Sonntag, 1. November 2026

Der Engel Ariel

Glaubt ihr – glaubst DU -, dass es Engel gibt? Eine Frage, die uns nicht allzu häufig begegnet, nicht wahr. Man spricht nicht darüber. Ähnlich ist es mit dem Tod. Wir sprechen nicht darüber.

Ich muss schmunzeln, weil mir gerade das Bild eines kleinen Kindes vor Augen steht. Sie schließen ihre Augen und denken, dadurch nicht gesehen zu werden. Das ist mit den Themen Tod oder Engel vielleicht ähnlich. Wir verschließen davor unsere Augen – und was wir nicht sehen, das sieht uns nicht. Über die kleinen Kinder schmunzeln wir, nicht wahr?! Aber ist unser Verhalten diesbezüglich nicht auch ziemlich naiv. Nur weil wir Dinge nicht sehen können, wie die Engel zum Beispiel, kann es sie ja nicht geben, oder? Aber Kinder erzählen uns manchmal eine andere Geschichte, die wir dann oft mit ‚zu viel Fantasie‘ abtun. – Auf der anderen Seite waren wir auch mal Kinder …

In der Bibel ist häufig von Engeln oder ‚Boten‘ die Rede. Ich habe es mal gegoogelt … über 300-mal werden sie erwähnt. In manchen Momenten sprechen wir von unseren Schutzengeln. Dann, wenn zum Beispiel ein Unfall geschehen ist, der aber glimpflich ausgegangen ist. Dann sagen wir ‚derjenige hatte einen Schutzengel‘. Aber oft ist es einfach nur so dahingesagt.

Glaube ich an Engel? Ja, das tue ich. Und ich bin fest davon überzeugt, dass es sie gibt … und heute erzähle ich euch von Leo, der den Engel Ariel sehen und hören kann. Ich wünsche Dir viel Freude beim Lesen … wenn du magst.

  

Leo saß wie so oft am Fenster und schaute in den Himmel. Dann richtete er seinen Blick zum leeren Sessel, der in der Nähe des Fensters stand. Julia und Mark, seine Eltern, sahen die Szene und schauten einander besorgt an. Es war nicht das erste Mal, dass sie das Gefühl hatten, ihr Sohn sei ‚anders‘. Es war auch nicht das erste Mal, dass er, wie gerade wieder, mit jemand Unsichtbarem zu sprechen schien.

Eine Schwere lag auf ihrer Brust, als sie sich zu ihrem Sohn auf den Fußboden hockten. „Mit wem sprichst du, mein Schatz?“, fragte Julia.

Leos Blick wanderte wieder zum Sessel. „Mit Ariel“, antwortete er, ohne den Blick abzuwenden. „Könnt ihr ihn nicht sehen?“

Die Eltern schüttelten besorgt den Kopf.

„Ariel ist ganz weiß und um ihn herum schimmert es ein bisschen blau und er schaut ganz freundlich.“

Die beiden waren sich einig, Leo nicht zu belächeln, sondern ernst zu nehmen. Deshalb fragte Mark. „Leo, kannst du Ariel fragen, was er über die Menschen denkt?“

Leo legte den Kopf schief. So, als würde er der Antwort lauschen. „Er sagt, die Menschen sind oft wie Taschenlampen, die vergessen haben, dass es in ihnen eine Batterie gibt, die die Taschenlampe immerwährend leuchten lässt. Weil sie es vergessen haben, suchen sie im Außen nach dem Licht, das sie selbst sind. - Ich habe ihn vorhin gefragt“, erzählte Leo munter weiter, „warum ihr manchmal weint, obwohl ihr gar nicht hingefallen seid.“

„Und, was hat er geantwortet?“

„Er hat gesagt, dass Tränen der Regen der Seele sind. Immer dann, wenn das Herz der Menschen zu voll ist mit Dingen, die sie belasten, dann läuft das Herz über wie bei einem vollen Regenfass.“

Julia hielt für einen kurzen Moment den Atem an. „Kannst du Ariel bitte nochmal nach dem Licht in uns fragen.“

Leos Stimme wurde noch leiser, als er die Antwort wiedergab: „Ariel sagt, dass die Menschen Mauern um sich herum bauen, weil sie denken, dass ihr Licht hinter der Mauer sicherer ist. Aber wenn man das Licht einsperrt, wird es immer schwächer. Man muss es teilen.“

„Aber für uns ist die Welt dennoch schön“, gab Mark zu bedenken.

Ein Lächeln stahl sich auf Leos Gesicht, so dass seine Eltern sich unwillkürlich an den Händen fassten. „Er sagt, die Welt ist wie ein großes Orchester. Jeder Mensch ist ein Ton. Manchmal spielen ein paar Leute schief, weil sie ihr eigenes Lied vergessen haben, aber das jede Note ihren Platz auf der Welt findet.“

Julia spürte eine Gänsehaut auf ihren Armen. Sie hätte sagen können: „Ach Leo, Engel gibt es doch gar nicht. Das passiert alles nur in deiner Fantasie.“ Aber sie sah den Frieden in seinen Augen – einen Frieden, den sie selbst seit Jahren in sich nicht mehr gespürt hatte.

Deshalb kniete sie sich vor Leo und strich ihm über die Wange. „Wir können Ariel nicht sehen, Leo“, sagte sie leise, „deshalb fällt es uns unsagbar schwer, an ihn zu glauben. Aber wenn er dir hilft, die Welt so liebevoll zu sehen, dann ist es für uns okay.“

„Ariel sagt, du musst nicht sehen, was ich sehe und er sagt, die Liebe ist wie der Wind: Du kannst ihn auch nicht sehen, aber du spürst ihn auf der Haut und du siehst, wie er die Blätter tanzen lässt. Und er sagt, es sei nicht deine Aufgabe, mir den Himmel zu erklären, sondern mir auf der Erde einen sicheren Platz zu geben.“

Julia atmete tief durch, während eine einzelne Träne über ihre Wange lief.

„Danke, Ariel“, flüsterte sie in die Richtung des Sessels. Auch wenn sie dort niemanden sehen konnte, so nahm sie doch eine ganz besonders lichtvolle Atmosphäre im Raum wahr.

 

© Martina Pfannenschmidt, 2026


Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil.

 

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