Erinnert ihr euch an Emil, den kleinen Esel aus der Geschichte:
Heute gibt es die Fortsetzung, denn plötzlich geschah es … die Tore öffneten sich!
Ein schweres Rumpeln drang durch den Stall,
gefolgt vom Quietschen alter Scharniere. Emil hielt für einen Moment gespannt den
Atem an. Es wurde immer heller im Stall, je weiter sich die Tore öffneten. Emil
kniff ein wenig die Augen zusammen, da das Licht ihn blendete. Doch es war
nicht nur das Licht, das ihm in dieser Intensität unbekannt war. Da war noch
etwas … ein Duft, der anders roch als das Stroh, das ihm vertraut war. Es roch
nach ... feuchter Erde, nach frischem Grün und nach … unendlicher Weite.
Als ihn der Bauer sacht aufforderte, seinen
gewohnten Stall zu verlassen, setzte Emil vorsichtig einen Huf vor den anderen.
Je näher er dem Licht kam, umso mehr hatte er das Gefühl, von einer warmen
Decke umhüllt zu werden. Herrlich war es, dieses Gefühl!
Als Emil über die Schwelle trat, kitzelte die
Sonne an seinen Nüstern, so dass er ein wenig prustete, woraufhin ein
vertrautes Piepen zu hören war.
„Siehst du!“, rief Müsli, die kleine Maus, die
oben auf dem Türbalken saß und sich die Barthaare putzte. „Ich hab’s dir doch
gesagt: eines Tages wird der Bauer die Tore öffnen und du wirst den Frühling
sehen!“
Emil wagte sich ein Stück weiter und trat auf den
Hof vor dem Stall. Der Boden fühlte sich ungewohnt an.
Als sich der kleine Esel umsah, schaute er mit
schiefem Kopf auf den grünen Busch vor ihm. Dort saß ein winziges Wesen, das er
noch niemals zuvor gesehen hatte. Es war noch viel kleiner als Müsli, die Maus.
Neugierig näherte er sich dem winzigen Wesen mit dem leuchtend roten Panzer und
den sieben schwarzen Punkten.
„Hallo kleiner Esel“, begrüßte ihn der Käfer mit
heller Stimme freundlich.
„Wer bist du?“, fragte Emil staunend.
„Ich bin ein Marienkäfer“, erklärte der kleine Kerl und krabbelte ein Stück
höher. „Ich genieße die ersten Sonnenstrahlen, so wie du! Weißt du, der
Frühling ist die Zeit, in der alles aufwacht. Das Gras reckt sich der Sonne
entgegen, die Bäume treiben ihre Blätter aus und wir Käfer kommen aus unseren
Winterverstecken hervor. Es ist, als würde die ganze Welt wieder erwachen.“
Emil blickte sich weiter um. Überall sah er das
zarte Grün, von dem Müsli gesprochen hatte. Ein sanfter Windhauch strich dabei durch
sein Fell und ließ seine Ohren ein wenig wackeln. Das fühlte sich ungewohnt,
aber lustig an und er spürte eine unbändige Freude in sich. Er, Emil, der
kleine graue Esel, war nun ein Teil dieser großen, bunten Welt.
Mit einem kleinen, übermütigen Freudensprung
landete er mitten im weichen Gras. Müsli flitzte am Boden neben ihm her und
Emil ahnte, dass das Abenteuer für ihn gerade erst begonnen hatte.
Während er noch über den Marienkäfer nachsann,
fiel sein Blick auf eine recht große Gestalt am Ende der Koppel. Unter einer
großen, alten Eiche stand ein Tier, das viel größer war als er selbst. Sein
Fell war dicht und silbergrau und seine weiße Mähne wehte sanft im Wind.
Vorsichtig, fast auf Zehenspitzen, näherte sich
Emil dem Pferd mit den klugen und gütigen Augen.
„Na, kleiner Abenteurer?“, dröhnte die tiefe
Stimme des Pferdes, das sich als Barnabas vorstellte und ihn fragte, ob er den
Weg raus aus dem sicheren Stroh gut gefunden hatte.
Emil nickte daraufhin und erwiderte: „Es ist nur alles
so groß hier draußen und so hell! Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinschauen
soll. Ist es immer so aufregend hier?“
Das alte Pferd schnaubte leise, bevor es
antwortete: „Wenn der Frühling mit einem lauten Paukenschlag beginnt und die
Natur erwacht, ist es wahrlich aufregend. Aber weißt du, was ich in all den
vielen Jahren, die ich nun schon lebe, erkannt habe?“
Barnabas legte eine kleine Pause ein, so dass
Emil seine Ohren spitzte. Sogar Müsli, die kleine Maus, rückte noch ein wenig
näher heran, als das Pferd fortfuhr: „Hab keine Eile, Emil! Die Welt läuft dir
nicht davon. Die Menschen, ja, die rennen oft, aber wir Tiere dürfen den
Rhythmus der Erde spüren. Wenn du lernst, dem Wachsen des Grases zuzuhören und beginnst,
den Wind zu verstehen, dann wirst du dich draußen genauso geborgen fühlen wie
in deinem Stall. Denn weißt du, Emil, Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben
– Mut bedeutet, loszugehen, obwohl das Herz ein bisschen stärker klopft.“
Emil schaute hinauf zu dem alten Pferd und
spürte, wie seine eigene Unsicherheit schwand. Er fühlte sich plötzlich groß
und frei.
„Danke“, flüsterte Emil, drehte sich um und
galoppierte ein paar übermütige Schritte über die Wiese, wobei seine Hufe
kleine Erdklümpchen in die Luft wirbelten. In dem Moment wusste er: Nicht nur
der Stall war sein zuhause, sondern die ganze Welt!
© Martina
Pfannenschmidt, 2026
Diese Geschichte nimmt an Elkes froher und kreativer Linkparty teil!
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen