Kennt Ihr Ottilie Krause? Nein?! Ich auch nicht. 😊 Aber irgendwie kenne ich sie doch … also Menschen, die ein wenig so ticken, wie sie. – Ticken! Genau das richtige Stichwort. Als ich gestern an die Zeitumstellung dachte, schlich sich Ottilie plötzlich in meine Gedanken. Ja, da kannst du nichts machen … manche Geschichten wollen einfach geschrieben werden. 😉 Ich wünsche euch viel Freude beim Leben … wie witzig … den Verschreiber lasse ich mal so … und für alle, die gerne ein ‚S‘ kaufen möchten. Bitteschön: S
Dieser stürmische Samstag im Oktober hatte für Ottilie Krause bereits mit wenig Freude begonnen, denn wie so oft, so waren ihr die Brötchen beim Bäcker auch an diesem Tag wieder einmal viel zu ‚unförmig‘, was sie auch lautstark kundtat.
Wenig später hatte sie der Nachbarin im Treppenhaus zugerufen, dass die
Fensterbänke auch mal wieder eine ‚Abreibung‘ vertragen könnten.
Nun ja, Ottilie fand wirklich in jeder Suppe ein Haar. Unpünktlichkeit,
Schlamperei und mangelnde Disziplin waren ihr ein Dorn im Auge.
In der Nacht wurden nun die Uhren umgestellt und Ottilie murmelte, während
sie in ihrer Küche saß und einen Kamillentee trank: „Bin ja mal gespannt, wie
viele morgen wieder zu spät kommen, weil sie vergessen, die Uhr umzustellen.“
Ottilie überließ diesbezüglich nichts dem Zufall. Sie stellte sich extra
für die Nacht einen Wecker auf Punkt 2:00 Uhr. Als das schrille Klingeln sie
mitten aus dem Tiefschlaf riss, schälte sie sich dennoch entschlossen aus dem
Bett.
Leider benebelte die Müdigkeit ein wenig ihren sonst so messerscharfen
Verstand. Und so stellte sie die Uhren nicht eine Stunde zurück, sondern
drehte die Zeiger mit Schwung eine Stunde nach vorne. Und so wurde aus 2:00 Uhr
im Handumdrehen 3:00 Uhr. Zufrieden stellte sie ihren Wecker nun auf 8:00 Uhr,
um am Morgen genug Zeit zu haben. Schließlich wollte sie pünktlich um 10:00 Uhr
auf der Kirchenbank sitzen.
Am Morgen wurde sie von ihrem Wecker pünktlich um 8:00 Uhr geweckt. Sie
wunderte sich zwar kurz über die Dunkelheit, bemerkte aber keineswegs, dass es
eigentlich erst 6.00 Uhr war.
Nach dem Frühstück zog sie ihren Sonntagsmantel an. Als sie ihre perfekt in
Wellen gelegten Haare noch einmal im Spiegel kontrollierte, fiel ihr Blick auf
die Standuhr. Viertel vor zehn. Perfekt. Sie musste los!
Der Fußweg zur Kirche dauerte genau fünf Minuten, in denen sie keinen
Menschen zu Gesicht bekam und ebenso kein Auto. Ottilie rümpfte die Nase: „Sonntags
bis in die Puppen im Bett liegen. Kein Wunder, dass aus der Jugend nichts
wird.“
Doch als sie um die Ecke bog, beschlich sie ein seltsames Gefühl. Viele
gingen ja ohnehin nicht mehr in die Kirche, aber an diesem Sonntag war gar kein
Mensch zu sehen. Sie schien die Einzige zu sein, die auf dem Weg zum
Gottesdienst war.
Als sie die Kirche erreichte, war sie geschockt: Die schwere Eichentür war
verriegelt. Sie rüttelte am Griff – nichts bewegte sich. Kein Küster weit und
breit, kein Pfarrer. Und dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Nicht
einmal die Glocken läuteten! Es war laut ihrer Uhr zehn vor zehn, da mussten
die Glocken doch Sturm läuten!
„Na, das wird ein Nachspiel haben“, schäumte Ottilie vor Wut. „Hat dieser
unfähige Pfarrer etwa seine Uhr nicht umgestellt? Verschläft hier einfach den
Gottesdienst!“
Sie machte auf dem Absatz kehrt und
rannte die wenigen Schritte hinüber zum Pfarrhaus, das direkt neben der Kirche
lag. Wütend presste sie den Daumen auf die Klingel. Ein schrilles Dröhnen
gellte daraufhin durch das ruhige Haus.
Nach einer gefühlten Ewigkeit ging die Tür auf. Dort stand Pfarrer Johannes
im hellblauen Flanell-Schlafanzug, die Haare wild in alle Himmelsrichtungen
verstrubbelt, die Augen schlaftrunken zusammengekniffen.
„Frau … Frau Krause?“, stammelte er. „Was ist denn in Gottes Namen passiert,
dass Sie bei mir Sturm klingeln? Brennt die Kirche?“
„Es brennt! Und wie es brennt!“, erboste sich Ottilie. „Es ist gleich zehn
Uhr! Die Gemeinde … nun gut, ich … steht vor verschlossener Tür! Haben Sie etwa
die Zeitumstellung verschlafen? Sie haben einen Auftrag, den es zu erfüllen
gilt, Herr Pfarrer!“
Pfarrer Johannes blinzelte sie entgeistert an. Er schaute auf seine
Armbanduhr und rieb sich schläfrig über das Gesicht. Ein leises, ungläubiges
Lächeln stahl sich auf seine Lippen.
„Frau Krause“, sagte er mit sanfter, beinahe mitleidiger Stimme. „Haben Sie
heute Nacht Ihre Uhr umgestellt?“
„Natürlich habe ich das! Um Punkt zwei Uhr nachts bin ich aufgestanden, wie
es sich gehört! Und dann habe ich die Uhr um eine Stunde vorgestellt!“,
verkündete sie stolz.
Der Pfarrer atmete tief durch. „Genau da liegt das Problem, Frau Krause. Im
Herbst stellt man die Uhren eine Stunde zurück. Nicht vor.“ Er hielt ihr
seine Uhr entgegen. „Es ist jetzt nicht kurz vor zehn Uhr morgens. Es ist
genau fünf Minuten vor acht. Sie sind zwei Stunden zu früh.“
Ottilie starrte auf die Uhr des Pfarrers. Dann auf ihre eigene. Sie
rechnete im Kopf nach und ein heißer Schwall der Röte schoss ihr ins Gesicht.
Sie, die unfehlbare Ottilie Krause, die jedem den kleinsten Fehler ankreidete,
hatte sich um zwei Stunden vertan und sie hatte den Pfarrer im Schlafanzug aus
dem Bett geklingelt. Am frühen Sonntagmorgen.
Pfarrer Johannes, der die alte Dame gut kannte, bewies jedoch wahre
christliche Nächstenliebe. Er trat beiseite und öffnete die Tür etwas weiter.
„Wissen Sie was, Frau Krause? Kommen Sie erst einmal herein. Ich koche uns
einen frischen Kaffee und wir frühstücken gemeinsam.“
Bei diesen Worten erstarrte Ottilie. Hereinkommen? Zum Frühstück? In das
Haus eines unverheirateten Mannes, der noch dazu im Schlafanzug vor ihr stand? Alle
inneren Alarmglocken schlugen an.
„Nein! Nein, um Himmels willen, Herr Pfarrer. Das ist völlig ausgeschlossen!“,
stammelte sie, während ihre Wangen in tiefem Dunkelrot leuchteten. „Was … was
sollen denn die Leute denken?!“
Bevor der verdutzte Pfarrer überhaupt antworten konnte, drehte Ottilie sich
auf dem Absatz um. „Einen gesegneten Sonntag, Herr Pfarrer!“, rief sie noch mit
brüchiger Stimme, presste ihre Handtasche wie einen Schutzschild gegen die
Brust und schlich so schnell ihre Beine sie trugen davon.
Sie versuchte, sich möglichst unscheinbar an der Hecke vorbeizudrücken.
Bloß weg hier, bevor das Dorf erwachte! Doch das Schicksal meinte es an diesem
Morgen wahrlich nicht gut mit Ottilie Krause, denn als sie den Blick hob,
erstarrte sie.
Im ersten Stock des Nachbarhauses bewegte sich die Gardine. Und da stand
er: Herr Schulze aus dem Kaninchenzüchterverein. Er hielt eine Tasse Kaffee in
der Hand und starrte mit weit aufgerissenen Augen direkt auf sie. Er hatte gesehen,
dass sie zu dieser Uhrzeit vom Pfarrhaus kam.
Ottilie spürte, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug. Ihr Magen zog sich
schmerzhaft zusammen. Ausgerechnet der geschwätzige Herr Schulze! Ottilies
Gedanken überschlugen sich vor Sorge. Ihr ganzes Leben lang hatte sie peinlich
genau auf ihren tadellosen Ruf geachtet. Sie führte ein absolut anständiges
Leben, frei von jedem moralischen Makel. Und nun das!
„Um Gottes willen“, dachte sie
panisch, während sie den Kopf einzog und fast nach Hause rannte. „Hoffentlich
macht er sich jetzt keine völlig falschen Gedanken über mich! Wenn das die
Runde macht, stehe ich morgen als die Sündige da!“
Zuhause angekommen, verriegelte Ottilie die Wohnungstür. Die Vorstellung,
dass Herr Schulze bereits zum Telefon griff, um die Nachricht vom ‚frühmorgendlichen
Sündenfall beim Pfarrer‘ im ganzen Dorf zu verbreiten, trieb ihr den Schweiß
auf die Stirn. Ihr mühsam gepflegtes Image als moralische Instanz des Ortes
drohte wie ein Kartenhaus zusammenzufallen.
Als ihre Standuhr – nun endlich im Einklang mit dem Rest der Welt – Punkt
10:00 Uhr schlug, saß Ottilie regungslos auf dem Sofa. Sie traute sich nicht
einmal in die Nähe des Fensters und schon gar nicht zum Gottesdienst. An diesem
Sonntag blieb Ottilie lieber zuhause.
Doch am Montagmorgen hielt sie es nicht mehr aus. Sie hatte einen
Entschluss gefasst: sie musste der Gerüchteküche zuvorkommen. Mit festem
Schritt und zu allem entschlossen ging sie zum Dorfladen, um Brot zu kaufen.
Und tatsächlich: Am Gemüseregal stand Herr Schulze und tuschelte bereits mit
der Verkäuferin. Als er Ottilie sah, zog er kurz die Augenbrauen hoch und
fragte grinsend: „Na, Frau Krause? Gestern wohl schon sehr früh auf den Beinen
gewesen?“
Ottilie spürte, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug. Doch statt zu
erröten, blitzten ihre Augen gefährlich auf. Angriff war schließlich die beste
Verteidigung. Sie blieb stehen, legte den Kopf schief und sah Herrn Schulze
vorwurfsvoll von oben bis unten an.
„Herr Schulze“, sagte sie, laut und deutlich, sodass es auch jeder im Laden
hören konnte, „dass Sie am Sonntagmorgen um kurz vor acht am Fenster
stehen und Leute beobachten, das wundert mich gar nicht. Wer seinen Garten so
verunkrauten lässt, dass das Unkraut bereits bis auf den Gehweg wuchert, der
kann gewiss vor lauter schlechtem Gewissen nicht gut schlafen. Eine Schande ist
das für das gesamte Ortsbild, wie das bei Ihnen aussieht!“
Herr Schulze lief augenblicklich krebsrot an. Das Grinsen gefror ihm im
Gesicht. Die Verkäuferin kicherte.
Herr Schulze schnappte seine Tasche und verließ fluchtartig den Laden.
Ottilie Krause bezahlte erhobenen Hauptes ihr Brot. Sie hatte die
Zeitumstellung zwar gründlich verpatzt – aber sie hatte der Welt bewiesen, dass
man sich mit einer Ottilie Krause besser nicht anlegt.
© Martina Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!
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