen, weil sie vergessen, die Uhr umzustellen.“

Ottilie überließ diesbezüglich nichts dem Zufall. Sie stellte sich extra für die Nacht einen Wecker auf Punkt 2:00 Uhr. Als das schrille Klingeln sie mitten aus dem Tiefschlaf riss, schälte sie sich dennoch entschlossen aus dem Bett.

Leider benebelte die Müdigkeit ein wenig ihren sonst so messerscharfen Verstand. Und so stellte sie die Uhren nicht eine Stunde zurück, sondern drehte die Zeiger mit Schwung eine Stunde nach vorne. Und so wurde aus 2:00 Uhr im Handumdrehen 3:00 Uhr. Zufrieden stellte sie ihren Wecker nun auf 8:00 Uhr, um am Morgen genug Zeit zu haben. Schließlich wollte sie pünktlich um 10:00 Uhr auf der Kirchenbank sitzen.

Am Morgen wurde sie von ihrem Wecker pünktlich um 8:00 Uhr geweckt. Sie wunderte sich zwar kurz über die Dunkelheit, bemerkte aber keineswegs, dass es eigentlich erst 6.00 Uhr war.

Nach dem Frühstück zog sie ihren Sonntagsmantel an. Als sie ihre perfekt in Wellen gelegten Haare noch einmal im Spiegel kontrollierte, fiel ihr Blick auf die Standuhr. Viertel vor zehn. Perfekt. Sie musste los!

Der Fußweg zur Kirche dauerte genau fünf Minuten, in denen sie keinen Menschen zu Gesicht bekam und ebenso kein Auto. Ottilie rümpfte die Nase: „Sonntags bis in die Puppen im Bett liegen. Kein Wunder, dass aus der Jugend nichts wird.“

Doch als sie um die Ecke bog, beschlich sie ein seltsames Gefühl. Viele gingen ja ohnehin nicht mehr in die Kirche, aber an diesem Sonntag war gar kein Mensch zu sehen. Sie schien die Einzige zu sein, die auf dem Weg zum Gottesdienst war.

Als sie die Kirche erreichte, war sie geschockt: Die schwere Eichentür war verriegelt. Sie rüttelte am Griff – nichts bewegte sich. Kein Küster weit und breit, kein Pfarrer. Und dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Nicht einmal die Glocken läuteten! Es war laut ihrer Uhr zehn vor zehn, da mussten die Glocken doch Sturm läuten!

„Na, das wird ein Nachspiel haben“, schäumte Ottilie vor Wut. „Hat dieser unfähige Pfarrer etwa seine Uhr nicht umgestellt? Verschläft hier einfach den Gottesdienst!“

Sie machte auf dem Absatz  kehrt und rannte die wenigen Schritte hinüber zum Pfarrhaus, das direkt neben der Kirche lag. Wütend presste sie den Daumen auf die Klingel. Ein schrilles Dröhnen gellte daraufhin durch das ruhige Haus.

Nach einer gefühlten Ewigkeit ging die Tür auf. Dort stand Pfarrer Johannes im hellblauen Flanell-Schlafanzug, die Haare wild in alle Himmelsrichtungen verstrubbelt, die Augen schlaftrunken zusammengekniffen.

„Frau … Frau Krause?“, stammelte er. „Was ist denn in Gottes Namen passiert, dass Sie bei mir Sturm klingeln? Brennt die Kirche?“

„Es brennt! Und wie es brennt!“, erboste sich Ottilie. „Es ist gleich zehn Uhr! Die Gemeinde … nun gut, ich … steht vor verschlossener Tür! Haben Sie etwa die Zeitumstellung verschlafen? Sie haben einen Auftrag, den es zu erfüllen gilt, Herr Pfarrer!“

Pfarrer Johannes blinzelte sie entgeistert an. Er schaute auf seine Armbanduhr und rieb sich schläfrig über das Gesicht. Ein leises, ungläubiges Lächeln stahl sich auf seine Lippen.

„Frau Krause“, sagte er mit sanfter, beinahe mitleidiger Stimme. „Haben Sie heute Nacht Ihre Uhr umgestellt?“

„Natürlich habe ich das! Um Punkt zwei Uhr nachts bin ich aufgestanden, wie es sich gehört! Und dann habe ich die Uhr um eine Stunde vorgestellt!“, verkündete sie stolz.

Der Pfarrer atmete tief durch. „Genau da liegt das Problem, Frau Krause. Im Herbst stellt man die Uhren eine Stunde zurück. Nicht vor.“ Er hielt ihr seine Uhr entgegen. „Es ist jetzt nicht kurz vor zehn Uhr morgens. Es ist genau fünf Minuten vor acht. Sie sind zwei Stunden zu früh.“

Ottilie starrte auf die Uhr des Pfarrers. Dann auf ihre eigene. Sie rechnete im Kopf nach und ein heißer Schwall der Röte schoss ihr ins Gesicht. Sie, die unfehlbare Ottilie Krause, die jedem den kleinsten Fehler ankreidete, hatte sich um zwei Stunden vertan und sie hatte den Pfarrer im Schlafanzug aus dem Bett geklingelt. Am frühen Sonntagmorgen.

Pfarrer Johannes, der die alte Dame gut kannte, bewies jedoch wahre christliche Nächstenliebe. Er trat beiseite und öffnete die Tür etwas weiter. „Wissen Sie was, Frau Krause? Kommen Sie erst einmal herein. Ich koche uns einen frischen Kaffee und wir frühstücken gemeinsam.“

Bei diesen Worten erstarrte Ottilie. Hereinkommen? Zum Frühstück? In das Haus eines unverheirateten Mannes, der noch dazu im Schlafanzug vor ihr stand? Alle inneren Alarmglocken schlugen an.

„Nein! Nein, um Himmels willen, Herr Pfarrer. Das ist völlig ausgeschlossen!“, stammelte sie, während ihre Wangen in tiefem Dunkelrot leuchteten. „Was … was sollen denn die Leute denken?!“

Bevor der verdutzte Pfarrer überhaupt antworten konnte, drehte Ottilie sich auf dem Absatz um. „Einen gesegneten Sonntag, Herr Pfarrer!“, rief sie noch mit brüchiger Stimme, presste ihre Handtasche wie einen Schutzschild gegen die Brust und schlich so schnell ihre Beine sie trugen davon.

Sie versuchte, sich möglichst unscheinbar an der Hecke vorbeizudrücken. Bloß weg hier, bevor das Dorf erwachte! Doch das Schicksal meinte es an diesem Morgen wahrlich nicht gut mit Ottilie Krause, denn als sie den Blick hob, erstarrte sie.

Im ersten Stock des Nachbarhauses bewegte sich die Gardine. Und da stand er: Herr Schulze aus dem Kaninchenzüchterverein. Er hielt eine Tasse Kaffee in der Hand und starrte mit weit aufgerissenen Augen direkt auf sie. Er hatte gesehen, dass sie zu dieser Uhrzeit vom Pfarrhaus kam.

Ottilie spürte, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug. Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Ausgerechnet der geschwätzige Herr Schulze! Ottilies Gedanken überschlugen sich vor Sorge. Ihr ganzes Leben lang hatte sie peinlich genau auf ihren tadellosen Ruf geachtet. Sie führte ein absolut anständiges Leben, frei von jedem moralischen Makel. Und nun das!

„Um Gottes willen“, dachte sie panisch, während sie den Kopf einzog und fast nach Hause rannte. „Hoffentlich macht er sich jetzt keine völlig falschen Gedanken über mich! Wenn das die Runde macht, stehe ich morgen als die Sündige da!“

Zuhause angekommen, verriegelte Ottilie die Wohnungstür. Die Vorstellung, dass Herr Schulze bereits zum Telefon griff, um die Nachricht vom ‚frühmorgendlichen Sündenfall beim Pfarrer‘ im ganzen Dorf zu verbreiten, trieb ihr den Schweiß auf die Stirn. Ihr mühsam gepflegtes Image als moralische Instanz des Ortes drohte wie ein Kartenhaus zusammenzufallen.

Als ihre Standuhr – nun endlich im Einklang mit dem Rest der Welt – Punkt 10:00 Uhr schlug, saß Ottilie regungslos auf dem Sofa. Sie traute sich nicht einmal in die Nähe des Fensters und schon gar nicht zum Gottesdienst. An diesem Sonntag blieb Ottilie lieber zuhause.

Doch am Montagmorgen hielt sie es nicht mehr aus. Sie hatte einen Entschluss gefasst: sie musste der Gerüchteküche zuvorkommen. Mit festem Schritt und zu allem entschlossen ging sie zum Dorfladen, um Brot zu kaufen. Und tatsächlich: Am Gemüseregal stand Herr Schulze und tuschelte bereits mit der Verkäuferin. Als er Ottilie sah, zog er kurz die Augenbrauen hoch und fragte grinsend: „Na, Frau Krause? Gestern wohl schon sehr früh auf den Beinen gewesen?“

Ottilie spürte, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug. Doch statt zu erröten, blitzten ihre Augen gefährlich auf. Angriff war schließlich die beste Verteidigung. Sie blieb stehen, legte den Kopf schief und sah Herrn Schulze vorwurfsvoll von oben bis unten an.

„Herr Schulze“, sagte sie, laut und deutlich, sodass es auch jeder im Laden hören konnte, „dass Sie am Sonntagmorgen um kurz vor acht am Fenster stehen und Leute beobachten, das wundert mich gar nicht. Wer seinen Garten so verunkrauten lässt, dass das Unkraut bereits bis auf den Gehweg wuchert, der kann gewiss vor lauter schlechtem Gewissen nicht gut schlafen. Eine Schande ist das für das gesamte Ortsbild, wie das bei Ihnen aussieht!“

Herr Schulze lief augenblicklich krebsrot an. Das Grinsen gefror ihm im Gesicht. Die Verkäuferin kicherte.

Herr Schulze schnappte seine Tasche und verließ fluchtartig den Laden.

Ottilie Krause bezahlte erhobenen Hauptes ihr Brot. Sie hatte die Zeitumstellung zwar gründlich verpatzt – aber sie hatte der Welt bewiesen, dass man sich mit einer Ottilie Krause besser nicht anlegt.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!

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