Glaubt ihr – glaubst DU -, dass es Engel gibt? Eine Frage, die uns nicht allzu häufig begegnet, nicht wahr. Man spricht nicht darüber. Ähnlich ist es mit dem Tod. Wir sprechen nicht darüber.
Ich muss schmunzeln, weil mir gerade das Bild
eines kleinen Kindes vor Augen steht. Sie schließen ihre Augen und denken,
dadurch nicht gesehen zu werden. Das ist mit den Themen Tod oder Engel
vielleicht ähnlich. Wir verschließen davor unsere Augen – und was wir nicht
sehen, das sieht uns nicht. Über die kleinen Kinder schmunzeln wir, nicht
wahr?! Aber ist unser Verhalten diesbezüglich nicht auch ziemlich naiv. Nur
weil wir Dinge nicht sehen können, wie die Engel zum Beispiel, kann es sie ja
nicht geben, oder? Aber Kinder erzählen uns manchmal eine andere Geschichte,
die wir dann oft mit ‚zu viel Fantasie‘ abtun. – Auf der anderen Seite waren
wir auch mal Kinder …
In der Bibel ist häufig von Engeln oder ‚Boten‘
die Rede. Ich habe es mal gegoogelt … über 300-mal werden sie erwähnt. In
manchen Momenten sprechen wir von unseren Schutzengeln. Dann, wenn zum Beispiel
ein Unfall geschehen ist, der aber glimpflich ausgegangen ist. Dann sagen wir ‚derjenige
hatte einen Schutzengel‘. Aber oft ist es einfach nur so dahingesagt.
Glaube ich an Engel? Ja, das tue ich. Und ich bin
fest davon überzeugt, dass es sie gibt … und heute erzähle ich euch von Leo,
der den Engel Ariel sehen und hören kann. Ich wünsche Dir viel Freude beim
Lesen … wenn du magst.
Leo saß wie so oft am Fenster und schaute in den
Himmel. Dann richtete er seinen Blick zum leeren Sessel, der in der Nähe des
Fensters stand. Julia und Mark, seine Eltern, sahen die Szene und schauten
einander besorgt an. Es war nicht das erste Mal, dass sie das Gefühl hatten,
ihr Sohn sei ‚anders‘. Es war auch nicht das erste Mal, dass er, wie gerade
wieder, mit jemand Unsichtbarem zu sprechen schien.
Eine Schwere lag auf ihrer Brust, als sie sich zu
ihrem Sohn auf den Fußboden hockten. „Mit wem sprichst du, mein Schatz?“,
fragte Julia.
Leos Blick wanderte wieder zum Sessel. „Mit
Ariel“, antwortete er, ohne den Blick abzuwenden. „Könnt ihr ihn nicht sehen?“
Die Eltern schüttelten besorgt den Kopf.
„Ariel ist ganz weiß und um ihn herum schimmert
es ein bisschen blau und er schaut ganz freundlich.“
Die beiden waren sich einig, Leo nicht zu
belächeln, sondern ernst zu nehmen. Deshalb fragte Mark. „Leo, kannst du Ariel
fragen, was er über die Menschen denkt?“
Leo legte den Kopf schief. So, als würde er der
Antwort lauschen. „Er sagt, die Menschen sind oft wie Taschenlampen, die
vergessen haben, dass es in ihnen eine Batterie gibt, die die Taschenlampe
immerwährend leuchten lässt. Weil sie es vergessen haben, suchen sie im Außen
nach dem Licht, das sie selbst sind. - Ich habe ihn vorhin gefragt“, erzählte
Leo munter weiter, „warum ihr manchmal weint, obwohl ihr gar nicht hingefallen
seid.“
„Und, was hat er geantwortet?“
„Er hat gesagt, dass Tränen der Regen der Seele
sind. Immer dann, wenn das Herz der Menschen zu voll ist mit Dingen, die sie belasten,
dann läuft das Herz über wie bei einem vollen Regenfass.“
Julia hielt für einen kurzen Moment den Atem an.
„Kannst du Ariel bitte nochmal nach dem Licht in uns fragen.“
Leos Stimme wurde noch leiser, als er die Antwort
wiedergab: „Ariel sagt, dass die Menschen Mauern um sich herum bauen, weil
sie denken, dass ihr Licht hinter der Mauer sicherer ist. Aber wenn man das
Licht einsperrt, wird es immer schwächer. Man muss es teilen.“
„Aber für uns ist die Welt dennoch schön“, gab
Mark zu bedenken.
Ein Lächeln stahl sich auf Leos Gesicht, so dass seine
Eltern sich unwillkürlich an den Händen fassten. „Er sagt, die Welt ist
wie ein großes Orchester. Jeder Mensch ist ein Ton. Manchmal spielen ein paar
Leute schief, weil sie ihr eigenes Lied vergessen haben, aber das jede Note ihren
Platz auf der Welt findet.“
Julia spürte eine Gänsehaut auf ihren Armen. Sie
hätte sagen können: „Ach Leo, Engel gibt es doch gar nicht. Das passiert alles
nur in deiner Fantasie.“ Aber sie sah den Frieden in seinen Augen – einen
Frieden, den sie selbst seit Jahren in sich nicht mehr gespürt hatte.
Deshalb kniete sie sich vor Leo und strich ihm
über die Wange. „Wir können Ariel nicht sehen, Leo“, sagte sie leise, „deshalb
fällt es uns unsagbar schwer, an ihn zu glauben. Aber wenn er dir hilft, die
Welt so liebevoll zu sehen, dann ist es für uns okay.“
„Ariel sagt, du musst nicht sehen, was ich sehe
und er sagt, die Liebe ist wie der Wind: Du kannst ihn auch nicht sehen, aber
du spürst ihn auf der Haut und du siehst, wie er die Blätter tanzen lässt. Und
er sagt, es sei nicht deine Aufgabe, mir den Himmel zu erklären, sondern mir
auf der Erde einen sicheren Platz zu geben.“
Julia atmete tief durch, während eine einzelne
Träne über ihre Wange lief.
„Danke, Ariel“, flüsterte sie in die Richtung des
Sessels. Auch wenn sie dort niemanden sehen konnte, so nahm sie doch eine ganz
besonders lichtvolle Atmosphäre im Raum wahr.
© Martina Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil.
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